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Maruja

Bret Harte: Maruja - Kapitel 15
Quellenangabe
authorFrancis Bret Harte
titleMaruja
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1885
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.

Guest stieß, während er sein Auge voll Bewunderung auf Maruja ruhen ließ, die Thür auf. Die Diener, welche auf den Lärm herbeigestürzt waren, schafften eben den wahnsinnigen, durch seine Anstrengungen erschöpften Pereo fort, und Kapitän Carroll allein stand hoch aufgerichtet und regungslos vor der Schwelle.

Auf einen Wink Marujas trat er ein. Er hatte beim Oeffnen der Thür recht gut bemerkt, wer bei ihr war, aber kein Zucken der Augenlider, keine Bewegung der Gesichtsmuskeln verriet es. Die strenge Disciplin seines Berufes kam ihm zu statten und machte ihn für den Augenblick zum Herrn der Situation.

»Ich glaube, ich habe nicht um Entschuldigung meines Eindringens zu bitten,« sagte er in der kühlsten Weise. »Pereo schien die Absicht zu hegen, irgend wen oder irgend was umzubringen, und ich folgte ihm hierher. Ich hätte ihn gewiß in größerer Stille fortbringen können, aber ich fürchtete, Sie möchten unvorsichtigerweise die Thür öffnen. Wie ich sehe,« setzte er, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte, hinzu, »war diese Befürchtung durchaus unbegründet.«

Das war eine übel angebrachte Bemerkung, denn Maruja, die bis jetzt schuldbewußt und reuig, gleichsam ihrer Strafe wartend, vor dem Manne gestanden, den sie hintergangen, änderte sofort die Haltung und griff zu den Waffen ihres Geschlechts. Die alte stolze, mutige, selbstbewußte Maruja stand zum Kampf gerüstet.

»Sie befanden sich im Irrtum, Kapitän,« sagte sie mit ruhiger Freundlichkeit. »Mr. Guest, den Sie nicht mehr zu kennen scheinen, war bei mir und würde es gewiß für seine Pflicht gehalten haben, mich zu schützen. Dessenungeachtet sage ich Ihnen Dank, und ich glaube, selbst Mr. Guest wird sich durch den Neid auf den Ritterdienst, zu welchem Sie Gelegenheit hatten, nicht abhalten lassen, denselben nach seinem vollen Werte anzuerkennen. Es thut mir nur leid, daß Sie bei Ihrer Rückkehr nach der Mission Perdida und noch ehe Sie Zeit fanden, Ihren Freunden guten Tag zu wünschen, diesem Wahnsinnigen in die Arme laufen mußten.«

Die Augen der beiden begegneten sich. Maruja sah, daß Carroll sie in diesem Momente haßte, und dies gewährte ihr eine große Erleichterung.

»Das traf sich doch vielleicht nicht ganz unglücklich,« entgegnete er mit einer Kälte im Tone, die im geraden Widerspruch zu seinen immer zorniger funkelnden Augen stand, »denn ich bin mit einer Botschaft an Sie betraut, bei welcher jener wahnsinnige Mann, wie ich glaube, eine ziemlich bedeutende Rolle spielt.«

»Geschäftsangelegenheiten?« fragte Maruja obenhin, obwohl sie aus dem feindlichen Klange seiner Stimme auf eine drohende Gefahr schloß.

»Allerdings, Miß Saltonstall, reine Geschäftsangelegenheiten,« gab Carroll trocken zur Antwort. »Ich wüßte wirklich nicht, wie man diese Dinge sonst nennen sollte.«

»Vielleicht haben Sie nichts dagegen, sich Ihres Auftrages in Gegenwart Mr. Guests zu entledigen,« sagte Maruja, einer plötzlichen Eingebung folgend. »Was Sie sagen, klingt alles so geheimnisvoll, daß es wenigstens interessant sein muß. Kapitän Carroll, der geschworene Feind alles Geschäftlichen, würde sich der Sache sonst gewiß nicht mit so ungewöhnlicher Beflissenheit widmen.«

»Da die Angelegenheit Mr. Guest, oder Mr. West – ich weiß nicht, für welchen Namen der Herr sich entschieden hat, seitdem ich ihn nicht gesehen – nahe genug angeht,« sagte Carroll, während seine haßfunkelnden Augen zum erstenmal denen seines Nebenbuhlers begegneten, »so sehe ich keinen Grund, warum ich in seiner Gegenwart nicht ausrichten sollte, was Mr. Prince mir für Sie und Doña Maria aufgetragen hat – was Ihnen aber, nach allem, was ich hier sehe, bereits bekannt sein dürfte – daß dieser Herr nämlich ein Sohn des Dr. West ist und daß Sie gut thun würden, es nicht auf einen Prozeß mit ihm ankommen zu lassen, sondern seine Rechte auf einen Teil Ihrer Besitzungen gutwillig anzuerkennen.«

Das Erstaunen und die starre Verwunderung, welche sich in Marujas Augen malten, sagte Carroll deutlich, daß er sich im Irrtum befunden. Sie hatte die Huldigungen jenes Menschen angenommen, ohne seinen wirklichen Namen und seine Ansprüche zu kennen. Die wahnsinnige Voraussetzung, welche seinem Hasse eine Berechtigung verliehen hätte, daß sie sich an Guest verkauft, um das Vermögen nicht herausgeben zu müssen, erschien ihm jetzt in ihrer ganzen Niedrigkeit. Sie hatte Guest um seiner selbst willen geliebt und er, Carroll, hatte sie ihm durch seine gehässige Mitteilung nur um so sicherer in die Arme getrieben.

Aber er kannte Maruja noch immer nicht.

»Ist das wahr?« fragte sie, indem sie sich mit blitzenden Augen zu Guest wandte. »Ist es wahr – sind Sie der Sohn des Dr. West, und« – hier zögerte sie einen Augenblick – »wurden Sie durch uns um Ihre Erbschaft gebracht?«

»Ich bin der Sohn des Dr. West,« gab der junge Mann zur Antwort. »Aber nur mir allein stand es zu, Ihnen dies zu geeigneter Zeit mitzuteilen, und ich bitte Sie, der Versicherung Glauben zu schenken, daß ich niemand, am wenigsten einem Werkzeuge des Mr. Prince, das Recht gegeben habe, darüber mit Ihnen zu verhandeln.«

»Vielleicht leugnen Sie dann auch vor dieser jungen Dame die durch Mr. Prince erhobene Beschuldigung, daß Pereo von Doña Maria angestiftet worden ist, Dr. West zu ermorden?« rief Carroll, der in seiner wilden Wut jede Rücksicht aus den Augen setzte.

Er hatte abermals über das Ziel hinausgeschossen.

In Guests Mienen drückten sich zu deutlich Schrecken und Empörung aus, um in Carroll wie in Maruja dem geringsten Zweifel Raum zu lassen, daß die Beschuldigung ihm vollständig neu und unbekannt war. Maruja, die in ihrer Bestürzung alles, selbst ihren durch Guests Mangel an Vertrauen verwundeten Stolz, vergaß und nur an die verletzten Gefühle des Geliebten dachte, eilte an seine Seite.

»Kein Wort,« rief sie stolz, ihre kleine Hand zu seinem verdüsterten Gesichte erhebend. »Beleidige mich nicht, indem du in meiner Gegenwart auf eine solche Beschuldigung antwortest.« Und sich zu Carroll wendend fuhr sie fort: »Kapitän, ich kann nicht vergessen, daß Sie in das Haus meiner Mutter als Offizier und Edelmann eingeführt worden sind. Kehren Sie in dieser Eigenschaft, nicht als Geschäftsmann und Agent, dahin zurück, so sollen Sie willkommen sein. Sonst leben Sie wohl!«

Stolz aufrecht und ohne eine Spur von Erregung blieb sie stehen, als Carroll sich nach diesen Worten mit einem kalten Gruße umdrehte und in der Finsternis verschwand.

Dann wandte sie sich wankenden Fußes zu Guest und sank mit einem Aufschluchzen an seine Brust.

»O Harry – Harry, warum hast du mich betrogen!«

»Ich that es nicht in böser Absicht, Geliebte,« entgegnete er, indem er ihr Gesichtchen aufrichtete und ihr in die Augen blickte. »Du kennst jetzt die Aussichten und Hoffnungen, von denen ich sprach. Ich wollte mich nur deiner Liebe um meiner selbst willen versichern; selbst dein Sinn für Gerechtigkeit und Billigkeit sollte bei deiner Wahl nicht mitsprechen. Ich habe dich gewonnen; aber Gott ist mein Zeuge, du würdest, wenn es mir nicht gelungen wäre, nie erfahren haben, daß Dr. West je einen Sohn gehabt. Und das ist noch nicht alles. Als ich mich überzeugt hatte, daß sich meine Rechte auf Dr. Wests Vermögen beweisen und durchfechten ließen, war es mein dringender Wunsch, du möchtest die Meine werden, ohne es zu wissen. Man sollte nicht sagen können, du hättest dich durch etwas anderes als durch die Liebe zu mir bestimmen lassen; und deshalb kam ich heute hierher, deshalb drang ich in dich, mit mir zu fliehen.«

Er verstummte; sie drehte nachdenklich an den Knöpfen seiner Weste.

»Harry,« fragte sie in sanftem Tone, »hast du an die Besitzung gedacht, als ... als du mich damals im Gewächshause küßtest?«

»Ich habe an nichts gedacht als an dich,« gab er zärtlich zur Antwort.

Plötzlich entwand sie sich seinen Armen.

»Aber Pereo!« rief sie. »Harry, sag mir schnell ... es ist doch nicht möglich, daß man ... daß irgend jemand von diesem armen, alten, irrsinnigen Manne glauben kann ... nicht möglich, daß Dr. West ... daß ... es muß ein Irrtum sein ... nicht wahr, das ist es? ... Sprich, Harry, sprich!«

Er schwieg einen Augenblick; dann sagte er mit tiefem Ernste:

»An jenem Abende befanden sich allerlei seltsame Leute in der Fonda ... und von meinem Vater glaubte man, daß er Geld bei sich hätte ... Mein eigenes Leben kam in jener Nacht in Gefahr um ein paar elender Goldstücke willen, die ich unvorsichtigerweise gezeigt hatte. Nur das rechtzeitige Dazwischentreten eines dritten hat mich gerettet, und dieser dritte war Pereo, euer Majordomo.«

Sie ergriff seine Hand und drückte sie freudig an die Lippen.

»Ich danke dir für diese Worte,« sagte sie; »und nun gehst du sogleich mit mir zu ihm hin, damit er dich erkennt, und dann wollen wir über alle diese Lügen lachen ... nicht wahr, Harry?«

Er gab ihr keine Antwort; vielleicht lauschte er auf das wirre Geschrei, das sich rasch dem Hause näherte. Miteinander traten sie in das wachsende Abenddunkel hinaus; eine Anzahl von Männern und Frauen kam auf sie zu, allen voran Faquita, die ihrer Herrin mit den Worten entgegenstürzte:

»O, Doña Maruja, er ist entwischt!«

»Wer? ... doch nicht Pereo?«

»Ja ... noch dazu auf seinem Pferde ... es hat, ohne daß es jemand wußte, den ganzen Tag gesattelt und gezäumt im Stalle gestanden. Mit Katzenschritten ging Pereo seines Weges ... plötzlich stößt er die Leute, die ihn umgeben, zurück wie ein wütender Stier ... sitzt im nächsten Augenblick auf dem Rücken seines Pinto und sprengt davon ... Es gibt aber kein Pferd in der Welt, das es mit dem Pinto aufnehmen kann. Gott gebe nur, daß Pereo nicht in die Nähe der Eisenbahn kommt ... in seiner Tollheit wird er nicht darauf acht geben.«

»Mein Pferd steht hier im Gebüsche,« flüsterte Guest Maruja ins Ohr. »Es hat sich bereits mit Pinto gemessen. Gib mir deinen Segen ... dann will ich dir den alten Mann zurückbringen, wenn er noch lebt.«

Sie drückte ihm die Hand.

»Geh!« sagte sie leise, und ehe die erstaunten Dienstleute den seltsamen Begleiter ihrer Herrin erkannt hatten, war er verschwunden.

Es war schon ziemlich dunkel. Für jeden anderen als für Guest, der die Topographie der Mission Perdida eifrig studiert und, in dem Bestreben, dem Majordomo auszuweichen, die Richtung, welche dieser zu verfolgen pflegte, genau kennen gelernt hatte, wäre die Verfolgung des Flüchtlings ziemlich hoffnungslos gewesen. In der richtigen Voraussicht, daß der Alte in seinem Irrsinne der Macht der Gewohnheit folgen würde, spornte Guest sein Pferd die Landstraße entlang bis zu dem Seitenwege, der nach dem früher beschriebenen, von Hügeln umschlossenen, grasigen Halbrunde führte. Auch dieser ehemalige Lieblingsplatz Pereos hatte von den Umwandlungen zu leiden gehabt, welche die Eisenbahn der Umgegend aufgezwungen. Ein tiefer Einschnitt ging durch einen der grasigen Hügel, um dem Schienenwege, der den unteren Bogen des Halbkreises kreuzte, den Ausgang zu gewähren.

Guests Vermutung bestätigte sich; sobald er das Halbrund erreichte, sah er die schattenhafte Gestalt eines Reiters dahinjagen, in welchem er ohne weiteres Pereo erkannte.

Da es keinen anderen Ausgang gab als den Weg, den er eben gekommen – der andere war durch die Eisenbahn abgeschnitten – ließ der junge Mann den Wahnsinnigen zweimal an sich vorüber rings um die Arena jagen und machte sich bereit, ihm nachzureiten, sobald er in seiner wütenden Eile nachließ.

Plötzlich bemerkte er ein seltsames Beginnen des Dahinrasenden, und als er sich demselben, den Bogen des Halbkreises abschneidend, vorsichtig näherte, sah er, daß der Alte einen Lasso schleuderte. Der furchtbare Gedanke, daß er einer wahnsinnigen Wiederholung des an seinem Vater begangenen Mordes beiwohne, blitzte in seiner Seele auf.

Aber ein langgedehntes Pfeifen, das von dem fernen Walde herüberklang, rief ihn zu den Aufgaben des Augenblicks zurück, während es gleichzeitig die Hast des wilden Reiters zu hemmen schien. Guest war überzeugt, daß ihm der Unglückliche nicht mehr entgehen könne, da der heranbrausende Zug denselben dem einzigen Ausgange, den der junge Mann besetzt hielt, zutreiben mußte. Schon erklangen die Hügel vom Widerhall des Rasselns, womit das Ungetüm heranstürmte, als Guest zu seinem Entsetzen den Wahnsinnigen auf den Einschnitt zureiten sah.

Seinem Pferde die Sporen eindrückend, stürmte er dem Alten nach; aber schon kam der Zug aus dem engen Durchgange hervor und brauste dahin, verfolgt von dem wahnsinnigen Reiter, der Brust an Brust mit der Maschine kehrt gemacht hatte und für ein paar Sekunden in gleicher Schnelligkeit neben ihr hinjagte. Guest schrie ihm zu; seine Stimme wurde jedoch vom Lärm des Zuges verschlungen.

Jetzt schien etwas aus Pereos Hand emporzufliegen. Im nächsten Augenblicke war der Zug vorübergebraust: Roß und Reiter rollten, zermalmt, des Lebens beraubt, in den Graben, während der leere, am Ende eines Lasso hängende Sattel des Mörders, vom Schornstein der Lokomotive, der rächenden Neuerung, die der Ermordete eingeführt, mit fortgerissen wurde.

*

Die Verheiratung Marujas mit dem Sohne des verstorbenen Dr. West wurde im Thale von San Antonio als einer der bewunderungswürdigsten, feinst ersonnenen Pläne dieses vielbeklagten genialen Mannes angesehen. Es gab Leute, die sich rühmten, schon vor Jahren aus dem Munde des Doktors davon gehört zu haben, und allgemein war man der Meinung, der Verewigte hätte die Witwe Saltonstall einfach zu einer Art Vormünderin für das junge Paar erwählt gehabt.

Der einzige, welcher sich dieser Auffassung vielleicht nicht unbedingt anschloß, war Mr. James Prince, auch Aladin genannt, und in späteren Lebensjahren soll er häufig als unumstößlichen Erfahrungssatz ausgesprochen haben: daß die einzige Zusammenstellung von Ziffern, welche im Geschäftsverkehr nicht genau berechnet werden kann, die Zusammenstellung von Mann und Weib ist.

 

Ende.

 

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