Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jack London >

Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
Schließen

Navigation:

»Also los, lassen Sie uns gehen,« sprach Brissenden, erschöpft von dem Blutsturz, den er vor einer halben Stunde gehabt – dem zweiten Blutsturz im Laufe von drei Tagen. Er hielt das ewige Whiskyglas in der Hand und leerte es mit zitternden Fingern.

»Was soll ich mit Sozialismus?« fragte Martin.

»Fremde dürfen fünf Minuten lang reden«, fuhr der Kranke fort. »Stehen Sie auf und reden Sie drauflos. Sagen Sie ihnen, warum Sie nichts vom Sozialismus wissen wollen. Erzählen Sie ihnen, was Sie von ihnen und ihrer Getto-Ethik halten. Schleudern Sie ihnen Nietzsche ins Gesicht und stecken Sie eine Ohrfeige für Ihre Mühe ein. Bringen Sie eine tüchtige Prügelei in Gang. Das wird den Leuten guttun. Sehen Sie, ich möchte Sie gern noch vor meinem Tode als Sozialist sehen. Das würde Ihnen eine gewisse Daseinsberechtigung geben. Es ist das einzige, was Sie in der Stunde der Enttäuschung, die für Sie kommen muß, retten kann.«

»Ich kann mit dem besten Willen nicht herausbekommen, warum gerade Sie Sozialist sind«, grübelte Martin. »Sie hegen doch sonst einen solchen Abscheu vor der großen Masse. Der Pöbel hat doch sicher nichts, was ihn Ihrer ästhetischen Seele empfiehlt.« Er zeigte vorwurfsvoll auf das Whiskyglas, das der andere gerade wieder füllte. »Und Sie scheint der Sozialismus auch nicht zu retten.«

»Ich bin sehr krank«, lautete die Antwort. »Mit Ihnen ist es etwas anderes. Sie haben Gesundheit und ein reiches Leben vor sich. Und irgendwie müssen Sie ans Leben gefesselt werden. Sie wundern sich, warum ich Sozialist bin. Das will ich Ihnen sagen. Weil der Sozialismus unvermeidlich ist, weil das jetzige morsche, vernunftwidrige System nicht bestehen bleiben kann; weil der Tag vorbei ist, an dem Ihr Mann hoch zu Roß kommen kann. Die Sklaven würden es sich nicht gefallen lassen. Es sind ihrer zu viele, und sie würden den Reiter herunterholen, ehe er überhaupt auf dem Pferde gesessen hat. Man kann ihnen nicht entgehen, und es wird Ihnen nichts anderes übrigbleiben, als die ganze Sklavenmoral zu schlucken. Es ist kein wohlschmeckendes Gericht, das räume ich ein. Aber es hat nun mal über dem Feuer gekocht, und Sie müssen es schlucken. Mit Ihren Nietzsche-Ideen sind Sie nun einmal prähistorisch. Was vorbei ist, ist vorbei. Und wer sagt, daß die Geschichte sich wiederholt, lügt. Selbstverständlich gefällt mir der Pöbel nicht, aber was soll ich Ärmster tun? Wir können den Mann hoch zu Roß nicht haben, und alles andere ist besser als die ängstlichen Schweine, die uns jetzt regieren. Aber kommen Sie! Ich habe jetzt genug, und wenn ich noch länger sitzenbleibe, betrinke ich mich nur. Und Sie wissen ja, was der Arzt sagt – der Teufel soll ihn holen! – ich narre ihn doch.«

Es war Sonntagabend, und sie fanden den kleinen Saal überfüllt von Oaklander Sozialisten, hauptsächlich Mitgliedern der arbeitenden Klasse. Der Redner, ein sehr begabter Jude, errang Martins Bewunderung und erregte gleichzeitig seinen Widerspruchsgeist. Die schmalen, hängenden Schultern und die eingefallene Brust des Mannes zeugten davon, daß er ein wahres Kind des überfüllten Gettos war, und Martin erhielt ein lebhaftes Gefühl von dem jahrhundertealten Kampf, den die schwachen, elenden Sklaven gegen die kleine stolze Schar von Männern gekämpft hatten, die sie beherrschten und bis ans Ende der Tage beherrschen würden. Für Martin war dieser dürre Wisch von Mann ein Symbol. Diese Gestalt stand da als Repräsentant der ganzen elenden Schar von Schwächlingen und Untauglichen, die dem biologischen Gesetz zufolge an den rauhen Grenzen des Lebens verkommen mußten. Sie waren der Ausschuß. Trotz ihrer gerissenen Philosophie und ihrer ameisenhaften Neigung zur Zusammenarbeit schied die Natur sie dennoch zugunsten des Ausnahmemenschen aus. Von dem wimmelnden Leben, das die Natur verschwenderisch nach allen Seiten ausstreute, wählte sie nur die Besten. Es war dieselbe Methode, wie die der Menschen, welche die Natur verbessern wollten und Rennpferde und Gurken züchteten. Zweifellos hätte der, der das Weltall schuf, eine bessere Methode finden können; aber die Geschöpfe, die in eben diesem Weltall lebten, mußten sich nun einmal in die Methode finden. Selbstverständlich konnten sie sich im Sterben winden, wie die Sozialisten sich wanden, wie der Redner auf der Tribüne und die schwitzende Menge sich in diesem Augenblick wanden, während sie sich berieten, um eine neue Methode zu finden, durch die sie die Strafe des Lebens vermindern und sogar das Weltall narren konnten.

So dachte Martin, und so sprach er, als Brissenden ihn drängte, »die Hölle loszulassen«. Er folgte der Aufforderung, stieg, wie üblich, auf das Rednerpult und wandte sich an den Vorsitzenden. Zuerst sprach er leise und zögernd, indem er versuchte, die Gedanken, die während der Rede des Juden in seinem Hirn entstanden waren, zu zügeln. Bei derartigen Versammlungen wurden jedem Redner fünf Minuten eingeräumt. Als Martins fünf Minuten um waren, befand er sich gerade in vollem Gange und war mit seinen Angriffen auf ihre Lehre erst halb fertig. Er hatte das allgemeine Interesse erregt, und die Versammlung forderte den Vorsitzenden durch laute Zurufe auf, ihm die Frist zu verlängern. Sie merkten, daß sie hier einen gewaltigen Gegner gefunden hatten, und lauschten aufmerksam auf jedes seiner Worte. Er sprach leidenschaftlich und überzeugend, griff die Sklaven, ihre Moral und Taktik schonungslos an und machte kein Hehl daraus, daß diese Sklaven seine Zuhörer waren. Er führte Spencer und Malthus an und sprach von dem biologischen Gesetz der Entwicklung.

»Und deshalb,« resümierte er zum Schluß noch einmal kurz, »deshalb kann kein Staat, der aus Sklaven gebildet ist, leben. Das alte Entwicklungsgesetz besteht immer noch. Im Kampf ums Dasein pflegen es, wie ich gezeigt habe, die Starken und ihre Nachkommen zu sein, die am Leben bleiben, während die Schwachen und ihre Brut erdrückt werden und sterben. Das Ergebnis ist, daß die Starken und ihre Nachkommen leben, und daß, solange der Kampf dauert, jede neue Generation stärker wird als die frühere. Das ist die Entwicklung. Ihr Sklaven aber – und es ist schlimm, Sklave zu sein, das räume ich gern ein –, ihr Sklaven aber träumt von einem Staat, in dem das Entwicklungsgesetz aufgehoben ist, in dem kein Schwächling oder Untauglicher stirbt, in dem jeder Untaugliche so viel zu essen bekommt, wie er wünscht, und in dem jeder heiraten und Nachkommen zeugen kann – die Schwachen sowohl wie die Starken. Und was kommt dabei heraus? Kraft und Lebenswert der Rasse werden nicht mehr mit jeder Generation wachsen. Im Gegenteil, sie werden eher abnehmen. Das ist die Nemesis eurer Sklavenphilosophie. Eure Gemeinschaft von Sklaven – von, durch und für Sklaven – muß notgedrungen geschwächt werden und verfallen wie das Leben, das sie ausmacht, geschwächt wird und verfällt.

»Vergessen Sie nicht, daß ich Biologie predige und nicht sentimentale Ethik. Kein Staat von Sklaven kann bestehen.«

»Und die Vereinigten Staaten?« heulte ein Mann unter den Zuhörern.

»Ja, wie steht es mit denen?« entgegnete Martin. »Die dreizehn Kolonien entledigten sich ihrer Herrscher und schufen die sogenannte Republik. Die Sklaven waren ihre eigenen Herren, es gab keine Herren mehr, die durch das Schwert herrschten. Aber ihr konntet nicht ohne Herren dieser oder jener Art fertig werden, und deshalb entstand eine neue Art Herren – nicht die großen, stolzen Männer, sondern die gerissenen, spinnenhaften Händler und Geldausleiher. Und die machten euch wieder zu Sklaven – aber nicht offen und ehrlich, wie wahre, stolze Männer kraft ihres starken Armes tun würden, sondern heimlich, durch widerliche Kniffe und durch Schmeichelei und Lüge. Sie haben eure Sklavenrichter gekauft, sie haben eure Sklavengesetze verdorben, und sie haben eure jungen Männer und Mädchen, die alle Sklaven sind, gezwungen, Schrecken durchzumachen, die weit schlimmer sind als Sklaverei und Leibeigenschaft. Zwei Millionen eurer Kinder fronen heute in dieser Handels-Oligarchie der Vereinigten Staaten. Zehn Millionen eurer Sklaven haben weder menschenwürdige Wohnungen noch menschenwürdige Nahrung.

»Um aber zu meinem Ausgangspunkt zurückzukehren: Ich habe bewiesen, daß keine Gemeinschaft von Sklaven bestehen kann, weil eine solche Gemeinschaft ihrer Natur nach das Entwicklungsgesetz aufheben müßte. Sobald eine Sklavengemeinschaft organisiert wird, muß der geistige Rückgang beginnen, sich geltend zu machen. Ihr habt leicht reden, das Entwicklungsgesetz ganz aus dem Spiel zu lassen, aber wo ist das neue Entwicklungsgesetz, das eure Kräfte erhält? Formuliert es! Ist es schon formuliert, dann her damit!«

Martin setzte sich unter einem Sturm von Rufen. Ein Dutzend Männer waren aufgesprungen und verlangten, zu Worte zu kommen. Und einer nach dem andern antworteten sie, von dem lärmenden Beifall ermutigt, auf den Angriff, antworteten mit Wärme und großer Begeisterung und heftigen Bewegungen. Es war ein sehr stürmischer Abend – aber der Sturm entfachte das Feuer des Geistes, einen Kampf von Ideen.

Einige der Redner hielten sich nicht an die Sache, die meisten aber antworteten direkt auf Martins Angriff. Sie erschütterten seinen Standpunkt durch Gedanken, die ihm neu waren, und gaben ihm Einsicht, nicht in neue biologische Gesetze, wohl aber in eine neue Anwendung der alten. Sie nahmen es zu ernst, um immer höflich zu bleiben, und mehr als einmal mußte der Vorsitzende aufs Pult schlagen, um sie zur Ordnung zu rufen.

Zufällig befand sich unter den Zuhörern ein sehr junger Journalist, der hingeschickt war, weil an diesem Tage Mangel an Neuigkeiten herrschte, und er hatte eine lebhafte Vorstellung von dem Sensationsbedarf des Journalismus. Er war nicht sehr begabt. Er war nur forsch und gewandt, im übrigen aber zu dumm, um der Diskussion folgen zu können, obwohl er gleichzeitig das angenehme Gefühl hatte, turmhoch über diesen großsprecherischen Tollhäuslern aus der arbeitenden Klasse zu stehen. Er hatte auch großen Respekt vor den Männern, die in den hohen Stellungen saßen und die Politik diskutierten, welche Nation und Zeitungen befolgten. Und er hatte auch selbst ein Ideal: die Vollkommenheit zu erreichen, die den erstklassigen Reporter kennzeichnet, nämlich etwas – und sogar ein ganz Teil – aus dem Nichts zu schaffen.

Er wußte gar nicht, um was es ging, und das war auch nicht nötig. Ausdrücke wie Revolution gaben ihm das Stichwort. Wie ein Paläontologe, der imstande ist, aus einem einzigen Knochen ein ganzes Skelett zu rekonstruieren, so rekonstruierte er aus dem einen Wort Revolution eine ganze Rede. Er tat das an dem Abend und machte es gut, und da Martin das größte Aufsehen erregt hatte, legte er ihm die Rede in den Mund, machte ihn zum Anarchisten und verwandelte seinen reaktionären Individualismus in den unheimlichsten roten Sozialismus. Der junge Journalist war auf seine Art ein Künstler, und er gebrauchte den breiten Pinsel, um Lokalkolorit hervorzubringen – sprach von langbärtigen Männern mit wilden, verstörten Blicken, von nervösen, degenerierten Typen, von Stimmen, die von Leidenschaft zitterten, von geballten Fäusten, die sich im Zorn erhoben, und alles das zeichnete sich scharf ab von einem Hintergrund von Flüchen, Geheul und tiefen Kehllauten zorniger Männer.

 

* * *

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.