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Märtyrer oder Verbrecher?

Levin Schücking: Märtyrer oder Verbrecher? - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorLevin Schücking
booktitleAmtsbericht des Pfarrers zu Eichengrün
titleMärtyrer oder Verbrecher?
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai und Hans Joachim Kruse
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2

Ich hatte dem Kaplan meine kleine Büchersammlung zur Disposition gestellt; er kam von Zeit zu Zeit, davon Gebrauch zu machen, aber mit großer Diskretion – es schien ihm mehr darum zu tun zu sein, sich die Büchertitel anzusehen und mit mir, der unterdes im Schaukelstuhl seine Zigarren rauchte, darüber zu plaudern, als just viel verschiedenartiges Lesefutter zu erhalten. Geschichtswerke zogen ihn am meisten an.

Über Politik sprach er wie ein Kind, das doch zuweilen in seiner Naivheit eine große Wahrheit findet, wie ein blindes Huhn ein Korn. »Der Staat«, sagte der Kaplan, »wird in seinen Kämpfen mit der Kirche immer der Schwächere sein, denn der Staat ist doch nur die Regelung der um des Ganzen willen nötigen Freiheitsbeschränkungen des Menschen – und die Kirche die Wiederherstellung seiner Freiheit, indem sie ihn diese in seinem Innern finden lehrt. Sie wird deshalb den Menschen immer lieber sein als das notwendige Übel, der Staat.«

»Dawider ließe sich«, antwortete ich, »so viel und noch mehr sagen als wider das Pater-Gury-Prinzip, welches Sie neulich aussprachen. Dabei aber fällt mir ein, daß Sie mir noch die Erklärung dessen, was Sie von einer ganz falschen Richtung in der Kirche sagten, schuldig sind.«

»Nun ja«, versetzte er, sich von den Büchern abwendend und sich mir gegenübersetzend, um ebenfalls eine Zigarre zu nehmen, »ich meinte die Richtung, welche vollständig die Machtsphäre der Religion verkennt und sie über das ganze Gebiet der Moral ausdehnen will. Der Mensch bedarf der Religion, des Glaubens, das ist einmal der allgemeine Zug seiner Natur, von dem noch kein Volk, ja schwerlich auch ein einzelner sich innerlich ganz frei gemacht hat. Und der gewöhnliche, der Durchschnittsmensch, der weder Denker noch Naturforscher ist, bedarf eines offen bekannten oder versteckten Polytheismus. Gerade die begabtesten, an geistigen Anlagen bevorzugtesten Völker sind die größten Ausbilder polytheistischer Vorstellungen ...«

»Zugegeben – und Sie folgern daraus?«

»Daß unsere Kirche die den menschlichen Bedürfnissen am befriedigendsten und vollständigsten entgegenkommende Religionsanstalt ist. Aller Idealismus, der mit seinem unerstickbaren Verlangen im Menschen liegt, kann in ihr sein Genügen finden, dem Volk ist sie alles – die Festordnerin, die Erfreuerin durch Tempelschmuck, Feierzüge, Musik; die hilfreiche Mutter, die den Schmerz versteht, die ihn tröstet, die die jenseitige Ausgleichung des hier im Diesseits Erlittenen und Entbehrten gewährleistet. Dem polytheistischen Bedürfnisse der Volksseele kommt sie mit ihren Heiligen, ihrem Marienkultus entgegen ...«

»Mit ihren wundertätigen Lokalheiligen ...«

»Auch damit«, fuhr er fort, »gewiß. Damit aber endet ihre Aufgabe, damit ist ihre Macht erschöpft. Das Menschengeschlecht einer höheren Entwickelung zuführen – das vermag sie nicht. Die Menschen ändern, bessern, das Kunstgebilde Mensch mit ziselierender Hand ausarbeiten und verfeinern, das kann sie nicht. Sie kann sich um die Erziehung Mühe geben, hat ja auch ihre Verdienste auf diesem Gebiet – den der Schule entwachsenen Erdenbürger aber muß sie laufenlassen und machtlos zusehen, wie er mit seinem Charakter, seiner Natur, seinen angeborenen Trieben Gutes oder Böses anrichtet.«

»So leugnen Sie jeden Einfluß des Glaubens auf die Moral?«

»Jeden. Und das eben ist die falsche Richtung unserer Stimmführer und leitenden Kräfte, daß sie mit ihrem Glauben die Menschen moralischer, besser, den Gesetzen gehorsamer machen zu können wähnen, und vor allem den Gesetzen gehorsam, welche sie selbst geben und womit sie die Welt sich selbst unterwerfen und dienstbar machen wollen. Das heilige Mittel, der Glaube, soll zu diesem sehr selbstischen Zweck dienen.«

»Und erreicht doch nicht viel auf diesem Gebiet«, unterbrach ich ihn.

»Manches freilich«, sagte er abbrechend, sah eine Weile den blauen Wölkchen seiner Zigarre nach und schien dann in ein zerstreutes Wesen zu versinken, ein Verlorensein in Gedanken, das ich öfter an ihm bemerkt hatte.

»Leugnen Sie auch den Einfluß einer Einrichtung wie Ihres Beichtstuhls auf die Moral?« fragte ich ihn nach längerer Pause.

Er blickte auf, wie aus seiner Zerstreuung erwachend, sah mich mit einem Blicke an, der etwas von plötzlichem Erschrockensein hatte, und dann stand er auf und trat, ohne mir zu antworten, wieder an die Bücherrepositorien.

Ich blickte der hohen, schlanken Männergestalt nach und fragte mich, was dieser offenbar reich begabte und originell denkende Geist durchlebt haben mußte, um sich endlich mit einem Berufe ausgesöhnt zu finden, der doch schwerlich sein eigentlicher und wahrer war. Sein Reden deutete doch hinreichend klar an, daß er gerungen und gekämpft haben müsse, bis er zu einer Auffassung seiner Kirche gekommen, die ihn mit seinem Berufe versöhnte und einen »ganz treuen Knecht« seiner Kirche, wie er sich genannt hatte, sein ließ. Er hatte offenbar die Sache ernst genommen; er hatte nicht, wie so mancher in seinem Stande, die theoretischen Fragen auf sich beruhen lassen und nur die Erreichung einer guten Pfründe im Auge behalten; er hatte endlich seine Seelenruhe in dem Bewußtsein gefunden, wie immer es mit den theoretischen Fragen sich verhalten mochte, eine würdige Lebensaufgabe zu erfüllen, indem er die Menschen seiner Gemeinde mit dem idealen Stoff speiste, den das Volk nur in der Kirche zu finden weiß und nur von ihr verlangt.

Aber immer sympathischer wurde mir dieser Mann, wie er geistig vor mir wuchs, und immer anziehender seine Erscheinung. Dabei fiel mir ein, wie wunderlich es sei, daß seine Obern nicht seine geistige Bedeutung erkannt – Männer wie er, mit seinem Äußern, seinen gesellschaftlichen Formen, pflegten doch keine Dorfkapläne zu bleiben, sondern sich bald in der Laufbahn zu den Prälatenwürden zu sehn.

Unterdes fuhr auf dem Hofe ein elegantes, einspänniges Wägelchen vor, und ein kleiner, stämmig gebauter Herr mit grauem Vollbart sprang herunter, der Arzt aus der nächsten Stadt, der im Dorfe seinen »Giro« zu machen kam und dabei zu einem freundschaftlichen Geplauder einzukehren pflegte. Als der Kaplan ihn erblickte, griff er mit einiger Hast, wie mir schien, nach seinem Hut und empfahl sich – es war, als ob er die Begegnung mit dem Heilkünstler vermeiden wolle. Beide gingen kühl grüßend in dem Vorraum aneinander vorüber.

»Sie sind befreundet geworden mit dem Kaplan Bärholm?« sagte der lebhafte kleine Herr, indem er sich auf dem Platz, den jener vorher eingenommen, niederließ.

»Natürlich, er ist mein Nachbar und ein interessanter Mensch ...«

»Ohne Zweifel – nur zu interessant!«

»Zu interessant? »Wie ist das zu verstehen?«

»Nun, durch seine Geschichte. Freilich«, fuhr er lachend fort, »das ist etwas für Sie. Sie können da ergründen, psychologisch analysieren, ein merkwürdiges Problem lösen.«

»Ich verstehe Sie nicht. Welches Problem ist da zu lösen? Wie ein solcher denkender Kopf, ein Mann, dem zu seinen Geistesgaben doch auch wohl das Salz der Kritik zugegeben ist ...«

»... mit den Bauern den Marienmonat durchbetet? Als ob sich's darum handelte! Sie tun sehr unschuldig und bedürfen dessen bei mir nicht. Ich bin Zeuge, Sachverständiger in der Sache gewesen.«

»Aber ich bitte Sie, Doktor, in welcher Sache?«

»In der Untersuchung wider den Kaplan Bärholm. Wissen Sie denn wirklich nicht ...«

»Von einer Untersuchung wider ihn? Nichts!«

»Sieh, sieh, wie man auf dem Dorfe diskret ist, wenn – wenn es sich um solch einen geistlichen Herrn handelt!«

»So sagen Sie doch, in welche Untersuchung war der arme Mensch denn verwickelt?«

»In eine Untersuchung wegen Raubmord.«

»Ah«, rief ich aus, »hätte mein Sessel nicht die feste Lehne, so würde ich wahrhaftig auf den Rücken fallen! Was sagen Sie, wegen ...«

»Raubmord, der freilich nicht ganz geglückt ist – Raubmordversuch also, schärfer ausgedrückt.«

»Unser Kaplan hier?«

»Derselbe.«

»Aber um unsres Heilands willen, wie war's möglich, eine so absurde Anschuldigung wider einen Mann zu erheben ...«

»... gegen den die schwersten Indizien vorlagen? Es war sehr natürlich, daß man eine Untersuchung einleitete, sehr natürlich, denk' ich!«

»Und das Ergebnis?«

»Freisprechung! Freilich.«

»Nun sehen Sie also!«

»Ich sehe nichts Beweisendes darin. Im Gegenteil, ich glaube ...«

»An seine Schuld? Unmöglich!«

»Unmöglich ist ein Wort, das man nicht mehr ausspricht, wenn man so alt geworden wie ich«, sagte der Doktor lächelnd.

Ich dachte daran, daß mir unlängst Kaplan Bärholm bei der Besprechung des Bulwerschen Romans dasselbe gesagt.

»Es ist nicht allein alles, just alles möglich«, fuhr der Doktor fort, »sondern schon dagewesen, schon vor Rabbi Akibas Zeiten dagewesen!«

»So etwas, wenn Sie erlauben, aber doch nicht. Ich bitte Sie, erzählen Sie mir die Geschichte, Doktor.«

»Das will ich, nur nicht im Augenblick. Ich muß vorher im Dorfe nach meinen Kranken sehen. Wenn ich sie beruhigt habe, komme ich zurück, Ihre Spannung zu befriedigen.«

»Einverstanden«, sagte ich, »also auf Wiedersehen!«

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