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Masse Mensch

Ernst Toller: Masse Mensch - Kapitel 6
Quellenangabe
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typedrama
authorErnst Toller
titleMasse Mensch
publisherPhilipp Reclam jun. Stuttgart
seriesUniversal-Bibliothek
volumeNr. 9944
printrun
editor
year1979
isbn3150099447
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Bild

(Traumbild)

Angedeutet hochummauerter Hof. Nacht. In der Mitte des Hofes auf der Erde eine Laterne, die ein kümmerliches Licht tränt. Aus den Hofwinkeln tauchen Arbeiter-Wachen auf.

Erste Wache (singt). Meine Mutter
Hat mich
Im Graben geboren.
Lalala la
Hm, Hm,

Zweite Wache        Mein Vater
Hat mich
Im Rausche verloren.

Alle Wachen        Lalala la
Hm, Hm,

Dritte Wache        Drei Jahre
War ich
Im Zuchthaus geschoren.

Alle Wachen        Lalala la
Hm, Hm,

(Von irgendwo nähert sich mit gespenstigen lautlosen Schritten der Namenlose. Stellt sich neben die Laterne.)

Erste Wache        Herr Vater
Vergaß
Aliment zu zahlen.

Alle Wachen        Lalala la
Hm, Hm,

Zweite Wache        Meine Mutter
Trippelt
Den Strich in Qualen.

Alle Wachen        Lalala la
Hm, Hm,

Dritte Wache        Ich störte
Bürger
Bei Königswahlen.

Alle Wachen        Lalala la
Hm, Hm,

Der Namenlose        Zum Tanz!
Ich spiele auf!

Die Wachen        Halt!!
Wer bist du?

Der Namenlose        Fragt ich
Nach eurem Namen,
Namenlose?

Die Wachen        Parole?

Der Namenlose        Masse ist namenlos!

Die Wachen        Ist namenlos.
Der Unsern einer.

Der Namenlose        Ich spiele auf.
Ich Melder
Der Entscheidung.

(Der Namenlose beginnt auf einer Harmonika zu spielen. In aufpeitschenden, bald sinnlich sich wiegenden, bald stürmischen Rhythmen. Verurteilter, einen Strick um den Hals, tritt aus dem Dunkel.)

Verurteilter        Im Namen
Der zum Tode
Verurteilten:
Wir bitten letzte
Gnade:
Einladung zum Tanz.
Tanz ist der Kern
Der Dinge.
Leben,
Aus Tanz geboren,
Drängt
Zum Tanz.
Zum Tanz der Lust,
Zum Totentanz
Der Zeit.

Die Wachen        Verurteilten
Soll man
Die letzte Bitte
Stets erfüllen:
Eingeladen.

Namenloser        Nur her!
Die Farbe
Bleibt sich gleich.

Verurteilter        (ruft ins Dunkel). Die zum Tode
Verurteilten
Antreten!
Zum letzten Tanz!
Gefaßte Särge
Stehen lassen.

(Die Verurteilten, Strick um den Hals, treten aus dem Dunkel. Wachen und Verurteilte tanzen um den Namenlosen.)

Die Wachen        (singend). Im Graben geboren.

(Tanzen weiter. Nach kurzer Pause.)

Die Wachen        (singend). Im Rausche verloren.

(Tanzen weiter. Nach kurzer Pause.)

Die Wachen        (singend). Im Zuchthaus geschoren.

(Tanzen weiter.

Der Namenlose bricht jäh ab. Die Dirnen und die zum Tode Verurteilten laufen in die Ecke des Hofes. Nacht frißt sie. Die Wachen postieren sich.

Stille windet sich um den Namenlosen. Durch die Mauer ist der Begleiter in Gestalt eines Wachmannes getreten. Preßt das Weib [Antlitz der Frau] an sich.)

Der Begleiter        Die Wanderung
Beschwerlich.
Effekt
Belohnt die Müh.
Schau dorthin:
Sogleich
Beginnt das Drama.
Lockt dich die Sensation,
Spiel mit.

(Eine Wache bringt den Gefangenen [Antlitz des Mannes],
führt ihn zum Namenlosen.)

Der Namenlose        Vom Tribunal
Verurteilt?

Eine Wache        Sprach selbst
Sich Tod:
Er schoß auf uns.

Der Gefangene        Tod?

Der Namenlose        Erschrickst du?
Höre zu:
Wache! Gib Antwort!
Wer lehrte
Todesurteil?
Wer gab Waffen?
Sagte »Held« und »gute Tat«?
Wer heiligte Gewalt?

Die Wache        Schulen.
Kasernen.
Krieg.
Immer.

Der Namenlose        Gewalt ... Gewalt.
Warum geschossen?

Der Gefangene        Ich schwur
Dem Staate Eid.

Der Namenlose        Du stirbst
Für deine Sache.

Die Wachen        An die Mauer!

Der Namenlose        Gewehre geladen?

Die Wachen        Geladen ...

Der Gefangene        (an der Mauer). Leben!
Leben!

(Weib reißt sich vom Begleiter los.)

Weib        Nicht schießen!
Der dort mein Mann!
Vergebt ihm,
Wie ich ihm demütig vergebe.
Vergeben ist so stark
Und jenseits allen Kampfes.

Der Namenlose        Vergeben
Die uns?

Weib        Kämpfen
Die für Volk?
Kämpfen
Die für Menschheit?

Der Namenlose        Die Masse gilt.

Die Wachen        An die Mauer!

Eine Wache        Vergeben ist Feigheit.
Gestern entfloh ich
Den Feinden drüben.
An der Mauer schon stand ich.
Den Leib zerstriemt.
Neben mir der Mann,
Der mich
Erschlagen sollte.
Mein Grab
Mußt ich graben
Mit eigner Hand.
Vor uns
Der Photograph,
Begierig,
Mord
In seine Platte einzubrennen.
Ich scheiß auf die
Revolution,
Wenn wir uns
Äffen lassen
Von den höhnischen Mördern
Drüben.
Ich scheiß auf die
Revolution!

Die Wachen        An die Mauer!

(Das Antlitz des Gefangenen verwandelt sich in das Einer Wache. Die Frau zu Einer Wache.)

Die Frau        Gestern standst du
An der Mauer.
Jetzt stehst du
Wieder an der Mauer.
Das bist du,
Der heute
An der Mauer steht.
Mensch
Das bist du.
Erkenn dich doch:
Das bist du.

Eine Wache        Die Masse gilt.

Die Frau        Der Mensch gilt.

Alle Wachen        Die Masse gilt.

Die Frau        Ich geb
Mich hin...
Allen hin...

(Böses Gelächter der Wachen).

Die Frau        (stellt sich neben den Mann). So schießt!
Ich sag mich los!...
Ich bin so müde...

(Die Bühne verdunkelt sich.)

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