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Maruja

Bret Harte: Maruja - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFrancis Bret Harte
titleMaruja
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1885
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181216
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Zweites Kapitel.

Um dieselbe Zeit begann der junge Offizier, welcher im Gebüsch verschwunden war – wir wollen ununtersucht lassen, ob er Zeuge der kleinen Scene gewesen oder nicht – unruhig zu werden. Während er mit der Weidengerte, von welcher er in ungeduldiger Hast die Blätter abgestreift, die Luft peitschte, eilte er auf Seitenwegen bis zu einem kleinen Dickicht von Immergrün, das sich seinem weiteren Vordringen zu widersetzen schien. Zur Seite abschwenkend fand er jedoch den Eingang eines Labyrinthes, dessen verschlungene Pfade ihn endlich zu dem offenen Platze führten, auf welchem sich im Schatten eines knorrigen Birnbaumes ein ländlich einfaches Sommerhäuschen zeigte.

Dies Sommerhäuschen bestand nur aus eingerammten Pfählen und Planken, welche, mit Baumrinde bekleidet, an tieferen Waldesschatten gemahnten, während, in seltsamem Kontrast, der Fußboden, der Tisch und die Bänke dicht mit welken Rosenblättern bestreut waren, als hätten zerstörungslustige Kinder hier gespielt. Kapitän Carroll schob die Blätter mit ungeduldigem Fuße zur Seite, sah sich rings in dem Raume um, warf sich der ganzen Länge nach auf eine der einfachen Holzbänke und drehte den Schnurrbart zwischen seinen nervös zuckenden Fingern; ebenso schnell sprang er aber alsbald wieder auf und eilte, einige der zarten duftigen Rosenkelche an den goldenen Sporen mit sich schleppend, in das Sonnenlicht hinaus.

Er mußte sich geirrt haben. Ringsum war alles still. Nur das Geräusch von Rädern tönte aus der großen Allee herüber – sonst war nichts zu hören.

Sein Auge fiel auf den Birnbaum und selbst in seiner gegenwärtigen Zerstreutheit bemerkte er, daß derselbe alle Zeichen eines außerordentlichen Alters trug. Die knorrigen, nach allen Seiten hin verdrehten, ineinander verschlungenen und verknoteten Aeste waren an vielen Stellen durch eiserne Bänder gehalten oder durch Pfähle gestützt, um sie vor dem Zusammenbrechen zu bewahren. Am Stamme zeigten sich überall tief in die Rinde eingeschnittene, vernarbte und halb verwachsene Namen, Buchstaben und Symbole, auf die er jetzt seine Aufmerksamkeit zu richten suchte. Als er sich endlich nach dem Rindenhäuschen zurückwendete, bemerkte er zum erstenmal, daß sich der Boden hinter demselben zu einem kleinen Hügel erhob und daß derselbe in der gleichen eigentümlichen Weise mit einer Lage von Rosenblättern bedeckt war. Dem Kapitän kam der Gedanke, daß dieser Hügel fast wie ein riesenhaftes Grab aussähe, ja daß den phantastischen Spender der Rosenblätter vielleicht dieselbe Idee geleitet haben könnte, und noch stand er auf den Platz hinblickend da, als ein Geräusch im Unterholze sein Herz in Erwartung hoch aufschlagen ließ. Ein grauer Schatten glitt über den Hügel und verschwand im Dickicht. Es war ein Coyote. Zu jeder anderen Zeit würde die auffallende Erscheinung dieser Personifikation der Wildnis so nahe bei einer menschlichen Wohnung, einer Stätte der Civilisation, ihn in Erstaunen gesetzt haben – jetzt beschäftigte ihn nur ein einziger Gedanke – die Frage: Ob sie wohl kommen wird?

So verstrichen fünf Minuten. Ungeduldig schritt er vor dem Labyrinthe auf und nieder. Abermals vergingen fünf Minuten. Man hatte ihn ohne Zweifel zum Narren gehalten. Wahrscheinlich erwarteten sie und ihre Schwestern auf dem Rasenplatze vor dem Hause seine Rückkehr und lachten auf seine Kosten. Zornig grub er seinen Stiefelabsatz in den Boden und schlug mit der Gerte in die Büsche. Aber einen Augenblick – eine Minute wollte er doch noch warten.

»Kapitän Carroll!«

Die Stimme war für ihn der süßeste Ton der Welt, aber auch ein ganz Fremder würde ihrem musikalischen Wohllaute nicht widerstanden haben. Hastig drehte er sich um. Maruja trat ihm aus dem Inneren des Borkenhäuschens entgegen.

»Glaubten Sie, ich würde jenen Weg wählen, auf dem alle Welt mir nachgehen kann?« sagte sie mit leisem Lachen. »Nein, ich kam da oben durch das Dickicht,« fuhr sie fort, indem sie durch eine leichte graziöse Schulterbewegung die Richtung andeutete, »und habe dabei fast meine Schuhe und meine Augen eingebüßt – sehen Sie nur her!«

Damit schlug sie den unvermeidlichen Spitzenschleier von ihrem feinen Köpfchen zurück und zeigte auf einen Myrtenzweig, der sich gleich einem halben Kranze um ihre Stirn geschlungen hatte.

Der junge Offizier blickte sie schweigend an.

»Ich höre so gern meinen Namen aus Ihrem Munde,« sagte er endlich etwas zögernd. »Bitte sprechen Sie ihn noch einmal aus.«

»Car-roll, Car-roll, Car-roll,« sagte sie leise und sanft mehreremal vor sich hin, als erfreue sie der vibrierende Ton, den das R in ihrer Muttersprache hat. »Ein schöner Name. Er klingt wie Gesang. Don Carroll! El Capitan Don Carroll.«

»Aber mein Vorname ist Henry,« bemerkte er zaghaft.

»Enry – das klingt nicht so gut. Don Enrico ist schon besser. Aber El Capitan Carroll klingt am schönsten. Ich werde Sie immer so nennen: El Capitan Carroll!«

»Immer?« sagte er, indem er rot wurde, wie ein Schulknabe.

»Warum nicht?«

In halber Verwirrung versuchte er, ihr unter die braunen Lider zu sehen – der blaue stählerne Blick des Vaters blitzte ihm entgegen.

»Aber, Kapitän Carroll,« fuhr sie fort, »es war nicht deshalb, es war nicht, um mir Ihren Namen zu sagen – den ich schon kannte und sehr hübsch fand – daß Sie mich um eine Unterredung unter vier Augen ersuchten, hier in diesem kalten« – hier machte sie eine Bewegung, als wolle sie den Spitzenshawl um ihre Schultern ziehen – »kalten Tageslicht. Das hätten Sie ebensogut, ja besser gestern abend bei Lampenschimmer, bei Tanz und Musik thun können. Sie haben mich sicherlich nicht deshalb gebeten, unsere Gäste zu verlassen: Monsieur Garnier, der sehr hübsche Komplimente macht, dessen Name aber nicht sehr hübsch ist, und Mr. Raymond, der von mir spricht, wenn er zu mir sprechen könnte. Unsere Gäste würden sagen, daß mir Kapitän Carroll alles dies in ihrer Gegenwart hätte mitteilen können.«

»Aber wenn jene beiden wüßten, Miß Saltonstall,« fuhr der junge Offizier fort, während er ihr mit blässer werdendem Gesicht und leuchtenderen Augen näher trat – »wenn sie wüßten, daß ich Ihnen etwas anderes, etwas ganz anderes zu sagen habe – verzeihen Sie, ich habe wohl Ihre Hand zu fest gefaßt, habe Ihnen weh gethan? – wenn jene beiden wüßten, daß ich Ihnen etwas zu sagen habe, was nur Sie allein hören dürfen, hätte dann einer von ihnen das Recht, Einsprache dagegen zu erheben? Halten Sie mich nicht für toll, Miß Saltonstall; aber ich bitte Sie – ich flehe Sie an, mir diese Frage zu beantworten, ehe ich weiter spreche.«

»Wer könnte ein solches Recht haben?« sagte Maruja, indem sie ihre Hand zurückzog, aber den jungen Mann unter dem Banne ihrer Augen behielt. »Wer könnte Ihnen wehren, mit mir von meiner Schwester zu reden? Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Amita, wie wir Schwestern alle, ganz frei ist.«

Kapitän Carroll trat um einige Schritte zurück und blickte sie bestürzt an.

»Könnten Sie mich so mißverstanden haben, Miß Saltonstall?« stotterte er. »Könnten Sie noch denken, daß es Amita ist, die ich –« hier hielt er einen Augenblick inne und fuhr dann leidenschaftlich fort: »Erinnern Sie sich wirklich nicht an das, was ich Ihnen gestern abend sagte? Sollten Sie alles vergessen haben?«

»Gestern abend – war eben gestern abend,« entgegnete Maruja mit leichtem Achselzucken. »Man spricht bei Lampenlicht von Liebe und Leidenschaft, aber man heiratet am Tage. Was sagt man nicht alles bei Mondschein, bei Musik und Blumenduft? Aber morgens ißt man sein Frühstück, wenn man nicht gerade mit Kapitänen und Kommandanten Kriegsrat hält. Sie wollten also mit mir von meiner Schwester reden, Kapitän Carroll. Nun fangen Sie an. Doña Amita Carroll klingt sehr, sehr hübsch. Ich werde keinen Widerspruch gegen die Zusammenstellung erheben.«

Dabei streckte sie ihm die Hand entgegen, warf den Kopf zurück und lächelte.

Er ergriff ihre Hand mit leidenschaftlichem Ungestüm.

»Nein, nein, Sie sollen mich anhören – Sie sollen verstehen, begreifen, wie ich's meine!« rief er. » Sie sind es, die ich liebe, Maruja, Sie – Sie allein. Gott helfe mir, ich kann nicht anders, und selbst, wenn ich anders könnte, ich würde nicht wollen. Hören Sie mich an. Ich will ruhig sein. Kein Mensch kann uns hier belauschen. Ich bin nicht wahnsinnig – bin kein falscher Verräter! Ich habe Ihre Schwester aufrichtig bewundert, und kam hierher, um sie zu sehen. Darüber hinaus habe ich mir weder ein Unrecht an ihr, noch gegen Sie vorzuwerfen. Ich bin Amita nie näher getreten, denn ich sah Sie, Maruja. Von diesem Augenblicke an habe ich nichts anderes mehr gedacht, habe von nichts anderem geträumt.«

»Das alles ist drei, vier, fünf Tage her. Sie sehen, ich habe ein gutes Gedächtnis. Aber jetzt – was wollen Sie jetzt von mir, Kapitän Carroll?«

»Sie bitten, daß ich Sie lieben darf – Sie ganz allein lieben darf. Gestatten Sie mir, in Ihrer Nähe zu bleiben, um Ihre Liebe zu werben, wie darum geworben werden muß. Ich bin nicht wahnsinnig, wenn auch zu allem entschlossen. Ich weiß, was ich Ihrer Lebensstellung und was ich der meinigen schuldig bin – obgleich ich es wage, Ihnen meine Liebe zu gestehen. Lassen Sie mich hoffen, Maruja – ich begehre nichts, als daß Sie mich hoffen lassen.«

Sie blickte ihn an, bis sie die ganze brennende Fieberglut seiner Augen in sich aufgenommen, bis ihr die Ohren von seinen leidenschaftlichen Worten brannten und klangen – dann schüttelte sie den Kopf.

»Das kann nicht sein, Carroll – kann nie und nimmer sein!«

Er richtete sich unter dem Schlage mit so einfacher männlicher Würde auf, daß sie einen Moment die Augen niederschlug.

»Es steht mir also ein anderer im Wege?« sagte er traurig.

»Es gibt keinen, der mir lieber wäre, als Sie. Nein – seien Sie nicht thöricht. Lassen Sie mich los. Ich will Ihnen sagen, warum Sie mir nie etwas sein können – hören Sie wohl, ich sage mir. Mit meiner Schwester Amita ist's etwas anderes.«

Der junge Soldat richtete sich kühl und stolz auf.

»Ich habe Ihnen hart zugesetzt, Miß Saltonstall,« sagte er. »Ich war aufdringlich, nachdem ich meine Antwort bereits erhalten, ich weiß es recht gut – aber das hatte ich doch nicht verdient. Leben Sie wohl!«

»Bleiben Sie,« entgegnete sie sanft. »Ich wollte Ihnen nicht wehe thun, Kapitän Carroll. Wenn es geschah, so geschah es gegen meinen Willen. Ich hätte Sie ja nicht hier zu treffen brauchen – aber würden Sie mich weniger geliebt haben, wenn ich diese Unterredung vermieden hätte?«

Er vermochte keine Antwort zu geben, aber in der Tiefe seines schmerzerfüllten Herzens wußte er, daß seine Leidenschaft dadurch nicht abgekühlt worden wäre.

»Kommen Sie,« fuhr sie fort, indem sie ihre Hand sanft auf seinen Arm legte; »und zürnen Sie mir nicht, wenn ich Sie einfach wieder auf den Standpunkt stellen möchte, den Sie einnahmen, als Sie vor fünf Tagen zuerst unser Haus betraten. Fünf Tage umfassen nicht so viel Glück oder Schmerz, daß man sie nicht vergessen könnte, nicht wahr Carroll – Kapitän Carroll?« Hier brach sich ihre Stimme in einem leisen Seufzer, dann fuhr sie fort: »Seien Sie mir nicht böse – wenn ich, da ich weiß, daß ich Ihnen niemals mehr sein kann – den Wunsch hegte, Sie möchten meine Schwester und meine Schwester möchte Sie lieben. Wir hätten dann gute Freunde werden können – recht gute Freunde.«

»Warum können Sie mir niemals mehr sein?« rief Carroll, indem er ihre Hand ergriff. »Um Gottes willen, sagen Sie mir warum?«

»Ich kann mich nur mit einem Manne von spanischem Blute, mit einem Manne von der Nationalität meiner Mutter verheiraten. Dies ist der Wille meiner Mama und ihrer Familie. Sie sind aber Amerikaner.«

»Das kann doch nicht Ihr endgültiger Entschluß sein?«

Sie zuckte die Achseln.

»Was wollen Sie? Es ist der Wunsch meiner Angehörigen.«

»Aber wenn Sie dies wußten –« er hielt inne und das Blut schoß ihm heiß ins Gesicht.

»Sprechen Sie weiter, Kapitän Carroll,« rief Maruja. »Sie wollten sagen, wenn Sie das wußten, warum haben Sie mich nicht gewarnt – warum haben Sie es mir nicht bei unserem ersten Zusammentreffen gesagt. Nicht wahr, ich hätte sagen sollen: ›Sie sind zwar hierher gekommen, um sich um meine Schwester zu bewerben; aber bitte, verlieben Sie sich nicht in mich – ich kann keinen Amerikaner heiraten.‹«

»Sie sind grausam, Maruja. Aber wenn dies das ganze Hindernis wäre – ein solches Vorurteil läßt sich besiegen! Ihre eigene Mutter hat einen Amerikaner geheiratet.«

»Vielleicht gerade darum,« entgegnete das Mädchen ruhig, indem sie die langen Wimpern senkte und mit der Spitze ihres Atlaspantoffels sanft über die Kleeblätter zu ihren Füßen strich. »Soll ich Ihnen die Geschichte unseres Hauses erzählen? Still, da kommt jemand! Rühren Sie sich nicht; bleiben Sie stehen, wie Sie stehen. Wenn Sie mich lieb haben, Carroll, so fassen Sie sich und geben Sie dem Manne keine Veranlassung sich über uns lustig zu machen.« Und indem sie den bisherigen sanft überredenden Ton fallen ließ und ihn in den unterdrückten Stolzes verwandelte, setzte sie hinzu: » Er soll jedenfalls nicht über uns lachen, Kapitän Carroll, versprechen Sie mir das.«

In diesem Augenblicke erschien Garnier mit heiterer, selbstgefälliger Miene und mit durchaus höflichem, unbefangenem Wesen am Ausgange des Labyrinthes. Er war zu gut erzogen, um auch nur scherzweise eine Anspielung auf die Situation zu machen – ja er ging sogar noch weiter, und fand es außerordentlich liebenswürdig von den beiden, einen verirrten Wanderer durch den Ton ihrer Stimmen nach dem Ausgange der Irrwege zu leiten, den er ungeschickterweise nicht hatte finden können.

»Sie kommen gerade recht, um eine Geschichte, die ich eben erzählen will, mit zu hören oder zu unterbrechen,« gab Maruja ruhig zur Antwort. »Es ist nur eine alte spanische Legende, die das Schicksal dieses Hauses betrifft; aber da Sie beide nun die Mehrheit bilden, können Sie mich jeden Augenblick zum Schweigen verurteilen. – Versprechen Sie nichts! Ich sage Ihnen zum voraus, daß die Geschichte albern ist, und nichts weniger als neu; ihre einzige Berechtigung liegt darin, daß sie dem hiesigen Boden entstammt.« Bei diesen Worten ließ die Sprechende einen schnellen, ausdrucksvollen Blick über Carroll hingleiten und wußte ihre Erzählung in so zarter und doch nicht zu verkennender Weise hauptsächlich an ihn zu richten, daß er sich dadurch gewissermaßen getröstet fühlte.

»In altersgrauen Zeiten, Caballeros,« begann Maruja mit schalkhafter Feierlichkeit, indem sie mit ihrem Fächer auf den Tisch klopfte, an dem sie stand, »war dies ganze Gebiet die Heimat der Coyoten. Große und kleine, Vater und Mutter, Señor und Señora Coyote nebst den kleinen Coyoten-Muchachos Muchachos, Kinder. Anm. d. Uebers. hausten in der düstern Cañada und streiften, nach Beute suchend, über die mit wildem, gelbschimmerndem Hafer und roten Mohnblumen bewachsenen Felder. Sie waren glücklich – wie sollten sie nicht! Waren sie doch nur auf sich gestellt, hatten keine Geschichte, keine Ueberlieferung zu berücksichtigen. Sie heirateten nach Gefallen (mit einem Blicke auf Carroll). Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden; sie wuchsen und mehrten sich. Aber die Ebene war fruchtbar und wildreich – es war nicht in der Ordnung, daß sich nur Tiere daran erfreuten, so geschah es denn, daß im Laufe der Zeiten ein Indianerhäuptling, ein Heide, Namens Koorotora, seinen Wigwam hier aufschlug.«

»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Garnier in scheinbarer Verlegenheit, »ich habe den Namen dieses Herren nicht verstanden.«

Maruja erriet, daß der Fragende nur ihre wohlklingende Aussprache des Wortes noch einmal zu hören wünschte. »Koorotora« wiederholte sie mit einem entschuldigenden Seitenblick auf Carroll und fuhr dann fort: »Auch er hatte sich mit keiner Geschichte oder Ueberlieferung abzuquälen, und wie auch Señor Coyote über die Angelegenheit denken mochte, er begnügte sich damit, Señor Koorotoras Wigwam nach Möglichkeit zu berauben und das Indianerlager bei Nacht und Nebel zu umschleichen. Der alte Häuptling aber gedieh trotz alledem, machte weite Streifzüge durch die Umgegend, kehrte jedoch immer wieder in seine hiesige Ansiedelung zurück. Das ging so fort, bis von Süden her die heiligen Väter in das Land kamen, und Portala, wie Sie beide wissen, drüben am Meeresstrande das Kreuz aufrichtete und, zum Besten der erstaunten Heiden, zurückließ. Auch Koorotora sah es auf einem seiner Ausflüge und kam, erfüllt von diesen Wundern, nach der Cañada zurück. Koorotora hatte aber eine Frau.«

»Ah, nun fängt die Sache an, interessant zu werden,« fiel Garnier lustig ein. »Dies ist schon besser, als Señora Coyota.«

»Natürlich wünschte sie, das wunderbare Ding zu sehen,« fuhr Maruja fort; »sie sah es, lernte die heiligen Väter kennen, und ließ sich von ihnen, dem heidnischen, abergläubischen Widerstreben ihres Gatten zum Trotz, zum Christentum bekehren. Die heiligen Väter thaten sogar noch mehr ...«

»Sie bekehrten das ganze Land,« fiel Garnier abermals ein; »es war ein köstlicher Platz für eine Mission.«

»Das fanden sie auch,« sagte Maruja; »sie bauten sich ein Haus und vereinigten so viele von Koorotoras Angehörigen, wie sie nur irgend konnten, mit ihrer heiligen Herde. Der Ueberlieferung nach, thaten sie das zuwellen in seltsamer Weise. Dragoner des Presidio, Kapitän Carroll, sollen sie mit dem Lasso gefangen und, an die Schwänze ihrer Pferde gebunden, eingebracht haben. Nur Koorotora bekamen sie nicht. Er trotzte ihnen, verwünschte in seiner verstockten, heidnischen Weise sie und sein Weib, und prophezeite, daß sie dereinst, durch den Verrat eines Weibes, die Mission verlieren, und daß die Ueberreste ihrer Kirche dem Coyote noch einmal Obdach bieten werden. Die heiligen Väter bemitleideten den schlimmen Mann und pflanzten sich einen herrlichen Garten. Sehen Sie dort den Birnbaum! – Das ist alles, was davon übrig geblieben.«

Sie wendete sich mit gemachtem Pathos und deutete mit ihrem Fächer auf den Birnbaum, während Garnier in ebenso gemachter Verwunderung die Hände erhob. In Carrolls Seele erwachte eine unbehagliche Erinnerung an seine Begegnung mit dem Coyote.

»Und die Indianer sind ebenfalls verschwunden!« sagte er in dem Bestreben, seiner Mißempfindung Herr zu werden.

»Alles, was von ihnen übrig geblieben, liegt dort unter jenem Hügel – dem Grabe des Häuptlings und seines Volkes. – Die Erfüllung seiner Weissagung hat er nicht erlebt. Erst ein Jahr nach seinem Tode kam unser Ahnherr, Mañuel Guitierrez, aus dem spanischen Mutterlande herüber, und legte dem Presidio die Bewilligung vor, sich nach Gefallen zwanzig Leagues League, spanische Meile. Anm. d. Uebers. hiesigen Gebiets zur Niederlassung anzueignen. Doña Maria Guitierrez fand Gefallen an der Cañada. Aber diese war bereits im Besitz der heiligen Kirche. Da geschah es, daß bei Nacht – wie es heißt durch Verrat – die Wachen entfernt wurden, die Indianer die Mission überfielen, alle Laienbrüder erschlugen und die Priester verjagten. Den Heiden wurde der Platz durch den Kommandanten des Presidio wieder entrissen, aber da er dem Gouverneur vorstellte, daß sich die heiligen Väter nur mit Hilfe einer starken, militärischen Schutzwache im Besitz ihrer Mission zu behaupten vermöchten, wurde diesen vom Offizial der Befehl erteilt, sich nach Santa Cruz zurückzuziehen, und Don Mañuel erhielt die ihm gewährleisteten zwanzig Leagues im Gebiete der Cañada. Ob er selbst, oder Doña Maria etwas mit dem Indianerüberfall zu thun gehabt, weiß niemand zu sagen; Vater Pedro aber versöhnte sich nie mit ihnen. Es wird erzählt, daß er, am Altare stehend, den Fluch der Kirche über die Besitzung ausgesprochen habe, die fortan immer wieder Fremden in die Hände fallen solle.«

»Und das ist vor langer Zeit geschehen, die Besitzung befindet sich aber noch immer in derselben Familie,« sagte Carroll, gleichsam als Antwort auf Marujas Blick.

»In den letzten hundert Jahren hat es nicht einen männlichen Erben in derselben gegeben,« fuhr Maruja fort, indem sie Carroll noch immer ansah. »Als meine Mutter, die älteste Tochter des Hauses, sich gegen den Willen der Ihrigen mit Don José Saltonstall vermählte, hieß es, daß nun der Fluch in Erfüllung gehen werde. Und in demselben Jahre, Caballeros, wurden die gefälschten Dokumente zu Micheltorrena aufgefunden, und in dem darauf folgenden Prozeß hat Ihre Regierung, Kapitän, zehn Leagues unseres Gebiets unserem Nachbar, Doktor West, zugesprochen.«

»Dem grauhaarigen Herren, der neulich zum Frühstück hier war!« rief Garnier. »So sind Sie mit ihm befreundet ... tragen ihm nichts nach?«

»Warum sollten wir das?« antwortete sie mit leichtem Achselzucken und zu Carroll gewendet, fügte sie hinzu: »Er bezahlte den Fälscher und Ihre Corregidores standen ihm bei, indem sie erklärten, daß keine Fälschung vorliege.«

Trotz des versteckten Vorwurfes, den diese Worte enthielten, fühlte sich Carroll ermutigt. Garniers Gegenwart fing an, ihm lästig zu werden; er sehnte sich danach, seine Werbung zu wiederholen und vielleicht verriet sein Gesicht, was in ihm vorging, denn mit erzwungenem Ernste fuhr Maruja fort: »Es hat immer seine Unbequemlichkeiten, die älteste Tochter zu sein, um so mehr aber, wenn man dadurch die Erbin eines Fluches wird. Wie gut hat es Amita – sie kann thun, was ihr Herz begehrt, ohne sich um Familienrücksichten zu kümmern – während ich Arme! ...« Sie schlug die Augen nieder, aber sie wußte dabei dem aufleuchtenden Blick des Kapitäns zu begegnen und ihn halb und halb zurückzuweisen.

»Sie wollen doch nicht sagen, Mademoiselle, daß Sie diesem kindisch-lächerlichen Märchen die geringste Bedeutung beilegen und daß Sie daran glauben,« rief Garnier, dessen ruhige Sicherheit und höflicher Gleichmut einer beinah rauhen Heftigkeit gewichen war.

Marujas Lippen schlossen sich fest zusammen; sie warf Carroll einen bedeutungsvollen Blick zu; im nächsten Moment erschien sie jedoch, wie früher.

»Es kommt wenig darauf an, was ein thörichtes Mädchen, wie ich bin, glaubt oder nicht glaubt. Alle übrigen Familienglieder, Dienstboten und Kinder eingeschlossen, sind von der Wahrheit der Ueberlieferung überzeugt – der Glaube daran gehört zu ihrem Religionsbekenntnisse. Werfen Sie einen Blick auf die Blumen, die rings um den Birnbaum und auf das Indianergrab gestreut sind. An jedem Fest- und Heiligentage werden sie erneuert und sind nicht lächerlich, Monsieur Garnier, sondern ernstgemeinte Opfergaben. Pereo ist fest überzeugt, daß die Casa durch ein Erdbeben vertilgt würde, wenn wir jemals dem Herkommen zuwiderhandelten oder die alten Bräuche versäumten. Diese abergläubischen Bedenken haben meinen Vater sogar dazu gezwungen, seine modernen Bauten dem alten Backsteinhause anzufügen und dasselbe unangetastet zu erhalten, damit der Fluch auch nicht an einem Steine der Besitzung in Erfüllung gehe.«

Sie hatte sich in eine ernste, tiefe Bewegung hineingeredet, die ihr blasses Gesicht wie von innen heraus durchleuchtete und demselben einen Glanz verlieh, den keine Farbe zu geben vermag. Garnier, dessen Augen in andachtsvoller Bewunderung an ihr hingen, konnte sich nicht länger beherrschen.

»Der Fluch muß seine Macht verlieren,« rief er aus, »muß in nichts vergehen, vor der Verkörperung aller Holdseligkeit. Miß Saltonstall hat von demselben so wenig zu fürchten, wie die Engel des Himmels – ihrer Lieblichkeit, ihrer Güte ist es vorbehalten, seinen finsteren Einfluß zu besiegen!«

Carroll war eben im Begriff in die Beteuerungen seines Nebenbuhlers einzustimmen, als ihn die Worte seiner Angebeteten mit abergläubischem Erschrecken erfüllten.

»Tausend Dank, Señor!« sagte sie; »wer weiß, was geschieht. Jedenfalls wird mich das Unheil nicht unvorbereitet treffen. Einen oder zwei Tage, ehe der gefürchtete Eindringling erscheint, zeigt sich in der Nähe der Casa in hellem Tageslicht ein geheimnisvoller Coyote. Dieser nächtliche Räuber, der jetzt in das tiefste Dickicht verbannt ist, umkreist die ehemalige Heimstätte seiner Vorfahren. Caramba, Señor Kapitän, was starren Sie denn so an? – Sie ängstigen mich! – Hören Sie auf!«

Bei diesen Worten hatte sie sich nach ihm umgesehen und stampfte mit dem kleinen Fuße wie ein erschrecktes Kind.

Carroll lachte. »Es ist nichts,« sagte er, während das Blut in seine Wangen zurückkehrte. »Sie aber dürfen nicht zürnen, wenn man durch Ihre dramatische Erzählungsweise gepackt wird. War's mir doch, beim Himmel! als ob ich alles, wovon sie sprachen, leibhaftig vor mir sähe: Den alten Indianer, den Priester und den Coyote.«

Carrolls Augen funkelten; der Gedanke, daß er selbst vielleicht das Schicksal des jungen Mädchens sei, stieg in ihm auf, und in der Selbstsucht der Leidenschaft lächelte er über den Verlust von Besitz und Ansehen, der die Folge davon sein sollte.

»Der Coyote ist also immer erschienen, wenn sich irgend etwas von Bedeutung in der Familie zutrug?« fragte er.

»Am Hochzeitstage meiner Mutter,« antwortete Maruja mit leiser Stimme, »kam die Gesellschaft aus der Kirche in die alte Casa zurück, um zu Abend zu speisen. ›Was ist da für ein Hund unter dem Tische?‹ fragte mein Vater; als man aber das Tischtuch aufhob, schoß ein Coyote darunter hervor, drängte sich durch die Gäste und lief durch den Patio ins Feld hinaus. Niemand wußte, wann oder wie er herein gekommen war.«

»Der Himmel gebe, daß er uns heute nicht unser Frühstück aufgefressen hat,« sagte Garnier in heiterem Tone. »Ich glaube, daß uns dasselbe erwartet, denn ich höre die Stimmen Ihrer Schwestern unter den anderen auf dem Rasenplatze. Wollen wir uns nicht den Gräbern Ihrer Ahnen entreißen und zu der Gesellschaft zurückkehren?«

»Ich nicht – wie ich jetzt aussehe,« erwiderte Maruja, indem sie ihren Spitzenshawl über den Kopf warf. »Der Vergleich mit den frischen Gesichtern und Anzügen der anderen wäre zu ungünstig für mich. Sie aber, meine Herren, werden gehen, indessen ich ein Ave für Koorotoras arme Seele bete und dann unbemerkt auf dem Wege zurückkehre, den ich gekommen bin.«

Dabei war sie Carrolls flehenden Blicken sorgfältig ausgewichen, und obwohl das lebensvolle Gesicht und der fleckenlose Anzug ihren Vorwand Lügen straften, ließ sich nicht verkennen, daß ihr Verlangen, allein zurückzubleiben, ernst gemeint war und keinerlei Koketterie verbarg. Den jungen Männern blieb nichts übrig, als sich grüßend und widerwillig zu entfernen.

Während die rote Mütze des jungen Offiziers zwischen dem immergrünen Laubwerke verschwand, stieß das junge Mädchen einen leisen Seufzer aus, der im nächsten Augenblicke in ein leichtes, nervöses Gähnen überging. Dann machte sie ein paarmal den Fächer auf und zu, indem sie die Stäbe desselben auf ihre kleine, weiße Handfläche fallen ließ, endlich nahm sie mit der einen Hand den Spitzenshawl unter dem schmalen Kinn zusammen, faßte mit der anderen Fächer und Kleid, senkte den Kopf und vertiefte sich in das Gebüsch. An der anderen Seite desselben, in der Nähe einer niedrigen Umzäunung, die den Park von einem schmalen Heckenwege trennte, kam sie wieder daraus hervor; jenseits der Hecke zog sich die Fahrstraße hin. Als sie sich der Umzäunung näherte, schlich längs der anderen Seite derselben eine menschliche Gestalt vor ihr her. Es war der Tramp von heute morgen.

Beide hoben gleichzeitig den Kopf und ihre Augen begegneten sich. Im hellen Tageslichte zeigte der Mann eine schlanke, etwas gebeugte Gestalt; sein grobes Goldgräberhemd und seine abgetragnen, mit Erde beschmutzten Segeltuchhosen waren halb bedeckt von einem alten, blauen, zerrissenen Soldatenrocke, der ihm nachlässig über der einen Schulter hing. Sein hageres, sonnverbranntes Gesicht trug den Ausdruck mürrischer Verschlagenheit, aus seinem Blicke sprach ein Gemisch von Hohn und Trotz. – Er stand still, wie ein scheues Tier bei einem überraschenden Anblick gethan haben würde, verriet aber sonst keine Verlegenheit. In demselben Augenblick blieb auch Maruja an ihrer Seite des Zaunes stehen.

Der Strolch sah sie nachdenklich an, dann senkte er die Augen.

»Ich suche hier herum nach der Straße von San José ... können Sie mir vielleicht sagen, wo ich sie finde?« fragte er, indem er sich gleichsam an einen der Zaunpfähle wendete.

Es ist bereits gesagt, daß Maruja keine Begegnung, sei es mit Mann, oder Weib, oder Kind, vorübergehen ließ, ohne ihre Eroberungskunst zur Geltung zu bringen. Stark im Bewußtsein ihrer Unwiderstehlichkeit, lehnte sie sich freundlich über den Zaun, und veranlaßte den Mann, indem sie den Fächer an ihr zartes Ohr hielt, seine Frage unter dem sanften Feuer ihrer dunkel bewimperten Augen zu wiederholen. Er that es, aber unvollständig und mit verdrießlichem Zögern.

»Suche die Straße nach San José hier herum,« sagte er.

»Die Straße nach San José,« antwortete Maruja mit so bedächtiger Freundlichkeit, als ob sie die Unterhaltung absichtlich zu verlängern suche, »ist etwa eine halbe Stunde von hier ... die große Landstraße zur Linken, nach der Ebene zu. Es gibt noch einen anderen Weg ... wenn ...«

»Den brauch' ich nicht ...« unterbrach sie der Vagabund. »Guten Morgen!«.

Mit diesen Worten ließ er den Kopf wieder sinken und hinkte im Sonnenschein von dannen.

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