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Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
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Das erste, was Martin am nächsten Morgen tat, war, daß er Brissendens Rat und ausdrücklichem Befehl strikte zuwiderhandelte. Er packte »Die Schande der Sonne« ein und schickte sie der »Acropolis«. Er glaubte immer noch, den Aufsatz bei einer Zeitschrift anbringen zu können, und dachte, daß es eine Empfehlung in den Augen der Verleger wäre, wenn sie von den Zeitschriften anerkannt würde. »Eintagsfliege« packte er gleichfalls ein und schickte sie an eine Zeitschrift. Trotz Brissendens Unwillen gegen die Zeitschriften, einem Unwillen, der allmählich zu einer reinen Manie geworden war, hatte Martin sich in den Kopf gesetzt, daß das große Gedicht gedruckt werden sollte. Er gedachte es jedoch nicht ohne Erlaubnis des andern erscheinen zu lassen. Er wollte nur erst die Annahme an einer führenden Zeitschrift durchsetzen und dann so gewappnet den Kampf mit Brissenden wieder aufnehmen, um seine Einwilligung zu erlangen.

An diesem Morgen begann Martin mit einer Arbeit, die er schon vor mehreren Wochen entworfen, und die ihn seither beständig gequält hatte. Es sollte scheinbar eine richtige Seemannsgeschichte, eine abenteuerliche romantische Erzählung aus dem achtzehnten Jahrhundert werden, eine Erzählung, die von wirklichen Charakteren in einer wirklichen Welt unter wirklichen Lebensbedingungen handelte. Aber hinter der spannenden Erzählung sollte etwas anderes liegen – etwas, das der oberflächliche Leser nie entdeckte, und das andererseits das Interesse und den Genuß eines solchen Lesers nicht schwächte. Das, nicht die Erzählung als solche, war es, was Martin zwang, sie zu schreiben. Es war ja stets das große universelle Motiv, das ihm die Ideen zu seinen Geschichten eingab. Hatte er ein solches Motiv gefunden, dann suchte er nach den besonderen Menschen und dem besonderen Platz in Zeit und Raum, wodurch er den Ausdruck für das Universelle fand. »Überfällig« lautete der Titel, für den er sich entschlossen hatte, und er meinte, daß die Erzählung nicht mehr als sechstausend Zeilen umfassen würde – eine Kleinigkeit für seine fabelhafte Produktionsfähigkeit. Am ersten Tage machte er sich daran, mit der bewußten Freude, daß er in diesem Maße seine Werkzeuge beherrschte. Ihn quälte nicht mehr die Furcht, daß die scharfe Schneide zum Durchbruch kommen und seine Arbeit verderben könnte. Die langen Monate, die er sich auf Arbeit und Studium konzentriert hatte, machten sich jetzt bezahlt. Mit sicherer Hand konnte er sich nun seiner Arbeit widmen, und während er Stunde auf Stunde arbeitete, spürte er wie nie zuvor den festen, alles umfassenden Griff, mit dem er das Leben und alles, was zum Leben gehörte, packte. »Überfällig« sollte eine Geschichte werden, in der die geschilderten Charaktere und Ereignisse sich logisch entwickelten; aber er fühlte sich auch überzeugt, daß diese Erzählung von all den wichtigen Dingen handeln sollte, die in allen Zeiten und auf allen Meeren für alles Leben galten – dank Herbert Spencer, dachte er, während er sich einen Augenblick auf dem Stuhl zurücklehnte. Ja, dank Herbert Spencer und dem Schlüssel zum Leben und zur Entwicklung, den Spencer ihm in die Hände gegeben hatte.

Er war sich bewußt, daß er jetzt etwas leistete. »Es geht! Es geht!« war der Refrain, der ihm immer wieder in den Ohren klang. Natürlich ging es. Jetzt endlich schrieb er etwas, nach dem die Zeitschriften gierig greifen würden. Die ganze Erzählung stand blitzartig erleuchtet vor ihm. Er unterbrach die Arbeit einen Augenblick, gerade so lange, wie er brauchte, um einen Abschnitt in sein Notizbuch zu schreiben. Es sollte der letzte Abschnitt von »Überfällig« sein, so vollständig war das Buch bereits in seinem Kopfe geformt, daß er den Schluß mehrere Wochen, ehe er so weit war, niederschreiben konnte. Er verglich die noch ungeschriebene Erzählung mit andern Seemannserzählungen und fühlte, daß sie ihnen weit überlegen war. »Nur einer könnte es besser machen«, murmelte er laut. »Und das ist Conrad. Und selbst auf den sollte es Eindruck machen, so daß er mir die Hand schütteln und sagen würde: ›Gut gemacht, mein Junge.‹«

Er arbeitete den ganzen Tag, und erst im letzten Augenblick fiel ihm ein, daß er bei Morses essen sollte. Dank Brissenden befand sich sein schwarzer Anzug nicht mehr beim Pfandleiher, und er konnte sich wieder zum Mittagessen einladen lassen. In der Stadt machte er noch schnell einen Sprung in die Bibliothek, um sich die Bücher von Saleeby anzusehen. Er erwischte den »Lebenszyklus«, und in der Straßenbahn begann er, die Abhandlung über Spencer zu lesen, von der Norton gesprochen hatte. Als Martin sie las; wurde er wütend. Das Blut stieg ihm in die Wangen, er biß die Zähne zusammen, ballte halb unbewußt die Fäuste, öffnete und ballte sie wieder, als hätte er etwas Verhaßtes gepackt, dem er das Leben aus dem Leibe pressen wollte. Als er ausgestiegen war, ging er mit dem Gang eines wütenden Menschen und schellte bei Morses mit einer solchen Heftigkeit, daß es ihn zum Bewußtsein seines Zustandes brachte und er einen Augenblick über sich selber lächeln mußte, so komisch kam es ihm vor. Sobald er aber drinnen war, senkte sich eine tiefe Niedergeschlagenheit über ihn. Er stürzte herab von der Höhe, auf die er sich den ganzen Tag, von den Flügeln der Inspiration getragen, gehoben gefühlt hatte. »Krämerseelen« – er mußte an Brissenden denken. Aber was tat das? fragte er sich zornig. Er heiratete ja Ruth, nicht ihre Familie.

Nie war Ruth ihm schöner, geistreicher, ätherischer und gleichzeitig doch gesünder erschienen. Ihre Wangen hatten Farbe, und ihre Augen zogen ihn immer wieder an – diese Augen, in denen er zuerst die Unsterblichkeit gelesen hatte. In der letzten Zeit hatte er nicht mehr an Unsterblichkeit gedacht, und die Richtung, die seine wissenschaftlichen Studien eingeschlagen, hatte ihn den Gedanken vergessen lassen. Jetzt aber las er in Ruths Augen einen Beweis ohne Worte, der alle in Worte ausgedrückten Beweise übertraf. Er sah in ihren Augen das, bei dem jede Diskussion aufhörte: die Liebe. Und auch in seinen eigenen Augen leuchtete die Liebe, und die Liebe war etwas, auf das es keine Antwort gab. So lautete der Lehrsatz des Verliebten.

Die halbe Stunde, die sie vor dem Essen miteinander verbrachten, machte ihn unendlich glücklich und unendlich zufrieden mit dem Leben. Als sie aber bei Tische saßen, überkam ihn die unvermeidliche Reaktion und Müdigkeit, die Folge eines schweren Tages. Er spürte, daß seine Augen müde waren, und daß alles ihn reizte. Er erinnerte sich, daß er an diesem Tisch, über den er jetzt spottete, und an dem er sich so oft gelangweilt, zum erstenmal mit zivilisierten Menschen in einer Atmosphäre gesessen hatte, die er selbst damals für Kultur und Bildung hielt. Er sah einen Schimmer seiner eigenen rührenden Erscheinung, wie sie vor langer Zeit gewesen war, dieses selbstbewußten Wilden, dem der Schweiß vor Angst und Seelenqual aus jeder Pore drang, der verwirrt war über die verblüffende Menge von Eßgeräten, der, gepeinigt von diesem Ungeheuer von Diener, immer wieder kämpfte, um diese schwindelnden, sozialen Höhen zu erreichen, und der zuletzt beschloß, er selbst zu bleiben und nicht das Wissen und die Politur vorzutäuschen, die er nicht besaß.

Er sah Ruth an, um bei ihr Beruhigung zu suchen, ungefähr wie ein Passagier in einem plötzlich ausgebrochenen, panischen Schrecken vor einem Schiffbruch nach den Rettungsgürteln ausschaut. Nun, das hatte er jedenfalls dabei erreicht – Liebe und Ruth. Alles andere hatte dem Maßstab seiner Bücher nicht standgehalten. Ruth aber und die Liebe hatten die Probe bestanden; für sie fand er eine biologische Berechtigung. Die Liebe war der höchste Ausdruck des Lebens. Die Natur hatte sich die Mühe gegeben, ihn zu erschaffen, wie sie alle normalen Männer erschuf, damit er lieben konnte. Sie hatte zehntausend Jahrhunderte – ja, hunderttausend, eine Million Jahrhunderte gebraucht, um diese Arbeit zu tun, und er war das Höchste, was sie erreichen konnte. Sie hatte die Liebe zum stärksten in ihm gemacht, hatte seine Macht vertausendfacht, als sie ihm die Phantasie schenkte und ihn unter die andern Eintagsfliegen schickte, um süße Schauer, Zärtlichkeit und den Drang zu fühlen, sich zu paaren. Unter dem Tische suchte er Ruths Hand und gab und empfing einen warmen Druck. Sie sah ihn einen einzigen, kurzen Augenblick an, und ihre Augen strahlten vor Zärtlichkeit. Dasselbe taten die seinigen in dem seligen Rausch, der ihn durchbebte, und er ahnte nicht, wieviel von dem zärtlichen strahlenden Ausdruck in ihren Augen erst durch den, welchen sie in den seinen gesehen, erzeugt war.

Ihm gegenüber, an der rechten Seite von Herrn Morse, saß Landrichter Blount, ein hervorragender Jurist. Martin hatte ihn einige Male getroffen, aber der Mann hatte ihm nie gefallen. Er und der Vater Ruths unterhielten sich eifrig über Gewerkschaftspolitik, die lokale Situation und Sozialismus, und Herr Morse versuchte, Martin zu reizen, sich über diesen Gegenstand auszulassen. Zuletzt sah Herr Blount mit einem Ausdruck wohlwollenden väterlichen Mitleids zu ihm hinüber. Martin lächelte bei sich.

»Das vergeht schon mit den Jahren, junger Mann«, sagte er beruhigend. »Die Zeit ist das beste Heilmittel gegen derartige Kinderkrankheiten.« Er wandte sich zu Ruths Vater: »Ich glaube nicht, daß eine Diskussion unter diesen Umständen einen Zweck hat. Sie macht den Patienten nur eigensinnig.«

»Das ist wahr«, räumte der andere mit großem Ernst ein. »Aber es ist zuweilen gut, den Patienten auf seinen Zustand aufmerksam zu machen.«

Martin lachte heiter, aber nicht ohne Mühe. Es war ein langer Tag gewesen, er hatte sehr angestrengt gearbeitet und befand sich in einem peinlichen Zustand, und die Reaktion machte sich jetzt stark fühlbar.

»Zweifellos sind Sie beide ausgezeichnete Ärzte,« sagte er, »aber wenn Sie sich etwas daraus machen, die Meinung des Patienten zu hören, so möchte ich Ihnen doch sagen, daß Ihre Diagnose nicht sehr scharfsinnig ist. In Wirklichkeit leiden Sie selbst an der Krankheit, die Sie bei mir zu finden glauben. Ich meinerseits bin unangreifbar. Der unverdauten Sozialisten-Philosophie, die in Ihren Adern rast, bin ich glücklich entronnen.«

»Glänzend, glänzend«, murmelte der Richter. »Eine ausgezeichnete Kriegslist, in einer Diskussion die Stellungen zu vertauschen.«

»Ihr Wort in Ehren«, Martins Augen leuchteten, aber er beherrschte sich. »Aber sehen Sie, Herr Landrichter, ich habe Ihre Rede im Wahlkampf gehört, und ich weiß, daß Sie meinen, an das Konkurrenzsystem und an den Sieg der Starken zu glauben, gleichzeitig aber unterstützen Sie aus aller Macht die Maßregeln, die dahin gehen, die Macht der Starken zu beschneiden.«

»Aber junger Mann –«

»Vergessen Sie nicht, daß ich Ihre Reden beim Wahlkampf gehört habe«, warnte ihn Martin. »Es finden sich Berichte über Ihre Stellungnahme in den zwischenstaatlichen Handelsbestimmungen, in den Bestimmungen über den Eisenbahntrust, über die Standard Oil Company, über die Schonung von Forsten, und in all den tausendundein hemmenden Bestimmungen, die in Wirklichkeit nichts als sozialistisch sind.«

»Wollen Sie mir erzählen, daß Sie nicht an die Notwendigkeit glauben, etwas gegen den vielfachen Mißbrauch der Amtsgewalt tun zu müssen –«

»Darum handelt es sich nicht Ich will Ihnen nur sagen, daß Sie nicht verstehen, eine Diagnose zu stellen. Ich will Ihnen erklären, daß Sie von dem Bazillus angegriffen sind, der Sozialismus heißt, ich will Ihnen erzählen, daß Sie mit unter den vernichtenden, verheerenden Wirkungen dieses Bazillus leiden. Ich meinerseits bin ein entschiedener Gegner des Sozialismus, genau so, wie ich ein entschiedener Gegner ihres Bastards von Demokratie bin. Der ist nichts als ein Pseudo-Sozialismus, der unter einem Deckmantel von Worten auftritt, Worten, die der Begründung eines Lexikons nicht standhalten.

»Ich bin reaktionär, so ausgesprochen reaktionär, daß meine Stellung Ihnen, der Sie in einer verschleierten Lüge von sozialer Organisation leben, und dessen Scharfblick nicht genügt, den Schleier zu durchdringen, ganz unfaßbar ist. Sie wollen uns vormachen, daß Sie an das Leben und die Herrschaft der Starken glauben. Ich glaube wirklich daran, das ist der ganze Unterschied. Als ich ein klein wenig jünger war – nur ein paar Monate jünger –, glaubte ich dasselbe. Sie sehen, Ihre Ideen haben Einfluß auf mich gehabt. Aber Kaufleute und Händler sind bestenfalls feige Herrscher – sie grunzen und wühlen all ihre Tage im Trog der Geldgier, und so bin ich mit Ihrer Erlaubnis zur Aristokratie zurückgekehrt. Ich bin der einzige Individualist in diesem Zimmer. Ich erwarte nichts vom Staate. Ich erwarte nur den starken Mann, den Mann hoch zu Roß, der den Staat aus seiner morschen Nichtigkeit errettet.

»Nietzsche hatte recht – ich will keine Zeit darauf verschwenden, Ihnen zu erzählen, wer Nietzsche war – aber er hatte recht – die Welt gehört dem Starken – dem Starken, der auch edel ist und sich nicht in einem Schweinesuhl von Handel und Tauschhandel wälzt. Die Welt gehört dem wahren Edelmann, der großen blonden Bestie, dem, der kein Kompromiß kennt und nicht immer nur ›Ja‹ sagt. Und der wird euch auffressen, euch Sozialisten, die ihr euch vor dem Sozialismus fürchtet und euch selbst für Individualisten haltet. Die Sklavenmoral, der ihr in eurer Eigenschaft der Demütigen und Geringen huldigt, kann euch nicht erretten. Ach, das ist ja doch lauter Griechisch für Sie, und ich will Sie nicht länger quälen. Aber vergessen Sie eines nicht. Es gibt nicht ein halbes Dutzend Individualisten in Oakland, aber Martin Eden ist einer von ihnen.«

Mit einer Handbewegung gab er zu erkennen, daß er seinerseits die Diskussion für beendet hielt, und wandte sich dann an Ruth.

»Ich bin so abgespannt heute«, sagte er leise. »Ich möchte nur lieben, nicht reden.«

Er achtete nicht auf Herrn Morse, der sagte:

»Ich bin immer noch nicht überzeugt. Alle Sozialisten sind Jesuiten. Daran erkennt man sie.«

»Wir werden schon noch einen guten Republikaner aus Ihnen machen«, sagte Herr Blount.

»Ehe das geschieht, ist der Mann hoch zu Roß längst gekommen«, antwortete Martin scherzend und wandte sich wieder zu Ruth.

Aber Herr Morse gab sich nicht zufrieden. Die Trägheit und die Abneigung seines künftigen Schwiegersohns gegen ernste, regelmäßige Arbeit behagte ihm nicht, und er hatte ebensowenig Achtung vor seinen Ideen wie Verständnis für sein Wesen. Die Folge war, daß Herr Morse das Gespräch auf Herbert Spencer brachte. Herr Blount unterstützte ihn nach Kräften, und Martin, der die Ohren spitzte, sobald dieser Name genannt wurde, hörte dem Richter zu, der Herbert Spencer feierlich und selbstzufrieden aburteilte. Von Zeit zu Zeit blickte Herr Morse Martin an, als wollte er sagen: »Da hast du's, mein Junge.«

»Schwatzende Elster!« murmelte Martin und unterhielt sich weiter mit Ruth und Arthur.

Aber der lange Arbeitstag, der Gedanke daran, daß er am nächsten Abend wieder »Die Bande« treffen sollte, übte ihre Wirkung auf Martin aus, und dazu brannte in ihm noch der Zorn über das, was er in der Straßenbahn gelesen hatte.

»Was ist mit dir?« fragte Ruth plötzlich erschrocken, als sie sah, daß er sich nur mit Mühe beherrschte.

»Es ist kein Gott außer dem Unbekannten, und Spencer ist sein Prophet«, sagte Landrichter Blount im selben Augenblick.

Martin wandte sich zu ihm.

»Ein wohlfeiles Urteil«, bemerkte er ruhig. »Ich hörte es zum erstenmal im Stadtpark von einem Arbeiter, der besser Bescheid hätte wissen müssen. Seither habe ich es oft gehört, und jedesmal wird mir übel von dem entsetzlichen Unsinn. Sie sollten sich schämen! Den Namen dieses großen, edlen Mannes aus ihrem Munde zu hören, ist, als fände man einen Tautropfen in einer Mistgrube. Es ist widerlich.«

Das war wie ein Donnerschlag. Herr Blount starrte ihn an, als sollte er einen Schlaganfall bekommen, und es wurde ganz still im Zimmer. Herr Morse war innerlich recht zufrieden mit dem Geschehenen, denn er konnte sehen, daß seine Tochter empört war. Das wollte er ja gerade – diesen Mann, der ihm nicht gefiel, dazu bringen, daß er seine angeborene Pöbelhaftigkeit zeigte.

Ruths Hand suchte Martins flehend unter dem Tische. Aber jetzt war sein Blut wirklich in Aufruhr geraten. Er war empört über die geistige Anmaßung und Unehrlichkeit dieser Leute in hohen Stellungen. Einer der ersten Richter Kaliforniens! Es war erst wenige Jahre her, daß er aus dem Schlamm zu diesen strahlenden Geschöpfen aufgesehen und sie für Götter gehalten hatte.

Richter Blount besann sich und versuchte die Diskussion fortzusetzen, und er wandte sich an Martin mit einer Höflichkeit, die, wie dieser gut verstand, darauf berechnet war, Eindruck auf die Damen zu machen. Aber selbst das schürte nur seinen Zorn. Gab es denn keine Gerechtigkeit auf der Welt?

»Sie können nicht über Spencer mit mir reden!« rief er. »Sie wissen nicht im geringsten mehr von Spencer als seine eigenen Landsleute. Aber das ist nicht Ihre Schuld – das gebe ich gern zu – es ist nur eine neue Phase der verächtlichen Unwissenheit unserer Zeit. Ich habe gerade eine Abhandlung von Saleeby über Spencer gelesen. Die sollten sie lesen. Sie ist allen Menschen zugänglich. Sie können sie in jeder Buchhandlung kaufen oder in einer der öffentlichen Bibliotheken leihen. Sie würden sich über Ihre Armut an Schimpfwörtern und Ihre Unwissenheit über diesen edlen Menschen schämen im Vergleich mit dem, was Saleeby in der Beziehung fertig bringt. Es ist ein Rekord an Schimpfen, der selbst Ihr Schimpfen zuschanden macht.

»›Der Philosoph der Halbgebildeten‹ wurde er von einem akademischen Philosophen genannt, der nicht wert war, die Luft, die er einatmete, zu beschmutzen. Ich glaube nicht, daß Sie zehn Seiten von Spencer gelesen haben. Aber es hat Kritiker gegeben, die von sich sagen können, daß sie mehr Verständnis als Sie haben, und die nicht mehr von Spencer gelesen haben als Sie; die haben öffentlich seine Anhänger herausgefordert, einen einzigen wirklichen Gedanken aus all seinen Büchern anzuführen. Aus den Büchern Herbert Spencers, des Mannes, der auf alle Gebiete des wissenschaftlichen Forschens, des modernen Denkens den Stempel seines Genies gesetzt hat! Er ist der Vater der Psychologie, der Mann, der die Pädagogik revolutioniert hat, so daß selbst das Kind des französischen Bauern heute die Anfangsgründe nach den von ihm gegebenen Prinzipien lernt. Und diese kleinen Mücken von Männern stechen sein Andenken, während sie sich gleichzeitig ihr Brot mit der praktischen Anwendung all seiner Gedanken verdienen. Das wenige Wertvolle, das sich in ihren Köpfen findet, verdanken sie zu einem großen Teil ihm. Hätte er nicht existiert, so würde sicher das meiste von dem, was von ihrem Papageienwissen richtig ist, nicht vorhanden sein.

»Und dennoch gibt es begabte Männer – und Männer, die noch höhere Stellungen einnehmen, als Sie, Herr Landrichter – die gesagt haben, daß die Nachwelt Spencer eher als Dichter und Träumer, denn als Denker betrachten würde. Dummköpfe und Schwätzer alle zusammen! ›Die ersten Prinzipien‹ seien nicht ohne eine gewisse Kraft, hat einer von ihnen gesagt, und andere haben gesagt, er wäre eher ein ehrlicher Arbeiter als ein Mann mit ehrlichen Gedanken. Dummköpfe und Schwätzer!«

Martin hielt plötzlich inne, und es wurde totenstill im Zimmer. Die ganze Familie Morse sah zu Landrichter Blount auf als zu einem Mann von Fähigkeiten und Einfluß, und sie waren über Martins Ausbruch entsetzt. Solange sie noch bei Tische saßen, war die Stimmung wie bei einem Begräbnis. Der Richter und Herr Morse beschränkten sich darauf, miteinander zu sprechen, und im übrigen bestand die Unterhaltung hauptsächlich aus Pausen. Als Martin später mit Ruth allein war, kam es zu einer Szene zwischen ihnen.

»Du bist unerträglich«, weinte sie.

Aber sein Zorn hatte sich noch nicht gelegt. Er murmelte: »Diese Bestien! Diese Bestien!«

Als sie behauptete, daß er den Richter beleidigt hätte, antwortete er:

»Indem ich ihm die Wahrheit gesagt habe?«

»Es ist mir gleich, ob es wahr ist oder nicht«, fuhr sie fort. »Es gibt gewisse Anstandsgrenzen, und du darfst niemand beleidigen.«

»Aber warum durfte Herr Blount denn diese Wahrheit überfallen?« fragte Martin. »Die Wahrheit zu überfallen, ist ein weit ernsteres Vergehen, als einen so gleichgültigen Menschen wie den Landrichter zu beleidigen. Er hat etwas weit Scheußlicheres getan. Er hat den Namen eines großen edlen Verstorbenen beschmutzt. Ach, die Bestien! Die Bestien!«

Sein Zorn flammte wieder auf, und Ruth fürchtete sich fast vor ihm. Sie hatte ihn noch nie zornig gesehen, und dies alles war in ihren Augen so unverständlich und sinnlos. Und doch lag in ihrer Angst derselbe Zauber, der sie zu ihm gezogen hatte und immer noch zu ihm zog – der sie gezwungen hatte, sich an ihn zu lehnen und ihm in jenem wahnsinnigen entscheidenden Augenblick die Arme um den Hals zu schlingen. Sie war tief gekränkt über das Geschehene, und doch lag sie in seinen Armen und zitterte, während er immer noch murmelte: »Die Bestien, die Bestien!« Und sie blieb auch in seinen Armen, als er sagte: »Mein Lieb, ich will deine Familie nicht mehr mit meiner Gegenwart belästigen. Sie mögen mich nicht, und es ist falsch von mir, ihnen meine unangenehme Gegenwart aufzudrängen. Außerdem sind sie mir ebenso unangenehm. Pah! Es ist zum Krankwerden. Und sich zu denken, daß ich mir in meiner Unschuld einbildete, alle Menschen, die hohe Stellungen bekleideten, in feinen Häusern wohnten und Erziehung und Bankkonten hätten, wären etwas wert und maßgebend!«

 

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