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Gutenberg > Edgar Wallace >

Mary Ferrera spielt System

Edgar Wallace: Mary Ferrera spielt System - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
booktitleGeheimagent Nr. 6/Mary Ferrera spielt System
titleMary Ferrera spielt System
publisherGoldmann Verlag
editorFriedrich A. Hofschuster
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun13. Auflage
isbn3442002362
year1982
created20111027
projectid8dceba26
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14

»Ach, ist Billy wirklich entkommen?« fragte Leslie mit gutgespielter Überraschung. »Ich möchte nur wissen, wie er aus Dartmoor herausgekommen ist.«

»Vielleicht im Flugzeug.«

»Möglich«, entgegnete Leslie und machte sich mit einer Anzahl von Akten zu schaffen. »Das halte ich sogar für durchaus möglich.«

»Ich werde Ihnen sagen, was ich von der Sache halte«, erklärte ich.

Unsere Unterhaltung fand einen Tag nach unserer Abfahrt von Tavistock statt.

»Es fällt einem Sträfling leicht, von Dartmoor zu entkommen, wenn er nur die nötigen Verbündeten hat. Seine Freunde verkleiden sich als Gefangene, die in ein anderes Gefängnis abtransportiert, werden sollen, und der Sträfling selbst spielt den Gefangenenwärter. Niemand wird sie anhalten und ausfragen, denn es kommt kein Mensch auf den Gedanken, daß Sträflinge auf diese Art entfliehen könnten.«

Er sah mich mit einem rätselhaften Lächeln an.

»Das ist allerdings eine glänzende Idee, Mr. Mont. Warum schreiben Sie eigentlich keine Kriminalromane?«

»Leslie!« sagte ich leise.

»Ja, Mr. Mont, was wünschen Sie?«

»Glauben Sie, daß Billy hierher ins Büro kommen will?«

»Wir werden ja sehen, Mr. Mont.«

»Ich fürchte nur, daß das zu einer Katastrophe führen wird. Draußen stehen zwei Polizisten, die das Haus streng bewachen.«

Leslie legte seine Akten nieder und sah mir offen in die Augen.

»Mr. Mont, Sie können sich auf mich verlassen. Die beiden Polizisten waren schon hier oben und haben die Räume durchsucht. Seien Sie so gut und gehen Sie jetzt einmal in Billys Büro. Dort finden Sie Senor Tobasco aus Chile.«

Ich zögerte, aber es blieb mir nichts anderes übrig. Ich hatte mich schon zu weit in die ganze Sache eingelassen. Als ich eintrat, saß Billy Stabbat an seinem Schreibtisch und rauchte gelassen eine große Zigarre. Ich schüttelte ihm erfreut die Hand, und es kam mir nicht im geringsten der Gedanke, daß ich meinen Diensteid dadurch verletzte. Mein Gewissen hatte ich auf Ferien geschickt.

»Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Billy. Aber ist das nicht viel zu gefährlich?«

»Die Tür ist ja verschlossen«, entgegnete er gleichgültig. »Außerdem gibt es einen Ausgang hier im Haus, den die Polizei nicht kennt. Vor allem müssen wir jetzt sehen, daß wir Mary freibekommen. Sie dürfen mir glauben, daß ich das fertigbringe, denn ich habe den Mörder Sir Philip Framptons gefunden.«

Ich sah ihn erstaunt an.

»Ich habe im Gefängnis einige Wochen in derselben Abteilung wie er gearbeitet.« Billy lachte vergnügt. »Ich wette, George ist ganz außer sich vor Wut, daß es mir gelungen ist, zu entfliehen. Aber er wird bald noch einen viel größeren Schrecken haben. Seinen Bruder habe ich ins Gefängnis gebracht, aber George kommt an den Galgen!«

Er faßte mich am Arm.

»Mont, Sie sind ein braver Kerl. Ich habe Sie in alle möglichen Gefahren und Unannehmlichkeiten gebracht, und ich hätte auch kein Wort gesagt, wenn Sie nicht mehr mitgespielt hätten. Was Sie für mich und Mary getan haben, soll Ihnen nicht vergessen werden. Heute will ich es wenigstens zum Teil wiedergutmachen. Bringen Sie Jennings heute nachmittag um zwei Uhr hierher, ebenso den Chefinspektor von Scotland Yard. Ich will mich ihm selbst stellen. Zum Glück kann ich beweisen, daß ich zu Unrecht verurteilt wurde. Mary ist vollkommen unschuldig. Es wird leicht sein, auch das klarzustellen. Bei mir ist die Sache schon schwieriger, denn ich habe zugegeben, daß ich schuldig bin. Ich muß eine sehr lange umständliche Erklärung abgeben.«

Ich hörte ihm erstaunt zu.

»Ist es tatsächlich Ihr Ernst, daß ich den Chefinspektor und Jennings hierherbringen soll?«

»Ja. Ich werde rechtzeitig da sein und Sie empfangen. Wir haben die Nacht hier zugebracht, nachdem wir in London ankamen. Die Kleider haben wir natürlich im Zug gewechselt. Und rasiert haben wir uns auch, bevor wir Exeter erreichten. Leslie hat seine Sache großartig gemacht. Ja, es ist wirklich mein Wunsch, daß Sie die beiden Beamten hierherbringen. Nachher können Sie wieder nach Dartmoor fahren und George Briscoe verhaften. Sie haben die Untersuchung des Falles in Händen.«

Ich wollte meinen Ohren kaum trauen, aber er sprach vollkommen ernst. Als ich fortging, schrieb er weiter an einem Brief, der bereits viele Seiten umfaßte. Ich vermutete, daß das Schreiben an Mary gerichtet war.

Es lag gerade keine sehr angenehme Aufgabe vor mir, aber ich faßte doch Mut und trug dem Chefinspektor mein Anliegen vor.

»Ich – ich habe Stabbat aufgespürt«, sagte ich und versuchte, möglichst ruhig zu erscheinen.

Er drehte sich sofort um und sah mich über seine Brillengläser hinweg an.

»Was? Wie haben Sie denn das gemacht? Und auf welcher Polizeistation haben Sie ihn abgeliefert?«

»Verhaftet habe ich ihn nicht«, erwiderte ich äußerlich ruhig. »Der Mann ist unschuldig und aus dem Gefängnis ausgebrochen, um seine Unschuld zu beweisen.«

»So?«

Eine peinliche Pause entstand.

»Wie will er sie denn beweisen?« fragte der Chefinspektor endlich.

Nun erzählte ich ihm, daß ich mit Billy vor ein paar Minuten eine lange telefonische Unterredung gehabt hätte und daß er uns in seinem Büro sprechen wollte.

»Mich will er sprechen!« rief der Chefinspektor und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Ja, Sie und Inspektor Jennings. Ich weiß nicht, ob ich Jennings dazu bringen kann, daß er dorthin geht –«

»Kümmern Sie sich nicht darum. Das mache ich schon.«

Um halb drei fuhren wir in einem Dienstwagen zu Billy.

Jennings hatte ich nicht gesagt, worum es sich handelte. Als er in das Büro trat, sah er am Schreibtisch Billy, der eine Zigarre im Munde hatte. Ich dachte, Jennings würde der Schlag rühren. »Stabbat!« rief er. »Ich verhafte Sie!«

Billy brachte ihn durch eine scharfe Handbewegung sofort zum Schweigen.

»Soweit sind wir noch nicht, Mr. Jennings. Ich bat Sie, heute hierherzukommen, um Ihnen verschiedenes zu zeigen.«

»Lassen Sie den Schwindel«, erwiderte Jennings, der vor Ärger krebsrot im Gesicht geworden war.

»Ich glaube aber, daß ich Sie von meiner Schuldlosigkeit überzeugen kann«, lächelte Billy.

»Das werden wir ja sehen!« schrie Jennings. Leslie und ich lachten laut auf, als wir Billys Lieblingsausspruch hörten.

»Was ist denn los?« fragte der Chefinspektor.

»Das erkläre ich Ihnen später«, entgegnete ich.

Jennings wandte sich in höchster Empörung an unseren Vorgesetzten.

»Ich weiß nicht, ob Sie wissen ...« begann er, aber der Chef winkte ab.

»Wir wollen erst hören, was uns Stabbat zu sagen hat«, entschied er.

»Ich bat Sie, hierherzukommen, und ich will Ihnen nun erklären, wie auf zwei Leute in diesem Raum geschossen wurde. George Briscoe ist dafür verantwortlich. Sie werden wahrscheinlich schon von ihm gehört haben.«

»Ach, meinen Sie den kanadischen Verbrecher?« fragte der Chefinspektor.

»Ja. Seinen Bruder Tom habe ich überführt, aber George entging damals der Strafe und wurde vom Gericht freigesprochen. Später kam er nach England, um mit mir abzurechnen, weil ich seinen Bruder lebenslänglich ins Gefängnis gebracht hatte. Er ist einer der klügsten und tüchtigsten Mechaniker und wie sein Bruder als Experte in Schlössern unübertroffen. Er wollte sich an mir rächen und fand eine Gelegenheit dazu, als ich diese Büroräume bezog. Er bestach den Polier, der die Arbeiten beaufsichtigte, und erhielt die Anstellung, die er haben wollte. Ich erkannte ihn sofort, ließ ihn aber ruhig hier arbeiten, weil ich glaubte, er wolle mich auf der Stelle niederschießen und dann fliehen. Wenn es sich aber um Schnelligkeit beim Schießen handelt, nehme ich es mit jedem anderen auf. George hatte jedoch ganz andere Absichten.«

Jennings hatte sich inzwischen in dem Schreibtischsessel niedergelassen, den Billy freigemacht hatte.

»Hoffentlich dauert diese Geschichte nicht zu lange«, sagte er, aber der Chef brachte ihn durch einen strengen Blick zum Schweigen.

»Erzählen Sie weiter, Stabbat.«

»Er hat einen Plan zur Ausführung gebracht, der verteufelt schlau ist. Ich weiß wirklich nicht, ob ich den Mann hassen oder bewundern soll. Ich habe mich später erkundigt und erfahren, daß er zwei Tage lang allein in diesem Büro arbeitete. In dieser Zeit baute er eine automatische Pistole hier ein. Die Auslösung des Schusses erfolgt durch elektrischen Strom, und zwar immer dann, wenn man die Klingel auf dem Tisch drückt. Natürlich nahm er an, daß ich der erste sein würde, der die Klingel benützen und dadurch den tödlichen Schuß gegen mich selbst auslösen würde.«

»Ach, das ist doch alles Unsinn! Uns können Sie doch solche Märchen nicht erzählen!« rief Jennings. »Diese Klingel ...«

In diesem Augenblick geschah es. Ich hörte, wie Billy dem Inspektor eine Warnung zuschrie und sich selbst flach auf den Boden warf. Jennings ließ sich aber nicht abhalten – er drückte auf den Knopf ...

Eine ohrenbetäubende Detonation folgte; ein Geschoß streifte den Inspektor, der sich weit vorgebeugt hatte, an der Schulter und zerschlug dann klirrend das Fenster.

»Glauben Sie es jetzt? Der Schuß wird durch die elektrische Klingel ausgelöst«, sagte Billy, nachdem er sich langsam wieder vom Boden erhoben hatte. »Und wenn Ihr Kopf etwas höher gewesen wäre, hätte ihn das Geschoß getroffen.«

Jennings war weiß wie ein Tischtuch und zitterte am ganzen Körper, obwohl ihn die Kugel nur an der Schulter gestreift hatte. Er hatte den Schreibtischsessel zurückgeschoben und sich deshalb weit vorbeugen müssen, um zu klingeln.

»Um Himmels willen!« rief der Chefinspektor. »Woher ist der Schuß denn gekommen?«

»Aus dem Maul des rechten Löwen am Kamin. Ich werde Ihnen alles genau zeigen.«

Billy winkte Leslie, und die beiden zogen und drehten an dem Marmorkopf. Nach einiger Zeit gab er nach, und sie legten das schwere Steinstück auf den Boden, nachdem sie vorher einen Verbindungsdraht entfernt hatten. Im Innern sah man deutlich eine Pistole, die in einer Höhlung einzementiert war. Selbst ein Laie konnte den Mechanismus der elektrischen Auslösung ohne weiteres erkennen.

»Bei dem ersten Unglück, das hier passierte, sah es so aus, als hätte jemand auf meinen Freund Thomson Dawkes geschossen. Aber Dawkes selbst hatte auf den Klingelknopf gedrückt, um jemand verhaften zu lassen.«

»Ihre letzte Bemerkung klingt etwas unklar, Stabbat, aber ich glaube, ich verstehe Sie«, erwiderte der Chefinspektor.

»Die betreffende Person hatte einen Revolver in der Hand, hat ihn aber nicht abgedrückt. Das habe ich inzwischen erfahren. Zuerst hatte ich den Eindruck, daß tatsächlich ein Schuß abgegeben worden war. Was Sir Philip Frampton geschah, ist jetzt auch geklärt. Er schrieb einen Brief und fand, daß er mit der Feder nicht schreiben konnte, weil sie alt und verdorben war. Er sah sich um, entdeckte die Klingel und drückte auf den Knopf, um den jungen Mann hereinzurufen. Das Geschoß traf ihn so unglücklich, daß er sofort tot war. Er sprang noch auf und stürzte dann auf dem Teppich nieder.«

Der Chefinspektor untersuchte die Anlage genau.

»Damit wird also die Anklage gegen Miss Ferrera hinfällig. Ich glaube doch, daß sie die betreffende Person war?« Er warf mir einen merkwürdigen Blick zu. »Ich kann mich allerdings nicht entsinnen, daß Sie in Ihrem Bericht die Anwesenheit von Miss Ferrera erwähnten!«

»Ich habe sie nicht erwähnt«, entgegnete ich.

»Nun, dann haben Sie sie vielleicht nicht bemerkt oder übersehen«, fügte er mit einem feinen Lächeln hinzu und winkte Jennings.

»Sie dürfen von Glück sagen, Inspektor. Die beiden Polizisten, die Sie vor dem Haus aufgestellt haben, können Sie abberufen. Mr. Stabbat bleibt ja wohl noch einige Stunden hier. Der Polizeipräsident wird sich diese geniale technische Anlage sicher auch ansehen wollen.«

Ich konnte vor Freude kaum sprechen, als ich mich an diesem Nachmittag von Billy verabschiedete.

»Was wird Mary dazu sagen?« meinte ich.

Eigentlich erwartete ich die stereotype Antwort: »Wir werden ja sehen«, aber diesmal entgegnete er nichts, sondern drückte mir nur stumm die Hand.

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