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Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
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Kommen Sie mit, dann werden Sie etwas sehen«, sagte Brissenden eines Abends im Januar zu Martin.

Sie hatten in San Franzisko zu Abend gegessen und standen jetzt im Fährgebäude, um nach Oakland zurückzukehren, als Brissenden plötzlich den Einfall hatte, Martin »etwas sehen zu lassen«. Er drehte sich um und lief den Kai entlang, ein magerer Schatten in einem flatternden Mantel, während Martin sich anstrengen mußte, um nachzukommen. In einer Weinhandlung kaufte Brissenden zwei Literflaschen Portwein und kletterte mit einer in jeder Hand, von Martin gefolgt, der mit einigen Flaschen Whisky beladen war, auf einen Straßenbahnwagen.

»Wenn Ruth mich jetzt sehen könnte«, sagte er bei sich, während er darüber nachdachte, was er wohl sehen sollte.

»Vielleicht ist niemand da«, sagte Brissenden, als sie ausstiegen und sich in das Herz des Arbeiterghettos südlich der Market-Street stürzten. »Dann werden Sie um das gebracht, was Sie solange suchten.«

»Und was ist das, zum Donnerwetter?« fragte Martin.

»Männer – vernünftige Männer – und nicht die geschwätzigen Schwachköpfe, in deren Gesellschaft ich Sie kennenlernte. Sie lesen Bücher, und Sie haben sich allein gefunden. Nun, und heute will ich Ihnen ein paar Leute zeigen, die auch Bücher lesen, so daß Sie sich nicht mehr einsam zu fühlen brauchen. Nicht, daß ich mir den Kopf über ihre ewigen Diskussionen zerbreche«, sagte er, als sie ein Stück weitergegangen waren. »Ich interessiere mich nicht für Bücherweisheit. Aber Sie werden sehen, daß diese Männer wirklich intelligent, daß sie keine Bourgeoisschweine sind. Aber nehmen Sie sich in acht, die können Sie in Grund und Boden reden.«

»Hoffentlich ist Norton da«, stöhnte er kurz darauf, indem er gleichzeitig Martins Versuch, ihn von den zwei Flaschen zu befreien, abwies. »Norton ist Idealist – und Harvardmann. Er hat ein fabelhaftes Gedächtnis. Sein Idealismus hat ihn in philosophischen Anarchismus getrieben, und seine Familie hat ihn verstoßen. Der Vater ist Eisenbahnpräsident und vielfacher Millionär, aber der Sohn hungert sich in Frisko als Redakteur einer Anarchistenzeitung mit fünfundzwanzig Dollar den Monat durch.«

Martin kannte San Franzisko nur wenig, und die Gegenden südlich der Market-Street schon gar nicht; er hatte daher keine Ahnung, wohin er geführt wurde.

»Also los«, sagte er. »Erzählen Sie mir etwas von den Leuten. Wovon leben sie? Wie kommen sie hierher?«

»Hoffentlich ist Hamilton da.« Brissenden stellte für einen Augenblick die Flaschen nieder. »Strawm-Hamilton heißt er – mit Bindestrich, wissen Sie – aus einer alten Südstaatenfamilie. Er ist Vagabund – der faulste Mensch, den ich je getroffen habe, wenn er auch eine Stellung als Kontorist in einem sozialistischen Konsumverein hat – oder jedenfalls tut, als ob er sie hätte – für sechs Dollar die Woche. Aber er ist ein richtiger Landstreicher. Er ist auf Schusters Rappen in die Stadt gekommen. Ich habe ihn einen ganzen Tag auf einer Bank sitzen sehen, ohne daß er einen Bissen gegessen hätte, und als ich ihn abends zum Essen einlud – das Restaurant lag zwei Ecken weiter – sagte er: »Das macht mir viel zuviel Mühe, Alter. Kaufen Sie mir statt dessen ein Päckchen Zigaretten.« Er war Spencerianer wie Sie, bis Kreis ihn zum materialistischen Monismus bekehrte. Ich will versuchen, ihn dazu zu bringen, daß er von Monismus redet. Norton ist auch Monist – nur daß er nichts als den Geist anerkennt. Er sagt Kreis und Hamilton tüchtig Bescheid.«

»Wer ist Kreis?« fragte Martin.

»Das ist der, zu dem wir unterwegs sind. War Professor an der Universität – wurde weggejagt – die alte Geschichte. Ein Gehirn wie eine stählerne Falle. Verdient sich sein Brot, wie es sich gerade trifft. Ich weiß, daß er als Straßenzauberer aufgetreten ist, wenn es ihm besonders schlecht ging. Ganz skrupellos. Würde einem Toten das Leichenhemd rauben. Der Unterschied zwischen ihm und der Bourgeoisie ist, daß er ohne Illusionen raubt. Er redet von Nietzsche, Schopenhauer, Kant oder von was Sie wollen, aber das einzige in der Welt, Mary nicht ausgenommen, aus dem er sich wirklich etwas macht, ist sein Monismus. Haeckel ist sein Hausgott! Die einzige Möglichkeit, ihn zu beleidigen, ist, daß man etwas über Haeckel sagt.«

»Hier ist die Bude.« Brissenden setzte die Flaschen auf das Geländer, ehe er die Treppe hinaufzusteigen begann. Es war das übliche zweistöckige Eckhaus mit einem Schanklokal und einem Kaufmannsladen im Erdgeschoß. »Hier wohnt die Bande – sie hat den ganzen zweiten Stock für sich. Aber Kreis ist der einzige, der zwei Stuben hat. Kommen Sie.«

Es brannte kein Licht auf dem obersten Treppenabsatz, aber Brissenden drang durch die Finsternis wie ein Gespenst, das den Weg kennt. Dann blieb er stehen, um Martin etwas zu sagen.

»Da ist einer – Stevens. Theosoph. Redet einen Stiefel zusammen, wenn er loslegt. Augenblicklich ist er Tellerwäscher in einem Restaurant. Liebt eine gute Zigarre. Ich habe gesehen, wie er für zehn Cent zu Mittag aß und fünfzig Cent für die Zigarre bezahlte, die er hinterher rauchte. Für den Fall, daß er da ist, habe ich ein paar Zigarren für ihn in der Tasche.

»Und da ist noch einer – Parry – ein Australier, Statistiker und wanderndes Konversationslexikon. Fragen Sie ihn nach der Getreideproduktion in Paraguay im Jahre 1903 oder nach dem englischen Bettleinenexport nach China im Jahre 1890 oder nach dem Gewicht von Jimmy Britt, als er mit Battling Nelson boxte, und Sie kriegen die richtige Antwort ebenso schnell, wie wenn Sie einen Groschen in einen Automaten steckten. Und dann endlich Andy – der ist Maurer, hat seine eigenen Ideen von allem zwischen Himmel und Erde und ist ein guter Schauspieler – und Harry, ein Bäcker, rotglühender Sozialist und eifriger Gewerkschaftsmann. Sagen Sie übrigens – erinnern Sie sich an den Köche- und Kellnerstreik – Hamilton organisierte damals die Gewerkschaften und beschleunigte den Streik – machte im voraus den ganzen Plan, hier, bei Kreis. Er tat es nur zum reinen Vergnügen, war aber zu faul, um mit der Gewerkschaft auszuhalten. Ja, wenn er gewollt hätte, wäre er ein großer Mann geworden. Es stecken fabelhafte Möglichkeiten in dem Manne – wenn er nur nicht so phantastisch faul wäre.«

Brissenden schritt weiter durch die Finsternis, bis ein Lichtstrahl eine Türschwelle anzeigte. Sie klopften an, und als von drinnen geantwortet wurde, öffneten sie die Tür.

Martin wurde sofort Kreis, einem stattlichen dunklen Mann mit blendend weißen Zähnen, schwarzem hängenden Schnurrbart und leuchtenden schwarzen Augen, vorgestellt. Mary, eine mütterlich aussehende junge Blondine, wusch Teller in dem kleinen Hinterzimmer, das sowohl als Küche wie als Eßzimmer diente, während die Vorderstube Schlaf- und Wohnzimmer vorstellte. Die wöchentliche Wäsche hing in Bogen so niedrig unter der Decke, daß Martin nicht gleich die zwei Männer sah, die in einer Ecke miteinander sprachen. Sie begrüßten Brissenden und seine Flaschen mit Begeisterung, und bei der Vorstellung erfuhr Martin, daß es Andy und Parry waren. Er trat zu ihnen und lauschte aufmerksam der Beschreibung eines Boxkampfes, den Parry am Abend zuvor gesehen hatte, während Brissenden sich daran machte, Grog zu brauen und Wein und Whisky und Soda einzuschenken. Auf sein Kommando: »Herein mit der Horde!« ging Andy hinaus und rief die andern.

»Wir haben Glück, daß wir die meisten von ihnen treffen«, flüsterte Brissenden Martin zu. »Da sind Norton und Hamilton – kommen Sie, ich stelle Sie vor. Stevens ist nicht zu Hause, wie ich höre. Ich will sehen, den Monismus aufs Tapet zu bringen, wenn ich kann. Warten Sie, bis sie ein paar Glas getrunken haben – dann werden sie auftauen.«

Anfänglich war die Unterhaltung sprunghaft. Aber Martin entging doch nicht ihr kühnes Gedankenspiel. Diese Männer hatten ihre festen Ansichten, und wenn diese Ansichten sich auch gewöhnlich widersprachen, und wenn sie auch witzig und schnell ausgesprochen wurden, so waren sie doch nicht oberflächlich. Er bemerkte bald, daß sie, einerlei, wovon sie sprachen, gleich ihr Wissen zur Hand hatten und auch eine tiefgründige geschlossene Auffassung von der menschlichen Gesellschaft und dem Weltall besaßen. Niemand fabrizierte die Anschauungen für sie; sie waren alle irgendwie Rebellen, und keine Plattheit kam über ihre Lippen. Nie hatte Martin bei Morses eine so erstaunliche Menge von Themen erörtern hören. Für die Dinge, mit denen sie sich beschäftigten, gab es anscheinend keine andere Grenze als die Zeit; das Gespräch ging von dem neuen Buche Humphry Wards bis zum letzten Stück von Bernard Shaw, durch die Zukunft des Dramas zu den Memoiren Nat Goodwins. Sie lobten oder verspotteten die Leitartikel des Morgens, sprangen von Arbeiterverhältnissen auf Neuseeland zu Henry James und Brander Matthews; gingen dann über zu den Plänen des Deutschen Reiches im fernen Osten und der ökonomischen Seite der gelben Gefahr, stritten sich über die deutschen Wahlen und die letzte Rede Bebels und kamen schließlich auf die neuesten Pläne und Skandale in der Verwaltung der Arbeiterpartei und die Fäden, die gespannt wurden, um einen Streik der Küstenseeleute zu verursachen. Martin war überrascht von dem tiefen Wissen, das sie besaßen. Sie kannten Dinge, von denen nie etwas in den Zeitungen stand – die Schnüre und die verborgenen Hände, die die Puppen tanzen ließen. Zu Martins Erstaunen beteiligte sich die junge Frau Mary am Gespräch und bekundete eine Intelligenz, wie er sie bei den wenigen Frauen seiner Bekanntschaft noch nie getroffen hatte. Sie unterhielten sich über Swinburne und Rossetti, und dann brachte sie das Gespräch auf französische Literatur, wo er ihr aber nicht folgen konnte. Er revanchierte sich, als sie Maeterlinck verteidigte, indem er die sorgfältig durchdachte Theorie aufstellte, die seinem Aufsatz »Die Schande der Sonne« zugrunde lag.

Es waren noch mehrere Männer hinzugekommen, und die Luft war dick von Tabaksrauch, als Brissenden die rote Fahne schwang.

»Hier ist etwas für Sie, Kreis,« sagte er, »ein unschuldiger Knabe, der mit der Leidenschaft eines Verliebten an Herbert Spencer hängt. Machen Sie ihn zum Anhänger von Haeckel – wenn Sie können.«

Kreis schien zu erwachen und schlug gleichsam Funken, während Norton Martin freundlich mit einem sanften, fast mädchenhaften Lächeln anblickte, als wollte er ihm sagen, daß er ihn schon beschützen würde.

Kreis fiel gleich über Martin her, aber Schritt für Schritt legte Norton sich dazwischen, bis er und Kreis mitten in einem persönlichen Zweikampf waren. Martin lauschte und hätte sich gern die Augen gerieben. Dies konnte unmöglich Wirklichkeit sein, und am wenigsten hier im Arbeiterghetto südlich der Market-Street. Die Bücher waren für diese Männer lebende Wesen. Sie sprachen mit Feuer und Begeisterung, und die geistige Stimulanz spornte sie an, wie er Alkohol und Zorn hatte andere Männer anspornen sehen. Er hörte nicht mehr die Philosophie des trockenen gedruckten Wortes, die von fast mystischen Halbgöttern wie Kant und Spencer geschrieben war. Dies war lebendige Philosophie von warmem roten Blut, inkarniert in diesen beiden Männern, und hin und wieder fielen auch die andern ein, alle aber folgten der Diskussion so gespannt, daß sie ihre Zigaretten vergaßen und mit erregten Mienen dasaßen.

Idealismus hatte nie etwas Anziehendes für Martin gehabt, jetzt aber, da Norton ihn vertrat, war es eine Offenbarung für ihn. Der logische Zusammenhang in dem, was der andere sagte, appellierte an seinen Verstand, machte aber offenbar keinen Eindruck auf Kreis und Hamilton, die Norton verspotteten und ihn einen Metaphysiker nannten, während er wiederum sie verspottete und ihnen die Bezeichnung Metaphysiker knurrend zurückgab. Worte wie Phenomenon und Noumenon flogen hin und her. Ihr Angriff richtete sich besonders gegen seinen Versuch, das Bewußtsein aus sich selbst erklären zu wollen. Er wieder beschuldigte sie, mit Worten zu spielen, von Worten statt von Tatsachen zur Theorie zu gelangen. Hierüber waren sie entsetzt. Es war der Grundsatz all ihres Denkens, mit Tatsachen zu beginnen und Tatsachen zu benennen.

Wenn Norton auf die Schwierigkeiten bei Kant hinwies, erinnerte Kreis ihn daran, daß jede nette kleine deutsche Philosophie nach ihrem Tode nach Oxford käme.

Kurz darauf erinnerte Norton sie dann an Hamiltons »Gesetz der Sparsamkeit«, dessen Anwendung sie indessen für jeden ihrer Denkprozesse in Anspruch nahmen. Und Martin faltete die Hände um seine Knie und war begeistert. Norton aber war kein Spencerianer, er kämpfte auch um Martins philosophische Seele und wandte sich ebensosehr gegen ihn wie gegen seine beiden Widersacher.

»Sie wissen wohl, daß keiner je Berkeley hat antworten können«, wandte er sich direkt an Martin. »Herbert Spencer kam noch am nächsten, aber er war nicht sehr nahe. Selbst die eifrigsten Spencerianer wagen nicht, weiter zu gehen. Ich las neulich eine Abhandlung von Saleeby, und das Beste, was Saleeby sagen konnte, war, daß Herbert Spencer Berkeley beinahe erfolgreich geantwortet hätte.«

»Ihr wißt doch, was Hume sagt?« warf Hamilton ein. Norton nickte, Hamilton aber belehrte die übrigen. »Er sagt, daß die Argumente Berkeleys keine Antwort erlauben und niemand überzeugen.«

»Nun, Hume überzeugen sie nicht«, lautete die Antwort. »Und hier steht ihr mit Hume auf demselben Standpunkt, nur mit dem Unterschied, daß er klug genug war, einzugestehen, daß man Berkeley nicht antworten könnte.«

Norton war Gefühlsmensch und leicht erregbar, wenn er auch nie den Kopf verlor, während Kreis und Hamilton einem Paar kaltblütiger Barbaren glichen, die eine Blöße suchten, um ihrem Gegner das Messer ins Herz zu stoßen. Als Norton im Laufe des Abends immer wieder die Schmach erlitten hatte, ein Metaphysiker genannt zu werden, mußte er den Stuhl umklammern, um nicht aufzuspringen, und jetzt richtete er mit leuchtenden Augen und einem harten sicheren Ausdruck in dem mädchenhaften Gesicht einen Hauptschlag gegen ihre Stellung.

»Also schön, ihr Haeckelianer; mag sein, daß ich wie ein Medizinmann denke, aber bitte, wie denkt ihr? Ihr habt nichts, worauf ihr euch stützen könnt, ihr unwissenschaftlichen Dogmatiker mit eurem positiven Wissen, das ihr immer da anbringt, wo es nicht am Platze ist. Längst, ehe die Schule des materialistischen Monismus entstand, war der Boden unter ihr weggegraben, so daß sie keine feste Grundlage finden konnte. Das war Locke – John Locke. Vor zweihundert Jahren – ja, es ist noch länger her – bewies er, daß angeborene Ideen nicht existieren. Und das Beste dabei ist, daß es gerade das ist, was ihr behauptet. Heute abend habt ihr immer wieder behauptet, daß angeborene Ideen nicht existieren.

»Und was bedeutet das? Es bedeutet, daß ihr die letzten Tatsachen nicht kennt. Wenn ihr geboren werdet, ist euer Hirn leer. Erscheinungen oder Phänomene sind das einzige, was ihr von euern fünf Sinnen empfangen könnt. Folglich haben die Noumena, die bei eurer Geburt nicht in eurem Gehirn sind, keine Möglichkeit, hineinzugelangen –«

»Ich leugne«, fiel Kreis ihm ins Wort.

»Warte, bis ich fertig bin«, rief Norton. »Du kannst von den Kräften und von der Aktion und Reaktion der Materie nur so viel wissen, wie sich irgendwie deinem Gedächtnis einprägt. Ich will sogar, nur damit wir es als Ausgangspunkt benutzen können, zugeben, daß die Materie existiert, und jetzt werde ich euch mit eurem eigenen Argument schlagen. Ich kann es gar nicht auf andere Art tun, denn ihr seid beide, infolge eurer angeborenen Veranlagung, ganz außerstande, eine philosophische Abstraktion zu verstehen.

»Also, was wißt ihr von der Materie kraft eurer eigenen positiven Wissenschaft? Ihr kennt sie nur nach ihren Phänomenen, ihren Äußerungen. Ihr kennt nur die Veränderungen, die mit ihr geschehen, oder die Art Veränderungen an ihr, die wieder Veränderungen in eurem Bewußtsein bewirkt. Die positive Wissenschaft hat nur mit Phänomenen zu tun, und doch seid ihr töricht genug, daß ihr Entologisten werden und mit Noumena zu tun haben wollt. Aber die Wissenschaft hat gemäß der Definition der positiven Wissenschaft nur mit den Erscheinungen zu tun. Wie ein Philosoph gesagt hat, kann die Kenntnis der Phänomene nicht über die Phänomene selbst hinausgehen.

»Ihr könnt Berkeley nicht antworten, wenn ihr auch Kant abgeschafft habt, und dennoch müßt ihr davon ausgehen, daß Berkeley unrecht hat, wenn ihr bestätigt, daß die Wissenschaft die Nichtexistenz Gottes oder – was ebenso motiviert ist – die Existenz der Materie beweist ... ihr wißt, daß ich die Existenz der Materie nur zugestehe, um mich Leuten eurer Fassungsgabe verständlich zu machen. Ihr könnt die positive Wissenschaft pflegen, soviel ihr wollt, aber Entologie hat keinen Platz in der positiven Wissenschaft, und daher müßt ihr die Finger davon lassen. Spencer hat recht in seinem Agnostizismus, wenn Spencer aber –«

Aber es wurde für Martin und Brissenden Zeit, aufzubrechen, wenn sie die Fähre nach Oakland noch erreichen wollten. Und so gingen sie, während Norton weiter redete und Kreis und Hamilton darauf warteten, bis er fertig war, um dann wie ein paar Bluthunde über ihn herzufallen.

»Sie haben mich einen Blick ins Märchenland tun lassen«, sagte Martin auf der Fähre. »Solche Leute zu treffen, macht das Leben lebenswert. Ich befinde mich in vollkommenem Aufruhr. Es ist das erstemal, daß ich Idealismus anerkannt habe. Und doch kann ich ihnen nicht folgen. Ich weiß, daß ich stets Realist bleiben werde. Ich bin auch wohl so geschaffen. Aber ich hätte Lust, Kreis und Hamilton zu antworten, und ich hätte auch Norton dies oder jenes zu sagen. Ich kann nicht sehen, daß Spencer den kürzeren gezogen hat. Ich bin so aufgeregt wie ein Kind nach seinem ersten Zirkusbesuch. Ich sehe schon, daß ich mehr lesen muß. Ich muß Saleeby zu fassen kriegen. Ich glaube immer noch, daß Spencer unangreifbar ist, das nächste Mal werde ich selbst ein Wörtchen mitreden.«

Aber Brissenden, der schwer und mühsam atmete, war eingeschlafen, das in einem Halstuch verborgene Kinn ruhte auf der eingefallenen Brust, und die magere Gestalt in dem langen Überzieher schwankte im Takt zum Zittern der Schraube.

 

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