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Maruja

Bret Harte: Maruja - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFrancis Bret Harte
titleMaruja
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1885
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel.

Der Rancho San Antonio würde ein sehr passender Aufenthalt für seinen heiligen Schutzpatron gewesen sein, denn er hätte denselben sicherlich nicht nur gegen alle Anfechtungen des Fleisches geschützt, sondern ihm auch die beste Gelegenheit geboten, sich der unablässigen Betrachtung des darüber ausgespannten Himmelsgewölbes hinzugeben, das hier von keinem Baume und keiner Bergspitze verdeckt wurde.

Im Gegensatze zu der Mission Perdida, zu welcher der Rancho ehedem gehört hatte, bestand die Umgebung aus einer lehmigen Hochebene, welche während der einen Hälfte des Jahres einer wallenden, sich bis zum fernen Horizonte erstreckenden grünen See glich, während der andern aber mehr einem trockenen, staubigen Gestade ähnlich war, von dem die Gewässer sich zurückgezogen haben, um nur noch an der Linie, wo Himmel und Erde sich begegnen – gleich einer täuschenden Fata Morgana – sichtbar zu werden.

Eine Reihe roher, unregelmäßiger, nur den praktischen Bedürfnissen entsprechender Schuppen boten den Maschinen und Geräten, sowie den fünfzig bis sechzig Menschen, welche zur Bearbeitung des Bodens erforderlich waren, Dach und Fach; aber kein Herrenhaus, keine Farmerwohnung verrieten inmitten dieser nur aus Himmel und Erde bestehenden Wildnis auch nur den leisesten Ansatz von Civilisation oder der primitivsten Bequemlichkeiten des Daseins. Selbst die einfachsten ländlichen Produkte waren hier nicht zu haben. Milch und Butter bezog man aus der nächsten Stadt und ebenso erhielt man von dort allwöchentlich frisches Fleisch und Gemüse. Zur Erntezeit wohnten die dazu gemieteten Arbeiter in den umliegenden Ansiedelungen und kamen nur während der Arbeitsstunden nach dem Rancho. Keine Gartenblume blühte längs der rohen, unangestrichenen Wände der Schuppen, obgleich die Felder im ersten Frühling mit Tausendschön und Mohnblumen übersäet waren, nicht das bescheidenste Küchengewächs hatte in diesem fruchtbaren Boden Raum gefunden; die Weizenbreiten umschlossen die Wände der Baulichkeiten so dicht, daß die Halme die Fenster des Erdgeschosses verdeckten; aber unter den Scheuern und Wetterdächern standen die neuesten landwirtschaftlichen Maschinen, ein Telegraphendraht verband die nächste Stadt mit dem in einem der Seitenflügel befindlichen Bureau, und in diesem Bureau saß Dr. West, um hier, inmitten der Wildnis, seine Rechnung mit der Natur zu machen.

Ob die in allen häuslichen Einrichtungen zu Tage tretende Sparsamkeit Dr. Wests, aus der Verachtung des Landlebens und der üppigen Gewohnheiten der früheren Besitzer, oder aus rein geschäftlichen Principien hervorging, war nicht leicht zu entscheiden. Die, welche den Mann am besten kannten, meinten, daß beide Gründe dabei zusammenwirkten; gewiß aber war, daß ganz unerhörte Erfolge seine Methode rechtfertigten. Einige Nachkommen der alten einheimischen Familien besuchten den Rancho, um die seltsamen Maschinen zu sehen, welche die Arbeit so vieler träger Menschen und Pferde verrichteten; aber die meisten gingen kopfschüttelnd wieder von dannen und sprachen die Meinung aus, er werde den Boden binnen kurzer Zeit ausgesaugt und wertlos gemacht haben, indem er in seiner wilden Hast den Ertrag von Jahren vernünftiger Bebauung den Feldern abpresse, die bis dahin nur mit der landesüblichen Pflugschar von Eichenholz bearbeitet worden waren.

Ebenso streng und praktisch-einfach, wie seine geschäftlichen Grundsätze, waren die persönlichen Neigungen und Gewohnheiten Dr. Wests. Der kleine Seitenflügel, den er bewohnte, enthielt nichts als sein Bureau, seine Wohnstube oder Bibliothek, sein Schlafgemach und ein Badezimmer. Der letztere Luxus wurde durch die katzenhafte Sauberkeit bedingt, die in seiner Natur lag. Sein eisengraues Haar – eine Seltenheit in diesem Lande des jungen Amerika – war stets sorgfältig gebürstet und seine Wäsche war tadellos. Sein schwarzer Anzug hatte einen charakteristischen, berufsmäßigen und etwas altmodischen Anstrich von Ehrbarkeit. Die einzige Konzession, welche er den Lebensgewohnheiten seiner Nachbarn machte, war der Besitz einiger der feurigen einheimischen Mustangs gemischter Rasse, die er mit der Kühnheit, wenn auch nicht mit der behaglichen Sicherheit der Eingeborenen ritt, und – sei es nun, daß die Bändigung dieses Ueberbleibsels einer wilden, ungefesselten Natur in sein System paßte, oder daß er damit nur einem Nachklange der wagehalsigen Jugendzeit genugthat – dieser Mann, dessen ernstes, unbewegliches Gesicht in so seltsamem Widerspruche zu den malerischen Bewegungen seines Reittieres stand, war auf der Straße wie auf dem Felde häufig im Sattel zu sehen.

Es war am zweiten Tage nach seinem Besuche in der Mission Perdida. Dr. West saß, nachdem die Sonne bereits untergegangen und nur die sanfte Glut des Abendhimmels, welche durch die offene Thür hereinströmte, das Gemach noch erhellte, an seinem Pulte und schrieb.

Endlich richtete er sich mit einer Gebärde der Ungeduld auf.

»Harrison!« rief er.

Ein Aufseher erschien in der Thür.

»Mit wem sprechen Sie draußen?«

»Mit einem Tramp, Sir.«

»Engagieren Sie ihn oder schicken Sie ihn seiner Wege; aber lassen Sie sich nicht in ein langes Geschwätz mit ihm ein.«

»Ja, es machte sich nicht gleich, Sir. Der Mann will sich nicht auf Wochen oder Tage vermieten, sondern möchte sich nur mit irgend etwas ein Abendessen und ein Nachtlager verdienen. Mehr will er nicht.«

»Jagen Sie ihn zum Kuckuck! ... Aber warten Sie mal ... Wie sieht der Mensch aus?«

»Wie alle ... nur noch ein bißchen träger vielleicht.«

»Hm! Schicken Sie ihn herein.«

Der Aufseher verschwand und erschien gleich darauf wieder mit dem Landstreicher, welcher unseren Lesern bereits bekannt ist. Er sah noch etwas schmutziger und heruntergekommener aus, als an dem Morgen, da er Maruja in der Mission Perdida angeredet hatte; aber sein ganzes Wesen drückte dieselbe finstere Gleichgültigkeit aus, welche nur von Zeit zu Zeit durch einen scharfen beobachtenden Blick unterbrochen wurde. Seine Trägheit oder Schlaffheit – wenn dies der rechte Ausdruck für rein körperliche Ermüdung ist – schien sich noch verstärkt zu haben. Bequem lehnte er sich an den Thürpfosten, während ihn Dr. West mit stummer, aber unverhohlener Verachtung ansah. Als sich dies Schweigen verlängerte, kauerte sich der Fremde höchst unbefangen auf der Schwelle nieder.

»Sie scheinen gleich müde auf die Welt gekommen zu sein?« sagte der Doktor finster.

»Ja.«

»Was wollen Sie hier?«

»Ich habe mich bei dem da schon erkundigt,« entgegnete der Mann, indem er mit einer Kopfbewegung nach dem Aufseher hindeutete, »ob es hier nichts zu thun gibt, womit man sich ein Abendessen und einen Unterschlupf für die Nacht verdienen könnte. Mehr brauche ich nicht.«

»Und was wollen Sie machen, wenn das hier nicht zu haben ist?« fragte der Doktor trocken.

»Weitergehen!«

»Woher kommen Sie?«

»Vereinigten Staaten!«

»Und wohin gehen Sie?«

»Der Nase nach.«

»Lassen Sie mir den Mann hier,« sagte Dr. West zu seinem Aufseher. Dieser entfernte sich lächelnd.

Der Doktor beugte sich wieder über seine Rechnungen. Der Fremde blieb auf der Schwelle sitzen, streckte die Hand nach einem jungen Weizenhalme aus, welcher in der Nähe der Thür aufgeschossen war, riß ihn ab, und fing an, ihn langsam zu kauen. Er erhob die Augen nicht zu dem Doktor, sondern saß da wie ein Verbrecher, der seinen Urteilsspruch ohne Furcht und ohne Hoffnung, aber mit einer gewissen philosophischen Ruhe und voller Ergebung in die Lage der Dinge erwartet.

»Gehen Sie hier nebenan in den Verschlag,« sagte der Doktor, während er ein Blatt des großen Rechnungsbuches umschlug und den Landstreicher ansah; »dort werden Sie allerlei Kleidungsstücke für die Arbeiter finden. Nehmen Sie sich, was Sie brauchen.«

Der Fremde stand auf, that einige Schritte in der bezeichneten Richtung, blieb dann aber stehen.

»Sie wissen, ich will hier nicht auf länger in Arbeit treten,« sagte er.

»Ich weiß es,« entgegnete der Doktor.

Nach wenigen Augenblicken kam der Tramp mit einem Paar jener weiten, bis unter die Arme reichenden Ueberbeinkleider, welche man in Amerika anzuziehen pflegt, um die übrigen Kleidungsstücke gegen Beschmutzung zu schützen, mit einem wollenen Hemd, ein Paar Stiefeln und einem Paar Socken zurück. Der Doktor legte die Feder aus der Hand.

»Nun gehen Sie in jenes Zimmer und ziehen Sie sich um. Erst aber können Sie sich in der Badestube dort den Staub von den Füßen waschen.«

Der Mann gehorchte der Weisung. Der Doktor trat in die Thür und blickte nachdenklich nach dem immer blässer werdenden Nachthimmel. Als er sich wieder umdrehte, bemerkte er, daß die Thür der Badestube offen stand und der Fremde, welcher die Kleider bereits gewechselt hatte, sich die Füße abtrocknete. Er näherte sich demselben und beobachtete ihn eine Weile.

»Was haben Sie da am Fuße?« fragte er plötzlich.

»Bin so geboren.«

Die große Zehe war mit der zweiten durch eine Art dünner Schwimmhaut verbunden.

»Ist der andere Fuß ebenso gestaltet?« fragte der Doktor weiter.

»Ja,« entgegnete der junge Mann, indem er den anderen Fuß zeigte.

»Wie nannten Sie sich doch?«

»Habe mich noch gar nicht genannt; heiße aber wie mein Vater, Henry Guest.«

»Wo sind Sie geboren?«

»Dentville, Pike County, Missouri.«

»Wie war der Familienname Ihrer Mutter?«

»Spalding, schätze ich.«

»Und wo halten sich Ihre Eltern gegenwärtig auf?«

»Mutter hat sich vom Vater scheiden lassen und irgendwo im Süden wieder verheiratet. Vater verließ die Heimat vor etwa zwanzig Jahren – lebt irgendwo in Californien – wenn er nicht tot ist.«

»Er ist nicht tot.«

»Woher wissen Sie das?«

»Weil ich Henry Guest von Dentville und demnach« – hier hielt er inne und beschattete die Augen mit der Hand, um den Landläufer mit Muße zu betrachten – »und demnach, wie ich schätze, dein Vater bin.«

Hier trat eine kurze Pause in dem Gespräche ein. Der junge Mann setzte den Stiefel, den er eben anziehen wollte, wieder auf den Boden.

»So kann ich wohl hierbleiben?« fragte er.

»Auf keinen Fall. Ich heiße hier West und habe keinen Sohn. Du wirst weiter marschieren nach San José und dort warten, bis ich mir die Sache überlegt habe. Natürlich hast du kein Geld?« setzte er mit einem kaum unterdrückten spöttischen Lächeln hinzu.

»Etwas doch,« entgegnete der junge Mann.

»Wieviel?«

Der Gefragte versenkte die Hand in die Brustfalten seines Hemdes und brachte ein zusammengelegtes Papier zum Vorschein, in welchem ein einziges Goldstück eingewickelt war.

»Fünf Dollar,« sagte er trocken. »Trage es schon über einen Monat mit mir herum, denn ein Leben, wie ich es führe, kostet nicht viel.«

»Da hast du noch fünfzig Dollars. Miete dich in San José in einem Gasthause ein und laß mich wissen, wo du zu finden bist. Du hast jetzt zu leben und hast nicht nötig zu arbeiten. Uebrigens scheinst du nicht auf den Kopf gefallen zu sein und so brauche ich dir wohl nicht zu sagen, daß, wenn du dir irgend welche Rechnung auf mich machst, du mir die Sache ganz allein überlassen mußt. Ich habe mich dir aus eigenem freiem Willen zu erkennen gegeben, aber ich kann dich morgen, wenn du mich dazu zwingst, ebensogut für einen Betrüger erklären. Hast du deine Geschichte irgend jemand in der Umgegend erzählt?«

»Nein.«

»So thu's auch nicht. Aber ehe du gehst, sollst du mir noch einige Fragen beantworten.«

Dabei zog er seinen Stuhl näher an den Tisch und tauchte seine Feder in das Tintenfaß, als wolle er die Antworten des Sohnes aufschreiben. Der junge Mann, welcher weiter keinen Stuhl in dem Raume bemerkte, schob die Bücher des Doktors beiseite und setzte sich auf die Tischkante.

Die gestellten Fragen waren eine Wiederholung der früheren, nur gingen sie mehr ins einzelne und berührten mehr die praktische Seite der Verhältnisse. Die Antworten wurden so offen und ohne Rückhalt gegeben, als ob es sich nicht der Mühe lohne, etwas zu erfinden oder zu verschweigen und zu vermeiden, und es wäre schwer gewesen, zu sagen, ob der Fragende oder der Befragte weniger Vergnügen an dem Examen fand, oder ob Vater und Sohn dem Gegenstande mehr Interesse schenkten, als er vielleicht einem dritten Unbeteiligten eingeflößt hätte. Sie sprachen völlig gleichgültig von ihren gemeinschaftlichen Familienangelegenheiten.

»So, jetzt kannst du gehen,« sagte der Doktor endlich, indem er aufstand. »Wenn du willst, kannst du in der Fonda Fonda, Schenke. Anm. d. Uebers., etwa eine Wegstunde von hier einkehren; du wirst dort ein Abendessen und ein Bett finden.«

Der junge Mann ließ sich von dem Tische herabgleiten und schritt der Thür zu. Der Doktor steckte die Hände in die Taschen und folgte ihm. Der junge Mann, welcher, wie in unbewußter Nachahmung, ebenfalls die Hände in die Taschen geschoben hatte, sah ihn an.

»Ich erwarte von dir zu hören, sobald du in San José angekommen bist,« sagte Dr. West, indem er mit einem leichten Anfluge von Verlegenheit an ihm vorüber in die Getreidefelder hinausblickte.

»Wenn Sie es wünschen,« entgegnete der junge Mann, auf der Schwelle stehen bleibend. In beiden schien eine Empfindung der, wenn auch nur konventionellen Anforderungen ihrer gegenseitigen Stellung aufzudämmern, und sie würden einander jetzt die Hand gereicht haben, wenn einer die seinige ausgestreckt hätte.

Aber der ärgerliche Gedanke an seine, wie er meinte, mit Undank aufgenommene Mitteilung grollte in der egoistischen Seele des Vaters, die Erinnerung an ein zwanzig Jahre lang erlittenes Unrecht in der des Sohnes, und da jeder das Unbehagen des anderen nachfühlte, gingen sie nur mit dem Gefühle der Erleichterung auseinander.

Dr. West schloß die Thür, zündete seine Lampe an, faltete das Papier, auf dem er eben die Angaben des Sohnes niedergeschrieben, und steckte es in die Tasche. Dann klingelte er dem Aufseher. Der Mann trat ein und blickte sich rings in dem Raume um, als erwarte er, den fremden Gast noch hier zu finden.

»Sagen Sie einem der Leute, Buckeye zu satteln.«

Der Aufseher zögerte.

»Wollen Sie noch heute ausreiten, Sir?«

»Ja. Ich reite vielleicht bis zu Saltonstalls, und in diesem Falle komme ich vor morgen früh nicht wieder.«

»Buckeye ist heute sehr unbändig, Boß Boß gleich dem holländischen Boas, Herr, Meister. Anm. d. Uebers.. Hat erst vor einer Stunde den Mann abgeworfen, der ihn ausreiten sollte, und keiner würde wagen, ihn wieder zu besteigen.«

»Na, ich will sehen, ob er mich auch abwirft,« sagte der Doktor verdrießlich. »Lassen Sie das Tier vorführen.«

Der Mann wendete sich zum Gehen.

»Der Tramp war wohl zu allem zu faul und zu nichts zu brauchen?« fragte er.

»Besser zu brauchen, als mancher, der sich wer weiß wie klug und geschickt dünkt,« sagte Dr. West, unwillkürlich die Verteidigung des Abwesenden übernehmend, in gereiztem Tone. »Machen Sie, daß ich das Pferd bekomme!«

Der Aufseher verschwand. Der Doktor legte ein Paar lederne Gamaschen, sowie große silberne Sporen an und setzte einen weichen breitkrempigen Hut auf, veränderte aber seine sonstige gewöhnliche Kleidung nicht. Dann trat er ans Fenster und schaute in der Richtung der Straße hin. Jetzt, nachdem sein Sohn gegangen war, empfand er doch ein leises Bedauern, das Beisammensein mit ihm nicht verlängert zu haben. Gewisse Eigentümlichkeiten in seinen Manieren, ein gewisses Etwas in seinem Gesichte, seiner Ausdrucksweise und seinen Bewegungen kamen ihm jetzt wieder ins Gedächtnis und weckten nachträglich seine Neugier.

»Na, was thut's,« sagte er endlich zu sich selbst. »Er wird wiederkommen – wird jedenfalls wiederkommen, sobald ich ihn brauche, wenn nicht eher. Er denkt sich die Sache hier ohne Zweifel sehr hübsch und angenehm und wird mich sicherlich nicht so ohne weiteres aus dem Garne lassen. Aber er hat den ganzen verwünschten, stöckischen Stolz seiner Mutter, obgleich sie offenbar keinen besonderen Faden miteinander gesponnen haben. Daß ich ihn nicht gleich erkannte! Und die zusammengehaltenen und aufgesparten fünf Dollar! Darin verrät sich Janes Sohn, wie in nichts anderem! Natürlich,« fügte er bitter hinzu, »hat er keinen Zug von mir. Nein, nicht einen. Nun es kommt ja nichts darauf an!«

Dabei wandte er sich der Thür zu und zwar mit demselben düster-trotzigen Gesichtsausdruck, welcher den jungen Mann charakterisierte, der ihm in nichts gleichen sollte. Ohne Zweifel würde die Aehnlichkeit dem soeben zurückkehrenden Aufseher nicht entgangen sein, wenn Buckeye, der von dem Stallknechte vorgeführt wurde, nicht glücklicherweise seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte.

Der Anblick des Mustangs veränderte auch sofort die Miene des Doktors, dessen Gedanken eine andere Wendung nahmen. Mit Hilfe zweier Männer, welche das widerspenstige Tier am Zügel hielten, gelang es ihm, in den Sattel zu kommen. Einige wilde Sprünge Buckeyes schienen nur dazu zu dienen, ihn festeren Sitz im Sattel gewinnen zu lassen, und nach jedem Sprunge blieb eine schmale, rote, unter den Sporen des Reiters hervorquellende Spur an den Flanken des Pferdes zurück. Die Ausführung des vielleicht in der Seele des Doktors aufkeimenden Wunsches, den Fußstapfen des Sohnes zu folgen, wurde durch Buckeye verhindert, welcher sogleich in der entgegengesetzten Richtung davonsprengte – und ehe es dem Reiter gelang, das Tier vollständig in seine Gewalt zu bekommen, hatte es bereits eine gute Strecke auf dem Wege nach der Mission Perdida zurückgelegt.

Dr. West war eigentlich nicht unzufrieden damit. Vor zwanzig Jahren hatte er freiwillig seine Ehe gelöst und seiner Frau gestattet, wegen Untreue und Unverträglichkeit die gesetzliche Trennung einzuleiten, welche er sonst aus gleichen Gründen erwirkt haben würde. Er hatte ihr den einzigen Sprößling der Verbindung, seinen damals noch im Kindesalter stehenden Sohn, bedingungslos überlassen. Was er jetzt noch etwa für denselben thun wollte, lag ganz und gar in seinem freien Willen, und der einzige Punkt, welcher ihm bei dem Zusammentreffen mit dem jungen Manne Achtung abgenötigt hatte, war, daß dieser seinerseits die Thatsache mit derselben kalten Gleichgültigkeit behandelt und anerkannt hatte, wie er selbst.

Gegenwärtig nahm das halbwilde Tier, welches er unter sich hatte, seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch – und, er vermochte sich nicht abzuleugnen, daß er heute sein vorgerücktes Alter mehr empfand, als sonst. Ein so kühner, sicherer Reiter er auch war, so kamen seine Kräfte doch nicht mehr denen seines jungen, unermüdlichen, boshaften Mustangs gleich und einen Augenblick dachte er mit Bedauern an die schlaffen, wie es schien nur halb entwickelten Muskeln und Sehnen seines Sohnes. Noch flüchtiger blitzte ihm der Gedanke durch den Kopf, daß diese Sehnen eigentlich die seinigen ersetzen, ihm selbst zur Stütze dienen sollten, und daß sich auf diese – aber nur auf diese Weise, das alte Wunder wiederholen könnte, das Wunder, die entschwundene Jugend wiederzufinden, indem man die eigene Kraft auf das eigene Blut überträgt. Er, der bis jetzt im übermächtigen Gefühle seiner Persönlichkeit den Glauben an solche Vererbung in sich erstickt hatte, empfand dies plötzlich wie einen heftigen Schmerz.

Und Buckeye, der vielleicht ein Nachlassen der Hand seines Reiters bemerkte, benutzte die Gelegenheit. Indem er den Rücken krümmte wie eine Katze und sich mit einem unerwarteten Sprunge in die Luft schnellte, kam er mit vier steifen Beinen auf den Boden nieder und das Platzen des Sattelgurtes wäre wohl die Folge des heftigen Stoßes gewesen, wenn nicht der gewitzte alte Mann ebenso schnell die großen Räder seiner Sporen unter dem zusammengezogenen Leibe des Mustang gekreuzt und ineinander gehakt hätte. Das war denn auch der letzte rebellische Versuch Buckeyes. Nach diesem Mißerfolge erklärte er sich besiegt und trabte sanft und demütig, als wolle er um Entschuldigung seiner Unart bitten, dahin. Damit entschwanden aber auch alle Zweifel und düstern Gedanken des Reiters weit hinter ihm in nebelhafter Ferne.

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