Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolf Glaßbrenner >

März-Almanach

Adolf Glaßbrenner: März-Almanach - Kapitel 25
Quellenangabe
typesatire
booktitleWelt im Guckkasten II
authorAdolf Glaßbrenner
year1985
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt/M - Berlin - Wien
isbn3-548-37037-3
titleMärz-Almanach
pages144-223
created20010424
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
Schließen

Navigation:

März-Note des deutschen Volkes.

Schreiben Sr. Excellenz des Ministers der innern Angelegenheiten des deutschen Volkes an Seine Excellenz den Minister-Präsidenten der deutschen Kamarilla.

»Ew. Excellenz bin ich gezwungen nachfolgende Note meiner Allerhöchsten Regierung an die deutsche Kamarilla zu übersenden. Das deutsche Volk glaubt sich an die bekannten erschütternden Begebenheiten des verflossenen Jahres erinnern zu müssen, in Folge deren allerdings wenig oder gar nicht mehr davon die Rede gewesen, welcher politischen Ansichten die Allerhöchsten, Höchsten und Hohen Personen waren, sondern vielmehr: welchen Willen das deutsche Volk hatte. Das deutsche Volk findet, im Widerspruche mit dieser Thatsache, in den jüngstergangenen Noten der deutschen Kamarilla überall nur den Ausspruch einiger Wenigen und glaubt sogar darin einen auffallenden Hohn gegen die sogenannte Souverainetät der Vierzig Millionen des deutschen Volkes ausgesprochen zu sehen, indem der Wille desselben eben gar nicht in Frage und Betracht gekommen sei. Die Allerhöchste Regierung des deutschen Volkes – nämlich dies Volk selbst – ist nun aber der höchst unbequemen und störenden Meinung, daß ihr weder ein Fürst noch eine Aristokratie noch irgend Wer den Mund verbieten könne und – horribile dictu! – sich sowohl Preußen wie Oestreich, Baiern, Hannover und überhaupt sämmtliche Sonderregierungen Allerhöchst seinem, dem Willen des deutschen Volkes, als dem einzig und allein geltenden, zu fügen hätten. Ew. Excellenz mögen ermessen, mit welchem Schmerze der Endesgefertigte der hocherleuchteten Regierung der deutschen Kamarilla eine Note übersendet, welche schon in so erschrecklich volksthümlicher Weise beginnt, und deren ganze innere und äußere Form im allerhöchsten Grade undiplomatisch genannt werden muß. Indem ich Ew. Excellenz die Versicherung hinzufüge, daß ich mich der Absendung solcher demokratischen Erklärung auf das Bestimmteste widersetzt haben würde, falls nicht für jeden Buchstaben in derselben ein bewaffneter Arm zu sehen gewesen wäre, bin ich sehr erfreut, bei dieser traurigen Gelegenheit Ew. Excellenz meine vollste Hochachtung und Ergebenheit aussprechen zu dürfen.

(gez.) Michel Michelowitsch.«

 
März-Note des deutschen Volkes an die deutsche Kamarilla.

Mit demjenigen Fußtritt, durch welchen Seine Durchlaucht der Fürst von Metternich im März des verflossenen Jahres nach England purzelte, haben Wir der drei Mal verdammten Diplomatie der Jahre 1815 bis 1848 den Ungnadenstoß gegeben. Wir werden deshalb Deine sprachlichen Schlangenwindungen nicht durch ähnliche beantworten; Wir werden verständlich, kräftig, entschieden, kernig, volksthümlich mit Dir, volksfeindliche Spitzbübin, kurz: Wir werden einiges Deutsch mit Dir sprechen. Wir sind nicht der Meinung Talleyrands, daß die Sprache dazu da sei, um Gedanken verbergen zu können; Wir wollen Unsere Gedanken durch die Sprache offenbaren, und wenn die Gewalt, welche immer zart schreibt und immer roh handelt, unsern Styl einen hölzernen nennen sollte, der die größte Aehnlichkeit mit einem Besenstiel habe, so werden Wir die verständliche Antwort geben: wo Unrath ist, muß ausgefegt werden! – Du, Kamarilla, kannst Uns nicht den Vorwurf machen, als hätten Wir Unsre Sprache geändert. Wir haben uns im März des verflossenen Jahres noch deutlicher gegen Dich ausgedrückt, als Wir's in diesem Augenblick thun, und Wir sind jeder Zeit bereit, das, was Dir zum Verständniß Unsres Willens fehlen sollte, deutlich zu ergänzen. Zweifle nicht! Nachdem Wir Dir alle Sünden und alles Unglück der er deutschen Schmachjahre 1815 bis 1848 zugeschrieben hatten, schrieben Wir Dir im März, frühlingsbegeistert, mit sehr langen Stahlfedern einen unfrankirten Brief. Wir drehten Alles um, ließen Dich das Porto des Briefes tragen und – machten Uns frei, denn in diesem Briefe stand mit großen Buchstaben und mit unauslöschlicher Dinte, mit derselben Dinte, in welche alle Cabinette gerathen waren:

Der Staat sind Wir!

Diesen großen Brief, gesiegelt mit dem rothen Blute unsrer Brüder: alle Fürsten Deutschlands haben ihn anerkannt, anerkennen müssen. Sie antworteten darauf: wir stellen uns unter den Schutz des souverainen Volkes; wir eröffnen die geforderte Wahl für die Frankfurter Nationalversammlung, welche constituiren soll die Freiheit und Einheit Deutschlands; wir schließen unsern verachteten, nichtswürdigen Bundestag; wir beugen uns in Ehrfurcht vor der Macht und dem Willen des deutschen Volkes.

Wie erhaben stand dies deutsche Volk da, als es die weiße Fahne der Freiheit und die schwarz-roth-goldene der Einigkeit schwang! Unterdrückte Völker legten sich an sein Herz, die Republik Amerika wand einen Lorbeerkranz für sein Haupt; der despotische Osten fiel ihm angstzitternd zu Füßen!

Da riefst Du, historische Hexe, Deine Schwesterhexen Furcht und Dummheit Nächtens auf, und zündetest das Höllenfeuer der Zwietracht unter dem politischen Hexenkessel an, warfst all die alten Fetzen und Lappen des absoluten Purpurs und des Pfaffenthums, Polizeifinger und Kanonen- und Wappen-Scherben hinein und kochtest daraus den Guerilla-Krieg gegen das eigene Volk. Nicht zu einer offnen, ehrlichen Schlacht fordertest Du Uns auf, das konntest Du nicht. Denn was, giftige Furie, würdest Du mit Deinen Kosackenlieutenants des hündischen Gehorsams, mit Deiner Paradengarde der Schnürbrust, mit Deinen armen Rittern der bunten Ordenslappen, mit Deinen Donquixoten der Geburt, mit Deiner Gänse-Kavallerie der Aktenfeder, mit Deiner Beutel-Artillerie des Wuchers, mit Deinem angeworbenen Lumpenvolk der Philister: gegen ein großes, freies Volk ausgerichtet haben! Nein, Du griffst zu dem kleinen Kriege der Ränke, der Verführung, der Bestechung, des Friedens- und Wortbruches, der Verbote, des Aufhetzens, des Heulens, Angstmachens und Einschüchterns, der Verlockung, der Brodentziehung, des plötzlichen Ueberfalls gegen Wehrlose, der einzelnen Belagerung. So vermehrte sich Dein Heer, so stieg Deine Macht wieder. Den Zweifelnden riefst Du die freche Lüge in's Gesicht: an all der Noth, der Unruhe und dem Unglück Deiner alten Tyrannei und Deines jetzigen Spitzbubenkrieges sei die schöne Freiheit Aschenbrödel schuld, und lachtest hinter dem Rücken der Furchtsamen und Ewigdummen, wenn sie Dir glaubten und sich Deinem Sündenheere anschlossen. Und nun Du Macht gewonnen durch Deine schlauen Jesuitenränke, Uebergriffe, Ueberrumpelungen und durch Deine Verbindung mit den Henkern der europäischen Freiheit, nun wirfst Du, Furie, die fromme Maske ab, und während das Feuer des Grimms und der Rache aus Deinen Augen blitzt, und Dein Fuß auf den Nacken des besiegten Volkes tritt, rufst Du mit brutaler Stimme: »Wo ist das souveraine deutsche Volk? Ich kenne kein solches! Niemand bestimmt über die Gestaltung dieser Staaten, welche mit ihren Leibeignen den 34 Fürsten gehören, als Ich, von Gottes Gnaden die deutsche Kamarilla! Und wer glücklich und zufrieden leben will,« fügst Du hohnlachend hinzu, »der lege sich unter meine gesetzlichen Füße!« Und zu Deinen Buhlern wendest Du Dich vertraulich und flüsterst ihnen in's Ohr: »Getrost, ihr Freunde und Freuden meiner Nächte! Noch wenige Monde, und das große deutsche Volk, das für unsre Pracht und unsre Schwelgereien seinen Schweiß vergießt, ist wieder euer Sclave und niedriger, gehorsamer, gedemüthigter als je!«

Aber juble nicht zu früh, hochgeborne Furie! Täusche Dich nicht über Deine Gewalt, Hexe der zerbrochnen Wappen! Der größte Theil und der beste und edelste des deutschen Volkes ist noch nicht unter Deinen Füßen. Millionen Brüder der Humanität stellen sich noch Deiner Lumpen- und Schurken-Heerde gegenüber und stehen gesammelt und todesmuthig unter ihrer Fahne: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!« Die Demokraten hast Du noch nicht besiegt, deutsche Kamarilla, und wirst sie nimmer besiegen. Sie speien vor Dir aus, wortbrüchige Hure. Sie zerreißen Deine anmaßenden Noten und werfen Dir die Stücke in's Gesicht. Sie erheben stolz ihr freies Haupt und an der Seite ihres begeisterten Herzens hängt das Schwert des göttlichen Menschenrechtes, des Zornes gegen die Tyrannei, der Bruderliebe für die Armuth. Freiheit oder Tod! ist ihr Schlachtruf und ihr Gesang:

Und ist es Winter auch auf Erden:
Die Geister und die Herzen glühn,
Und Frühling, Frühling muß es werden,
Und unsre Rosen müssen blühn!

 << Kapitel 24 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.