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Mary Ferrera spielt System

Edgar Wallace: Mary Ferrera spielt System - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/wallacee/maryferr/maryferr.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
booktitleGeheimagent Nr. 6/Mary Ferrera spielt System
titleMary Ferrera spielt System
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun13. Auflage
isbn3442002362
year1982
created20111027
projectid8dceba26
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7

Ich habe mir oft überlegt, ob Dawkes wirklich nur das System von Miss Ferrera erfahren wollte. Er war ein reicher Mann, aber das machte natürlich kaum einen Unterschied. Es gibt nur wenig vermögende. Leute, die nicht jede Gelegenheit ergreifen, um ihren Besitz noch zu vergrößern.

Am nächsten Morgen ging ich nicht direkt zu Billys Büro. Erst wollte ich mit Leslie Jones sprechen. Er war in viel besserer Stimmung, als ich erwartet hatte, weil es ihm gelungen war, den Versicherungsbetrug aufzudecken. Er hatte der Polizei bereits eine Anzahl wichtiger Tatsachen mitgeteilt, so daß die Schuldigen verhaftet werden konnten.

»Billy hat es aber ordentlich gepackt«, meinte er kopfschüttelnd. »Wir sind nun schon vierzehn Tage in diesem verdammten neuen Büro, und Billy hat bisher noch keine Ruhe gefunden, sich ein einziges Mal für längere Zeit an den Schreibtisch zu setzen und wirklich zu arbeiten.«

»Was macht er denn augenblicklich?«

»Er rennt wie ein gefangener Löwe auf dem neuen Teppich auf und ab. Der wird ja bald durchgetreten sein!« Leslie machte ein betrübtes Gesicht. »Und nach seinem wilden Gesichtsausdruck zu schließen, überlegt er sich allerhand Unangenehmes, das er Dawkes an den Kopf werfen will.«

»Hat er Ihnen etwas darüber gesagt?« fragte ich schnell.

»Er sagte mir nur soviel, als er es für gut hielt.« Leslie seufzte. »Aber daran bin ich schon gewöhnt, und ich lasse mir deshalb keine grauen Haare wachsen.« Trotzdem seufzte er wieder.

»Ich würde ja gar nichts sagen, wenn es ein anständiges Mädchen wäre«, begann er und schüttelte aufs neue den Kopf.

»Sie ist aber wirklich eine entzückende junge Dame«, verteidigte ich Miss Ferrera.

Er sah mich erstaunt an.

»Sie haben sich also auch von ihr einfangen lassen?« fragte er traurig. »Nun, die Sache wird ja bald vorüber sein. Ich habe einen feinen Fall für Billy. Hoffentlich beißt er an, und wenn er erst einmal wieder an der Arbeit ist, dann ist er in Sicherheit.«

Billington war in Verlegenheit um einen Ausweg. Das sah ich sofort, als ich in sein Büro trat. Er stand am Fenster und schaute düster hinaus. Wie es Leute tun, die zerstreut sind, beschäftigte er sich mit allerhand gleichgültigen Dingen. Zum Beispiel befand sich eine kleine Öffnung in der Täfelung am Fenster. Gerade, als ich hereinkam, sprang eine kleine Tür auf, und ich sah einen Hohlraum, der hinten von Mauerwerk begrenzt wurde.

»Was mag das nur sein?« fragte Billy.

Er schaute hinein, und es zeigte sich, daß ein Schacht nach unten führte. Schließlich fiel ihm die Erklärung ein.

»Ach, das war die frühere Zentralheizung. Die Warmwasserrohre kamen hier vom Keller herauf.« Er schloß die kleine Holztür.

Einige Zeit starrte er darauf, dann öffnete er sie wieder. Da kein Handgriff vorhanden war, steckte er sein Taschenmesser in den Spalt und zog den beweglichen Flügel auf.

»Eigentlich ein großartiges Versteck, wenn man etwas verbergen will.«

»Ja, man kann es nachher unten im Keller wiederfinden.«

Billy schlug die kleine Tür zu, legte das Messer auf den Schreibtisch und ging zum Kamin mit den zwei Löwen. Er stützte sich mit dem Ellbogen auf den Kopf des einen und vergrub das Gesicht in den Händen.

»Wenn sie nun tatsächlich das Geld bei der Bank unterschlagen hat – aber es ist ja nicht möglich!«

Ich sah ihn fragend an.

»Nehmen Sie einmal an«, fuhr er fort, »daß Miss Mary das Geld von der Bank geliehen hat, um ihrem Bruder zu helfen, der in Schwierigkeiten geraten ist –«

»Oder einem Freund oder einem Liebhaber.«

»Ach, seien Sie doch nicht so roh!« rief er laut. »Was denken Sie sich denn! Sie hat doch keinen Liebhaber!«

»Soviel wir wissen, hat sie auch keinen Bruder«, protestierte ich, nahm mir eine Zigarre und steckte sie an. »Also nehmen wir einmal an, daß sie tatsächlich das Geld von der Bank geliehen hat.«

Eine Weile schwieg er.

»Das wäre wirklich tragisch«, sagte er bedrückt.

Ich setzte mich und betrachtete ihn verwundert.

»Geht es Ihnen eigentlich immer so, wenn es sich um eine Frau handelt?«

Ich erwartete eine heftige Erwiderung, aber sie kam nicht.

»Ich habe stets großes Mitleid mit den Frauen gehabt, aber bis jetzt habe ich noch keine Frau geliebt«, entgegnete er ruhig.

Die Schlichtheit dieses Bekenntnisses brachte mich zum Schweigen. Er ging zum Schreibtisch, blieb neben mir stehen und legte eine Hand auf die Kante.

»Mont, wenn Thomson Dawkes heute abend beleidigend gegen sie wird, schieße ich ihn einfach nieder!« erklärte er sachlich und entschlossen.

»Aber das ist doch Unsinn! Erstens wird er nicht beleidigend, und zweitens schießen Sie ihn nicht nieder.«

»Er hat mich heute morgen angerufen und erklärt, daß er Mary allein sprechen will.«

»Das ist doch weiter nicht gefährlich. Wenn er mit der Drohung, sie bloßzustellen, etwas von ihr erreichen will, wünscht er doch sicher nicht, daß ich als Kriminalbeamter von Scotland Yard und Sie als Detektiv als Zeugen zugegen sind.«

»Mir gefällt die ganze Sache nicht.«

»Haben Sie denn schon Ihre Einwilligung zu dieser Privatunterhaltung gegeben?«

Er nickte.

»Darauf kommt es auch nicht so sehr an. Ich halte mich währenddessen in Leslies Raum auf, und sobald sie schreit, gehe ich hinein. Und ich sage Ihnen, Mont, wenn dieser gemeine Kerl sie beleidigt, mache ich ihn kalt.« Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Wollen Sie etwas von mir, Leslie?« Jones hatte die letzten Worte gehört.

»Wen bringen Sie denn jetzt schon wieder um?« fragte er freundlich.

Billy lachte.

»Kommen Sie herein, Leslie, und bleiben Sie nicht an der Tür stehen.«

»Also, wen haben Sie eben erledigt?« fragte Leslie noch einmal, als er nähertrat.

»Dawkes.«

»Großartig!« entgegnete Leslie ironisch. »Ich werde Lilien schicken, Mont kann die Rosen besorgen. Dann machen wir beide Ihnen einen Abschiedsbesuch, bevor der Henker Sie an den Galgen knüpft.«

Er machte den Versuch, von dem neuen Fall zu erzählen, aber Billy wollte nichts hören, klopfte ihm nur gutmütig auf die Schulter und schickte ihn wieder fort.

»Erinnern Sie sich noch an die Fahrkarte dritter Klasse, die Dawkes in Miss Ferreras Tasche fand?« fragte er, als Leslie verschwunden war.

»Ach, meinen Sie das Billett nach Brixton? Ja, natürlich.«

»Sie hat eine Kusine in Brixton, die sie auf ihrem Weg von London nach Monte Carlo gelegentlich besucht. Diese Sache hat sich vollkommen harmlos aufgeklärt.«

Ich bemühte mich, über ein anderes Thema mit ihm zu sprechen, hatte aber nur wenig Erfolg. Immer wieder sprach er von Miss Ferrera und dem Geheimnis, das sie umgab.

»Sie trägt einen Revolver in ihrer Handtasche«, sagte er. »Aber auch das läßt sich erklären, denn sie hat immer so viel Geld bei sich, daß sie vorsichtig sein muß. Das habe ich in Monte Carlo an dem Abend erfahren, als ich mit ihr auf der Terrasse sprach. Die Tasche stieß zufällig an meine Hand, und ich fühlte die Waffe.«

»Ein tüchtiges junges Mädchen«, entgegnete ich geduldig.

Seine Einladung zum Mittagessen lehnte ich ab und versprach, um halb acht wiederzukommen. Ich erschien aber erst um Viertel vor acht, und Miss Ferrera war inzwischen schon eingetroffen.

Ich bemerkte, daß sich selbst der skeptische, harte Leslie ihrem Einfluß nicht entziehen konnte. Billy war in gehobener Stimmung. Seine Wangen hatten sich gerötet, seine Augen glänzten, und er wandte keinen Blick von ihr. Wie gewöhnlich war sie selbstbewußt und beherrschte die Lage vollkommen. Sie erschien mir an diesem Abend noch schöner und begehrenswerter denn je.

»Er wird darauf bestehen, daß Sie ihm das System erklären«, sagte Billy gerade, als ich hereinkam. Nachdem sie mir die Hand gereicht hatte, setzte sie die Unterhaltung fort.

»Er soll nur darauf bestehen«, erwiderte sie ruhig.

»Können Sie ihm Ihr System erklären?«

Sie lächelte.

»Das ist ganz unmöglich. Erstens ist es nicht mein System, und selbst wenn es das wäre, könnte ich es nicht verraten. Es gehören schon gute mathematische Kenntnisse dazu, es zu begreifen.«

In diesem Augenblick kam Mr. Thomson Dawkes, so daß das Gespräch unterbrochen wurde. Zu meinem Erstaunen erschien er allein. Ich hatte erwartet, daß Inspektor Jennings ihn begleiten würde.

»Ich bin etwas zeitiger gekommen«, erklärte er mit einem freundlichen Lächeln. »Aber wir können ja sofort beginnen, da wir alle versammelt sind.« Er sah von Mary Ferrera zu Billy hinüber. »Ich sagte Ihnen schon, daß ich zunächst einmal allein mit Miss Ferrera sprechen möchte.«

Billy nickte und wandte sich an sie.

»Wenn Sie etwas brauchen sollten, zögern Sie nicht, nach mir zu rufen. Drücken Sie ruhig auf die Klingel.« Er zeigte dabei auf den elektrischen Knopf, der am Tisch angebracht war. »Ich komme dann sofort.«

Sie nickte, und wir verließen zusammen das Zimmer.

Nahm Thomson Dawkes Billingtons Drohung ernst? Ich glaube kaum. Er war ein Mann, der unbedingt an die Macht des Geldes glaubte und sich auf seinen großen Reichtum stützte. Auch Billy gegenüber vertrat er diesen Standpunkt und sah immer etwas verächtlich auf ihn herab. Aber nicht nur auf ihn, sondern auf alle seine Mitmenschen.

Ich kannte Billington Stabbat vielleicht besser als jeder andere, denn wir waren zusammen im Feld gewesen und hatten die größten Gefahren miteinander durchgemacht. Daher wußte ich auch genau, daß er wirklich das tun würde, was er sich vorgenommen hatte. Wenn Dawkes Mary irgend etwas zuleide tat, würde Billy keinen Augenblick zögern, ihn zu beseitigen.

Wir setzten uns gespannt in Leslies Zimmer nieder.

»Hoffentlich dauert die Unterredung nicht zu lange«, sagte Billy nach einiger Zeit nervös.

Ich erwiderte nichts. Schweigend saßen wir und sahen auf die Uhr. Der Minutenzeiger rückte langsam vor. Nach einer Viertelstunde stand Billy auf.

»Ich kann das nicht länger aushalten! Ich –«

Der Schuß, der im Nebenzimmer fiel, unterbrach ihn.

Billy sprang zur Tür und riß sie auf. Das Zimmer lag im Dunkeln, und hastig drehte er den Lichtschalter an. Ich werde niemals vergessen, welcher Anblick sich uns bot.

In der Nähe der Tür, die auf den Gang hinausführte, stand Mary Ferrera bleich und verstört. In der Hand hielt sie einen kleinen Revolver. Als das Licht anging, hob sie die Hand und sah erschreckt darauf.

»Wir haben einen Kunden verloren«, sagte Leslie.

Selbst in diesem schrecklichen Augenblick hatte er den Humor nicht ganz verloren. Zweifellos hatte er recht, denn über dem Schreibtisch ausgestreckt lag Thomson Dawkes mit einer gräßlichen Kopfwunde, aus der das Blut tropfte.

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