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Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
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Aber das Glück hatte Martins Adresse wieder vergessen und sandte seine Boten nicht mehr an seine Tür. Fünfundzwanzig Tage lang arbeitete er ununterbrochen, Sonn- und Feiertags, an einer langen Abhandlung von über dreitausend Zeilen: »Die Schande der Sonne.« Es war ein bewußter Angriff auf die Mystik der Maeterlinckschen Schule – ein Angriff aus der sicheren Burg der Naturwissenschaft auf die, die von Wundern träumten, aber ein Angriff voll so viel Schönheit und Mystik, wie es sich mit den absoluten Tatsachen vereinigen ließ. Kurz darauf folgten diesem Angriff zwei kleinere Abhandlungen, »Die Wunderträumer« und »Der Maßstab des Ichs«, und für diese drei Abhandlungen begann er nun die Reisekosten von einer Zeitschrift zur andern zu bezahlen.

In den fünfundzwanzig Tagen, die er an der großen Abhandlung arbeitete, hatte er für sechs Dollar fünfzig Cent Gelegenheitsarbeit verkauft. Ein Witz hatte ihm fünfzig Cent, ein anderer, den er an eines der besseren Witzblätter verkaufte, einen Dollar eingebracht, zwei humoristische Gedichte wurden mit zwei beziehungsweise drei Dollar bezahlt. Die Folge war, daß er, nachdem er seinen Kredit – der beim Krämer übrigens auf fünf Dollar gestiegen war – erschöpft hatte, wieder Fahrrad und Anzug zum Pfandleiher wandern lassen mußte. Das Schreibmaschinengeschäft schrie wieder nach Geld und behauptete mit großer Energie, daß die Miete der Übereinkunft zufolge im voraus erlegt werden müßte.

Durch die verschiedenen Annahmen ermutigt, kehrte Martin zur Gelegenheitsarbeit zurück. War das doch ein Beruf? Unter seinem Tisch lagen zwanzig Erzählungen, die die Korrespondenz für Kurzgeschichten zurückgesandt hatte. Er las sie durch, um sich darüber klar zu werden, wie man solche Dinge nicht schreiben dürfe, und dachte gleichzeitig nach, welches die vollkommene Form für derartige Arbeit sei. Er fand, daß die Kurzgeschichten für Zeitungen nie tragisch enden, nie in einer schönen Sprache geschrieben sein und nie scharfsinnige Gedanken oder wirklich zartere Gefühle enthalten durften. Selbstverständlich mußten Gefühle vorhanden sein – eine Menge feiner und edler Gefühle von der Art, wie sie früher, oben auf der Galerie, seine eigene Bewunderung erregt hatten, Gefühle von der Art: »Mit Gott für König und Vaterland« und »Ich bin arm, aber ehrlich«.

Als Martin diese Regeln gelernt hatte, las er, um sich den rechten Ton anzueignen, einige der Geschichten in »The Duchess« und begann damit, die Ingredienzien nach der gegebenen Formel zu mischen. Die Formel bestand aus drei Hauptpunkten: 1. Zwei Liebende kommen auseinander; 2. durch eine Tat oder ein Ereignis werden sie wieder vereinigt; 3. Hochzeitsglocken. Punkt drei war unabänderlich, während Punkt eins und zwei unendlich variieren durften. So konnten die zwei Liebenden aus mißverstandenen Motiven, durch Schickungen, durch eifersüchtige Nebenbuhler, aufgebrachte Eltern, listige Vormünder, berechnende Verwandte usw. getrennt werden; vereinigt werden konnten sie durch eine tapfere Tat des Helden, eine ähnliche Tat der Heldin, durch den wechselnden Sinn eines der Liebenden, durch ein erzwungenes Geständnis des gerissenen Vormundes oder des berechnenden Verwandten, das erzwungene oder freiwillige Geständnis des eifersüchtigen Nebenbuhlers, durch die Enthüllung eines Geheimnisses; oder auch der Liebende nahm das Herz der Geliebten im Sturm, er brachte ein edles Opfer und so weiter und so weiter. Sehr gut war es, das junge Mädchen frei zu lassen, wenn sie im Begriff waren, wieder vereinigt zu werden, und Martin entdeckte allmählich auch andere ausgesprochen pikante und rührende Kniffe. Die Hochzeitsglocken zum Schluß waren das einzige, mit dem er sich keine Freiheiten erlauben konnte; und wenn der Himmel einstürzte und die Sterne auf die Erde herabfielen, die Hochzeitsglocken mußten läuten. Was den Umfang betraf, so schrieb die Formel hundertzwanzig Zeilen als Minimum und hundertundfünfzig Zeilen als Maximum vor.

Bevor Martin noch sehr tief in die Kunst, Kurzgeschichten zu schreiben, eingedrungen war, hatte er bereits ein Dutzend fester Schemata entworfen, die er immer wieder zu Rate zog, wenn er seine Geschichten konstruierte, und mit ihrer Hilfe konnte er im Laufe einer Stunde die Skelette von einem Dutzend kleiner Erzählungen machen, die er beiseitelegte und ausfüllte, wenn er Zeit und Gelegenheit hatte. Er entdeckte, daß er nach einem Tag schwerer Arbeit, in der letzten Stunde, ehe er zu Bett ging, noch eine Erzählung niederschreiben konnte. Wie er Ruth später gestand, konnte er es fast im Schlaf. Die eigentliche Arbeit war die Anfertigung der Rahmen, und das geschah rein mechanisch.

Er hegte keinen Zweifel an der Unfehlbarkeit seiner Formel, und in dieser Beziehung kannte er wirklich die Anschauungsweise der Redakteure, so daß er mit großer Sicherheit auf Schecks rechnen konnte, und Schecks brachten sie denn auch, nach Verlauf von zwölf Tagen Schecks zu vier Dollar das Stück.

Unterdessen aber hatte er neue, beunruhigende Entdeckungen bezüglich der Zeitschriften gemacht. Obwohl das Transcontinental-Magazin »Glockenläuten« veröffentlichte, kam doch kein Scheck. Martin brauchte das Geld und mahnte. Eine ausweichende Antwort und die Bitte um weitere Mitarbeit von seiner Hand war alles, was er für seine Mühe bekam. Während er auf die Antwort wartete, hatte er zwei Tage gehungert, und jetzt brachte er wieder sein Rad ins Leihhaus. Regelmäßig zweimal wöchentlich schrieb er dem Transcontinental-Magazin, um seine fünf Dollar zu erhalten, konnte ihm aber nur hin und wieder eine Antwort entlocken. Er wußte nicht, daß die Zeitschrift seit mehreren Jahren nur ein sehr kümmerliches Dasein fristete, daß es ein Blatt vierten oder zehnten Ranges mit einem ständig abbröckelnden Leserkreis war, den es sich teils durch Aufdringlichkeit, teils durch einen kräftigen Appell an die patriotischen Gefühle der Leute verschafft hatte, wie denn auch die Anzeigen kaum etwas anderes als milde Gaben waren. Er wußte auch nicht, daß die Zeitschrift die einzige Einnahmequelle des Redakteurs und des Geschäftsführers bildete, und daß es nur existieren konnte, indem es von Lokal zu Lokal zog, ohne Miete oder sonst eine Rechnung zu bezahlen, wenn es sich irgend vermeiden ließ. Er konnte auch nicht wissen, daß die fünf Dollar, die ihm zukamen, vom Geschäftsführer annektiert waren, um Farbe zum Anstrich seines Hauses in Alameda zu kaufen – er besorgte das Anstreichen selbst Mittwochs und Sonnabends nachmittags, weil er kein Geld hatte, die Gewerkschaftslöhne zu bezahlen, und weil dem ersten Arbeitslosen, den er beschäftigt hatte, die Leiter umgefallen war, so daß er mit gebrochenem Schlüsselbein ins Krankenhaus geschafft werden mußte.

Die zehn Dollar, die Martin für »Die Schatzgräber« haben sollte, bekam er auch nicht. Der Aufsatz war gedruckt worden, davon vergewisserte er sich in der Bibliothek, aber er konnte nicht ein Wort von dem Redakteur herausbekommen. Seine Briefe wurden überhaupt nicht beantwortet, obgleich er, um sicher zu gehen, daß die Redaktionen sie erhielten, einige von ihnen eingeschrieben schickte. Er kam zu dem Ergebnis, daß dies Diebstahl, kaltblütiger Diebstahl war. Während er hungerte, wurde er um seine Ware, um die Verkaufsgegenstände gebracht, die seine einzige Möglichkeit waren, sich sein tägliches Brot zu verschaffen. Das »Jugendmagazin«, ein Wochenblatt, hatte zwei Drittel seiner zweitausendeinhundert Zeilen langen Erzählung veröffentlicht, aber dann geriet das Blatt in Konkurs, und damit schwand jede Hoffnung, die sechzehn Dollar, die er dafür haben sollte, je zu erhalten.

Aber das schlimmste war, daß »Der Topf«, den er für eine seiner besten Arbeiten hielt, für ihn ganz verloren war. In seiner Verzweiflung hatte er die Erzählung an »The Billow«, eine Zeitschrift der besseren Kreise, geschickt. Er hatte es hauptsächlich deshalb getan, weil der Brief nur über die Bucht von Oakland zu reisen brauchte und er daher auf schnelle Entscheidung rechnen konnte. Als er zwei Wochen später die Zeitschrift in der Bibliothek durchblätterte, hatte er die große Freude, seine Geschichte in der letzten Nummer mit Illustrationen versehen auf dem Ehrenplatz zu finden. Mit klopfenden Pulsen kehrte er heim und rechnete aus, wieviel sie ihm wohl für eine seiner besten Arbeiten, die er je geschrieben, bezahlen würden. Es war auch eine angenehme Überraschung, daß die Erzählung mit solcher Schnelligkeit angenommen wurde und erschienen war. Daß die Redaktion ihm die Annahme noch nicht mitgeteilt hatte, machte die Überraschung noch vollkommener. Nachdem er eine Woche und noch eine halbe dazu gewartet hatte, besiegte die Verzweiflung die Scham, er schrieb an den Herausgeber der Zeitschrift und deutete an, daß sein kleines Guthaben möglicherweise durch eine Vergeßlichkeit des Geschäftsführers übersehen wäre.

»Und wenn es nicht mehr als fünf Dollar sind,« sagte Martin bei sich, »so kann ich mir doch so viel Bohnen und Erbsen kaufen, daß ich ein Dutzend solcher Erzählungen und vielleicht ebenso gute schreiben kann.«

Die Antwort war ein kühler Brief des Redakteurs, der Martin zum mindesten Verwunderung entlockte.

»Wir danken Ihnen«, hieß es, »für Ihren ausgezeichneten Beitrag. Wir haben uns alle sehr gefreut; wie Sie sehen, haben wir Ihnen den Ehrenplatz gegeben und ihn sofort veröffentlicht. Wir hoffen, daß die Illustrationen Ihnen gefallen.

»Bei nochmaligem Durchlesen Ihres Briefes haben wir den Eindruck gewonnen, daß Sie sich der irrigen Vorstellung hingeben, wir bezahlten für eingesandte Manuskripte. Wir pflegen das nie zu tun und nahmen als selbstverständlich an, daß Sie hierüber orientiert waren. Wir können dies unglückliche Mißverständnis nur tief bedauern und versichern Sie unserer Hochachtung. Indem wir Ihnen noch einmal für Ihren freundlichen Auftrag danken und hoffen, recht bald weitere Arbeiten von Ihnen zu erhalten, verbleiben wir usw.«

Dann kam noch eine Nachschrift, aus der hervorging, daß das Blatt, trotzdem es nie Freiexemplare gab, sich das Vergnügen machte, ihn als Freiabonnenten für das kommende Jahr zu zeichnen.

Durch diese Erfahrung klüger geworden, schrieb Martin zu oberst auf die erste Seite seiner Manuskripte: »Zu Ihren üblichen Bedingungen.«

»Es kommt schon noch die Zeit,« tröstete er sich, »daß sie auf meine Bedingungen eingehen werden.«

Zu dieser Zeit entdeckte er in sich eine wahre Leidenschaft für Vollkommenheit, und unter der Herrschaft dieses Dranges schrieb er »Der Wein des Lebens«, »Die Freude«, »Seelyrik« und andere seiner früheren Erzählungen vollkommen um. Wie früher war ein neunzehnstündiger Arbeitstag tatsächlich zu kurz für ihn. Er schrieb ungeheuer viel und las ungeheuer viel. Und über all der Arbeit vergaß er die Qualen, die ihm der Verzicht auf das Rauchen verursachte. Namentlich, wenn er eine seiner Hungerperioden hatte, litt er schrecklich unter der Entbehrung des Tabaks; und wenn er auch immer wieder seine heftige Sehnsucht besiegte, so blieb sie dennoch so stark wie je. Das war für ihn das Größte, was er je getan hatte. Ruths Auffassung war, daß er nur tat, was richtig war; sie brachte ihm das versprochene Mittel gegen das Rauchen, das sie für ihr Taschengeld gekauft hatte, und nach einigen Tagen hatte sie die Sache schon vergessen.

Seine Kurzgeschichtenfabrik, die er selbst haßte und verachtete, arbeitete nichts destoweniger erfolgreich. Mit ihrer Hilfe konnte er alle seine verpfändeten Besitztümer einlösen, fast alle seine Schulden bezahlen und sich neue Fahrradreifen kaufen. Diese kleinen Erzählungen hielten also mindestens den Topf am Kochen und ließen ihm dabei Zeit zu anspruchsvollerer Arbeit; aber das einzige, was seinen Mut hoch hielt, waren die vierzig Dollar, die er von der »Weißen Maus« erhalten hatte. Sie stärkten seinen Glauben, und er war überzeugt, daß wirklich erstklassige Zeitschriften einen unbekannten Autor ebenso, wenn nicht besser bezahlen würden. Aber die Frage war, wie er es machen sollte, bei den erstklassigen Zeitschriften anzukommen. Seine besten Erzählungen, Abhandlungen und Gedichte gingen immer noch zwischen ihnen hin und her, und doch las er jeden Monat Seite für Seite langweiligen, unkünstlerischen Stoff in den verschiedenen Zeitschriften. »Wenn doch nur ein einziger Redakteur einmal«, dachte er zuweilen, »von seinem Piedestal heruntersteigen und mir eine einzige armselige Zeile schreiben wollte! Mag meine Arbeit auch ungewöhnlich und ihrer Ansicht nach daher ungeeignet für sie sein, so müssen doch irgendwo ein paar Funken darin stecken, die sie zu einer Art Anerkennung entflammen können.«

Und hierauf nahm er sich irgendeines seiner Manuskripte, zum Beispiel »Abenteuer« vor, las es immer wieder durch und versuchte sich vergeblich das Schweigen der Redakteure zu erklären.

Als aber dann das schöne kalifornische Frühjahr kam, war seine gute Zeit wieder vorbei. Seit Wochen hatte die Feuilletonkorrespondenz ein unerklärliches, höchst störendes Schweigen bewahrt, bis er eines Tages mit der Post zehn seiner tadellosen, fabrikmäßig hergestellten Erzählungen zurückerhielt. Sie wurden von einem kurzen Schreiben begleitet, in dem die Korrespondenz ihm mitteilte, daß der Markt überfüllt sei, und daß es Monate dauern könnte, ehe sie weitere Manuskripte annehmen würde. Martin hatte sich im Vertrauen auf die zehn Erzählungen sogar kleine Extravaganzen erlaubt. Bisher hatte die Korrespondenz fünf Dollar das Stück bezahlt und alles, was er ihnen einsandte, angenommen, so daß er auch diese Erzählungen schon als verkauft betrachtet und so gelebt hatte, als hätte er fünfzig Dollar auf der Bank liegen. Und jetzt stand er plötzlich einer mageren Zeit gegenüber, in der er seine früheren Arbeiten an Unternehmer, die nichts bezahlten, verkaufen oder seine späteren Arbeiten an Zeitschriften, die nicht kauften, schicken mußte. Er mußte wiederum seinen Gang nach dem Leihhaus in Oakland aufnehmen. Mit Hilfe einiger Witze und kleiner humoristischer Verse, die an New-Yorker Wochenblätter verkauft wurden, konnte er eben das Leben fristen. Um diese Zeit richtete er eine Anfrage an die verschiedenen großen Monats- und Vierteljahresschriften und erhielt die Antwort, daß sie selten eingesandte Arbeiten nähmen, daß vielmehr ihre meisten Beiträge auf Bestellung von bekannten Spezialisten geschrieben wären, die auf den verschiedenen Gebieten Autoritäten seien.

 

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