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März-Almanach

Adolf Glaßbrenner: März-Almanach - Kapitel 23
Quellenangabe
typesatire
booktitleWelt im Guckkasten II
authorAdolf Glaßbrenner
year1985
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt/M - Berlin - Wien
isbn3-548-37037-3
titleMärz-Almanach
pages144-223
created20010424
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
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Eine erste Kammer.

  • Sie heißt bei dem Volke die Geldkammer, die Kammer der Wühler, die vornehme Pöbel-Kammer, Geheimeraths-Jammer, Rumpelkammer, bei den Demokraten die Schlafkammer, bei den Republikanern die Todtenkammer.
  • Mehrere Bürger der Hauptstadt hatten die Absicht, ihre unartige Kinder für jedes Vergehen eine Sitzung der ersten Kammer beiwohnen zu lassen. Die elterliche Liebe siegte indessen und die Kinder bekamen blos Prügel.
  • Als neulich einer unsrer tüchtigsten Politiker einer Sitzung der ersten Kammer beigewohnt hatte, zuckte er mitleidig die Achseln und sagte: »Es freut mich, daß sich die Regierung für das Einkammersystem ausgesprochen hat.«
  • Ein junger, blühender und reicher Preuße gerieth neulich in die erste Kammer. Zwei Stunden später entschloß sich derselbe zur Auswanderung nach – Lappland, um seine ferneren Tage angenehm zu verleben.
  • Der beste Einfall, den die erste Kammer haben könnte, wäre der der Decke.
  • Die erste Kammer wünscht auch eine Volkskammer zu sein. Sie will nächstens daher den Beschluß fassen, vermittelst der Presse das Volk an ihre Existenz zu erinnern.
  • Eine schöne Braut erhielt neulich von ihrem Bräutigam ein Billet zur Tribüne der ersten Kammer. An demselben Abend noch schickte sie ihm den Verlobungsring zurück.
  • Da die erste Kammer eine sehr schmale Grundlage hat, so drängen sich die Mitglieder so dicht zusammen, als ob ein Gewitter im Anzuge wäre.
  • Ein sehr zerstreuter Literat, mosaischen Glaubens, wollte in die zweite Kammer gehen und gerieth in die erste. Erst als er sich auf der Tribüne befand, erkannte er die drohende Gefahr, rief laut: »Wie haißt?« und rettete sich, indem er hinausstürzte.
  • Die erste Kammer ist wirklich. Folglich hat Hegel Unrecht.»Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig.«
  • Die Setzer der Zeitungen, welche bisher die Verhandlungen der ersten Kammer setzten, haben die Arbeit eingestellt.
  • Ein homöopathischer Arzt verordnete neulich seinen Patienten, welche an Starrkrampf, am Weichselzopf und am freiwilligen Hinken litten: »Täglich zwei Stunden erste Kammer
  • Zu Stenographen für die erste Kammer hat man nur Ausländer genommen. Es bereitet sich deshalb eine Riesen-Dankadresse für das Ministerium »wegen Schonung der Landeskinder« vor.
  • Ein Minister, welcher neulich zum ersten Male der ersten Kammer beiwohnte, rang nach dem Schlusse verzweiflungsvoll die Hände und rief: »Und darum Räuber und Mörder!«
  • Ein pflichtgetreuer Nachtwächter war vor Kurzem durch Familienränke so weit gebracht worden, eine Debatte in der ersten Kammer mitanhören zu müssen. Eben als einer der Geheimenräthe – der hier sein eigner Gegensatz wurde – von der Tribüne herab sprach, begann der Nachtwächter drei Mal zu pfeifen und rief: »Zwölf ist die Glock!«
  • Wenn eine Eins (1) da wäre, welche man vor die Mitglieder der ersten Kammer stellen könnte, so käme eine fast unaussprechlich große, runde Zahl heraus.
  • »Himmel, diese Masse Zöpfe!« rief Dr. Ernst Heiter, als er in die erste Kammer trat. »Aber woran haften sie?« –
    Wenn sie ihre Zöpfe abzuschneiden uns erlaubten,
    Müßten wir die Kammerherren sämmtlich ja enthaupten!
  • Der Staatsanwalt trug neulich gegen einen schweren Verbrecher auf »drei Monat erste Kammer« an. Der Vertheidiger verwies aber die Richter auf die deutschen Grundrechte, nach welchen die Todesstrafe aufgehoben ist. Da die Richter diesen Einwand anerkannten, kam der Angeklagte mit »Zehn Sitzungen« davon.
  • In einer Volksversammlung wurde einstimmig angenommen, die Regierung um einen unbestimmten Urlaub für die erste Kammer anzugehen, »da die Mitglieder derselben sehr krank seien und eine Besserung kaum zu erwarten stehe.«
  • Ein reactionärer Zeitungsschreiber beklagte sich, daß er in der zweiten Kammer zwar viel Geschrei, aber wenig Wolle gefunden habe. Man führte ihn nach der ersten Kammer und – er war zufriedengestellt.
  • Die erste Kammer beabsichtigt, die progressive wie überhaupt jede Einkommensteuer zu verwerfen, und dagegen die Kopfsteuer einzuführen. –
  • Die erste Kammer hat keine linke Seite, also kein Herz.
  • Man glaubte Anfangs, die erste Kammer würde jedwede Freiheit, als »ein mit einer nothwendigen starken Regierung nicht zu vereinbarendes Element« verwerfen. Dieser Verdacht war ungegründet. Sie hat bereits die Porto-Freiheit für ihre Mitglieder angenommen.
  • Ein Tuchfabrikant ist bei der Regierung um die Tuchlieferung für die Livreen der Mitglieder der ersten Kammer eingekommen.
  • Die erste Kammer wird gar keine Interpellationen gestatten, da diese »zeitraubend« sind, und Zeitraub in der ersten Kammer ein Pleonasmus wäre.
  • Die Mitglieder der ersten Kammer werden künftig immer nur für die Monate Mai bis August zusammenberufen werden, da dieselben in den Monaten ohne r am besten sind.
  • Da die erste Kammer nicht vereint mit der zweiten gehen kann, so wird sie für sich allein bleiben. Wir bedauern sie wegen dieser schlechten Gesellschaft.
  • Die einzige Erhebung in der ersten Kammer ist die der Mitglieder beim Abstimmen. Dagegen ist ihr geistiges Elend sehr rührend.
  • Wenn die nicht aus dem Volkswillen hervorgegangene erste Kammer vom Volke zertrümmert wird, erlebt sie ihren ersten und einzigen großen Moment.
  • Als die erste Kammer zum ersten Male eröffnet wurde, hatte sie sich überlebt.
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