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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Mehrere Wochen vergingen, in denen Martin Eden seine Grammatik studierte, die Bücher über den guten Ton wieder vornahm und alle Werke, die sein Interesse erregten, verschlang. Von seinen bisherigen Kameraden sah er keinen. Die jungen Mädchen im Lotus-Klub wunderten sich, daß er verschwunden war, und quälten Jim mit Fragen, und einige der jungen Leute, die sich an den Boxkämpfen bei Rileys zu beteiligen pflegten, freuten sich, daß Martin sich nicht mehr zeigte. Er machte eine neue Entdeckung unter den Schätzen der Bibliothek. Wie die Grammatik ihm den Mörtel der Sprache gezeigt hatte, so zeigte dieses Buch ihm den Mörtel der Poesie, und er begann sich über Versmaß, Konstruktion und Form, diese Grundlagen der von ihm geliebten Schönheit, zu unterrichten, ja, er fand jetzt die Ursache der Schönheit. Noch ein Buch fiel ihm in die Hände, das von der Poesie als repräsentativer Kunst handelte – ein erzählendes Buch mit vielen Beispielen aus dem Besten der Literatur. Nie hatte er einen Roman mit der Begeisterung gelesen, mit der er dieses Werk studierte. Und sein unbelasteter, frischer zwanzigjähriger Geist eignete sich unter dem Ansporn seines Verlangens alles, was er lernte, mit einer männlichen Kraft an, die sonst bei Bücherwürmern recht ungewöhnlich ist.

Wenn er jetzt von seiner höheren Warte aus zurückblickte, so erschien ihm seine frühere Welt – diese Welt von Erde, Meer und Schiffen, mit Seeleuten und schlechten Frauenzimmern – sehr klein; und doch mischte sie sich mit seiner neuen Welt und erweiterte sie. Seine Seele strebte nach Einheit, und er war überrascht, als er die ersten Berührungspunkte zwischen den beiden Welten erblickte. Dazu verwandelten ihn die erhabenen Gedanken und die Schönheit, die er in den Büchern fand. Immer unerschütterlicher wurde sein Glaube, daß jeder, der sozial über ihm stand wie Ruth und ihre Familie, diese Gedanken dachte und nach ihnen lebte. Er lebte in der Niederung und hatte nur den einen Wunsch, sich von dem Niedrigen, das sein ganzes Leben lang an ihm geklebt hatte, zu reinigen, und sich in die höheren Regionen der oberen Klassen zu erheben. Während seiner ganzen Kindheit und Jugend hatte er unter einer Unrast gelitten; was er wünschte, hatte er nie gewußt und er hatte vergebens gesucht, bis er Ruth traf. Und jetzt war diese Unrast qualvoll geworden, und er wußte endlich, klar und sicher, daß es Schönheit, Wissen und Liebe waren, die er suchte.

In diesen Wochen sah er Ruth ein halb dutzendmal, und jedes Mal war ihm eine neue Inspiration. Sie half ihm bei seinem Sprachstudium, berichtigte seine Aussprache und ließ ihn auf die Arithmetik los. Aber ihre Gespräche drehten sich lediglich um die Arbeit. Er hatte zuviel vom Leben gesehen, und sein Geist war zu reif, um sich mit Brüchen, Kubikwurzeln und Analyse zufriedenzugeben; es kamen Stunden, in denen sie von ganz andern Dingen sprachen – von den letzten Dichtungen, die er gelesen, und den letzten Dichtern, die er studiert hatte. Und wenn sie ihm ihre Lieblingsdichter vorlas, dann war der Gipfel alles Entzückens für ihn erreicht. Keine von all den Frauen, die er je sprechen gehört, hatte eine Stimme wie die ihre gehabt. Ihr leisester Ton war ein Sporn für seine Liebe, und jedes Wort, das sie aussprach, durchbebte ihn mit Freude und Entzücken. Es war diese Stimme an sich, ihre Ruhe und ihr musikalischer Rhythmus, dieses weiche, volle, unbestimmbare Produkt der Kultur und einer sanften, liebevollen Seele. Wenn er ihr lauschte, klangen in seiner Erinnerung ein Echo von rauhen Schreien barbarischer Weiber und – wenn auch in geringerem Maße – die kreischenden Stimmen der Fabrikmädchen seiner eigenen Klasse. Und durch einen rein chemischen Prozeß begannen sie vor seinem inneren Auge aufzumarschieren und die Herrlichkeit Ruths durch den Gegensatz noch zu erhöhen. Was aber sein Glück noch vollkommener machte, war das Bewußtsein, daß ihre Seele mit dem Gelesenen harmonierte und bebend die Schönheit des niedergelegten Gedankens in sich aufnahm. Sie las ihm ein großes Stück aus »Die Prinzessin« vor, und er sah oft ihre Augen sich mit Tränen füllen, so empfänglich war sie. In solchen Augenblicken entrückte ihn ihre Bewegung über den Alltag hinaus, bis er sich wie ein Gott fühlte und ihm war, als sähe er das Antlitz des Lebens und läse darin die tiefsten Geheimnisse. Und wenn er dann gewahr wurde, wie seine Empfänglichkeit gewachsen war, sagte er sich, daß dies Liebe, und daß Liebe das Größte in der Welt war, und durch seine Erinnerung huschten die Gemütsbewegungen und Sehnsüchte, die er früher gekannt hatte – Weinrausch, Liebkosungen von Frauen, Boxkämpfe mit ihrem rohen Geben und Nehmen –, und alles erschien ihm gleichgültig und häßlich im Vergleich mit der erhabenen Leidenschaft, die er jetzt fühlte.

Ruth durchschaute die Situation nicht. Sie hatte keine Herzenserfahrungen. Ihr einziges Wissen in dieser Beziehung stammte aus Büchern, in denen die Geschehnisse des täglichen Lebens durch die Phantasie in das Feenreich der Unwirklichkeit verpflanzt waren. Und sie ahnte nicht, daß dieser derbe Seemann im Begriff war, sich in ihr Herz zu schleichen und gebundene Kräfte zu lösen, die eines Tages losbrechen und sie wie Feuerflammen durchlodern mußten. Sie kannte nicht den Feuerbrand der Liebe. Ihre Kenntnis der Liebe war rein theoretisch, und sie dachte sie sich als ein lindes Flämmchen, milde und zart wie fallender Tau oder wie das Kräuseln eines stillen Meeres und so kühl wie die samtweiche Dunkelheit eines Sommerabends. Sie dachte sich die Liebe wie ein ruhiges freundschaftliches Gefühl, das dem Geliebten in einer blumengesättigten Atmosphäre ätherischer Ruhe diente. Sie ahnte nichts von den gewaltsamen Kämpfen der Liebe, ihrer sengenden, brennenden Hitze, ihren unfruchtbaren Wüsten von ausgedörrter Asche. Sie kannte weder ihre eigene Macht noch die der Welt, und die Tiefen des Lebens waren für sie ein Meer von Illusionen. Das ruhige, freundschaftliche Verhältnis, das zwischen ihren Eltern bestand, war für sie das Ideal der Liebe zwischen Mann und Weib, und sie erwartete, selbst eines Tages ohne schroffen Übergang oder starke Reibungen mit einem geliebten Manne in dasselbe ruhige, angenehme Dasein hinüberzugleiten.

Und so kam es, daß sie in Martin Eden etwas Neues, ein fremdartiges Wesen sah, und daß sie die Wirkung, die er auf sie ausübte, mit diesem Neuen, Fremdartigen erklärte. Das war nur natürlich. Eine ähnliche, unerklärliche Unruhe hatte sie beim Anblick wilder Tiere in der Menagerie, bei heftigem Sturm oder beim Anblick eines Blitzes und seines leuchtenden Zickzacks gefühlt. Es war darin etwas von der ewigen Weltordnung, und etwas von der ewigen Weltordnung war auch in ihm. Er kam zu ihr mit einem Hauch der großen Stürme und der unendlichen Räume. Die Glut der Tropensonne leuchtete auf seinem Gesicht, und in seinen schwellenden, geschmeidigen Muskeln war die Lebenskraft der Urzeit. Er trug Narben, war von der geheimnisvollen Welt roher Männer und noch roherer Handlungen gezeichnet, deren Vorposten jenseits ihres Horizontes begannen. Er war ungezähmt, wild, und im geheimen fühlte sie, wie es ihrer Eitelkeit schmeichelte, daß er wie Wachs in ihren Händen war. Dazu fühlte sie die Freude an der Zähmung wilder Geschöpfe. Das war ganz unbewußt. Und am allerwenigsten dachte sie, daß sie ihn nach dem Bilde ihres Vaters umzuschaffen wünschte, dem Bilde, das sie für das schönste in der Welt ansah. Und es gab nichts, das ihr in ihrer Unwissenheit half und sie lehren konnte, daß das Gefühl, das er in ihr erweckte, dasselbe war, das der Weltordnung zugrunde lag, die Liebe, die in der ganzen Welt Mann und Weib zueinander zog, die Hirsche in der Brunstzeit zwang, einander zu töten, und die mit unwiderstehlicher Macht die Elemente selbst zur Vereinigung trieb.

Seine schnelle Entwicklung war ihr eine Quelle der Überraschung und des Interesses. Sie entdeckte ungeahnte Feinheiten in ihm, die sich Tag für Tag, wie Blumen in gutem Boden, zu entfalten schienen. Sie las ihm Browning vor und war oft erstaunt, wie eigenartig er strittige Stellen erklärte. Es ging über ihr Verständnis, daß seine auf Menschenkenntnis beruhende Deutung im Gegensatz zu der ihrigen oft die richtige war. Seine Ideen erschienen ihr naiv, obwohl sie sich oft vom kühnen Fluge seines Verständnisses mitreißen ließ, der ihn bis in die Wolken hob, wohin sie ihm nicht zu folgen vermochte. Dann zitterte sie unter dem Gefühl einer ungeahnten Macht. Wenn sie ihm vorspielte und sein musikalisches Gefühl prüfte, fand sie, daß es weit tiefer ging, als sie mit dem ihren loten konnte. Sein Wesen öffnete sich der Musik wie eine Blume der Sonne, und er gelangte rasch von der Tanzmusik der Arbeiter zu den klassischen Stücken, die sie fast auswendig konnte. Aber er zeigte eine demokratische Vorliebe für Wagner, und als sie ihm erst den Schlüssel zum Verständnis der »Tannhäuser-Ouvertüre« gegeben hatte, machte dieses Stück auf ihn einen Eindruck wie keines sonst, das sie spielte. Es schien ganz unmittelbar seinem eigenen Leben zu entsprechen. Seine ganze Vergangenheit war das Venusbergmotiv, während sie mit dem Pilgerchormotiv verschmolz, und die gehobene Stimmung, in die ihn dies versetzte, hob ihn immer höher in dem mächtigen Schattenreich des suchenden Menschengeistes, wo Gut und Böse ewige Werte sind. Zuweilen stellte er Fragen, die vorübergehend in ihrer Seele Zweifel erregten, ob ihre Deutung und Auffassung der Musik auch richtig war. Nie aber stellte er Fragen bezüglich ihres Gesanges. Der war zu sehr sie selber, und er war immer wieder bezaubert von dem göttlichen Klang ihres reinen Soprans. Er konnte es nicht lassen, ihn mit dem schwachen Trällern und ungeübten Schrillen der Fabrikarbeiterinnen oder mit dem heiseren Kreischen aus den branntweingedörrten Kehlen der Weiber in den Hafenstädten zu vergleichen. Sie freute sich, wenn sie ihm vorspielen und vorsingen konnte. Es war tatsächlich das erstemal, daß sie Gelegenheit hatte, eine Menschenseele zu formen, und sie arbeitete mit Entzücken in dem weichen Ton, denn sie fühlte sich als Bildhauer und meinte es gut. Im übrigen war das Zusammensein mit ihm beglückend für sie. Er stieß sie nicht ab. Das erste Gefühl des Abscheus war in Wirklichkeit nur die Angst vor ihrem eigenen, bisher unbekannten Ich gewesen, und diese Furcht hatte sich jetzt gelegt. Obwohl sie sich dessen nicht bewußt war, enthielt ihr Gefühl für ihn eine Art Besitzerrecht. Dazu übte er eine kräftigende Wirkung auf sie aus. Ihr Studium war sehr anstrengend, und ihr war gleichsam, als ob sie neue Kräfte erhielte, wenn sie die staubigen Bücher beiseiteschob und sich von der frischen Seeluft, die seinem Wesen entströmte, anwehen ließ. Kraft! Kraft war es, was sie brauchte, und die gab er ihr in reichem Maße. In die Stube zu treten, wo er sich befand, ihm in der Tür zu begegnen, hieß für sie Erhöhung des Lebensmuts. Und wenn er gegangen war, kehrte sie mit größerem Eifer und frischer Energie an ihre Bücher zurück. Sie kannte zwar ihren Browning, hatte aber nie gehört, daß es gefährlich war, mit Seelen zu spielen. Als ihr Interesse für Martin wuchs, wurde sie von einer reinen Leidenschaft erfaßt, sein Leben umzuformen.

»Sehen Sie Herrn Butler«, sagte sie eines Nachmittags, als sie mit Grammatik, Arithmetik und Poesie fertig waren. »Seine Bedingungen fürs Vorwärtskommen waren ursprünglich sehr schlecht. Sein Vater war Bankkassierer gewesen, mußte aber viele Jahre wegen eines Lungenleidens in Arizona leben, und als er starb, stand Butler – Charles Butler heißt er – allein in der Welt. Sein Vater war aus Australien gekommen, und er hatte daher keine Verwandten in Kalifornien. Er ließ sich in einer Buchdruckerei anstellen – das habe ich ihn oft erzählen hören – und bekam anfangs drei Dollar die Woche. Jetzt hat er ein jährliches Einkommen von mindestens dreißigtausend. Wie er es machte? Er war ehrlich, treu, fleißig und sparsam. Er versagte sich die Freuden, die die meisten Knaben haben. Er machte es sich zur Regel, jede Woche soundso viel beiseitezulegen, einerlei, was er deswegen entbehren mußte. Natürlich verdiente er bald mehr als drei Dollar wöchentlich, und je größer sein Lohn wurde, desto mehr sparte er.

Er arbeitete am Tage, und abends besuchte er die Abendschule. Er hatte den Blick stets auf die Zukunft gerichtet. Mit siebzehn Jahren verdiente er ausgezeichnet als Setzer, aber er war ehrgeizig. Er wollte Karriere machen, nicht nur sein tägliches Brot verdienen, und er fürchtete sich nicht davor, im Augenblick Opfer zu bringen, um schließlich zu gewinnen. Er entschloß sich für Jura und kam als Bote – denken Sie – in Vaters Bureau für einen Wochenlohn von vier Dollar. Aber er hatte gelernt, sparsam zu sein, und von den vier Dollar sparte er weiter.«

Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen und die Wirkung auf Martin zu sehen. Er hörte mit großem Interesse diese Geschichte von den Beschwerlichkeiten, mit denen Herr Butler in seiner Jugend zu kämpfen gehabt hatte, aber irgend etwas darin erregte seinen Unwillen.

»Es muß natürlich hart für so einen jungen Kerl sein«, bemerkte er. »Vier Dollar wöchentlich. Wie konnte er davon leben? Sie können sich darauf verlassen, daß er keine großen Sprünge machen konnte. Ich selbst bezahle fünf Dollar wöchentlich für Kost und Logis, und Sie können Gift darauf nehmen, daß nicht viel los damit ist. Sein Essen –«

»Er kochte selbst,« unterbrach sie ihn, »auf einem kleinen Petroleumkocher.«

»Sein Essen muß schlimmer gewesen sein als das, was die Leute auf dem ärgsten Hochseeschiff kriegen; kaum auszudenken.«

»Aber sehen Sie sich ihn jetzt an!« rief sie begeistert. »Denken Sie, was er verdient! Jetzt kann er ja tausendfach Ersatz für das haben, was er sich in früheren Jahren versagt hat.«

Martin warf ihr einen hastigen Blick zu.

»Auf eines möchte ich schwören,« sagte er, »nämlich, daß Herr Butler jetzt, da es ihm gut geht, nicht besonders heiter ist. Wenn er einem Knabenmagen jahrein jahraus eine solche Kost bot, so möchte ich darauf wetten, daß sein Magen jetzt nicht mehr besonders gut ist.«

Unter seinem forschenden Blick schlug sie die Augen nieder.

»Ich möchte darauf wetten, daß er jetzt einen ganz schlechten Magen hat!« sagte Martin herausfordernd.

»Ja, das hat er«, räumte sie ein. »Aber –«

»Und ich möchte wetten,« fuhr Martin fort, »daß er feierlich und ernst wie eine alte Eule ist. Und daß er trotz seiner Dreißigtausend jährlich ein Duckmäuser ist. Und ich möchte wetten, daß er sich auch nicht freut, wenn er andere sich amüsieren sieht. Habe ich recht?«

Sie nickte zustimmend und erklärte schnell weiter.

»Aber er ist eben ein ganz anderer Mensch. Er ist von Natur aus nüchtern und ernst. Das ist er immer gewesen.«

»Ja, sicher!« stellte Martin fest. »Drei Dollar wöchentlich, vier Dollar wöchentlich, ein junger Bengel, der sich sein Essen selbst auf einem Petroleumkocher macht und Geld spart, den ganzen Tag arbeitet, den ganzen Abend studiert – nur arbeitet, nie spielt oder mal über die Stränge schlägt – da kommen die Dreißigtausend natürlich zu spät.«

Seine Fähigkeit, sich in die Gefühle anderer zu versetzen, ließ ihn sofort die Tausende von Einzelheiten im Dasein des Knaben und seine enge geistige Entwicklung zum Manne mit dreißigtausend Dollar jährlich sehen.

»Wissen Sie,« fügte er hinzu, »mir tut Herr Butler leid. Er war zu jung, um es besser zu wissen, aber er hat sich selbst um sein Leben betrogen, nur um dreißigtausend Dollar jährlich zu haben, die an ihn weggeschmissen sind. Jetzt könnten ihm dreißigtausend auf einem Brett nicht verschaffen, was die zehn Cent, die er beiseitelegte, ihm hätten verschaffen können, als er noch jung war – also etwa Brustbonbons, Erdnüsse oder ein Billett für die Galerie.«

Diese selbständigen Gesichtspunkte waren es gerade, die Ruth erschreckten. Nicht nur, daß sie neu für sie waren und ihren Anschauungen widersprachen, sie fühlte auch stets, daß etwas an ihnen stimmte, und daß das jetzt drohte, ihre eigenen Anschauungen umzustürzen oder zu verändern. Wäre sie vierzehn Jahre statt vierundzwanzig alt gewesen, so hätte sie vielleicht verändert werden können. Aber sie war vierundzwanzig Jahre alt, konservativ von Temperament und Erziehung und schon erstarrt zu dem Wesen, als das sie geboren und gebildet war. Allerdings beunruhigten seine bizarren Urteile sie im ersten Augenblick, aber das schrieb sie dem Umstande zu, daß er ein ihr neuer Typ war und ein ihr fremdes Leben geführt hatte, und sie vergaß es bald wieder. Und wenn sie es mißbilligte, war doch gleichzeitig in der Kraft, mit der er sie vorbrachte, in seinen blitzenden Augen und seinen ernsten Zügen etwas, das sie durchbebte und anzog. Sie hätte sich nie träumen lassen, daß dieser Mann, der aus einem ganz außerhalb ihres Horizontes liegenden Kreise kam, in solchen Augenblicken mit seiner tieferen und weiterspannenden Auffassung weit über ihren Horizont hinausging. Ihre eigene Begrenzung lag in eben ihrem Horizont, aber begrenzte Geister können nur die Begrenzung anderer sehen. Und daher fand sie ihre eigenen Anschauungen sehr frei; wo seine Anschauungen den ihren widersprachen, war es ihr nur ein Beweis seiner Begrenzung. Und sie träumte davon, ihn zu lehren, daß er mit ihren Augen sah und seinen Horizont erweiterte, bis er dem ihren gleich wurde.

»Aber meine Geschichte ist noch nicht zu Ende«, sagte sie. »Mein Vater erzählt, daß er wie kein anderer seiner Bureauboten je gearbeitet hat. Charles Butler war aufs Arbeiten versessen. Er kam nie zu spät und war meistens schon einige Minuten vor der Bureauzeit da. Und dennoch war er sparsam mit seiner Zeit. Jede freie Minute benutzte er, um zu studieren. Er lernte Buchhaltung und Maschinenschreiben und nahm Stenographieunterricht. Er wurde bald Schreiber und machte sich ganz unentbehrlich. Mein Vater schätzte ihn sehr und sah, daß er Karriere machen würde. Es war Vaters Idee, daß er Jura studieren sollte. Er wurde Rechtsanwalt, und kaum war er wieder im Bureau, als Vater ihn zu seinem Kompagnon machte. Er ist ein großer Mann. Er hat mehrmals die Wahl in den Senat der Vereinigten Staaten abgelehnt, und Vater sagt, daß er Mitglied des Reichsgerichtes werden kann, sobald ein Platz frei wird – und wenn er will. Ein solches Leben ist ein Ansporn für uns alle. Es zeigt uns, daß ein Mann sich hoch über seine Umgebung erheben kann.«

»Ja, er ist ein großer Mann«, sagte Martin treuherzig. Aber dennoch schien irgend etwas an der Geschichte seiner Auffassung von Schönheit und Leben zu widersprechen. Er konnte kein Motiv in dem Leben Charles Butlers finden, das alle die Entbehrungen, die er sich auferlegt hatte, begründet hätte. Wenn Liebe oder Schönheitsdrang dahintergesteckt haben würde, so hätte Martin es verstanden. »Gottes erkorener, wahnsinngeschlagener Liebender« durfte alles für einen Kuß wagen, nicht aber für ein Jahreseinkommen von dreißigtausend Dollar. Der Lebenslauf Charles Butlers befriedigte ihn nicht. Es hing ihm, trotz allem, etwas Kleinliches an. Dreißigtausend Dollar jährlich waren natürlich ganz schön, aber ein schwacher Magen und die mangelnde Fähigkeit, froh zu sein wie andere Menschen, entwerteten dieses fürstliche Einkommen in seinen Augen völlig.

Vieles hiervon versuchte er Ruth zu erklären, und das ärgerte sie und zeigte ihr deutlich, daß es hier weiterer durchgreifender Reformen bedurfte. Sie besaß die sehr alltägliche Kurzsichtigkeit, die die Menschen glauben läßt, daß Farbe, Glaube, Politik, wie sie sie besitzen, die alleinseligmachenden sind, und daß andere, über die ganze Welt verstreute menschliche Geschöpfe weniger glücklich gestellt sind als sie selber.

Es war dieselbe Kurzsichtigkeit, die jenen alten Juden Gott danken ließ, daß er nicht als Weib geboren war, und die den modernen Missionar zu den äußersten Grenzen der Welt schickt, um Gott zu vertreten; und diese Kurzsichtigkeit gab Ruth den Wunsch ein, diesen Mann aus einer ganz anderen Schicht so umzubilden, daß er einem ihrer eignen Schicht glich.

* * *

 

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