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Märtyrer oder Verbrecher?

Levin Schücking: Märtyrer oder Verbrecher? - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorLevin Schücking
booktitleAmtsbericht des Pfarrers zu Eichengrün
titleMärtyrer oder Verbrecher?
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai und Hans Joachim Kruse
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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3

Mehr als eine Stunde später saß der Mann der Heilkunde, bereit, mir seine Unheilkunde zu geben, unter der weitschattigen Linde in meinem Garten, mir gegenüber. Wir hatten eine Flasche ehrlichen, reinen Julius-Spital-Weines zwischen uns – der allgemeine und wirksamste Tröster jeglichen Menschenleides ist im Laufe des schwindelhaften Jahrhunderts ein so unsicherer Geselle und arglistig gemischter Charakter geworden, daß man seiner Aufrichtigkeit und Harmlosigkeit erst sicher, wenn man ihn als Spitalgreis ermittelt. Dazu gurrten die Tauben auf dem nahen Dach, die Bienen summten in den Lindenblüten, und einzelne Sonnenstrahlen glitten durch das Laubdach bis in unsere Kelchgläser hinein, um goldene Lichter darin zu entzünden; es war wohl nicht der rechte Ort und die richtige Stunde, um da eine dubiöse Mordgeschichte anders als mit einem absoluten Drange zu mildchristlicher Skepsis aufzunehmen.

»Sie müssen wissen«, begann der Doktor, »Sie müssen wissen, daß unser Kaplan Bärholm früher Hofmeister beim Grafen Rodenburg war, der mit seiner ziemlich köpfereichen Familie damals auf Kophorst wohnte, etwa anderthalb Stunden von hier, jenseits des großen Moores, das hinter Ihrer Dorfmarkung beginnt und sich bis an die Fichtenwaldungen hinzieht, die schon zu Kophorst gehören. Der Graf besitzt weniger ausgedehnte, aber schöner gelegene Güter im Süden unseres Landes, wissen Sie, und hat längst eines derselben, das schön im Rheintal liegt, zu seinem bleibenden Wohnsitz einrichten lassen – auf Kophorst erscheint er jetzt nur noch selten. Damals aber wohnte er dort beständig, und dort sind seine beiden ältesten Söhne herangewachsen, welche Bärholm erzogen hat. Und zwar mit dem zufriedenstellendsten Erfolge – die gräfliche Familie soll an dem Erzieher sehr gehangen und ihn mit allen möglichen Rücksichten behandelt haben; als er seine Aufgabe beendet und die beiden jungen Herren, um beim Militär einzutreten, das Vaterhaus verlassen, soll auch Graf Rodenburg es bewirkt haben, daß Bärholm just hier als Hilfsgeistlicher angestellt worden – er habe den ihm liebgewordenen Mann in seiner Nachbarschaft zu halten gewünscht.

So hat denn unser Kaplan, auch nachdem er die Gemächer des alten Grafenschlosses mit den engeren, aber gemütlicheren Giebelzimmern Ihres Pfarrhauses vertauscht, noch fortwährend mit der Familie in Verbindung gestanden und ist an manchem Sonntagnachmittag, nach der Katechese, nach Kophorst hinausgewandert, um dort Schutz gegen die tödliche Langeweile eines solchen Sonntagnachmittags auf dem Lande zu finden. Er hat auch nicht unterlassen, sich der Familie noch fortwährend mit allerlei kleinen Diensterweisungen nützlich zu machen; er hat die für den Hausgebrauch nötigen Verse und Gedichte zu den kleinen Festlichkeiten besorgt, dem Grafen alte lateinische Urkunden abgeschrieben und der Frau Gräfin zu ihrem Namenstag wunderbar geschmackvoll geordnete Feldblumensträuße überreicht.

Eines Tages nun« – der Doktor unterbrach sich, um sein Glas zu leeren, und sagte dann: »Kennen Sie den Auktionskommissar Elshorn, der Ihre Gegend hier unsicher macht?«

»Sicherlich«, versetzte ich, »er hat mich ein paarmal ziemlich zudringlich mit Dienstanerbietungen belästigt; mir war der Mensch mit den zwei weit auseinanderliegenden Augen, die seinem großen Kopfe mit dem dicken blonden Schädel etwas Eulenartiges geben, widerwärtig, unheimlich.«

»Nun gut«, fuhr der Doktor fort, »so wissen Sie auch wohl – sein Ruhm vor unserem Herrgott mag ja groß und ganz schneeweiß sein, denn er ist ein fleißiger Kirchgänger –, daß sein Ruf bei den Leuten jedoch in allerlei bedenklichen Farben schillert – der Leumund hat so seine Spektralanalyse, die mit achtbarer Sicherheit fungiert, und diese in unserem Falle weist allerlei unschöne Striche im inneren Kern des Herrn Elshorn auf. Doch lebt er in guter Harmonie mit der Justiz und anderen konstituierten Gewalten, hat einige Schulen besucht und weiß zu reden wie ein Buch – für die unteren Klassen des Gymnasiums.«

»Nun also, dieser Herr Elshorn ...«, unterbrach ich ihn.

»Dieser Herr Elshorn befindet sich«, fuhr der Doktor fort, »an einem schönen Sonntagnachmittage in dem großen, zu Kophorst gehörenden Dorfe. Er hat da Geschäfte abzuwickeln, er hat Gelder einzuziehen, er hat mit dem Mühlenpächter, mit dem er Getreidegeschäfte macht, abzurechnen. Erst am späten Abend – es ist im Herbste und die Nacht bei verhülltem, mondtrübem Himmel dunkel eingebrochen – bricht er auf, um, den Weg über Ihr Dorf hier nehmend, weiter nach seiner Hofbesitzung heimzugehen. Er geht allein der Chaussee durch die Tannenwaldungen von Kophorst nach. Als er auf die offene Fläche, wo die Chaussee sich zu dem Moore niedersenkt, hinauskommt, sieht er, daß er beinahe eine Männergestalt eingeholt hat, welche vor ihm desselben Weges wandert, und bald auch nimmt er wahr, daß die hohe, vor ihm wandelnde Gestalt unser Kaplan sein muß, nach Figur und Gang, soviel ihn das wolkenbedeckte Mondlicht erkennen läßt. Beruhigt beeilt er seinen Schritt, und dem vor ihm Wandelnden zur Seite gekommen, sieht er, daß er sich nicht getäuscht hat.

›Bin froh, daß Sie es sind, Herr Kaplan‹ sagte er nach der ersten Begrüßung, ›man geht doch immer sicherer, wenn man so in guter Gesellschaft ist, bei der Nacht!‹

›Weshalb?‹ versetzte Bärholm mit einem Ton, als ob die sich ihm aufdrängende Gesellschaft nicht just das wäre, was er wünsche. ›Man geht bei der Nacht so sicher wie bei Tage in unserer rechtschaffenen Gegend.‹

›Nun ja, dem ist auch wohl so‹, versetzte Herr Elshorn, ›und jeder, der mit einer leeren Tasche wandert, geht durch dies ganze einsame Moor, ohne auch nur einen argen Gedanken zu fassen. Wenn man aber, wie ich eben, sich mit einer schweren Geldkatze zu schleppen hat, so sorgt man sich ganz von selber, auch ohne einen Grund zu haben – in den dunklen Tannenschonungen hinter uns ist es mir mehr als einmal ängstlich zumute geworden.‹

›Das habt Ihr dafür‹, versetzte der Kaplan lächelnd, ›daß Ihr Euch mit dem ungerechten Mammon schleppt.‹

›Oh, ungerecht ist er nicht‹, fiel Elshorn ein, ›habe lange genug den Müller in Kophorst drücken müssen, bis ich erhielt, was mir zukam; noch heute setzte er mir scharf und tückisch mit seinem alten Kornbranntwein, seinem Steinhäger, zu, um mich weichzumachen – sind alle Schelme, diese Müller, das weiß man ja –, aber ich habe nicht losgelassen, und siebenhundert Taler habe ich richtig herausgedrückt.‹

›Siebenhundert Taler? Ist viel Geld!‹

›Ein artiges Sümmchen ...‹

›Und was beginnt Ihr nun damit?‹

›Muß schon sehen, es unterzubringen; fürs erste nimmt's die Sparkasse.‹

›Gebt es mir, Elshorn, für die Armen! Seid einmal ein guter Christ! Gebt es mir!‹

›Sie sind spaßhaft, Herr Kaplan, das könnten Sie doch selbst zu Ihrem Herrn Grafen nur im Spaß sagen, wenn es auch auf siebenhundert Taler solch einem Herrn weniger ankommt als unsereinem. Haben wohl den Nachmittag auf dem Schlosse zugebracht, muß da immer sehr vergnüglich zugehen; bei solchen Leuten freilich, da kehrt man gern vor und nach ein – wenn man eingeladen ist, heißt das, wie der Herr Kaplan, der spaßhafte Herr Kaplan!‹

Was dann nun nach diesem nicht sehr erheblichen Gedankenaustausch der beiden Wanderer weiter gesprochen ist, wer weiß es? Denn von diesem Augenblicke an beginnen die Umstände dessen, was ich Ihnen erzähle, schwankende Umrisse zu bekommen und sich in ein unsicheres, dämmeriges Licht gleich jenem, das in der fraglichen Nacht auf dem einsamen Wege durch das Kophorster Moor lag, zu füllen. Sicher ist nur, daß eine Stunde später Kaplan Bärholm – nur wenig später, als er sonst heimzukehren pflegte, wenn er den Nachmittag bei den Rodenburg zugebracht – in sein Pfarrhaus zurückkehrte, daß er es ablehnte, von den Speisen zu genießen, welche ihm die Haushälterin vom Abendessen aufbewahrt, und daß er, über große Müdigkeit klagend, sich alsogleich auf sein Zimmer zurückzog, auch am anderen Morgen in der Frühe durch den Mesner, der ihn zu wecken kam, den Pfarrer bitten ließ, statt seiner, da er sich unwohl fühle, die tägliche stille Morgenmesse zu lesen.

Und dann ferner ist sicher, daß in der ersten Frühe dieses Morgens ein Bote von der Hofbesitzung des Herrn Elshorn in unser Städtlein gelaufen kam, um an meiner Türe Klingel und Klopfer in einen rabiaten Wettstreit zu versetzen, wer am meisten Lärm zu machen im Stande sei.«

»Natürlich«, fiel ich ein, »das Frauenzimmer, die Klingel!«

»Und dann, nachdem er Einlaß gefunden«, fuhr der Doktor fort, »mich aufzufordern, sofort nach dem genannten Hofe zu kommen, wo Herr Elshorn an einer lebensgefährlichen Verwundung darniederliege, welche er in der Nacht erhalten habe. Ich ließ einspannen, packte Bistouri und Antiseptika zusammen und fuhr hinaus, den Boten auf dem Bocke mit mir nehmend, um während der Fahrt von ihm Näheres zu erfahren. Aber der Bote wußte nur zu berichten, daß der Herr heimgekehrt sei erst um zwölf Uhr in der Nacht, in Stroh verpackt auf einem einspännigen Wägelchen, das ein armer Kötter, der nebenhergegangen, geleitet habe. Er habe ihn wie tot im Chausseegraben gefunden, habe der Mann gesagt, weiter aber nicht viel Red' und Antwort gestanden; es sei ein dämlicher Mensch gewesen, als ob er seine fünf Sinne nicht alle beieinander habe; er habe den Verwundeten so gefunden, als er, der Kötter, abends allein auf dem Wege von Kophorst dahergekommen; und da er ihn erkannt, habe er von seiner am Rand des Moores liegenden Kötterei seinen Wagen geholt, auch seine Frau zur Hilfe mitgenommen, um ihn auf den Wagen zu heben, und nun bringe er ihn! Das war alles, was mir der Bote melden konnte.

Ich fand den Biedermann Elshorn in einem ziemlich bedenklichen Zustande. Er hatte von hinten her einen furchtbaren Hieb mit irgendeinem stumpfen Gegenstande über den Schädel erhalten; zum Glücke war der Schlag, der, in der Mitte auf die Scheitelhöhe treffend, wohl tödlich gewesen, ein wenig nach linkshin niedergefahren, so daß er, an dieser Seite des Kopfes hingleitend, eine klaffende Wunde gerissen und die Schädelhaut bloßgelegt hatte. Eine Fraktur des Schädels aber hatte nicht stattgefunden, wenn auch Knochenteile – doch, ich will Sie mit dem Näheren verschonen und sage nur, daß außer der Beschaffenheit der Wunde mich die stattgehabte Gehirnerschütterung böse Folgen fürchten ließ. Ich tat, was ich zu tun vermochte, zog auch einen Kollegen herzu – es handelte sich um die Frage einer etwa nötigen Trepanierung – und war so glücklich, das lange Zeit bedenklich hin und her flackernde Lebenslicht in dem Manne zu erhalten, was ich bescheiden weniger meinem Verdienst als der sturm- und wettergehärteten Konstitution des Edlen zuschreibe. Lange Zeit jedoch schwebte er, wie man sich ausdrückt, zwischen Tod und Leben; und es verging eine geraume Zeit, bis er seine Verstandskräfte klar genug geordnet zeigte, um gerichtlich über sein Erlebnis vernommen werden zu können.«

»Ich warte mit Spannung, daß Sie bis dahin kommen werden, Doktor! Was gab er an über sein Erlebnis?«

»Sein Zusammentreffen mit Bärholm, seine Unterredung mit diesem im friedlichen Nebeneinanderwandeln und sodann, daß der Kaplan eine Weile schweigsam geworden, in Gedanken versunken, daß er ein paarmal leis, ganz für sich, aber mit einer anscheinenden Heftigkeit Worte ausgestoßen – daß er sich gedacht: Ei, was hat denn der Kaplan? Hat er in Kophorst auf dem Schlosse eine zu starke Sorte vorgesetzt bekommen? Viel trinken ist doch sonst seine Art nicht. – Daß der Elshorn nun ein wenig rascher vorwärts geschritten und Bärholm allmählich hinter ihn gekommen, bis er ganz urplötzlich einen furchtbaren Schlag mit einem derben Stock von hinten her über den Kopf bekommen, so wuchtig, daß er nur einen kurzen Wehlaut von sich hätte geben können und dann besinnungslos niedergestürzt sei. Ohne Besinnung habe er auch wohl eine gute Weile gelegen, endlich sei er wieder zu sich gekommen, und was er zuerst wahrgenommen, sei gewesen, daß ihm einer mit kaltem Wasser die Stirn kühle, einer, der hinter ihm gestanden und seinen Oberkörper aufrecht gehalten. Er habe ihn auch wohl erkannt, nach einiger Zeit, während er sich zu sammeln gewußt; es sei der Borkhaus, der seine kleine Kötterei am Saume der Heide stehen habe, gewesen. Und im übrigen könne er nicht viel mehr sagen, er sei bald wieder wie ganz von Sinnen geworden, und was mit ihm vorgegangen, wisse er nicht; das erste, was er dann wieder erkannt, sei sein eigenes Bett gewesen, in dem er gelegen, und das Gesicht des Doktors, der sich über ihn gebeugt.«

»Und er gab an, behauptete, er habe den niederschmetternden Schlag von – Bärholm erhalten?«

»Er behauptet das«, fiel der Doktor kopfnickend ein, »und hatte, scheint mir, gute Gründe dazu. Denken Sie nicht auch?«

»Wahrhaftig, Doktor, was ich denken soll, weiß ich absolut nicht ...«

»Vielleicht hilft Ihnen trotz all seiner ›Dämlichkeit‹ Kötter Borkhaus zu den richtigen Gedanken«, sagte lächelnd der Doktor. »Kötter Borkhaus sagte vor Gericht ganz einfach aus, daß er in jener Nacht des Weges von Kophorst dahergekommen, daß er zwei Gestalten, zwei Männer, vor sich wahrgenommen, von denen einer zu Boden gelegen, der andere neben ihm gekniet habe; daß dieser sich an dem Liegenden mit hastiger Bewegung zu schaffen gemacht – was er getan, das habe er nicht sehen können, obwohl er, auf dem weichen Moorboden schreitend, ziemlich nahe an die Gruppe herangekommen; endlich seien seine Schritte aber doch vernommen worden, und nun sei der Kniende aufgesprungen, über den Chausseegraben fort und hastig mit langen Schritten in die Heide hineingeflohen. Nun habe er, daß es der Kaplan Bärholm gewesen, trotz des ungewissen Lichtes recht wohl erkennen können, ganz bestimmt habe er ihn erkannt, seine hohe Gestalt, seinen Gang.

Als er, Borkhaus, sich nun zu dem Niedergeschlagenen gewandt und sich zu ihm niedergebückt, habe er wahrgenommen, daß dieser eine schwere, lederne Geldkatze um den Leib geschnallt getragen; auch, daß die zwei Schnallen mit Riemen, wie sie zum Verschluß dienen, aufgelöst gewesen, außerdem sei die Katze auch noch zugebunden gewesen durch feste Lederschnüre, die in eine Schlinge gezogen, und diese Schlinge, diese Schnüre seien arg verwickelt und wie verfilzt gewesen; der Täter habe sich offenbar Mühe gegeben, sie zu entwirren und den Knoten aufzulösen, um die Katze an sich nehmen zu können. Sein, des Borkhaus, Kommen müsse ihn dabei aufgeschreckt und vertrieben haben. Er habe sich nun Mühe gegeben, den Elshorn, den er im ersten Augenblicke für tot gehalten, wieder zu sich zu bringen.«

»In der Tat«, fiel ich hier schwer betroffen ein, »so ist freilich ein Zweifel nicht wohl mehr möglich! Aber der Angeschuldigte, was erklärte er? Räumte er ein ...«

»Er? Er räumte nichts ein als mit ruhiger, sich stets gleichbleibender Bestimmtheit, daß er auf jenem Wege mit dem Elshorn zusammengetroffen, daß er eine Zeitlang, neben ihm schreitend, sich mit ihm unterhalten habe; daß er jedoch bald wahrgenommen, daß der Mann unsicheren Schrittes gegangen und mit lallender Zunge Dinge gesprochen, welche er einen Augenblick vorher schon einmal gesagt – kurz, daß er betrunken gewesen. Deshalb habe er sich von ihm loszumachen gesucht, sei auf die andere Seite der Chaussee gegangen, habe hier seine Schritte beeilt und sei so' aus den Augen des Trunkenen in der Dunkelheit verschwunden. Wenn nun dieser auf seinem weiteren Wege räuberisch überfallen worden, so sei es psychologisch nicht unerklärbar, daß er mit seinen umnebelten Geisteskräften den plötzlich hinter ihm aufgetauchten Räuber mit der Gestalt des von seiner Seite still, ohne Abschiedswort fortgeschwundenen früheren Begleiters identifiziert habe und so zu seiner absurden Beschuldigung verleitet worden. Wenn der andere dann, Borkhaus, ihn erkannt haben wolle, so könne darauf unmöglich Gewicht gelegt werden; erst nachdem er die Anschuldigung des Elshorn vernommen, werde sich die Vorstellung, daß er in dem aufgeschreckt Davoneilenden ihn, Bärholm, erkannt habe, in seinem Gehirn gebildet und festgesetzt haben.«

»Etwas«, unterbrach ich den Erzählenden hier, »hat diese Erklärung für sich, Doktor ...«

»Etwas, aber doch nicht viel! Doch wurde sie mit solcher ruhiger Sicherheit gegeben, daß der Untersuchungsrichter davon Abstand nahm, den Angeschuldigten verhaften zu lassen. Zu einem schwurgerichtlichen Verfahren kam es aber doch, und die Sitzung, in welcher die Sache zur Verhandlung gelangte, gab sehr interessante Einblicke in die still wirkenden Kräfte, die bis zu jenem Tage tätig gewesen waren, um auf das Endergebnis einen bestimmenden Einfluß zu üben. An Bärholms Verurteilung hatte niemand ein Interesse, aber mächtige Interessen mußten für das Gegenteil, die Freisprechung, sich in die Sache eindrängen. – Sie können sich das ja denken! Eine große Anzahl einflußreicher und durch ihre Stellung eine unbestrittene Autorität übender Leute mußte sich für einen Ausgang erwärmen, der für sie, für ihren Esprit de corps, eine Ehrensache war. Und dazu kam, daß niemand sich für die Persönlichkeit oder das Recht des Angegriffenen zu erwärmen geneigt war; Herr Elsholz war nicht der Mann, dessen Worte im Stande gewesen wären, eine bis zur Unmöglichkeit unwahrscheinliche Tatsache der Welt plausibel zu machen. Herr Elsholz war ein anrüchiger Mensch, ein Leuteschinder, ein Rabulist. Und Kötter Borkhaus – in der Hauptverhandlung war er, dessen Aussagen in der Voruntersuchung so klar und bestimmt gelautet hatten, wieder der ›dämliche Mensch‹; er war unsicher, er widersprach sich; er sei, als er wahrgenommen, was da vor ihm auf der Chaussee vorgehe, so konsterniert gewesen, so erschrocken, daß er nicht viel darüber sagen könne, er fühle sich unfähig, über das einzelne und besondere, was er gesehen und erkannt, etwas Genaues zu beschwören. Auch hatte, wenn man die Zeugen reden hörte, in jener Nacht, in welcher früher ein leidliches, die Umrisse nicht zu entfernter Dinge wohl erkennbar machendes Licht geleuchtet hatte, jetzt etwas wie eine kimmerische Finsternis ihren Schleier über die Welt gebreitet. Viel hing von dem Zeugnis des Müllers von Kophorst ab; und siehe, der Müller, mit welchem Elshorn an jenem Nachmittage verhandelt hatte, bei dem er sich aufgehalten, bis er mit seiner Geldkatze den Heimweg angetreten, ließ sich die schöne Gelegenheit nicht entgehen, für die nachhaltige Kraft seines Steinhäger-Kornbranntweins Reklame zu machen, maß dem Bösewicht von Auktionskommissar, der ihm seine Taler abgezwackt hatte, eine ganz ausreichende Zahl von Gläsern zu und sandte ihn dann recht gründlich betrunken in die Nacht hinaus.«

»Und so erfolgte ein freisprechendes Verdikt?«

»Natürlich; die Jury beriet sich nicht zehn Minuten, und das Verdikt war einstimmig. Kaplan Bärholm aber mußte in seinem Unschuldsbewußtsein dessen so sicher gewesen sein, daß sich nicht einmal sein Gesicht erhellte, als es verkündet wurde. Er vernahm es mit denselben düsteren, menschenfeindlich dreinschauenden Zügen, womit er die Anklage hatte verlesen hören, er wehrte die Glückwünschenden, die sich zu ihm drängten, mit bitteren Lakonismen ab und schien nichts Eiligeres zu tun zu haben, als sich den Blicken aller zu entziehen.«

»Wurde«, fragte ich nach einer Pause den Doktor, »denn in dem Verfahren nicht auch die Frage berührt, ob der Angeklagte sich in irgendeiner Notlage befunden, in einem dringenden Bedürfnisse, sich Geld zu verschaffen – für sich, für andere?«

»Gewiß kam auch diese Frage zur Sprache, und die Antwort fiel ebenfalls für ihn schwer in die Waagschale. Unter all den glänzenden Leumundszeugnissen, die ihm von allen Seiten gegeben wurden, war auch seines Pfarrers Aussage, daß er mit seinen Einkünften immer aufs beste ausgekommen, für Arme und gute Zwecke immer seinen Obolus in Bereitschaft gehabt, daß auch seine Verwandten, sein Bruder, ein verheirateter Angestellter bei der Regierung, in wohlgeordneten Verhältnissen lebten.«

Der Doktor endete damit seine Erzählung und leerte sein Glas.

Ich füllte es schweigend wieder, während der Doktor mit seinem Stecken Figuren in den Sand zu seinen Füßen kritzelte.

»Nun?« sagte er aufblickend nach einer Pause, da ich zu schweigen fortfuhr.

»Nun, Doktor, was soll ich sagen? Wenn einmal nichts, wie Sie behaupten, unmöglich ist, so ist es auch nicht unmöglich, daß die Geschworenen mit ihrem Verdikt Recht hatten.«

»Freilich, weshalb nicht!« rief der Doktor äußerst ironisch aus.

»Ich halte es mit dem Kadi«, fuhr ich fort, »ich frage bei solchem Handel: Où est la femme? Und da Sie mir durchaus nichts im Hintergrunde gezeigt haben, was wie eine Weiberschürze aussähe, so verhärte ich mich in meinem Unglauben!«

»Und machen es, wie der ungläubige Mensch es gewöhnlich macht; er glaubt an Gespenster. Sie lassen eins nachts über das dunkle Moor gehen, um heimkehrenden Auktionskommissaren plötzlich eins über den Schädel zu geben und ihnen den ungerechten Mammon abzunehmen! Où est la femme, fragen Sie? Freilich, die ist nicht da, die ist nirgends zu sehen. Aber belastender scheint mir, daß auch der Strolch, der Vagabonde oder sonst ein Individuum, welches die Tat verübt haben konnte, nicht da, daß nicht die geringste Andeutung zu ermitteln war, es habe sich in jenen Tagen nah oder fern solch ein Subjekt erblicken lassen.«

Ich muß bekennen, daß ich ein wenig in die Enge getrieben war. Es war mir ja auch klargeworden, daß selbst der Pfarrer, selbst die Vorgesetzten des Kaplans von seiner Schuld überzeugt waren, soviel sie getan haben mochten, einen der Ihren vor den Augen der Welt reinzuwaschen. Aber des Pfarrers kaltes Betragen gegen seinen Helfer im Amt, der Umstand, daß dieser unbefördert, unberücksichtigt von seinen Vorgesetzten auf seiner dürftigen Stelle geblieben, alles das fand jetzt seine Erklärung; und seine Erklärung fand auch, daß Bärholm die Blätter seines »Eugen Aram« so eifrig zerlesen, um ihnen einen neuen Einband geben lassen zu müssen.

Es war eine rätselhafte, verwirrende Geschichte; es lag eine unwiderstehliche Lockung darin, zu einem aufhellenden Lichte zu gelangen über das, was auf dem tiefen Grunde solch eines stark und edel erscheinenden Menschenherzens versteckt lag; die Sophismen zu enthüllen, in welche ein hochgebildeter und sonst klar urteilender Geist sich verloren und verirrt haben mußte, um mit fester Hand und kaltem Blut die verruchte Gewalttat zu begehen. Aber den spürenden Beobachter, den lauernden Detektiv, konnte ich bei dem Manne, dessen Wesen mich anzog und der mir zu vertrauen schien, nicht machen. Ich mußte, was ich vernommen, in mich verschließen, wie ja auch die ganze Gemeinde, als ob darüber ein allgemeines Einverständnis herrsche, sie in Schweigen und Vergessen hüllte; ich mußte es darauf ankommen lassen, ob der Zufall mir beistehen würde, von diesem psychologischen Rätsel etwas zu lösen.

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