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Märtyrer oder Verbrecher?

Levin Schücking: Märtyrer oder Verbrecher? - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorLevin Schücking
booktitleAmtsbericht des Pfarrers zu Eichengrün
titleMärtyrer oder Verbrecher?
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai und Hans Joachim Kruse
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4

Der Zufall war nicht so gefällig. Ich fuhr fort, mit dem Kaplan zu verkehren, ohne ihm doch näherzutreten, ihm, was man nennt, befreundet zu werden. Hätte mich nicht der Verdacht gegen ihn in einer gewissen scheuen Entfernung gehalten, so würde es sein Wesen getan haben, das mit seiner Mischung von Bescheidenheit und Selbstgefühl eine gewisse Steifheit der Verkehrsformen beibehielt. Aber aus seinen Anschauungen, seinen Gesinnungen machte er mir gegenüber kein Hehl. Es schien ihm offenbar wohlzutun, sich gegen jemand, der seine Überzeugungen verstand und respektierte, aussprechen zu können. Aber über persönliche Verhältnisse, seine Lebensbeziehungen, seine früheren Erlebnisse erfuhr ich nie etwas. Einmal, als ich das Gespräch auf die Familie des Grafen Rodenburg, in welcher er gelebt hatte, brachte, lobte er in sehr allgemeinen Ausdrücken den Grafen als einen Mann, der geistig seine Standesgenossen weit überrage, und sagte, daß er nicht ohne das Gefühl lebhafter Dankbarkeit an die Jahre, welche er im Kreise dieser Familie hatte zubringen dürfen, zurückdenke. Damit glitt er über das Thema fort und sprach von anderem.

Im Laufe der Tage jedoch nahm ich wahr, daß seine Gesundheit angegriffen war. Er war auch darüber verschlossen und klagte nie; aber er gestand ein Kehlkopfleiden ein, hustete, und es trat eine allmähliche leise Verfeinerung seiner Züge ein, die nichts Gutes andeutete. Die Mahnung, einen Arzt zu Rate zu ziehen, lehnte er kopfschüttelnd ab; und seltsam war es, daß er eine eigentümliche Betroffenheit zeigte, ja erschreckt worden zu sein schien, als ich ihm eines Tages sagte: »Sie müssen etwas für sich tun, Sie müssen. Irgendeine Badekur würde Ihnen helfen. Ems. Ich bin überzeugt, daß Ems Ihnen außerordentlich wohltun würde.«

»Welcher Gedanke!« rief er aus, einen erschrockenen Blick auf mich werfend und dann seitwärts zum Fenster hinausschauend.

»Ich meine, der Gedanke liegt nahe genug.«

»Mir sehr, sehr fern!«

»Weshalb? Wenn' Sie die Kosten einer solchen Kur scheuen ...«

Er winkte heftig mit der Hand der Fortsetzung meiner Worte ab.

»Ich bitte Sie – nur nicht davon. Unsereins gehört nicht in solch eine Badewelt, und – kurz, ich würde unter keinen Umständen hingehen.«

Er sprach das mit solcher Entschiedenheit und solchem Nachdruck aus, daß ich nicht darauf zurückkommen konnte. Ich hätte eine gereizte Antwort fürchten müssen. Unterdes verrann die Zeit; als der Herbst kam, war sein Übel offenbar schlimmer geworden, und als ich einst mit dem Pfarrer darüber sprach, sagte dieser, er verschlimmere es, weil er halbe Nächte über angestrengten Arbeiten sitze, die ihm unmöglich wohltun könnten.

»Über angestrengten Arbeiten?« fragte ich. »Und woran arbeitet er?«

»An einer Monographie über das Sakrament der Beichte, über die Entstehung und Geschichte des Instituts und über seine Wirkungen.«

»Das mag ein ergiebiges Thema sein!« rief ich aus. »Wenn er es erschöpfend behandeln will ....«

»Wozu ihm hier doch die Literatur fehlt«, fiel der Pfarrer mit einem mißbilligenden Seufzer ein.

»So strömen ihm vielleicht desto reicher die Gedanken darüber zu.«

»Gedanken, die wohl besser verschwiegen blieben. Er wird ohnehin, fürcht' ich, sein Werk nie das Licht der Welt erblicken lassen dürfen.«

»Möglich«, sagte ich lächelnd, »möglich, daß es für ihn bitterere Folgen hätte als sein ...«

»Nun ja, nun ja ...«, schnitt mir der Pfarrer hastig und mit raschem Verständnis das Wort ab, das ich ohnehin nicht ausgesprochen hätte.

In den Worten des Pfarrers lag keinerlei Art von Enthüllung, aber sie ließen eine Vermutung in mir aufsteigen. Wenn der junge Priester sich so intensiv mit einer Frage beschäftigte, von der ihn so schwerwiegende Gründe und Rücksichten zurückschrecken mußten, war es dann nicht wahrscheinlich, daß auf irgendeine Weise zwischen dieser Frage und seinen Lebensschicksalen ein Zusammenhang stattfand? Welcher, das wußte freilich der liebe Gott! Darüber je Aufschluß zu erhalten war bei der absoluten, unerschütterlichen Verschwiegenheit, welche Dinge der Art, gleich als seien sie in einen tiefsten Abgrund versenkt, umhüllt, nicht zu denken. Doch kam nur die Idee am Ausgang des Winters noch einmal in mir auf, als ich hörte, Herr Elshorn, der gottesfürchtige Mann, habe sich unerwarteterweise zum Wohltäter eines Klosters, das in der Hauptstadt gebaut werde, aufgeschwungen. Er habe ihm für den Fall seines Todes ein Kapital von siebenhundert Talern geschenkt.

Siebenhundert Taler. War es nicht just die Summe, die ihm Kaplan Bärholm hatte rauben wollen?

Es war eine Frage, auf die es weiter keine Antwort gab als die, welche in der Möglichkeit, sie stellen zu können, zu finden ist.

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