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März-Almanach

Adolf Glaßbrenner: März-Almanach - Kapitel 4
Quellenangabe
typesatire
booktitleWelt im Guckkasten II
authorAdolf Glaßbrenner
year1985
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt/M - Berlin - Wien
isbn3-548-37037-3
titleMärz-Almanach
pages144-223
created20010424
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
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Im Friedrichshain.

Wie sie so sanft ruhn, alle die Seligen! Als aus den Kanonen die sterbende Despotie brüllte und röchelte; als diese Seligen da unten noch ihr volles Leben muthig für Vaterland und Menschheit einsetzten; als aus ihrem Blute sich die Rosen des Völkerfrühlings färbten und ihr letzter Blick, der letzte Schlag ihres Herzens Freiheit! Freiheit! rief: da ahnten sie nicht, daß schon nach wenigen Tagen ihr Andenken beschimpft werden könnte! Sie starben mit dem himmlischen Lächeln der Tugend und der Ehre.

Und als wir der aufgehenden Sonne der Freiheit entgegenjubelten, und unsere Freudenthräne mit der Thräne des Schmerzes zusammenfloß; als wir die blutigen Narben auf der bleichen Stirn dieser theuern Brüder küßten, und ihr Haupt mit dem ewigen Lorbeer krönten; als wir diese Unvergeßlichen im feierlichen Zuge nach diesem Haine hinaustrugen, und Tausend und aber Tausend Seelen auf's Tiefste ergriffen waren: da sahen wir nicht, daß über den blumengeschmückten Särgen unsrer Heldenbrüder schon die Nachtvögel der Reaction krächzten, da hörten wir bei den Posaunentönen der Unsterblichkeit nicht das ferne Geblaff hündischer Gemeinheit, da ahnten wir nicht, daß hinter den letzten Leidtragenden schon die Gespenster der Sklaverei grinzten! Wir beteten das Morgengebet der Freiheit.

Und als das ganze weite Vaterland jauchzend die schwarz-rothgoldene Fahne schwang über das glorreiche Berlin; als ganz Europa uns Lorbeerkränze und Blumen für diese Gräber schickte: da ahnte Deutschland und Europa nicht, daß die nächsten Menschenbrüder der Gefallenen sich im Pful tiefster Niedrigkeit baden und versuchen würden, Schlamm und Koth auf diese Gräber zu werfen! Europa segnete auch diese Helden der größten Epoche der Weltgeschichte, unserer heiligen Völkerschlacht gegen die Tyrannei.

Sie ist geschehen die Sünde der Sünden. Wir können's Euch nicht verschweigen, Ihr Brüder da unten, Ihr wißt es. – Die schöpferische Kraft des Menschen erreicht sein Ideal nicht, aber seine Verneinung, seine Gemeinheit ist ohne Grenzen. Ihr Brüder hier oben: unser Geist schrie Rache, aber unser Herz schlägt Versöhnung. – Da unten sättigen sich kleine kriechende Würmer von dem sterblichen Theil unsrer Brüder: es sind kleine kriechende Würmer, die an ihrer unsterblichen Ehre zehren wollen. Vielleicht giebt es Menschen, deren Tod nur das Ende ihres Strebens ist; vielleicht giebt es Menschen, deren ganzes Dasein und Sein von den Würmern aufgefressen wird. Wer nur sich lebt und nur sich stirbt, ist ein Raub der Verwesung. Diese hier unten lebten und starben für uns, für Vaterland und Menschheit: sie leben ewig! Sie leben in unsern Herzen, sie leben in den Dankgebeten unserer Kinder, sie leben in dem Buche der Geschichte: der Stern ihres Ruhms ist aufgegangen in der goldenen Flammenschrift des Himmels! In dem Buche der Geschichte aber giebt es keine bezahlten Insertionen, aus dem Sternengedichte Gottes spricht nur Schönheit und Größe, Liebe und Ruhm!

Wir sind feierlichen Ernstes, in unübersehbaren Reihen hierhergezogen, um das verletzte Andenken unsrer Heldenbrüder zu ehren. Ehren wir es würdig, indem wir unsern gerechten Zorn und unsere Verachtung gegen ihre Beleidiger aufgehen lassen in dem Schwur der Freiheit. Zu Dir, Geist der Geister, schwören wir, daß unser Blut eines ist in dem Blute dieser Todten! Zu Dir schwören wir, daß sie leben in uns und daß wir sterben in Ihnen. Was diese Edlen errungen haben und erringen wollten, ist unsre Kraft und unser Wille! Ihre Gebeine sind die Opfer der Tyrannei, Ihr Odem in uns ist Freiheit! Sie sind selig in uns, denn wir sind selig in Dir!

So reichen wir uns denn über diesen heiligen Gräbern der heiligen Brüder vom 18. und 19. März die Hände zum Bunde der Freiheit und Liebe. Aus dem jungen Grün dieses Haines flüstern die Geister der Gefallenen Versöhnung. Wir haben den Zorn unsres Herzens ausgeschüttet und das Andenken an diese ruhenden Helden kann nur noch entweiht werden, wenn wir die Freiheit unseres deutschen Vaterlandes antasten lassen, wenn wir uns entweihen in Dem, woran unsre Brüder gestorben sind.

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