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März-Almanach

Adolf Glaßbrenner: März-Almanach - Kapitel 18
Quellenangabe
typesatire
booktitleWelt im Guckkasten II
authorAdolf Glaßbrenner
year1985
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt/M - Berlin - Wien
isbn3-548-37037-3
titleMärz-Almanach
pages144-223
created20010424
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
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Scene aus der
Berliner Abend-National-Versammlung
unter den Linden
zur Vereinbarung mit den Constablern.

Motto: »Spaß muß sind!«
Homer.

Betrunkener. Schon wieder det Linden-Jedrängele? Wech hier, hier soll nich poletiekt werden, hier! Platz da, Koststaplers! Weeß der Deibel, en anständjer Mensch kann vor des Jedrängle von de Koststaplers jar nich mehr durchkommen. Et sollen keene Ufleefe mehr sind – Zusammenrottungen – sie sind von unsre jute Pollezei verboten, sind se. (Steht still und schreit:) Die Zusammenrottungen von de Koststaplers sind von de Pollezei verboten! Keene Bürjerwehr nich da, wie? Wo? Hat Keener keene Bürjerwehr? (zornig) Wovor is die Bürjerwehr da, wenn Jeder dhun kann wat er will? Wovor is die Bürjerwehr da, wenn Keener arretirt wird?

Ein Constabler (zu mehreren Personen, unter denen der Betrunkene) . Bitte nicht still zu stehen! Sie müssen sich hier zerstreuen.

Betrunkener. Det brauch' ick nich! Ick bleibe hier stehen un zerstreue mir doch! Janz jut zerstreu' ick mir hier. Ick mache keene Revelution: ick jehe blos unter de Linden spazieren, det kann ick! Davor wird man denn doch den 18. un 19. März jehatt haben, det man noch unter de Linden spazieren jehen kann? Wie? Wenn ick unter Akazien jehen wollte, det wär' wat anders; des könnte mir verboten werden, weil die Akazien vor mir ordineeren souverainen Volker zu vornehm sind. (Er hält einen Constabler auf, der vorübergehen will.) Hör'n Se mal, stehen Se mal stille, ick habe Ihnen wat zu sagen, hab' ick Ihnen. Wie? Stehn Se doch stille! Sie wackeln ja. Wissen Se, Beliebter, eenziger, anjebeeter Koststapler, det det anjetzt mit die Linden un die andern Beemekens keene Jefährlichkeit mehr hat? Sagen Se det de Rejierung mit'n Compelment von mir. Im März war det Jehen hier jefährlich, damals schlugen die Beeme noch aus, anjetzt aber nich mehr. Ach Jott, anjetzt heeßt et, heeßt et: Kuchen aber keene Freiheit! Wo so Revelution? Wie? Wissen Se, wat anjetzt wieder blüht? Jensd'armen blühen, jute Seele! Soll ick Ihnen en Paar pflücken? Se riechen sehr schön, riechen se. Jensd'armen, Koststapler, Bürjerwehr, Pollezei, 20,000 Mann zweeerlei Duch, Neue Berliner Zeitung, Teltower Rüben, Staatsanwälte, Prinz von Preußen unjnädig, rechte Seite, Spandow, Magdeburg inspunnen, Heil Dir im Siejerkranz, Preußen-Verein, Cholera... (sich mit beiden Fäusten Platz machend) sehr scheene Jejend anjetzt, äußerst scheene Jejend! (er steht still und zieht seine Flasche:) Trost meiner Tage, entproppe Dir! Et is meine letzte Thräne von'n Friedrichshain.

Constabler. Wenn Sie hier laut sind, muß ich Sie arretiren. Janz ruhig!

Betrunkener (läßt den Kopf auf die Brust sinken) . Wie? Wo sagen Se? (dem Constabler leise, mit sehr heisrer Stimme zurufend:) Hör'n Se mal, Herr Koststapler: derf man woll noch Durscht haben? (Zu Anderen, welche singen und sprechen:) Ssch! Ssch! Janz stille! Et soll Ruhe sind. Wecken Se den Majistrat nich uf. Preußen is wieder zu Bette jejangen. Ssch! Ssch! (Er singt:)

        Schlaf, Borussiaken, schlaf!
Vorn Dhore stehn zwei Schaf'
Ein schwarzes un ein weißes,
Un wenn det Völkeken nich schlafen will,
Denn kommt det schwarze un beißt et.

(Er setzt sich auf eine Bank.)

So, ick von Jottes Jnaden werde ooch schlummern hier mitten drinn in de politische Demonschdrazion. Ick schlafe Rejierung; ick vereinbare mir mit Morpheussen wegen Drusel. Die Störung is vor immer ufjehoben, die Druselfreiheit einjeführt, aber erst muß en Schnarchjesetz ausjearbeet werden. (Zu einem Herrn:) Hör'n Se mal, ick will absolut schlafen! Haben Sie keenen Fächer bei sich? Wedeln Sie mir mal de Koststaplers ab! Die umschwärmen eenen so, man kann jar nich schlafen. (Legt sich nieder.)

Ein anderer Constabler. Ruhig!

Betrunkener (springt auf) . Wie? Aha, ruhig. (Er niest sehr laut) Hetzsie! (zum Constabler ganz leise:) Entschuldjen Se, ick war et nich, et war meine Nase. Die is noch nich ruhig, die hat noch – hat noch ihren souvereenen Volkswillen, hat se noch – meine Nase! Wenn der Majistrat befürcht't, deß Preußen von den Hetzsie-Spektakel unterjehen könnte, denn laaßen Se mir lieber meine Nase abschneiden un schicken se nach Spandow uf vier bis fünf Jahre mit Verlust der Nationalkokarde. Oder schicken Se ihr in'n Preußen-Verein, wenn Sie jar keene Besserung mehr vermuthen. Wat Schlimmeres weeß ick jetzt nich mehr: die Prangerstrafe is ufjehoben. (Er trinkt) So, noch eenen Korn in Untersuchung ziehen un nu... (legt sich nieder) nu wer' ick wieder Patriote. – (Mehrere lustige Herren setzen sich zu ihm.)

Ein Herr (ihm auf die Schulter klopfend) . Hören Sie mal: der Reichsverweser un seine Frau lassen Sie grüßen!

Betrunkener (sich aufrichtend) . So? Schön Dank! Meine Empfehlung zurück!

Der Herr. Ob Preußen in Deutschland oder Deutschland in Preußen aufgehen soll?

Betrunkener (sich niederlegend) . Des wird sich finden. (Richtet sich wieder auf) Schafskopp! En Quart kann nich in en Achteljlas ufjehen, aber en Achtel kann in ne Quartflasche ufjehen, folglich muß Preußen in Deutschland ufjehen. (Legt sich wieder nieder.)

Ein anderer Herr. Wie denken Sie in Bezug auf das Zweikammersystem?

Betrunkener. Wie? Ick will zwee Kammern, will ick. In de eene Kammer will ick alle Koststaplers, damit se uns hier draußen nich incommandiren, un in de andere den Prinzen von Preußen janz alleene mit seinen Sohn.

Ein dritter Herr. Europa wartet auf Ihre Entscheidung über den Adel.

Betrunkener (springt wüthend auf) . Wenn wir noch eenen Splitter von all die Stammbeeme übrig lassen, denn sind wir alle Ochsen! denn haben wir die janze Jeschichte von'n März umsonst jemacht, denn – denn sind wir nich werth, det uns – det uns der Preußen-Verein holt! Jesuiten un Adel: futsch, reene futsch, sonst koof ick unsre beede Nationalversammlungen en Lutschbeutel.

(Man hört lauten Gesang: »Was ist des Deutschen Vaterland?«)

Na nu ooch noch det ewije alte Lied. Jesungen haben wir det schon Anno Toback, wie de jroße Pollezei war, un de jroße Pollezei hat et ruhig mit anjehört. Det nützt nischt nich, jar nischt nich nützt et. Wat der Deutsche nich dhun will, det singt er. Mir schläfert. (Er legt sich nieder.)

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