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Maruja

Bret Harte: Maruja - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFrancis Bret Harte
titleMaruja
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1885
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel.

Inzwischen war der junge Mann, mit dem sich Dr. Wests Gedanken beschäftigt hatten, langsam die Fahrstraße entlang der Fonda zugegangen. Er hielt sich straffer als bisher und schlurfte weniger beim Gehen, aber ob dies dem Abwerfen seiner alten Lumpenhülle und dem Besitz einer größeren Barschaft oder dem Einfluß einer plötzlichen geistigen Umwandlung zuzuschreiben war, dürfte schwer zu bestimmen sein. Jedenfalls trug sein Gesicht weder den Ausdruck der Zufriedenheit, noch den der frohen Erwartung. War eine Veränderung damit vorgegangen, so bestand sie nur in einem schärferen Hervortreten der finsteren Züge um Mund und Augen. Allem Anschein nach hatte das Wiedersehen seines Vaters nur dazu gedient, ein gewisses feindseliges Gefühl, das jahrelang in ihm geschlummert, zu vollem Leben zu wecken und zur Bethätigung anzustacheln. Er war jetzt – statt der geschlagenen – eine zum Bewußtsein ihrer Kraft gekommene Bestie, und in seiner anständigen Arbeiterkleidung weit mehr zu fürchten, als ehemals in seinen Lumpen. Es schien, als hätte ihn die Civilisation nur darum in einen besseren Zustand versetzt, damit er sie selbst bekämpfen könne.

Die Fonda, ein langes, niedriges Gebäude mit rotem, vorspringendem Ziegeldach und einer weißgetünchten Veranda, auf welcher betrunkene Vaqueros ihre Mustangs vorzuführen pflegten, bot den Augen des jungen Guest, als er im wachsenden Zwielicht darauf zukam, keinen besonders einladenden Anblick. Zwei oder drei abgetriebene Gäule waren neben einem rohen Steintroge an die dicke Querstange gebunden, die auf zwei an der Fahrstraße eingerammten Pfählen ruhte. Durch ein zerbrochenes Gitterthor fiel der Blick in den öden, mit Gras bewachsenen Hofraum, in dem die leeren Kisten und Fässer der Tienda – des mit der Fonda unter einem Dache liegenden Kramladens – durcheinander lagen. Die offene Thür der Schenke zeigte ein niedriges Zimmer, an dessen einer Seite sich die rohe Nachahmung eines amerikanischen Büffets befand; den übrigen Raum füllten einige kleinere Tische, an denen ein halbes Dutzend Männer rauchten, tranken und Karten spielten. Eine verblaßte bildliche Darstellung des letzten Stiergefechts in Monterey und eine amerikanische »Amtliche Bekanntmachung« hingen an der Wand neben der Thür. Ein dicker, gelber Dunst von Cigarettenrauch, in dem die Anwesenden wie braune Schatten erschienen, erfüllte das Gemach.

Der junge Mann zauderte, den übelriechenden Raum zu betreten, und setzte sich auf eine Bank in der Veranda. Wenige Augenblicke später trat der gelbe Wirt in die Thür und richtete einen fragenden Blick auf den Fremden, den dieser durch das Bestellen eines Abendessens und eines Nachtlagers beantwortete. Nachdem der Wirt dann wieder im Cigarettenqualm verschwunden war, kamen auch die Gäste, einer nach dem anderen, die Cigarette im Munde und die Karten in der Hand, heraus, um den Ankömmling zu betrachten.

Ihre Neugier war gewissermaßen gerechtfertigt, denn Guest paßte, wie schon früher bemerkt, in keiner Weise in seine Ueberbeinkleider und sein wollenes Hemd. Dasselbe Gesicht und dieselbe Gestalt, die mit seinen Lumpen nicht im Widerspruch gewesen, schienen jetzt eine höhere Stufe der Begabung sowohl wie der Bildung zu verraten, als seiner Arbeiterkleidung angemessen war. Dies im Verein mit seinem finsteren, verschlossenen Wesen erweckte in den ihn Betrachtenden den Verdacht, einen flüchtigen Verbrecher – einen Fälscher, einen betrüglichen Bankrotteur, wohl gar einen Mörder vor sich zu haben. Die Gerechtigkeit verlangt indessen zu bemerken, daß die sittliche Empfindung der Männer durch diese Annahme nicht verletzt und daß ihre Teilnahme für den Fremden nur durch seine abweisende Haltung zurückgedrängt wurde. Ein unglücklicher Zufall schien seine Schuld noch deutlicher zu beweisen. Während er dem Verlangen des Wirtes, sein Abendessen im voraus zu bezahlen, ärgerlich nachkam, ließ er drei oder vier Goldstücke auf den Boden der Veranda fallen. Die raschen Blicke, welche die Anwesenden austauschten, als er sich bückte, um sein Eigentum zusammenzuraffen, verrieten ihm, daß diese Unvorsichtigkeit ihn in Gefahr gebracht hatte.

Seine finstere Entschlossenheit schien übrigens dadurch nicht erschüttert zu werden. Er rief den Inhaber der Tienda, welcher, in seiner Thür stehend, den Danae-Regen mit angesehen hatte, herbei und fragte auf englisch:

»Was für Messer haben Sie zu verkaufen?«

»Messer, Señor?«

»Ja, Bowiemesser oder Dolche ... solche Messer.« Dabei führte er einen Stoß nach dem Tische, an welchem er saß.

Der Krämer ging in seine Tienda und kam gleich darauf mit drei oder vier Dolchen in roten Lederscheiden zurück. Guest wählte den schwersten und erprobte seine Spitze auf der Tischplatte.

»Wieviel?«

»Drei Pesos!« Peso, der spanische Dollar. Anm. d. Uebers.

Der junge Mann warf ihm eines seiner Goldstücke zu und steckte das Messer samt der Scheide in seinen Stiefelschaft. Nachdem er das übrige Geld von dem Krämer zurückbekommen hatte, schlug er die Arme über der Brust zusammen und lehnte sich mit ruhiger Gleichgültigkeit an die Wand.

Dies kleine Vorkommnis schien indessen nur die feindseligen, nicht die freundlichen Annäherungen zurückgewiesen zu haben, denn wenige Minuten später trat einer der Anwesenden in die Thür.

»Schönes Wetter heute für Ihre Wanderung, Kamerad!«

Guest gab keine Antwort.

»Ist eine wundervolle Nacht,« fuhr der andere in gebrochenem Englisch fort, indem er seine Hände rieb, als ob er sie in der Luft waschen wollte.

Wieder keine Antwort.

»Müssen wohl von Sank Hosay gekommen sein?«

»Das muß ich nicht.«

Der andere murmelte etwas in spanischer Sprache vor sich hin, aber der Wirt, der in diesem Augenblick auf der Veranda erschien, um Guests Abendessen auf den Tisch zu stellen, hielt es für geboten, einen allem Anschein nach ebenso streitsüchtigen wie wohlhabenden Gast unter seinen Schutz zu nehmen. Mit wenigen hastigen Worten wies er den Fragenden zurück, und nachdem Guest seine Mahlzeit beendet hatte, bot er ihm an, ihm sein Schlafzimmer zu zeigen. Es war ein dunkles, gewölbtes Kämmerchen im Erdgeschosse, das durch ein vergittertes, nach dem Stallhofe führendes Fenster Licht erhielt. Auf den ersten Blick machte dasselbe den Eindruck einer Gefängniszelle; bei näherer Beobachtung des schwarzen, aufgebahrten Bettes und der an den Wänden hängenden Votivbilder, hätte man es auch für ein Grabgewölbe halten können.

»Es ist mein bestes,« sagte der Wirt, »Padre Vincento will kein anderes haben, wenn er hierher kommt.«

»Ich setze voraus, daß Gott ihn in seinen Schutz nimmt,« erwiderte Guest. »Diese Thür gewährt jedenfalls keine Sicherheit.« Mit diesen Worten zeigte er auf die wurmstichige Thür ohne Schloß und Riegel.

»Was liegt daran? Wir sind alle die besten Freunde.«

»Sicherlich!« antwortete Guest mit seiner finstersten Miene, indem er sich nach der Veranda zurückbegab. Dennoch faßte er den Entschluß, das Zimmer des Padre Vincento nicht zu benutzen – nicht aus persönlicher Furcht vor seinen verdächtigen Gefährten, obwohl er mit deren Gewohnheiten zur Genüge bekannt war, sondern infolge der nomadenhaften Instinkte, die ihm im Blute lagen. Er fühlte, daß er weder die Enge eines geschlossenen Zimmers, noch die Nähe seiner Mitmenschen zu ertragen vermöge, nahm sich vor, auf der Veranda zu bleiben, bis der Mond völlig aufgegangen war, und dann seine Wanderung fortzusetzen.

So lag er denn halb zurückgelehnt auf der Bank, mit jenem langsamen Oeffnen und Schließen der Augenlider, das ermüdeten, aber wachsamen Tieren eigen ist, als das Geräusch von Wagenrädern, Menschenstimmen und trappelnden Pferdehufen auf der Landstraße hörbar wurde. Er fuhr in die Höhe; eben ging über der grenzenlosen Weite der Kornfelder, die sich ihm gegenüber jenseits der Fahrstraße ausdehnten, der Mond auf und sein lebhaftes Licht fiel Guest blendend in die Augen, so daß er kaum eine Gruppe dunkler Reiter und einen großen Wagen zu unterscheiden vermochte, ehe sie, rasch herankommend, geräuschvoll vor der Fonda hielten. Es war eine Gesellschaft von Herren und Damen, die teils zu Pferde, teils in einem vierspännigen Char-a-bancs nach der Mission Perdida zurückkehrten. In dem letzteren saßen Buchanan, Raymond und Garnier, nebst Amita und Dorotea, während Maruja auf dem Bocke Platz genommen hatte. Unter den Reitern aber befand sich, zu seiner eigenen und anderer Leute Verwunderung, auch Kapitän Carroll.

Nur Maruja und ihre Mutter wußten, daß er zurückgerufen war, um die Gerüchte zu widerlegen, die sein rasches Verschwinden in Umlauf gebracht hatte, und nur Maruja hätte sagen können, wie kunstvoll gewählt die Worte gewesen, welche diese Zurückberufung zugleich so unwiderstehlich und so hoffnungslos machten.

Marujas scharfe Augen, denen selbst unter dem Doppelfeuer Carrolls und Garniers nichts entging, begegneten denen des Mannes, welcher auf der Bank unter der Veranda saß. Es war ohne allen Zweifel das Gesicht des Landstreichers, mit dem sie an der Hecke gesprochen hatte, und doch war er anders als damals! Nicht nur seine Kleidung, auch der allgemeine Eindruck seiner Erscheinung war verändert. Nach dem ersten Blick wendete Guest die Augen ab, um die übrigen Insassen des Char-a-bancs zu betrachten und keine Muskel seines Gesichts verriet die geringste Bewegung.

Marujas Launen und Einfälle waren ebenso zahlreich wie eigenartig, und als sie jetzt, nach einem leisen Aufschrei, mit der Versicherung, daß sie nicht länger stillsitzen könne, vom Bocke heruntersprang, wunderte sich niemand; aber Garnier und Kapitän Carroll folgten ihrem Beispiele.

»Ich möchte, während die Pferde gefüttert und getränkt werden, die Fonda ansehen,« sagte sie lachend; »möchte wissen, was Pereo so oft hierher zieht.« Und ehe irgend jemand diesem neuen Einfalle widersprechen konnte, stand sie bereits auf der Veranda.

Um zu der Eingangsthür zu gelangen, mußte sie so nahe an Guest vorbeigehen, daß ihre weichen weißen Falbeln seine Kniee berührten und der Duft der Blumen, die sie im Gürtel trug, sein Antlitz streifte. Er blieb jedoch unbeweglich, erhob nicht einmal die Augen; aber als sie vorüber war, stand er ruhig auf und ging auf die Landstraße hinunter.

Nachdem sie ihn genauer angesehen, war Maruja überzeugt, sich nicht geirrt zu haben. Einen Augenblick stand sie still, indem sie die kleine Hand an den Thürpfosten legte.

»Ein schrecklicher Aufenthalt und schreckliche Gesellschaft!« sagte sie in hörbarem Englisch, während sie Guest mit den Augen folgte. »Pereo muß wirklich davor gewarnt werden, sich mit solchen Leuten abzugeben. – Kommen Sie, lassen Sie uns gehen.«

Sie wußte es so einzurichten, daß sie auf dem Rückwege zu ihrem Wagen noch einmal an Guest vorüberging. Während der wenigen Minuten, die noch bis zur Abfahrt verflossen, war er ihnen um einige hundert Schritte zuvorgekommen und in raschem Trabe fuhren sie nun an ihm vorbei. Im nächsten Augenblick aber wurde der Char-a-bancs zum Stillstehen gebracht.

»Mein Fächer!« rief Maruja. »Allerheiligste Jungfrau Maria, mein Fächer!«

Ein kleiner dunkler Gegenstand lag, vom Monde beschienen, mitten auf dem Fahrwege, genau in dem Geleise, auf dem der fremde Wanderer herankam. Garnier schickte sich an, vom Wagen zu springen, Carroll zügelte sein Pferd.

»Lassen Sie es gut sein,« sagte Maruja, »der Mann bringt ihn schon.«

Es schien in der That, als ob er es thun würde; er stand still, nahm den Fächer auf und näherte sich dem Wagen, während Maruja sich erhob, den Schleier zurückschlug und mit leuchtenden Augen und unwiderstehlichem Lächeln die Hand ausstreckte. Der Fremde kam näher, faßte Kapitän Carroll ins Auge, warf ihm mit leichtem Kopfnicken den Fächer zu und ging rasch nach der anderen Seite hinüber.

»Einen Augenblick!« rief Maruja dem Kutscher beinahe heftig zu. »Einen Augenblick!« wiederholte sie, indem sie hastig ihre Börse aus der Tasche zog. »Ich möchte diesem höflichen Herrn von der Landstraße seinen Lohn geben ... Hier, Sir! ...« Aber ehe sie fortfahren konnte, ritt Carroll an sie heran.

»Beruhigen Sie sich, Miß Saltonstall,« bat er leise. »Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu thun haben. Der Mann sieht weder aus, als ob er die Absicht haben könnte, Sie zu beleidigen, noch als ob er sich eine Beleidigung gefallen lassen würde.«

»Geben Sie mir den Fächer, Kapitän Carroll,« antwortete sie mit sanftem, beinahe liebkosendem Lächeln. »Ich danke Ihnen.«

Dabei nahm sie den Fächer in Empfang, zerbrach ihn mit den behandschuhten Fingern und warf die Stücke auf die Fahrstraße.

»Sie haben recht,« sagte sie, »der Fächer roch nach der Fonda und dem Straßenstaube. – – Nochmals Dank. – – Sie sind immer so besorgt um mich, Kapitän Carroll,« murmelte sie, indem sie freundlich zu ihm aufblickte, und mit halbem Seufzen die Augen wieder abwendend fügte sie hinzu: »Aber ich halte Sie alle auf, vorwärts.«

Der Wagen rollte von dannen und Guest kehrte von der Hecke in die Mitte der Fahrstraße zurück. San José lag in entgegengesetzter Richtung von dem Wege der verschwindenden Gesellschaft; aber als der Wanderer die Fonda verließ, hatte er beschlossen, die Leute, die ihn beobachteten, irre zu führen, indem er im Schutze des hohen Kornes einen Kreis um die Schenke beschrieb. Dies führte er aus, ging, ohne von den Gästen gesehen zu werden, innerhalb des Bereiches ihrer Stimmen an ihnen vorüber und hatte bald darauf seinen Weg erreicht. Anstatt aber die Fahrstraße zu verfolgen, schlug er einen Wiesenpfad ein, welcher, rechts abschweifend, zu den niedrigen Türmen und von der Zeit geschwärzten Mauern einer zerstörten Missionskirche führte, die sich inmitten der Ebene erhob. Auf diese Weise entzog er sich jeder Verfolgung auf der Landstraße und gewann außerdem durch die leichte Bodenerhöhung einen besseren Ueberblick der Umgebung.

Als er sich der Ruine näherte, sah er mit Erstaunen, daß, obwohl ein Teil des Bauwerks zusammengestürzt und das Dach in das Hauptschiff eingebrochen war, ein Teil desselben noch immer als Kapelle benutzt wurde und daß in einer kleinen Wölbung, die halb wie ein Fenster, halb wie eine Altarnische aussah, eine ewige Lampe brannte. Eben war er im Begriff, heranzutreten, als sich ein Mann, der ihm den Rücken kehrend davor gekniet hatte, erhob und fromm bekreuzte. Ehe derselbe sich umwendete, verschwand Guest hinter einer Mauerecke und die große, aufrechte Gestalt des einsamen Beters ging vorüber, ohne mit ihm zusammenzustoßen.

Aber wenn es Guest gelungen war, sich der Aufmerksamkeit des Mannes, den er so unvermutet getroffen hatte, zu entziehen, so war ihm dafür die Nähe eines anderen Mannes entgangen, der ihm seit etwa zehn Minuten auf seinem Wege durch das hohe Korn gefolgt und dem es gelungen war, sich hinter ihm im Schatten der Mauer zu verbergen. Dieser Verfolger, welcher sich dem nichts ahnenden Guest schnell und leise näherte, wurde jedoch von dem langen Manne bemerkt und in dem Augenblicke, als der Heranschleichende sich anschickte, auf den Verfolgten loszustürzen, wurde er selbst von hinten gepackt. Ein kurzes Ringen folgte, dann riß er sich los.

»Pereo!« rief er verwundert.

»Ja – Pereo!« sagte der alte Mann, der vor Anstrengung keuchte. »Du aber bist Miguel ... und du hast um ein paar Pesos einen Menschen umbringen wollen,« fügte er hinzu, indem er auf das Messer deutete, das der Desperado Desperado, ein Mensch, den Not und Verzweiflung zu jedem Verbrechen fähig machen. Anm. d. Uebers. eilig in seine Jacke verborgen hatte, »und du willst ein Californier sein?«

»Es handelt sich ja nur um einen Amerikaner ... einen entsprungenen Sträfling, und um sein schlecht erworbenes Geld,« gab Miguel finster, mit unverkennbarer Furcht vor dem alten Manne, zur Antwort. »Ich habe den Prahlhans übrigens nur erschrecken wollen ... Aber wenn du dich fürchtest, solchem Landläufer zu Leibe zu gehen ...«

»Fürchten!« rief Pereo zornig, indem er Miguel bei der Gurgel packte und an die Mauer drückte, »fürchten, sagst du! Ich – Pereo, soll mich fürchten? Glaubst du etwa, ich würde meine Hände, die doch wohl ein besseres Wild erlegen können, mit dem Blute von Leuten deiner Art beschmutzen?«

»Vergib mir, Padroño,« keuchte Miguel, den die wachsende Heftigkeit des alten Mannes erschreckte. »Vergib ... ich meinte ja nur, da du ihn kennst ...«

»Ich ihn kennen?« wiederholte Pereo voll Zorn und stieß Miguel verächtlich beiseite, was dieser sofort benutzte, um sich dem Bereich der Arme Pereos zu entziehen; »ich ihn kennen? ... Das will ich dir zeigen!« und indem er Guest zunickte, fügte er hinzu: »komm her, mein Bursche, du hast nichts mehr zu besorgen.«

Guest, den der Lärm herbeigezogen hatte, ohne daß ihm der Grund desselben klar geworden war, kam unmutig näher, und Miguel benutzte die Gelegenheit, sich aus dem Staube zu machen, was den finsteren Vermutungen Guests neue Nahrung gab. Er blieb in einiger Entfernung von dem alten Mann stehen und fragte rauh, was er sich um ihn zu kümmern habe.

Mit der Würde des alten, im Befehlen geübten Mannes blickte Pereo auf. Helles Mondlicht beschien das Gesicht des Fremden, der ihm gegenüberstand. – Pereos Augen öffneten sich weit, sein Mund schien zu erstarren, während er rückwärts an die Mauer taumelte.

»Wer sind Sie?« stammelte er in schlechtem Englisch.

Guest, der es mit einem Trunkenbolde zu thun zu haben meinte, gab verdrießlich zur Antwort:

»Einer, der diesen verd... Unsinn satt hat und sich weder von jung noch alt länger zum Narren halten läßt.« Mit diesen Worten wendete er sich zum Gehen.

»Nur einen Augenblick, Señor, um Gottes Barmherzigkeit willen!« rief Pereo.

Der Ausdruck tödlicher Angst in der Stimme des alten Mannes machte selbst auf Guests egoistische Natur so viel Eindruck, daß er stehen blieb.

»Sie sind hier fremd ... nicht wahr?« stammelte Pereo.

»Das bin ich.«

»Sie leben nicht hier in der Nähe ... haben keine Freunde und Verwandte hier herum?«

»Ich sagte Ihnen ja, daß ich hier fremd bin ... war in meinem ganzen Leben nicht in der Gegend,« gab der junge Mann ungeduldig zur Antwort.

»Das ist wahr, ich bin ein Narr!« murmelte der Alte. »Verrückt bin ich – – rein verrückt! Es ist nicht seine Stimme ... und sein Aussehen auch nicht, nun das Gesicht einen anderen Ausdruck angenommen hat ... Nein, ich bin toll!« Er schwieg und strich mit zitternder Hand über seine Augen. »Verzeihung, Señor!« sagte er dann mit einer Demut, die beinahe ironisch erscheinen konnte, »Verzeihung! Es ist vielleicht nicht zu viel verlangt, wenn man zu wissen wünscht, wem man das Leben gerettet hat?«

»Das Leben gerettet!« wiederholte Guest mit ungläubigem Tone.

»Jawohl!« antwortete Pereo stolz, indem er sich hoch aufrichtete, »jawohl, gerettet, Señor!« Dann schwieg er und zuckte die Achseln. »Aber lassen wir das gut sein ... lassen wir es gut sein. Dagegen, lieber Freund, nehmen Sie von einem Greise den Rat, Ihr Geld, mögen Sie es auch noch so leicht erworben haben, nicht so leichtfertig zu zeigen. Gute Nacht!«

Guest war einen Augenblick zweifelhaft, ob er die Rede des alten Mannes übelnehmen oder als den Ausspruch eines durch den Trunk zerrütteten Gehirns unbeachtet lassen solle; dann machte er der Unterredung plötzlich ein Ende, indem er sich ohne weiteres umwendete und seinen Weg, der Landstraße zu, fortsetzte.

»So,« sagte Pereo zu sich selbst, indem er ihm verwirrt nachstarrte, »so ... es war nur eine Einbildung! Und doch – als er sich eben zum Gehen wandte, habe ich denselben unverschämt kalten Blick in seinen Augen gesehen. Caramba! bin ich denn verrückt ... wirklich verrückt, daß ich Tag und Nacht das Bild dieses Hundes vor mir sehe, es in jedem Strolch, jedem Schuft, jedem Wegelagerer wiederfinde, der mir begegnet? – Ruhig, guter Pereo! ruhig ... es ist nichts als Einbildung,« fuhr er vor sich hin murmelnd fort; »du brauchst dich nicht weiter darum zu kümmern ... wirklich nicht, guter Pereo! sei ruhig ... ganz ruhig!« Dabei ließ er den Kopf auf die Brust sinken, und als ob er mit dieser Gebärde seine Last wieder auf sich genommen hätte, ging er langsam von dannen.

Als er, eine halbe Stunde später, in die Fonda eintrat, schien die Furcht, welche die abergläubischen Gäste derselben vor ihm hegten, noch gewachsen zu sein. Was auch der davongelaufene Miguel seinen Gefährten von der Hilfe erzählt haben mochte, die Pereo dem jungen Fremdling geleistet hatte – sein Bericht war jedenfalls nicht ohne Eindruck geblieben und der in Demut ersterbende Wirt fühlte sich so geehrt, als Pereo, trotz des neuen Beweises von Ueberlegenheit, den er soeben geliefert, voll Herablassung bereit war, mit ihm anzustoßen, daß er sich's angelegen sein ließ, ihn noch versöhnlicher zu stimmen.

»Es ist ein Jammer, daß Ew. Gnaden nicht schon früher hier waren, um den jungen, stattlichen Fremden zu sehen, der bei mir einkehrte,« fing er an, indem er den übrigen Gästen einen verständnisvollen Blick zuwarf. »Es mochte freilich nicht alles mit ihm in Ordnung sein, er hatte aber ganz das Benehmen eines wirklichen Caballero, und würde Ew. Gnaden gefallen haben, da Sie ja auch von unseren Nachbarn unten im Lande, den scheinheiligen Puritanern, nichts wissen wollen.«

»O, es ist doch möglich, daß ich ihn gesehen habe,« antwortete Pereo, den das Doppelfeuer der Schmeichelei und des Aguardiente erwärmte. »Er sah keinem ...«

»Keinem der Hunde gleich, die du um San Antonio herum getroffen hast,« fiel ihm der Gastwirt in die Rede. »Er hatte kaum etwas vom Amerikaner an sich, obwohl er nicht spanisch sprach.«

Der alte Mann kicherte boshaft vor sich hin.

»Und du, Pereo, alter Narr, hast in diesem armen, weggelaufenen Jungen eine Ähnlichkeit mit deinem Feinde finden wollen! ha, ha!« sagte er zu sich selbst.

Dennoch konnte er sich eines unbestimmten Schreckens vor dem Seelenzustande, der diese Einbildung hervorgerufen hatte, nicht erwehren und trank so viel, um seine Aufregung zu betäuben, daß er nur mit Anstrengung wieder auf sein Pferd zu steigen vermochte. Uebrigens schien die Wirkung des Branntweins nur alle Eigentümlichkeiten seines Wesens zu verstärken; sein Gesicht wurde noch düsterer und schwermütiger, sein Benehmen noch würdevoller und ceremoniöser. Steif und aufrecht im Sattel sitzend, aber der Bewegung des Pferdes folgend und von einer Seite zur anderen schwankend, wie der Hauptmast einer sich vorwärts arbeitenden Schaluppe, ritt er dem Herrenhause der Mission Perdida zu. Ein- oder zweimal fing er an zu singen, und zwar seltsamerweise den Kehrreim eines spanischen Volksliedes, das von der vornehmen Geliebten irgend eines Matadors berichtet.

»Seht Ihr meine schwarzen Augen,
Bin Don Manuels Herzogin,«

sang Pereo mit unbeschreiblichem Ernst. Der Hufschlag seines Pferdes schien dem Takte der Melodie zu folgen und von Zeit zu Zeit ließ der Reiter die lange Lederzunge seines Zügels in der Luft wehen.

Es war spät, als er die Mission Perdida erreichte. Er wendete das Pferd in den Heckenweg, der sich nach dem Stallhofe hinzog, stieg an einer Gitterthüre ab, welche durch die Hecke zu dem Borkenhäuschen im ehemaligen Missionsgarten führte, legte seinem Mustang die Zügel auf den Hals und ließ ihn allein seinen Weg nach dem Stalle verfolgen. Der Mond schien hell, als Pereo aus dem Labyrinth hervortrat. Mit entblößtem Kopfe näherte er sich dem indianischen Grabmal und sank vor demselben auf die Kniee.

Im nächsten Augenblick sprang er mit einem Schreckensruf wieder auf und der Hut fiel ihm aus der zitternden Hand. Gerade vor sich, an der halben Höhe des Hügels, sah er ein hageres, graues, wolfsartiges Tier, das durch seinen Ausruf erschreckt, unfähig sich zurückzuziehen, knurrend auf die Hinterbeine gefallen war und ihm im Mondlicht die Zähne zeigte.

Der Ausdruck des Entsetzens im Gesichte des alten Mannes ging schnell in den einer wahnsinnigen Aufregung über. Seine blassen Lippen bewegten sich, und um einen Schritt vorwärts tretend, streckte er dem knurrenden Tiere beide Hände entgegen.

»Also wirklich! Du bist endlich gekommen, bist gekommen, deinen zögernden Pereo auszuschelten! ... Willst dem armen Alten sagen, daß sein Herz kalt, seine Glieder schwach, sein Kopf wirr und stumpf geworden sind! Willst ihm sagen, daß er nicht länger dazu taugt, deines Herrn Befehle zu vollziehen? – Ja, fletsche ihm nur die Zähne entgegen! – fluche ihm – verwünsche ihn! – – Aber dann höre ihn auch ... Ja, höre mich, lieber Freund ... ich will dir ein Geheimnis erzählen ... ein Geheimnis, lieber, grauer Bruder! und was für ein Geheimnis! ... Der Plan ist ganz mein eigener ... kommt frisch aus diesem alten, grauhaarigen Kopfe, ha, ha! ganz mein eigen ... und ausgeführt von diesen armen, alten Händen ... ha, ha! Ganz mein eigen ... höre nur!«

Wieder trat er dem geängstigten Tiere um einen Schritt näher. Es schnappte nach ihm, sprang auf, lief an ihm vorbei und verschwand im Gebüsch, während Pereo mit einem Seufzer auf dem Grabe seiner Vorväter hilflos niedersank.

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