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Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 23
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
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Eines Tages kam Kreis zu Martin. Kreis, einer von den Richtigen: und Martin wandte sich zu ihm mit einem Gefühl der Erleichterung (und bekam die glänzenden Einzelheiten eines Plans vorgesetzt, der phantastisch genug war, um eher Martin selbst als seinen Geldbeutel zu interessieren. Kreis hielt einen Augenblick mitten in seiner Darlegung inne, um Martin zu erklären, daß das meiste von dem, was in der »Schande der Sonne« stände, blödsinnig sei.

»Aber ich bin nicht gekommen, um zu philosophieren«, fuhr Kreis fort. »Was ich wissen will, ist, ob Sie tausend Dollar in das Geschäft stecken wollen?«

»Nein, so blödsinnig bin ich doch nicht«, antwortete Martin. »Aber ich will Ihnen etwas sagen. Sie haben mir den schönsten Abend verschafft, den ich je erlebt habe. Sie haben mir etwas gegeben, das man nicht für Geld kaufen kann. Jetzt habe ich Geld, und es bedeutet nichts für mich. Ich will Ihnen gern tausend Dollar von dem überlassen, auf das ich selbst keinen Wert lege, und zwar als Entgelt für das, was Sie mir an jenem Abend gaben, und was an und für sich unbezahlbar ist. Sie brauchen Geld. Ich habe mehr, als ich brauche. Sie wollen es haben. Dazu kommen Sie her. Sie brauchen nicht erst viele Geschichten zu machen, um es mir zu entlocken. Nehmen Sie.«

Kreis zeigte keine Überraschung. Er steckte den Scheck in die Tasche.

»Für die Bezahlung würde ich es übernehmen, Ihnen viele ähnliche Abende zu verschaffen«, sagte er.

»Zu spät.« Martin schüttelte den Kopf. »Dieser Abend war einzig für mich. Ich war im Paradies. Für Sie war es etwas ganz Alltägliches, das weiß ich. Für mich aber nicht. Ich bin nie wieder auf solchen Höhen gewesen. Ich bin fertig mit der Philosophie. Ich will nie mehr ein einziges Wort davon hören.«

»Der erste Dollar, den ich je mit meiner Philosophie verdient habe«, sagte Kreis und blieb in der Tür stehen. »Und dann kam die Pleite.«

Eines Tages fuhr Frau Morse an Martin vorbei, lächelte und nickte. Er lächelte zurück und lüftete den Hut. Die Episode machte keinen Eindruck auf ihn. Einen Monat früher hätte es ihn vielleicht wütend oder doch wenigstens neugierig gemacht. Er würde darüber nachgedacht haben, wie ihr wohl in diesem Augenblick zumute war. Jetzt aber fuhr es ihm nur durch den Kopf, und im nächsten Augenblick hatte er es wieder vergessen. Er vergaß es, wie er die Zentralbank oder das Rathaus vergessen hatte, sobald er daran vorbeigekommen war. Und doch war sein Hirn unnatürlich regsam. Seine Gedanken bewegten sich beständig im Kreise, und der Mittelpunkt dieses Kreises war: Getane Arbeit! Der Gedanke fraß sich in sein Hirn hinein wie ein Wurm, der nicht sterben konnte. Morgens erwachte er mit ihm. Nachts quälte er ihn in seinen Träumen. Jedes Geschehnis seines Lebens, das sich in sein Hirn drängte, wurde augenblicklich damit in Verbindung gesetzt: Getane Arbeit! Eine unerbittliche Logik trieb ihn zu dem Schluß, daß er nichts war. Der Tagedieb Martin Eden und der Seemann Martin Eden waren wirkliche Menschen, waren er selber gewesen; aber Martin Eden, der berühmte Schriftsteller, existierte nicht. Martin Eden, der berühmte Schriftsteller, war Dampf, der im Pöbelhirn entstanden und vom Pöbelhirn in den Körper gepreßt war, der einst Martin Eden, der Tagedieb und Matrose, gewesen. Aber sie konnten ihn nicht narren. Er war nicht der Sonnenmythos, den der Pöbel anbetete, und dem er Opfer darbrachte. Er wußte es besser.

Er las, was in den Blättern über ihn geschrieben stand, und starrte auf seine Bilder, die darin erschienen, bis er nicht mehr imstande war, eine Verbindung zwischen seinem Ich und den Bildern zu finden. Er war der junge Bursche, der gelebt, gebebt und geliebt hatte, der gleichgültig und nachsichtig gegen die Schwächen der Menschheit gewesen, der als Matrose fremde Länder durchreist und in alten Tagen die Bande bei ihren Kämpfen angeführt hatte. Er war der junge Bursche, der anfangs durch die Tausende von Büchern in der Volksbibliothek gelähmt gewesen, und der sich allmählich in ihnen zurechtgefunden und ihren Inhalt zu beherrschen gelernt hatte; er war der junge Mann, der in späten Nachtstunden studiert, der einen Sporn zum Bettkameraden gehabt und selbst Bücher geschrieben hatte. Aber das einzige, was er nicht war, war der mächtige Appetit, den zu befriedigen der ganze Pöbel entschlossen war.

Es gab jedoch auch Dinge in den Blättern, die ihn belustigten. Jede einzelne Zeitschrift erhob Anspruch darauf, ihn entdeckt zu haben. »Warrens Monthly« erzählte ihren Abonnenten, daß sie stets auf der Suche nach neuen Autoren wären, und daß sie unter anderm dem lesenden Publikum Martin Eden vorgestellt hätten. »Die weiße Maus« erhob ebenfalls Anspruch auf ihn, und dasselbe taten »Northern Review« und »Mackintosh's Magazin«, bis sie vom »Globe« zum Schweigen gebracht wurden, der siegesstolz auf frühere Nummern hinwies, in denen die mißhandelte »Seelyrik« begraben lag. »Transcontinental« erließ eine würdige und überzeugende Erklärung, daß sie die ersten gewesen, die Martin Eden entdeckt hätten, eine Behauptung, die eifrig von »The Hornet« bestritten wurde, das auf »Peri und Perle« hinweisen konnte. Der bescheidene Anspruch Singletree, Darnley & Co.'s wurde von dem mächtigen Lärm vollkommen übertönt, zumal dieser Verlag keine Zeitschrift besaß, mit deren Hilfe er aus seiner Bescheidenheit heraustreten konnte.

Die Zeitungen stellten Berechnungen bezüglich des Einkommens von Martin an. Irgendwie waren die großartigen Angebote, die gewisse Zeitschriften ihm gemacht hatten, durchgesickert, und Geistliche aus verschiedenen Teilen Oaklands statteten ihm in aller Freundschaft Besuche ab, während sich in seiner täglichen Post gewerbsmäßige Bettelbriefe zu häufen begannen. Schlimmer als alles aber waren die Frauen. Man riß sich um seine Photographien, und Berichterstatter münzten sein starkes, sonnenverbranntes Gesicht, seine Narben, seine schweren Schultern, seine klaren ruhigen Augen und die schwachen Höhlen in den Wangen aus, die ihm ein gewisses asketisches Gepräge verliehen. Wenn er das las, mußte er an seine stürmische Jugend denken und lächeln. Unter den Frauen, die ihm begegneten, war bald die eine, bald die andere, die ihn ansah und sich ihn erwählte. Er lachte bei sich. Er dachte an Brissendens Warnung und lachte wieder. Die Frauen sollten ihn nie verderben – das war sicher. Über das Stadium war er hinaus!

Als er eines Abends Lizzie zur Abendschule brachte, begegneten sie einer schönen, eleganten Dame aus der Bourgeoisie. Sie warf ihm einen Blick zu, der ein klein wenig zu zögernd, zu sinnend war. Lizzie wußte, was das bedeutete, und ihr Körper erstarrte gleichsam vor Zorn. Martin bemerkte es, bemerkte auch den Grund ihres Zorns und erzählte ihr, daß er sich an diese Dinge jetzt gewöhnte und sich nicht das geringste aus ihnen machte.

»Aber du solltest dir etwas daraus machen«, antwortete sie mit blitzenden Augen. »Du bist krank – das ist es!«

»Ich bin nie so gesund gewesen. Ich wiege fünf Pfund mehr, als ich je gewogen habe.«

»Es ist nicht dein Körper. Es ist dein Kopf. Deine Denkmaschine ist nicht in Ordnung. Selbst ich kann das sehen. Und ich bin doch nichts.«

Er ging, in Gedanken versunken, neben ihr her.

»Ich möchte, ich weiß nicht was, geben, um dich gesund zu sehen«, rief sie leidenschaftlich. »Du solltest dir etwas daraus machen, wenn Frauen dich ansehen. Das mag gut sein für Waschlappen, aber nicht für einen Mann wie du. Das ist nicht natürlich. Gott helfe mir, ob ich mich nicht freuen würde, wenn die Richtige käme, und du dir etwas daraus machtest.«

Als er Lizzie zur Abendschule gebracht hatte, kehrte er in die Stadt zurück. Allein in seinem Zimmer, warf er sich in einen Klubsessel und starrte vor sich hin. Er schlief nicht, dachte aber auch nicht. Sein Hirn war leer, außer den Augenblicken, da ungerufene Bilder Form, Farbe und Glanz unter seinen Lidern annahmen. Er sah diese Bilder, war sich ihrer aber kaum bewußt – nicht mehr, als wenn sie Träume gewesen wären. Und doch schlief er nicht. Einmal nahm er sich zusammen und sah auf die Uhr. Es war gerade acht. Er hatte nichts vor, und es war zu früh, zu Bett zu gehen. So wurde sein Hirn denn wieder ein leerer Raum, während die Bilder von neuem unter seinen Lidern entstanden und schwanden. Es waren keine deutlichen Bilder. Es waren stets Massen von Zweigen und Blättern wie ein dichtes, von starkem Sonnenlicht durchzogenes Gebüsch.

Ein Klopfen an der Tür weckte ihn aus seinen Träumen, und sein Hirn setzte dieses Klopfen sofort in Verbindung mit einem Telegramm oder einem Brief oder vielleicht nur einem Hausknecht, der ihm reine Wäsche brachte. Er mußte an Joe denken, und wo der wohl sein mochte, und unterdessen sagte er: »Herein!«

Er dachte immer noch an Joe und wandte sich nicht zur Tür um. Er hörte, wie sie ganz vorsichtig geschlossen wurde. Dann trat eine lange Pause ein. Er vergaß, daß es geklopft hatte, und starrte mit leerem Blick vor sich hin, als er plötzlich das Schluchzen eines Weibes hörte. Es war unwillkürlich, krampfhaft, und im selben Augenblick hörte es wie durch gewaltsame Anstrengung auf – das bemerkte er, als er sich umwandte. Im nächsten Augenblick war er aufgesprungen.

»Ruth!« sagte er bestürzt und verwirrt.

Ihr Gesicht war blaß und verzerrt. Sie stand noch an der Tür, eine Hand auf dem Griff, wie um sich darauf zu stützen, die andere gegen die Brust gepreßt. Jetzt aber streckte sie beide Hände mit einer kläglichen Bewegung aus und kam auf ihn zu. Als er ihre Hände ergriff und sie zu einem Sessel führte, bemerkte er, wie kalt sie waren. Er zog einen andern Sessel daneben und setzte sich auf die breite Lehne. Er war zu verwirrt, um etwas sagen zu können. In seinen Gedanken war die Angelegenheit Ruth eine abgeschlossene Episode. Er hatte ungefähr dasselbe Gefühl, wie er es gehabt hätte, wenn plötzlich die Wäscherei von Shelley Hot Springs ihm die Wäsche einer Woche ins Hotel Metropol geschickt hätte, damit er sie waschen sollte. Er machte ein paarmal den Versuch, etwas zu sagen, bedachte sich aber immer wieder.

»Niemand weiß, daß ich hier bin«, sagte Ruth mit schwacher Stimme und einem flehenden Lächeln.

»Was hast du gesagt?« fragte er, ganz erstaunt über den Klang seiner eigenen Stimme.

Sie wiederholte es.

»Ach!« wiederholte er, und dann dachte er nach, was er wohl weiter sagen sollte.

»Ich sah dich ins Hotel gehen und wartete ein paar Minuten.«

»Ach!« sagte er wieder.

Nie im Leben war ihm das Sprechen so schwer geworden wie jetzt, und er hatte buchstäblich nicht einen Gedanken im Kopf. Er kam sich dumm und verlegen vor, und wenn es sein Leben gegolten, hätte er nichts zu sagen gewußt. Es wäre leichter gewesen, wenn die Wäscherei von Shelley Hot Springs zu ihm geschickt hätte. Dann hätte er die Ärmel aufkrempeln und sich an die Arbeit machen können.

»Und da bist du hereingekommen«, sagte er.

Sie nickte mit einem schwachen Anflug von Schelmerei und lockerte den Chiffonschal, den sie um den Hals trug.

»Ich sah dich von der andern Seite der Straße aus mit dem jungen Mädchen gehen.«

»Ja«, sagte er freimütig. »Ich brachte sie zur Abendschule.«

»Aber freust du dich denn nicht, mich zu sehen?« fragte sie nach einer neuen Pause.

»Ja, ja!« sagte er hastig. »Aber war es nicht unvorsichtig von dir, hierherzukommen?«

»Niemand weiß, daß ich hier bin. Ich mußte dich sehen. Ich bin gekommen, um dir zu sagen, daß ich sehr dumm gewesen bin. Ich konnte nicht länger fortbleiben, mein Herz zwang mich, herzukommen, weil ... weil ich kommen mußte.«

Sie erhob sich und trat zu ihm. Einen Augenblick stand sie da und legte ihm die Hand auf die Schulter. Dann aber warf sie sich in seine Arme. Und er, der stets fürchtete, andere zu kränken, und der wußte, daß die schwerste Kränkung, die man einem Weibe zufügen konnte, war, sie zurückzustoßen, wenn sie sich einem anbot, er schlang die Arme um sie und drückte sie an sich. Aber es war keine Wärme in seiner Umarmung, keine Liebkosung in der Berührung. Sie hatte sich ihm in die Arme geworfen, und er drückte sie an sich – das war alles. Sie preßte sich an ihn, und dann machte sie sich ein wenig frei, hob die Hände, und legte sie ihm um den Hals. Aber sein Fleisch brannte nicht mehr wie Feuer bei der Berührung ihrer Hände. Er fühlte sich elend und unglücklich.

»Warum zitterst du so?« fragte er. »Friert dich? Soll ich Feuer anmachen?«

Er machte eine Bewegung, um sich von ihr loszumachen, aber sie klammerte sich nur enger an ihn und zitterte am ganzen Körper.

»Es ist nur Nervosität«, sagte sie mit klappernden Zähnen. »Es ist bald vorbei. Sieh! Es ist schon besser.« Ihr Zittern verging langsam, und er behielt sie in seinen Armen, aber er grübelte nicht mehr. Jetzt wußte er, warum sie gekommen war.

»Meine Mutter wollte durchaus, daß ich Charley Hapgood heiratete«, berichtete sie.

»Charley Hapgood, den Burschen, der immer nur Plattheiten redet!« Martin stöhnte. Dann fügte er hinzu: »Und jetzt will deine Mutter wohl eher, daß du mich heiratest.«

Das kam nicht als Frage. Er sagte es als etwas ganz Sicheres, und im selben Augenblick sah er vor sich das Rechenexempel über seine Einnahmen.

»Sie hätte nichts dagegen – das weiß ich«, sagte Ruth.

»Sie sieht mich als eine passende Partie an?«

Ruth nickte.

»Und doch bin ich jetzt in keiner Weise eine passendere Partie als damals, als sie unsere Verlobung aufhob«, sagte er grübelnd. »Ich habe mich nicht im geringsten verändert. Ich bin immer noch derselbe Martin Eden, eher vielleicht ein bißchen schlechter – denn ich rauche jetzt – riechst du es nicht?«

Statt zu antworten, preßte sie mit einer anmutigen, scherzenden Bewegung die Finger gegen seine Lippen und stand nun da in Erwartung des Kusses, der früher stets gefolgt war. Aber Martins Lippen antworteten nicht mit einer Liebkosung. Er wartete, bis sie die Finger wieder fortgenommen hatte, und fuhr dann fort:

»Ich habe mich nicht verändert. Ich habe auch keine feste Anstellung, suche mir keine, und mehr noch – ich will es auch nicht. Und ich glaube immer noch, daß Herbert Spencer ein großer edler Mann, und daß Landrichter Blount ein Esel ist. Ich war neulich zum Essen bei ihm, und da muß ich es wohl wissen.«

»Aber Vaters Einladung hast du nicht angenommen«, sagte sie vorwurfsvoll.

»Ach, du weißt? Wer hatte ihn denn geschickt? Deine Mutter?«

Sie schwieg.

»Dann hatte sie ihn also geschickt. Ja, ich dachte es mir schon. Und nun hat sie wohl auch dich geschickt?«

»Niemand weiß, daß ich hier bin«, sagte sie eifrig. »Glaubst du wirklich, daß Mutter das erlauben würde?«

»Sie würde dir erlauben, mich zu heiraten, das ist sicher.«

Sie stieß einen kleinen Schrei aus.

»Ach, Martin, du darfst nicht so grausam sein. Du hast mich nicht ein einziges Mal geküßt. Du bist kalt wie Stein. Und denke nur, was ich um deinetwillen gewagt habe!« sie sah sich schaudernd, aber auch mit Neugier im Blick um. »Denk' nur, wo ich bin!«

»Ich könnte für dich sterben! Ich könnte für dich sterben!« klangen Lizzies Worte ihm in den Ohren.

»Warum hast du es denn nicht früher getan?« fragte er hart. »Als ich keine Stellung hatte? Als ich hungerte? Als ich ganz derselbe war wie jetzt – als Mann, als Künstler, derselbe Martin Eden? Das ist die Frage, die ich mir seit vielen Tagen stelle – nicht mit Bezug auf dich allein, sondern auf alle Menschen. Du siehst, ich habe mich nicht verändert, wenn auch der Wert, den ich plötzlich scheinbar erhalten habe, mich beständig zwingt, mich davon zu überzeugen. Ich habe noch dasselbe Fleisch auf den Knochen, dieselben zehn Finger und Zehen. Ich bin derselbe. Ich habe weder neue Kräfte noch neue Tiefen entwickelt. Mein Hirn ist dasselbe, das es stets gewesen. Ich bin persönlich genau so viel wert wie damals, als niemand mich gebrauchen konnte. Und was ich nicht begreifen kann, ist, warum sie mich jetzt haben wollen. Das kann doch unmöglich um meiner selbst willen sein, denn ich bin doch ganz derselbe, den sie früher nicht gebrauchen konnten. Dann muß es also um eines andern willen sein, etwas, das außerhalb meiner liegt, das nicht mit mir identisch ist. Soll ich dir sagen, was es ist? Es ist die Anerkennung, die ich gewonnen habe. Aber die Anerkennung ist nicht ich selber. Sie existiert nur in den Köpfen anderer Leute. Und dann das Geld, das ich verdient habe und immer noch verdiene. Aber das Geld ist nicht ich. Es befindet sich in Banken und in den Taschen aller möglichen Leute. Und um dieser Dinge, um der Anerkennung und des Geldes willen, willst du mich jetzt haben.«

»Du brichst mir das Herz«, schluchzte sie. »Du weißt, daß ich dich liebe, daß ich hier bin, weil ich dich liebe.«

»Ich glaube, du verstehst nicht ganz, was ich meine«, sagte er freundlich. »Ich meine: Wenn du mich liebst, wie kann es dann sein, daß du mich jetzt so viel mehr liebst als damals, da deine Liebe schwach genug war, mich zu verleugnen?«

»Vergiß und verzeih!« rief sie leidenschaftlich. »Ich habe dich stets geliebt – denke daran! Und jetzt bin ich in deinen Armen.«

»Ich fürchte, ich bin wie ein gerissener Kaufmann, der deine Liebe auf die Wagschale legt, um ihren Wert festzustellen.«

Sie entzog sich seinen Armen, richtete sich auf und sah ihn lange und forschend an. Sie wollte etwas sagen, bedachte sich aber und schwieg.

»Siehst du, so erscheint es mir jetzt«, fuhr er fort. »Als ich noch nicht war, was ich jetzt bin, gab es offenbar außerhalb meiner eigenen Klasse niemand, der sich um mich kümmerte. Als alle meine Bücher geschrieben waren, machte sich anscheinend keiner von denen, die die Manuskripte gelesen hatten, auch nur das geringste aus ihnen. Ja, tatsächlich war es so, daß sie sich weniger aus mir machten, weil ich diese Sachen geschrieben hatte. Es war, als hätte ich mit dem Schreiben dieser Sachen etwas verbrochen, es war – um einen milden Ausdruck zu gebrauchen – herabsetzend. ›Verschaff dir Arbeit‹, sagten alle.«

Sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihn unterbrechen.

»Ja, ja,« sagte er, »nur du – du sagtest, ich sollte mir eine Stellung suchen. Das Wort Arbeit verletzte dich, wie so vieles von dem, was ich geschrieben habe. Aber ich versichere dir – wenn alle die Menschen, die ich kannte, mir empfahlen, zu arbeiten, so war das nicht weniger brutal, als wenn sie einem unmoralischen Menschen empfohlen hätten, sich ordentlich zu benehmen. Um aber auf die Sache zurückzukommen: Die Herausgabe alles dessen, was ich geschrieben hatte, und die Aufmerksamkeit, die meine Arbeit erregte, bewirkten eine Veränderung in eben deiner Liebe. Martin Eden, ihn, der mit all der Arbeit, die er geleistet hatte, vor dir stand, wolltest du nicht heiraten. Deine Liebe war nicht stark genug, als daß du ihn geheiratet hättest. Jetzt ist deine Liebe aber stark genug, und ich kann nicht anders, ich muß den Schluß ziehen, daß ihre Stärke daher rührt, daß meine Bücher herausgegeben sind und öffentliche Anerkennung gefunden haben. Von meinen Einnahmen will ich nicht reden, wenn ich auch überzeugt bin, daß sie bei der mit deinen Eltern vorgegangenen Veränderung mitbestimmend gewesen sind. Selbstverständlich ist das alles nicht sehr schmeichelhaft für mich. Aber das Schlimmste von allem ist, daß es mich an der Liebe, der heiligen Liebe, zweifeln läßt. Ist Liebe so gefräßig, daß sie mit öffentlicher Anerkennung gefüttert werden muß? Es sieht beinahe so aus. Ich habe darüber nachgedacht, bis mir der Kopf schmerzte.«

»Armer, lieber Kopf!« Sie hob die Hand und strich ihm beruhigend über das Haar. »Jetzt soll er aber nicht mehr schmerzen, dein armer, lieber Kopf. Laß uns wieder von vorn beginnen. Ich habe dich stets geliebt. Ich weiß, daß ich schwach war, als ich dem Willen meiner Mutter nachgab. Ich hätte es nicht tun sollen. Aber ich habe dich auch oft mit so unendlicher Nachsicht von der Fehlbarkeit und der Schwäche der Menschen reden hören. Ich habe Unrecht getan. Verzeih mir!«

»Oh, ich verzeihe dir«, sagte er ungeduldig. »Es ist leicht zu verzeihen, wo es wirklich nichts zu verzeihen gibt. Nichts, was du getan, fordert Verzeihung. Man handelt, so gut man es weiß, mehr kann man nicht tun. Ebensogut könnte ich dich bitten, mir zu verzeihen, daß ich mir keine Arbeit suchte.«

»Ich meinte es gut«, protestierte sie. »Das weißt du auch. Ich hätte dich nicht lieben können, ohne es gut zu meinen.«

»Das ist wahr, aber du hast es so gut gemeint, daß du mich fast zugrunde gerichtet hättest. Ja, ja!« Sie versuchte Einwendungen zu machen, aber er ließ sie nicht zu Worte kommen. »Du würdest meine Kunst und meine Karriere vernichtet haben. Realismus gehört zu meiner Natur, und die Bourgeoisie haßt Realismus. Die Bourgeoisie ist feige. Sie fürchtet sich vor dem Leben. Und alle deine Bemühungen gingen dahin, mir Furcht vor dem Leben einzuflößen. Du würdest mich in eine feste Form gezwängt, in eine winzige Nische des Lebens geklemmt haben, wo alle Werte des Lebens unwirklich, unecht und gewöhnlich gewesen wären.« Er fühlte, daß sie protestieren wollte. »Gewöhnlichkeit, derbe Gewöhnlichkeit ist, gestehe ich, die Grundlage der Verfeinerung und Kultur der Bourgeoisie. Wie gesagt, du wolltest mich in eine feste Form zwängen, mich zu einem Diener deiner eigenen Klasse mit deinen eigenen Klassenidealen, Klassenwerten und Klassenvorurteilen machen.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Und nicht einmal jetzt verstehst du, was ich sage. Meine Worte bedeuten für dich nicht das, was sie dir sagen sollten. Sie klingen in deinen Ohren wie reine Phantasien. Und doch ist es für mich lebendige Wirklichkeit. Bestenfalls bist du ein wenig verwundert, oder du amüsierst dich darüber, daß dieser unfertige Knabe, der aus der Tiefe des Abgrunds heraufgekrochen ist, es wagt, sich zum Richter über deine Klasse aufzuwerfen und sie gewöhnlich zu nennen.«

Sie lehnte den Kopf gegen seine Schulter und zitterte wieder am ganzen Leibe vor Nervosität. Er wartete eine Weile, ob sie etwas sagen würde, fuhr dann aber selbst fort:

»Und jetzt willst du, daß wir uns wieder lieben. Du willst, daß wir uns heiraten. Du willst mich haben. Und doch, hör', was ich dir sage: Auch wenn niemand meine Bücher beachtet hätte, wäre ich genau derselbe, der ich jetzt bin. Und du wärest nicht gekommen. Es sind nur die verfluchten Bücher –«

»Du darfst nicht fluchen«, unterbrach sie ihn.

Er fuhr bei ihrem Vorwurf zusammen, dann aber lachte er spöttisch.

»Da siehst du,« sagte er, »in einem großen Augenblick, da das Glück deines Lebens auf dem Spiel zu stehen scheint, fürchtest du dich vor dem Leben, genau so, wie du stets getan – vor dem Leben und einem gesunden Fluch.«

Seine Worte gaben ihr das peinliche Gefühl, daß sie sich kindisch benommen hätte, gleichzeitig aber fand sie, daß er einer solchen Kleinigkeit zu viel Gewicht beilegte, und war tief gekränkt. Eine Weile blieben sie sitzen, ohne etwas zu sagen, sie dachte nach, wie sie die Sache angreifen sollte, und er grübelte über die tote Liebe. Jetzt wußte er, daß er sie nie wirklich geliebt hatte. Eine idealisierte Ruth hatte er geliebt, ein ätherisches Wesen, das er selbst geschaffen, die strahlende leichte Elfe der Liebesgedichte, die er geschrieben hatte. Die wirkliche Ruth, das Mädchen aus der Bourgeoisie, mit all den Schwächen und der ganzen hoffnungslosen Enge der Bourgeoisie, sie hatte er nie geliebt.

Sie begann plötzlich zu sprechen.

»Ich weiß, daß vieles von dem, was du gesagt hast, wahr ist. Ich habe mich vor dem Leben gefürchtet. Ich habe dich nicht genug geliebt. Aber ich habe gelernt, dich mehr zu lieben. Ich liebe dich um deswillen, was du bist, was du warst, ja, selbst um des Weges willen, auf dem du dahin gelangt bist. Ich liebe dich, weil du anders bist als das, was du meine Klasse nennst, ich liebe dich um deines Glaubens willen, den ich nicht verstand, den ich aber, das weiß ich, noch verstehen werde. Ich will alles tun, um ihn zu verstehen. Und selbst, daß du rauchst und fluchst – das gehört zu dir, und ich will dich auch deswegen lieben. Ich kann doch lernen. In den letzten zehn Minuten habe ich schon so viel gelernt. Daß ich gewagt habe, hierherzukommen, ist doch ein Beweis dafür, daß ich schon gelernt habe. Ach, Martin –!«

Sie lehnte sich schluchzend an ihn.

Zum ersten Male nahm er sie freundlich und verständnisvoll in seine Arme, und ein glücklicher Schimmer trat auf ihr Gesicht.

»Es ist zu spät«, sagte er. Er erinnerte sich der Worte Lizzies. »Ich bin ein kranker Mann – ach nein, nicht am Körper. Es ist meine Seele, mein Gehirn! Es ist, als hätte ich alles verloren, aus dem ich mir je etwas machte. Ich freue mich über nichts mehr. Wärst du vor ein paar Monaten so gewesen, so würde alles ganz anders gewesen sein. Jetzt ist es zu spät.«

»Es ist nicht zu spät!« rief sie. »Ich will dir beweisen, daß meine Liebe gewachsen ist, daß sie in meinen Augen größer ist als Klasse und alles, was mir sonst am liebsten ist. Alles, was der Bourgeoisie am liebsten ist, will ich verachten. Ich fürchte mich nicht mehr vor dem Leben. Ich will Vater und Mutter verlassen und meinen Namen zum Gerede meiner Freunde werden lassen. Ich will zu dir kommen, jetzt, in freier Liebe, wenn du willst, und ich will stolz sein und mich freuen, daß ich bei dir sein darf. Habe ich die Liebe verraten, so will ich jetzt, um der Liebe willen, alles verraten, was mich den früheren Verrat begehen ließ.«

Mit leuchtenden Augen stand sie vor ihm.

»Ich warte, Martin«, flüsterte sie. – »Warte darauf, daß du mich empfängst. Sieh mich an!«

Das ist prachtvoll, dachte er, als er sie ansah. Jetzt hatte sie alles, was sie gefehlt, abgebüßt und sich endlich als wahres Weib über die eiserne Herrschaft der bürgerlichen Konvention erhoben. Es war prachtvoll, herrlich, verzweifelt. Und doch, was war mit ihm? Nichts regte sich in seinem Innern bei dem Gedanken an das, was sie getan hatte. Es war prachtvoll und herrlich, aber er sah nur rein verstandesmäßig. In einem Augenblick, da die Flammen über ihm hätten zusammenschlagen müssen, beobachtete er sie unberührt. Er fühlte kein Verlangen nach ihr. Er erinnerte sich wieder der Worte Lizzies.

»Ich bin krank, sehr krank«, sagte er mit einer hoffnungslosen Handbewegung. »Wie krank, weiß ich erst jetzt. Etwas in mir ist in Stücke gegangen. Ich habe mich nie vor dem Leben gefürchtet, aber ich habe mir auch nie träumen lassen, daß ich je des Lebens überdrüssig werden würde. Das Leben hat mir so viel geschenkt, daß ich keine Wünsche mehr habe. Wäre noch ein Plätzchen frei, so würde ich dich jetzt verlangen. Du siehst, wie krank ich bin!«

Er lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. Und wie ein weinendes Kind, das seinen Kummer vergißt, wenn es die Sonne durch seine Tränen schimmern sieht, so vergaß Martin seine Krankheit, die Anwesenheit Ruths, alles, als er die von warmem Sonnenlicht durchzogenen Blätter und Zweige sah, die auf dem Hintergrund seiner Augenlider Form annahmen und flammten. Aber es war keine Ruhe in dem grünen Laub. Das Sonnenlicht war zu scharf und schneidend. Der Anblick schmerzte, und doch sah er hin – er wußte nicht, weshalb.

Er wurde dadurch zum Bewußtsein gebracht, daß jemand am Türgriff rüttelte. Es war Ruth.

»Wie soll ich hinauskommen?« fragte sie mit tränenerstickter Stimme: »Ich fürchte mich.«

»Ach, verzeih!« rief er und sprang auf. »Ich bin von Sinnen. Ich vergaß ganz, daß du hier bist.« Er griff sich an den Kopf. »Du siehst, daß ich nicht gesund bin. Ich werde dich nach Hause bringen. Wir können die Hintertreppe hinuntergehen. Niemand wird uns sehen. Zieh den Schleier herab, alles wird gut gehen.« Sie klammerte sich an seinen Arm, während sie die schlecht erleuchteten Gänge und die engen Treppen hinabstiegen.

»Jetzt kann ich allein weitergehen«, sagte sie, als sie auf die Straße traten, und versuchte, ihre Hand an sich zu ziehen.

»Nein, nein; ich bringe dich nach Hause«, antwortete er.

»Nein, bitte nicht!« wandte sie ein. »Das ist nicht nötig.«

Wieder wollte sie die Hand an sich ziehen, und einen Augenblick fühlte er eine gewisse Neugier. Jetzt, da sie außer Gefahr war, fürchtete sie sich. Ihr Eifer, ihn loszuwerden, war fast hysterisch. Er konnte keinen Grund dafür sehen und schob es ihrer Nervosität in die Schuhe. Darum hielt er auch ihre Hand fest, als sie sie zurückziehen wollte, und ging mit ihr die Straße hinab. Ein Stückchen weiterhin sah er, wie ein Mann in einem langen Mantel sich in eine Haustür zurückzog. Er warf ihm beim Vorbeigehen einen schnellen Blick zu, und trotz dem hochgeklappten Kragen war er sicher, daß es Ruths Bruder Norman war.

Unterwegs sprachen Ruth und Martin sehr wenig miteinander. Sie war wie betäubt, er apathisch. Einmal erwähnte er, daß er wieder in die Südsee reisen wollte, und einmal bat sie ihn um Verzeihung, daß sie zu ihm gekommen war. Der Abschied vor ihrer Tür war völlig konventionell. Sie reichten sich die Hände, sagten Gute Nacht, und er nahm den Hut ab. Dann schloß die Tür sich hinter ihr, und er zündete sich eine Zigarette an und ging nach dem Hotel zurück. Bei der Haustür, in die er Norman sich hatte zurückziehen sehen, blieb er grübelnd stehen.

»Sie hat gelogen«, sagte er laut. »Sie wollte mir einreden, daß sie so viel gewagt hätte, und die ganze Zeit wußte sie, daß ihr Bruder, der sie hinbegleitet hatte, auf sie wartete, um sie wieder nach Haus zu bringen.« Er brach in Lachen aus. »Ach, diese Bourgeois! Als es mir schlecht ging, war ich nicht wert, in Gesellschaft seiner Schwester gesehen zu werden, jetzt, da ich ein Bankkonto habe, bringt er sie selbst zu mir.«

Als er sich zum Gehen wandte, hörte er einen Landstreicher, der hinter ihm her ging, sagen:

»Ach, lieber Herr, können Sie mir nicht etwas für ein Nachtlogis geben?«

Aber etwas in der Stimme bewog Martin, sich umzudrehen, und im nächsten Augenblick drückte er Joe die Hand.

»Weißt du noch, wie wir aus Shelley Hot Springs schieden?« fragte der andere. »Damals sagte ich, daß wir uns schon einmal wiedertreffen würden. Ich fühlte es in meinen Knochen. Und da bin ich.«

»Du siehst gut aus«, sagte Martin bewundernd. »Und du hast zugenommen.«

»Aber sicher!« Joes Gesicht strahlte. »Ich habe nie gewußt, was leben heißt, ehe ich Vagabund wurde. Ich wiege dreißig Pfund mehr als damals, und es ist mir die ganze Zeit glänzend ergangen. Das Vagabundenleben ist wie für mich geschaffen.«

»Aber du suchtest doch ein Nachtlogis«, schalt Martin; »es ist ein kalter Abend.«

»Hm! Suchte ich ein Nachtlogis?« Joe steckte die Hand in die Hosentasche und holte sie, mit Kleingeld gefüllt, wieder heraus. »Das ist doch nicht ohne!« sagte er triumphierend. »Nein, aber du sahst aus wie ein feiner Herr, und deshalb wollte ich dich melken.«

Martin lachte und erklärte sich geschlagen.

»Du hast mehr als einen ausgewachsenen Rausch in der Tasche«, deutete er an.

Joe steckte das Geld wieder in die Tasche.

»Das ist nichts für mich«, verkündete er. »Ich betrinke mich nicht, wenn mich auch nichts daran hindert – außer, daß ich mir nichts daraus mache. Ich war nicht betrunken, seit wir uns zuletzt sahen, und da war ich es nur, weil ich auf leeren Magen trank. Wenn ich wie ein Vieh arbeite, muß ich auch wie ein Vieh saufen. Wenn ich wie ein Mensch lebe, trinke ich wie ein Mensch, hin und wieder ein Gläschen – wenn ich Lust dazu habe, das ist alles.«

Martin verabredete sich mit ihm auf den nächsten Morgen und begab sich dann in sein Hotel. Er ging ins Bureau, um sich nach einem Dampfer zu erkundigen. In fünf Tagen fuhr die Mariposa nach Tahiti. »Rufen Sie morgen die Reederei an und lassen Sie mir eine Kabine reservieren«, sagte er zum Portier. »Nicht an Deck, sondern unten an der Backbordseite. Vergessen Sie nicht, Backbordseite. Schreiben Sie es sich lieber auf.«

Sobald er sein Zimmer erreicht hatte, ging er zu Bett, schlief sofort ein und schlummerte fest wie ein kleines Kind. Die Ereignisse des Abends hatten keinen Eindruck auf ihn gemacht. Seine Seele war tot. Die Freude und Wärme, die er bei der Begegnung mit Joe gefühlt hatte, hatte nur einen Augenblick gedauert. Gleich darauf hatte ihn die Anwesenheit des früheren Wäschereiarbeiters und der Zwang, eine Unterhaltung mit ihm zu führen, bedrückt. Daß er in fünf Tagen nach seiner geliebten Südsee reisen sollte, bedeutete ihm nichts. Und deshalb konnte er auch die Augen schließen und ruhig und ununterbrochen acht Stunden lang schlafen. Er änderte nicht ein einziges Mal seine Lage und träumte auch nicht. Der Schlaf war für ihn eine Nacht Vergessen, und stets, wenn er erwachte, erwachte er mit Kummer zu einem neuen Tage. Das Leben quälte und plagte ihn, die Zeit war nichts als Beschwer.

 

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