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Mary Ferrera spielt System

Edgar Wallace: Mary Ferrera spielt System - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
booktitleGeheimagent Nr. 6/Mary Ferrera spielt System
titleMary Ferrera spielt System
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun13. Auflage
isbn3442002362
year1982
created20111027
projectid8dceba26
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2

Von mir selbst muß ich berichten, daß ich damals gerade Erholungsurlaub hatte. Bei der Verhaftung des Mörders von Canning Town kam es nämlich zu Tätlichkeiten. Der Mann schlug mit einer kurzen, schweren Eisenstange wütend um sich, und ich erhielt mehrere Hiebe, ehe es meinem Kollegen gelang, ihn durch einen Schlag mit dem Gummiknüppel bewußtlos zu machen. Der Chefinspektor bestand darauf, daß ich den Urlaub antrat, während Inspektor Jennings, der damals mein direkter Vorgesetzter war, zuerst nichts davon hören wollte! Mein Urlaub war in mancher Beziehung sehr nützlich für mich, denn ich konnte wieder einmal alte Freunde besuchen und meine kleine Abhandlung über Lombrosos »Verbrecherische Frauen« schreiben.

Ich habe in Oxford studiert und war eigentlich für den diplomatischen Dienst bestimmt, aber der Tod meines Vaters zwang mich dazu, mir meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. So kam ich schließlich nach Scotland Yard. Ein alter Freund meines Vaters machte seinen Einfluß geltend, so daß ich gleich eingestellt wurde. Ich wurde verhältnismäßig schnell befördert, und nach meinen letzten Erfolgen sollte ich zum Inspektor ernannt werden.

»Was halten Sie von George?« fragte Billy, als wir allein waren.

»Ein gefährlicher Mann. Sie sagten doch, daß er den Juwelierladen in der Regent Street ausgeplündert hat?«

Billy machte eine abwehrende Handbewegung.

»Gewiß, aber wir wollen jetzt nicht fachsimpeln. Übrigens ist alles, was Sie in diesem Büro hören, vollkommen vertraulich. Es würde Ihnen auch nicht gelingen, George zu überführen. Im Handumdrehen hat der zehn Alibis bereit. Wie geht es denn eigentlich unserem lieben Jennings?«

»Kennen Sie ihn denn auch?« fragte ich überrascht.

»Und ob! Er scheint nicht gerade Ihr Freund zu sein?«

»Wir stehen nicht besonders gut miteinander.«

Jennings gehörte zu den engherzigen Leuten der alten Schule, die nichts dazulernen und nichts vergessen.

»Vor zwei Tagen war er hier. Er ist nämlich ein großer Freund von meinem Klienten, Mr. Thomson Dawkes.«

Ich nickte. Dawkes kannte ich seinem Ruf nach, und ich wußte auch, daß Jennings stolz darauf war, einen so reichen Mann zum Bekannten zu haben. Der Inspektor war in Dawkes' Landhaus gewesen und erzählte dauernd von den vornehmen Leuten, die er dort getroffen hatte.

»Darf ich fragen, warum ausgerechnet Dawkes einer Ihrer Kunden ist? Soviel ich weiß, ist er doch verheiratet.«

Billington zwinkerte vergnügt mit den Augen.

»Vielleicht ist er nicht verheiratet. Auf jeden Fall handelt es sich hier nicht um eine Ehegeschichte, sondern nur um eine geplante Verbindung, die ihm Kummer macht.«

Er nahm das Taschentuch fort und legte den Browning in eine Schublade.

»Mont, Sie können mich in diesem Büro fragen, was sie wollen. Können Sie sich nicht einmal auf ein bis zwei Wochen frei machen und sich Urlaub geben lassen?«

»Ich habe Urlaub. Deshalb bin ich doch gerade hier.« Ich erzählte ihm, wie ich zu meinen Ferien gekommen war.

»Das ist ja großartig. Sie wären der Mann, mit dem ich zusammenarbeiten möchte. Denken Sie noch manchmal an die Nacht, als die Deutschen den Höhenzug unter Feuer nahmen und wir beide in einem kalten, nassen Unterstand saßen ...«

Nun tauschten wir allerhand alte Erinnerungen aus. Mir erschien es merkwürdig, daß wir jetzt über diese schrecklichen Tage und Nächte scherzen konnten. Aber das liegt wohl in der menschlichen Natur.

Plötzlich änderte er das Gesprächsthema so abrupt, wie er es aufgegriffen hatte.

»Sie kennen natürlich Thomson Dawkes. Er ist in der Stadt sehr bekannt – und ein Spieler. Ich halte ihn im allgemeinen für etwas gefährlich. Sir Alfred Cawley hat mich ihm empfohlen. Gegen den habe ich allerdings nicht das geringste einzuwenden, das ist ein netter Mensch!«

Billy drehte sich in seinem Sessel um, legte die Füße auf den Tisch und steckte sich eine Zigarre an, während er mir die Kiste zuschob. Vornehme Manieren hat er niemals gehabt, und er bedient sich stets zuerst.

»Als Dawkes während des letzten Frühjahrs in Monte Carlo war, spielte er Trente et Quarante«, fuhr er fort. »Nach einem Gewinn von ungefähr vierzigtausend Franc hatte er genug für den Tag, ging müßig in den großen Sälen umher und beobachtete die anderen Spieler. Besonders achtete er auf eine junge Dame, die schon vorher an seinem Tisch gesessen hatte.

Nach seiner Schilderung muß sie sehr schön sein. Sie war einfach, aber sehr elegant gekleidet und spielte höher als alle anderen an dem Tisch. Allem Anschein nach hatte sie ein bestimmtes System, denn neben ihr lag ein Blatt Papier mit vielen Figuren und Zahlen, das sie mehrfach zu Rate zog.

Sie verlor dauernd, aber mit einer Ruhe und Kaltblütigkeit, die Dawkes' Bewunderung erregte. Ständig spielte sie nachmittags von zwei bis fünf und abends von sieben bis Mitternacht. Dawkes erfuhr von anderen Leuten und von einem liebenswürdigen Croupier, daß sie bereits Millionen verloren hatte. Eine ungeheure Summe.«

»Das sind ja ganz außerordentliche Mißerfolge«, meinte ich. »Sie muß furchtbares Pech gehabt haben.«

»Anders kann ich mir das auch nicht erklären. Als die Spieler allmählich die Säle verließen, sprach Dawkes die junge Dame an. In Monte Carlo kommt man sich leichter näher, man kennt sich eben vom Spieltisch und weiß auch, in welcher finanziellen Lage die einzelnen sind. Er wollte sie über ihre Verluste trösten, aber zu seinem Erstaunen gab sie ihm eine kühle Antwort, ließ ihn stehen und ging zu ihrer Wohnung ins Hotel de Paris, direkt gegenüber dem Casino. Dawkes war das sehr unangenehm, denn er hielt sich für einen Mann, der den Damen im allgemeinen sympathisch ist. Er erkundigte sich in ihrem Hotel und hörte, daß sie sich dort als Mademoiselle Hicks eingetragen hatte. Das war natürlich nur ein angenommener Name, der Dawkes wenig sagte. Am nächsten Nachmittag wartete er lange Zeit auf sie, um sich besser über ihr System zu orientieren, aber sie erschien nicht im Spielsaal. Als er dann wieder in ihrem Hotel vorsprach, stellte sich heraus, daß sie bereits am Morgen nach Calais abgefahren war. Wie sie in Wirklichkeit hieß, konnte niemand sagen. In Monte Carlo hatte sie keine Freunde, hatte auch mit niemand gesprochen und weder einen Herrn noch eine Dame ins Vertrauen gezogen. Dawkes, der große Zähigkeit und Energie besitzt, ließ nicht locker, und schließlich fand sich noch eine Handtasche, die sie zurückgelassen hatte. Die eignete er sich an.

Die Tasche machte einen billigen Eindruck, hatte einen imitierten Schildpattrand und mußte erst in den letzten Tagen gekauft worden sein. In London zahlt man nicht mehr als sieben Schilling dafür. Damen, die spielen und vierzigtausend Pfund bei einem Besuch in Monte Carlo verlieren können, kaufen sich für gewöhnlich nicht derartig billige Sachen. In der Tasche fand Dawkes weiter nichts als etwas französisches Geld, zwei quittierte Hotelrechnungen und die Hälfte einer Fahrkarte dritter Klasse von Brixton nach Victoria. Auch dieser Fund ließ sich eigentlich nicht mit den außerordentlichen Verlusten der jungen Dame zusammenbringen, die allem Anschein nach doch sehr vermögend sein mußte.«

»Es klingt fast, als ob sie mit dem Geld anderer Leute gespielt hätte.«

Billy nickte.

»Der Gedanke ist mir auch sofort gekommen – aber wir werden ja sehen! Um wessen Geld konnte es sich handeln? Wie konnte eine junge Dame aus den Gesellschaftskreisen, zu denen Dawkes sie zählte, sich fremdes Geld aneignen, ohne Verdacht zu erregen? Und vor allem, warum erschien sie nicht nur einmal in Monte Carlo, sondern in regelmäßigen Abständen?«

»In regelmäßigen Abständen?« entgegnete ich erstaunt.

»Ich will Ihnen alles erzählen. Dawkes kam nach England zurück und machte dann eine Geschäftsreise nach New York. Bei seiner Rückkehr landete er in Cherbourg. Einen Platz im Schlafwagen von Paris nach Monte Carlo hatte er bestellt. Er erreichte den Bahnhof auch noch rechtzeitig und konnte den Riviera-Expreß benutzen. Da er müde war, legte er sich sofort nieder. Als er am nächsten Morgen in den Seitengang hinaustrat, fand er auf einem Klappsessel die geheimnisvolle Miss Hicks. Sie sah so selbstbewußt und ruhig aus wie immer, erkannte ihn nicht oder wollte ihn nicht erkennen. Er machte auch nicht den Fehler, sich ihr unter allen Umständen aufzudrängen. Erst am zweiten Abend nach der Ankunft in Monte Carlo sprach er wieder mit ihr. Sie hatte wieder hoch gespielt und beinahe ebensoviel gewonnen, als sie das letztemal verloren hatte.

›Sie hatten aber wirklich Glück‹, sagte Dawkes zu ihr. Sie sah ihn erschrocken an.

›Ja‹, entgegnete sie schnell. ›Es ist mir heute sehr gut gegangen. Immerzu kam Schwarz heraus.‹

›Morgen wird es Rot sein‹, meinte Dawkes lächelnd.

›Das glaube ich nicht‹, erwiderte sie ernst. ›Übermorgen wird die Kugel am Vormittag hauptsächlich auf Rot fallen, am Nachmittag auf Schwarz.‹

Merkwürdigerweise traf ihre Voraussage ein. Dawkes versuchte, mit ihr näher bekannt zu werden, aber sie schien ihn nicht leiden zu können. Das beweist eigentlich, daß sie intelligent sein muß. Da sie sich so abweisend gegen Dawkes benahm, interessierte er sich für sie nicht nur als Problem, sondern auch als Frau. Er schickte ihr häufig Blumen und lud sie zu einer Autofahrt ein. Aber sie lehnte seine Einladung ab.

Was danach geschah, kann ich nur vermuten. Dawkes hat mir nicht genau gesagt, wie er sich ihr gegenüber verhielt. Einmal hat sie ihm jedenfalls die Tür vor der Nase zugemacht. Wie er in eine solche Situation kam, weiß ich nicht. Einige Zeit später fuhr sie dann von Monte Carlo ab, nachdem sie große Summen gewonnen hatte, und ließ Mr. Dawkes enttäuscht und sehnsüchtig zurück. Das ist die ganze Geschichte«, schloß Billy etwas abrupt.

»Und was ist nun Ihre Aufgabe?« fragte ich überrascht, denn ich hatte ein anderes Ende erwartet.

»Ich soll die unbekannte Dame entdecken, herausbringen, wer sie ist, woher sie das Geld bekommt und so weiter.«

»Und wenn nun Mr. Dawkes alles das erfahren hat, will er dann –«

In diesem Augenblick wurden wir unterbrochen.

Die Tür flog auf, und ein großer Mann stürzte herein. Er atmete schwer, denn er war die Treppe hinaufgeeilt.

»Dort ist sie, dort ist sie!« rief er keuchend und zeigte zum Fenster. »Sehen Sie schnell hin, jetzt haben Sie eine gute Gelegenheit, Stabbat. Direkt der Haustür gegenüber steht sie auf der anderen Seite.«

Billington sprang zum Fenster und öffnete einen Flügel.

»Wo denn?«

»Die junge Dame mit dem blauen Hut, die vor dem Juwelierladen steht – können Sie sie sehen?«

Billington legte die Hand schützend vor die Augen. Es war ein warmer, sonniger Tag, und das Büro lag nach Südwesten.

»Ja«, erwiderte er bedächtig.

»Sie geht in den Laden«, sagte der große Mann aufgeregt. »Nun haben Sie sie, Stabbat!«

Bill zögerte, streckte den Arm aus, um zu klingeln, zog die Hand aber wieder zurück.

»Ich werde selbst gehen.«

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