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Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 24
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
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»Hör' mal, Joe«, begrüßte er seinen alten Arbeitsgenossen am nächsten Morgen. »Da ist ein Franzose in der achtundzwanzigsten Straße. Der hat eine Menge Geld verdient und will nach Frankreich zurückkehren. Er hat eine tadellos eingerichtete kleine Dampfwäscherei. Das wäre etwas für dich, wenn du Lust hast, dich niederzulassen. Hier nimm; kauf' dir eine neue Kluft und sei um zehn bei dem Mann im Bureau. Er hat sich für mich nach der Wäscherei erkundigt, wird dich hinbegleiten und dir alles zeigen. Wenn sie dir gefällt, und wenn du meinst, daß sie so viel wert ist, wie der Mann verlangt (zwölftausend), so laß es mich wissen, und sie gehört dir. Also los! Ich hab' zu tun. Wir sehen uns später.«

»Weißt du, Mart«, sagte der andere langsam mit steigender Erbitterung. »Ich komme heute morgen her, um dich zu besuchen. Savve! Nicht, um eine Wäscherei zu kriegen. Ich bin gekommen, um mich aus alter Freundschaft mit dir zu unterhalten, und da schmeißt du mir eine Wäscherei an den Kopf. Ich will dir was sagen – du kannst die Wäscherei nehmen und zum Teufel gehen.«

Er wollte das Zimmer verlassen, aber Martin packte ihn an der Schulter und wirbelte ihn herum.

»Paß auf, Joe,« sagte er, »wenn du dich so benimmst, vermöble ich dir den Kopf, und, aus alter Freundschaft, nicht zu knapp. Savve! Also, was meinst du?«

Joe hatte ihn gepackt und versuchte, ihn umzuwerfen, und im nächsten Augenblick taumelten sie eng umschlungen durch das Zimmer, bis sie krachend gegen einen Korbstuhl stießen, der unter ihnen zusammenbrach. Joe lag unten, Martins Knie auf der Brust und die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt. Als Martin ihn losließ, stöhnte er und schnappte nach Luft.

»Jetzt können wir einen Augenblick miteinander reden«, sagte Martin. »Du wirst nicht so leicht mit mir fertig. Zuerst will ich das Geschäft mit der Wäscherei in Ordnung haben. Dann kannst du wiederkommen, und wir reden miteinander, aus alter Freundschaft. Ich hab' dir gesagt, daß ich Eile habe. Guck' dir das an!«

Ein Kellner hatte soeben mit der Morgenpost eine große Menge Briefe und Zeitschriften gebracht.

»Wie kann ich durch die hindurchkommen und dann noch mit dir schwatzen? Geh nun und bring die Geschichte mit der Wäscherei in Ordnung, nachher können wir uns wieder treffen.«

»Also schön«, meinte Joe widerstrebend. »Ich dachte, du wolltest dich über mich lustig machen, aber ich scheine mich ja geirrt zu haben. Aber verprügeln kannst du mich nicht, Mart. Ich werde doch noch mit dir fertig.«

»Wir können uns ja mal Boxhandschuhe anziehen und es versuchen«, sagte Martin lächelnd.

»Jawohl, sobald ich die Wäscherei in Gang habe.« Joe streckte den Arm aus. »Guck' dir den an! Der wird schon mit dir fertig werden.«

Martin seufzte erleichtert auf, als die Tür sich hinter dem früheren Wäschereimann schloß. Er war jetzt auf dem Punkte angelangt, wo er es nicht mehr ertragen konnte, mit andern zusammen zu sein. Von Tag zu Tag fiel es ihm schwerer, höflich zu bleiben. Die Anwesenheit anderer störte ihn, und die Anstrengung, die es ihn kostete, mit ihnen zu sprechen, reizte ihn. Sie machte ihn nervös, und kaum war er mit ihnen zusammengekommen, so suchte er auch schon nach Entschuldigungen, um sie wieder loszuwerden.

Er ließ die Post unbeachtet liegen, blieb eine halbe Stunde tatenlos in einem Sessel sitzen, während Gedanken, so undeutlich, daß sie nicht Gedanken genannt werden konnten, durch seinen Verstand sickerten, oder vielmehr mit langen Zwischenräumen die flackernde Tätigkeit seines Hirns ausmachten.

Dann nahm er sich zusammen und begann seine Post zu untersuchen. Es waren ein Dutzend Bitten um Autogramme – er erkannte sie schon an der Aufschrift; berufsmäßige Bettelbriefe und Briefe von allerlei Leuten mit phantastischen Ideen – von dem Manne, der das Perpetuum mobile bauen wollte, und dem, der behauptete, daß die Oberfläche der Erde die Innenseite einer Kugel sei, bis zu dem Manne, der pekuniäre Unterstützung zum Ankauf der Halbinsel Niederkalifornien wünschte, um eine kommunistische Kolonie daraus zu machen. Da waren Briefe von Damen, die seine Bekanntschaft zu machen wünschten, und einer entlockte ihm ein Lächeln, denn die Schreiberin legte eine Mietquittung für den Kirchenstuhl bei als Beweis für ihre reellen Absichten und ihre Achtbarkeit.

Redakteure und Verleger gaben ihren täglichen Beitrag zu dem Briefhaufen – Redakteure, die um Manuskripte flehten und bettelten, und Verleger, die sich in den Staub warfen, um seine Bücher zu erhalten – seine armen, verachteten Manuskripte, die ihn so viele traurige Monate hindurch gezwungen hatten, alles, was er besaß, zu versetzen, damit er sie mit Briefmarken versehen konnte. Dann kamen unerwartete Schecks für Erzählungen, die in englischen Blättern abgedruckt worden waren, und Akontozahlungen für fremdsprachige Ausgaben. Sein Agent in England teilte ihm mit, daß er das deutsche Übersetzungsrecht für drei seiner Bücher verkauft hätte, daß ferner schwedische Ausgaben – für die er nichts erhielt, da Schweden noch nicht der Berner Konvention angehörte – bereits erschienen wären. Endlich eine Bitte um Erlaubnis zur Übersetzung ins Russische – Rußland gehörte, wie Schweden, noch nicht der Berner Konvention an.

Er wandte sich dem mächtigen Haufen von Ausschnitten zu, die das Bureau ihm gesandt hatte, und las von sich und seinen Erfolgen, Erfolgen, die allmählich direkt phantastische Formen angenommen hatten. Seine ganze literarische Produktion war dem Publikum mit einem einzigen mächtigen Wurf ins Gesicht geschleudert worden. Das war wohl die Erklärung. Er hatte der Leserwelt die Beine unter dem Leibe weggezogen, wie Kipling es getan hatte, als er auf den Tod darniederlag und der ganze Pöbel – angespornt von einem Gedanken, der im Pöbelhirn entstanden war – ihn plötzlich zu lesen begann. Martin erinnerte sich, wie derselbe Pöbel, der Kipling damals gelesen und ihm zugejubelt hatte, ohne ein Wort von ihm zu verstehen, sich plötzlich, ein paar Monate später, über ihn hergestürzt und ihn in Stücke gerissen hatte. Martin lächelte bitter. Wer war er, daß er nicht in wenigen Monaten eine ähnliche Behandlung erwarten konnte? Aber er wollte sie narren. Zu der Zeit war er fort, in der Südsee, wo er mit Perlen und Kopra handeln, in gebrechlichen Auslegerkanus über Riffe setzen, Haie und Boniten fangen und wilde Ziegen zwischen den Felsen beim Taiohaetal jagen wollte.

In dem Augenblick, als seine Gedanken sich mit alledem beschäftigten, erkannte er plötzlich, wie verzweifelt seine Lage war. Er sah deutlich, daß er sich im Schattental befand. Alles Leben in ihm siechte hin und suchte den Tod. Es war ihm klar, wieviel er schlief, und wieviel Schlaf er sich wünschte. Früher hatte er den Schlaf gehaßt. Der hatte ihm nur die teuren Minuten geraubt, die das Leben ihm schenkte. Vier Stunden Schlaf von vierundzwanzig waren gleichbedeutend damit, daß er um vier Stunden Leben betrogen wurde. Wie zornig war er doch auf den Schlaf gewesen! Jetzt war er zornig auf das Leben. Das Leben war nichts Gutes. Sein Nachgeschmack war fade und bitter. Hier lag die Gefahr für ihn. Leben, das nicht nach Leben trachtete, war im Begriff, aufzuhören. Tief im Innern regte sich der Selbsterhaltungstrieb, und er wußte, daß er sehen mußte, fortzukommen. Er sah sich im Zimmer um, und der Gedanke, packen zu müssen, war ihm zuwider. Vielleicht war es am besten, das bis zuletzt aufzuschieben. Inzwischen mußte er sich die notwendige Ausrüstung beschaffen.

Er nahm seinen Hut und ging zu einem Büchsenmacher, wo er den ganzen Vormittag damit verbrachte, Gewehre, Munition und Angelgerät zu kaufen. Da auch in der Südsee die Moden wechselten, wußte er, daß er die Waren, die er zum Tauschhandel brauchte, erst in Tahiti bestellen konnte. Sie konnten allenfalls aus Australien bestellt werden. Diese Lösung freute ihn. Er brauchte jetzt nichts zu tun, und es war ihm im Augenblick unangenehm, irgend etwas zu tun. Froh begab er sich wieder in sein Hotel, mit dem angenehmen Gefühl, daß der bequeme Klubsessel auf ihn wartete, und er stöhnte innerlich, als er beim Eintritt Joe auf dem Sessel sitzen sah.

Joe war von der Wäscherei begeistert. Alles war vereinbart, und er sollte sie schon am nächsten Tage übernehmen. Martin lag mit geschlossenen Augen auf dem Bett, während der andere redete. Seine Gedanken waren weit fort – so weit, daß er sich ihrer nur hin und wieder bewußt wurde. Nur mit Mühe ermannte er sich hin und wieder, um auf Joes Bemerkungen zu antworten. Und doch war Joe es, den er immer gern gehabt hatte. Aber Joe war zu sehr auf das Leben versessen. Seine lärmende Lebensfreude war eine Qual für Martins erschöpftes Gehirn. Sie war wie eine schmerzende Sonde in seinem müden Nervensystem, und als Joe ihn daran erinnerte, daß sie die Boxhandschuhe anziehen und einen Gang miteinander wagen wollten, hätte er fast schreien können. »Vergiß nicht, Joe, daß du die Wäscherei nach den alten Regeln betreibst, die du mir in Shelley Hot Springs vorgetragen hast. Keine Überanstrengung. Keine Nachtarbeit. Und keine Kinder an den Mangeln. Überhaupt keine Kinder. Und gute Löhne.«

Joe nickte und zog sein Notizbuch hervor.

»Sieh mal her. Ich hab' heute vor dem Frühstück die Regeln ausgearbeitet. Was meinst du dazu?«

Er las sie vor, und Martin gab seine Zustimmung, während er gleichzeitig darüber nachdachte, wann Joe wohl abziehen würde.

Es war spät am Nachmittag, als er erwachte. Langsam besann er sich auf die Tatsachen des Lebens. Er sah sich in der Stube um, Joe hatte sich offenbar fortgeschlichen, als er eingeschlafen war. Das war rücksichtsvoll von Joe, dachte er. Dann schloß er die Augen und schlief wieder ein.

In den folgenden Tagen war Joe zu sehr mit der Einrichtung und Übernahme der Wäscherei beschäftigt, um ihn viel zu quälen; und erst am Tage vor seiner Abreise meldeten die Zeitungen, daß er mit der Mariposa fuhr.

Als sein Selbsterhaltungstrieb einmal aufflammte, ging er zu einem Arzt und ließ sich gründlich untersuchen. Aber der Arzt konnte nichts finden. Herz und Lungen wurden für vorzüglich erklärt. Jedes Organ war, soweit der Arzt sehen konnte, normal und arbeitete normal.

»Es ist nichts mit Ihnen, Herr Eden«, sagte er. »Nicht das geringste. Sie sind glänzend in Form. Offengestanden beneide ich Sie um Ihre Gesundheit. Die ist großartig. Diese Brust! Hier und in Ihrem Magen liegt das Geheimnis Ihrer ungewöhnlichen Konstitution. Unter Tausenden – unter Zehntausenden findet man einen von Ihrer Gesundheit. Sie müßten hundert Jahre alt werden können.«

Und Martin wußte, daß Lizzies Diagnose richtig gewesen war. In körperlicher Beziehung fehlte ihm nichts. Seine Denkmaschine war entzwei, und dafür gab es keine Heilung außer der Reise in die Südsee. Das Unglück war, daß er jetzt, als die Abfahrt vor der Tür stand, keine Lust zur Reise hatte. Die Südsee reizte ihn nicht mehr als die Bourgeoisie mit ihrer oberflächlichen Kultur. Der Gedanke an die Abreise freute ihn nicht, und die Handlung an sich erschreckte ihn als körperliche Anstrengung. Er hätte sich besser gefühlt, wenn er schon an Bord gewesen wäre.

Der letzte Tag war eine arge Prüfung. Bernard Higginbotham hatte in der Morgenzeitung von Martins Abreise gelesen, und er und Gertrude, sowie Hermann von Schmidt und Marian kamen, um Abschied zu nehmen. Dann gab es Geschäfte zu erledigen, Rechnungen zu bezahlen und die ewigen Reporter, denen man nicht entgehen konnte. Vor der Abendschule nahm er hastig von Lizzie Connolly Abschied und eilte fort. Im Hotel traf er Joe an, der am Tage zuviel zu tun gehabt hatte, um früher kommen zu können. Er war der Tropfen, der den Becher fast zum Überfließen gebracht hätte, aber Martin packte die Lehne seines Sessels und redete und lauschte eine halbe Stunde.

»Du weißt, Joe,« sagte er, »daß du nicht an die Wäscherei gebunden bist. Es ist keine Verpflichtung damit verknüpft. Du kannst sie jederzeit verkaufen und das Geld durchbringen. Wenn du keine Lust mehr hast und wieder vagabundieren willst, dann zieh dich von ihr zurück. Du sollst nur tun, was dich am glücklichsten macht.«

Joe schüttelte den Kopf.

»Nein, von der Landstraße hab' ich genug, danke schön. Vagabundieren ist schön und gut, aber eines fehlt einem – die Mädels. Ich kann nichts dafür, aber ich bin nun mal ein Damenfreund. Ich kann nicht ohne Mädels fertig werden, und wenn man wandert, muß man es. Immer, wenn ich an Häusern vorbeikam, wo es Bälle und Gesellschaften gab, und ich die Frauen lachen hörte und ihre weißen Kleider und lachenden Gesichter durch die Fenster sah – ach ja! ich sage dir, dann hatte ich immer ein Gefühl, als säße ich in der Hölle. Ich tanze viel zu gern, spaziere im Mondschein und alles das. Nein, laß mir die Wäscherei, eine anständige Kluft und hübsche Dollars in der Hosentasche! Ich hab' schon ein Mädel gesehen, gestern, und ich hätte verdammt Lust, sie zu heiraten. Den ganzen Tag hab' ich schon beim Gedanken an sie gepfiffen. Sie ist eine Schönheit, mit den freundlichsten Augen und der sanftesten Stimme, die du je gehört hast. Ja, die soll es werden, darauf kannst du Gift nehmen. Sag' mal, warum heiratest du eigentlich nicht, mit all dem Geld, das du durchzubringen hast? Du könntest doch das feinste Mädel im ganzen Lande haben.«

Martin schüttelte lachend den Kopf, aber im Innersten dachte er darüber nach, wie ein Mensch Lust haben konnte, zu heiraten. Ihm erschien das als etwas Erstaunliches und Unverständliches.

Vom Deck der Mariposa aus sah er bis zur Abfahrt Lizzie Connolly, halb von der Menge verdeckt, stehen. »Nimm sie mit«, flog ihm ein Gedanke durch den Kopf. »Es ist so leicht, freundlich zu sein, und es wäre ein unsagbares Glück für sie.« Einen Augenblick war es ihm fast eine Verlockung, aber im nächsten Augenblick entsetzte er sich darüber. Der Gedanke jagte ihm Schrecken ein. Seine müde Seele protestierte wild. Stöhnend wandte er sich von der Reling fort und murmelte: »Mensch, du bist ja zu krank, du bist ja zu krank!«

Er floh in seine Kabine, wo er blieb, bis der Dampfer die Reede verlassen hatte. Beim Frühstück im Speisesaal saß er auf dem Ehrenplatz rechts vom Kapitän und entdeckte bald, daß er der große Mann an Bord war. Nie aber war ein unbefriedigterer großer Mann Passagier eines Ozeandampfers gewesen. Er verbrachte den Nachmittag mit geschlossenen Augen auf einem Deckstuhl, schlief fast den ganzen Tag und ging früh zu Bett.

Nach dem zweiten Tage zeigten sich die Passagiere, die sich von der Seekrankheit erholt hatten, vollzählig, und je mehr er von ihnen sah, desto mehr waren sie ihm zuwider. Und doch wußte er, daß er ungerecht war. Sie waren gute freundliche Menschen, was er sich einzugestehen zwang, aber im Augenblick dieses Eingeständnisses schränkte er es auch schon ein: Gut und freundlich, wie die ganze Bourgeoisie, mit all der psychologischen Engherzigkeit und intellektuellen Unzulänglichkeit ihrer Art. Die Älteren langweilten ihn, wenn er mit ihnen sprach, weil ihre kleinen oberflächlichen Gehirne nur Leere zeigten, und die Jugend erschreckte ihn durch ihre lärmende Lebensfreude und ihre ungeheure Energie. Sie war nie ruhig, spielte stets irgendein Gesellschaftsspiel an Deck, warf Ringe, promenierte oder schoß mit lauten Rufen an die Reling, um die springenden Tümmler und die ersten Scharen fliegender Fische zu sehen.

Er schlief viel. Nach dem Frühstück suchte er mit einer Zeitschrift, deren Lektüre er nie beendete, seinen Deckstuhl auf. Die gedruckten Buchstaben ermüdeten ihn. Er grübelte darüber, daß die Menschen so vieles fanden, worüber sie schreiben konnten, und grübelnd schlief er auf seinem Stuhl ein. Als der Gong ihn zum Frühstück weckte, war er gereizt, daß er aufwachen mußte. Das Erwachen war keine Freude.

Einmal versuchte er, sich aus seiner Schlaffheit herauszurütteln, und ging in die Back zu den Matrosen. Aber es schienen nicht mehr die gleichen Matrosen zu sein, mit denen er in der Back gefahren war. Mit diesen tierischen Geschöpfen mit ihren schlaffen Gesichtern und ihren Hirnen wie Ochsen fühlte er nicht die geringste Verwandtschaft. Er war verzweifelt. In den oberen Klassen gab es niemand, der sich aus Martin Eden um seiner selbst willen etwas machte, und zu seiner eigenen Klasse, die ihn früher so gern gesehen, konnte er nicht zurück. Er wollte es nicht. Er konnte sie ebensowenig ertragen wie die stumpfsinnigen Passagiere der ersten Klasse und die selbstzufriedenen jungen Leute.

Das Leben war für ihn wie starkes weißes Licht, das den müden Augen eines Kranken wehtut. In jedem bewußten Augenblick flammte das Leben rings wie ein brutales Licht. Es schmerzte – schmerzte unerträglich. Es war das erstemal in seinem Leben, daß Martin in der ersten Klasse reiste. Sonst war er stets in der Back, im Zwischendeck oder in der schwarzen Tiefe des Heizraumes, wo er Kohlen schaufelte, gefahren. Wenn er in jenen Tagen auf eisernen Leitern aus dieser erstickenden Höhle kletterte, hatte er oft die Passagiere gesehen, die in ihren kühlen weißen Kleidern, ohne etwas anderes zu tun, als sich zu belustigen, unter dem Sonnensegel saßen, das aufgespannt war, um Sonne und Wind abzuhalten, während ehrerbietige Stewards für Befriedigung jedes Bedürfnisses und jeder Laune sorgten, und er hatte gedacht, daß das Reich, in dem sie lebten und zu Hause waren, ein wahres Paradies sein müßte. Nun, und jetzt saß er hier, als Mittelpunkt der Gesellschaft, zur Rechten des Kapitäns, und sehnte sich vergebens nach Back und Heizraum zurück, um dort das verlorene Paradies wiederzufinden. Er hatte kein neues Paradies gefunden, und auch das alte war nicht mehr erreichbar.

Er versuchte, sich zusammenzunehmen und etwas zu finden, das ihn interessieren konnte. Er wagte sich in die Messe der Deckoffiziere und freute sich, als er wieder draußen war. Er unterhielt sich mit einem Quartiermeister der Freiwache, einem intelligenten Mann, der ihn sofort mit sozialistischer Propaganda überfiel und ihm ein ganzes Paket Druckschriften in die Hand steckte. Er hörte diesem Manne zu, der seine Sklaventheorien entwickelte, und dachte dabei schlaff an seine eigene Nietzsche-Philosophie. Aber welchen Wert hatte das alles?

So elend er sich auf dem Dampfer fühlte, überkam ihn bald noch ein neues Elend. Was geschah, wenn der Dampfer Tahiti erreichte? Er mußte an Land gehen. Er mußte seine Handelsware bestellen, einen Schoner für die Fahrt nach den Marquesas suchen und überhaupt Tausende von Dingen tun, an die zu denken so furchtbar war. Jedesmal, wenn er sich zusammennahm, um ernsthaft darüber nachzudenken, wurde ihm die furchtbare, gefährliche Situation klar, in der er sich befand. Er war wirklich im Schattental, und die Gefahr lag darin, daß er sich nicht fürchtete. Hätte er sich nur gefürchtet, so würde er dem Leben zugestrebt sein. Da er sich aber nicht fürchtete, trieb er immer tiefer in den Schatten hinein. Er fand keine Freude an den alten vertrauten Dingen des Lebens. Die Mariposa fuhr jetzt im Nordostpassat, und der berauschende Wind, der ihm entgegenwehte, irritierte ihn. Er hatte seinen Stuhl fortgerückt, um der Umarmung dieses lustigen Kameraden aus alten Tagen und Nächten zu entgehen.

Der Tag, an dem die Mariposa die Kalmenzone erreichte, war schlimmer als je. Er konnte nicht mehr schlafen. Er war von Schlaf gesättigt und mußte sich jetzt wach halten und das starke weiße Licht des Lebens über sich ergehen lassen. Rastlosigkeit erfüllte ihn. Die Luft war klebrig und feucht, und die Regenschauer erfrischten ihn nicht. Er ging an Deck umher, bis es ihn schmerzte, und saß dann auf seinem Stuhl, bis er wieder umhergehen mußte. Schließlich zwang er sich, seine Zeitschrift zu Ende zu lesen, und holte sich dann ein paar Bände aus der Bibliothek des Dampfers. Aber die konnten ihn nicht fesseln, und von neuem begann er umherzugehen.

Nach dem Essen blieb er bis spätabends an Deck. Aber es half ihm nichts, denn als er in seine Kabine kam, konnte er nicht schlafen. Diese Unterbrechung des Lebens ließ ihn auch im Stich. Das war zuviel. Er schaltete das elektrische Licht ein und versuchte zu lesen. Eines der Bücher, die er aus der Bibliothek geholt hatte, war ein Gedichtband von Swinburne. Er lag in seiner Koje und guckte in das Buch, bis er plötzlich merkte, daß er sich für das, was er las, interessierte. Er las das Gedicht zu Ende, versuchte dann weiterzulesen, kam aber wieder darauf zurück. Er legte das aufgeschlagene Buch auf seine Brust und begann nachzudenken. Ja, das war es – eben das! Seltsam, daß es ihm noch nie eingefallen war! Das war der Sinn des Ganzen; soweit war er getrieben, und jetzt hatte Swinburne ihm den glücklichen Ausgang gezeigt. Er brauchte Ruhe, und hier wartete sie seiner. Er sah auf das offene Kuhauge. Ja, es war groß genug. Zum erstenmal seit vielen Wochen fühlte er sich glücklich. Jetzt endlich hatte er gefunden, was ihn aus allem Elend befreien konnte. Er ergriff das Buch und las sich das Gedicht laut vor:

»Von zuviel Lebenshoffnung,
Von Furcht und Hoffen frei,
Danke ich im Gebete
Dem Gott, wer er auch sei,
Daß nie ein Leben ewig,
Kein Toter aufersteht,
Und jeder noch so müde
Fluß still im Meer vergeht.«

Dann sah er wieder auf das offene Kuhauge. Swinburne hatte ihm den Schlüssel gegeben. Das war böse, oder, vielmehr, es war böse geworden – unerträglich. »Kein Toter aufersteht.« Diese Zeile durchbebte ihn mit dem tiefen Gefühl der Dankbarkeit. Das war das einzige Wohltuende im ganzen Universum. Wenn das Leben zu Last und Qual wurde, dann war der Tod bereit, ihn zur ewigen Ruhe zu führen. Worauf wartete er? Es war Zeit, zu gehen.

Er erhob sich, steckte den Kopf durch das Kuhauge und sah auf das milchweiße Kielwasser hinab. Die Mariposa war schwer beladen, und wenn er an den Händen hing, konnte er mit den Füßen das Wasser berühren. Er konnte sich hinabgleiten lassen, ganz still. Niemand hörte es. Schaumspritzer trafen sein Gesicht. Das schmeckte nach Salz, und der Geschmack sagte ihm zu. Er dachte, ob er ein Schwanenlied schreiben sollte, schob den Gedanken aber lächelnd beiseite. Er hatte keine Zeit, war zu ungeduldig.

Er schaltete das Licht in seiner Kabine aus, damit es ihn nicht verriet, und schwang sich dann, mit den Beinen voran, zum Kuhauge hinaus. Die Schultern zwängten sich fest, und er kletterte zurück, um es nochmals zu versuchen, wobei er den einen Arm an die Seite preßte. Ein Rollen des Dampfers half ihm, und jetzt war er hindurch und hing nur noch an den Händen. Sobald seine Füße das Wasser berührten, ließ er los. Er befand sich mitten in dem milchweiß schäumenden Kielwasser. Der Rumpf der Mariposa schoß wie eine dunkle, hie und da von einem erleuchteten Kuhauge unterbrochene Mauer vorbei. Das Schiff hatte wirklich Eile. Fast ehe er es wußte, war er zurückgeblieben und schwamm ganz gleichmäßig auf der schaumknisternden Oberfläche.

Ein Bonite stieß gegen seinen weißen Körper, und er lachte laut. Er hatte ihm ein Stück aus der Seite gerissen, und der Schmerz mahnte ihn, warum er hier war. Weil er etwas zu tun gehabt, hatte er den Zweck vergessen. Die Lichter der Mariposa verschwanden in der Ferne, und er schwamm hier so zuversichtlich, als beabsichtigte er, die nächste Küste, die an tausend Meilen entfernt war, zu erreichen.

Es war ein rein automatischer Selbsterhaltungstrieb. Er hörte auf zu schwimmen, aber im Augenblick, als das Wasser seinen Mund erreichte, hob er sich mit einer hastigen Bewegung. Der Lebenswille, dachte er und lachte höhnisch. Nun ja, jetzt hatte er einen Willen – ja, einen Willen, der stark genug war, sich selbst mit einer letzten Anstrengung zu vernichten.

Er änderte seine Stellung, so daß er senkrecht im Wasser stand. Er sah zu den ruhigen Sternen empor und entleerte gleichzeitig seine Lungen von aller Luft. Mit einer schnellen, kräftigen Bewegung von Händen und Füßen hob er Schulter und Brust aus dem Wasser. Das tat er, um schneller zu sinken. Dann erschlafften seine Muskeln, und er sank reglos wie eine weiße Statue durch die Wogen hinab. Er atmete tief, mit voller Überlegung, wie ein Mann, der ein Betäubungsmittel einatmet. Als er am Ersticken war, begannen seine Arme und Beine sich ganz unwillkürlich im Wasser zu bewegen und ihn wieder an die Oberfläche, zu den klaren, auf ihn herabblickenden Sternen zu treiben. Der Lebenswille, dachte er verächtlich, während er vergebens die Luft aus seinen berstenden Lungen fernzuhalten suchte. Nun, dann mußte er es eben anders versuchen. Er füllte die Lungen mit Luft – so voll er konnte. Mit diesem Luftvorrat konnte er tief hinabgelangen. Dann drehte er sich um und ließ sich, den Kopf voran, in das Wasser gleiten, indem er aus allen Kräften und mit Aufbietung seines ganzen Willens schwamm. Immer tiefer hinab kam er, während er mit offenen Augen die unheimlich phosphoreszierenden Spuren der pfeilschnellen Boniten beobachtete. Während er schwamm, wünschte er nur, daß sie ihn nicht trafen, denn das konnte vielleicht seinen Willen erschlaffen lassen. Aber sie trafen ihn nicht, und er fand Zeit, für diese letzte Freundlichkeit des Lebens dankbar zu sein.

Tief, tief hinab schwamm er, bis Arme und Beine ermüdeten und er sich kaum noch bewegen konnte. Er wußte, daß er in der Tiefe war. Der Druck auf seinen Trommelfellen war eine Qual, in seinem Kopf summte es. Es war fast unerträglich, aber er zwang Arme und Beine, ihn noch tiefer zu treiben, bis sein Wille nachließ und die Luft krachend wie eine Explosion aus seinen Lungen fuhr. Die Blasen rieben sich wie winzige Ballons auf ihrem Wege nach oben an seinen Wangen. Dann kam Schmerz und Würgen. Diese Qual ist nicht der Tod; das war der Gedanke, der durch sein schwindendes Bewußtsein ging. Der Tod schmerzte nicht. Dies war das Leben, die Qual des Lebens, das furchtbar würgende Gefühl: Dies ist der letzte Schlag, den das Leben gegen ihn richten konnte. Seine eigenwilligen Hände begannen krampfhaft und kraftlos um sich zu schlagen. Aber er hatte sie und den Willen, der sie um sich schlagen ließ, zum Narren gehalten. Er war zu tief drunten; sie konnten ihn nie mehr an die Oberfläche bringen. Es war, als triebe er willenlos in einem Meer von Traumvisionen. Farben und Strahlen umgaben ihn, badeten und durchdrangen ihn. Was war das? Es war wie ein Leuchtturm, aber drinnen in seinem Hirn – ein aufleuchtendes klares weißes Licht. Immer schneller leuchtete es auf. Dann ertönte ein Rollen, und es kam ihm vor, als fiele er eine mächtige, unendliche Treppe hinab. Und irgendwo stürzte er ins Dunkel. Soviel wußte er. Er war ins Dunkel gestürzt. Und in dem Augenblick, als er das wußte, hörte er auf zu wissen.

 

Ende

 

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