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Maruja

Bret Harte: Maruja - Kapitel 9
Quellenangabe
authorFrancis Bret Harte
titleMaruja
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1885
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181216
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Siebentes Kapitel.

So genau Carroll den Palast Aladins auch schon kannte, so kam ihm die Außenseite desselben an diesem Tage doch noch unwirklicher, märchenartiger, eintagsfliegenhafter vor, als sonst. Die maurischen Säulen von dünnem, weißem Tannenholz, die wie aus Kartenblättern geschlagenen Arabesken und Gitter, die schlanken goldenen Minarets, welche aussahen, als wären sie dem Hause angeleimt und die falschen Zinnen, welche sich unter den heißen Sonnenstrahlen krumm gezogen und Sprünge bekommen hatten – alles dies erschien ihm heute mehr denn je wie eine Theaterdekoration, die jeden Augenblick entweder in den Boden versinken oder auf ein Zeichen des Maschinenmeisters zu beiden Seiten hinweggezogen werden konnte, und indem er sich der spöttischen Bemerkungen Raymonds erinnerte, kam es ihm wirklich vor, als sei das Haus von einem gewissenhaften Architekten mit der Aussicht auf die Möglichkeit erbaut, daß Aladins Wunderlampe und Ring dereinst neben anderen Gegenständen in die Hände des Sheriffs übergehen könnten.

Bald darauf hielt er vor der Eingangsthür – ein Diener nahm ihm das Pferd ab und rief dann einen anderen Diener. Dieser führte den Gast durch die große, glänzend dekorierte Empfangshalle – welche dem Gastzimmer eines großen Hotels ziemlich ähnlich sah – in einen kleinen Wartesalon, indem er fragte, ob er ihm ein Glas Sherry-Cobbler Getränk aus Wein, Zucker, Citronen und gestoßenem Eise, welches mittels eines Strohhalmes oder eines anderen Rohres getrunken wird. Anm. d. Uebers. bringen dürfe. Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten Aladins und seines Palastes, daß der Wirt seine Gäste selten in eigener Person empfing, sondern diese Aufgabe meist einem Freunde, gewöhnlich dem zuletzt angekommenen überließ, und Carroll war deshalb nicht im mindesten erstaunt, als er sich auch jetzt von einem völlig unbekannten Herrn begrüßt sah, welcher ihm noch einmal die eben abgelehnte Erfrischung anbot.

»Ich bin selbst fremd hier und kenne die Gewohnheiten des Hauses noch nicht,« sagte dieser Stellvertreter des Wirtes, »aber wenn Sie zu irgend etwas Appetit haben, so dürfen Sie es mir nur sagen, und ich werde versuchen, es Ihnen zu verschaffen. Jim (dies war der wirkliche Taufname Aladins) führt eben einige seiner Gäste durch die Ställe, und wenn Sie sich der Gesellschaft anschließen wollen –? ich glaube, sie sind noch nicht halb durch. Oder würden Sie vielleicht lieber mit ins Billardzimmer kommen? – das Neueste in buntem Glas und Eisen, versichere ich Sie, und ganz frisch gemalt. Oder ziehen Sie vor, einen Gang durch die Frauengemächer zu unternehmen und das ganz in Bambus und Silber möblierte Ankleidekabinett, sowie das Bett von Krystall und weißem Atlas zu besehen, das, wie es da geht und steht, seine fünfzehntausend Dollar kostet? Oder,« fügte er vertraulich hinzu, »möchten Sie den ganzen verwünschten Plunder im Stiche lassen, so könnte ich auch Jims neuen Trotter einspannen und Sie in seinem neuen, spinnenbeinigen Buggy Buggy, ein leichter zweisitziger, zweirädriger Wagen. Anm. d. Uebers. noch vor Tische nach den Wasserfällen hinüber fahren.«

Da es Carroll für seine Zwecke angemessener fand, seine Bekanntschaft mit Aladins Schätzen zu verheimlichen, so lehnte er letzteren Vorschlag höflich ab, nahm dagegen aber das Erbieten, ihn durch das Haus zu führen, mit Dank an.

»Ich glaube,« fuhr der Fremde fort, »Jim hat jetzt den Kopf gehörig voll, von wegen des plötzlichen Abfahrens des alten West, gerade in dem Augenblicke, wo sie den Eisenbahnschwindel und die Fabrikgesellschaft in Schwung brachten. Die Aktien gingen diesen Morgen mit einem Schlage auf Null herunter, und unter uns,« setzte er in vertraulichem Flüstertone hinzu: »man sagt, es war die Frage, ob es nicht zu einem großen Krach kommen würde. Aber Jim war drüben in San Antonio, noch ehe West kalt geworden, belegte den Telegraphen zwei Stunden für sich mit Beschlag, hatte, ehe noch der Totenbeschauer eintraf, eine vorläufige Besprechung mit den Direktoren und Aufsichtsräten, brachte die Bücher und Papiere des Doktors in seinem Buggy mit herüber, veranlaßte noch vor dem zweiten Frühstück eine zweite Konferenz, und als die anderen sich endlich nach und nach einstellten, um sich zu erkundigen, ob es wirklich wahr und der Doktor wirklich tot wäre oder nicht, hatte Jim die ganze Geschichte längst im Sacke. Und das war ein Glück, denn hier herum ist alle Welt dabei beteiligt – auch die Spanierin da drüben, die mit der schönen Tochter – das hochnäsige Volk in dem großen Hause – Sie wissen wohl, wen ich meine ...«

»Nein, ich weiß es nicht,« entgegnete Carroll. »Ich kenne wohl eine Dame, sie heißt Mrs. Saltonstall, welche mehrere Töchter hat ...«

»Die meine ich eben. Ich wußte wohl, daß ich Sie mal dort getroffen hatte. Na, die ist von dem Doktor hineingeritten worden, bis über die Ohren. Ich glaube, sie hat ihm alles anvertraut, was sie besitzt.«

Carroll bedurfte seiner ganzen Selbstbeherrschung, um seine Aufregung nicht zu verraten. Dies also war die Ursache von Marujas Traurigkeit! Armes Kind! Wie brav und mutig sie sich dabei benommen hatte. Und er in seinem Egoismus hatte davon gar nichts geahnt. Vielleicht hatte sie ihm den Brief nur gegeben, um ihm auf zarte Weise diese Mitteilung zu machen, denn ohne Zweifel sollte er jetzt alles aus Aladins Munde erfahren. Und dieser Mann, welcher allem Anscheine nach mit der Verwaltung und Ordnung von Dr. Wests Nachlaß betraut war, befand sich wahrscheinlich auch bereits im Besitz der in Frage stehenden Briefe. Hm! Er schloß die Lippen noch fester und ging noch höher aufgerichtet neben seinem nichts ahnenden Führer einher.

Es dauerte indessen nicht mehr lange, so verriet der Ton von Stimmen, das Oeffnen und Schließen von Thüren und das Geräusch vieler Fußtritte, daß die Gesellschaft, welche eben herumgeführt wurde, sich dem Teil des Gebäudes näherte, in dem sich Carroll und sein Begleiter befanden.

»Da kommt Jim mit seiner Gesellschaft,« sagte der junge Mann. »Ich will ihm melden, daß Sie da sind, und mich dann davon machen. Aber ich hoffe, Sie bei Tische wiederzusehen.«

In diesem Augenblicke erschienen Prince und eine Anzahl von Damen und Herren an dem entgegengesetzten Ende der Halle. Carrolls bisheriger Führer gesellte sich zu ihnen, machte dem Wirte allem Anscheine nach die Mitteilung von dem Dasein eines neuen Gastes und schlenderte von dannen.

Obgleich Aladin, wie die meisten Menschen seiner Klasse, eine instinktive Abneigung gegen den Militärstand hegte, konnte er doch nicht umhin, die gesellschaftliche Wichtigkeit desselben in einem Lande anzuerkennen, das keine festgeschlossene Gesellschaft besitzt. Außerdem hatte ihm Carrolls stolze und ruhige Selbstbeherrschung imponiert; seine Selbstbeschränkung inmitten einer Umgebung voll unruhigen Ehrgeizes, gegenüber einer rücksichtslosen Behauptung des einmal Errungenen, hatten ihm Achtung eingeflößt, und so trat er mit herzlicher Begrüßung auf ihn zu. Dann stellte er ihn mit sichtlicher Befriedigung seinen übrigen Gästen vor, und obgleich es ihm lieber gewesen wäre, wenn Carroll Uniform getragen hätte, so ließ er sich schließlich doch an der Thatsache genügen, daß der junge Offizier, wie alle Männer, die ihre Glieder in der Gewalt haben, in Civilkleidern eine fast ebenso gute Figur machte.

»Sie haben Ihren Gästen jetzt alles gezeigt,« sagte Carroll lächelnd, »nur das geheime Kabinett noch nicht, wo Sie die Wunderlampe und den Ring aufbewahren. Sollen wir nicht wenigstens den Ort zu sehen bekommen, wo sich der Zauber vollzieht, welcher alle diese Herrlichkeiten hervorbringt – selbst wenn es nicht erlaubt wäre, der eigentlichen Ceremonie beizuwohnen? Die Damen sterben gewiß vor Neugier, Ihr Allerheiligstes, Ihr Studium, Ihre Werkstatt zu sehen, in der Sie leben und schaffen.«

»Sie werden kaum mehr als ein bloßes Zelt, einen Raum, ebenso bescheiden wie mein Schlafgemach, finden,« entgegnete Prince, der sich auf die spartanische Einfachheit seiner persönlichen Gewohnheiten etwas zu gute that und sie gern zur Schau stellte. »Aber kommen Sie mit mir, meine Damen und Herren.«

Dabei durchschritt er die große Empfangshalle und trat in ein kleines, einfach möbliertes Zimmer, das unter anderem einen großen Tisch enthielt, bedeckt mit Papieren und Büchern, von denen einige staubig und sehr abgegriffen aussahen. In Carroll stieg sofort der Gedanke auf, daß dies Wests Eigentum sei. Er zog daher in aller Stille den Brief aus der Tasche und legte ihn, während sich die Aufmerksamkeit der übrigen nach einer anderen Richtung lenkte, auf den Tisch, indem er nur Prince verständlich flüsterte:

»Von Mrs. Saltonstall.«

Aladin besaß jene wunderbare Keckheit, welche so oft die Stelle des Taktes vertritt, und indem er Carroll einen schnellen Blick zuwarf, rief er plötzlich die Arme in die Luft erhebend, sich zu seinen Gästen wendend und sie wie im Scherze nach der Thür drängend:

»Hallo! der Zauber ist in vollem Gange. Der Genius ist bei der Arbeit, und niemand darf hier bleiben, der nichts damit zu thun hat! Bitte, folgen Sie Miß Wilson,« fuhr er fort, indem er beide Hände mit einer unwiderstehlichen väterlichen Vertraulichkeit auf die Schultern des hübschesten und schüchternsten der jungen Mädchen legte. »Sie wird die Wirtin machen, und ich werde nicht verfehlen, jeden Wechsel, den sie ausstellt, zu honorieren!« Und ehe ihnen seine Absicht noch recht klar wurde, ehe sie nur bemerkten, daß sich Carroll nicht mehr zwischen ihnen befand, hatte Aladin die Thür geschlossen und war mit dem jungen Manne allein.

Schnell trat er an den Tisch, nahm den Brief und öffnete ihn.

Sein Gesicht, das bis dahin den Ausdruck heiterster Laune getragen, wurde plötzlich ernst und starr. Ohne Carroll im mindesten zu beachten, näherte er sich dem telegraphischen Apparate auf einem Seitentischchen und begann mit großer Energie ein halbes Dutzend Elfenbeinknöpfchen in wechselnde Bewegung zu setzen. Dann trat er wieder an den Schreibtisch, um mit schnellem Blicke die hier aufgestapelten Papiere zu mustern. Carrolls scharfes Auge blieb an einem kleinem Päckchen Briefe haften die offenbar von feiner weiblicher Hand geschrieben waren. Jedenfalls hatte er da die in Frage stehende Korrespondenz vor sich.

Ohne den Blick zu Carroll zu erheben und in fast rauhem Tone fragte Prince:

»Mit wem hat man denn sonst noch von der Sache gesprochen?«

»Wenn Sie von dem Inhalte des Billets reden, so kann ich Ihnen nur sagen, daß der Brief vor drei Stunden geschrieben und mir übergeben wurde, und daß er seitdem nicht aus meinen Händen gekommen ist.«

»Hm. Wer ist denn weiter in der Casa? Nicht wahr, Buchanan ist dort und Raymond, wohl auch Viktor Guitierrez?«

»Ich kann Ihnen, wenn es das ist, was Sie zu wissen wünschen, die Versicherung geben, daß Mrs. Saltonstall, seitdem sie die Nachricht von dem Tode Dr. Wests empfangen, niemand gesehen hat, als ihre Tochter,« entgegnete Carroll, der das Päckchen Briefe, während Prince sprach, nicht aus den Augen ließ.

»Sind Sie Ihrer Sache ganz sicher?« fragte Aladin.

»Ich glaube es zu sein.«

Prince stand offenbar erleichtert auf und ließ, zu dem telegraphischen Apparate zurückkehrend, seine Finger gleichsam mechanisch über die Knöpfe desselben gleiten.

»Es ist ja am besten, gleich und auf einmal zu erfahren, was man doch erfahren muß, wenn es sich um die Veränderung eines Besitzstandes von etwa vier Millionen handelt, die sich binnen vier Stunden vollzogen hat; nicht wahr Kapitän?« sagte er, Carroll zum erstenmale voll ins Gesicht blickend. »Gerade vor vier Stunden rechneten wir in demselben Zimmer hier heraus, daß die Witwe Saltonstall mit etwa einer Million an den Unternehmungen Dr. Wests beteiligt ist, d. h. diese Summe in Aktien angelegt hat, und kamen zu der Annahme, daß sich ihr Conto vielleicht mit Verlust der Hälfte dieser Summe abwickeln lassen würde. Wenn ihr nun aber, wie sie mir in diesen Zeilen mitteilt, der Doktor als weitere Sicherheit seine Besitzung cediert hat, und das wirklich alles verbrieft und besiegelt ist, so tritt sie – mit einem Worte gesagt – an die Stelle des Doktors, und wir anderen, die wir uns mit etwa drei Millionen bei den Unternehmungen beteiligt haben, sind von ihr abhängig. Das ist alles. Sie haben eine kleine Bombe hier hereingeworfen, Kapitän, und die Splitter fliegen bis San Francisco. Ich gestehe, ich bin vollständig paff! Ich habe immer gefunden, daß sich der alte Mann da drüben in der Casa ein bißchen allzu liebenswürdig machte – doch sie war eine Frau und er, trotz seiner sechzig Jahre, ein Mann, aber diese Kombination hätte ich nie und nimmer erwartet. Mich wundert nur, daß sie ihn nicht schon früher mit Stumpf und Stiel aufgezehrt hat.«

Carrolls Gesicht verriet ebensowenig Schrecken oder Befriedigung über die Nachrichten, deren unwissentlicher Träger er gewesen, als Groll oder Empfindlichkeit über die Rücksichtslosigkeit und Roheit des Tones, in welchem ihm die Mitteilung gemacht wurde.

»Es scheint hier keine Notiz über diese Cession vorhanden zu sein,« fuhr Prince fort, indem er die Papiere von neuem mit den Augen überflog.

»Haben Sie das schon angesehen?« fragte Carroll, indem er das Briefpäckchen in die Hand nahm.

»Nein, es scheinen die Privatbriefe zu sein, welche sie in ihrem Billet zurückverlangt.«

»Lassen Sie uns doch zusehen,« gab Carroll zur Antwort, während er das Päckchen aufmachte. Es enthielt drei oder vier in spanischer und englischer Sprache geschriebene Briefe.

»Liebesbriefe vermutlich und deshalb verlangt sie dieselben zurück,« sagte Prince. »Sie möchte die Schmeicheleien und Liebesworte, mit denen sie den Doktor geködert, nicht gern in die Oeffentlichkeit kommen lassen.«

»Wir wollen diese Papiere ordentlich durchsehen,« bemerkte Carroll gefällig, indem er die Briefe öffnete und vor Prince ausbreitete, sie aber so hinlegte, daß dieser sie nicht lesen konnte. »Sie scheinen nichts Geschäftliches zu enthalten und sind offenbar nur Privatbriefe.«

»Jedenfalls,« entgegnete Prince.

Carroll legte die Papiere wieder zusammen und steckte sie in die Tasche.

»Dann werde ich sie ihr zurückbringen,« sagte er ruhig.

»Hallo! so haben wir nicht gewettet!« rief Prince aufspringend.

»Ich sagte, ich würde sie ihr zurückbringen,« wiederholte Carroll so ruhig wie zuvor.

»Aber ich habe sie Ihnen nicht gegeben. Ich habe niemals eingewilligt, sie von dem übrigen schriftlichen Nachlaß zu trennen!« rief Prince.

»Das thut mir leid,« versetzte Carroll kalt. »Es wäre ohne Zweifel zuvorkommender und höflicher gewesen.«

»Höflicher! Ich nenne das Diebstahl!«

»Von Diebstahl würde nur die Dame sprechen können, welche diese Briefe zurückverlangt, falls man die Herausgabe verweigerte. Auf Sie oder mich kann dies Wort keine Anwendung finden,« entgegnete Carroll.

»Ich frage Sie ein für allemal, ob Sie mir die Briefe wiedergeben wollen oder nicht?« rief Prince blaß vor Wut.

»Gewiß nicht.«

»Nun, das werden wir ja sehen, Sir,« sagte Prince, indem er die Hand ausstreckte und klingelte. »Ich habe meinem Geschäftsführer geklingelt und werde Sie in seiner Gegenwart des Diebstahls beschuldigen.«

»Das werden Sie nicht thun.«

»Warum nicht?«

»Weil die Gegenwart eines dritten es mir möglich machen würde, Sie mit diesem Handschuh hier ins Gesicht zu schlagen, was ich, als Gentleman, ohne Zeugen nicht thun könnte.«

In diesem Augenblicke ließen sich im Gange Schritte hören.

Prince war im Grunde kein Feigling zu nennen und ebensowenig war er ein Dummkopf. Er wußte, daß Carroll Wort halten würde, wußte, daß er genötigt sein würde, sich mit ihm zu schlagen und daß, wie auch der Zweikampf ausfallen mochte, der Grund des Streites, welcher sicherlich bekannt wurde, nicht geeignet war, sein Ansehen zu fördern. Bis jetzt war die angedrohte Beleidigung ohne Zeugen geblieben und es brauchte niemand etwas davon zu erfahren. Die Briefe waren diesen Preis nicht wert.

Er ging nach der Thür, öffnete sie, sagte: »Es ist gut – ich brauche Sie nicht,« und drückte das Schloß wieder zu.

Mit erzwungener Sorglosigkeit kam er zurück.

»Sie haben recht,« sagte er, »warum soll ich hier um etwas streiten, was an anderer Stelle durch das Gesetz entschieden werden kann. Sie werden auf diese Weise schnell genug erfahren, ob Sie an diese Briefe irgend welchen Anspruch haben und ob Sie den richtigen Weg eingeschlagen, dieselben zu erlangen, Sir.«

»Ich wünsche durchaus nicht, mich irgend einer Verantwortlichkeit in Bezug darauf, welcher Art sie immer sein mag, zu entziehen,« gab Carroll kalt zur Antwort, indem er sich erhob.

»Wissen Sie was,« sagte Prince, indem er plötzlich in seine gewöhnliche barsche Offenheit zurückfiel. »Sie hätten mich eigentlich um diese Briefe bitten können ...«

»Die Sie mir dann nicht gegeben hätten,« fiel Carroll ein.

Prince lachte.

»Das mag sein, Kapitän!« antwortete er; »aber haben Sie etwa diese Art von Kriegskunst in Westpoint gelernt?«

»Ich habe dort gelernt, daß man unter der weißen Flagge weder Beleidigungen erfährt noch austeilt,« sagte Carroll scherzend, »und außerdem, daß es mir erlaubt ist, unter derselben auf Auswechselungen einzugehen. Ich habe an der Stelle, wo Dr. West verunglückte, dieses Taschenbuch gefunden, welches augenscheinlich ihm gehört hat. Ich lege dasselbe, da Sie seine Angelegenheiten ordnen, in Ihre Hände.«

Eine instinktive Zurückhaltung verhinderte ihn, dem Manne, zu dem er niemals in vertrauliche Beziehungen treten konnte, von seinen anderweitigen Beobachtungen etwas zu sagen.

Prince nahm das Taschenbuch in Empfang, schlug es mechanisch auf, und nachdem er die darin enthaltenen Notizen flüchtig überblickt hatte, kam plötzlich derselbe Zug gespannter Aufmerksamkeit in sein Gesicht, den dasselbe zu Anfang der Unterredung getragen hatte.

»Haben Sie diese Aufzeichnungen durchgesehen?« fragte er, indem er zu Carroll aufblickte.

»Nur soviel als notwendig war, um mich zu überzeugen, daß es nichts enthält, was die Persönlichkeit betrifft, die ich vertrete,« gab Carroll einfach zur Antwort.

Der Kapitalist sah in die klaren Augen des jungen Offiziers, und eine gewisse Verlegenheit kam in die seinigen, die er abwandte.

»Durchaus nichts!« sagte er, »einfache Notizen in Bezug auf des Doktors Geschäftsangelegenheiten ... nicht das mindeste, das Ihre Auftraggeberin angeht.« Er lachte. »Besten Dank für den Tausch ... Sie trinken doch ein Glas Wein?«

»Nein, ich danke!« erwiderte Carroll und ging der Thür zu.

»So leben Sie wohl,« sagte Prince, indem er ihm die Hand bot. Aber Carroll, der ihn mit den klaren Augen noch immer ansah, ging ruhig an der ausgestreckten Hand vorüber, öffnete die Thür, verbeugte sich und trat über die Schwelle.

Ein leichtes Erröten stieg in Princes Wangen auf und als die Thür zufiel, lachte er kurz vor sich hin. Wäre er ein dramatischer Bösewicht gewesen, so hätte er wahrscheinlich ein Selbstgespräch hinzugefügt, in welchem er darauf hingewiesen, daß der Tag der Rache für ihn gekommen sei; daß der »übermütige Sieger«, der soeben mit seiner schlecht erworbenen Beute davongegangen, ihm eine Waffe zurückgelassen habe, die des Siegers Freunde ins Verderben bringen müsse; daß »die Stunde« da sei, und möglicherweise hätte er noch ein »Ha! ha!« ausgestoßen. Da er jedoch nur ein einfacher, harmloser, selbstsüchtiger Schuft und nicht viel besser oder schlechter war, als seine Nachbarn, so setzte er sich an sein Pult und begann sorgsam zu überlegen, auf welche Weise er am besten von den Aufzeichnungen des Dr. West Gebrauch machen könne – Aufzeichnungen, aus denen das Dasein eines Sohnes, mithin das eines gesetzlichen Erben der Hinterlassenschaft hervorging.

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