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Maruja

Bret Harte: Maruja - Kapitel 8
Quellenangabe
authorFrancis Bret Harte
titleMaruja
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1885
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel.

Zum sichtlichen Bedauern der meisten Herren und zur unverhofften Erleichterung einiger ihres eigenen Geschlechtes zog sich Maruja nach einem Abende, an welchem sie sich noch launenhafter und eigenwilliger gezeigt hatte, als sonst, ungewöhnlich früh in ihr Zimmer zurück. Sie beredete Enriquita, eine jüngere Schwester, ihr eine Stunde Gesellschaft zu leisten, und bot ihr mit einer ganz neuen, eigentümlich bezaubernden Melancholie und unter allerlei mütterlichen Ratschlägen einige ihrer jugendlichen Schmucksachen zum Geschenk an.

»Nichts als Kinkerlitzchen, Riquita,« sagte sie. »Aber du bist noch jung und hast noch Zeit sie zu tragen, ehe du, wie ich, zu alt dazu wirst. Ich kann diese indianischen Perlen nicht mehr ausstehen, denn jedermann trägt sie; aber sie scheinen zu deinem Teint zu passen. Du bist jetzt noch nicht alt genug, um dich mit wertvolleren Schmucksachen zu behängen, aber wähle dir hiervon aus, was du magst.«

»Ruja, du wirst doch nicht dieses Halsband von geschnitztem Bernstein weggeben wollen, das dir aus Manila mitgebracht wurde und das dich so gut kleidet,« erwiderte Enriquita eifrig. »Alle Caballeros, Raymond und Viktor schwören darauf, daß nichts besser zu deiner Art von Schönheit paßt.«

»Wenn du die Männer erst genauer kennen gelernt hast, wirst du nicht mehr so viel auf das geben, was sie sagen,« entgegnete Maruja mit tiefer, sonorer Stimme. »Außerdem habe ich es heute getragen – und – kann es nicht mehr leiden.«

»Aber welchen Fächer willst du denn für dich behalten?« fuhr Enriquita fort, indem sie die auf dem Tische vor ihr ausgebreiteten Herrlichkeiten mit schüchternem Auge überblickte. »Doch wohl diesen von kostbarem Sandelholz, den du heute noch benutztest?

»Keinen von allen,« gab Maruja entschieden zur Antwort. »Ich werde mir einen von der einfachsten Art kaufen, denn es ist wirklich Zeit, daß man solchen Thorheiten ein Ende macht. Junge Mädchen geben ohne Bedenken Summen für einen Fächer aus, die hinreichen würden, einem armen Manne ein Pferd mit Sattel und Zaum zu kaufen.«

»Aber warum bist du denn heute so schrecklich ernsthaft und verständig, Ruja?« sagte die kleine Enriquita, deren Augen sich mit Thränen füllten.

»Weil es mir leid thut, daß du bist, wie alle anderen, denen sogar die eigene Seele für weltlichen Glanz und Flitter feil ist,« entgegnete Maruja hart. »Da – nimm die Perlen nur mit, Kind – das Bernsteinhalsband aber laß hier. Es könnte dich, was die heilige Jungfrau verhüten wolle, noch gelber machen, als du schon bist. Gute Nacht.«

Dabei küßte sie die Kleine zärtlich und schob sie aus der Thür. Kaum hatte sie sich indessen einen Augenblick in ihrem einsamen Zimmer umgesehen, als sie sich hastig in einen hellfarbigen Atlasschlafrock warf und hinaus und über den Gang eilte, um in das Schlafgemach der jüngsten Miß Wilson einzubrechen, diese gefühlvolle junge Dame von den Vorbereitungen zu ihrer Nachttoilette aufzustören und sie mit in ihr eigenes Zimmer zu ziehen. Hier hüllte sie dieselbe in einen großen Mantel von Seide und grauem Pelzwerk, fütterte sie mit Schokolade und verzuckerten Haselnußkernen, und fuhr dann, den Kopf an ihre teilnehmende Schulter lehnend, fort, die Welt und ihre Thorheiten zu beklagen und darüber zu Gericht zu sitzen, bis der Tag anbrach.

Es war ungefähr neun Uhr morgens, als Maruja erwachte und Faquita mit übel versteckter Ungeduld an ihrem Bette stehen sah.

»Ich habe Doña Maruja geweckt?« rief Faquita mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit. »Aber ich wollte der Señora eine Neuigkeit mitteilen – eine schreckliche Neuigkeit. Man hat den Amerikaner, Dr. West, diesen Morgen auf der Straße nach San José tot aufgefunden!«

»Dr. West – tot!« rief Maruja überrascht, aber keineswegs erschüttert von der Nachricht.

»Gewiß – tot – mausetot. Sein Pferd hat ihn abgeworfen und ihn, da er in den Steigbügeln hängen geblieben ist, geschleift – die heilige Jungfrau mag wissen, wie weit. Aber tot ist er gewesen – dieser Dr. West – als man ihn aufgehoben hat. An seinem Fuße hat noch der zerbrochene Steigbügel gehangen und in der Hand hat er noch ein Stück von dem zerrissenen Zaume gehalten! Ich dachte mir nun, es wäre am besten, wenn ich Doña Maruja weckte, damit kein anderer es Doña Maria hinterbringt.«

»Damit kein anderer es meiner Mutter hinterbringt?« wiederholte Maruja kalt. »Was willst du damit sagen?«

»Ich meine, damit kein Fremder es ihr sagt,« stammelte Faquita, die kecken Augen niederschlagend.

»Du meinst,« sagte Maruja langsam, »damit keine müßige, alberne Zunge die Morgenandacht Doña Marias mit der Schreckenskunde stört! Das war sehr klug und weise, Faquita. Ich werde ihr die Nachricht selbst überbringen. Hilf mir beim Anziehen.«

Aber die Neuigkeit hatte sich bereits im Hause verbreitet und kleine Gruppen von Gästen standen auf der Veranda beieinander, um dieselbe zu besprechen. Das müßige, inhaltslose Geplauder der nur ihr Vergnügen suchenden Menschen hatte eine plötzliche Unterbrechung erfahren. Man ließ sich die Thatsache wieder und wieder erzählen, die Dienerschaft wurde vertraulich ins Gespräch gezogen, der Bote, welcher die Nachricht gebracht hatte, wurde zum Helden des Tages und man machte sogar die Bemerkung, daß er klug und wie ein recht tüchtiger Mensch aussehe.

»Es scheint,« sagte Raymond, indem er sich zu einer der Gruppen gesellte, »es scheint, daß der Doktor, nachdem er gestern abend Mrs. Saltonstall einen Besuch abgestattet, die Casa etwa um elf Uhr verlassen hat. Sanchez, vielleicht der letzte Mensch, der ihn lebend gesehen, sagt, das Pferd sei sehr unbändig gewesen und es habe ihm geschienen, als wäre der Reiter demselben nicht recht gewachsen. Das Unglück geschah wahrscheinlich eine halbe Stunde später, denn man fand den Verunglückten etwa anderthalb Wegstunden von hier, und allem Anschein nach hat das Tier ihn ungefähr eine halbe englische Meile weit im Steigbügel geschleift, ehe der Sattelgurt geplatzt ist. Der Mustang trug nur noch den zerrissenen Zaum, als man ihn ruhig grasend in der Nähe des Rancho fand. Dies geschah gegen vier Uhr diesen Morgen, also eine Stunde früher, als die Leute, welche man sofort von dort auf die Suche schickte, den Leichnam seines Herrn entdeckten.«

»Aber der Mann muß auch rein toll gewesen sein, um sich einem dieser wilden Tiere anzuvertrauen,« bemerkte Mr. Buchanan. »Er war nicht mehr jung – jedenfalls ein angehender Sechziger – und ich erinnere mich, daß ich es nicht einmal recht passend für ihn fand, als ich ihn vor einigen Tagen draußen traf und er dahinjagte, wie einer dieser wahnsinnigen Mexikaner. Und doch schien er sonst bedächtig und überlegt genug, denn seine Unternehmungen verraten eine feste Hand und gingen nicht mit ihm durch, wie jene wilde Bestie. Na, der Aermste ist immerhin zu bedauern – er hat ein plötzliches Ende gefunden. Wie steht's denn mit seiner Familie?«

»Ich glaube er hat keine – wenigstens hier nicht,« entgegnete Raymond. »Doch man kann das in Californien nie mit Gewißheit sagen. Ich glaube, er war Witwer.«

»Aber wer sind seine Erben? Es muß doch ein ansehnliches Vermögen da sein?« fragte Buchanan ungeduldig.

»O, die Erben. Na, wenn West kein Testament hinterlassen hat, was eigentlich einem so vorsichtigen und praktischen Manne nicht ähnlich sähe – so werden sich seine Erben aller Wahrscheinlichkeit nach eines Tages einfinden.«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach einfinden?« wiederholte Buchanan erstaunt.

»Ja; Sie müssen bedenken, daß wir hier nicht so viel auf Erbschaften geben, wie Sie drüben in der Alten Welt. Der Verlust eines Mannes und die Frage, wie er ersetzt werden soll, ist für uns wichtiger, als der Verbleib seiner Erbschaft. Dr. West war aber ein Mann, dessen Bedeutung weit über seinen gegenwärtigen Besitz hinausreichte, und wir werden bald erfahren, wie viel und wie viele von ihm abhingen.«

»Was meinen Sie damit?« fragte Mr. Buchanan eifrig.

»Ich meine, daß fünf Minuten nach dem Eintreffen der Nachricht von Dr. Wests Tode Ihr Freund, Mr. Stanton, einen Boten mit einer Depesche nach dem nächsten Telegraphenbureau absandte und daß er selber hinüber zu Aladin fuhr, ehe die Kunde diesen noch hatte erreichen können.«

Buchanan machte ein ziemlich unbehagliches Gesicht und einige eingeborene Californier, welche dabei standen und aufmerksam zugehört hatten, gaben Zeichen von Unruhe.

»Und wo befindet sich dieses nächste Telegraphenbureau?« fragte Buchanan vorsichtig.

»Wenn Sie wollen, will ich Sie hinüber fahren,« entgegnete Raymond spöttisch. »Hier ist doch heute nichts zu thun und anzufangen. Da Dr. West ein Nachbar und Freund der Familie war, so unterbricht sein Tod alle Lustbarkeiten, bis das Begräbnis vorüber ist.«

Mr. Buchanan entfernte sich; dagegen näherten sich Kapitän Carroll und Garnier dem Sprecher.

»Ich hoffe, der Trauerfall wird uns nicht der Gesellschaft der Miß Saltonstall berauben,« bemerkte Garnier leichthin – »wenigstens, denke ich, wird sie für Trostworte nicht unzugänglich sein.«

»Dr. West schien ihr noch vor kurzem nicht besonders ans Herz gewachsen,« sagte Kapitän Carroll, indem er bei der Erinnerung an den Morgen im Borkenhäuschen leicht errötete und in seiner hoffnungslosen Leidenschaft selbst nicht abgeneigt schien, diese Erinnerung mit seinem Nebenbuhler zu teilen. »Kam es Ihnen nicht auch so vor, Monsieur Garnier?«

»Wahrscheinlich haben Sie recht, denn da Miß Saltonstall ihre Vorliebe wie ihre Abneigung immer sehr harmlos und kindlich ausspricht, so haben Sie jedenfalls ein ebenso richtiges Urteil darüber gewinnen können, wie ich,« sagte Raymond mit einem leichten Anfluge von Ironie.

Garnier parierte den Angriff mit geschickter Hand.

»Sie sind nicht nachsichtiger gegen unsere Thorheiten, wie Sie gegen die großen Leidenschaften jener Herren sind,« sagte er. »Gestehen Sie nur, daß Sie ihnen einen grausamen Schrecken eingejagt haben, denn Sie sind, glaube ich, das, was man hier einen – einen Bär Bear, Bär, auch ein nomineller Verkäufer von Aktien. Anm. d. Uebers. nennt. Sie drücken den Preis der Ware im Interesse des Geschäfts herunter.«

Raymond gab sich den Anschein, als bemerke er die beißende Ironie nicht.

»Ich sagte den Herren nur voraus,« entgegnete er ernst, »was jeder von ihnen, ehe noch viele Stunden ins Land gegangen sind, selbst erfahren haben wird. Dr. West war der Kopf, das Hirn der Gegend, wie Aladin das Lebensblut derselben ist. Man muß abwarten, in welchem Grade der Verlust dieses Hirns auf die hiesigen Verhältnisse einwirken wird. Der Effektenmarkt in San Francisco wird sich darüber noch heute durch den Kurs der San Antonio- und Soquelbahn-Aktien, sowie in dem Stande der West-Mühlen und anderer Industriepapiere aussprechen. Es ist nicht unmöglich, daß selbst unsere Gastfreunde in Mitleidenschaft gezogen werden, denn welcher Art auch sonst die Stellung Dr. Wests hier im Hause gewesen sein mag, so viel ist gewiß, daß er im vertrauten Geschäftsverkehr mit Mrs. Saltonstall gestanden hat.« Bei diesen Worten erhob er die Augen zum erstenmal zu Garnier, indem er leise hinzufügte: »Wir wollen hoffen, daß, wenn unsere Wirtin keine Ursache hat, sich den Verlust des Dr. West privatim zu Herzen zu nehmen, sie auch keine sonstigen Gründe haben möge, seinen Tod zu beklagen.«

Mit dem feinen Gefühl des Liebenden, nur den Verdruß, Schmerz und Nachteil fürchtend, die für Maruja aus alledem hervorgehen könnten, wartete Carroll ängstlich auf das Erscheinen des jungen Mädchens – zu seinem großen Leidwesen jedoch vergeblich. Auf seine halb schüchternen Fragen erfuhr er nichts, als daß Maruja sich mit ihrer Mutter eingeschlossen habe, und, obwohl nur die Familienglieder Zutritt in das Innere des Hauses hatten, konnte er sich, während er unruhig umherwanderte, nicht enthalten, ein- oder zweimal an dem vergitterten Thorbogen vorüberzustreifen, welcher diesen Teil des Hauses mit den Gesellschaftsräumen verband. Man kann sich sein freudiges Erstaunen denken, als er plötzlich leise seinen Namen nennen hörte und aufschauend in die sanften Augen Marujas blickte, die hinter dem Gitter stand.

Sie hielt mit der einen kleinen Hand die Thür ein wenig offen und gab ihm mit der anderen ein Zeichen, näher zu treten, dem er Folge leistete.

»Kommen Sie mit mir,« sagte sie, indem sie den Korridor entlang vor ihm her ging.

Sein Herz schlug heftig. Der Duft dieser geheiligten, nur dem intimsten Familienleben gewidmeten Abteilung des Hauses, dieser Duft mit seinem leisen Anfluge von welken Rosenblättern, erfüllte ihn mit unsagbarem Wohlgefühl. Der Atem verging ihm, als sei er ihm von weichen Lippen hinweggeküßt – alle seine Sinne waren wie von einem leichten Nebel umfangen, und seine Kniee wankten, als sich Maruja plötzlich zur Seite wendete, eine Thür öffnete und ihn in ein kleines gewölbtes Gemach nötigte.

Der Raum erschien auf den ersten Blick wie eine kleine Kapelle oder ein Betzimmer. Ein großes Kruzifix von Gold und Elfenbein hing an der Wand; in der Mitte auf dem mit Backsteinen getäfelten Fußboden stand ein Betschemel von schwerem dunklen Mahagoniholz. Außerdem bemerkte er noch eine niedrige Ottomane, welche mit einer bahrtuchähnlichen, dunkel-violetten Sammetdecke überhängt war, und zwei seltsam geschnitzte, steiflehnige Stühle. In dem ganzen Gemache herrschte eine religiöse, fast ascetische Stimmung, und doch hätte kein traumhaftes morgenländisches Serail den jungen Mann mehr berauschen und seine Sinne in so geheimnisvoller Weise gefangennehmen können.

Maruja deutete auf einen Stuhl und nahm dann mit einer ungemein weiblichen Bewegung Platz auf der Ottomane, indem sie den Ellbogen auf ein hohes Kissen stützte, so daß die wallenden Spitzen und Falbeln ihres Kleides zum Teil die bahrtuchähnliche Sammetdecke überfluteten. Ihr schönes ovales Gesichtchen sah bleich und melancholisch aus; ihre Augen waren feucht, wie von kürzlich vergossenen Thränen, und in ihren Tiefen, sowie um die Mundwinkel lag es wie ein Ausdruck niedergehaltener Leidenschaft. Ohne recht zu wissen warum, drängte sich Carroll der Gedanke auf, so müsse sie aussehen, wenn sich ihr Herz der Liebe erschlossen – und dieser Gedanke ließ ihn bis ins Innerste erbeben.

»Ich wollte Sie gern allein sprechen,« begann sie sanft, wie zur Erklärung. »Aber bitte, sehen Sie mich nicht so an. Ich hatte eine schlechte Nacht, und nun noch dieses Unglück« – hier hielt sie inne und fuhr dann fort: »ich möchte Sie um eine Gefälligkeit bitten – um eine Gefälligkeit für meine Mutter.«

Kapitän Carroll fand endlich durch eine energische Willensanstrengung seine Stimme wieder.

»Aber vor allem scheinen Sie mir leidend und erregt,« sagte er, » Sie scheinen in Sorgen. Ich hatte keine Ahnung, daß diese unglückliche Geschichte Ihnen so nahe gehen könnte.«

»Ich wußte es ebensowenig,« entgegnete Maruja, indem sie ihren Fächer mit einem leisen, klappenden Geräusch zusammenschlug. »Auch ich wußte es nicht, bis mir meine Mutter diesen Morgen alles erzählte. Um offen gegen Sie zu sein – es scheint, daß Dr. West ihr vertrauter geschäftlicher Berater gewesen ist. Alle ihre Angelegenheiten lagen in seinen Händen. Ich kann Ihnen nicht erklären, wie, wann und warum das so gekommen ist, aber es ist so.«

»Und das wäre alles,« rief Carroll mit der ungeheuchelten Offenheit eines Knaben, der sein Herz erleichtert fühlt. »Sonst berührt die Sache Sie nicht?«

Ein unwillkürliches, leises Lächeln trat auf Marujas Lippen.

»Und ist das nicht genug?« fragte sie. »Was wollen Sie mehr? Nein – bitte, bleiben Sie sitzen! Wir sind hier, um von ernsten Dingen zu sprechen. Sie fragen ja gar nicht, welche Gefälligkeit meine Mutter von Ihnen erbittet?«

»Gleichviel, was es ist, ich werde ihren Wunsch erfüllen,« gab Carroll schnell zur Antwort. »Ich bin der Sklave Ihrer Mutter, wenn sie mir erlaubt, ihr an Ihrer Seite zu dienen. Hoffentlich sind es aber keine geschäftlichen Angelegenheiten,« fuhr er nach kurzer Pause fort. »Von Geschäften verstehe ich nichts.«

»Wenn es sich um rein geschäftliche Fragen handelte, hätte ich mich an Raymond oder an Señor Buchanan gewendet; handelte es sich dagegen nur um Familienangelegenheiten, so würde sich Pereo, unser Mayordomo, diesen Morgen auf den Wunsch meiner Mutter von seinem Krankenbett erhoben und zu ihr geschleppt haben,« sagte Maruja. »Aber meine Mutter bedarf mehr als das; sie bedarf eines Ritterdienstes – sie selbst würde sagen: der Dienste eines Freundes.«

Carroll faßte Marujas Hand und bedeckte sie mit Küssen. Sie machte sich freundlich von ihm los.

»Was soll ich thun?« fragte er eifrig.

Maruja nahm ein zusammengefaltetes Billet von ihrem Pulte.

»Was Sie thun sollen, ist sehr einfach,« gab sie zur Antwort. »Sie müssen hinüber zu Aladin reiten und ihm dies Briefchen bringen. Aber Sie müssen es ihm geben, ohne daß es jemand sieht – und mehr als das; Sie müssen alle, die Sie dort treffen, in dem Glauben erhalten, daß Sie nur einen Höflichkeitsbesuch abstatten. Ladet er Sie zu Tische, so müssen Sie bleiben – und schließlich müssen Sie bei Ihrer Rückkehr mir heimlich zustellen, was er Ihnen etwa für Mama mitgeben sollte.«

»Und das ist alles?« fragte Carroll mit einem leichten Anflug von Enttäuschung im Tone.

»Nein,« rief Maruja, indem sie sich unwillkürlich erhob. »Nein, Kapitän Carroll, das ist nicht alles. Aber Sie sollen alles wissen, wäre es auch nur, damit Sie sehen, wie groß unser Vertrauen zu Ihnen ist – und damit Ihnen die Freiheit bleibt, nach Ihrem eigenen Wollen und Ermessen zu handeln, nachdem Sie alles erfahren.«

Das junge Mädchen war bei diesen Worten noch bleicher geworden und stand, ihren Fächer schnell auf- und zuklappend und mit dem kleinen Fuße leise auf den getäfelten Boden klopfend, vor dem Kapitän.

»Ich habe Ihnen gesagt,« fuhr sie fort, »daß Dr. West der geschäftliche Ratgeber meiner Mutter war. Sie betrachtete ihn sogar als mehr – nämlich als ihren Freund. Sie können sich wohl denken, wie gefährlich es für eine Frau ist, die ihren natürlichen Beschützer verloren hat, wenn sie anfangen muß, sich auf andere zu verlassen. Und meine Mama ist noch keine alte Frau. Dr. West wußte sie zu schätzen und unterschätzte sich selbst nicht – zwei Dinge, mit denen man bei Frauen sehr weit kommt, Kapitän Carroll – und meine Mutter ist eben eine Frau.« Hier hielt Maruja einen Augenblick inne und fuhr dann mit einem leichten Fächerschlage fort: »Um mich kurz zu fassen – wäre das Pferd nicht so feurig und der Reiter nicht so tollkühn gewesen, so hätte sich möglicherweise die alte Geschichte von der ersten Wahl meiner Mutter wiederholt und den Fluch Koorotoras von neuem auf die Besitzung herabbeschworen.«

»Und das sagen Sie mir, Maruja – mir, dessen Liebe Sie noch vor kurzem als eine hoffnungslose zurückwiesen?«

»Konnte ich das vorhersehen?« rief das Mädchen leidenschaftlich. »Und begreifen Sie denn nicht, daß meine Verwandten, wenn diese Verheiratung wirklich stattgefunden hätte, Ihre Bewerbung um mich nur um so entschiedener zurückgewiesen haben würden?«

»Also dachten Sie doch an meine Bewerbung, zogen dieselbe in Ueberlegung, Maruja?« rief er nach ihrer Hand fassend.

»Ich meinte die Bewerbung jedes Ausländers,« entgegnete Maruja, indem sie sich abwandte, während ihre Wangen wieder einen leisen Anflug von Farbe gewannen. Nachdem sie dann einen Moment geschwiegen, fuhr sie sanfter, aber mit halb vorwurfsvollem Tone fort: »Glauben Sie etwa, ich hätte Ihnen die Geschichte meiner Mutter nur aus diesem Grunde anvertraut? Ist dies die Hilfe, die Sie uns bieten?«

»Verzeihen Sie mir, Maruja,« entgegnete der junge Offizier ernst. »Ich weiß es – ich bin selbstsüchtig, denn ich liebe Sie. Aber Sie haben mir noch immer nicht gesagt, was ich – außer der Bestellung dieses Briefes, die auch jeder andere übernehmen würde – für Ihre Mutter thun kann.«

»Hören Sie mich zu Ende und beurteilen Sie dann selbst, was zu thun ist,« sagte Maruja. »Zwischen meiner Mutter und Dr. West sind Briefe gewechselt worden. Meine Mutter ist unvorsichtig. Ich weiß nicht, welche vertraulichen Mitteilungen sie Dr. West gemacht hat; aber Sie begreifen, daß wir nicht wünschen, diese Briefe in die Oeffentlichkeit oder in andere Hände kommen zu lassen. Es liegt uns natürlich viel daran, zu verhindern, daß der Briefwechsel von Dr. Wests amerikanischen Freunden, von fremden Leuten durchstöbert, ausgelegt und ausgebeutet wird und sein Inhalt vielleicht zu den Ohren der Guitierrez kommt. Er gehört in das Grab, welches sich zwischen der Vergangenheit und meiner Mutter aufgethan hat, und darf nicht zum Vorschein kommen, um ihr nachzugehen, sie zu ängstigen und ihre Ruhe zu stören.«

»Ich verstehe,« sagte der junge Offizier einfach. »Sie bevollmächtigen mich, mir diese Briefe zu verschaffen.«

»Zum Teil, soweit sie sich nicht auf andere Angelegenheiten beziehen. Jener Mr. Prince, den die hiesigen Amerikaner Aladin nennen, war mit Dr. West befreundet. Sie machten zusammen Geschäfte, und wahrscheinlich wird er die Papiere des Verstorbenen in die Hände bekommen. Alles übrige müssen wir Ihnen überlassen.«

»Das dürfen Sie,« entgegnete der junge Offizier bestimmt.

Maruja streckte ihm ihre Hand entgegen. Der junge Mann beugte sich respektvoll darüber und schritt dann der Thür zu.

Sie hatte Beteuerungen von ihm erwartet, vielleicht selbst das Verlangen einer Belohnung – aber eine feine Empfindung hielt ihm selbst den Gedanken fern, die Gelegenheit zu seinem Vorteil auszubeuten, legte sogar seiner unglücklichen Leidenschaft Zaum und Zügel an und unterwarf sie seinen Begriffen von Ehre.

Diese Begriffe von dem, was er seinen Offiziersepauletten, seiner Herkunft und der einfachen Ritterpflicht schuldete, die ihm nur durch seinen eigenen, dem Herzen entspringenden Wunsch und Willen auferlegt wurde – dies alles – es thut uns leid, es sagen zu müssen – war Maruja zum Teil unverständlich, zum Teil befriedigte es sie nicht. Seitdem er das Gemach betreten, schien sich ihre beiderseitige Stellung zu einander ganz und gar verändert zu haben. Er war nicht mehr der flehende Anbeter, der zitternd zu ihren Füßen lag. Einen Augenblick kam ihr sogar der niedrige Gedanke, es sei so, weil er jetzt die Schwäche ihrer Mutter kenne – aber schon im nächsten Moment begegnete sie seinem klaren Blicke und errötete vor Scham. Vor dem Gitterthore, unter dem schattigen Mauerbogen standen sie noch einige Sekunden still. Hier hätte er sie küssen können! Er that es nicht.

In der heutigen unheimlichen, verdrießlichen Leblosigkeit des großen Hauses war es möglich, daß der junge Offizier sich für eine Weile unbemerkt entfernte und daß er, ohne Aufsehen zu erregen, sein Pferd für einen einsamen Ritt satteln lassen konnte. Hätte man ihn beobachtet, so würde man vielleicht die Bemerkung gemacht haben, daß die nervöse Reizbarkeit und Aufregung, welche jeden Verliebten als solchen kennzeichnet, fast ganz aus seinem Wesen verschwunden war. Er hatte seine volle soldatische Kaltblütigkeit wiedergewonnen und ritt mit einer Ruhe und in so gemessener Haltung aus dem Patio, als ginge es zur Parade. Er fühlte sich gleichsam im »Dienst«, drückte seinem Pferde die Sporen in die Seite und sprengte auf der Landstraße dahin. Die Bewegung gewährte ihm eine unaussprechliche Erleichterung – war er doch jetzt in Thätigkeit, um einer hilflosen Frau beizustehen und ihr eine Gefälligkeit zu erzeigen. Sein Recht, in die Sache einzugreifen, kam ihm keinen Augenblick zweifelhaft vor, denn er trat damit den Rechten keines anderen zu nahe. Wie alle Menschen mit großem Selbstvertrauen hatte er sich aber keinen Plan für sein Handeln gemacht, sondern verließ sich auf den Augenblick und die Gelegenheit, welche dieser ihm bieten würde.

So mochte er etwa eine Wegstunde geritten sein, als sein scharfer Blick auf eine im Straßengraben liegende Satteldecke fiel. Der Unglücksfall der letzten Nacht veranlaßte ihn, sein Roß anzuhalten und dieselbe näher in Augenschein zu nehmen. Er hatte ohne Zweifel die Satteldecke Dr. Wests vor sich, welche heruntergefallen war, als der Sattel sich gelöst hatte, nachdem das durchgehende Tier den Körper des Unglücklichen eine Weile mit fortgeschleift. Zugleich fiel ihm aber ein anderer Umstand auf. Die Decke lag ungefähr eine halbe Wegstunde von dem Orte entfernt, wo man den Leichnam entdeckt hatte. Dies stimmte jedenfalls nicht zu der allgemeinen Annahme, daß der Unglücksfall eine Strecke weiterhin stattgefunden und daß der Körper von dem Tiere geschleift worden sei, bis der Sattelgurt gesprungen, und zwar an der Stelle gesprungen, wo man später den Toten aufgehoben. Carrolls Kenntnisse und Erfahrungen als Soldat und Offizier gaben ihm sogleich die Ueberzeugung, daß der Sattel schon hier gerutscht sein müsse, so daß die Decke darunter hervorgleiten konnte, daß das Pferd dann noch etwa eine englische Meile weit, mit unter dem Bauche hängendem Sattel, dahingejagt sein müsse und daß folglich der Sturz von Sattel, Decke und Reiter gleichzeitig, entweder auf dieser Stelle oder wenigstens in nächster Nähe, stattgefunden habe. Kapitän Carroll war kein Beamter der Entdeckungspolizei; er hatte keine Vermutungen aufzustellen und keine Beweisgründe zu führen, er würde nur als Offizier die bisherige Darlegung des Vorgangs, wenn einer seiner Leute sie ihm gegeben hätte, einfach als unmöglich zurückgewiesen haben.

Aber er beunruhigte sich nicht weiter damit, nach einer Erklärung zu suchen. Ohne abzusteigen, widmete er nur den Hufspuren am Rande des Grabens, welche noch nicht verwischt waren, größere Aufmerksamkeit; dabei stieß der Fuß seines eigenen Pferdes an einen kleinen Gegenstand, der halb in dem dicken Staube der Straße verborgen lag. Es schien eine lederne Brieftasche oder ein Taschennotizbuch zu sein, und Carroll stieg sofort vom Pferde, um es aufzuheben. Der Name und die Adresse Dr. Wests standen in klarer Schrift auf der inneren Seite. Darin lagen einige Papiere und Notizen, sonst nichts. Die in Kapitän Carroll aufblitzende Hoffnung, schon hier vielleicht in Besitz der gesuchten Briefe zu gelangen, war schnell zerstört; er hatte nur einen neuen Beweis für die Thatsache gewonnen, daß sich der Unglücksfall gerade hier an dieser Stelle zugetragen. Doch jetzt durfte er keine Zeit verlieren. Schnell steckte er das Notizbuch in die Tasche und weiter ging es im Galopp die Straße entlang.

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