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Märtyrer oder Verbrecher?

Levin Schücking: Märtyrer oder Verbrecher? - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorLevin Schücking
booktitleAmtsbericht des Pfarrers zu Eichengrün
titleMärtyrer oder Verbrecher?
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai und Hans Joachim Kruse
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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5

Jahre vergingen; ich hatte für den größeren Teil des Jahres wiederholt mein einsames Dorf verlassen und war stets nur für Sommermonate dahin zurückgekehrt. Die Winter hatte ich in größeren Städten verlebt, und in einer derselben war ich auf die Familie von Rodenburg gestoßen, die ebenfalls für die rauhe Jahreszeit ihren Aufenthalt darin genommen. Als ich mit dem Grafen zum zweiten Mal in einer Gesellschaft zusammengetroffen und mit ihm in ein Gespräch geraten, brachte ich dies geflissentlich auf unsere gemeinschaftliche Heimat, in der Erwartung, er werde mich nach meinem Nachbar, nach dem Dorfkaplan, fragen und sich über ihn äußern. Da er es nicht tat, erwähnte ich selbst den Namen Bärholm als den seines früheren Hausgenossen und meines jetzigen Bekannten. Der Graf zog seine dicken blonden Brauen zusammen und warf wie unwillig seinen Kopf in den Nacken.

»Er ist mein Hausgenosse gewesen«, sagte er, »leider – leider!«

»Sie waren mit seinen Leistungen unzufrieden?«

»Oh, durchaus nicht. Im Gegenteil. Niemand wird ihm glänzende Geistesgaben und Tüchtigkeit abstreiten.«

»Aber Sie teilen den Verdacht, der auf ihm ruht, obwohl ...«

»Verdacht? Von Verdacht kann da wohl nicht mehr die Rede sein. Doch denke ich nicht just an das, worauf Sie hindeuten, sondern an Verhältnisse, die er in meinem Hause anknüpfte und die um so schuldvoller waren, als doch wohl nur darüber ein sehr liebenswürdiges Geschöpf, eine kindlich reine Natur zugrunde ging.«

»Ach, das ist mir völlig neu!« rief ich aus.

»Möglich, aber dennoch ist es ›eine alte Geschichte‹«, versetzte Graf Rodenburg, »welche man gern auf sich beruhen läßt.«

»Gewiß, nur gestatten Sie mir noch eine Frage: Setzen Sie einen inneren Zusammenhang voraus zwischen dem Verhältnis, dessen Sie erwähnten, und der Tat, auf welche ich eben hindeutete?«

»O ganz sicherlich!« entgegnete der Graf lakonisch, und wie unwillig, länger bei dem Gegenstande zu verweilen, sprach er von anderen Dingen.

Mir aber war plötzlich ein Licht aufgesteckt. Voilà la femme! konnte ich mir sagen. »Der alte Kadi hatte einmal wieder recht. Der alte Kadi!« rief ich auch aus, ohne auf des Grafen Versuch einzugehen, von einem anderen Gegenstande zu reden.

»Was wollen Sie mit dem alten Kadi sagen?«

»Nun, Sie kennen doch die Behauptung des alten Türken, daß hinter allem argen Handeln ...«

»Ach ja, und Sie haben recht, es trifft auch hier zu. Wäre die Gouvernante meiner Töchter nicht gewesen, die der junge Priester umgarnt hatte, so würde er wohl nicht einen Raubmordversuch gemacht haben, um sich die Mittel zu verschaffen, mit ihr weiß Gott wohin durchzugehen.«

»Das ist des Pudels Kern also?« rief ich aus.

»Gewiß ist es das«, sagte Graf Rodenburg, achselzuckend und sich dem Büfett zuwendend. Er war auf das Thema nicht weiter zu bringen.

»Das ist des Pudels Kern«, wiederholte ich mir, als ich daheim war, »das des Rätsels Lösung.« Eine Lösung von handgreiflichster, glattester Natur, bei der von romantischem Interesse, von psychologischen Problemen nicht mehr die Rede sein konnte! Das einfache, ganz gemeine Verbrechen! Der junge Pfaff hatte ein argloses Mädchenherz an sich gerissen, und um ganz sein Gelübde brechen und mit ihr durchgehen zu können, war es ihm nicht darauf angekommen, einen einsam Wandelnden, der sich ihm vertrauensvoll angeschlossen, niederzuschlagen und ihm sein Geld abzunehmen. Es lag so klar auf der Hand, und zugleich war es so einfach schlecht, von so gemeiner Schlechtigkeit, daß es unmöglich machte, länger noch mit den Gedanken dabei zu verweilen. Ich wünschte den ganzen Menschen, den ganzen Handel, der mich so viel beschäftigt hatte, zum Henker und legte mich schlafen. Aber weshalb mußte ich in der Nacht fast fortwährend von dem unseligen Kaplan Bärholm träumen? Er stand so gebeugt, so abgemagert vor mir und sah mich mit weitgeöffneten, glühenden Augen an; er schüttelte traurig seinen wunderbar vergeistigten Kopf, der wie das Haupt eines Märtyrers aussah, und dann brach er plötzlich in ein häßliches Lachen aus und sagte: »Ihr seid alle unseres Herrgotts Unglückskreaturen, arme Tiere in seinem Vivisektionsstall«, und gleich darauf war dies Haupt wieder totenbleich, blutig und lag abgehauen in einer Schüssel, die ein nebelhaft gestaltetes Weib als Herodias trug.

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