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Maruja

Bret Harte: Maruja - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFrancis Bret Harte
titleMaruja
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1885
translatorAuguste Scheibe
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.

Nachdem Faquita die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß ihre junge Herrin zu fest mit Doña Maria eingeschlossen war, um diesen Morgen für neugierige Augen und Ohren zugänglich zu sein, fühlte sie sich gedrungen, diesen neuen Beweis vom Verschwinden der alten patriarchalischen Vertraulichkeit mit ihren Dienstgenossen zu besprechen.

»In früheren Zeiten – du besinnst dich darauf, Pepita – wurden solche Ereignisse ganz öffentlich bei der Schokolade mit jedem besprochen, der gerade da war und in unser aller Gegenwart. Als Joaquin Padilla in Monterey erschossen wurde, hat es uns die Doña selbst erzählt, hat uns die Briefe vorgelesen, in denen geschrieben stand, wie es geschehen war und wieviel Löcher die Kugeln in seine Kleider gerissen hatten; es war geradezu wie ein Festtag ... und er war doch ein rechter Vetter der Guitierrez. Jetzt aber, da dieser amerikanische Ziegenbock von einem Doktor von seinem Maultiere totgetreten ist, muß sich die Familie einschließen, so daß auch nicht eine Frage gestellt oder beantwortet werden kann.«

»Ja freilich,« erwiderte Pepita, »und doch weiß Sanchez mehr davon, als sie alle, denn er hat so zu sagen die ganze Geschichte mit angesehen.«

»Wieso ... was hat er gesehen?« fiel Faquita eifrig ein.

»Nun, war er es denn nicht, der den armen Pereo nach Hause brachte, welcher wieder einmal einen Anfall seiner Krämpfe oder Visionen gehabt hat – der heilige Antonius wolle uns davor bewahren!« erwiderte Pepita, indem sie sich hastig bekreuzte. »Er fand ihn auf dem Grabe Koorotoras, plötzlich aber kam des Doktors Pferd auf sie zugerannt wie ein wütender Stier; der Fuß des Reiters war nicht mehr im Bügel und im Sattel konnte er sich kaum noch halten. Pereo aber lachte wild hinter ihm her und rief: ›Paß auf, ob der Coyote nicht seinem Mustang unter die Hufe fällt!‹ und Sanchez rannte hinterdrein und sah, bis er ihn aus den Augen verlor, dem Doktor nach, der geradeswegs in seinen Tod hineingaloppierte – genau wie es Pereo vorhergesagt hatte. Und als Sanchez kaum eine halbe Stunde später den Hufschlag wieder hörte, als ob er dicht neben ihm wäre, indes der Mustang, verstehst du wohl, in stundenweiter Entfernung sein mußte – da sagte er zu sich selbst: ›Nun ist's geschehen!‹«

Die beiden Mädchen schlugen schaudernd ein Kreuz.

»Und was sagt Pereo zu der Erfüllung seiner Prophezeiung?« fragte Faquita, indem sie sich mit dem prickelnden Wohlgefühl des Grausens in ihren Shawl wickelte.

»Er hat es vielleicht noch gar nicht begriffen. Du weißt ja, wie starr und stumpf er nach seinen Visionen zu sein pflegt ... wie ein vom Tode Erstandener, der sich auf nichts besinnen kann. Auch heute hat er den ganzen Morgen wie ein Klotz dagelegen.«

»Ja – – aber diese Nachricht müßte ihn doch zur Besinnung bringen, wenn ihm überhaupt noch irgend etwas dazu verhelfen kann. Er mochte diesen Doktor, diesen Schleicher, durchaus nicht leiden. Komm, laß uns zu ihm gehen; vielleicht ist auch Sanchez dort. Unsere Herrin braucht uns vorläufig nicht und für die Gäste ist gesorgt. – Komm!«

Mit diesen Worten ging sie voran nach dem östlichen Teile der Casa, der durch einen niedrigen Gang mit dem Corral Corral, runder, umzäunter Platz, in dem bei Nacht die Pferde eingeschlossen werden. Anm. d. Uebers. und den Pferdeställen in Verbindung stand. Hier war die alte Pförtnerei, das Standquartier des Mayordomo, zu dessen Obliegenheiten unter anderem die Beobachtung der im Hause Ein- und Ausgehenden gehörte. Das Bureau des Haushofmeisters, ein Versammlungslokal, das halb Wachtstube, halb Gesindestube war und Pereos Schlafgemach bildeten seine Wohnung.

In der Gesindestube saßen einige Arbeiter und Dienstleute neben der offenen Thür des Zimmers, in dem Pereo lag und – auf eine niedrige Pritsche hingestreckt, mit seinem wachsgelben Gesicht, ein brennendes Licht vor dem Kruzifix zu Häupten seines Lagers, daneben den geweihten Palmenzweig, der dem Volksglauben nach die bösen Geister verhinderte, sich seiner bewußtlosen Seele zu bemächtigen – wie ein Toter aussah. Zwei verhüllte, in Shawls gewickelte Mägde, die neben seinem Lager saßen, hätten, wenn ihr lebhaftes, unaufhörliches Geschwätz nicht gewesen wäre, für Leidtragende gelten können.

»Bist du wirklich da, Faquita?« rief eine derselben, ein derbes Mannweib. »Es ist ja ein Wunder, daß du deinen Gebeten für die arme Seele des amerikanischen Doktors so viel Zeit absparen kannst, um nach dem Befinden des armen Pereo, deines Vorgesetzten, zu sehen. Ist's denn wahr, daß Doña Maria gesagt hat, sie wollte mit dem alten Trunkenbolde, ihrem Mayordomo, nichts mehr zu thun haben?«

Trotz des unheimlichen Eindrucks, den Pereos aufwärts gekehrtes Gesicht auf sie machte, konnte sich Faquita nicht enthalten, mit unmutig zurückgeworfenem Köpfchen zu erklären, daß sie nicht gekommen sei, um ihre Herrin gegen albernes Geschwätz zu verteidigen.

»Nun, was hat sie denn aber gesagt?« fragte die zweite Pflegerin.

»Sie hat gesagt, daß es Pereo an nichts fehlen solle, daß sie jetzt aber nicht imstande sei, ihn zu sehen.«

Ein Gemurmel des Unwillens und der Teilnahme ging durch die Versammlung, dem ein langer Seufzer des Bewußtlosen folgte.

»Seine Lippen bewegen sich!« rief Faquita, die ihn wie gebannt von Neugier beobachtete. »Seid still ... er wird sprechen!«

»Seine Lippen bewegen sich, aber seine Seele liegt noch immer im Schlafe,« sagte der herantretende Sanchez. »So haben sie sich immerfort bewegt, seit ich heute morgen herkam, ihn zu besuchen und ihn ohnmächtig auf dem Boden liegen fand. Er war halb angezogen, wie du siehst – als ob er im Begriff gewesen wäre, aufzustehen und dabei einen Anfall bekommen hätte ...«

»Still doch! Ich versichere dich, daß er etwas sagen will!« rief Faquita wieder.

Der Kranke ließ wirklich ein schwaches Stöhnen hören, während ein leichter Schaum auf seine starren Lippen trat.

»Er hat mich ... herausgefordert ... hat gesagt ... ich wäre ... alt ... zu alt.«

»Wer hat dich herausgefordert? Wer hat gesagt, du wärst zu alt?« fragte Faquita eifrig, indem sie sich über ihn beugte.

»Er selbst ... Koorotora selbst, in Gestalt eines Coyote.«

Mit einem leichten Kichern, das halb Verlegenheit, halb Furcht verriet, richtete sich Faquita auf.

»So ist es immer,« meinte Sanchez bedächtig, »dasselbe sagte er schon vergangene Nacht, als ich ihn auf dem Grabhügel fand ... Nun schläft er ein, das werdet ihr sehen. Koorotora und der Coyote, weiter bringt er nichts heraus, und dann schläft er ein.«

Mit stillem Grauen und wachsender Anerkennung für Sanchez' Weisheit sahen die Anwesenden, daß Pereo abermals in einen tiefen Schlaf zu versinken schien, aus dem er erst am späten Abend zum Bewußtsein erwachte.

»Nun, was hat das alles zu bedeuten?« fragte er ärgerlich, indem er sich im Bette aufrichtete und die Anwesenden ins Auge faßte, von denen einige ihrer Schläfrigkeit nachgegeben hatten, während andere Karten spielten. »Caramba! seid ihr verrückt? – Du hier, Sanchez, anstatt im Stalle bei deiner Arbeit! Und du, Pepita? Ist deine Herrin zu Bett gegangen oder gestorben, daß du hier sitzen kannst? Heiliger Antonio, wollt ihr mich wahnsinnig machen?« Er faßte an den Kopf, als ob ihm derselbe weh thäte, und schickte sich an, vom Bette aufzustehen.

»Ruhig, guter Pereo, bleib liegen,« sagte Sanchez, indem er zu ihm trat. »Du bist krank gewesen, sehr krank. Deine Freunde hier haben nur auf dein Erwachen gewartet, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß es dir besser geht. Für diese Versäumnis ihrer Arbeit sind sie nicht zu schelten ... das wirst du zugeben. Doña Maria hat befohlen, daß du ordentlich gepflegt werden solltest ... und außerdem hat es, seit die schreckliche Nachricht gekommen ist, kaum etwas zu thun gegeben.«

»Die schreckliche Nachricht?« wiederholte Pereo.

Sanchez warf den anderen einen bedeutungsvollen Blick zu, um sie gleichsam auf die Richtigkeit seiner Vorhersagung aufmerksam zu machen.

»Ja, ja, eine schreckliche Nachricht ... Dr. West ist diesen Morgen zwei Meilen von der Casa tot aufgefunden ...«

»Tot, Dr. West?« wiederholte Pereo langsam, als ob er sich die Bedeutung dieser Worte klar zu machen suche. Dann als die Gesichter der Umstehenden ihre Verwunderung über seine Frage verrieten, fügte er hastig mit schwachem Lächeln hinzu: »Ach ja ... er ist tot ... ich erinnere mich. Ist krank gewesen ... sehr krank, nicht wahr?«

»Er ist verunglückt,« gab Sanchez ernst zur Antwort. »Ist vom Pferde gestürzt, und dabei ums Leben gekommen.«

»Ums Leben gekommen ... durch sein Pferd? ... sagtest du nicht so?« fragte Pereo, dessen Augen unheimlich starr wurden.

»Jawohl, guter Pereo! Erinnerst du dich nicht mehr, wie sein Mustang mit ihm im Heckenwege an uns vorüber schoß und wie du sagtest, er würde durch das Tier zu Schaden kommen. Und so ist es – beim heiligen Antonio! kaum eine halbe Stunde später geschehen!«

»Wie ging es zu? Hast du es gesehen?«

»Nein, der Mustang rannte weiter, so daß ich nicht folgen konnte. Bueno! Geschehen ist es aber doch. Der Alkalde-Coroner Alkalde-Coroner, Richter-Totenbeschauer. Anm. d. Uebers., der alles aufs genaueste weiß, hat das vor kaum einer Stunde gesagt, und Juan hat die Nachricht von dem Rancho, wo die Totenschau vorgenommen wurde, herübergebracht. Uebermorgen wird das Begräbnis stattfinden und mehrere von unserer Herrschaftsfamilie werden daran teilnehmen. – Denke nur, Pereo – die Guitierrez bei dem Begräbnis eines amerikanischen Doktors! ... Ich glaube gewiß, daß dich Doña Maria beauftragen wird, an seiner Bahre ein Gebet zu sprechen.«

»Still, du Narr! Wie darfst du in dieser Weise von deiner Herrin reden!« donnerte der alte Mann, indem er sich im Bette aufrichtete. »Geh in deinen Stall ... hörst du, geh!«

»Nun, bei der Mutter der Wunder,« sagte Sanchez, indem er eilig aus dem Zimmer lief, während sich die hagere Gestalt des Kranken wie ein Gespenst vom Bette erhob, »das war seine alte Art und Weise. San Antonio sei Dank, Pereo ist wieder gesund!«

Am folgenden Tage erfüllte der Majordomo denn auch alle seine Aufgaben in gewohnter Weise, nur daß sein Wesen noch etwas strenger war, als gewöhnlich. Daß seine Prophezeiung, von der Sanchez Bericht erstattet, in Erfüllung gegangen war, trug dazu bei, das abergläubische Ansehen in dem er stand, zu verstärken, obwohl Faquita der Meinung einer wachsenden Gruppe von Ungläubigen Worte gab.

Es wäre leicht gewesen, des Doktors unglückliches Ende vorauszusagen, nachdem sein Pferd mit ihm vor den Augen des Propheten durchgegangen, meinte sie. Es ging sogar die Rede, daß Doña Marias Abneigung gegen Pereo dem Verdachte entsprungen sei, daß dieser bei dem Unglücksfalle die Hand im Spiele gehabt habe. Sanchez machte jedoch darauf aufmerksam, daß Pereo kurz zuvor von einem seiner seltsamen, an Epilepsie erinnernden Anfälle heimgesucht worden war, der ihn nicht nur zu allem unfähig gemacht, sondern ihn auf Sanchez' Hilfeleistung angewiesen hatte.

An dem Begräbnis nahm Pereo nicht teil; auch Mrs. Saltonstall that es nicht. Die Familie wurde durch Maruja, Amita und zwei oder drei dunkelhäutige Vettern vertreten, denen sich Kapitän Carroll und Raymond anschlossen. Eine Anzahl von Bekannten und Geschäftsfreunden aus benachbarten Städten, Aladin mit einem Teil seiner Gäste, die Feldarbeiter und eine große Arbeiterschar aus den Mühlen in den Vorbergen, bildeten das zahlreiche Gefolge, das sich teils in den einfachen ländlichen Gebäuden, die im Rancho von San Antonio als Wohnungen dienten, teils um dieselben versammelte.

Bezeichnend für den Verstorbenen war die Anordnung, ihn inmitten eines seiner fruchtbarsten Kornfelder zu begraben, um damit dem Boden, den er ausgesogen hatte, gleichsam eine Entschädigung zu gewähren. Außerdem hatte er Verfügungen hinterlassen, welche bestimmten, daß seine Ruhestätte durch keinerlei Denkmal bezeichnet werden solle; – selbst der Grabhügel, der anfangs über ihm aufgehäuft wurde, sollte, wenn die Zeit der Feldbestellung wieder gekommen war, durch Pflug und Egge dem übrigen Boden gleich gemacht werden. So wurde denn in geringer Entfernung von seinem Bureau ein Grab gegraben, inmitten eines so dichten Kornfeldes, daß der Raum, der rings um die kleine Grube abgemäht war, um die Menge der Leidtragenden zu fassen, wie von einem goldenen Teppich bedeckt schien.

Die Leichenrede hielt ein beliebter Geistlicher aus San Francisco, ein taktvoller, weltgewandter Mann. Er sprach von dem tadellosen Leben des Verstorbenen, von seinen Verdiensten um die Civilisation der Umgegend, und sah in dem krassen Pantheismus, den derselbe durch die Verfügungen über sein Begräbnis bekundet hatte, nur eine Anerkennung des Bibelwortes »Staub zu Staub«. Den Geschäftsfreunden des Verstorbenen wußte er auf seine Weise zu schmeicheln und – ohne in herkömmlicher, plumper Weise um die »Fortdauer der bisher erfahrenen Güte« zu bitten – so klug auf des geschiedenen Doktors wohlthätige Absichten zu verweisen, daß sich Aladin zu dem Ausspruch veranlaßt sah: »Diese Rede wäre so gut, wie ein fünfprozentiges Staatspapier.«

Maruja, die stumm und matt in der Nähe ihres Wagens stand und selbst die zärtlichen Aufmerksamkeiten Kapitän Carrolls nicht zu beachten schien, kam plötzlich zu dem Bewußtsein, daß sich ein zweites Augenpaar auf sie richtete. Aufblickend gewahrte sie mit Erstaunen, daß sie von dem Manne angesehen wurde, der ihr einmal in dem Heckenwege, das zweite Mal in der Fonda begegnet war und sich jetzt ruhig einer Menschengruppe in ihrer Nähe angeschlossen hatte. Sie sagte sich, daß er sie in diesem Moment zum erstenmale ansähe, und dabei überkam sie eine so seltsame Befangenheit, daß sie zu ihrem eigenen Erstaunen und Unbehagen die Augen vor seinem Blicke niederschlagen mußte. Vergebens versuchte sie, dieselben mit ihrem alten Siegesbewußtsein wieder zu erheben, und wenn sie jemals erröten konnte, so fühlte sie, daß es jetzt geschah; sie fühlte, daß ihr Gesicht verriet, was in ihr vorging, und endlich kam es so weit, daß sie, Maruja – die unnahbare, alles beherrschende Göttin – sich in zitternder Aufregung und mädchenhafter Schüchternheit zu Kapitän Carroll wendete, um in einer erheuchelten Aufmerksamkeit für seine Huldigungen Schutz zu suchen.

So hatte sie kaum bemerkt, daß der Geistliche mit seiner Rede zu Ende gekommen war, als Raymond leise an sie herantrat.

»Bitte, glauben Sie nicht, daß alle menschlichen Tugenden in Gefahr sind, in diesem Weizenfelde begraben – oder vielmehr eingesät zu werden,« sagte er. »Einige derselben werden zurückbleiben und über dem Grabe des Doktors weiter wachsen. Hören Sie nur, was man mir eben erzählt hat, und dann wagen Sie es noch, an menschlicher Dankbarkeit zu zweifeln. Sehen Sie jenen malerischen jungen Kerl dort drüben?«

Maruja schlug die Augen nicht auf; atemlos wartete sie auf die nächsten Worte des Sprechenden.

»Jawohl,« antwortete Carroll; »es ist der junge Mensch aus der Fonda, der Ihren Fächer aufnahm ... nicht wahr, der ist es?«

»Das kann wohl sein,« sagte Maruja in gleichgültigem Tone; sie hätte alles darum gegeben, sich ihm ruhig zuwenden und ihn anstarren zu können, wie die anderen, aber sie hatte nicht den Mut dazu, strich vielmehr mit ihrem Fächer ein Fäserchen vom Aermel des Kapitäns – ein Beweis weiblicher Sorgsamkeit, der den jungen Mann freudig durchzitterte.

»Nun,« fuhr Raymond fort, »jener Robert Macaire Robert Macaire, der Held zweier volkstümlichen französischen Dramen, und im Volksmunde die Bezeichnung für einen interessanten Verbrecher. Anm. d. Uebers. dort drüben ist vor drei oder vier Tagen als Tramp hierher gekommen, der alles brauchte, außer ehrlicher Arbeit. Unser verewigter Freund ließ sich bereit finden, mit ihm zu sprechen – was für den Doktor sehr merkwürdig war – und noch merkwürdiger: er gab ihm einen vollständigen Anzug – soll ihm auch Geld gegeben haben – und schickte ihn wieder fort. Das Merkwürdigste von allem aber ist, daß unser Freund, als er den Tod seines Wohlthäters erfuhr, sofort umkehrte, um dem Begräbnis beizuwohnen. Da der Doktor tot ist, und seine Testamentsvollstrecker nicht derart sind, seinen Großmutsanfall nachzuahmen, mithin auf weitere Unterstützungen nicht gezählt werden kann, muß das Benehmen des Fremdlings auf einfache, unverfälschte Dankbarkeit zurückgeführt werden. Beim Jupiter! Ich möchte glauben, daß er unter den hier Anwesenden der einzige Leidtragende ist! Ich bin doch nur um Ihrer Schwester willen hier; Carroll ist Ihretwegen gekommen und Sie, weil Ihre Mutter nicht erscheinen konnte.«

»Und wer hat Ihnen diese schöne Geschichte erzählt?« fragte Maruja, deren Gesicht Kapitän Carroll zugewendet blieb.

»Der Aufseher Harrison, der sich bei seiner reichen Erfahrung in Bezug auf Tramps durch diese Ausnahme von der Regel tief berührt fühlt.«

»Der arme, junge Mensch!« fiel Amita mitleidig ein; »man sollte etwas für ihn thun.«

»Was!« rief Raymond mit geheucheltem Entsetzen. »Diese herrliche Geschichte verderben? – Nimmermehr! Ich müßte ja, wenn ich ihm zehn Dollar anböte, darauf gefaßt sein, daß er mich niederschlüge – oder, wenn er sie annähme, müßte ich ihn zu Boden schlagen.«

»Er sieht gar nicht übel aus – nicht wahr, Maruja?« fragte Amita, zu ihrer Schwester gewendet. Aber Maruja war mit Carroll einige Schritte weiter gegangen und schien nur auf ihn zu hören. Raymond lächelte über die anmutige Verwunderung, die Amitas Gesicht über dies Benehmen verriet.

»Lassen Sie sie gehen!« flüsterte er; »Sie haben nicht die Aufgabe, ihrer älteren Schwester Dueña zu sein. Sagen Sie mir lieber, ob Ihnen ernstlich daran liegt, daß ich versuche, dem tugendhaften Tramp irgendwie Hilfe zu leisten ... Sie haben nur zu befehlen.«

Amitas Verlangen schien jedoch durch Raymonds bloßes Anerbieten so vollständig befriedigt zu sein, daß sie lächelte, errötete und »Nein« sagte.

Marujas scharfen Ohren war kein Wort dieses Zwiegesprächs entgangen und auf einen Augenblick haßte sie die Schwester, weil dieselbe Raymonds Anerbieten so gedankenlos zurückwies. Als sie dann aber – mit niedergeschlagenen Augen – bemerkte, daß sich der Fremde mit den übrigen Anwesenden zurückzog, trat sie mit ihrem gewöhnlichen Wesen wieder auf die beiden zu. Die übrigen stiegen in den Wagen, Maruja aber kam auf den Einfall, zu Fuße nach dem ländlichen Gebäude zu gehen, von dem der Leichenzug hergekommen war.

Der Aufseher Harrison, aufgeregt und verwundert über die Erscheinung dieser unnahbaren Schönheit auf seiner Schwelle, kam ihr eilig entgegen.

»Ich will Sie heute nicht aufhalten, Mr. Har–r–ison,« sagte sie, das R höflich in die Länge ziehend; »in der nächsten Zeit werde ich aber einmal herüberreiten und dann zeigen Sie mir Ihre wunderbaren Maschinen.«

Sie verließ ihn mit freundlichem Lächeln, um zu ihrem Wagen zurückzukehren: aber schon nach wenigen Schritten erkannte sie, daß sie denselben inmitten der hohen Kornwellen aus den Augen verloren hatte. Einen spanischen Ausruf der Ungeduld ausstoßend, blieb sie stehen, im nächsten Augenblicke teilten sich die Weizenhalme und die Gestalt eines Mannes trat daraus hervor – es war der Fremde.

Mit einem Gefühl der Hilflosigkeit wich sie zur Seite; er aber trat wieder ins Korn, indem er die Halme mit ausgestreckten Armen zurückschob, um ihr den Weg zu bahnen, und während sie nun, mechanisch, ohne ein Wort zu sagen, vorwärts schritt, ging er rückwärts vor ihr her, bis sie dicht vor sich, über den wogenden Aehren, die Peitsche ihres Kutschers erblickte. Jetzt blieb er stehen und trat, mit noch immer ausgebreiteten Armen auf die Seite, um sie vorüber zu lassen. Sie versuchte zu sprechen, konnte aber nur schweigend den Kopf neigen, und ging mit einem sonderbaren, durch seine Stellung hervorgerufenen Gefühl an ihm vorbei, als ob sie sich seiner Umarmung entziehe. Im nächsten Moment ließ er jedoch die Arme sinken, die Halme schlugen um ihn zusammen und er war ihren Augen entschwunden.

Maruja erreichte den Wagen, ohne von den Insassen desselben bemerkt zu werden, und stürzte mit einem Auflachen auf die Schwester zu.

»Heilige Jungfrau!« rief Amita, »wo warst du denn?«

»Dort!« antwortete Maruja mit leichtem nervösem Schaudern, indem sie auf das dichte Kornfeld zeigte.

»Wir fürchteten schon, daß du dich verirrt hättest.«

»Das hatte ich auch,« sagte Maruja, indem sie die schönen Wimpern zum Himmel aufschlug und den Shawl fester um die Schultern zog.

»Ist etwas vorgefallen?« fragte Carroll, indem er sich näher an sie heran drängte. »Sie sehen anders aus als sonst.«

Marujas Augen glänzten und sie war sehr bleich.

»Nichts! nichts!« gab sie hastig zur Antwort, indem sie abermals nach dem Kornfeld hinübersah.

»Wenn eine solche Eile nicht gegen allen Anstand wäre, möchte ich glauben, daß Ihnen der hochselige Doktor einen Besuch als Gespenst gemacht hätte,« sagte Raymond, indem er sie verwundert ansah.

»Jedenfalls würde er höflich genug gewesen sein, über mein Aussehen keine Bemerkungen zu machen,« erwiderte Maruja. »Sehe ich denn wirklich wie eine Vogelscheuche aus?«

Carroll glaubte, sie nie so schön gesehen zu haben. Ihre Lider bebten über den flammenden Augen, als ob sie der vorüberstreifende Flügel einer heftigen Leidenschaft berührt hätte.

»Was denken Sie?« fragte Carroll, als sie fortfuhren.

Sie dachte, daß der Fremde sie voll Bewunderung angesehen habe und daß seine Augen blau wären; ihrem Anbeter aber erwiderte sie, ruhig zu ihm aufblickend:

»Nichts, was für Sie Interesse haben könnte.«

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