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Martin Eden. Zweiter Band

Jack London: Martin Eden. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Zweiter Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid5004ade4
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Martin kämpfte immer noch erfolglos. Bei aller Sparsamkeit wogen die Einnahmen aus seiner Gelegenheitsarbeit nicht seine Ausgaben auf. Als das Dankfest kam, hatte er seinen schwarzen Anzug versetzt und konnte daher die Einladung der Familie Morse zum Mittagessen nicht annehmen. Die Ursache seiner Absage betrübte Ruth, und ihr Kummer wieder übte auf ihn die Wirkung aus, daß er ganz verzweifelte. Er sagte, daß er doch kommen würde; daß er nach Franzisko fahren und beim »Transcontinental-Magazin« die fünf Dollar, die das Blatt ihm schuldete, eintreiben wollte, um seinen Anzug einzulösen.

Am Morgen lieh er sich zehn Cent von Maria. Er hätte sie sich lieber von Brissenden geliehen, aber dieses unberechenbare Individuum war ganz aus seinem Gesichtskreis verschwunden. Zwei Wochen hatte Martin ihn nicht gesehen, und er zerbrach sich vergebens den Kopf, womit er ihn beleidigt haben mochte. Für die zehn Cent kam Martin mit der Fähre nach San Franzisko, und während er die Market Street hinunterschritt, dachte er, was er machen sollte, wenn er das Geld nicht bekäme. Dann konnte er nicht nach Oakland zurückkommen, und er kannte niemand in San Franzisko, der ihm zehn Cent geliehen hätte.

Die Tür zum Redaktionsbureau des »Transcontinental-Magazin« war angelehnt, und in dem Augenblick, als Martin sie öffnen wollte, wurde er von einer lauten Stimme drinnen abgehalten, die rief:

»Aber darum handelt es sich doch gar nicht, Herr Ford! (Martin wußte aus seinem Briefwechsel mit der Zeitschrift, daß der Redakteur Ford hieß.) Die Frage ist, ob Sie sich entschlossen haben, zu bezahlen, bar zu bezahlen, meine ich. Die Aussichten Ihres Blattes interessieren mich ebensowenig wie das, was Sie im nächsten Jahre daraus zu machen gedenken. Ich will Geld für meine Arbeit haben und das sofort. Und ich sage Ihnen, die Weihnachtsnummer vom »Transcontinental-Magazin« wird nicht gedruckt, ehe ich das Geld habe. Auf Wiedersehen! Wenn Sie das Geld haben, kommen Sie zu mir.«

Die Tür wurde aufgerissen, und ein Mann schoß wütend, Flüche murmelnd und mit geballten Fäusten an ihm vorbei. Martin beschloß, nicht sofort hineinzugehen, und trieb sich eine halbe Stunde auf dem Korridor herum. Dann öffnete er schließlich die Tür und trat ein. Es war etwas ganz Neues für ihn, denn er befand sich zum erstenmal in einem Redaktionsbureau. Visitenkarten waren offenbar nicht nötig, denn der Junge ging ganz einfach in das Hinterzimmer und sagte, daß ein Mann da sei, der mit Herrn Ford sprechen wollte. Dann kam er wieder, machte Martin, der mitten in der Stube stand, ein Zeichen und führte ihn in das Privatheiligtum des Redakteurs. Martins erster Eindruck war, daß eine furchtbare Unordnung in dem Raum herrschte. Dann bemerkte er einen bärtigen Mann von jugendlichem Aussehen, der an einem Rollsekretär saß und ihn neugierig betrachtete. Martin wunderte sich über die Ruhe, die über dem Gesicht des andern lag. Der Streit mit dem Buchdrucker hatte ihn offenbar nicht aus dem Gleichgewicht gebracht.

»Ich ... ich bin Martin Eden«, leitete Martin die Unterhaltung ein. (»Und ich möchte meine fünf Dollar haben«, hätte er gern gesagt.)

Aber dies war der erste Redakteur, mit dem er je zu tun hatte, und das unter solchen Umständen, daß er ihn nicht gleich abschrecken wollte. Zu seiner Überraschung sprang Herr Ford indessen vom Stuhl auf und rief: »Nein, wirklich«, und im nächsten Augenblick schüttelte er Martins Hand mit überströmender Herzlichkeit.

»Kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue, Sie kennenzulernen, Herr Eden. Hab' so oft darüber nachgedacht, wie Sie wohl aussehen möchten.«

Er hielt Martin auf Armeslänge von sich ab und ließ seine strahlenden Augen über Martins zweitbesten Anzug gleiten, diesen Anzug, der auch sein schlechtester, und der so abgetragen war, daß nichts mehr damit zu machen war, obwohl die Hosen noch Spuren der gebügelten Falten trugen, die Martin ihnen mit Hilfe von Marias Bügeleisen verliehen hatte.

»Ich gestehe, daß ich Sie mir viel älter vorgestellt habe. Es war solche Kraft und Breite in Ihrer Geschichte, soviel Reife und Tiefe. Ein Meisterwerk, diese Geschichte. Das wußte ich, sobald ich das erste halbe Dutzend Zeilen gelesen hatte. Wissen Sie, wie ich sie das erstemal las? Aber nein, lassen Sie mich Sie erst den Mitarbeitern des Blattes vorstellen.«

Immer noch redend, führte Ford ihn in das Hauptbureau, wo er ihm seinen Kollegen, Herrn White, einen dünnen, schwächlichen kleinen Mann, vorstellte, dessen Hand merkwürdig kalt war, als litte er unter andauernden Frostschauern, und der einen spärlichen und sehr weichen Backenbart trug.

»Herr Ends – Herr Eden. Herr Ends ist unser Geschäftsführer, wissen Sie.«

Dann schüttelte Martin einem glatzköpfigen Mann die Hand, einem Mann mit gereiztem Blick und einem Gesicht, das recht jugendlich aussah, soweit man es überhaupt sehen konnte, denn das meiste davon war von einem schneeweißen, sorgfältig gestutzten Bart bedeckt; den Bart schnitt ihm seine Frau am Sonntag, bei welcher Gelegenheit sie ihm auch den Nacken rasierte.

Die drei Männer umringten Martin, redeten alle durcheinander, wie sie ihn bewunderten, bis Martin das Gefühl bekam, daß es ihnen nur galt, in kürzester Zeit soviel wie möglich zu sagen.

»Wir haben uns oft gewundert, daß wir nie etwas von Ihnen zu sehen bekamen«, sagte Herr White.

»Ich hatte kein Geld für die Straßenbahn, und ich lebe jenseits der Bucht«, sagte Martin ohne Umschweife, um ihnen zu zeigen, wie nötig er das Geld brauchte.

»Im übrigen«, dachte er, »müssen ja meine stolzen Lumpen an sich meine Not genügend verraten!« Immer wieder, so oft sich eine Gelegenheit bot, deutete er das Ziel seines Besuches an. Aber seine Bewunderer hörten nicht darauf. Sie sangen sein Loblied, erzählten ihm, wie gut ihnen seine Geschichte vom ersten Augenblick an gefallen hätte, was ihre Frauen und Familien davon dächten, aber sie deuteten nicht mit einem einzigen Wort an, daß sie die Absicht hätten, ihn zu bezahlen.

»Habe ich Ihnen schon erzählt, wie ich Ihre Geschichte zum erstenmal las?« sagte der Redakteur. »Nein, es ist wahr, das habe ich noch nicht. Ich kam gerade aus New York, und als der Zug in Ogden hielt, stieg ein neuer Schaffner mit der letzten Nummer vom ›Transcontinental‹ ein.«

»Du lieber Gott«, dachte Martin. »Und die können im Pullmanwagen fahren, während ich hungere, weil ich nicht die elenden fünf Dollar kriegen kann, die sie mir schulden.« Eine Woge von Zorn wallte in ihm auf. Das Unrecht, das ihm vom »Transcontinental« angetan war, nahm ungeheure Dimensionen an, denn er konnte nicht die Erinnerung an all die traurigen Monate mit ihrer fruchtlosen Sehnsucht, mit Hunger und Entbehrung verscheuchen, und der Hunger, den er im Augenblick fühlte, nagte noch heftiger und erinnerte ihn daran, daß er seit dem vorigen Tage noch nichts – und auch da nicht gerade viel – gegessen hatte. Ihn überkam die Wut. Diese Menschen waren nicht einmal Räuber; sie waren heimtückische Diebe. Mit Lüge und gebrochenen Versprechungen hatten sie ihn um seine Geschichte gebracht. Aber er wollte es ihnen zeigen! Und er faßte den festen Entschluß, das Bureau nicht zu verlassen, ehe er sein Geld hatte. Er dachte daran, daß er, wenn er es nicht bekam, keine Möglichkeit hatte, nach Oakland zurückzukommen. Er bezwang seine Wut, aber da hatte der wolfsartige Ausdruck in seinem Gesicht ihnen schon einen ernsten Schrecken eingeflößt.

Sie wurden immer beredter. Herr Ford begann wieder zu erzählen, wie er »Glockenläuten« das erstemal gelesen hatte, und Herr Ends bemühte sich gleichzeitig, ihm klarzumachen, welchen hohen Wert seine Nichte auf die Erzählung legte – besagte Nichte war Lehrerin in Alameda.

»Ich will Ihnen sagen, warum ich komme«, sagte Martin schließlich. »Ich will das Honorar für meine Geschichte haben, die Ihnen allen so gut gefallen hat. Wenn ich nicht irre, versprachen Sie mir fünf Dollar, die ich beim Erscheinen erhalten sollte.«

Das bewegliche Gesicht Fords drückte unmittelbare und wohlwollende Zustimmung zu Martins letzter Bemerkung aus, und er griff in die Tasche, wandte sich aber dann zu Ends und sagte, daß er sein Geld zu Hause vergessen hätte. Ends gefiel die Sache offensichtlich nicht, und Martin sah, daß er unwillkürlich eine Bewegung machte, als wollte er seine Hosentaschen schützen. Jetzt wußte er, daß Ends der Mann war, der das Geld hatte.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte Ends. »Aber ich habe vor kaum einer Stunde den Buchdrucker bezahlt, und er hat mein ganzes bares Geld bekommen. Es war leichtsinnig von mir, mich so zu verausgaben, aber die Druckerrechnung war fällig, und dazu kam er ganz unerwartet mit einer Bitte um Vorschuß.«

Beide Männer blickten erwartungsvoll White an, aber der lachte und zuckte die Achseln. Sein Gewissen war jedenfalls rein. Er war in die Redaktion eingetreten, um Zeitschriftenliteratur kennenzulernen, statt dessen aber hatte er in der Hauptsache nur einen Einblick in ökonomische Verhältnisse erhalten. Das Blatt schuldete ihm vier Monate Gehalt, und er wußte, daß die Forderung des Druckers der des Redakteurs vorging.

»Es ist wirklich lächerlich, Herr Eden, daß Sie uns in einer solchen Situation überraschen müssen«, begann Ford mit überlegenem Ton. »Es ist die reine Nachlässigkeit, versichere ich Ihnen. Aber wissen Sie, was wir tun? Wir schicken Ihnen gleich morgen einen Scheck. Sie haben doch Herrn Edens Adresse, nicht wahr, Ends?«

Ja, Herr Ends hatte die Adresse und wollte gleich am nächsten Morgen den Scheck schicken. Martin wußte nur sehr wenig von Banken und Schecks, und er konnte nicht einsehen, warum sie ihm den Scheck nicht sofort geben konnten.

»Dann sind wir also einig, Herr Eden. Wir schicken den Scheck morgen mit der Post«, sagte Ford.

»Aber ich brauche das Geld heute«, antwortete Martin mit unerschütterlicher Ruhe.

»Das ist aber ein schreckliches Pech – wenn Sie jeden andern Tag gekommen wären«, begann Ford liebenswürdig, wurde aber von Ends unterbrochen, dessen gereizter Blick offenbar mit seinem heftigen Wesen übereinstimmte.

»Herr Ford hat Ihnen die Situation ja schon erklärt«, sagte er wütend. »Und ich auch. Der Scheck wird geschickt –«

»Ich habe Ihnen meine Situation auch erklärt«, fiel Martin ihm ins Wort. »Und ich habe Ihnen erklärt, daß ich das Geld heute brauche.«

Die Barschheit des Geschäftsführers hatte Martins Blut ins Kochen gebracht, und er beobachtete ihn genau, denn er hatte erraten, daß das Bargeld des Transcontinental sich in der Tasche dieses Herrn befand.

»Es ist aber auch zu dumm –«, begann Ford.

Ends machte eine ungeduldige Bewegung und drehte sich um, um das Bureau zu verlassen. Aber im selben Augenblick sprang Martin auf ihn los und packte ihn an der Gurgel, daß der schneeweiße, zierlich gestutzte Bart in einem Winkel von fünfundvierzig Grad in die Luft starrte. White und Ford sahen mit Entsetzen, wie ihr Geschäftsführer geschüttelt wurde wie ein Bettvorleger.

»Heraus mit dem Draht, ehrwürdiger Aussauger junger Talente«, ermunterte Martin ihn. »Heraus mit dem Draht oder ich schüttle ihn aus dir heraus, und wenn es lauter Sechser wären.« Dann wandte er sich zu den beiden erschrockenen Zuschauern: »Bleibt weg! Wenn ihr euch von der Stelle rührt, habt ihr nichts zu grinsen.«

Ends war am Ersticken, und erst als der Griff um seinen Hals etwas nachließ, konnte er seine Bereitwilligkeit zeigen, mit dem »Draht« herauszurücken. Aber alles, was er, selbst als er wiederholt in die Tasche gegriffen hatte, auftreiben konnte, waren vier Dollar und 15 Cent.

»Tasche umkehren!« kommandierte Martin. Es fiel noch ein Zehncentstück heraus. Martin zählte zum zweitenmal die Beute seines Plünderungszuges, um ganz sicher zu gehen.

»Nun Sie«, rief er Herrn Ford zu. »Mir fehlen noch fünfundsiebzig Cent.«

Ford durchsuchte ohne Zögern seine Taschen, und das Ergebnis waren sechzig Cent.

»Ist das nun auch sicher alles?« fragte Martin drohend, während er das Geld einsteckte. »Was haben Sie in den Westentaschen?«

Um seinen guten Willen zu beweisen, drehte der Redakteur seine Taschen um, und aus einer von ihnen fiel ein kleines Pappstück heraus, er hob es auf und wollte es gerade in die Tasche stecken, als Martin rief: »Was ist das? Eine Fahrkarte für die Fähre. Geben Sie sie her. Sie ist zehn Cent wert, und jetzt habe ich mit dem Billett vier Dollar fünfundneunzig Cent. Dann schulden Sie mir noch fünf Cent.« Er sah erbittert White an und bemerkte, daß das schwächliche Geschöpf im Begriff war, ihm ein Fünfcentstück zu überreichen.

»Vielen Dank«, sagte Martin zu ihnen allen. »Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.«

»Räuber!« knurrte Herr Ends hinter ihm her.

»Gemeine Diebe!« antwortete Martin und schlug die Tür hinter sich zu.

Martin befand sich in gehobener Stimmung – so sehr, daß er sich bei dem Gedanken, daß »The Hornet« ihm noch fünfzehn Dollar für »Peri und Perle« schuldete, entschloß, sofort hinzugehen und das Honorar zu verlangen. Aber »The Hornet« wurde von einer Schar glattrasierter, kräftiger junger Leute betrieben, ehrlichen Freibeutern, die all und jeden, auch sich selbst, gegenseitig ausplünderten. Nachdem einige von den Bureaumöbeln in Stücke gegangen waren, glückte es dem Redakteur – einem früheren Universitäts- und Meisterschaftsboxer –, mit Hilfe des Geschäftsführers, eines Annoncenagenten und des Portiers, Martin aus dem Bureau zu entfernen und ihn schleunigst die Treppe hinunterzubefördern.

»Kommen Sie wieder, Herr Eden, wir werden uns stets freuen, Sie zu sehen«, lachten sie ihm oben von der Treppe aus zu.

Martin stand grinsend auf.

»Pah!« murmelte er. »Die Leute vom Transcontinental waren Waschlappen, aber ihr seid eine Bande von Meisterschaftsboxern.« Seine Worte wurden von einer neuen Lachsalve begrüßt.

»Ich muß sagen, Herr Eden«, rief der Redakteur von »The Hornet« herunter, »für einen Dichter sind Sie gar nicht schlecht. Wo haben Sie den Trick gelernt, wenn ich fragen darf.«

»Da, wo Sie den halben Nelson gelernt haben«, antwortete Martin. »Aber jedenfalls haben Sie doch ein blaues Auge gekriegt.«

»Ich hoffe, daß Sie keinen steifen Hals kriegen«, sagte der Redakteur besorgt. »Aber was meinen Sie dazu, wenn wir einen Whisky darauf trinken, nicht auf den Hals natürlich, sondern auf unser kleines Gefecht.«

»Einverstanden«, sagte Martin, und Räuber und Beraubter tranken zusammen und wurden sich in aller Freundschaft einig, daß der Walplatz dem Starken gehörte, und daß die fünfzehn Dollar für »Peri und Perle« mit Recht dem redaktionellen Stabe von »The Hornet« zukämen.

 

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