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Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
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Noch immer vergessen auf dem Tische lag »Überfällig«. Alle Manuskripte, die er je eingesandt hatte, lagen jetzt unter dem Tische. Nur ein Manuskript war unterwegs, und das war Brissendens »Eintagsfliege«. Martins Rad und schwarzer Anzug befanden sich wieder beim Pfandleiher, und das Schreibmaschinengeschäft mahnte wieder wegen der Miete. Aber das störte ihn nicht mehr. Er mußte eine neue Grundlage finden, und bis er sie gefunden hatte, mußte sein Leben stillstehen.

Nach mehreren Wochen geschah das, worauf er gewartet hatte. Er traf Ruth auf der Straße. Allerdings war sie von ihrem Bruder Norman begleitet; sie taten, als sähen sie ihn nicht, und als er stehenblieb, versuchte Norman ihn fortzuwinken.

»Wenn Sie meine Schwester belästigen, muß ich einen Schutzmann rufen«, drohte Norman. »Sie wünscht nicht, mit Ihnen zu sprechen, und Ihre Zudringlichkeit ist beleidigend.«

»Wenn Sie darauf beharren, dann müssen Sie schon den Schutzmann holen, und dann wird Ihr Name in den Zeitungen genannt«, antwortete Martin barsch. »Und jetzt laufen Sie und holen Sie den Schutzmann, wenn Sie wollen. Ich will mit Ruth reden.«

»Ich will es aus deinem eigenen Munde hören«, sagte er zu ihr.

Sie war blaß und zitterte, hielt sich aber tapfer und sah ihn forschend an.

»Ich will das wissen, was ich dich in meinem Briefe fragte«, sagte er.

Norman machte eine ungeduldige Bewegung, aber Martin hielt ihn mit einem Blick in Schach.

Sie schüttelte den Kopf.

»Ist das alles dein freier Wille?« fragte er.

»Das ist es.« Sie sprach mit leiser, fester Stimme und ganz ruhig. »Es ist mein eigener freier Wille. Du hast mich so entehrt, daß ich mich vor meinen Freunden schäme. Alle reden sie über mich. Das weiß ich. Das ist alles, was ich dir zu sagen habe. Du hast mich sehr unglücklich gemacht, und ich will dich nie wiedersehen.«

»Freunde! Geschwätz! Zeitungslüge! Aber das kann doch nicht stärker als die Liebe sein? Ich kann nur glauben, daß du mich nie geliebt hast.«

Seine Blässe wich einer flammenden Röte.

»Nach dem, was geschehen ist?« sagte sie schwach. »Martin, du weißt nicht, was du sagst. Ich bin nicht schlecht.«

»Sie sehen, daß sie nichts mit Ihnen zu tun haben will!« rief Norman und ging mit Ruth weiter.

Martin trat beiseite und ließ sie vorbeigehen, dann griff er unwillkürlich in die Rocktasche nach dem Tabak und dem Papier, das, wie er wußte, nicht da war.

Es war ein weiter Weg nach Nordoakland, aber erst als er die Treppe emporgestiegen und in seine Stube getreten war, wußte er, daß er zu Fuß gegangen war. Als er auf dem Bettrand saß, kam er zu sich und blickte sich um, wie ein erwachender Schlafwandler. Er sah »Überfällig« daliegen, schob den Stuhl an den Tisch und griff nach seiner Feder. In seiner Natur lag ein logischer Drang nach dem Vollendeten. Hier war etwas Unfertiges. Er hatte es aufgeschoben, weil er zuerst etwas anderes fertigmachen mußte. Jetzt war das andere getan, und jetzt wollte er all seine Kräfte an diese Arbeit setzen, bis auch sie fertig war. Was er dann tun wollte, wußte er nicht. Er wußte nur, daß er an einem Wendepunkt seines Lebens angelangt war. Er hatte das Ende einer Periode erreicht und wollte sie jetzt abschließen, wie es sich für einen braven Arbeiter geziemte. Die Zukunft lockte ihn nicht. Er würde schon bald erfahren, was sie ihm zu bieten hatte. Was es auch war, ihm war es gleichgültig. Ihm war alles gleichgültig.

Fünf Tage lang arbeitete er an »Überfällig«, ging nicht aus, sah keinen Menschen und aß wenig. Am sechsten Tage brachte ihm der Briefträger einen dünnen Brief von der Redaktion des »Parthenon«. Ein einziger Blick auf den Inhalt genügte, um ihn zu überzeugen, daß »Eintagsfliege« angenommen war. »Wir haben das Gedicht Herrn Cartwright Bruce gesandt,« schrieb der Redakteur weiter, »und er hat sich so anerkennend darüber ausgesprochen, daß wir es uns nicht entgehen lassen können. Als Beweis dafür, welche Freude es uns ist, das Gedicht zu drucken, mag Ihnen dienen, daß wir es schon für unsere Augustnummer gesetzt haben – die Julinummer war bereits im Druck. Haben Sie die Güte, Herrn Brissenden unsere Freude und unsern Dank auszusprechen, und tun Sie uns den Gefallen und schicken Sie uns umgehend seine Photographie und einige biographische Daten über ihn. Wenn ihm das Honorar, das wir bieten, nicht genügt, so bitten wir Sie, sofort zu telegraphieren und uns Ihre Forderung mitzuteilen.«

Da sie dreihundertfünfzig Dollar boten, erschien es Martin nicht so eilig, zu telegraphieren. Zudem mußte er sich ja auch die Einwilligung Brissendens holen. Nun, so hatte er also doch recht gehabt! Hier war ein Zeitschriftenredakteur, der wirklich gute Dichtkunst zu schätzen wußte. Und das Honorar war auch glänzend, wenn es auch das bedeutendste Gedicht des Jahrhunderts war. Und Cartwright Bruce war der einzige Kritiker, dessen Meinung Brissenden respektierte.

Martin fuhr mit der Elektrischen in die Stadt, und während er Häuser und Querstraßen vorbeigleiten sah, empfand er ein gewisses Bedauern, daß er nicht begeisterter über das Glück seines Freundes und seinen eigenen offenbaren Sieg war. Der einzige Kritiker der Vereinigten Staaten hatte sich günstig über das Gedicht ausgesprochen, und seine eigene Behauptung, daß eine gute Arbeit stets den Weg in die Zeitschriften finden würde, hatte sich als zutreffend erwiesen. Aber er war nicht mehr begeisterungsfähig, und er merkte, daß ihm mehr daran lag, Brissenden zu sehen, als ihm die gute Nachricht zu überbringen. Das Schreiben des »Parthenon« hatte ihn zu dem Bewußtsein gebracht, daß er in den fünf Tagen, in denen er all seine Zeit »Überfällig« gewidmet hatte, nichts von Brissenden gehört, und daß er nicht ein einziges Mal an ihn gedacht hatte. Zum ersten Male war Martin sich richtig klar darüber, daß er sich in einem Zustand der Betäubung befunden, und er schämte sich, daß er seinen Freund so ganz vergessen hatte. Aber selbst dieses Gefühl der Scham ging nicht sehr tief. Jedes Gefühl war in ihm erstorben, außer dem, das er brauchte, um seine Erzählung »Überfällig« zu schreiben. In jeder andern Beziehung hatte er sich in einem Trancezustand befunden und befand sich noch darin. Dieses ganze Leben, das die elektrische Bahn durchsauste, war scheinbar fern und unwirklich, und es würde ihn sehr wenig interessiert und noch weniger erschreckt haben, wenn der hohe Kirchturm, an dem er vorbei fuhr, plötzlich über seinem Haupte zusammengestürzt und in Staub gesunken wäre.

Im Hotel eilte er zu Brissendens Zimmer hinauf und eilte dann wieder hinunter. Das Zimmer war leer und das Gepäck fort.

»Hat Herr Brissenden keine Adresse hinterlassen?« sagte er zu dem Portier, der ihn neugierig anblickte, ehe er antwortete:

»Haben Sie denn nichts gehört?«

Martin schüttelte den Kopf.

»Alle Zeitungen waren doch voll davon. Er wurde tot in seinem Bett gefunden. Selbstmord. Er hat sich eine Kugel in den Kopf geschossen.«

»Ist er schon begraben?«

Martin erschien seine eigene Stimme wie die von fern herkommende Stimme eines Fremden.

»Nein, die Leiche wurde gleich nach der Freigabe nach dem Osten geschickt. Der Rechtsanwalt, mit dem seine Familie sich in Verbindung gesetzt hatte, hat alles besorgt.«

»Da haben sie Eile gehabt«, meinte Martin.

»Ach, das eigentlich nicht. Es geschah vor fünf Tagen.«

»Vor fünf Tagen?«

»Ja, vor fünf Tagen.«

»Ach«, sagte Martin, wandte sich um und ging.

Er begab sich in ein Telegraphenamt an der Ecke und sandte ein Telegramm an das »Parthenon«, in dem er seine Einwilligung zur Veröffentlichung des Gedichts gab. Da er nur noch fünf Cent für die Straßenbahn in der Tasche hatte, schickte er das Telegramm unter Nachnahme.

Als er in seine Stube zurückgekehrt war, machte er sich wieder an seine Arbeit. Tage und Nächte kamen und gingen, und er saß beständig an seinem Tisch und schrieb. Er ging nicht aus dem Hause, außer zum Pfandleiher, machte sich keine Bewegung, aß methodisch, wenn er etwas zu essen hatte, und entbehrte das Essen ebenso methodisch, wenn er nichts hatte. Obwohl die Erzählung im voraus, Kapitel für Kapitel, entworfen war, erdachte und schrieb er doch noch eine Einleitung dazu, die sie bedeutend stärker machte, wenn sie auch eine Erweiterung um zweitausend Zeilen bedingte. Das geschah nicht, weil irgendeine zwingende Notwendigkeit vorlag, die Sache gutzumachen, sondern nur, weil die künstlerischen Gesetze, die er befolgte, ihn dazu zwangen. Er arbeitete weiter in demselben Trancezustand, der Umwelt seltsam entrückt und mit einem Gefühl, als sei er ein Gespenst inmitten all des literarischen Schmucks eines früheren Lebens. Er erinnerte sich, einmal gehört zu haben, daß ein Geist das Gespenst eines Mannes sei, der tot wäre und doch nicht klug genug sei, um es zu wissen; er hielt einen Augenblick inne, um nachzudenken, ob er nicht auch in Wirklichkeit tot sei und es nur nicht wisse.

Dann kam der Tag, an dem »Überfällig« fertig war. Der Mann vom Schreibmaschinengeschäft war gekommen, um die Maschine abzuholen, und er mußte auf dem Bett sitzen, während Martin, der selbst auf dem einzigen Stuhl saß, die letzten Seiten des letzten Kapitels schrieb. »Finis« schrieb er mit großen Buchstaben darunter, als er fertig war, und für ihn bedeutete es wirklich Finis. Mit einem Gefühl der Erleichterung sah er, wie die Schreibmaschine hinausgetragen wurde, und dann legte er sich ins Bett. Er war einer Ohnmacht nahe vor Hunger. Nicht ein Bissen war seit sechsunddreißig Stunden über seine Lippen gekommen, aber daran dachte er nicht. Er lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, ohne zu denken, während völlige Schlaffheit sein Hirn einlullte. Halb im Fieber begann er einige Verse eines unbekannten Gedichts zu murmeln, das Brissenden ihm oft zitiert hatte. Maria, die besorgt an seiner Tür lauschte, erschrak über die klanglose, murmelnde Stimme. Die Worte an sich bedeuteten für sie nicht soviel wie der Umstand, daß er sie immer wiederholte. »Es ist aus«, war der Refrain des Gedichtes.

Maria konnte es nicht mehr aushalten, sie lief an den Herd und füllte eine Schüssel mit Suppe, in die sie soviel Fleisch und Gemüse tat, wie ihr Löffel vom Boden des Topfes abkratzen konnte. Martin setzte sich mit einer gewaltsamen Anstrengung im Bette auf und begann zu essen, und während er aß, versicherte er Maria immer wieder, daß er weder im Schlaf noch im Fieber gesprochen hatte.

Als sie gegangen war, blieb er traurig mit hängenden Schultern auf dem Bettrand sitzen und ließ seine glanzlosen Augen, die nichts sahen, in der Stube umherschweifen, bis das zerrissene Streifband einer Zeitschrift, die mit der Morgenpost gekommen und noch nicht geöffnet war, einen Lichtstrahl in sein dumpfes Hirn sandte. »Das ist das ›Parthenon‹!« dachte er – »die Augustnummer vom ›Parthenon‹, und darin muß ›Eintagsfliege‹ stehen. Wenn Brissenden doch hier wäre und es sehen könnte!«

Er blätterte in der Zeitschrift, hielt aber plötzlich entgeistert inne. »Eintagsfliege« war mit einem prangenden Kopfe und Beardsley-artigen Randzeichnungen versehen. Auf der einen Seite der Kopfleiste befand sich ein Bild von Brissenden und auf der andern ein Bild von Sir John Value, dem britischen Gesandten. In einer redaktionellen Kopfnote stand, Sir John Value hätte gesagt, daß es keine Dichter in Amerika gäbe, und der Abdruck der »Eintagsfliege« sei nun die Antwort des »Parthenon« an Sir John Value. Cartwright Bruce wurde als der größte Kritiker Amerikas bezeichnet und ein Ausspruch von ihm zitiert, nach dem »Eintagsfliege« das bedeutendste je in Amerika geschriebene Gedicht war. Und dann, nach einigen Schlußbemerkungen des Redakteurs, folgte das Gedicht selbst.

»Gut, daß du tot bist, Briß, mein Alter!« murmelte Martin und ließ das Magazin zwischen seinen Knien hindurch auf den Boden gleiten.

Die billige, vulgäre Aufmachung war ekelerregend, aber Martin merkte apathisch, daß er sich nicht sehr ekelte. Er wünschte, wütend werden zu können, hatte aber nicht Energie genug, es zu versuchen. Er war zu schlaff. Sein Blut war zu träge, als daß es schneller durch die Adern rollen und ihn zu wirklicher Empörung bringen konnte. Und schließlich, was bedeutete das alles auch? Es entsprach ja nur all dem übrigen, das Brissenden in der Bourgeoisie verurteilt hatte.

»Armer Briß« sagte Martin bei sich. »Er würde es mir nie verziehen haben.«

Dann erhob er sich mit Anstrengung und nahm eine Schachtel vor, die er einmal für Schreibmaschinenpapier gebraucht hatte. Er untersuchte den Inhalt und fand elf Gedichte, die sein Freund geschrieben hatte. Die zerriß er kurz und klein und warf sie in den Papierkorb. Er tat es ohne Hast und Eifer, und als er fertig war, setzte er sich auf den Bettrand und starrte leer vor sich hin.

Wie lange er dasaß, wußte er nicht, plötzlich aber war ihm, als sähe er eine lange horizontale weiße Linie in seinem Innern auftauchen, wo alles bisher völlige Leere gewesen war. Das war merkwürdig. Während er aber die Linie immer deutlicher werden sah, erkannte er plötzlich, daß es ein Korallenriff mitten in der weißkochenden Brandung des Stillen Ozeans war. Dann erblickte er in der Brandung ein kleines Kanu, ein Auslegerboot, in dessen Steven ein bronzefarbener junger Gott mit einem scharlachroten Lendenschurz stand. Der schwang das Paddel, und Martin erkannte ihn sofort. Es war Moti, der jüngste Sohn des Häuptlings Tati, die Insel war Tahiti, und hinter dem schaumgepeitschten Riff lag das schöne Land Papara mit der Grashütte des Häuptlings an der Flußmündung. Es war spät am Nachmittag, und Moti kam vom Fischfang heim. Jetzt wartete er darauf, daß eine große Woge angestürmt kommen sollte, um ihn über das Riff zu tragen. Dann sah Martin sich selbst vornübergebeugt im Kanu sitzen, wie er so oft in alten Tagen gesessen, wenn er auf Motis Befehl wartete, um, sobald er ertönte, wie ein Toller das Paddel durchs Wasser zu streichen, während die türkisblaue Mauer der großen Woge sich hinter ihnen erhob. Jetzt war er nicht mehr Zuschauer, sondern saß selbst mit im Boot; Moti rief laut und sie arbeiteten beide kräftig mit ihren Paddeln, während sie die steile Fläche des flüssigen Türkisblaus hinabsausten. Unter dem Bug siedete das Wasser wie Dampf in einem Kessel; die Luft war voll von treibendem Schaum; es ertönte ein Rauschen, ein Poltern und lang widerhallendes Gebrüll, und dann trieb das Boot auf dem ruhigen Wasser der Lagune. Moti lachte und schüttelte sich das Salzwasser aus den Augen, und gemeinsam paddelten sie zur Koralleninsel, wo Tatis Graswände zwischen den Kokospalmen hervorlugten und golden in den Strahlen der untergehenden Sonne leuchteten. Das Bild verschwand, und vor seinen Augen stand wieder sein unordentliches, schmutziges Zimmer. Vergebens versuchte er wieder Tahiti zu sehen. Er wußte, daß unter den Bäumen gesungen wurde, daß junge Mädchen dort im Mondschein tanzten, aber er konnte sie nicht sehen. Er konnte nur den unordentlichen Schreibtisch, den leeren Platz, auf dem die Schreibmaschine gestanden, und die schmutzige Fensterscheibe sehen. Stöhnend schloß er die Augen und schlief ein.

 

* * *

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