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Maruja

Bret Harte: Maruja - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFrancis Bret Harte
titleMaruja
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1885
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel.

Das Frühstück, das in der Mission Perdida zu den beweglichen Festen zu gehören pflegte, hatte sich bis in den Nachmittag verlängert. Die nur zum Ball Gekommenen waren fort, und die Hausgäste – mit Ausnahme des Kapitäns Carroll, der nach seiner entfernten Garnison zurückgekehrt war – zerstreuten sich nach verschiedenen Richtungen. Einige unternahmen einen Ritt nach benachbarten Aussichtspunkten, andere wollten umliegende Niederlassungen besuchen, die von der schnell aufblühenden Civilisation des fruchtbaren Landstrichs Zeugnis gaben. Eine derselben, die Schöpfung eines rasch zum Millionär gewordenen Amerikaners, war besonders merkwürdig durch die Schnelligkeit ihres Wachstums und die verschwenderische Pracht ihrer Ausstattung.

»Sollten sie den Palast Aladins besuchen,« sagte Maruja, die auf den Stufen der südlichen Freitreppe stand, zu einem Wagen voll abfahrender Gäste, »so versäumen Sie nicht, nachdem Sie die Stallungen mit der Mahagonieinrichtung für hundert Pferde gesehen haben, sich von Aladin auch das Zaubergemach zeigen zu lassen, dessen Wandgetäfel mit den kostbarsten kalifornischen Holzarten eingelegt ist und dessen Fußboden aus Goldquarz besteht.«

»Wir hätten viel mehr Aussicht, es zu sehen, wenn die Prinzessin von China die Gnade haben wollte, uns zu begleiten,« meinte Garnier in seiner galanten Weise.

»Die Prinzessin von China wird als gutes Kind bei Mama bleiben,« gab Maruja ernsthaft zur Antwort.

»Diesmal hat Garnier einen Fehlschuß gethan,« flüsterte Raymond, als der Wagen mit ihnen davon rollte, Buchanan zu. »Die Prinzessin von China wird Aladin schwerlich wieder besuchen.«

»Und warum nicht?«

»Weil Aladin sich das letzte Mal, als sie dort war, zu sehr als leidenschaftlicher Perser benommen hat, indem er ihr sein Haus, seine Pferdeställe und sich selbst zu Füßen gelegt.«

»Kein übler Fang, das muß ich sagen! Er soll seine zwei Millionen wert sein.«

»Ja, aber seine Frau ist ebenso leidenschaftlich wie er selbst.«

»Seine Frau? – Wie – sprechen Sie im Ernst oder wollen Sie nur dem Bewunderer der jungen Dame etwas anhängen?« rief Buchanan, indem er dem Gefährten scherzhaft mit dem Stocke drohte. »Noch ein Wort und ich werfe Sie aus dem Wagen.«

Nach Abfahrt der Gäste versank die Außenseite des Hauses in so tiefe Stille, als wäre der Fluch Koorotoras bereits in Erfüllung gegangen. Welke Rosenblätter und abgefallene Blüten lagen in Haufen unter den grünumsponnenen Säulen der vereinsamten Veranden oder wurden von dem allmählich erwachenden Passatwinde mit leisem Rascheln dem Hause zugetrieben. Einige Kardinalblumen fielen wie Blutstropfen vor dem offenen Fenster des leeren Ballsaales nieder, in welchem der Schritt einer Dienerin leisen Widerhall weckte. Es war Marujas Zofe, welche ihrer jungen Herrin, die in einem mit Falbeln besetzten Morgenkleide am Fenster lehnte, einen Brief brachte. Maruja nahm ihn, sah ihn ruhig an, brach ihn der Länge nach zusammen und steckte ihn in den Gürtel. Kapitän Carroll, von dem er kam, hätte seine dienstlichen Depeschen nicht gleichmütiger aufnehmen können. Die Dienerin fand das auch und fühlte sich zu einer Mitteilung gedrungen, die vielleicht mehr Interesse erregte.

»Doña Maruja haben ohne Zweifel den Blumenstrauß auf dem Tische Ihres Ankleidezimmers gesehen? – Er ist von Señor Garnier.«

Doña Maruja hatte ihn gesehen – und außerdem hatte sich Doña Maruja zu ihrem Bedauern davon überzeugen müssen, daß Faquita, durch einen Judaslohn verführt, an den Geheimnissen der Garderobe ihrer Herrin zur Verräterin geworden war. Hatte sie doch von einem gewissen gelben Kleide eine Schleife an Señor Buchanan gegeben, um seinen chinesischen Fächer damit zu schmücken. Das war unverzeihlich!

Faquita wollte vor Reue vergehen und gestand, daß sie durch diese That unauslöschliche Schande über ihre Familie gebracht habe.

Doña Maruja dagegen fühlte, daß ihr unter den obwaltenden Umständen nichts weiter übrig bleibe, als der Sünderin den entheiligten Anzug zu überlassen und sich der Hoffnung hinzugeben, daß der Teufel sie nicht in demselben entführen werde.

Darauf verließ sie die völlig getröstete Faquita, ging durch die große Halle, öffnete ein Pförtchen, durchschritt einen dunklen, in die Backsteinmauer der alten Casa gebrochenen Gang und hatte nun die Neuzeit gleichsam hinter sich gelassen, um in die friedvolle Atmosphäre der Vergangenheit einzutreten. Diese Atmosphäre lag nicht nur in den niedrigen, gewölbten Gängen, die von vergitterten Fenstern erhellt wurden; nicht nur in den rechtwinkeligen Zimmern, deren dunkles, kostbares, aber spärlich vorhandenes Mobiliar nur als Folie für die Pracht der großen, mit Spitzen bedeckten Betten dienen zu sollen schien; sie bestand hauptsächlich aus dem eigenartigen, alles durchdringenden Hauch verblaßter, veralteter Vornehmheit, der im Dämmerlichte dieser Räume, von halb vergessenen, ruhig dahin geschwundenen Generationen der Guitierrez Kunde gab. Ein Nebel, der aus Weihrauch und dem Duft halbwelker Blumen gemischt schien, zog schleierhaft durch die langen Gänge und ließ die schmalen, schießschartenartigen Fenster auf dem blauen Hintergrunde des Himmels wie schimmernde, in die Wand eingelassene Spiegel erscheinen. Das Gemach, das den Töchtern des Hauses gehörte, sah halb wie ein Schlafzimmer, halb wie ein Betzimmer aus und zeigte ein seltsames Gemisch des Klösterlichen in den weißgetünchten, mit Kruzifixen und anderen religiösen Emblemen verzierten Wänden – und des Haremartigen, im gelegentlichen Anblick schlanker, träge ausgestreckter Mädchengestalten in kurzer, seidner Saya, weit ausgeschnittener Camisa (Hemd) und von den Füßchen fallender Pantoffeln. In einer breiten Ecke des auf den Patio führenden Ganges aber, dessen Balustrade mit bunten Shawls und Teppichen behangen war, pflegte die Herrin des Hauses, in einer Hängematte zurückgelehnt, von zahlreicher Dienerschaft umgeben, Freunden und Verwandten ihre Mittagsaudienz zu erteilen.

Hierher begab sich Maruja, wand sich durch die Gruppen der Stühle und Polster zu der Mutter hin, küßte sie auf die Stirn und schwang sich selbst wie eine weiße Taube auf das Gitter des Patio. Mrs. Saltonstall, eine brünette, wohlbeleibte Frau, die nur durch ihren sanften Gesichtsausdruck und die maßvolle Ruhe ihres Wesens davor bewahrt wurde, gewöhnlich auszusehen, hob die schweren braunen Augen zum Gesicht der Tochter auf.

»Hast du dich gar nicht niedergelegt, Mara?«

»Nein, Mütterchen! Sehe ich danach aus?«

»Du mußt es gleich nachholen. – Man sagt mir, daß Kapitän Carroll heute morgen plötzlich abgereist ist?«

»Thut dir das leid?«

»Was soll ich dazu sagen? Amita scheint sich weder für José, noch für Estéban, oder Jorge oder irgend einen ihrer Vettern zu interessieren. Auch von Juan Estudillo scheint sie nichts wissen zu wollen. Der Kapitän ist aber nicht übel ... steht im Dienst der Regierung und ist ...«

»Nicht weiter als zehn Leagues von hier zu finden!« fiel Maruja ein, indem sie mit dem Briefe in ihrem Gürtel spielte. »Laß ihn zurückrufen, Mütterchen, er wird sich freuen.«

»Wie du alles leicht nimmst ... ganz wie dein Vater. Aber unsere Amita, wie steht's mit ihr ... grämt sie sich nicht?«

»Sie und Dorotea und die beiden Wilsons sind mit Raymond und deinem schottischen Freunde im Char-a-bancs ausgefahren. Geweint hat sie nicht ... in Raymonds Gesellschaft.«

»Um so besser!« antwortete Mrs. Saltonstall, indem sie sich in ihre Hängematte zurücklehnte. »Raymond ist ein alter Freund. Nun aber solltest du dich zur Siesta niederlegen, liebes Kind, um zu Tische wieder frisch zu sein. Ich erwarte einen Gast ... Dr. West.«

»Schon wieder! Was wird Pereo dazu sagen?«

»Pereo!« wiederholte die Witwe, indem sie ungeduldig in ihrer Hängematte emporfuhr. »Pereo wird geradezu unerträglich! Er ist so verrückt wie Don Quichotte und es wird immer unmöglicher, seine Unverschämtheiten und Einmischungen vor den Augen der Fremden zu verbergen. Natürlich begreifen sie seine vertraute Stellung zu der Herrschaft nicht, da sie nichts von seinen langen treuen Diensten wissen. Außerdem sind die Haushofmeister nicht mehr üblich, liebes Kind. Die Vallejos, die Briones, die Castros haben keinen mehr und Dr. West sagt mit Recht, daß sie ein lächerliches Ueberbleibsel des früheren, patriarchalischen Systems sind.«

»Und durch gewandte Fremdlinge ersetzt werden können,« fiel Maruja ernsthaft ein.

»Und das um so eher, wenn das patriarchalische System nicht imstande ist, den Kindern die gebührende Ehrfurcht für die Eltern einzuflößen. Nein Maruja! Nein, ich bin gekränkt, küsse mich nicht ... Und sieh nur, wie dein Haar herunter hängt, und deine Augen haben Ringe, daß sie aussehen wie Eulenaugen. Du redest diesem fanatischen Pereo auch nur das Wort, weil er dich in Ruhe läßt, während er deinen armen Schwestern und ihrem Gefolge nachspürt, wie der Indianer thun würde, dessen Blut in seinen Adern fließt. Nur die Heiligen wissen, ob er nicht schuld daran ist, daß Kapitän Carroll die Flucht ergriffen hat. Er glaubt wahrhaftig, der einzige Schutz und Schirm unserer Familienehre zu sein, glaubt von Don Fulano, von Koorotora mit der heiligen Mission betraut zu sein, den Fluch von uns abzuwenden. Ich bin überzeugt, daß er seine Einbildungen durch Aguardiente (Branntwein) aufzufrischen pflegt und daß unsere einfältigen Tagelöhner und Dienstboten einen Propheten in ihm sehen. Die Kinder erfüllt er durch seine albernen Geschichten mit abergläubischem Schrecken und bringt sie dazu, den heidnischen Grabhügel zu schmücken, als ob es der Schrein unserer lieben Frau der Schmerzen wäre. Gegen Dr. West hat er sich gestern geradezu unartig benommen.«

»Aber du selbst hast ihn in seiner Vertrauensstellung befestigt,« sagte Maruja. »Erinnere dich, liebe Mutter, wie du ihn beauftragt hast, Dueña Enriquita und Oberst Brown zu überwachen und den jungen Engländer fortzuschaffen, der Dorotea zu viel Aufmerksamkeit erwies; selbst den armen Raymond hattest du ihm in die Hände gegeben und er ging so rücksichtslos mit ihm zu Werke, daß ich mich des Unglücklichen erbarmen mußte.«

»Ich hatte ihm einfach die Erklärungen aufgetragen, die ich selbst nicht geben kann, ohne die althergebrachte Gastfreundlichkeit der Casa zu verletzen,« erwiderte Doña Maria mit einer gewissen schwerfälligen Würde, die – trotz der Schwäche ihrer Beweisführungen – nicht ohne Eindruck zu bleiben pflegte. »Noch ist es – der heiligen Jungfrau sei Dank! – nicht soweit gekommen, daß wir selbst den Ansprüchen jedes Gastes, den der Zufall unter unser Dach geführt hat, Beachtung schenken müßten, wie die heiratstiftenden, töchterverschachernden Engländer und Amerikaner thun. Auch war Pereo damals noch taktvoll und vorsichtig – jetzt ist er verrückt. Man muß unter den Fremden, die unser Thal bevölkern, Unterschiede zu machen wissen ... um so mehr, da die Bewerber aus unseren alten Familien mehr und mehr verschwinden.«

»Das ist nicht so schlimm,« meinte Maruja mit scheinbarer Unbefangenheit. »Da ist der treffliche Ramierrez, der sich vor kurzem beinahe eine Gemahlin aus der Singspielhalle von San Francisco geholt hätte ... vielleicht kann er dem Feuer noch entrissen werden. – Dann der jugendliche José Castro, erster Padroño unserer nationalen Stiergefechte in Soquel, berühmter Reiter und Sieger in – ich weiß nicht wie viel Rennen. Und haben wir nicht Vincente Peralta, der, wie die Rede geht, einen Sitz im amerikanischen Kongreß anstrebt? – Er kann wirklich lesen und schreiben, ich habe selbst einen Brief von ihm hier.« Dabei bog sie das Schreiben des Kapitän Carrol herab und zeigte ein anderes, das darunter steckte.

Mrs. Saltonstall schlug mit dem Fächer auf die Hand der Tochter.

»Du spottest über alles – nur Pereo verteidigst du jederzeit. Geh jetzt und suche dich in einen besseren Gemütszustand hinein zu schlafen. – Halt – ich höre des Doktors Pferd ... geh schnell hin und überzeuge dich, daß Pereo ihn in gebührender Weise empfängt.«

Maruja war kaum in den dunklen Zwischengang eingetreten, als sie mit dem Neuangekommenen zusammentraf, einem grauhaarigen Sechziger mit harten Zügen, der allem Anschein nach ohne Umstände ins Haus getreten war.

»Sie haben das Anmelden nicht erwarten wollen,« sagte sie freundlich; »Mama wird sich durch Ihre Ungeduld geschmeichelt fühlen ... sie ist im Patio.«

»Pereo hat wahrscheinlich noch zu viel mit der Nachwirkung des Aguardiente zu thun, das er gestern in sich hineingegossen, um an das Anmelden zu denken,« gab Dr. West trocken zur Antwort. »Ich traf ihn abends vor der Tienda Tienda, ländlicher Kramladen. Anm. d. Uebers., in Gesellschaft zweier Gurgelabschneider, die man am liebsten über den Haufen geschossen hätte.«

»Ein Haushofmeister hat allerlei Einkäufe zu machen, muß mit allerlei Volk verkehren,« antwortete Maruja, und mit süßem Lächeln fügte sie hinzu: »Was wollen Sie? Seinen Umgang sorgfältig auszuwählen ist eben nicht möglich – können wir es doch kaum für uns selbst.«

Einen Augenblick schien es, als ob der Doktor etwas erwidern wollte, dann aber ging er mit einem ingrimmigen »Guten Morgen!« an ihr vorüber, dem Patio zu. Maruja folgte ihm nicht; ihre Aufmerksamkeit wurde plötzlich durch eine bisher unbemerkte, regungslose Gestalt in Anspruch genommen, die, in einem Winkel des Ganges verborgen, auf sie zu warten schien. Das scharfe Auge der Tochter Joseph Saltonstalls hatte sich nicht getäuscht; ohne weiteres ging sie auf die Gestalt zu und sagte in scharfem Tone:

»Pereo!«

Zögernd trat die Gestalt in das Licht des vergitterten Fensters. Es war die eines alten, großen Mannes, der sich noch immer aufrecht hielt, obwohl das Haar von seinen Schläfen verschwunden war und nur noch in zwei oder drei langen, starren Strähnen in seinem Nacken hing. Sein Gesicht, auf das einer der Gitterstäbe einen finsteren Schatten warf, war gelb, wie getrocknete Tabakblätter, und wie diese von dicken Adern durchschnitten. Seine Kleidung glich in seltsamer Mischung halb der eines Geistlichen, halb der eines Viehtreibers; seine Sammetmanchesterhosen waren vom Knie an offen und mit goldenen Knöpfen besetzt; die breite rote Schärpe, die er um den Leib gewunden hatte, wurde zum Teil durch eine lange, faltenlose Chaqueta verhüllt und darüber trug er einen runden, priesterlichen Mantel von schwarzem feinem Tuch, der vermittelst eines mit Gold umsäumten Schlitzes über den Kopf gezogen war. Seine ruhelosen gelben Augen senkten sich vor denen des jungen Mädchens und der steife, lakierte, breitrandige Sombrero, den er in der runzeligen Hand hielt, zitterte.

»Du spionierst schon wieder, Pereo!« sagte Maruja in einem anderen Dialekt, als sie mit der Mutter gesprochen hatte; »das ist unwürdig für den vertrauten Diener meines Vaters.«

»Dieser Mensch ... dieser Coyote, Doña Maruja, ist unwürdig Ihres Vaters, Ihrer Mutter, Ihrer selbst!« antwortete er mit heftigen Gebärden, in lautem Flüstertone. »Ich, Pereo, spioniere nicht, ich verfolge ... verfolge die Spur des schleichenden Raubtieres, bis ich's in meine Gewalt bekomme und ihm den Garaus machen kann. Ja, ich war es – ich, Pereo, der schon Ihren Vater vor diesem Menschen gewarnt hat, welcher sich mit der halben Besitzung, die er an sich gerissen, nicht begnügen wird. Ich, Pereo, habe auch Ihre Mutter gewarnt, habe ihr gesagt, daß er jedesmal, wenn er den Boden der Mission Perdida betritt, mit den Augen die Felder abmißt, die er davon losreißen könnte!« Der Alte schwieg schweratmend still; in seinem Blick lag der unheimliche Glanz einer fixen Idee.

»Und du warst es, Pereo,« sagte Maruja, indem sie ihre weiche Hand liebkosend auf seine keuchende Brust legte, »du warst es, der mich als Kind in den Armen getragen hat; du warst es, der mich vor sich aufs Pferd setzte und nach dem Rodeo Rodeo, eingefriedigter Platz, auf dem die freiweidenden Herden zusammen getrieben werden, um sie zu zählen und zu zeichnen. Anm. d. Uebers. reiten ließ, ohne daß es irgend jemand wußte ... lieber Pereo, war's nicht so?«

Er nickte heftig mit dem Kopfe.

»Und warst du es nicht, der mir die schönen Caballeros gezeigt hat, die Pachecos, die Castros, die Alvarados, die Estudillos, die Peraltas, die Valleyos?« – Sein Kopf nickte im Takt bei jedem Namen und das Feuer erlosch in seinen feuchten Augen. »Du ließest mich versprechen, sie – über die vielen Amerikaner, die jetzt hier sind – nicht zu vergessen,« fuhr Maruja fort. »Nun, das war vor vielen Jahren – jetzt bin ich älter und habe manchen Amerikaner gesehen – aber frei bin ich noch heute.«

Er faßte ihre Hand und zog sie mit beinahe ehrfurchtsvoller Gebärde an die Lippen. Sein Blick wurde milder, und während seine Aufregung nachließ, ging seine Stimme in den Klageton des bevorrechteten Greisenalters über.

»Ja, freilich,« sagte er, »Sie, die Erstgeborene, die Erbin der Besitzung ... ja, Sie sind immer eine Guitierrez gewesen. Aber die anderen – wo sind sie denn jetzt? Früher hieß es jederzeit: ›Nun, Pereo, was sollen wir heute anfangen? – Pereo, guter Pereo, wir sind hierhin und dorthin eingeladen ... sollen die neuen Ansiedler besuchen, was meinst du, Pereo – wo sollen wir heute zu Mittag speisen?‹ Oder: ›Erkundige dich nach diesem oder jenem fremden Caballero, ob wir mit ihm verkehren können?‹ – Ja, ja, es ist nicht viel länger her, als gestern, daß Amita sagte: ›Leihe mir dein Pferd, Pereo, damit ich dem prahlerischen Amerikaner zuvorkomme, der sich immer an meiner Seite hält!‹ Ha! ha! – Oder daß die ernste Dorotea mir zuflüsterte: ›Erkläre doch diesem Señor Presumptuous Pomposo, daß die Töchter aus dem Hause der Guitierrez nicht mit einem Fremden allein spazieren reiten.‹ Selbst die kleine Liseta sagte zu mir: ›Warum drückt mir wohl der Fremde mit seiner großen Hand den Fuß so sehr, wenn er mir in den Sattel hilft? Sag' ihm, Pereo, daß sich das nicht schickt!‹ Ha! ha!« Er lachte in kindischer Weise vor sich hin, fuhr aber nach einer Pause mit steigender Aufregung fort: »Was ist's denn nun, daß Señora Amita plötzlich geärgert dreinschaut oder sich beklagt, so oft Pereo, der alte Pereo, dazu kommt, wenn sie mit diesem Señor Raymond, dem Maquinista, zusammen ist? Ja – und warum wird Pereo von der Frau Mutter, der Castellaña, nicht mehr zu ihren Beratungen zugezogen? ... Was bedeuten diese heimlichen Zusammenkünfte, diese Besprechungen unter vier Augen mit dem Judas ... ohne ihre Angehörigen? Ohne mich?«

»Höre mich an, Pereo,« erwiderte das junge Mädchen und legte abermals ihre Hand auf die Schulter des alten Mannes: »alles, was du gesagt hast, ist wahr, aber vergiß nicht, daß die Jahre vergehen. Die, welche uns früher fremd waren, sind es nicht mehr; sie sind an die Stelle der alten Freunde getreten, die wir verlieren mußten. Mein Vater hat dem Doktor vergeben ... warum thust du es nicht? – Und was das übrige betrifft, so verlaß dich nur auf mich – auf Maruja!« Bei diesen Worten faßte sie an ihr Herz über der internationalen Vereinigung der Zuschriften Kapitän Carrolls und Señor Peraltas. »Ich werde Sorge dafür tragen, daß die Ehre der Familie nicht zu Schaden kommt. Du aber, lieber Pereo, suche dich zu beruhigen, nicht mit Aguardiente, sondern mit einer Flasche alten Weines aus dem Refektorium der Mission. Dein Freund, Padre Miguel, hat sie mir gegeben; sie stammt von den Vorräten her, die einst hier im Keller lagen. Fasse Mut, Pereo! Du sagst, daß sich Amita beklagt, wenn du sie und Raymond störst? – Was liegt daran! Freue dich lieber darüber, daß ich die Peraltas, die Pachecos, die Estudillos, alle deine alten Freunde, auf heute zu Tische geladen habe. So wirst du wenigstens die alten Namen hören, wenn auch die Gesichter der Gäste neu für dich sind. Frisch auf, alter Freund! Thue, was deines Amtes ist, zeige ihnen, daß die Gastfreundschaft der Mission Perdida nicht mit ihrem Majordomo gealtert hat. Faquita wird dir den Wein bringen. Nein, dorthin nicht! ... Es ist besser, daß du den Patio vermeidest, um nicht noch einmal mit dem Manne zusammenzutreffen. Komm, ich führe dich! Gib mir deine Hand ... sie zittert, Pereo! Das sind nicht mehr die Sehnen, die vor kaum zwei Jahren mit Hilfe eines einfachen Lasso in Soquel den Stier zu Boden warfen ... Sieh nur! Ich kann dich fortziehen ... sieh!« und mit leichtem Auflachen und knabenhaftem Ungestüm zog und stieß sie ihn vorwärts, bis ihre Stimmen in dem dunklen Gange verhallten.

Marujas Versprechen ging in Erfüllung. Als die Sonne lange Schatten in die Veranda zu werfen begann, wurde nicht nur die äußere Schale der Mission Perdida, sondern auch das innerste Herz der alten Casa von fröhlichem Leben erfüllt. Einzelne Reiter sowohl, wie Wagen voll Gäste trafen ein und unter den modernen Fuhrwerken der Hausbewohner und benachbarten Amerikaner zeigten sich einige der großen Kutschen, die vor fünfzig Jahren Mode waren, mit buntaufgeputzten Maultieren, seltsamen Postillonen, hin und wieder sogar mit einem Vorreiter. Dunkle Gesichter blickten vom Balkon des Patio nieder; leichter Tabakdampf machte die dämmerigen Korridore noch dunkler und mischte sich mit dem versetzten Weihrauchduft; hübsche, barhäuptige Frauen, mit Rosen im dunkeln Haar, eilten in kindischer Neugier die breite Veranda entlang, oder schlüpften durch die großen französischen Fensterthüren, die in den Saal führten. Sorgsam rasierte Männer mit olivenfarbiger Haut und hellfarbige Männer mit schön gebogenen, unter dem Grübchen des Kinnes zusammenstoßenden Backenbärten schritten mit einer unbewußten Würde einher, welche sie gegen die sie umgebenden Neuheiten gleichgültig machte. Eine Zeitlang blieben die beiden Rassen streng voneinander getrennt, nach und nach aber bewirkten Garniers taktvolle Galanterien, Raymonds unbefangene Offenheit und die übersprudelnde Lebhaftigkeit Aladins – er hatte sich, einer leisen Aufforderung folgend, seinem Feenpalast entrissen, um (in der Hoffnung, die Prinzessin von China wiederzusehen) die Besucher desselben hierher zu begleiten – einen Austausch von Höflichkeiten, Gefälligkeiten, vertraulichen Mitteilungen sogar.

Jovita Castro hatte von den Wundern des Aladinschen Palastes gehört (wer hätte das nicht!), aber war es denn wirklich der Fall, daß den Damen dort jeden Morgen ein zu ihrem Anzuge passender Blumenstrauß und Fächer überreicht wurde, und daß den Herren, vor dem ersten Frühstück, in ihren Zimmern ein Cocktail von Champagner serviert wurde? –

»Sollten nur kommen, Miß, Vater und Bruder mitbringen und eine Woche bei mir bleiben, dann würden Sie es ja sehen,« gab Aladin artig zur Antwort. »Warten Sie 'mal ... wie ist denn Ihres Vaters Taufname? Will ihm ein Telegramm schicken und Sie alle auf morgen einladen.«

»Ist es denn wahr, daß Sie den hübschen Kapitän Carroll von Amita weggebissen haben?« sagte Dolores Briones über den Fächer herüber zu Raymond.

»Das ist es,« gab er mit höchster Unbefangenheit zur Antwort. »Ich ließ ihn wählen zwischen Tod und Leben, und da er Soldat ist, zog er das letztere vor – um des Avancements willen.«

»Aber wir alle glaubten, daß Sie Maruja lieber hätten.«

»Vor zwei Jahren war das der Fall,« gab Raymond ernsthaft zur Antwort.

»Und in der Zeit könnt ihr Amerikaner eure Neigung wechseln?«

»Ich mache eben die Erfahrung, daß es noch schneller geschehen kann,« erwiderte er, bedeutungsvoll über ihren Fächer blickend.

Uebrigens gingen diese Vertraulichkeiten durchaus nicht nur von einer Nationalität aus.

»Ich habe mir immer eingebildet,« sagte die hübsche kleine Miß Walker, indem sie dem ältesten Pocheta freimütig in das runde, glatte Gesicht sah, »ich habe mir immer eingebildet, die Spanier wären sehr dunkel und trügen lange Schnurrbärte und weite Mäntel, nun sehe ich aber, daß sie so weiß und rot sind wie ich selbst.«

»Wenn ich das glauben müßte,« erwiderte er in seinem spanischen Accent, mit tiefer Schwermut, »so wäre ich der elendeste aller Menschen,« und in dem tiefen Schweigen, das dieser Beteuerung folgte, fügte er zur Erklärung hinzu: »Weil ich nicht imstande sein würde, dem Schicksale des Narciß, der sich in sich selbst verliebte, zu entgehen.«

Mr. Buchanan gab sich dem Eindrucke dieser Scenen mit dem Vollgefühle des unabhängigen Reisenden hin, und fand selbst für Aladin, dessen Verschwendung ihm anfangs beinahe gotteslästerlich erschienen war, Worte der Anerkennung.

»Möchte ihn doch nicht ohne weiteres für einen Narren erklären,« sagte er zu seinem Freunde, dem Banquier aus San Francisco.

»Wer das thun wollte, dürfte sich auch gewaltig irren,« gab dieser zur Antwort. »Aladins Verschwendung ist von der Art, die nicht nur den eigenen, sondern auch anderer Leute Beutel öffnet, und während diese Leute sein Geldausgeben tadeln, sind sie alle bereit, sein Gelderwerben zum Vorbild zu nehmen.«

Bei Tische ging es etwas förmlich zu; in ihrer schwerfälligen Pracht von schwarzer Seide, Sammet und Goldstickerei thronte die Herrin des Hauses wie ein Heiligenbild zu Häupten der Tafel, und selbst die Anwesenheit des derblustigen Schotten, der ihr zur Seite saß, konnte die Empfindung eines gewissen Zwanges nicht verscheuchen. Eine Zeitlang schien es, als hätten die Stammesgenossen den Gesprächsstoff in ihren altmodischen Kutschen mitgebracht, so abgeblaßt, welk und kraftlos war die Unterhaltung. General Pièr erzählte mit großer Ausführlichkeit von den Festen, die zu Anfang unseres Jahrhunderts zu Ehren Sir George Simpsons in Monterey stattgefunden und denen er als Augenzeuge beigewohnt hatte. Don Juan Estudillo war dagegen beinahe frivol zu nennen; er gab verschiedene Anekdoten über Ludwig Philipp zum besten, den er in Paris gesehen hatte. Der weitblickende Pedro Guitierrez war voll düsterer Ahnungen in Bezug auf eine bevorstehende Ueberschwemmung Californiens durch die mongolische Rasse. Im Geiste sah er die herrschende Religion durch den Götzendienst der Chinesen verdrängt und die Polygamie als Gesetz in die Verfassung aufgenommen. Endlich kamen alle Anwesenden überein – die Amerikaner sowohl, die das Preemption Right Preemption Right, das Recht der ersten Besitznahme, das von den amerikanischen Ansiedlern in Californien in Anspruch genommen wird. Anm. d. Uebers. für sich beanspruchten, wie die eingeborenen Besitzer spanischer Urkunden – daß die Feststellung des Grundbesitzes die brennendste Tagesfrage sei.

Plötzlich hörte man inmitten dieser Erörterungen die melodische Stimme Marujas fragen:

»Was ist eigentlich ein Tramp?«

Raymond, der ihr zur Rechten saß, gab Auskunft; sie genügte aber nicht. Wenn er singen könnte, würde er ein Troubadour sein, wenn er betete, ein Pilger – in beiden Fällen ein würdiger Gegenstand weiblicher Fürsorge. Verstünde er sich jedoch auf beides nicht, so wäre er einfach eine Landplage.

»Und Sie meinen, daß eine solche kein Gegenstand weiblicher Teilnahme sein kann?« fragte Maruja. »Uebrigens sagt mir das alles nicht, was er eigentlich ist.«

Ein Dutzend männlicher Gäste, die der Strahl dieser sanft fragenden Augen getroffen hatte, stürzten in die geistige Arena, um die verlangte Erklärung zu geben; es ging daraus hervor, daß in Californien überhaupt keine Tramps existierten; gleichzeitig aber auch, daß sich wenigstens zwölf verschiedene Abarten daselbst unterscheiden ließen.

»Sind sie immer sehr unhöflich?« fragte Maruja wieder.

Abermals gingen die Meinungen auseinander. Einige waren der Ansicht, daß man jeden Tramp augenblicklich niederschießen sollte – jedenfalls müßte man ihn augenblicklich fortjagen. Als die Frage in dieser Weise gelöst war, fand sich's, daß Maruja ein eifriges Gespräch über andere Dinge begonnen hatte.

Amita, ein vergrößertes Abbild Marujas und von regelmäßigerer Schönheit, hatte zwischen sich und Raymond einen kleinen Haufen von Brotkrumen aufgehäuft, während sie mit dem Ausdruck mädchenhafter Scheu auf seine Worte lauschte – einem Ausdruck, der mit der klaren Regelmäßigkeit ihrer Züge ebensowenig zusammenstimmte, wie Marujas selbstbewußtes, kluges Wesen zu der Jugendlichkeit ihrer Erscheinung. Raymonds Stimme, während er mit Amita sprach, war sanft und ernst, weniger wegen des Inhalts, als wegen des vertraulichen Charakters ihrer Unterhaltung.

»Man spricht über das neue Eisenbahnprojekt und alle Ihre Verwandten erklären sich dagegen,« sagte er. »Morgen aber wird sich jeder von ihnen bei Aladin einstellen, um durch ihn zu Aktien zu gelangen.«

»Ich habe noch keine Eisenbahn gesehen,« antwortete Amita mit leichtem Erröten. »Aber da Sie Ingenieur sind, bin ich überzeugt, daß eine solche etwas sehr Gutes sein muß.«

Trotz der Kühle des Abends lockte der Vollmond die Gäste auf die Veranda, wo der Kaffee serviert wurde und die geheimnisvoll in Mäntel und Shawls gehüllten Gestalten der Gesellschaft das Ansehen einer Domino-Maskerade gaben. Auf der Veranda selbst wie auf den breiten Stufen der Vortreppe hatten sich verschiedene Zigeunerlager gebildet, aus denen das Mondlicht hin und wieder einen lackierten Stiefel oder einen Atlasschuh zwischen den dunklen Hüllen aufleuchten ließ. Zwei oder drei dieser Gruppen lösten sich allmählich in einzelne Paare auf, die bei den Klängen der Harfe, welche im Salon gespielt wurde und zu denen sich ab und zu eine dünne spanische Tenorstimme gesellte, die Akazienallee entlang schritten. Das eine dieser Paare waren Maruja und Garnier, denen Amita und Raymond folgten.

»Du bist heute abend so ruhelos, liebe Maruja,« sagte Amita, indem sie, trotz Raymonds Widerstreben, mit der Schwester Schritt zu halten suchte. »Ich fürchte, du mußt dafür büßen, daß du dir heute keinen Schlaf gegönnt hast.«

In beiden Männern stieg der Gedanke auf, daß sie Kapitän Carrolls aufregende Gegenwart vermisse.

»Die Luft ist fern vom Hause so erfrischend,« antwortete Maruja mit einer Heiterkeit, die jede Annahme von Ermüdung oder geistiger Aufregung Lügen strafte. »Aber es langweilt mich, hier, zwischen den Büschen, überall auf Turteltaubenpärchen zu stoßen: wir wollen nach dem Heckenwege gehen. Wenn du müde bist, Amita, gibt dir Mr. Raymond den Arm.«

Sie gingen; ihnen voran schritt die zierliche, nicht zu ermüdende Gestalt des jungen Mädchens, das sich diesmal nicht im mindesten um die teils zärtlichen, teils pikanten Schmeicheleien kümmerte, durch welche sich Garnier der gebotenen Gelegenheit wert zu machen suchte. – Schattige Wege, Mondschein, ein Paar schöne, nicht unfreundliche Augen, eine holde Gestalt dicht an seiner Seite – was konnte er mehr verlangen? Nur daß sie nicht so schnell gegangen wäre, hätte er gewünscht. Man kann vielleicht, während man im Indianerschritt vorwärts eilt, lebhaft, kühn und glänzend sein – leidenschaftlich gewiß nicht! – Und das Tempo wurde immer schneller; endlich fiel Maruja geradezu in einen kleinen Trab; ihre leichte Gestalt schwankte hin und her, ihre kleinen Füße flogen pfeilschnell dahin, während sie eine leise Melodie summte, die ihr, wie sie freundlich erklärte, als Kind von Pereo gelehrt war. Erst an dem Zaune, wo ihr heute morgen der Tramp begegnet war, blieb sie stehen.

Ihre Gefährten fühlten sich etwas unbehaglich. Amitas Gestalt war für einen Dauerlauf wenig geeignet, und Raymond ärgerte sich über die Anstrengung, zu der das arme junge Mädchen gezwungen wurde. Garnier sah sich mit Bedauern einer schönen Gelegenheit beraubt, sich geltend zu machen, und hatte überdies den leisen Verdacht, eine lächerliche Rolle gespielt zu haben. Nur Marujas Augen, oder vielmehr die ihres verstorbenen Vaters, leuchteten in fröhlichem Uebermute.

»Ihr alle seid verweichlicht,« sagte sie, indem sie sich auf den Zaun stützte und, die Augen mit dem Fächer beschattend, in das blendende Mondlicht hinaussah, »die Civilisation hat euch der Beine beraubt. Ein Mann muß sich vom Morgen bis zum Abend auf seine Füße verlassen können – darf kein anderes Beförderungsmittel verlangen.«

»Soll mit einem Worte ein Tramp sein!« bemerkte Raymond.

»Warum nicht! Wie gerne würde ich eine Zigeunerin sein, die den ganzen Tag umherwandert und jeden Abend ein neues Nachtquartier findet.«

»Und jeden Morgen frische Wäsche auf der nächsten Hecke,« fiel Raymond ein. »Hoffentlich glauben Sie nicht, daß Sie und Ihre Schwester passend gekleidet sind, um diesen Lebenslauf schon heute abend zu beginnen. Es ist bitter kalt,« fügte er hinzu, indem er seinen Rockkragen in die Höhe schlug. »Sie müßten damit anfangen, sich in den nächsten Heuschober oder Hühnerstall zu verkriechen.«

»Sybarit!« Sie warf einen Blick über die Felder und den Heckenweg entlang; plötzlich fuhr sie auf.

»Was ist das?« rief sie und deutete auf eine hohe, dunkle Gestalt, die langsam an der anderen Seite der Hecke verschwand.

»Es ist Pereo ... nur Pereo ... ich erkenne ihn an seiner langen Serape Serape, mexikanische Decke, mit einem Loch in der Mitte, durch die der Kopf gesteckt wird. Anm. d. Uebers.,« sagte Garnier, der ihm zunächst gestanden hatte. »Was mich überrascht, ist nur, daß er nicht hier war, als wir kamen, und auch nicht vom Felde herüber gekommen ist. Er muß längs des Zaunes hinter uns hergegangen sein.«

Die Augen der Schwestern suchten sich, aber nicht ohne daß es von Raymond bemerkt wurde. Amita zog die dunklen Brauen zusammen, während sie auf die Schwester zutrat und mit einem leisen Druck, den Maruja erwiderte, ihren Arm ergriff. Die beiden Männer, welche gleichzeitig ein Gefühl des Unbehagens überkam, zogen sich etwas zurück und sprachen miteinander, während die Schwestern, nach dem Hause umkehrend, in leisem Tone einige Worte miteinander wechselten.

Inzwischen war Pereos hohe Gestalt im Gebüsche verschwunden, um jenseits desselben, auf dem freien Platze am Borkenhäuschen und dem alten Birnbaume, wieder aufzutauchen. Zwei oder drei rotglühende Cigaretten und die verhüllten Gestalten zweier Frauen, die im Schatten des Häuschens kauerten, kamen ihm entgegen.

»Was hast du gehört, Pereo?« fragte eine der Frauen.

»Nichts!« gab er ungeduldig zur Antwort. »Ich habe euch ja gesagt, daß ich für die kleine Primogenita Primogenita, Erstgeborene. Anm. d. Uebers. mit meinem Leben einstehen will. Sie führt diesen Franzosen ebensogut am Narrenseile wie alle anderen; Doña Amita und ihr Raymond aber sind nur Wachs in ihren Händen. Uebrigens habe ich heute mit der kleinen Ruja gesprochen und ihr offen meine Meinung gesagt. Sie versichert, daß nichts zu fürchten sei.«

»Und während du mit ihr gesprochen hast, mein guter, alter Pereo, ist dieser Teufel von amerikanischem Doktor bei ihrer Mutter gewesen. Bei deiner Herrin – unserer Herrin, Pereo! Möchtest du wissen, was er gesagt hat? Oder ist da auch nichts zu fürchten?«

»Der Fluch Koorotoras soll dich treffen, Pepita!« rief Pereo heftig. »Sprich, Närrin, wenn du etwas zu sagen hast.«

»Ich, nein! aber lasse Faquita reden; sie hat alles gehört.« Mit diesen Worten streckte Pepita die Hand aus und zog Marujas Zofe herbei, die sich nicht sträubte, vor dem alten Manne zu erscheinen.

»Gut! es ist Faquita, Gomez' Tochter, ein Kind des Landes ... Sprich, Kleine: was hat dieser Coyote zu der Mutter deiner Herrin gesagt?«

»Wahrhaftig, lieber Pereo, ich bin nur durch Zufall dahinter gekommen.«

»Wahrhaftig, liebes Kind, ich wünschte, daß du um deiner Herrin willen absichtlich zu Werke gegangen wärest. Aber lassen wir das. Komm, Kleine, wiederhole, was er gesagt hat.«

»Ich war im Betzimmer, um einen Talar hinter den Vorhang zu hängen, als Pepita den Amerikaner hereinführte. Fortzulaufen war nicht mehr möglich.«

»Warum solltest du auch vor einem solchen Hunde fortlaufen?« sagte einer der näher tretenden Cigarrenraucher.

»Ruhig!« befahl der alte Mann. »Rede du, Faquita.«

»Sobald Doña Maria mit ihm zusammen war, fingen sie an, von Geschäften zu sprechen,« begann die Zofe. »Ja, Pereo, deine Herrin hat mit diesem Manne von ihren Angelegenheiten genau so gesprochen, wie sie mit dir davon geredet haben würde. Ob er hierzu raten würde oder dazu? – Ob er der Meinung wäre, daß das Vieh in die Ebene getrieben würde? Und daß man Kornfelder anlegte? Und ob er für Los Osos einen Käufer gefunden hätte?«

»Los Osos! ... Es ist das Grenzgelände, das sich längs der Arroyo Arroyo, tiefe, durch Wasser gerissene Schlucht. Anm. d. Uebers. hinzieht ... Unsere Grenze, älter als die Mission,« murmelte Pereo.

»Und dann sprach er noch von der, der ... ich weiß nicht, was es ist ... von der eisernen Bahn ...«

»Der Eisenbahn!« rief der alte Mann. »Ich will dir sagen, was das ist! ... Es ist der Schnitt eines glühenden Messers durch die Mission Perdida ... ein Schnitt, lang wie die Ewigkeit und trennend wie der Tod. An beiden Seiten der Wunde, die er aufreißt, geht alles Leben zu Grunde. Wo dies verderbliche Eisen gelegt wird, bezeichnet es die Bahn der Verwüstung: es durchbricht alle Schutzmauern, überspringt alle Grenzen, in der Cañada sowohl, wie in der Ebene. Im Flachlande ist's ein verheerender Strom, im Walde ein Tornado Tornado, Wirbelwind. Anm. d. Uebers.. Sein Weg ist Tod und Verderben für Mensch und Tier. Es ist der heidnische Gott der Amerikaner; sie bauen ihm Tempel, laufen herbei und beten zu ihm, wenn er irgendwo anhält und wie ein Moloch Feuer und Flammen speit.«

»Oh! ... der heilige Antonius wolle uns bewahren!« rief Faquita schaudernd. »Aber sie sprachen doch von seinen Aktien und Dividenden und sagten, daß es die Kornpreise erhöhen würde.«

»Judas möge dich und deine Eisenbahn holen!« fiel Pepita ungeduldig ein. »Nicht um solcher Kleinigkeit willen ist Faquita hergekommen. Sprich weiter, Kind, und erzähle alles, was vorgegangen ist.«

»Ja, und dann,« fuhr Faquita mit einem leichten Anflug mädchenhafter Verschämtheit fort, während sich die Cigarren näher heran drängten, »dann sprachen sie von anderen Dingen und von sich selbst, und dann hat der graubärtige Doktor wirklich und wahrhaftig den Liebhaber gespielt, und hat süße Reden gehalten und von seiner lebenslangen Ergebenheit gesprochen und von der Zeit, die ihm das Recht geben würde, als Beschützer ...«

»Das Recht, Mädchen!« fiel Pereo ein. »Sagtest du wirklich ›das Recht‹? Nein, nein, du hast dich verhört ... das kann er nicht gemeint haben!«

»Ich setze dein Leben gegen einen Viertel-Peso, daß sich die kleine Faquita nicht geirrt hat!« rief einer der Cigarrenraucher, unverkennbar der Spaßmacher des Hauses. »Gomez' Tochter wird schon wissen, was eine Liebeserklärung ist.«

Als das Lachen verklungen und die Funken der Cigarette, die Faquita dem Redenden mit ihrem Fächer vom Munde geschlagen, verlöscht waren, fuhr das junge Mädchen in empfindlichem Tone fort: »Ich weiß nicht, wie Sie es nennen wollen, daß er ihr die Hand geküßt und diese Hand an sein Herz gedrückt hat.«

»Judas!« knirschte Pereo und fuhr dann in fieberhafter Aufregung fort: »Aber die Herrin, Doña Maria, hat dich doch zu Hilfe gerufen und hat dir aufgetragen, mich zu holen, damit ich den Elenden aus der Thür werfe? ... Oder du bist ihr aus eigenem Antriebe zu Hilfe geeilt? ... Wie, du hättest dies mit ansehen können, ohne irgend etwas zu thun?« Er unterbrach sich und versuchte, dem jungen Mädchen ins Gesicht zu sehen. »Nein, nein, ich besinne mich ... ich bin ein alter Narr ... war es doch Marujas Mutter, von der hier die Rede ist!« Er lachte verächtlich! »Und sie hat höhnisch gelächelt und dem Schufte damit das Herz gebrochen, wie Maruja zu thun pflegt. Und nachdem er sich entfernt hatte, mußtest du ihr Wasser bringen, damit sie sich den Flecken des Judaskusses von der Hand waschen konnte.«

»Heilige Anna!« rief Faquita, die Achseln zuckend, »sie benahm sich wie das jüngste Mädchen; setzte sich nieder, als er gegangen war, und fing an zu weinen.«

Der alte Mann trat einen Schritt zurück, suchte sich am Tische aufrecht zu halten und rief mit zitternder Heftigkeit: »So ... also das ist's, was du zu berichten hattest? weißt du nicht noch mehr? ... Eine faule Dirne schläft über der Arbeit ein, träumt hinter einem Vorhange ... Ja, geträumt hat sie ... hört ihr's ... geträumt! ... Und dann weiß sie nichts Besseres zu thun, als ihre Arbeit im Stich zu lassen und hierher zu kommen und zu schwatzen ... Genug davon!« fuhr er fort, indem er sich in immer größere Heftigkeit hinein arbeitete; »genug ... und macht daß ihr wegkommt ... du und Pepita, und Andreas und Victor, alle miteinander, weg mit euch, an eure Arbeit, weg ... ich will euch zeigen, ob ich hier Herr bin ... weg mit euch, sag' ich!«

Der wachsende Zorn in seiner Stimme war nicht mißzuverstehen. Erschreckt sprangen die am Boden Kauernden auf und zogen sich schweigend durch das Labyrinth zurück. Pereo wartete, bis der letzte von ihnen verschwunden war, dann zog er mit einem Fluch den steifen Sombrero bis auf die Augen nieder und eilte durch das Boskett den Stallungen zu.

Später, als vor dem Glanze des mitternächtlichen Mondes jedes Licht im großen Hause erloschen war, als die langen Veranden in tiefen Schattenstreifen lagen und selbst der Passatwind zur Ruhe gegangen war, kam Pereo zu Pferde im Anzuge eines Vaquero Vaquero, Viehtreiber. Anm. d. Uebers. leise aus dem Stallhofe heraus. Vorsichtig ritt er auf der Raseneinfassung der Kieswege hin, bis er geräuschlos ein in den Heckenweg führendes Gitterthor erreichte. Mit Mühe gelang es ihm, seinen feurigen Mustang im Schritt zu halten, bis das Haus hinter überhängendem Zweigwerk verschwunden war, dann schlug er in leichtem Trabe einen Reitweg ein, der nach der Cañada zu führen schien, und hatte nach Verlauf einer Viertelstunde einen Wiesenplan erreicht, den ein Halbkreis grasiger, baumloser Hügel umschloß.

Hier begann er, seinem Pferde die Sporen gebend, ein seltsames Treiben. Zweimal umkreiste er die Wiese in wildem Galopp, mit fliegendem Mantel und gelockertem Zügel, dann ein drittes Mal in verstärkter Hast. Der Boden schien unter ihm hinzujagen, während die Hufe seines Tieres vor rasender Geschwindigkeit unbeweglich aussahen, und Roß und Reiter – letzterer leicht auf den Hals seines Pferdes geneigt – mit Pfeilesschnelligkeit den Kreis umflogen. Jetzt stieg etwas, wie ein leichtes Rauchgeringel von seinem Sattel auf, zog sich in der Luft auseinander und sank, indes Pereo weiterritt, langsam zu Boden. Ein zweites und ein drittes Mal stieg der schattenhafte Ring in die Höhe und senkte sich wieder, mit einer unheimlichen, gespensterhaften, zu Pereos Wildheit im schroffen Gegensatze stehenden Ruhe, und doch wie ein Ausdruck seiner inneren Wut. Nachdem dies vollbracht war, wendete er sein Tier und ritt langsam der Mitte des Kreises zu.

Hier angelangt, entledigte er sich seiner Serape, rollte sie fest zusammen und stellte sie aufrecht auf den Boden, worauf er abermals seinen rasenden Rundritt begann. Diesmal kehrte er jedoch um, als er kaum die Mitte der Bahn erreicht hatte, und wendete sich dem Inneren des Kreises zu. Hundert Schritte von der Mantelrolle, wich er leicht zur Seite ... wieder hoben sich lange, schattenhafte Ringe vom Sattel auf, lösten sich und sanken zu Boden, indes Pereo donnernd weiterflog. Als er nun aber die äußere Grenze des Kreises erreicht hatte, machte er kehrt, ritt den Weg zurück, den er gekommen war, und am Ende eines fünfzig Fuß langen, schattenhaften Strickes, sprang und schleifte die unglückselige Serape hinter ihm her.

»Der alte Mann ist heute ziemlich ruhig,« sagte Andreas zu sich selbst, als er den mit trocken gewordenem Schweiße bedeckten Mustang am nächsten Morgen striegelte; »es ist aber leicht zu erkennen, armer Pinto, daß er an dir seine Tollheit ausgelassen hat.«

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