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Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
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Schon am nächsten Nachmittag wurde Maria durch einen neuen Gast Martins in Aufregung versetzt. Aber diesmal verlor sie nicht den Kopf und setzte Brissenden in ihre hochrespektable gute Stube.

»Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, daß ich Sie besuche?« begann Brissenden.

»Nein, nein, durchaus nicht«, antwortete Martin, schüttelte ihm die Hand, bat ihn, auf dem einzigen Stuhl der Stube Platz zu nehmen, und setzte sich selbst auf das Bett. »Aber woher wissen Sie, daß ich hier wohne?«

»Ich rief bei Morses an. Fräulein Morse sagte mir Bescheid. Und da bin ich nun.«

Er wühlte in seiner Rocktasche und warf ein dünnes Buch auf den Tisch. »Hier ist das Buch eines Dichters. Lesen und behalten Sie es.« Und als Martin Einwände versuchte, fuhr er fort: »Was soll ich mit Büchern? Ich habe heute morgen wieder einen Blutsturz gehabt. Haben Sie Whisky? Nein, natürlich nicht. Warten Sie einen Augenblick.«

Schon war er draußen. Martin sah seine lange Gestalt auf die Straße treten und bemerkte mit einem Stich im Herzen die Schultern, die einmal breit gewesen waren, jetzt aber über der verfallenen Ruine der Brust zusammensanken. Martin holte zwei Wassergläser und begann in dem Band Gedichte der letzten Sammlung Henry Vaughan Marlows zu lesen.

»Kein schottischer«, teilte Brissenden bei seiner Rückkehr mit. »Der Kerl hat nur amerikanischen Whisky. Aber hier ist eine Flasche davon.«

»Ich schicke eines von den Kindern nach Zitronen, dann können wir uns einen Grog brauen«, erbot Martin sich. »Ich möchte wissen, was ein solches Buch Marlow einbringt?« fuhr er fort, indem er den Band hochhielt.

»Fünfzig Dollar vielleicht,« lautete die Antwort, »obwohl er sich glücklich schätzen muß, wenn er nichts dabei zusetzt, oder wenn er überhaupt einen Verleger dafür finden kann.«

»Dann kann man also nicht vom Dichten leben?«

Martins Stimme und Gesicht zeigten seine Enttäuschung.

»Sicher nicht. Das kann nur ein Narr glauben. Mit Reimereien, ja, – aber sonst, nein! Wissen Sie, womit Marlow sich sein Brot verdient? Indem er an einer Presse in Pennsylvanien unterrichtet, und von allen Beschäftigungen muß das die schlimmste sein. Ich möchte nicht mit ihm tauschen, und wenn er noch fünfzig Jahre zu leben hätte. Und doch ist seine Arbeit weit über die der üblichen Reimschmiede erhaben. Und was für Kritiken er bekommt! Der Teufel soll sie holen, das Kruppzeug!«

»Es wird zuviel von Männern, die nicht schreiben können, über Männer geschrieben, die es wirklich können«, gab Martin zu. »Ich war direkt erschrocken über all den Unsinn, den man über Stevenson und sein Werk geschrieben hat.«

»Teufel und Harpyien!« rief Brissenden mit zusammengebissenen Zähnen. »Ja, ich kenne die Brut – sie hacken an ihm herum, analysieren ihn und wägen ihn –«

»Und messen ihn mit dem Maßstab ihrer eigenen elenden Leistungen«, fiel Martin ihm ins Wort.

»Ja, das ist es – gut gesagt – sie bespeien und besudeln die Wahrheit, alles Schöne und Gute, und schließlich klopfen sie ihn auf den Hintern und sagen: ›Braves Hündchen!‹ Pfui Teufel! Diese elenden Schwätzer!«

»Ich hab' mal drüber geschrieben, über die Kritiker, oder vielmehr die Referenten.«

»Lassen Sie mich sehen«, bat Brissenden eifrig.

Martin wühlte aus seinen Manuskripthaufen einen Durchschlag von »Sternenstaub« hervor, und beim Lesen lachte Brissenden mehrmals laut, rieb sich die Hände und vergaß ganz seinen Grog.

»Sie scheinen mir selbst ein bißchen Sternenstaub zu sein, der von zipfelmützigen Zwergen, die nicht sehen können, in die Welt geschleudert ist«, bemerkte er, als er fertig war. »Selbstverständlich hat die erste Zeitschrift es sofort genommen.«

Martin sah in seinem Manuskriptebuch nach.

»Siebenundzwanzig Zeitschriften haben es zurückgeschickt.«

Brissendens Versuch, lange und herzlich zu lachen, wurde von einem heftigen Hustenanfall unterbrochen. »Sagen Sie mal, Sie wollen mir doch nicht weismachen, daß Sie es noch nie mit Versen versucht haben«, stöhnte er. »Lassen Sie mich etwas davon sehen.«

»Lesen Sie sie nicht jetzt«, bat Martin. »Ich möchte gern mit Ihnen reden. Ich packe sie Ihnen ein, und Sie können sie mitnehmen.«

Brissenden ging mit dem »Liebeszyklus« und »Peri und Perle«, kam aber am nächsten Tage wieder und sagte:

»Geben Sie mir mehr.«

Er versicherte Martin nicht nur, daß er ein Dichter sei, Martin erfuhr auch, daß Brissenden selbst einer war. Er war ganz überrascht von der Arbeit des andern und erstaunt, daß er keinen Versuch gemacht hatte, sie herauszugeben.

»Der Teufel soll sie holen«, lautete Brissendens Antwort, als Martin ihm anbot, seine Gedichte für ihn zu verkaufen. »Lieben Sie die Schönheit um ihrer selbst willen,« fügte er hinzu, »und lassen Sie die Zeitschriften laufen. Gehen Sie wieder zur See – das rate ich Ihnen, Martin Eden. Was wollen Sie hier in diesen kranken, verrotteten Städten? Hier tun Sie nichts anderes, als sich jeden Tag die Kehle durchschneiden und die Schönheit prostituieren, indem Sie sie an die Zeitschriften verkaufen. Wie sagten Sie doch vorhin? Ach ja: ›Der Mensch, die letzte Eintagsfliege.‹ Nun, was will die letzte Eintagsfliege mit Ruhm? Wenn Sie ihn erlangen, wird er Gift für Sie sein. Sie sind zu einfach, zu elementar und, weiß Gott, zu vernünftig, um mit solchem Geist Erfolg zu haben. Ich hoffe, daß Sie nie auch nur eine einzige Zeile an Zeitschriften verkaufen. Die Schönheit ist der einzige Herr, dem man dienen kann. Dienen Sie ihm und lassen Sie den Pöbel zum Teufel gehen! Erfolg! Nicht das, was Sie erreichen, schafft Ihnen Freude, sondern die Arbeit selbst. Das brauchen Sie mir nicht zu erzählen. Ich weiß es. Und Sie selbst wissen es auch. Die Schönheit schmerzt Sie. Sie ist eine ewige Qual für Sie, eine unheilbare Wunde, ein feuriges Messer. Warum sich mit den Zeitschriften abgeben? Machen Sie die Schönheit zu Ihrem Ziel. Warum die Schönheit in Gold ausmünzen? Allerdings: das können Sie nicht, ich brauche mir also nicht den Kopf drüber zu zerbrechen. Sie können tausend Jahre lang in Zeitschriften lesen, ohne etwas zu finden, das auch nur eine einzige Zeile von Keats aufwiegt. Lassen Sie Ruhm und Geld laufen. Lassen Sie sich morgen auf einem Schiff anheuern, und gehen Sie wieder zur See.«

»Nicht um des Ruhmes, sondern um der Liebe willen«, lachte Martin. »Liebe scheint in Ihrem Weltall keinen Platz zu haben, für mich aber ist die Schönheit die Dienerin der Liebe.«

Brissenden betrachtete ihn mitleidig und bewundernd: »Sie sind so jung, Martin, so unglaublich jung. Sie wollen hoch fliegen, aber Ihre Flügel sind aus dem dünnsten Flor, und der Staub auf ihnen zeigt die zartesten Farben. Sie dürfen sie sich nicht verbrennen. Aber Sie haben sie sich schon verbrannt. Es gehört natürlich ein verklärter Unterrock dazu, um den ›Liebes-Zyklus‹ schreiben zu können, und das ist eben das Schändliche.«

»Es verklärt sowohl die Liebe wie den Unterrock«, leichte Martin.

»Die Philosophie des Wahnsinns«, lautete die Antwort. »Das habe ich mir selber auch gesagt, wenn ich in Haschischträumen wandelte. Aber hüten Sie sich. Diese Städte mit ihrer Bourgeoisie werden Sie töten. Sehen Sie nur diese Krämergesellschaft, in der ich Sie traf. Man kann sich unmöglich seinen gesunden Menschenverstand in einer solchen Atmosphäre bewahren. Die ist entwürdigend. Es ist nicht einer von ihnen, der nicht das Leben in den Staub tritt, Mann oder Frau ...«

Er brach plötzlich ab und beobachtete Martin. Dann wurde ihm plötzlich alles klar, und ein erschrockener grübelnder Ausdruck trat in sein Gesicht.

»Und Sie haben diesen ›Liebes-Zyklus‹ wirklich für sie geschrieben – für dieses blasse, vertrocknete Geschöpf!«

Im nächsten Augenblick hatte sich Martins Rechte mit einem würgenden Griff um Brissendens Hals geschlossen, und er schüttelte ihn, daß die Zähne ihm im Munde klapperten. Aber Martin sah keine Angst – nichts als einen neugierigen, neckischen Teufel. Da kam er wieder zur Besinnung und warf loslassend Brissenden auf das Bett.

Brissenden stöhnte vor Schmerz und schnappte eine Minute nach Luft, dann begann er zu kichern.

»Sie würden mich für alle Ewigkeit zu Ihrem Schuldner gemacht haben, wenn Sie die Flamme aus mir herausgeschüttelt hätten«, sagte er.

»Meine Nerven sind in diesen Tagen in einer schrecklichen Verfassung«, entschuldigte sich Martin. »Ich hoffe, ich habe Ihnen nichts getan. Ich werde Ihnen einen neuen Grog mischen.«

»Ach, Sie junger Grieche!« fuhr Brissenden fort. »Ich möchte nur wissen, ob Sie Ihren Körper genügend zu schätzen wissen. Sie sind verteufelt stark. Sie sind ein junger Panther, ein Löwenjunges. Nun ja, selbstverständlich müssen Sie für Ihre Kraft bezahlen.«

»Was meinen Sie damit?« fragte Martin neugierig, während er ihm ein Glas reichte. »So, trinken Sie und lassen Sie es vergessen sein.«

»Wegen ...« – Brissenden nippte an seinem Grog und lächelte behaglich – »wegen der Frauen. Die werden Sie bis zu Ihrem Tode quälen, wie sie Sie schon gequält haben, oder ich will gestern zur Welt gekommen sein. Es nutzt Ihnen nichts, daß Sie versuchen, mich zu ermorden, ich will jetzt meine Meinung sagen. Dies ist zweifellos Ihre erste Liebe, aber um der Schönheit willen müssen Sie das nächste Mal einen etwas besseren Geschmack haben. Was, zum Kuckuck, wollen Sie mit einem Mädchen aus der Bourgeoisie? Lassen Sie sie in Ruhe. Suchen Sie sich eine großherzige, wollüstige flammende Frau, die das Leben verlacht, den Tod verspottet und liebt, solange sie kann. Es gibt solche Frauen, und die werden ebenso willig sein, Sie zu lieben, wie diese feigen Produkte einer behüteten Bourgeoisie.«

»Feige?« protestierte Martin.

»Jawohl – feige Geschöpfe, die sich mit der lächerlichen Moral brüsten, die man in sie hineingestopft hat, und sich vor dem Leben fürchten. Die lieben Sie wohl, Martin, aber ihre eigene Moral lieben sie noch mehr. Was Sie brauchen, ist ein strahlendes Hinwerfen des Lebens, sind die großen freien Seelen, die flammenden Schmetterlinge und nicht die kleinen grauen Motten. Ach, Sie werden ihrer schon müde werden, aller Weiber überhaupt, wenn Sie das Unglück haben, lange genug zu leben. Aber Sie werden nicht lange leben. Sie werden nicht zu Ihren Schiffen und zur See zurückkehren, Sie werden in Ihren verpesteten Städten bleiben, bis Ihre Gebeine faulen, und dann werden Sie sterben.«

»Predigen können Sie mir natürlich, aber überzeugen können Sie mich nicht«, sagte Martin. »Und schließlich besitzen Sie nur die Weisheit, die in Ihrem Temperament liegt, und die Weisheit, die in meinem Temperament liegt, ist ebenso unangreifbar wie die Ihre.«

Sie waren uneinig über die Liebe, über Zeitschriften, über vielerlei, aber sie gefielen einander, und bei Martin war es jedenfalls wirkliche, tiefe Sympathie. Tag für Tag waren sie zusammen, wenn sie sich auch nur die eine Stunde sahen, die sie in Martins kleinem stickigen Stübchen verbrachten. Brissenden kam nie, ohne eine Flasche Whisky mitzubringen, und wenn sie in der Stadt zu Mittag aßen, trank er unweigerlich während der ganzen Mahlzeit Whisky und Soda. Er bezahlte stets für sie beide, und durch ihn lernte Martin verschiedene Raffinements in bezug auf Essen und Trinken kennen, trank seinen ersten Champagner und machte Bekanntschaft mit Rheinwein.

Aber Brissenden blieb ihm ein Rätsel. Er hatte ein Gesicht wie ein Asket und machte doch kein Hehl daraus, daß er ein Genießer war. Er fürchtete sich nicht vor dem Tode, war bitter und zynisch in allem, was mit dem Leben zu tun hatte, und liebte es doch als Sterbender bis zum letzten Atom. Er war von einer wahren Leidenschaft besessen, zu leben, nervenaufreizende Erlebnisse zu suchen, und um diese Gefühle zu erlangen, hatte er mancherlei Seltsames getan. Wie er Martin erzählte, hatte er einmal drei Tage lang keinen Schluck Wasser getrunken, und zwar mit voller Überlegung, um die wundervolle Wonne zu genießen, einen solchen Durst zu löschen. Wer oder was er war, erfuhr Martin nie. Er war ein Mann ohne Vergangenheit, dessen nahe bevorstehende Zukunft sein Grab, und dessen Gegenwart ein scharfer, fieberhafter Lebensdrang war.

 

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