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März-Almanach

Adolf Glaßbrenner: März-Almanach - Kapitel 12
Quellenangabe
typesatire
booktitleWelt im Guckkasten II
authorAdolf Glaßbrenner
year1985
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt/M - Berlin - Wien
isbn3-548-37037-3
titleMärz-Almanach
pages144-223
created20010424
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
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Scene aus den letzten Tagen.

Die Scene spielt in einer größeren Provinzialstadt. Madam hat so eben den beiden jüngsten Knaben, welche in die Schule müssen, das Haar gekämmt und gescheitelt und ihnen für die Zeit ihrer etwaigen wissenschaftlichen Bestrebungen einen physischen Halt in der Gestalt eines buttergeschmierten Milchbrodes in die Mappe gesteckt. Dem fernern dringenden Gesuche der Knaben wegen Kirschen und Johannisbeeren wird die mütterliche Antwort: vielleicht Nachmittags, wenn Ihr fleißig und artig gewesen seid! Die deutschen Knaben begnügen sich mit dem Versprechen, springen lustig fort und geben keine Antwort, als ihnen noch auf der Treppe die Warnung zugerufen wird, unterweges keinen ihrer Kameraden oder andre Jünglinge zu prügeln und durch solche Action die selten ausbleibende und oft unangenehme Reaction zu provociren. Madam kehrt in die Wohnstube zurück, und wischt, während sie an ihren Gatten denkt, der als Deputirter in der fernen Residenz Diäten bezieht, den Staub von den Meublen. Wir thun Beide unsre Pflicht, sagt sie sich: er hält zuweilen eine Rede für das Wohl des Staates, ich sorge und handle für das Wohl unserer kleinen Wirthschaft. »Ach,« fügt sie seufzend hinzu, »wenn nur unsere Einrichtung erst ganz bezahlt wäre! Die Kinder kosten gar zu viel und...« Sie unterbricht ihren Seufzer, indem sie sich die weiße Schürze vorbindet und in die Küche geht, um nachzusehen, ob Charlotte, das Dienstmädchen, kein zu großes Feuer auf dem Heerde gemacht, und ob sie bereits dabei sei, die für den heutigen Mittagstisch bestimmten weißen Rüben zu putzen. Charlotte wird mit einigen nicht zu sanften Worten zu größerem Fleiße angespornt, »damit sie bald nach Hammelfleisch gehen könne.« Auch wird ihr angezeigt, daß sie Nachmittags die beiden Kammern scheuern müsse, weil...

Man klopft. »Herein!« Es ist der Briefträger. »Von meinem Mann!« ruft die Hausfrau und befiehlt dem Dienstmädchen, die geforderten sechs Pfennige auszulegen, da sie ihre Börse nicht bei sich habe. Plötzlich sinkt Madam halb ohnmächtig auf einen Küchenschemel und schreit: »Ach Herr Jesus!«

»Um Gotteswillen, was ist Ihnen, Madam?« ruft Charlotte.

»Nicht Madam, nicht mehr Madam!« keucht ihre Herrin mit hochklopfendem Busen. Ihr Gesicht, so eben noch bleich, röthet sich auffallend, ihre Augen strahlen Feuer. Endlich erhebt sie sich. »Excellenz sind wir!« ruft sie, »Excellenz bin ich! Mein Mann ist Minister geworden!« Sie sinkt wieder auf den Schemel zurück. »Charlotte, laß das Rübenschaben! Mach das Feuer aus! Wir essen heut aus dem Hotel!«

Die Nachbarin tritt ein. Die neue Excellenz, sich schnell die Schürze losbindend, fällt ihr um den Hals und ruft: Denken Sie sich, liebe Madam Pieseken: Mein Mann ist Minister geworden

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