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Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
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»Die Schande der Sonne« erschien im Oktober. Als Martin das Postpaket öffnete und das halbe Dutzend Freiexemplare, das der Verlag ihm schickte, auf den Tisch fiel, überkam ihn eine tiefe Traurigkeit. Er dachte an das heiße Entzücken, das er gefühlt haben würde, wenn dies vor wenigen Monaten geschehen wäre, und er verglich diese Freude mit der kühlen Gleichgültigkeit des jetzigen Augenblicks. Es war sein Buch, sein erstes Buch, und dabei pochte sein Puls nicht im geringsten stärker, und er war nur traurig! Jetzt bedeutete es ihm nur so wenig. Das Höchste war, daß es ihm Geld einbringen konnte, und nicht einmal aus Geld machte er sich jetzt etwas.

Er trug ein Buch in die Küche und gab es Maria.

»Das hab' ich gemacht«, sagte er, als sie ihn verdutzt ansah. »Ich hab' es in meinem Zimmer geschrieben, und ich glaube, daß einige Teller von Ihrer Gemüsesuppe mit darin sind. Behalten Sie es. Es gehört Ihnen. Als Erinnerung an mich.«

Er tat es nicht, um zu prahlen oder sich wichtig zu machen. Sein einziger Beweggrund war, ihr eine Freude zu bereiten, sie stolz auf ihn zu machen, ihr zu zeigen, daß sie recht gehabt hatte, ihm solange die Treue zu bewahren. Sie legte das Buch auf die Familienbibel im Wohnzimmer. Etwas Heiliges war dieses Buch, das ihr Zimmerherr gemacht hatte. Es milderte den Schlag, den er in ihren Augen erhalten hatte, als sie erfuhr, daß er Wäschereiarbeiter gewesen war, und obwohl sie keine einzige Zeile in dem Buche verstand, wußte sie, daß jedes Wort darin etwas Großes war. Sie war eine einfache, praktische, schwerarbeitende Frau, aber Glauben besaß sie in reichem Maße.

Mit derselben Gleichgültigkeit, mit der er die ersten Exemplare seines Buches empfangen hatte, las er die Besprechungen, die ihm täglich von einem Ausschnittbureau zugeschickt wurden. Das Buch erregte Aufsehen, das war sicher. Es bedeutete mehr Gold in seinem Beutel. Er konnte etwas für Lizzie tun, alle seine Versprechungen einlösen und hatte dann noch Geld, sein Grasschloß zu bauen.

Singletree, Darnley & Co. waren so vorsichtig gewesen, zunächst nur eine Auflage von fünfzehnhundert Exemplaren zu drucken; sobald aber die ersten Besprechungen kamen, gaben sie sofort eine neue, doppelt so hohe Auflage in den Druck – und ehe die ausgeliefert war, hatten sie schon eine weitere Auflage von fünftausend Exemplaren bestellt. Eine Londoner Firma vereinbarte telegraphisch eine englische Ausgabe, und unmittelbar darauf trafen Nachrichten ein, daß französische, deutsche und skandinavische Übersetzungen in Vorbereitung waren. Der Angriff auf die Maeterlinck-Schule hätte nicht zu einem gelegeneren Zeitpunkt kommen können, und bald tobte ein heißer Kampf um »Die Schande der Sonne«. Die Anhänger Maeterlincks scharten sich um die Fahne des Mystizismus, Kritiker und Philosophen auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans eiferten für und wider, ja selbst Bernard Shaw erschien in der Arena mit einer so kräftigen Salve, daß er bald die Streitenden wie den ganzen Streit abgetan hätte, und das Getöse wurde ohrenbetäubend.

»Es ist etwas höchst Merkwürdiges,« schrieben Singletree, Darnley & Co. an Martin, »daß eine kritische, philosophische Abhandlung sich wie ein Roman verkauft. Sie hätten keinen besseren Gegenstand wählen können, und dazu sind uns die äußeren Verhältnisse ganz außergewöhnlich günstig. Wir brauchen Ihnen kaum zu versichern, daß wir das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Es sind bereits über zwanzigtausend Exemplare in den Vereinigten Staaten und in Kanada verkauft, und eine neue Auflage von zwanzigtausend befindet sich im Druck. Wir arbeiten Tag und Nacht, um die Nachfrage zu befriedigen, haben aber selbstverständlich auch das unsere dazu beigetragen, um diese Nachfrage zu schaffen. Wir haben schon fünftausend Dollar für Propaganda ausgegeben. Das Buch wird sicher jeden früheren Rekord brechen.

»Sie finden inliegend den Durchschlag eines Vertrages über Ihr nächstes Buch, den wir so frei sind, Ihnen zu schicken. Sie wollen freundlichst beachten, daß wir Ihr Honorar auf zwanzig Prozent erhöht haben; dies ist der höchste Satz, bis zu dem eine solide, konservative Firma gehen kann. Wenn unser Angebot Ihnen zusagt, bitten wir Sie, den freigelassenen Platz mit dem Titel Ihres neuen Buches auszufüllen. Bezüglich des Inhalts stellen wir keinerlei Bedingungen. Art und Gegenstand des Buches sind gleich. Falls Sie ein Manuskript liegen haben: desto besser. Es gilt, wie gesagt, das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist, und heißer, als es ist, kann es nicht werden.

»Sobald wir den Vertrag mit Ihrer Unterschrift in Händen haben, werden wir uns erlauben, Ihnen einen Scheck über fünftausend Dollar als Vorschuß auf Ihr Honorar zu übersenden. Sie sehen, daß wir großes Vertrauen auf Sie setzen, und daß wir entschlossen sind, etwas für diese Angelegenheit zu opfern. Wir wären auch nicht abgeneigt, mit Ihnen über einen Vertrag bezüglich Ihrer weiteren Arbeiten – sagen wir auf zehn Jahre – zu verhandeln, innerhalb welchen Zeitraums wir allein das Recht hätten, alles, was Sie in Buchform produzieren, herauszugeben. Aber hierauf werden wir später zurückkommen.«

Martin legte den Brief auf den Tisch, rechnete im Kopf und kam zu dem Ergebnis, daß sechzigtausendmal fünfzehn Cent neuntausend Dollar machen mußten. Er unterschrieb den neuen Vertrag, füllte den freigelassenen Platz mit »Der Rauch der Freude« aus und schickte ihn dem Verleger mit den zwanzig Kurzgeschichten zurück, die er geschrieben hatte, ehe er die Formel für die kurze Zeitungsgeschichte entdeckte. Und ebenso schnell wie die Post der Vereinigten Staaten hin- und zurückgelangen konnte, kam Singletree, Darnley & Co.s Scheck auf fünftausend Dollar.

»Ich möchte gern, daß Sie heute nachmittag gegen zwei mit mir zur Stadt gingen«, sagte Martin zu Maria an dem Morgen, als der Scheck gekommen war. »Nein, es ist übrigens besser, wenn wir uns um zwei an der Ecke von der Fourteenth Street und dem Broadway treffen. Ich werde mich nach Ihnen umsehen.«

Um die festgesetzte Zeit war sie dort, aber Schuhe waren die einzige Lösung des Mysteriums, die ihr Kopf auszudenken imstande gewesen, und es war eine große Enttäuschung für sie, als Martin sie an einem Schuhladen vorbei in das Bureau eines Grundstückmaklers führte. Was dort drinnen geschah, blieb ihr bis ans Ende ihrer Tage wie ein Traum. Feine Herren lächelten ihr freundlich zu, während sie mit Martin und miteinander sprachen; dann klapperte eine Schreibmaschine; ein imponierendes Dokument wurde unterschrieben; ihr eigener Hauswirt war auch da und setzte seine Unterschrift unter das Papier; und als alles vorbei war und sie sich wieder auf der Straße befand, sagte ihr Wirt zu ihr: »Na, Maria, diesen Monat bezahlen Sie mir also nicht siebeneinhalb Dollar.«

Maria war zu verwirrt, um antworten zu können.

»Und nächsten oder übernächsten Monat auch nicht«, sagte ihr Wirt.

Sie dankte ihm stammelnd, als sei es eine Gunst, die er ihr schenkte, und erst als sie nach Nordoakland zurückgekehrt war und der portugiesische Krämer das Papier untersucht hatte, wurde sie sich klar darüber, daß das kleine Haus, in dem sie so lange gewohnt, und für das sie so lange Miete bezahlt hatte, jetzt ihr gehörte.

»Warum kaufen Sie nicht mehr bei mir?« fragte der portugiesische Krämer Martin. Es war am selben Abend, und er trat auf die Straße, um mit Martin, der gerade aus der Elektrischen stieg, zu sprechen; und Martin erklärte, daß er sich nicht mehr selbst sein Essen bereitete und ging dann mit ihm hinein, um ein Glas Wein zu trinken. Er bemerkte, daß es der beste Wein war, den der Krämer auf Lager hatte.

»Maria«, verkündete Martin am Abend. »Jetzt verlasse ich Sie. Und Sie werden selbst auch bald fortgehen. Dann können Sie das Haus vermieten und selbst Hausbesitzer spielen. Sie haben doch einen Bruder in San Leandro oder in Haywards, der in der Meiereibranche ist. Ich wünsche, daß Sie all Ihre Wäsche zurückschicken – ungewaschen, verstehen Sie! – ungewaschen, und morgen werden Sie nach San Leandro oder Haywards fahren oder wo Ihr Bruder wohnt. Sagen Sie ihm, daß er herkommen soll, um mit mir zu sprechen. Ich wohne im Hotel Metropol in Oakland. Er muß doch eine gute Meierei beurteilen können, wenn er sie sieht.«

Und so kam es, daß Maria Besitzerin eines Hauses und einer Meierei mit zwei Angestellten sowie eines Bankkontos wurde, das immer größer ward, trotzdem ihre ganze Kinderschar jetzt stets mit Schuhen versehen war und zur Schule ging. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die dem Märchenprinzen, von dem sie träumen, begegnen; Maria aber, die so schwer gekämpft und nie von einem Märchenprinzen geträumt hatte, Maria hatte den ihren in dem früheren Wäschereiarbeiter gefunden.

Unterdessen hatte die Welt zu fragen begonnen: »Wer ist dieser Martin Eden?« Er hatte sich geweigert, seinen Verlegern biographische Aufschlüsse zu geben, aber die Zeitungen wollten sich nicht abweisen lassen. Oakland war seine Stadt, und die Reporter stöberten Dutzende von Leuten auf, die ihnen etwas über ihn erzählen konnten. Alles, was er war und nicht war, alles, was er getan und nicht getan hatte, wurde zur Erbauung der Öffentlichkeit verbreitet – unter Begleitung von Amateur- und Fachphotographien, welch letztere bei dem Photographen des Viertels erworben wurden, der einmal ein Bild von Martin aufgenommen hatte, sich jetzt das Urheberrecht darauf sicherte und es verschickte. Anfangs kämpfte Martin gegen all diese Öffentlichkeit, so groß war sein Ekel vor den Zeitschriften und der ganzen Bourgeoisie, schließlich aber gab er nach, weil es das einfachste war. Er machte die Entdeckung, daß er sich nicht vor den Spezialkorrespondenten verleugnen konnte, die von weither gereist kamen, um mit ihm zu reden. Andrerseits hatte jeder Tag viele Stunden, und da er jetzt nicht mehr studierte und schrieb, mußten diese Stunden ja irgendwie ausgefüllt werden; und deshalb fügte er sich in das, was in seinen Augen nur eine Laune war, ließ sich interviewen und nahm sogar Einladungen von der Bourgeoisie an. Er war an diesen Tagen meistens sehr zufrieden und gleichgültig. Er machte sich keinerlei Sorgen. Er verzieh allen Menschen, selbst dem jungen Reporter, der ihn einst in so roten Farben gemalt hatte, und ließ sich von ihm spaltenlang interviewen, wozu ihn die Zeitung von ihrem eigenen Photographen photographieren ließ.

Hin und wieder traf er Lizzie, und es war klar, daß sie über den Ruhm, den er erlangt hatte, traurig war, denn der vertiefte nur die Kluft zwischen ihnen. Vielleicht war es die Hoffnung, sie zu verkleinern, daß sie seinen Überredungen nachgab und begann, die Handelsschule zu besuchen, und daß sie ihre Kleider bei einer vortrefflichen Schneiderin nähen ließ, die direkt unverschämte Preise forderte. Sie veränderte sich zusehends von Tag zu Tag, bis Martin darüber nachzudenken begann, ob er nun auch richtig gehandelt hatte, denn er wußte, daß sie alles das ausschließlich um seinetwillen tat. Und dennoch schenkte er ihr keine Hoffnung, behandelte sie ganz, als ob er ihr Bruder wäre, und traf sie nur selten.

Sein Ruhm hatte jetzt den Gipfel erreicht, und in diesem Augenblick warf die Meredith-Lowell Co. »Überfällig« auf den Markt, und da es ein Roman war, wurde er ein noch größerer buchhändlerischer Erfolg als »Die Schande der Sonne«. Woche auf Woche genoß er die bisher ungekannte Ehre, mit zwei Büchern obenan auf der Liste der »Schlager« zu stehen. »Überfällig« hatte nicht nur Erfolg bei den Durchschnittsromanlesern. Wer mit Leidenschaft »Die Schande der Sonne« gelesen hatte, fühlte sich gleichfalls in hohem Maße von seinen Seemannsgeschichten mit der meisterhaften Behandlung dessen angezogen, was der Brennpunkt des Universums ist. Zuerst hatte er den Mystizismus und dessen literarische Verehrer angegriffen und hatte das ausgezeichnet gemacht; dann hatte er mit Erfolg die Literaturform geschaffen, für die er die Linien gezogen hatte, und so hatte er bewiesen, daß er ein Genie der ganz seltenen Art – Kritiker und Schöpfer zugleich – war.

Geld und Ruhm strömten über ihn herein – er erschien wie ein leuchtender Komet am Firmament der Literatur, aber die Sensation, die er erregte, belustigte ihn eher, als daß sie ihn wirklich interessierte. Eines verblüffte ihn – eine Kleinigkeit, die wiederum die Welt verblüfft haben würde, wenn sie sie gewußt hätte. Aber die Welt wäre eher verblüfft gewesen über seine Verblüffung als über die Kleinigkeit, die für ihn so riesige Dimensionen annahm. Landrichter Blount lud ihn zum Essen ein. Er hatte Landrichter Blount beleidigt, ihn geradezu scheußlich behandelt, und Landrichter Blount lud ihn nun, als er ihn eines Tages auf der Straße traf, zum Essen ein! Martin dachte an all die zahlreichen Gelegenheiten, als er Landrichter Blount bei Morses getroffen, und als Landrichter Blount ihn nicht zum Essen eingeladen hatte. Er fragte sich, warum er ihn damals nicht eingeladen hatte? Er selbst hatte sich nicht verändert. Er war noch der alte Martin Eden. Was war also der Unterschied? War es der Umstand, daß das, was er geschrieben, jetzt als Buch erschienen war? Aber es war ja die Arbeit, die er schon früher geleistet hatte. Es war nicht etwas, das er nachher gemacht hatte. Es war eine Arbeit, die er zu eben der Zeit ausgeführt hatte, als Landrichter Blount noch die allgemeine Auffassung teilte und über seinen Spencer und seine Intelligenz spottete. Wenn Landrichter Blount ihn daher jetzt zum Essen einlud, so geschah das auf Grund nicht eines wirklichen, sondern nur eines rein eingebildeten Wertes.

Martin lächelte, nahm die Einladung an und wunderte sich über seine eigene Höflichkeit. Und beim Essen, bei dem fünf oder sechs Männer, die hohe Stellungen bekleideten, mit ihren Damen zugegen waren, und bei dem Martin entschieden der Löwe war, forderte Landrichter Blount, warm unterstützt von Landrichter Hanwell, ihn auf, sich zum Mitglied des »Styx« vorschlagen zu lassen – des ganz exklusiven Klubs, dessen Mitglieder nicht nur reiche Männer waren, sondern Männer, die wirklich etwas geleistet hatten. Und Martin lehnte ab und war verblüffter als je.

Er war in dieser Zeit vollauf mit der Herausgabe seiner Manuskripte beschäftigt. Er wurde von Nachfragen der Redaktionen überschwemmt. Man hatte entdeckt, daß er ein kraftvoller Stilist war. Nach Veröffentlichung der »Wiege der Schönheit« hatte die »Northern Review« um Überlassung von fünf bis sechs ähnlichen Essays gebeten, und er würde ihr von seinem Überfluß geschickt haben, hätte ihm nicht »Burtons Magazin«, das nicht vor großen Spekulationen zurückschreckte, für fünf Essays fünfhundert Dollar das Stück geboten. Er antwortete, daß er ihrem Wunsche gern nachkommen würde, aber tausend Dollar das Stück verlangte. Er erinnerte sich, daß alle diese Manuskripte von ebendenselben Magazinen, die sich jetzt um sie rissen, zurückgesandt worden waren. Und ihre Ablehnungen waren kalt, automatisch und in stereotypen Wendungen verfaßt gewesen. Sie hatten ihn gequält, und jetzt gedachte er, sie dafür wieder zu quälen. »Burtons Magazin« bezahlte für die fünf Abhandlungen den verlangten Preis, und die andern vier fielen »Mackintosh's Monthly« zu, da die »Northern Review« zu arm war, um den Wettbewerb mitmachen zu können. Und so wurden denn der Welt »Die Hohenpriester des Mysteriums«, »Die Wunderträumer«, »Der Maßstab des Ichs«, »Die Philosophie der Illusion«, »Gott und Lehm«, »Kunst und Biologie«, »Kritik und Reagenzröhrchen«, »Sternenstaub«, »Die Würde des Wuchers« geschenkt – und sie erregten ungeheuren Lärm und einen Sturm, der sich erst nach vielen Tagen wieder legte.

Redakteure fragten nach seinen Honorarsätzen, und er teilte sie ihnen mit, aber nur für Arbeiten, die er bereits geschrieben hatte. Er wollte sich durchaus nicht zu neuer Arbeit verpflichten. Er hatte gesehen, wie Brissenden vom Pöbel zerrissen wurde, und wenn der Pöbel ihm jetzt auch zujubelte, so konnte er sich doch nicht von seinem Schrecken erholen oder Achtung für den Pöbel gewinnen. Seine eigne Popularität war in seinen Augen eine Schande und ein Verrat gegen Brissenden. Sie wirkte auf ihn wie ein Peitschenhieb, aber doch war er entschlossen, seinen Geldbeutel weiter zu füllen.

Er erhielt Briefe von Redakteuren wie den folgenden: »Vor etwa einem Jahre haben wir leider Ihre Sammlung ›Liebeszyklus‹ ablehnen müssen. Sie gefiel uns damals außerordentlich, aber gewisse, bereits getroffene Dispositionen hinderten uns, sie anzunehmen. Wenn Sie sie noch nicht vergeben haben und so freundlich sein wollen, sie uns zu schicken, so würde es uns eine große Freude sein, die ganze Sammlung zu Bedingungen, die Sie selbst bestimmen wollen, herauszugeben. Wir sind ferner gern bereit, Ihnen ein vorteilhaftes Angebot bezüglich einer Buchausgabe zu machen.«

Martin erinnerte sich seines Jambendramas und schickte es statt dessen. Ehe er es einpackte, las er es durch und fand es schwülstig und dilettantisch, kurz, eine schlechte Arbeit. Aber er sandte es doch ein, und es erschien zum ewigen Kummer des Redakteurs. Das Publikum war aufgebracht und ungläubig. Der Sprung von Martin Edens anderen vorzüglichen Arbeiten bis zu diesem hochtrabenden Geschwätz war zu weit. Man behauptete, daß er es gar nicht geschrieben, daß die Zeitschrift einen plumpen Versuch gemacht hätte, ihn nachzuahmen, oder daß Martin Eden es machte wie Dumas Vater, der auf dem Höhepunkte seiner Popularität andere seine Bücher für sich schreiben ließ. Als er aber erklärte, daß das Drama eine Arbeit aus seiner literarischen Frühzeit war, und daß die Zeitschrift ihn halb zu Tode gequält hätte, um es zu bekommen, amüsierte man sich köstlich über die hereingefallene Zeitschrift, und die Folge war ein Redaktionswechsel. Das Drama erschien nie in Buchform, aber Martin Eden behielt den Vorschuß, den er auf die Ausgabe erhalten hatte.

»Coleman's Weekly« sandte Martin ein langes Telegramm, das fast dreihundert Dollar kostete, und bot ihm für zwanzig Aufsätze je tausend Dollar. Er sollte auf Kosten des Blattes die Vereinigten Staaten durchreisen und die Gegenstände, die ihn besonders interessierten, wählen. Der größte Teil des Telegramms enthielt eine Aufzählung der verschiedenen Gegenstände, um ihm zu zeigen, daß er in dieser Beziehung völlig freigestellt sei. Die einzige Beschränkung, die ihm auferlegt wurde, war, daß er sich an die Vereinigten Staaten halten sollte. Martin telegraphierte, daß er das Angebot leider nicht annehmen könnte, und sandte diese Antwort unter Nachnahme.

»Wiki-Wiki«, das in »Warren's Monthly« erschien, wurde sofort ein großer Erfolg. Es erschien später als schön ausgestattetes Buch mit sehr breiter Margina, und um diese Ausgabe, die zu Weihnachten erschien, riß man sich geradezu. Die Besprechungen waren einstimmig begeistert und erklärten, daß die Erzählung mit den bedeutendsten klassischen Erzeugnissen dieser Art auf einer Höhe stände.

Dagegen verhielt sich das Publikum kühl gegenüber der Sammlung Erzählungen, die er »Der Rauch der Freude« genannt hatte. Das Kühne, Unkonventionelle dieser Erzählungen ärgerte anfangs die Bourgeoisie mit ihrer Moral und ihrem Vorurteil; als aber Paris über die fast gleichzeitig erscheinende französische Übersetzung vollständig den Kopf verlor, folgte die amerikanische und englische Leserwelt und kaufte so viele Exemplare, daß Martin die konservative Firma Singletree, Darnley & Co. zwang, ihm für ein drittes Buch fünfundzwanzig Prozent und für ein viertes sogar dreißig Prozent Honorar zu bezahlen. Diese zwei Bände umfaßten alle Kurzgeschichten, die er geschrieben hatte, und die früher in den Zeitschriften erschienen waren. »Glockenläuten« und andere Schreckensgeschichten machten die eine Sammlung aus; die andere bestand aus »Abenteuer«, »Der Topf«, »Der Wein des Lebens«, »Der Strudel« und fünf anderen Erzählungen. Die »Meredith-Lowell Co.« sicherte sich alle seine Abhandlungen, und die »Macmillan Co.« erhielt »Seelyrik« und den »Liebeszyklus«, der jedoch erst in »Ladies Home Companion« veröffentlicht wurde, das einen wahnsinnigen Preis dafür bezahlen mußte.

Martin seufzte erleichtert auf, als er sein letztes Manuskript angebracht hatte. Das Grasschloß und der weiße kupferbeschlagene Schoner waren jetzt sehr nahe. Nun ja, jedenfalls hatte er Brissendens Behauptung widerlegt, daß gute Arbeiten nie in die Magazine gelangten. Sein Erfolg bewies, daß Brissenden unrecht gehabt hatte. Und doch hatte er das Gefühl, daß Brissenden trotz alledem recht hatte. »Die Schande der Sonne« hatte eher den Erfolg verursacht, als alle seine anderen Arbeiten. Deren Erfolg war ein rein zufälliger gewesen. Sie waren von allen Zeitschriften abgelehnt worden. »Die Schande der Sonne« hatte Anlaß zu Erörterungen gegeben und die Strömung zu seinen Gunsten gedreht. Wenn er »Die Schande der Sonne« nicht geschrieben hätte, würde kein Wunder geschehen sein, und wenn kein Wunder geschehen wäre, würde die Strömung sich nie gedreht haben. Singletree, Darnley & Co. lieferten selbst den Beweis für das Wunder. Sie hatten zuerst eine Auflage von fünfzehnhundert Exemplaren herausgebracht und bezweifelt, daß sie diese verkaufen würden. Sie waren erfahrene Verleger, und keiner war überraschter über den Erfolg, den sie erzielt hatten, als sie selber. Für sie war es in des Wortes wahrster Bedeutung ein Wunder gewesen. Darüber kamen sie nie hinweg, und in jedem Brief, den sie ihm schrieben, konnte er ihre Verwunderung und ihr Erstaunen über dies erste geheimnisvolle Ereignis lesen. Sie suchten keine Erklärung. Eine Erklärung war unmöglich. Es war eben geschehen. Trotz aller gegenteiligen Erfahrung war es geschehen.

Und wenn Martin hieran dachte, zweifelte er an der Gültigkeit seiner Popularität. Es war die Bourgeoisie, die seine Bücher kaufte und ihm den Beutel füllte, und nach dem wenigen, was er von der Bourgeoisie kannte, war es ihm unfaßbar, daß sie das, was er geschrieben hatte, schätzen oder verstehen sollte. Die Schönheit und Kraft in ihm bedeutete nichts für die Hunderttausende, die ihm zujubelten und seine Bücher kauften. Er war die Laune des Augenblicks, der Abenteurer, der den Parnaß erstürmt hatte, während die Götter ihm Beifall nickten. Die Hunderttausende lasen ihn und jubelten ihm zu mit demselben tierischen Mangel an Verständnis, mit dem sie sich über Brissendens »Eintagsfliege« gestürzt und die Dichtung zerfleischt hatten – dieses Wolfspack, das vor ihm mit dem Schwanze wedelte, statt ihm die Zähne zu zeigen. Ob sie wedelten oder die Zähne zeigten, das war der reine Zufall. Eines wußte er jedoch mit absoluter Sicherheit: »Eintagsfliege« war unendlich größer als alles, was er selbst geschrieben, unendlich größer als alles, was er in sich hatte – es war das größte Gedicht seit Jahrhunderten. So war denn die Huldigung, die der Pöbel ihm erwies, nur traurig, denn derselbe Pöbel hatte »Eintagsfliege« in den Schmutz getreten. Er seufzte tief, aber zufrieden. Er freute sich, daß das letzte Manuskript verkauft, und daß er bald mit allem fertig war.

 

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