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Märtyrer oder Verbrecher?

Levin Schücking: Märtyrer oder Verbrecher? - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenarrative
authorLevin Schücking
booktitleAmtsbericht des Pfarrers zu Eichengrün
titleMärtyrer oder Verbrecher?
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai und Hans Joachim Kruse
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7

Ich las in den Stunden des schwindenden Lichts des früh sich einstellenden Abends das Heft, in welches Bärholm mit kurzen kräftigen Zügen, mit harten Strichen, hart am meisten gegen sich selber, seine Lebensgeschichte eingezeichnet hatte. Eine einfache Lebensgeschichte, die doch ein so beredtes Stück Menschenelend darstellte, wie nur eines sich uns schwerwuchtig auf die Seele legen kann. In schwere, dunkle Stunden versenkte mich diese Erzählung, die der stärker gewordene Herbstwind mit seinem Gewimmer und Geheul begleitete wie mit den Stimmen böser Lebensmächte, mit tückischen Drohungen, als ob sie riefen: Legt Euch da nur in Euren weichen Schaukelstuhl und schürt die lodernde Flamme in Eurem Kamin und stellt Euch den edlen wärmenden Rebensaft zur Seite der strahlenden Lampe, die Euer hohes Gemach bis an die Decke erhellt, streckt Euch nur sybaritisch bequem, und versenkt Euch, in behaglicher Seelenstille in anderer Menschen Leid! Wir sind doch da, wir dringen doch durch, auch bis zu Euch, wir werden Euch den Frieden und das Behagen schon zu stören und zu vergällen wissen. – Abgerissene Blätter, Reiser, Kiesstaub flogen heftig ans Fenster, als ob jene Stimmen sie schleuderten und sagen wollten: ... hört ihr's wohl, hört ihr's, daß wir da sind und euch zu finden verstehen, ihr dummen Menschenkinder, daß wir euch die leuchtenden Flammen eures Glücks schon ausblasen, euch schon fassen und hetzen werden als unsere Sklaven, die ihr seid, alle, alle! – Ich las und las die Blätter, die so abgebrochen und kurzgefaßt erzählten und mit so ruhiger, kalligraphischer Hand geschrieben waren; ich hatte fortwährend dabei durch die Phantasie zu ergänzen, indem ich mir die Situationen vorstellte, die der Schreiber mit so dürftigen, skizzenhaften Strichen angegeben hatte. Ich sah ihn als Knaben von reizbarem Temperament, als schwärmerischen Jüngling in einer Bürgerfamilie einer mittelgroßen Stadt aufwachsen, als lebhaften, begabten, ehrgeizigen Studenten – um seiner Anlagen willen den Studien gewidmet und dem geistlichen Stande aus einem ganz äußerlichen, verwerflichen Grunde, weil die Familie die Berechtigung auf eine jener Pfründen, die man Blutspfründen nennt, hatte; weil einer der Ihrigen, der sich die Weihen erteilen ließ, sogleich auch eine Einnahme während der Studienjahre und sodann, wenn er die letzte Weihe erhalten, auch eine Stellung besaß, ein »Benefizium«.

Das hatte wie von selbst, ohne Prüfung und Widerstreben, als prästabilisiertes Schicksal den jungen Mann, der weder die Welt noch sich selber kannte, in die Kirche geführt, die ihm das Studium möglich machte. Hätte er sich geweigert, so hätte er seinen Büchern Valet sagen müssen, um sich einem praktischen Lebensberufe zuzuwenden, und auf seine Bücher wußte er nicht zu verzichten!

Und dann, als er als junger Priester noch ohne Beschäftigung war, hatten ihn seine Vorgesetzten dem Grafen Rodenburg als Erzieher für seine Söhne empfohlen. Und hier, im Hause Rodenburgs, in seiner verhängnisvollen Stunde einst, war ihm sein Schicksal entgegengetreten. Es war ihm erschienen in einer dämmerungumflossenen, halblichten Gestalt; denn im sinkenden Abendlichte war es gewesen, daß in das Wohnzimmer der gräflichen Familie ein schlank gewachsenes junges Mädchen getreten, ein Kind an der Hand führend, wie auf Bildern, die man artigen Schulkindern schenkt, der Schutzengel mit seiner pflegebefohlenen Kleinen abgebildet wird. Das weich gerundete, feine, in der Dämmerung farblos scheinende Antlitz des jungen Mädchens hatte ihm einen unauslöschlichen Eindruck gemacht; auch als er sie dann mit sanfter, bescheidener Stimme reden gehört und sie mit einer eigentümlichen Anmut, mit etwas wie einem wellenförmigen, schwanenhaften Bewegen gehen und schreiten gesehen, war ihm der Eindruck des Engelhaften geblieben. In der Gestalt eines Engels war ihm sein Schicksal erschienen, und es hatte doch so bald ihn dämonisch ergriffen, indem es ihn in ein inneres, Tausenden verschlossen bleibendes Gedanken- und Gefühlsleben von quälendster Natur geführt.

Bärholm also hatte vom ersten Augenblicke an, wo er sie erblickt, dies Mädchen, das Christiane Elshorn hieß, geliebt. Sein Gefühl für sie hatte er auf die Länge nicht verheimlichen können, da sie beide in einem Hause, in demselben Kreise, sich so nahe gebracht, lebten; und der Widerstreit, das innere Zerwürfnis, worin dies immer mehr zur Leidenschaft erwachsende Gefühl ihn mit sich selber versetzte, der Kampf zwischen einem übermächtigen Temperament und den Pflichten, welche Beruf, Stand und Gelübde ihm auferlegten, hatten ihn in ein inneres, an Verzweiflung grenzendes Elend geworfen, das nun auch das junge Mädchen nicht ungerührt und unerschüttert lassen konnte; es lag etwas sie Bezwingendes, ihr weiches Herz mit sich in dunkle Abgründe Fortreißendes darin!

Es war im Rodenburgschen Hause damals eine unglücklich-glückliche Zeit für die beiden jungen Leute gewesen, in deren Charakteren nichts lag, was sie auf dem Wege religiösen Zweifels oder der subjektiven, sich trotzig auf das Recht des Lebenden und die Urrechte der freien Menschennatur stellenden Empörung wider die einmal bestehende Ordnung und die Tyrannei der sanktionierten Tatsachen zu einer Erlösung und Befreiung geführt hätte. Glücklich war jene Zeit alsdann gewesen, wenn der junge Priester sich und dem jungen Mädchen ein träumerisches Auskosten der Stunde möglich gemacht, wenn er nur seine »Heiligenverehrung« geübt, sein Priester- und Christenrecht, für eine unter den unzähligen Heiligen, den genannten und namenlosen, den schon erklärten und noch nicht erklärten, zu leben; daß sie, seine Heilige, noch lebte, noch zu den nicht erklärten und nicht genannten gehörte – was verschlug es? Die Erde hatte ihrer seit je getragen, die Kirche hatte sich nie dawider aufgelehnt, daß unzählige von ihnen, schon da sie noch lebten, als Heilige verehrt worden. Und wenn Christiane und er dann darüber gestritten, hatte sie ihm alle ihre kleinen Schwächen mit einem Eifer vorgehalten, als ob er sie verschuldet und dafür zu strafen sei; alles, was sie an sich fehlbar und sündhaft fühlte, hatte sie ihn hören lassen, um ihm seine Vorstellungen von ihr zu erschüttern.

Es war nicht möglich, daß zwei junge, zu Verstellung und Heuchelei so wenig fähige Menschen auf die Dauer denen, mit welchen sie lebten, ihren Seelenzustand verheimlicht hätten. Die Gräfin Rodenburg, welche ihr Geheimnis zuerst durchschaute, sprach sich endlich mit dem Grafen darüber aus, und dieser, so ungern er auch sich von dem eifrigen, talentvollen Erzieher seiner Söhne trennte, sah doch ein, daß durch eine entschiedene Dazwischenkunft hier seinen beiden Hausgenossen geholfen werden müsse. Um diese jedoch in keiner Weise verletzend und irgend kompromittierend für Bärholm zu machen, sah er davon ab, ihn plötzlich mitten im Jahre zu entlassen; er wandte sich an den Bischof mit einem kurzen vertrauenden Wort, und die Folge war eine rasche, eine, welche all diesen vertrauenden Leuten völlig genügend schien: Bärholm empfing den Befehl, sofort in eine Stellung einzutreten, die eben erledigt worden, die als Hilfsgeistlicher in unserem Dorfe. Das entfernte ihn nun zwar aus dem Hause der Rodenburg, aber nicht aus ihrer Nachbarschaft; der Bischof hatte sich wohl wenig um die Entfernungen gekümmert, sondern auf der Liste vakanter Stellen die bezeichnet, welche ihm zunächst ins Auge gefallen.

Ganz abgebrochen konnte der Verkehr der beiden jungen Leute nicht werden; die bisherigen Zöglinge Bärholms, die sehr an ihm hingen, waren nicht zufriedenzustellen, wenn er nicht von Zeit zu Zeit erschien. Graf Rodenburg vermißte die Unterhaltung mit ihm und war bei seiner Arglosigkeit geneigt, nach und nach den Brand, den er, soweit seine Beobachtung ging, so wenig Funken werfen sah, für nicht so gefährlich zu halten wie seine Frau. Die Frauen machen solche Dinge, indem sie sich mit ihren Gedanken darin versenken und einbohren und stundenlang davon reden, immer bedenklicher und schwerer, als sie sind, schon um ihre Bedeutung und Wichtigkeit ins richtige Gleichgewicht mit der Zeit, welche sie darauf verwenden, zu bringen.

Bärholm hörte also nicht ganz auf, in Kophorst zu verkehren und Christiane zu sehen, und seine Leidenschaft wuchs nur durch die Schwierigkeit, welche er jetzt freilich hatte, das von der Gräfin behütete und beobachtete Mädchen allein zu sehen. Was er jedoch in der nächsten Zeit zu seinem Schrecken wahrnehmen mußte, das war, daß Christianens Gesundheit litt. Rasch, wie es schien, gewachsen und zu ihrer schlanken, biegsamen Gestalt aufgeschossen, mochte sie zu jenen blutarmen jungen Wesen gehören, welche für die Lebensbedingungen der gegenwärtigen Geschlechter zu büßen haben; Schuldbußen denen aufzulasten, die keinerlei Schuld an den Dingen haben, gehört nun einmal zu den kapriziösen Gepflogenheiten des allwaltenden Menschenschicksals. Sie war jedenfalls keine robuste, gehärtete Natur, die arme Christiane, und nicht ausgerüstet mit einer moralischen Widerstandskraft, welche von einem dauernden hoffnungslosen, sie innerlich demütigenden und durch die widerstreitendsten Gedanken- und Gefühlsreihen aufreibenden Verhältnisse nicht eine unheilvolle Reaktion auf ihre Gesundheit empfunden hätte. Die Mittel des zu Rate gezogenen Hausarztes, meines kleinen Doktors, halfen dem Übel nicht ab; dieser erklärte eines Tages ganz unverhohlen der Gräfin, daß das junge Mädchen, um zu gesunden, nach dem Süden gesandt werden, daß sie ein ganzes Jahr im Süden zubringen müsse, wenn ihr wirksam geholfen werden solle. Bärholm vernahm dies einige Tage später aus dem Munde Rodenburgs, der es ihm, mit einem eigentümlichen Akzente hingeworfen, hören ließ, als ob er sagen wolle: Sieh nun, welche nicht wiedergutzumachenden Dinge du angestellt hast. Jetzt geh in dich und ziehe den letzten, leisesten Gedanken von dem armen Geschöpfe, dessen erste Krankheitsursache du bist, ab; laß sie ruhig atmen, träumen, denken, frei von dem Drucke, den die magnetische Zauberkraft eines fremden, uns umkreisenden, nicht von uns weichenden Gedankenlebens auf den Schlag ihres wunden Herzens ausüben könnte!

Vielleicht wollte der Graf mit dem Ton, womit er gesprochen, dies sagen, und Bärholm in seinem Schuldbewußtsein verstand es auch so. Aber jener kannte wenig die Menschennatur, wenn er glaubte, daß seine Mahnung von irgendeinem Erfolge sein werde. Bärholm dachte Tag und Nacht an Christiane, an ihre Lage, an die Unmöglichkeit, die Mittel zu finden, das, worin der Doktor allein eine Rettung gesehen, auszuführen. Er selbst war nicht reich genug, die Mittel zu beschaffen; und wenn er etwa die Einkünfte seiner kleinen Familienpfründe auf Jahre hinaus verpfändet und zediert hätte, wenn er sich über die Bedenken hinweggesetzt, welche einen Priester von solch einem Finanzgeschäft abhalten mußten, würde er es Christianen haben bieten dürfen, würde sie es angenommen haben? Nimmermehr. Von den Rodenburgs eine überschwengliche Großmut vorauszusetzen, es wäre töricht gewesen, auch wenn sie um vieles reicher gewesen; sie erfüllten nach allen Seiten hin rechtschaffen ihre Pflichten, wer konnte mehr verlangen von ihnen?

Und Christiane selbst war arm. Sie war eine Waise. Was ihr Vater ihr hinterlassen, das war verwendet worden, um sie gründlich und mit aller Ruhe und Muße sich zu ihrem Lehrerberuf vorbereiten zu lassen. Ihr Vormund, ein entfernter Verwandter ihres Vaters, hatte, sagte man, recht brav und ausreichend darin für sie gesorgt. Nun aber war das, was ihr zugefallen, bis aufs letzte aufgezehrt.

Jener Vormund aber war Herr Elshorn, der Auktionskommissar, gewesen; Herr Elshorn hatte die Vormundschaft übernommen, weil das Gericht in der Voraussetzung der Verwandtschaft sie ihm übertragen; was aber die Verwandtschaft anging, so hatte er immer jedem, der es hören wollte, erklärt, es sei ihm außer der Namensvetterschaft nichts Gewisses darüber bewußt.

In dieser Zeit nun, in welcher der junge Kaplan sich mit den quälendsten Gedanken, welche ein verliebter Mensch haben kann, trug und nicht Rast bei Tage noch Nacht fand, zugleich aber auch in die Obliegenheiten und Berufstätigkeit seiner neuen Stellung sich finden mußte, machte er die Bekanntschaft einer Eingesessenen der Gemeinde, einer Frau von einem ungewöhnlichen Wesen, leidlich hübsch und jedenfalls von ungewöhnlicher Bildung für eine Dorfbewohnerin – der Frau eines herrschaftlichen Angestellten, dem sie aus einem kinderreichen Hause eines subalternen Regierungsbeamten in der Stadt hierher hatte folgen müssen.

Ich hätte sagen müssen, sie machte seine Bekanntschaft, und von dem Tage an war die Gestalt des ernsten, schwermütigen jungen Priesters – diese schöne Gestalt mit der Gabe der kurzen Rede, welche mehr zu verhüllen als zu sagen schien – das, was im Vordergrund ihrer Interessen stand, was ihre Gedanken unaufhörlich in Anspruch nahm. Das erste war, daß sie dem früheren Beichtvater untreu wurde und die Leitung ihrer Gewissensangelegenheiten Bärholm anbefahl. Und dann, daß sie ihm allerhand Aufmerksamkeiten erwies, ihm Bücher sandte und andere ablieh, ihm kleine Geschenke machte und Blumen, Stickereien schickte.

Unendlich groß ist die Kategorie vom Leben begünstigter, in ganz befriedigende Verhältnisse gestellter und von der Welt für glücklich gehaltener Frauen, die an einem unseligen quälenden Glücksdurst leiden. Ihr Idealismus ist von einer Wahnvorstellung begleitet, daß er müsse verwirklicht werden können; sie fordern diese Verwirklichung vom Schicksal und von der Welt und von den Männern; sie irren suchend umher, und wenn sie den Mann gefunden, in dessen Macht sie jene Verwirklichung gegeben glauben, so weiß ihre Rastlosigkeit ihn sich so nahe zu ziehen, daß er schwer zu kämpfen hat, um frei zu bleiben. Es liegt etwas von einer Vampirnatur in solchen Frauen. Sie könnten einem Manne, der sich hat verstricken lassen, das Leben aussaugen. Es steckt ein Stück Dichternatur in ihnen, aber ein dämonischer Lyrismus, der um so verzehrender innerlich flammt, je mehr sein volles äußeres Sichausflammen durch die Verhältnisse und die Sitten verboten ist.

Eine Natur solcher Art war die hübsche, noch junge Frau Mertens, die den neuen Kaplan mit ihren Aufmerksamkeiten, ihren kleinen Sünden und dem so auffallend oft wiederkehrenden Bedürfnis, ihm über diese ihr Herz auszuschütten, verfolgte, obwohl er mit der steigenden Belästigung, welche er darüber empfand, unverhohlener in den Andeutungen dieser Empfindungen wurde. Frau Mertens wurde dadurch nicht abgeschreckt, sie wurde nur noch liebenswürdiger, weicher, schwärmerischer, und seltsam, der Inhalt ihrer Beichten bei dem jungen Priester wurde darüber nur noch bedeutungsvoller, die Gewissensergüsse nur noch an ausgiebigen Tatsachen schwerer. Bärholm wurde betroffen dadurch, gezwungen, sich achtsamer den gewichtigeren Dingen, welche sie vorbrachte, zuzuwenden – er war noch viel zu erfahrungslos, um auf den Gedanken von simulierten Angaben zu geraten, die nur den Zweck hatten, seine Gedanken mit der hübschen Sünderin zu beschäftigen und ihr Seelenleben ihm interessant zu machen.

Sie hatte einmal sich einer sträflichen Koketterie anzuklagen mit einem jungen Offizier, dem Sohn und Erben des nächsten großen Grundherrn, der in seiner Urlaubszeit oft in das Dorf gekommen, allein ihretwegen, wie sie anzudeuten wußte, vielleicht auch glaubte! Ein anderes Mal entwickelte sie mit mehr Selbstgefälligkeit als logischem Zusammenhang eine Reihe von religiösen Zweifeln, die sie über sich Herr werden lassen, die sie geschöpft haben wollte aus der Lektüre von allerlei freigeistigen Büchern und über die sie dann mit wundersamer Nachgiebigkeit gegen die Argumente ihres Beichtigers sich eines Besseren belehren ließ: Es war auch wohl ein Kokettieren mit ihrer Belesenheit und scharfsinnigen Erfassung der Dinge gewesen. Und dann einmal beichtete sie eine wunderliche Geschichte, bei der sie sich eines Mangels an Energie zur Verhütung eines Unrechts anklagte. In der Geschichte nannte sie den Namen Christiane Elshorns, mehr, öfter, als es nötig schien. Wollte sie beobachten, wie er auf den jungen Priester wirkte? Hatte sie mit eifersüchtigen Gedanken seine Vergangenheit durchspäht, Verbindungen in Kophorst anzuknüpfen gewußt und einen Argwohn gefaßt? Oder kam ihr, was sie beichtete, vom Herzen, wie Bärholm in seiner Arglosigkeit es annahm? Sie erzählte, eines Abends vor anderthalb oder zwei Jahren sei der Auktionator Elshorn zu ihrem Manne gekommen und habe, nachdem er von anderen gleichgültigen Dingen gesprochen, gesagt: »Apropos, Herr Mertens, wissen Sie es schon? Bei der ›Abundantia‹ sind wir ja noch mit einem blauen Auge davongekommen.«

»Freilich, freilich, weiß ich«, hatte ihr Gatte geantwortet, »ich habe eine Aufforderung vom Kurator der Masse erhalten, am Ausschüttungstermin siebenhundert Taler in Empfang zu nehmen.«

»Und ich ebenfalls«, entgegnete der Auktionator. »Ebenfalls siebenhundert. Sie hatten also auch Aktien bis zum Belaufe von tausend?«

»Die hatt' ich – dreihundert und die Zinsen und den Ärger haben wir also in den Rauchfang zu schreiben«, antwortete der Mann der Beichtenden.

»Und«, war der Auktionator eingefallen, »den Spott, den Hohn, die Schadenfreude derer, die sich bei glücklicheren Zechen beteiligt haben und nun gut lachen können. Es ist um so ärgerlicher, als gar niemand in unserer ganzen Gegend hier der ›Abundantia› auf den Leim gegangen ist, wir zwei die Narren allein gewesen sind!«

»Niemand sonst? Ich meine gehört zu haben, auch der Herr Elshorn, der Vater Ihres ehemaligen Mündels – sie ist ja wohl großjährig, wie?«

»Christiane? Ist großjährig, ja. Und was den Anteil ihres Vaters angeht, so hat er ihn vor seinem Ende zediert. Wem, weiß ich nicht. Im Vermögensinventar, mit welchem ich die Vormundschaft übernahm, steht nichts davon. So bleiben wir die einzigen Geprellten. Die einzigen. Ich denke deshalb – wie denken Sie darüber? –, wir tun am besten, vom Ausgang der Sache nichts zu erwähnen, gegen niemand, wie?« »Nun ja«, hatte der Herr Mertens kopfnickend erwidert, »es ist nicht nötig, daß gegen jemanden etwas davon erwähnt werde. Ich denke wie Sie darüber. Es geht niemanden etwas an – niemanden!«

»Geben wir uns die Hand darauf, Herr Mertens! Ich will auch gern im Termin die Auszahlung für Sie mit in Empfang nehmen, wenn Sie mir eine Vollmacht dazu geben wollen.« »Weshalb nicht? Sie tun mir einen Gefallen damit. Es erspart mir die weite lästige Reise.«

Nach etwa drei Wochen war Herr Elshorn denn auch richtig mit dem Herrn Mertens zukommenden Gelde erschienen und hatte es ihm ausgezahlt. Nachdem die beiden Männer sich das Versprechen, nicht davon reden zu wollen, wiederholt, war er gegangen, und Herr Mertens sprach nun zu seiner Frau: »Dieser Elshorn ist ein abgefeimter Schelm. Ich bin überzeugt, daß er nie einen Heller in ›Abundantia‹ angelegt hat; der Vater seines Mündels hat es getan, gewiß nur der. Die Aktien werden sich in seinem Nachlaß befunden haben; aber als man das Inventar über den Nachlaß aufnahm – Gott weiß, welcher Dummkopf das besorgte –, hat man die ›Abundantia‹-Aktien, worin der arme Teufel sein bißchen Erspartes angelegt, einfach ausgelassen. Just vorher hatte der große Krach gespielt, und ›Abundantia‹-Aktien: bloßes Papier! Makulatur! Fidibus! Ich hätte die meinen dazumal hingegeben für eine Flasche Moselwein. Nun steckt der Elshorn in die Tasche, was seinem Mündel, der Christiane, gehört!«

»Aber, mein Himmel«, rief nun die Frau, welcher ihr Gatte diese Überzeugung anvertraute, aus, »weshalb hilfst du ihm dann noch, indem du ihm Schweigen gelobst?«

»Weshalb? Ei, liebes Kind, bist du so grün, daß du nichts dawider hast, wenn es überall heißt, du hast eben bare siebenhundert ins Haus getragen und ausgezahlt bekommen? Hast du gern, daß dir allerlei Petenten angerückt kommen, die du nur mit Mühe und oft gar nicht wieder los wirst, wenn du, in tödliche Feindschaft mit ihnen zu geraten, nicht eben Lust hast? Viel besser, wenn man kein Aufhebens davon macht. Man kann sich's dann frei selber überlegen, wie man es unterbringt. Und was hilft es, ob ich rede oder schweige? Dieser Schelm von Auktionator würde immer dabei bleiben, im Nachlaß des Vaters seines Mündels hätten sich, als er ihm übergeben worden, jene Papiere nicht befunden, das beweise ja das Inventar.«

»Aber«, hatte die Frau eingeworfen, »wenn es kund, wenn überall davon geredet würde, schämte sich dieser treulose Mensch doch sicherlich und hätte nicht mehr die Courage, eine so himmelschreiende Büberei auszuführen.«

»Der sich schämen! Sprächst du davon – einen Verleumdungsprozeß würde er dir an den Hals werfen, das wäre alles, was du erreichtest.«

Damit war die Sache erledigt gewesen, aber Bärholms Beichtkind klagte sich jetzt der moralischen Feigheit und einer verachtenswürdigen Schwäche an, daß sie dazu geschwiegen, daß sie ihren Mann nicht gezwungen zu reden, dem Auktionator ins Gewissen zu reden, daß sie nicht alles getan, um durch Aufstachelung der Volksstimme den Bösewicht zu zwingen, auf seinen Betrug zu verzichten.

Der junge Priester hatte sie lange schweigend angehört. Dann hatte er mit bitterem Lächeln, mit einem schweren Seufzer, wie nach Luft ringend, leis hervorgestoßen: »Sie beichten mir nicht eigene, Sie beichten mir fremde Schuld. Das ist nicht das, was der Geist des Beichtinstituts fordert oder nur gestattet. Und deshalb wollen wir enden ...«

Das Beichtkind schien noch manches andere auf dem Herzen zu haben, aber schon erhob der Kaplan seine Rechte, die sakramentalen Worte der Absolution murmelnd, gab ihr den Segen und entließ sie.

Als sie aufstand und einen letzten Blick auf ihn warf, war es ihr, als ob er mit einem tiefen Aufkeuchen seiner Brust bleich und gebrochen in die dämmerige Ecke seines Beichtstuhls zurücksänke.

Sie ging und kniete in der Kirche, um die ihr auferlegte Buße zu beten. Dabei beobachtete sie ihn, wie er den Beichtstuhl verließ und gesenkten Hauptes, langsam schreitend, am Hochaltar vorübergehend, ohne diesen durch eine Kniebeugung, wie es vorgeschrieben, zu adorieren, quer durch die Kirche in die Sakristei ging – wunderlich genug, denn es knieten noch mehrere alte Frauen in den nächsten Bänken, begierig, den Priester in ihre Sündhaftigkeiten einzuweihen. Er aber ging davon.

Auch Frau Mertens ging dann heim – von dem Eindruck, den ihre Geschichte gemacht, wohl nicht ganz befriedigt. Es wäre gar nicht nötig gewesen, daß sich dieser Eindruck so heftig gezeigt. Es lag für sie eine gewisse Bitterkeit darin. Was sie herbeiführen gewollt, das war ja nur ein recht gründliches, redseliges, allseitiges Aussprechen über eine sich immer neu als Gesprächsgegenstand bietende merkwürdige Tatsache. Nun war der junge Priester wie ganz zerschmettert worden von dem, was sie ihm eröffnet, wie anderer Gedanken für den Augenblick nicht mehr fähig. Lagen ihm wirklich Christiane Elshorns Angelegenheiten so am Herzen?

In der Tat, sie lagen ihm auf dem Herzen in diesem Augenblick, um ihm das Herz zu brechen; sie erstickten ihn, sie trieben ihn dem Wahnsinn nahe. Auf seiner Giebelstube saß er auf dem Ruhebett, vornübergebeugt, die Hände zwischen den Knien und die Finger krampfhaft verschränkend. Die Rettung, die Lebensrettung für das, was ihm das Teuerste auf Erden war – sie war da, in seine Hand gegeben, und er durfte sie nicht bringen. Er hätte es nicht gedurft, hätte er seine Mutter damit von den Toten erwecken können! Sein Eid, sein Gelübde, seine Berufsehre verboten es, und es verbot ihm die ganze dräuende Autorität jenes wunderbaren, mystischen, schreckbaren Instituts, dem er sich zugeschworen und dem er seine Stellung und seine Existenz verdankte, jener Kirche, die, wenn sie auch mit den Füßen rücksichtslos so manches Menschenherz zertritt, doch mit dem Haupt, um das gewunden sie die von Märtyrertränen und Märtyrerblut triefende Stirnbinde trägt, in den Himmel ragt. In der Tat hatte auch der junge Priester niemals davon vernommen, daß einer seiner Mitbrüder das Beichtsiegel gebrochen hatte. Nie! Wo man in alten Geschichten davon las, da war es – Bärholm hielt sich davon überzeugt –, da war es Verleumdung!

Und ohne es zu brechen, was konnte er beginnen? Was tun, ohne aus dem tiefen Abgrunde, worin es versenkt sein mußte, ein Geheimnis hervorzuholen und an das Licht des Tages zu stellen, das nicht ihm gehörte, das Gott an dessen Stelle ihm die Vollmacht zur Sündenvergebung übertragen worden, anvertraut war.

Es war ein furchtbarer Konflikt zwischen Pflicht und Leidenschaft in dem Innern des armen Menschen, ein Konflikt, der anfangs einen Kampf der Verzweiflung in ihm hervorrief und dann, nach Tagen, als dieser ausgestürmt, ihn in ein Gefühl absoluter Hilflosigkeit versenkte, das nach und nach in ein dumpfes Hinbrüten und völliges Gebrochensein überging. Und dann, nach einer Zeit, begann er zu zweifeln, zu rütteln an den Grunddogmen, auf denen die Heiligkeit seiner Verpflichtung beruhte, zu grübeln über die Fälle, wo eine solche Verpflichtung offenbar in Widerspruch geriet mit den Gesetzen der bürgerlichen Rechtsordnung, ohne welche kein gesittet friedliches Zusammenleben der Menschheit möglich ist. Wenn ihm nun gebeichtet wurde – etwa die Zugehörigkeit zu einem Geheimbunde mit dem Zwecke, die Staatsordnung umzustoßen und den Herrscher des Landes zu ermorden, die Teilnahme an einer Verschwörung, welche vieler Menschen Leben und Glück bedrohte? Wie dann? Hätte er auch dann das Siegel nicht brechen dürfen? War der Priester denn so ein Sklave seines Kirchentums, so ein der Pflicht und dem Gewissensleben der übrigen Menschheit entrücktes Geschöpf und Werkzeug übersinnlicher Beziehungen, die doch nur auf Vorstellungen und Voraussetzungen, auf oft und viel bestrittenen Lehren beruhten, daß er sich in völligen Gegensatz zu diesen Pflichten und diesem Gewissensleben setzen durfte? Waren aller anderen Menschen Urrechte und Urpflichten nicht für ihn da, wenn die Kirche sprach?

Wie weit ging denn des einzelnen Recht, seine persönliche moralische Verantwortlichkeit von sich zu werfen und sie gewissenberuhigt einer seinen Rücken deckenden Körperschaft aufzubürden?

Als eines Tages bei der Mahlzeit der Pfarrer von einem Preßprozeß sprach, bei dem ein Redakteur wegen Verweigerung seines Zeugnisses eingesperrt worden war, fragte Bärholm: »Wie erklären Sie diese Disparität der Behandlung, welche in solchen Fällen unsere Justizverwaltung gegen den Bürger und gegen den Priester übt? Wenn in einem Dorfe ein Verbrechen begangen ist, ein Totschlag bei einer Kirchweihrauferei etwa, hätte sie ja nur den Geistlichen vorzuladen, der durch die Beichte wissen muß, wie es sich damit verhält.«

»Freilich«, antwortete lächelnd der Pfarrer, »aber Ihre Frage ist sehr naiv. Sie belästigt den Priester nicht, weil sie ihn zum Schweigen verpflichtet weiß.«

»Sie weiß doch auch den Redakteur zum Schweigen verpflichtet. Sein Beruf, seine Stellung, das ihm geschenkte Vertrauen gebieten ihm zu schweigen, seine Mannesehre gebietet es ihm, ganz so wie dem Priester sein Gelübde. Weshalb nimmt die Justiz, der Staat, wollen wir sagen, hier auf seiner Bürger Ehre keine Rücksicht, wohl aber auf des ihm fremden Klerikers Gelübde?«

»Wie haben Sie sich zu so akademischen Fragen verirrt, mein lieber Kaplan«, versetzte der Pfarrer, ihn betroffen fixierend, »wie können Sie dem Staat die Dummheit zumuten, sich wider unser Sigillum confessionis aufzulehnen, er würde damit ja nur Märtyrer schaffen, tausend Märtyrer; denn das steht doch auch bei Ihnen fest, daß jeder von uns sich lieber den Bestien des Zirkus vorwerfen ließe als das Beichtsiegel brechen.«

Kaplan Bärholm schwieg, betroffen über die Energie dieses Ausbruchs.

»Die Jesuiten«, sagte er nach längerer Pause, »sollen doch ...«

»Was sollen die Jesuiten?«

»Man spricht von einer Kassette, die Joseph der Zweite in Wien in der Burg in einem Mauerversteck aufgefunden haben soll und darin die aufgesammelten Confessiones principum ...«

»Ach bah – welche Verleumdung! Sie werden sich jedenfalls gehütet haben, so etwas in der Burg unterzubringen, die schlauen Väter. Nein, eine Beichte verrät auch ein Jesuit nicht!«

Damit erstarb das Gespräch.

Bärholm begann die Geschichte des Bußsakraments zu studieren. Aber je tiefer er in die Materie eindrang, als desto wesentlicher, desto bedeutungsvoller stellte sich dies uralte, aus der Natur der Menschenseele hervorgegangene, von den erleuchtetsten und größten Vätern der Kirche nach allen seinen Seiten hin behandelte Institut der Buße und Beichte, das schon Thomas von Aquin regelte und formte und ein Konzil schon um 1215 zum Gesetz für den gläubigen Christen machte, vor ihn hin. Es konnte ihn alles nur tiefer in Verzweiflung, in sein niederdrückendes Gefühl jammervollster Hilflosigkeit stürzen.

Nur eine Hoffnung gab es, einen Ausweg! Sein Beichtkind, die ihm das, was ihn jetzt so unglücklich machte, gestanden, mußte bewogen werden, zum Richter zu gehen und ihm, was sie wußte, mitzuteilen. Nahm der Richter sich der Sache an, so konnte Christianen erstattet werden, was ihr gehörte und was ihr das Leben rettete. Aber es war gewiß nicht leicht, die Frau Mertens dazu zu bewegen. Was hatte sie denn eigentlich anzugeben, was anders als – eine Vermutung, einen Verdacht ihres Mannes. Hörte der Richter auf das, was sie sprach, dann lud er wohl noch zu seiner Information den Mann vor; und dieser würde in nicht geringen Zorn geraten über Gewissensskrupel seiner Frau, die ihm solche Widrigkeiten zuzogen und ihm den Auktionator zum Todfeinde machten. Bärholm mußte auf den Gedanken verzichten, einen solchen Einfluß auf Frau Mertens auszuüben, um sie zu dem von ihm gewünschten Schritte zu bewegen – es sei denn, er hätte, um seinen Einfluß auf die Frau zu steigern, um sie willfährig und gegen seine Wünsche nachgiebig zu machen, um sie am Ende zu allem zu bewegen, sich zu einer Heuchelei entschlossen. Er hätte den Schein angenommen, von ihren Zuvorkommenheiten gerührt, von ihrer Persönlichkeit angezogen zu sein und ihr den Eindruck, den ihre Reize auf ihn gemacht, so an den Tag zu legen, daß die eitle, emotionendurstige Frau ihm zuliebe tat, was er verlangte. Wie leicht mochte es sein, wie wenig dazu gehören, sie zu täuschen – wie viel freilich dazu, die glücksbedürftige Seele einer solchen Frau später, wenn die Heuchelei nicht mehr nötig war, wieder von sich abzulösen, wieder in die alte, kahle Ferne gemessener Höflichkeit zu rücken! In seiner Not aber, in einer schwachen Stunde, halb entschlossen, auf diesem Wege Hilfe zu suchen, ging er eines Tages, wo er sie allein wußte, zu ihr – in der besten Absicht, ihr allerlei unverfängliche Artigkeiten zu sagen. Aber ach, als sie nun in ihrem Empfangszimmer, wo er sie erwartete, vor ihm erschien, kam ihm plötzlich bei dem Anblick dieser Persönlichkeit ein solches Gefühl von Widerwillen gegen sie, ein Gefühl so gründlicher Selbstverachtung wegen der frivolen Charakterlosigkeit, in die er schon so nahe daran war, sich verlocken zu lassen, daß er statt freundlicher nur ernste und gebieterische Worte an sie zu richten vermochte – gebieterisch, indem er sie aufforderte, nicht zu ruhen und zu rasten, bis sie ihren Mann bewogen habe, die betrügerische Handlungsweise des Auktionators irgendwo zur Anzeige zu bringen. Das sei jedes Christen Pflicht, und Bärholms Pflicht als Priester sei, darauf zu bestehen und nicht abzulassen, bis es geschehen. Frau Mertens aber erwiderte, ihr Mann werde nie und nimmer den Denunzianten machen wegen eines Verbrechens, das er ja ganz und gar nicht beweisen könne, das ja immerhin nur in seiner Vorstellung beruhe, auf seinen Kombinationen, so daß man ja gar keine Handhabe sehe, um den Gerichten damit zu kommen; ja, das am Ende wirklich nicht begangen, sondern nur Erzeugnis des Argwohns ihres Mannes sei ...

»Was Sie mir im Beichtstuhl als bestimmte Tatsache angegeben«, fiel ihr Bärholm zornig ins Wort, »wollen Sie jetzt als Chimäre behandeln, um sich Ihrer Pflicht als Christin zu entziehen? Damit entgehen Sie mir nicht! Doch ich habe Ihnen gesagt, was ich Ihnen sagen mußte. Denken Sie an Ihr Seelenheil, und überlegen Sie sich meine Worte. Adieu!«

Damit ging er unwillig fort, um eine letzte Hoffnung ärmer – und nur noch tiefer in Verzweiflung.

In den nächsten Tagen war es nun, wo das Unglück wollte, daß Bärholm eine Einladung zu der Familie auf Kophorst erhielt, wo er einige kurze Augenblicke lang Gelegenheit erhielt, allein mit Christiane zu reden, wo er dabei einen tiefen und erschütternden Eindruck von der Verschlimmerung ihres leidenden Zustandes erhielt. Und unter diesem Eindruck war es, daß er, in einem verhängnisvollen Augenblicke sich verabschiedend, gerade in der Minute fortging, welche ihn auf dem dunklen nächtigen Heimwege mit dem Auktionator Elshorn zusammentreffen ließ. Was zwischen beiden geredet worden, das hatte der Auktionator in seinem Verhöre angegeben, aber er hatte nicht alles angegeben, nicht, daß Bärholm ihn geradezu beschuldigt hatte, das Geld seines ehemaligen Mündels veruntreut zu haben, daß er in sich steigerndem Zorn, in furchtbarster Erregung ihm ins Gewissen zu reden begonnen und daß er, Elshorn, mit den brutalsten Worten, mit beleidigendsten Schmähungen geantwortet, seine Tat geleugnet, den Kaplan einen trunkenen Narren und was sonst noch alles genannt, zuletzt einen ruchlosen Pfaffen, der mit Beichtgeheimnissen sich in anderer Leute Angelegenheiten mische.

Da war über Bärholm die helle, nicht zu bezähmende Wut Herr geworden; einen Augenblick war er stehengeblieben, um aufzuatmen, um wieder zu Luft zu kommen, und dann, mit ein paar langen Schritten den vor ihm weitertaumelnden, laut in die Nacht hinaus schimpfenden Auktionator einholend, hatte er mit seinem Stock und dem schweren Metallknopf daran ihn niedergeschlagen wie ein böses, wildes Tier. Und in der Wut auch noch, wie um die strafende Tat der Rache an dem Nichtswürdigen zu vollenden, sich bei ihm niedergeworfen und ihm den Mammon abreißen wollen, in dem das Heil für die arme Christiane lag. Aber er war nicht in dem Zustande, um in dunkler Nacht rasch damit zustande zu kommen. Wir wissen, daß er gestört wurde, daß er die Flucht auf die offene Heide hinaus ergriff, daß sein Verbrechen nicht zu seiner vollen Ausführung kam.

Das war das Geheimnis Bärholms, die psychologische Lösung des Rätsels, welches ihn umgeben hatte so manche Jahre hindurch. Es war in einem sonst gefestigten, an Selbstbeherrschung gewöhnten, besonnenen Männercharakter, in einer einfachen, auf Wahrheit gerichteten Natur, die aber leidenschaftlich tief und innig zu empfinden wußte, ein Augenblick eingetreten, wo die Reibung zwischen dem äußeren Gesetz, dem eisernen Gesetz des Schweigenmüssens und der echt menschlichen Empörung, daß unter dem Schutze dieses Gesetzes die Schandheit frei wuchern durfte – wo diese Reibung in ihm zur Flamme aufgeschlagen. Ein Augenblick war gekommen, wo bei dem Gedanken an das, was Christiane litt, unter der Tat des frech gewordenen, unverschämten, ihn beleidigenden und beschimpfenden Lasters, alles Blut ihm in »gärendes Drachengift« verwandelt worden, das gar nicht anders konnte als in der unmittelbaren Tat sich Luft schaffen. Es war etwas vom Karl Moor in ihm in diesem Augenblick, vom Michael Kohlhaas, von allen denen, welche empörtes Rechtsgefühl und die Unerträglichkeit der durch schweres Unrecht ihnen zugefügten Lebenspein zu der Selbsthilfe getrieben hat, durch welche sie untergingen.

Es ist kein Mann der, dem nicht gewisse Dinge das Blut so verwandeln können. Und wenn Taten wie die Bärholms die sittliche Weltordnung stören, so wird die Macht, welche über dieser die richterliche Waage hält, ihre Schale schwerlich darob gar zu tief niedersinken lassen. Wahrhaft herzbrechend aber war es gewesen, wie der arme Dorfkaplan seine Tat gebüßt hat.

Seine ganze Natur und all sein Wesen hatte ihn dazu gedrängt, vor dem Richter frei zu bekennen, offen den Grund und die Genesis des Geschehenen darzulegen, mit freier, offener Stirn sich zu verteidigen – und wenn man ihn strafte, wie ein Mann die Folgen zu tragen.

Nun aber mußte er – leugnen, er mußte lügen. Die Ehre seines Standes, das Interesse seiner Kirche forderte es nicht allein – es war nichts anderes möglich; denn hätte er sich mit der Wahrheit verteidigen wollen, so hätte er ja das Beichtgeheimnis verraten müssen, dasselbe Geheimnis, durch dessen pflichttreue Bewahrung er in all das Leid geraten. Hätte er durch offenherzige Entwickelung der Tatsachen sich dann auch reingewaschen von jeglicher Schuld, er hätte dann doch dagestanden als meineidiger, seine Berufspflicht verratender Priester. In dem frommen, gläubigen Lande, in welchem er lebte, wäre von nun an jedermanns Hand wider ihn gewesen, jedermanns Fluch wäre auf sein Haupt gefallen, das Leben wäre ihm zur Hölle gemacht worden. Nein, er mußte täuschen, lügen, leugnen – das Beichtgeheimnis zeigte ihm eine noch furchtbarere Seite, als es ihm vorher gezeigt hatte. Vorher hatte es ihn gezwungen zu schweigen. Jetzt zwang es ihn, zu sprechen und – ein Lügner zu werden.

Aber nicht das allein! Es brachte noch Schwereres über ihn. Er wurde freigesprochen – aber glaubte man an die Schuldlosigkeit? Seine Mitbrüder schwerlich; er nahm es nur zu deutlich wahr durch die Umwandlung ihres Benehmens gegen ihn. Mit einer gewissen unbefangenen Formlosigkeit hatten sie mit ihm bisher verkehrt; jetzt zeigten sie, und das am meisten in Gegenwart Dritter, eine auffallend achtungsvolle, förmliche Beflissenheit und hielten im übrigen sich in einer kühlen Entfernung von ihm. Es war offenbar unter ihnen die Parole ausgegeben, durch solches Benehmen die Augen der Welt über ihre eigentliche Überzeugung zu blenden. Und Bärholm erfüllte dies Wesen, aus dem er etwas wie einen fortwährenden Hohn herausfühlte, mit grenzenloser Bitterkeit.

Das alles aber, das alles war das Schlimmste nicht. Das Schlimmste war, daß auch die Familie auf Kophorst und, vor allem, daß Christiane der schwachen Verteidigung, welche die Jury, unter äußeren, fremden Einflüssen stehend, fast gewaltsam als genügend angenommen hatte, nicht glaubte. Als er freigesprochen war, hatte Graf Rodenburg die Gegend verlassen und ein Gut weit im Süden des Landes bezogen. Bärholm richtete ein langes Schreiben an ihn, das durch seine gewundenen und verhüllenden Wendungen – wie konnte er anders – einen sehr unbefriedigenden Eindruck gemacht haben mußte. Der Graf hatte sich nicht herabgelassen zu antworten. Und Christiane? Dachte sie anders als die Menschen, unter denen sie lebte?

Er empfand den unwiderstehlichen Drang, darüber Licht und Klarheit zu erhalten, er sagte sich, daß er nicht werde leben können, ohne daß zwischen ihm und ihr Wahrheit sei, ohne daß sie ihm verziehen habe eine Schuld, für die er von Gott keine Verzeihung verlangte und erflehte, da er sie trotz allem, was sein Verstand ihm darüber sagte, innerlich als eine Schuld nicht empfinden konnte. Er ließ sich von seinem Pfarrer Urlaub geben, um, wie er sagte, auf einer einsamen kleinen Fußreise sich von all den Gemütserschütterungen, die er durchlebt, zu erholen. Als er ihn erhalten, wanderte er dem Süden zu. Und am Abend des zweiten Reisetages kam er in dem Weiler an, von welchem das Gut, welches Graf Rodenburg jetzt bewohnte, etwa zehn Minuten weit entfernt lag.

Er kannte die Lebensgewohnheiten Christianens, die Zeit, da sie, mit ihrem Unterricht in den Vormittagsstunden zu Ende, ihre Pfleglinge zur Gräfin hinübersandte und dann sich, wenn das Wetter günstig war, durch einen Spaziergang zu erfrischen pflegte. So begab er sich am andern Tage zeitig zur Stelle, und von der Ferne aus den Eingang des Edelhofes ins Auge fassend und bewachend, sah er sie nach längerem Harren erscheinen und die Portaltreppe niederschreiten. Er folgte ihr unbeobachtet auf versteckt liegenden Parkwegen; und dann rasch eine Querallee durchschreitend, fand er sich nach kurzer Zeit am Ende eines dichten, aus jungen Fichten gebildeten Ganges, der ihn durch seine üppig aufgetriebenen, dunklen Seitenwände jedem Menschenauge verdeckt hielt. Es war Christianens Lieblingsspaziergang geworden, weil sie hier Schutz vor jedem Luftzug hatte.

Christiane näherte sich ihm, ohne ihn zu erkennen; erst als er selbst ihr entgegengeschritten kam, blieb sie plötzlich stehen und stieß einen halbleisen Ruf des Schreckens aus.

»O mein Gott, Sie – Sie, den ich nie wiederzusehen gehofft!« sagte sie, ihre beiden Hände auf das schmerzlich aufklopfende Herz legend.

»Gehofft, nie wiederzusehen – das ist ein hartes Wort, Christiane!« stammelte er.

»Wissen Sie, ob ich dabei nicht auch hart gegen mich bin?« versetzte sie nach einer kurzen Pause, in welcher sie nach Luft gerungen und einen Blick in sein bleiches Gesicht geworfen. »Aber hart oder nicht hart«, fügte sie dann hinzu, »ich will und darf Sie nicht mehr sehen, nie, nie wieder, Bärholm, Sie sollen gehen und mir die Gewißheit geben, daß niemand, der Sie kennt, Sie in dieser Gegend erblickt ...«

»Ich werde gehen«, antwortete er, »sicherlich werde ich gehen, auch ohne Ihr Gebot, Christiane. Aber ich werde nicht gehen ohne das Bewußtsein, daß innerlich Frieden zwischen uns ist, daß nichts den Seelenbund zerreißen kann, den wir geschlossen haben ...«

»Seelenbund«, fiel sie fast heftig ein, »ist es denn nicht Frevel und Sünde, auch nur davon zu reden? Dürfen Sie, darf ich ...«

»Oh«, sagte er, sie unterbrechend, »so haben Sie nicht immer gesprochen, und ich sehe jetzt, wie recht ich hatte zu kommen, um Ihnen alles, die ganze Wahrheit zu sagen. Denn dazu komme ich, Christiane, Ihnen die Wahrheit zu bekennen, von einem übermächtigen Bedürfnis, Ihnen zu beichten und mein Herz offenzulegen, zu Ihren Füßen gezogen.«

»Als ob«, entgegnete sie mit einem schmerzlichen Aufatmen und Ringen nach Luft, »als ob es dessen bedürfte, als ob ich die Wahrheit nicht ahnte, wüßte ...«

»Also auch Sie haben ein anderes Verdikt für mich als das Gericht? Wohl, wohl, die Welt hat es – weshalb sollten Sie es nicht haben? Und Sie haben ja recht. Und die Welt hat recht. Ich bin schuldig, schuldig, einen Menschen haben ermorden zu wollen, und der noch gemeineren Tat, des Versuchs, ihn um sein Geld zu berauben!«

»Also wirklich, wirklich!« sagte Christiane mit bleichen, zitternden Lippen und mit dem Ausdruck furchtbaren Erschreckens, ihre großen Augen auf ihn heftend.

»Also«, fiel er ein, »welche Gemeinschaft kann noch zwischen uns sein? wollen Sie sagen. Und doch versichere ich Sie, Christiane, trotz meiner Verbrechen fühle ich mich nicht unwürdiger, nicht gedemütigter, nicht schlechter vor Ihnen, als ich je vorher mich fühlte. Sie müssen nur auf mich hören, nur wissen, wie alles gekommen und zugegangen. In rasendem Zorn habe ich eine Tat des Zornes begangen. Mein Zorn aber war gerecht und wohl begründet. Ich wußte, daß jener Mann, den ich niederschlug, ein Räuber war; und den Raub wollte ich ihm entreißen. Glauben Sie etwa für mich? Nein, das haben Sie nicht von mir glauben können!«

»Glauben? Nicht glauben? Weiß ich es denn?« antwortete sie kaum hörbar.

»Das einzige, was mich schwer bedrückt«, fuhr er fort, »das einzige, was wie ein furchtbares Unglück auf mir lastete, war, daß ich meinen Richtern vor der ganzen Welt nicht die Wahrheit bekennen durfte, daß ich mit groben Unwahrheiten mich herauswinden, daß ich lügen mußte. Aber ich mußte ja! Ich stand unter dem Drucke einer Gewalt, gegen die ich nicht ankämpfen konnte. Es war nun einmal mein Schicksal: Ich mußte mich innerlich durch eine Lüge entehren, um nicht – die Kirche zu entehren. Ich mußte mich selbst zu opfern verstehen. Und das vornehmlich ist es, was mich so übermächtig zu Ihnen treibt, Christiane – vor Ihnen muß ich aussprechen, daß ich der Mann war, ich und niemand anders, der in jener Unglücksnacht auf der Heerstraße Elshorn niederschlug, daß ich es war, der ihm gierig seinen Schatz zu rauben suchte, und von Ihnen muß ich hören, daß Ihr Herz weit und groß genug ist, um zu begreifen, daß ein Mann in flammender Leidenschaft so handeln kann, ohne darum ein Nichtswürdiger zu werden, und daß Sie ihm verzeihen können ...«

»Mein Gott, ich will ja das alles glauben und will ja Ihnen verzeihen, wenn Sie mich auch sehr, sehr unglücklich durch Ihre Tat gemacht haben. Aber ich will sie Ihnen ja verzeihen, ich will Gott bitten, daß er sie Ihnen verzeiht ...«

»Und wollen Sie noch einmal, zum letztenmal für das Leben vielleicht, Ihre Hand zum Zeichen der Verzeihung in diese – Mörderhand legen?«

»Auch das will ich«, versetzte Christiane unter dem Einfluß seiner Persönlichkeit, von dem Feuer seiner Worte schon ganz erweicht, »auch das will ich von ganzem Herzen gern, aber dann auch ...«

»Dann auch soll ich gehen, um nie wiederzukehren?« fiel er ihr feurig, ihre sich ihm entgegenstreckende Hand ergreifend, ein. »Mein Gott, ich will es ja! Nur das eine, was mich rechtfertigt, das, wodurch die Flamme der Leidenschaft entzündet worden, in der ich so blindlings handelte. Nicht einen Schatz für mich zu gewinnen war mein Verlangen. Nein, sicherlich nicht! Ich wußte – durch die Beichte wußte ich, daß Elshorn, dessen Mündel Sie waren, Sie um die Summe, welche er bei sich trug, just um dieselbe Summe, betrogen hatte – das war's! Ihnen wollte ich verschaffen, was Ihnen gehörte, Ihnen das, was Sie bedurften, um Ihre volle Gesundheit wiederzuerlangen ...«

Christiane sah ihn mit großen, aufstarrenden Augen an. Sie war noch bleicher geworden, als sie gewesen. Stumm sah sie ihn an – regungslos geworden wie eine Bildsäule.

Und dann fiel es leise, mühsam von ihren Lippen: »Meinetwillen! Um meinetwillen alles? Großer Gott, weshalb haben Sie mir das gesagt? Weshalb nur das? Das ist ja fürchterlich!«

Sie ließ den Kopf sinken, und in Tränen ausbrechend, bedeckte sie mit beiden Händen ihr Gesicht.

»Fürchterlich, wenn Sie sehen, wie Sie der einzige Mittelpunkt meines Denkens wie meines Handelns sind?«

»Und Sie fühlen nicht, wie dies mein ganzes Leben vergiften muß? Wie ich mich herabgezogen fühlen muß in Ihre Schreckenstat, zur Mitschuldigen eines Verbrechens ...«

»Das Sie mir also nun doch nicht vergeben haben!« unterbrach Bärholm sie mit tiefschmerzlichem Ton.

»Vergeben, nicht vergeben – ich weiß es ja selbst nicht, nur das eine, daß ich jetzt für immer grenzenlos unglücklich bin. O lassen Sie mich, lassen Sie mich!« rief sie fast heftig aus, als er ihre wankende Gestalt, wie um sie zu stützen, umfangen wollte. »Lassen Sie mich gehen, Sie sollen mich gehen lassen, ich will nichts hören mehr von all dem Schrecklichen – wenn Sie mich nicht lassen, wenn Sie mich begleiten, rufe ich laut um Hilfe!«

Und ganz außer sich, wandte sie sich und wankte davon, um, immer rascher eilend, bald ganz seinen Augen zu entschwinden.

Bärholm stand wie von Schrecken an den Boden geheftet. Er begriff sie nicht. Er faßte diese plötzliche Verzweiflung einer Seele nicht, deren moralische Kraft zu Ende war, als sie sich mit dem eigenen Selbst in eine dunkle Tat verstrickt sah, die sie bisher doch immer als die eines anderen in eine gewisse Ferne gerückt erblickt hatte, jenseits einer Kluft, die doch immer Kluft geblieben – trotz all ihres Mitleidens, trotz aller Fäden, die zu ihm hin sich hinüberspannen.

Und das war das Ende seiner Beziehungen zu dem jungen Mädchen, das sein Schicksal ihm auf den Lebenspfad geführt. Er ist von dannen gegangen und hat ihr nie wieder ein Lebenszeichen abgewinnen können. Nichts, als was er durch das Gerücht vernommen hat, ist ihm von ihr kundgeworden, daß sie noch immer kränkle und leide; und dann, nach etwa zwei Jahren, hatte er, eines Tages bei seinem Pfarrer eintretend, auf dessen Tisch einen schwarzgeränderten Brief liegen sehen, den er aufgenommen, um, vor Schrecken erstarrend, darin Christiane Elshorns Todesnachricht zu lesen. Graf Rodenburg hatte sie an den Pfarrer adressiert – ihm war keine gesandt worden.

Und das hatte ihm den letzten Stoß gegeben. Auch der Gedanke, wie groß sein eigenes Verschulden an diesem traurigen Ende gewesen. Sie hatte ihn doch geliebt, nur ihn; und in ihm hatte sie nicht nur einen Verbrecher erblicken müssen, einen Unwürdigen, einen ruchlosen Menschen, nein, sie war selbst in die Sphäre des Verbrechens durch ihn herabgezogen worden – so wenigstens hatte sie empfunden und mit sich herumgetragen. War es nicht genug für ein so edles, reines, kindliches Mädchenherz, um daran zugrunde zu gehen? Daran allein schon?

In der Tat, er hatte den letzten Stoß dadurch empfangen, unter dem von diesem Augenblicke an seine starke Natur zusammenbrach. Er ward krank, verschmähte jede ärztliche Hilfe, schleppte sich auf langen, einsamen Wanderungen umher und fühlte täglich mehr seine Kräfte schwinden. Als es dahin gekommen, daß er seine Dienstobliegenheiten nicht mehr erfüllen konnte, hatte die Frau, die ursprünglich durch ihre Bekenntnisse ihn in all sein Elend versenkt, sich ihm wieder genähert. Sie war Witwe geworden unterdessen, die Frau Försterin Mertens; sie hatte ihm zugeredet, zu ihr zu ziehen und sich von ihr pflegen zu lassen, und er, der jetzt ein schwacher, sich willenlos und hilflos fühlender Mann war, hatte sich in ihre Vorschläge ergeben und war ihr Mietsmann geworden. Gepflegt hatte sie ihn dann eifrig genug, mit großer und aufopferungsvoller Beflissenheit; aber dennoch war es mit ihm bergab gegangen, bis zu dem Tage, wo ich ihn wiedersah.

Das war die Geschichte, die seine Aufzeichnungen mir enthüllten.

Als ich am anderen Tage ging, ihm sein Manuskript, dieses erschütternde Gemälde eines Menschenlebens, das zermalmt worden unter der Wucht eines Vermächtnisses dunkler Jahrhunderte, bei dem ebenfalls das Wort gelten konnte: »Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage«, zurückzubringen, empfing die Frau Mertens mich im Hausflur und führte mich in ein kleines Empfangszimmer, das der Wohnung Bärholms gegenüberlag. Sie sah bleich und sorgenvoll aus und blickte, in offenbarer Aufregung wie am gestrigen Tage, wieder auf das Manuskript in meiner Hand.

»Was mögen Sie nur alles in seinen Aufzeichnungen gefunden haben«, sagte sie, »gewiß – er ist so wunderlich oft und so unzuverlässig in seinem Gedächtnisse –, gewiß recht wirres Zeug und krankhaft aufgefaßte Dinge, so daß Sie sich von den Leuten und den Geschehnissen hier nun eine recht falsche Vorstellung machen müssen ...«

Dabei sah sie mich wie unsicher forschend an. Die Frau, sagte ich mir, mußte etwas auf dem Gewissen haben, was sie durch Bärholms Manuskript verraten fürchtete. Vielleicht bereute sie noch immer, daß sie damals vor Jahren nicht Bärholm den Willen getan und ihren Mann bestimmt, dem Vormund Christianens sein Unrecht vorzustellen und ihn zu bedrohen, wenn er es nicht wiedergutmache. Vielleicht auch, daß sie nicht den moralischen Mut gehabt, selbst vor aller Welt auszusprechen, was sie wußte, und den Menschen, den Elshorn, so zu zwingen, seinen Raub herauszugeben. Aber es war nicht das. – Ich antwortete: »Es ist klar und verständlich genug, was er schreibt!«

Darauf schüttelte sie den Kopf, verschränkte, zu Boden blickend, die Hände im Schoße und sagte in einem halblauten, klagenden Ton: »Nun freilich, er ist ja immer noch ein so heller, gedankenreicher Kopf. Er hat nur immer die Menschen für zu gut gehalten, und sein eigentliches Unglück war: Er wußte nicht, daß auch in der Beichte gelogen wird!«

»Gelogen?« rief ich erstaunt aus. »Wie? Wozu?«

»Wozu?« Sie zuckte die Schultern; nach einer kleinen Pause antwortete sie: »Mein Gott, wozu nicht alles! Ein unbestimmtes Gerücht wird als Tatsache ausgegeben, ein ganz persönlicher Argwohn mit einer Bestimmtheit, als handle es sich um etwas Geschehenes, vorgebracht; es ist ja so leicht, sich mit seinen Gewissensnöten dann darein verflochten zu zeigen, so daß der Priester darauf eingehen muß ...«

»Aber, ich frage noch einmal, wozu das nur?« unterbrach ich sie.

»Nun einfach, um dem Beichtiger ein Urteil über die Sache abzugewinnen, seine Meinung zu hören – am Ende auch nur sein Interesse zu erwecken, ihm Neues zuzutragen, ihm wichtig und interessant zu werden, den Eindruck zu beobachten, den das Mitgeteilte macht. Wir sind alle schwache Menschenkinder, und wenn man jung ist ...«

Ich starrte der Frau wahrhaft entsetzt ins Gesicht.

»Darum«, fuhr sie, noch leiser flüsternd, fort, »wenn davon in den Schreibereien, welche er Ihnen gegeben hat und die er mir nicht zeigen will, die Rede ist, so denken Sie darum nicht schlechter von ... von ...«

Von wem ich nicht schlechter denken sollte, kam nicht über ihre Lippen; sie fuhr statt dessen mit ihrem Tuch nach ihren Augen und wischte ein paar Tränen, welche da hervorquollen, fort.

Ich konnte nicht anders als dieser Sünderin furchtbar erschrocken in das gelbliche Antlitz zu starren, dessen Fibern in ein leises Zucken geraten waren.

Aufspringend sagte ich endlich: »Gottlob, es steht nichts davon in der Aufzeichnung Bärholms! Und deshalb, wenn Sie je in seiner Gegenwart ein solches Geständnis sich über die Lippen schlüpfen ließen – o mein Gott, es würde ihn töten, Sie würden seine Mörderin sein!«

»Das weiß ich«, versetzte sie flüsternd, »aber ich werde es nicht!«

Als ich dann zu ihm hinüberging, hatte ich Mühe, die Fassung zu gewinnen, um ihm mit völlig ruhigen Zügen entgegenzutreten.

»Ich danke Ihnen«, sagte ich, ihm die Hand reichend, »für Ihr unbegrenztes Vertrauen! Ich habe nie etwas mit größerer Seelenteilnahme gelesen als Ihre Blätter. Und nun würde ich sagen: Tout comprendre, c'est tout pardonner, wenn ich etwas zu verzeihen hätte, wenn überhaupt irgend jemand in der Welt Ihnen etwas zu verzeihen hätte, nachdem Sie mehr als zehnfach eine Tat gebüßt, über deren moralische Abschätzung und Schuldgewicht sich ja gar manches sagen läßt.«

Er nickte melancholisch lächelnd mit dem Kopfe.

»Gebüßt«, sagte er mit einem schweren Seufzer, »ja, das hab' ich!«

»Und Ihre volle Legitimation zu Ihrer theoretischen Arbeit, deren Studium mir noch bevorsteht, ist sicherlich durch diese Blätter hier vollauf nachgewiesen. Aber haben Sie eins bedacht?«

»Was wäre das?«

»Daß Sie selbst für das Institut, dessen Verderblichkeit Ihre gelehrte Arbeit beweisen soll, ein schwerwiegendes Zeugnis ablegen, indem Sie diese Blätter schrieben, diese Blätter in meine Hände legten? Was sind sie anders als eine von Ihnen freiwillig abgelegte, von einem tiefen Seelenbedürfnis des Bekennens abgezwungene – Beichte?«

Er sah mich betroffen an.

»In der Tat, der Mensch ist ein widerspruchsvolles Geschöpf«, sagte er. »Aber jenes tiefe Seelenbedürfnis des Bereuens, Bekennens, Büßens und der Selbstanklage – sollte es am Ende etwas anderes sein als der uns eingeborene, unausrottbare Drang nach Wahrheit, der einmal wenigstens sich Luft machen will und muß? Gegen einen Menschen wenigstens?«

»Wohl möglich«, versetzte ich, »wir dürfen es ja so auffassen!«

Ich habe von diesem Tage an Bärholm fast täglich besucht und viel noch über seine gelehrte Arbeit mit ihm debattiert, die ich ihm doch nicht raten konnte zu veröffentlichen. Ich fand sie nicht beredt, nicht rückhaltlos scharf, nicht schwerwiegend genug, um auf eine so viel erörterte polemische Frage einen nachhaltigen Einfluß auszuüben – fand sie aber hinreichend ketzerisch, um Wirkungen hervorzurufen, welche dem Verfasser seine letzten Tage bitter vergällen müßten. Obwohl er diese Wirkungen nicht zu scheuen behauptete, ergab er sich doch darein und unterließ die mißliche Verlegersuche.

Als der Winter zu Ende war, entführten mich die Lenzmonate dem Dorfe und meinem heimischen Herd. Erst im Spätherbst kehrte ich zurück und fand Bärholm nicht mehr. Der arme Dorfkaplan war seinen Leiden erlegen. War er Verbrecher oder Märtyrer? Bei wie vielen gequälter, durch eine Schuld untergegangener Menschenexistenzen kann man nicht dieselbe Frage aussprechen!

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