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Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
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Martin hatte zufällig seine Schwester Gertrude auf dem Broadway getroffen – eine Begegnung, die ihn freute und doch bedrückte. Sie hatte an der Ecke auf die Straßenbahn gewartet, ihn zuerst gesehen und gleich seinen hungrigen Blick bemerkt. Er kam gerade von einem fruchtlosen Besuch bei seinem Pfandleiher, dem er vergebens ein weiteres Darlehen auf sein Fahrrad zu entreißen versucht hatte. Es war jetzt das regnerische Herbstwetter gekommen, und Martin hatte vor einiger Zeit sein Rad versetzt und seinen schwarzen Anzug dafür eingelöst.

»Sie haben ja den schwarzen Anzug«, hatte der Pfandleiher, der über Martins Besitz gut Bescheid wußte, geantwortet. »Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß Sie ihn bei dem Juden drüben versetzt haben. Wenn Sie das nämlich hätten –«

Der Mann hatte ihm einen drohenden Blick zugeworfen, und Martin hatte schnell gesagt:

»Nein, nein, den hab' ich noch. Aber ich muß ihn behalten – für einen Geschäftsbesuch.«

»Na, schön«, hatte der besänftigte Wucherer erwidert. »Aber ehe ich Ihnen weiteres Geld gebe, muß ich den schwarzen Anzug haben. Sie glauben doch wohl nicht, daß ich mein Geschäft zum Vergnügen betreibe.«

»Aber es ist ein Rad für vierzig Dollar und gut im Stande«, hatte Martin eingewendet. »Und Sie haben mir nur sieben Dollar darauf gegeben. Nein, nicht einmal sieben! – Sechs Dollar fünfundzwanzig. Die Zinsen haben Sie sich im voraus genommen.«

»Wenn Sie mehr haben wollen, dann bringen Sie mir den schwarzen Anzug«, hatte die Antwort gelautet, und Martin hatte den stickigen kleinen Raum in solcher Verzweiflung verlassen, daß sie sich auf seinem Gesicht widerspiegelte und das Mitleid seiner Schwester erregte.

Sie hatten sich gerade getroffen, als die Straßenbahn kam. Eine ganze Menge Menschen, die ihre Nachmittagseinkäufe gemacht hatten, wollten mitfahren. Aber aus der Art und Weise, wie Martin den Arm seiner Schwester ergriff und ihr in den Wagen half, erriet sie, daß er nicht mitwollte. Auf dem Trittbrett drehte sie sich um und sah auf ihn hinunter, und etwas in seinem Gesicht rührte ihr Herz.

»Willst du nicht mitkommen?« fragte sie.

Im nächsten Augenblick stand sie neben ihm auf dem Bürgersteig.

»Ich gehe – ich muß mir ein bißchen Bewegung machen«, erklärte er.

»Dann begleite ich dich ein Stück,« sagte sie, »das wird mir auch gut tun. Ich bin die letzten Tage nicht ganz auf dem Damm gewesen.«

Martin sah sie an, und ihre Worte wurden bestätigt durch ihre ganze verlotterte Erscheinung, das ungesunde Fett, die hängenden Schultern, das müde Gesicht mit den schlaffen Linien und durch den schweren, schleppenden Gang – die reine Karikatur des Ganges, der zu einem freien, glücklichen Körper gehört.

»Laß uns lieber hier stehenbleiben«, sagte er, denn sie konnte schon an der nächsten Ecke nicht weiter. »Dann kannst du von hier aus die Straßenbahn nehmen.«

»Himmel! – Bin ich müde!« stöhnte sie. »Aber ich kann genau so gut gehen wie du mit den Sohlen. Die sind so dünn, daß sie durch sind, ehe du halb in Oakland bist.«

»Ich habe zu Haus ein paar bessere«, lautete die Antwort.

»Komm morgen zum Mittagessen zu uns«, warf sie hin. »Higginbotham ist nicht zu Hause. Er ist geschäftlich nach San Leandro gefahren.«

Martin schüttelte den Kopf, aber er konnte nicht vermeiden, daß ein wolfshungriger Schimmer in seine Augen trat, als er von Mittagessen hörte.

»Du hast nicht einen Pfennig, Mart, und deshalb gehst du spazieren. Bewegung!« Sie versuchte, höhnisch zu schnaufen, aber es wurde nur ein Schnüffeln. »Laß mich mal sehen.«

Sie wühlte in ihrer Tasche und steckte ihm dann ein Fünf-Dollar-Stück in die Hand. »Ich glaube, ich hab' deinen letzten Geburtstag vergessen, Mart«, murmelte sie ängstlich.

Martins Hand schloß sich instinktiv um das Goldstück. Er wußte augenblicklich, daß er es nicht nehmen durfte, und kämpfte einen schweren Kampf, ehe er einen Entschluß faßte. Das kleine Goldstück bedeutete Essen, Leben, Licht in Körper und Hirn, Kraft, das Schreiben fortzusetzen und – wer konnte wissen, was noch. Etwas schreiben, das viele Goldstücke einbrachte. Vor ihm erschienen flammend die Manuskripte der zwei Abhandlungen, die er zuletzt geschrieben hatte. Er sah sie auf einem Haufen verlorener Manuskripte, für die er keine Briefmarken besaß, unter dem Tische liegen, und er sah so deutlich wie in dem Augenblick, als er sie niedergeschrieben, die Titel: »Die Hohenpriester der Mystik« und »Die Wiege der Schönheit«. Er hatte sie noch niemand angeboten, aber sie waren das Beste, was er je in dieser Art geschrieben hatte. Wenn er doch nur Briefmarken für sie hätte! Dann überkam ihn wieder die Gewißheit, daß er schließlich doch siegen würde, und sie im Verein mit dem Hunger machte, daß er schnell die Münze einsteckte.

»Ich werde es dir schon zurückbezahlen, Gertrude, und zwar hundertfach«, stammelte er, während sich ihm die Kehle vor Schmerz zusammenzog und seine Augen feucht wurden. »Denk' an meine Worte!« rief er plötzlich. »Ehe das Jahr um ist, werde ich dir ein ganzes Hundert von diesen kleinen gelben Dingern in die Hand stecken. Du brauchst mir nicht zu glauben. Aber warte, und du wirst sehen.«

Sie glaubte ihm auch nicht. Aber sie fühlte sich von ihrem eigenen Unglauben bedrückt, und da ihr nichts anderes einfiel, antwortete sie:

»Ich weiß, daß du hungrig bist, Mart. Das sieht man dir ja an. Komm zum Essen, so oft du willst. Ich schicke eines von den Kindern zu dir, um dir zu sagen, wann Higginbotham nicht zu Hause ist. Und, Mart ...« Er wartete, obwohl er wußte, was sie sagen würde. »Findest du nicht, daß es Zeit wäre, dir eine Stellung zu suchen?«

»Du glaubst also nicht, daß ich mich durchsetze?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Niemand glaubt an mich, Gertrude, außer mir selber.« Es war ein leidenschaftlicher, aufrührerischer Klang in seiner Stimme. »Ich habe schon gute Arbeit geleistet. Ja, große Arbeit, und früher oder später werde ich sie schon verkaufen.«

»Woher weißt du, daß sie gut ist?«

»Weil ...« Seine Stimme zitterte, und das ganze große Gebiet, das Literatur und Literaturgeschichte hieß, versetzte sein Hirn in Schwingungen und zeigte ihm, wie hoffnungslos jeder Versuch war, seinen Glauben begründen zu wollen. »Nun, weil sie besser ist als neunundneunzig Prozent von dem, was in den Zeitschriften veröffentlicht wird.«

»Ich wünschte, du würdest nun endlich Vernunft annehmen«, antwortete sie unsicher, aber in unerschütterlichem Glauben an die Richtigkeit ihrer Diagnose. »Ja, ich wünschte, du würdest Vernunft annehmen«, wiederholte sie. »Und komm morgen zum Essen.«

Nachdem Martin ihr in die Straßenbahn geholfen hatte, eilte er zur Post und kaufte für drei von den fünf Dollar Briefmarken, und als er später am Tage, auf dem Wege zu Morses, wieder zur Post ging, um eine ganze Menge langer umfangreicher Briefe abwiegen zu lassen, klebte er bis auf drei Zwei-Cent-Marken alle Briefmarken darauf.

Es sollte ein bedeutungsvoller Abend für Martin werden, denn nach dem Essen lernte er Russ Brissenden kennen. Wieso er hingekommen, mit wem er befreundet war, oder woher seine Bekanntschaft mit der Familie Morse stammte, wußte Martin nicht, und er fühlte sich auch nicht versucht, Ruth nach ihm auszufragen. Sein erster Eindruck von Russ Brissenden war, daß er ein bleichsüchtiger, törichter Mensch sei, und er schenkte ihm wenig Beachtung. Eine Stunde später kam er zu dem Ergebnis, daß Brissenden zudem ein Tölpel sei, denn er schnüffelte in den Stuben herum, starrte die Bilder an und steckte die Nase in Bücher und Zeitschriften, die er vom Tische nahm oder aus den Regalen zog. Obwohl fremd im Hause, isolierte er sich bald von der übrigen Gesellschaft, verbarg sich in einem großen Sessel und las anhaltend in einem dünnen Büchlein, das er aus der Tasche gezogen hatte. Beim Lesen ließ er geistesabwesend, mit einer streichelnden Bewegung, die Finger durch sein Haar gleiten. Martin beachtete ihn an diesem Abend nicht weiter, außer einmal, als er sah, wie er, anscheinend mit Erfolg, mit einigen der jüngeren Damen scherzte.

Zufällig ging Martin einen Augenblick nach Brissenden fort und holte ihn auf der Treppe ein.

»Na, sind Sie's?« sagte Martin.

Der andere erwiderte mit einem verdrossenen Grunzen, schritt aber neben ihm weiter. Martin machte keinen weiteren Versuch, die Unterhaltung fortzusetzen, und mehrere Straßen weit gingen sie schweigend nebeneinander her.

»Der hochtrabende alte Esel!«

Dieser Ausfall kam so unerwartet und heftig, daß Martin ganz erschrocken war. Unwillkürlich amüsierte er sich darüber, fühlte aber gleichzeitig seinen Unwillen gegen den andern steigen.

»Was wollen Sie in solch einem Hause?« schleuderte Brissenden ihm dann plötzlich ins Gesicht, nachdem sie wieder eine Weile schweigend weitergegangen waren.

»Was wollen Sie dort?« entgegnete Martin.

»Sie können mich totschlagen, wenn ich es weiß!« lautete die Antwort. »Aber es ist jedenfalls das erstemal, daß ich mir eine solche Unbesonnenheit zuschulden kommen lasse. Jeder Tag hat vierundzwanzig Stunden, und ich muß sie doch irgendwie totschlagen. Kommen Sie, lassen Sie uns ein Glas zusammen trinken.«

»Schön«, antwortete Martin.

Im nächsten Augenblick war er ganz verblüfft, daß er so schnell auf den Vorschlag des andern eingegangen war. Auf seinem Tische daheim lag für mehrere Stunden Gelegenheitsarbeit, die getan sein sollte, ehe er zu Bett ging, und wenn er im Bett lag, wartete ein Band Weismann auf ihn, gar nicht zu reden von der Autobiographie Herbert Spencers, die für ihn so mit Romantik geladen war wie ein spannender Roman. Warum sollte er seine Zeit mit diesem Manne verschwenden, der ihm gar nicht gefiel. Und doch war es weder der Mann noch das Trinken, eher das, was mit dem Trinken in Verbindung stand – der hellerleuchtete Raum, die Spiegel, die funkelnden Gläser, die frohen warmen Gesichter und das starke Summen männlicher Stimmen. Das war es. Es waren die Stimmen von Männern, optimistischen Männern, deren ganzes Wesen darauf schließen ließ, daß es ihnen gut ging, Männern, die ihr Geld für Getränke ausgaben. Er fühlte sich einsam, das war es, und deshalb hatte er bei der Aufforderung des andern sofort zugeschlagen. Bis auf das eine Mal, als er ein Glas Wein mit dem portugiesischen Kaufmann getrunken hatte, war er seit der Zeit in Shelley Hot Springs, mit Joe, in keinem Wirtshause gewesen. Geistige Müdigkeit hatte keinen Drang nach starken Getränken zur Folge wie körperliche Müdigkeit, und er hatte sich nicht danach gesehnt. In diesem Augenblick aber fühlte er Lust, zu trinken – oder vielmehr nach der Atmosphäre, in der die Getränke gereicht wurden. Nach einem solchen Ort wie »The Grotto«, wo er und Brissenden jetzt in bequemen Ledersesseln saßen und Whisky und Soda tranken.

Sie unterhielten sich. Sie sprachen von vielen Dingen und bestellten abwechselnd Whisky und Soda. Martin, der selbst viel vertragen konnte, wunderte sich doch, wieviel Brissenden trank, und alle Augenblicke unterbrach er das Gespräch, um über das, was der andere gesagt hatte, nachzudenken. Es dauerte nicht lange, bis er zu dem Ergebnis gekommen war, daß Brissenden alles wußte, und er stellte fest, daß dies der zweite Mann mit hochentwickelter Intelligenz war, den er getroffen hatte. Aber er bemerkte bald, daß Brissenden hatte, was Caldwell fehlte, die Glut, die scharfsinnige Urteilskraft, die flammende Unbeherrschtheit des Genies. Die Worte, die er sprach, lebten. Und seine dünnen Lippen, die wie die Stempel einer Maschine gegeneinanderschlugen, schleuderten Sätze hinaus, die sengten und brannten; dann wieder schlossen die dünnen Lippen sich zärtlich um den begonnenen Laut, den sie zu artikulieren im Begriff waren, und bildeten weiche, samtartige Sätze von einer seltenen Glut und Farbenpracht, von einer Schönheit, die ihn nicht losließ, und die von aller Mystik und Unergründlichkeit des Lebens widerhallte; und dann wieder waren die dünnen Lippen wie ein Signalhorn, dem schnarrende, disharmonische Töne entströmten, als wäre das ganze Weltall in Aufruhr geraten, Sätze, deren Klang silberrein war, die wie die ewigen Sterne leuchteten, die das letzte Wort der Wissenschaft und sogar noch mehr sprachen – Worte eines Dichters, übersinnliche Wahrheit, ausweichend und ohne Worte, die sie völlig ausdrücken konnten, die aber dennoch Ausdruck fanden in den feinen und nicht völlig greifbaren Nebenbedeutungen gewöhnlicher Worte. Dank seiner wunderbaren visionären Begabung sah er an den äußersten Vorposten des Erfahrungsmäßigen vorbei, wo die Erzählung keine Sprache fand, aber dennoch war es, als kleidete dieser Mann durch das goldene Wunder der Rede unbekannte Bedeutungen in bekannte Worte und brachte dadurch Martin Dinge zum Bewußtsein, die alltägliche Seelen niemals erreichten.

Martin vergaß den ersten unangenehmen Eindruck, den er von ihm gehabt hatte. Hier wurde das Beste, was die Bücher zu bieten hatten, Wahrheit. Hier war eine Intelligenz, ein lebendiger Mensch, zu dem er emporsehen konnte. »Ich liege im Staub zu deinen Füßen«, wiederholte Martin immer wieder bei sich. »Sie haben Biologie studiert«, sagte er laut.

Zu seiner Überraschung schüttelte Brissenden den Kopf.

»Aber Sie haben Worte ausgesprochen, die sich auf die Biologie stützen«, fuhr Martin fort und erhielt zum Lohn ein unverständliches Starren. »Ihre Schlüsse entsprechen den Büchern, die Sie gelesen haben müssen.«

»Das freut mich zu hören«, lautete die Antwort. »Daß mein bißchen zufälliges Wissen mich befähigen sollte, einen Richtweg nach der Wahrheit einzuschlagen, ist höchst beruhigend. Ich selbst habe mir noch nie die Mühe gegeben, herauszufinden, ob ich recht oder unrecht habe. Auf alle Fälle ist das ganz wertlos. Die letzte Wahrheit erfahren die Menschen ja doch nie.«

»Sie sind ein Schüler von Spencer!« rief Martin triumphierend.

»Ich habe ihn nicht gelesen, seit ich erwachsen bin. Das einzige, was ich von ihm kenne, ist seine ›Erziehung‹.«

»Ich möchte, ich könnte auch so zufällig Kenntnisse einsammeln«, rief Martin eine halbe Stunde später aus. Er hatte Brissendens geistige Verfassung einer eingehenden Analyse unterworfen. »Sie sind ein reiner Dogmatiker, und das macht es so wunderbar. Sie stellen dogmatisch die letzten Tatsachen auf, zu denen die Wissenschaft nur durch A-posteriori-Denken gelangen könnte. Sie ziehen ohne Mühe die richtigen Schlüsse, ja, Sie verstehen wirklich, Richtwege einzuschlagen. Durch einen Prozeß, der weit über dem gewöhnlichen Verstandesprozeß steht, fühlen Sie sich zum Lichte hindurch.«

»Ja, das war es, was sowohl Vater Joseph wie Bruder Dutton störte«, erwiderte Brissenden. »Ach nein«, fügte er hinzu. »Ich bin gar nichts. Das Schicksal hat es nur so gewollt, daß ich in ein katholisches Kollegium kam und dort meine Erziehung genoß. Aber wo haben Sie alles das gelernt, was Sie wissen?«

Und während Martin es ihm erzählte, war er eifrig bemüht, Brissenden zu studieren, eine Untersuchung, die sich von seinem langen, mageren, aristokratischen Gesicht und den abfallenden Schultern bis zu dem Überzieher auf dem Stuhl erstreckte, dessen Taschen vollgepfropft von Büchern schienen. Das Gesicht und die langen schmalen Hände Brissendens waren von der Sonne gebräunt – übermäßig gebräunt, wie es Martin schien. Diese verbrannte Haut störte Martin. Es lag auf der Hand, daß Brissenden kein Freiluftmensch war. Aber wie hatte ihn dann die Sonne so zurichten können? Es ist etwas Krankhaftes und Unheimliches in dieser Farbe, dachte Martin, als er wieder das Gesicht zu studieren begann, das schmal war, vorspringende Backenknochen, tiefe Höhlen in den Wangen und eine so feingebogene Nase hatte, wie Martin sie kaum je gesehen. An der Form der Augen war nichts Besonderes. Sie waren weder groß noch klein, und ihre Farbe war ein unbestimmtes Braun. Aber es schwelte eine Glut, oder vielmehr es lag ein Ausdruck in ihnen, der seltsam zwiespältig und widerspruchsvoll war. Trotzig, unbezähmbar und sogar ungewöhnlich hart, erregten sie doch gleichzeitig Martins Mitleid. Er merkte das und wußte nicht, woher es kam, aber er sollte es bald erfahren.

»Ach, ich bin schwindsüchtig«, sagte Brissenden einen Augenblick später ganz nebenbei, nachdem er kurz vorher erzählt hatte, daß er aus Arizona kam. »Ich bin ein paar Jahre des Klimas wegen dort gewesen.«

»Und fürchten Sie sich nicht, sich jetzt in dieses Klima zu wagen?«

»Mich fürchten?«

Er legte keinen besonderen Nachdruck auf das Wort. Aber Martin sah in dem asketischen Gesicht einen Ausdruck, der ihm sagte, daß der andere sich vor nichts auf der Welt fürchtete. Er kniff die Augen zusammen, daß sie an Adleraugen erinnerten, und Martin schnappte direkt nach Luft, als er den Adlerschnabel mit den weitaufgerissenen Nasenlöchern trotzig, fest und aggressiv vor sich sah. Das ist großartig, sagte er bei sich, und das Blut rollte ihm bei dem Gedanken schneller durch die Adern. Laut aber zitierte er:

»Unter den Knüppelschlägen des Schicksals
blutet mein Kopf, doch er beugt sich nicht.«

»Sie lieben Henley«, sagte Brissenden, und sein Gesicht nahm schnell den Ausdruck großer Liebenswürdigkeit und Milde an. »Ja, natürlich – was konnte man sonst von Ihnen erwarten! Ja! Henley! Eine tapfere Seele. Er steht hoch über den Reimschmieden unserer Zeit – den Reimschmieden der Zeitschriften. Wie ein Gladiator über einer Schar Eunuchen.«

»Ihnen gefallen die Zeitschriften nicht«, sagte Martin mit leisem Vorwurf.

»Ihnen etwa?« erwiderte der andere mit einer Wildheit, die Martin erschrecken ließ.

»Ich – ich schreibe – oder vielmehr – ich versuche – für Zeitschriften zu schreiben«, stotterte er.

»Das ist besser«, antwortete der andere besänftigt. »Sie versuchen zu schreiben, haben aber kein Glück. Ich achte und bewundere Ihre Fehlschläge. Ich weiß, was Sie schreiben. Das kann ich mit einem halben Auge sehen, und es ist eine Ingredienz darin, die es von den Zeitschriften ausschließt. Es steckt etwas darin, und dafür haben die Zeitschriften keinen Gebrauch. Die wollen nichts als Unsinn und Gewäsch, und, Gott weiß!, das kriegen sie; aber nicht von Ihnen.«

»Ich bin nicht erhaben über Gelegenheitsarbeit«, wandte Martin ein.

»Nein, im Gegenteil« – Brissenden hielt inne und ließ einen hochmütigen Blick über alles schweifen, was von Armut an Martin erzählte, von der abgetragenen Krawatte und dem ausgefransten Kragen bis zu den glänzenden Ärmeln und dem kleinen Riß an der Manschette, und zuletzt blieb der Blick an den eingefallenen Wangen haften –, »im Gegenteil, Gelegenheitsarbeit ist über Sie erhaben, so hoch, daß Sie nie hoffen dürfen, sie je zu erreichen. Ja, Mensch, ich könnte Sie beleidigen, indem ich Sie zum Essen einlüde!«

Martin fühlte ganz deutlich, wie ihm das Blut wider Willen in die Wangen stieg, und Brissenden lachte triumphierend.

»Ein satter Mann ist über eine solche Einladung nicht beleidigt«, schloß er.

»Sie sind ein Teufel!« rief Martin erbittert.

»Wieso, ich habe Sie ja gar nicht eingeladen!«

»Sie wagten es nicht?«

»Ach, das weiß ich nicht. Jetzt lade ich Sie ein.«

Brissenden erhob sich halb vom Stuhl, als wolle er gleich ins Restaurant gehen.

Martin ballte die Fäuste, und das Blut pochte ihm in den Schläfen. Plötzlich aber brach er in Lachen, in ein herzliches, gesundes Lachen aus. »Ich gestehe, daß Sie mich dazu bekommen, mich richtig zum Narren zu machen, Brissenden. Daß ich hungrig bin und Sie das wissen, sind nur ganz gewöhnliche Erscheinungen, es ist nichts Herabwürdigendes darin. Sehen Sie, ich lache über die konventionelle Moral der Herde, und da kommen Sie vorbei, sagen mir eine unangenehme Wahrheit, und sofort bin ich selbst ein Sklave dieser Moral.«

»Ja, Sie waren beleidigt«, bestätigte Brissenden.

»Vor einem Augenblick, ja. Es ist eines der Vorurteile aus meiner frühesten Jugend. Damals lernte ich diese Dinge, und sie prägen alles, was ich später gelernt habe.«

»Also kommen Sie und lassen Sie uns gemeinsam etwas essen.«

»Lassen Sie mich bezahlen«, antwortete Martin und versuchte, den letzten Whisky und Soda mit dem Kleingeld, das er von seinen zwei Dollar noch übrig hatte, zu bezahlen. Aber alles, was er erreichte, war, daß der Kellner, durch Brissenden eingeschüchtert, das Geld wieder auf den Tisch legte.

Martin steckte es mit einer Grimasse wieder ein und fühlte einen Augenblick, wie Brissendens Hand sich ihm freundlich auf die Schulter legte.

 

* * *

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