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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Eine Woche eifrigsten Lesens war vergangen, seit er Ruth Morse zum ersten Male gesehen hatte, und noch wagte er nicht, sie zu besuchen. Immer wieder machte er sich Mut dazu, dann aber erhoben sich wieder Zweifel und erstickten seine Entschlossenheit. Er kannte nicht die passende Besuchszeit, es gab keinen, der sie ihm sagte, und so fürchtete er, eine nicht wieder gutzumachende Dummheit zu begehen. Da er aber seine Genossen und seine alte Lebensweise abgeschüttelt und keine neuen Genossen dafür erhalten hatte, konnte er nichts als lesen. Die langen Stunden, die er dieser Beschäftigung opferte, hätten ein Dutzend Paar gewöhnlicher Augen verdorben. Aber seine Augen waren von derselben wunderbaren Stärke wie sein Körper. In bezug auf Bücherweisheit hatte er sein ganzes Leben brachgelegen, und jetzt war er reif zur Aussaat. Nicht vom Studium überanstrengt, verbiß er sich jetzt in das Wissen, das er in den Büchern fand, verbiß sich mit scharfen Zähnen, die nicht locker lassen wollten.

Am Ende der Woche schien es ihm, als ob er Jahrhunderte gelebt hätte, so weit war er über sein altes Leben und seine alten Gesichtspunkte hinausgelangt. Er wurde jedoch durch seinen Mangel an geeigneter Vorbereitung gehemmt. Er versuchte Bücher zu lesen, die ein jahrelanges vorbereitendes Sonderstudium erfordert hätten. Den einen Tag wollte er ein Buch über alte Philosophie und am nächsten Tage ein hypermodernes lesen, so daß sein Kopf ein Tummelplatz der widerstreitendsten Begriffe war. Und ebenso ging es mit der Nationalökonomie. Auf ein und demselben Regal in der Bibliothek fand er Karl Marx, Ricardo, Adam Smith und Mill, und die spitzfindigen Erklärungen des einen ließen ihn nicht ahnen, daß die Vorstellungen des andern veraltet waren. Er war verwirrt und wollte dennoch Bescheid wissen. An einem einzigen Tage hatte er sich auf Ökonomie, Industrie und Politik gestürzt. Auf dem Wege durch den Rathauspark hatte er bemerkt, daß sich dort eine Menschenmenge angesammelt hatte, in deren Mitte fünf bis sechs Männer standen, die mit roten Gesichtern laut und eifrig disputierten. Er schloß sich den Zuhörern an und vernahm jetzt eine neue, fremde Sprache, wie diese Philosophen des Volkes sie redeten. Der eine war ein Vagabund, ein anderer ein Arbeiteragitator, ein dritter Student der Jurisprudenz, und die übrigen waren redegewandte Arbeiter. Zum ersten Male hörte er etwas von Sozialismus, Anarchismus und Einzelbesteuerung und erfuhr, daß es einander widersprechende sozialphilosophische Systeme gab. Er hörte Hunderte von technischen Ausdrücken, die ihm neu waren, weil sie Gedankengebieten angehörten, mit denen er bei seinem bißchen Lesen noch nicht in Berührung gekommen war. Daher konnte er den Beweisgründen nicht recht folgen und war darauf angewiesen, die Begriffe zu erraten, die in all diese fremden Ausdrücke verkleidet auftraten. Dann kam ein schwarzäugiger Kellner, der Theosoph, ein Gewerkschaftsbäcker, der Freidenker war, ein alter Mann, der die merkwürdige Philosophie vertrat, daß alles, was ist, richtig ist, und ein anderer alter Mann, der endlos über Weltall, Vateratom und Mutteratom schwatzte.

Martin Edens Kopf befand sich in einem Zustand völliger Verwirrung, als er nach mehreren Stunden den Park verließ und in die Bibliothek eilte, um die Bedeutung von einem Dutzend Fremdwörtern nachzuschlagen. Und als er die Bibliothek verließ, hatte er vier Bände unter dem Arm: Madame Blavatskys »Geheimlehre«, »Fortschritt und Armut«, »Die Quintessenz des Sozialismus« und »Krieg zwischen Religion und Wissen«. Unglücklicherweise begann er mit der »Geheimlehre«; jede Zeile wimmelte von vielsilbigen Wörtern, die er nicht verstand. Er setzte sich im Bett auf und las mehr im Wörterbuch als in dem Werke selbst. So viele neue Wörter schlug er nach, daß er, wenn sie wieder auftauchten, ihre Bedeutung schon vergessen hatte. Dann kam er auf den Einfall, die Bedeutung in ein Notizbuch niederzuschreiben, und er füllte Seite auf Seite damit. Aber den Sinn verstand er immer noch nicht. Er las bis drei Uhr morgens, aber sein Kopf war ganz wirr, und er hatte nicht einen einzigen tragenden Gedanken erfaßt. Er blickte auf, und es kam ihm vor, als ob die Stube sich hob und senkte wie ein Schiff im Sturm. Da warf er die »Geheimlehre« fluchend in die Ecke, drehte das Gas aus und legte sich schlafen. Viel mehr Glück hatte er auch nicht mit den andern Büchern. Nicht, daß sein Hirn schwach oder untauglich gewesen wäre, es hätte diese Gedanken gut denken können, aber ihm fehlten die Übung im Denken und die Werkzeuge dazu. Er sah es selber ein und ging eine Zeitlang mit der Absicht um, nichts als das Wörterbuch zu lesen, bis er jedes Wort, das darin stand, auswendig wußte.

Aber sein Trost war die Poesie. Und er las viel und fand die größte Freude an den einfacheren Dichtern, die am verständlichsten waren. Er liebte Schönheit, und hier fand er Schönheit. Poesie machte wie Musik einen tiefen Eindruck auf ihn, und obwohl er es selbst nicht wußte, bereitete er seinen Kopf dadurch für die mühseligere Arbeit vor, die kommen sollte. Sein Gehirn war wie ein Buch mit unbeschriebenen Seiten, viele der Dinge, die er las und die ihm gefielen, druckten sich ohne Anstrengung Strophe auf Strophe auf diesen unbeschriebenen Seiten ab, und bald hatte er die große Freude, sich laut oder ganz leise all die Musik und Schönheit aufsagen zu können, die aus den gelesenen Druckzeilen sprach. Dann stürzte er sich auf Gayleys »Klassische Sagen« und Bullfinchs »Zeitalter der Fabel«, die nebeneinander in der Bibliothek standen. Sie brachten ein starkes Licht in die Finsternis seiner Unwissenheit, und jetzt las er Dichtung mit größerer Gier als je zuvor.

Der Mann in der Bibliothek hatte Martin so oft dort gesehen, daß er ihn beim Eintreten freundschaftlich mit Lächeln und Nicken begrüßte. Das ermutigte Martin eines Tages zu einem kühnen Entschluß. Als er sich einige Bücher ausliefern ließ und der Mann die Karten abstempelte, fragte er ihn plötzlich:

»Sagen Sie, ich möchte Sie gern etwas fragen.«

Der Mann blickte lächelnd auf.

»Wenn man eine junge Dame trifft und sie einen auffordert, sie zu besuchen, wie bald kann man dann kommen?«

Martin fühlte, wie sein Hemd sich vor Schweiß an seine Schultern klebte.

»Na, eigentlich jederzeit«, antwortete der Mann.

»Ja, aber die Sache ist ein bißchen anders«, wandte Martin ein. »Sie ... ich ... also, sehen Sie, es ist so: Vielleicht ist sie nicht zu Hause. Sie besucht die Universität.«

»Dann müssen Sie eben ein andermal wiederkommen.«

»Das meinte ich nicht«, gestand Martin stockend und entschloß sich, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. »Ich bin nur ein einfacher Bursche, und ich habe nie etwas von gesellschaftlichem Leben gesehen. Das junge Mädchen ist nicht wie ich, und ich bin nicht wie sie. Sie denken doch wohl nicht, daß ich den Narren spiele?« fragte er plötzlich.

»Nein, nein, durchaus nicht«, protestierte der andere. »Ihre Frage fällt nicht gerade in mein Ressort hier in der Bibliothek, aber es wird mir eine Freude sein, Ihnen zu helfen.«

Martin sah ihn bewundernd an.

»Ja, wenn ich so quasseln könnte, dann wäre alles in Ordnung«, sagte er.

»Wie bitte?«

»Ich meine, wenn ich so leicht und gebildet reden könnte und – .«

»Ach so!« sagte der andere verständnisvoll.

»Welches ist die beste Besuchszeit? Nachmittags – nicht zu kurz vor der Essenszeit? Oder abends? Oder auch Sonntags?«

»Ich will Ihnen was sagen«, meinte der Bibliothekar, und sein Antlitz erhellte sich. »Rufen Sie sie an und fragen Sie sie.«

»Das will ich tun«, sagte er, nahm die Bücher und wandte sich zur Tür. Aber er kehrte noch einmal um und fragte:

»Wenn man mit einer jungen Dame spricht – sagen wir, sie heißt Lizzie Smith –, sagt man dann ›Fräulein Lizzie‹ oder ›Fräulein Smith‹?«

»Sagen Sie Fräulein Smith«, entschied der Bibliothekar. »Sie müssen immer Fräulein Smith sagen, bis Sie sie besser kennenlernen.«

Und so löste Martin denn das Problem.

»Kommen Sie, wann Sie wollen; ich bin den ganzen Nachmittag zu Hause«, beantwortete Ruth seine hervorgestammelte Frage, wann er ihr die geliehenen Bücher zurückbringen könnte.

Sie empfing ihn selbst an der Tür, und ihr weiblicher Blick sah sofort die Bügelfalte und die entschiedene, wenn auch unbestimmbare Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Auch sein Gesicht überraschte sie. Seine Gesundheit wirkte fast überwältigend und schien mit starken Wogen von ihm zu ihr überzuströmen. Wieder fühlte sie den Drang, sich an ihn zu lehnen, um Wärme zu empfangen, und wieder wunderte sie sich über die Wirkung, die seine Gegenwart auf sie ausübte, während er seinerseits bei der Berührung ihrer Hände von derselben sinnlosen Seligkeit durchbebt wurde. Der Unterschied zwischen ihnen war, daß sie ruhig und selbstbeherrscht blieb, während er bis zu den Haarwurzeln errötete. Und als er ihr über den Vorplatz folgte, geschah es mit seiner ganzen alten Linkischheit. Er stolperte mit seiner alten Ungeschicklichkeit hinter ihr her, und seine Schultern schwankten gefahrdrohend.

Sobald sie im Wohnzimmer saßen, benahm er sich freier – weit freier, als er selbst gedacht hatte. Sie erleichterte es ihm, und die Liebenswürdigkeit, mit der sie es tat, machte ihn verliebter als je. Zuerst sprachen sie über die geliehenen Bücher, über Swinburne, auf den er schwor, und über Browning, den er nicht verstand; dann brachte sie das Gespräch auf andere Gegenstände, während sie darüber nachdachte, wie sie ihm helfen könnte. Seit ihrer ersten Begegnung war dieser Gedanke ihr so oft gekommen. Sie wollte ihm gern helfen. Er rief ihr Mitleid und ihre Zärtlichkeit in einer Weise an, wie es noch keiner je getan, und ihr Mitleid war weniger Überlegenheit als Mütterlichkeit. Es konnte kein gewöhnliches Mitleid sein, wenn der, der es hervorrief, so sehr Mann war, daß er ihr ein Gefühl jungfräulicher Angst einflößte und ihre Seele und ihren Puls vor unerklärlichen Gedanken und Gefühlen beben ließ. Wieder fühlte sie den alten Zauber, den sein Hals gleich am ersten Tage auf sie ausgeübt hatte, und der Gedanke, ihren Arm um ihn zu schlingen, war süß. Es erschien ihr immer noch als eine ungebührliche Eingebung, aber sie hatte sich schon mehr daran gewöhnt. Sie ließ sich nicht träumen, daß unter dieser Verkleidung neugeborene Liebe in ihr auftrat. Sie ließ sich auch nicht träumen, daß das von ihm bei ihr erweckte Gefühl Liebe war. Sie glaubte nur, sich für ihn zu interessieren als für einen ungewöhnlichen Menschen, der große Entwicklungsmöglichkeiten besaß, ja, sie hatte sogar das Gefühl, eine gute Tat tun zu wollen. Sie wußte nicht, daß sie sich nach ihm sehnte; ihm aber erging es anders. Er wußte, daß er sie liebte, und er sehnte sich nach ihr, wie er sich noch nie im Leben nach etwas gesehnt hatte. Er hatte die Poesie um der Schönheit willen geliebt; seit er sie aber getroffen, waren die Tore zu dem ungeheuren Feld der Liebesdichtung weit geöffnet.

Sie hatte ihm mehr Verständnis geschenkt als Bullfinch und Gayley. Es gab eine Zeile, der er vor einer Woche noch keinen Gedanken geschenkt haben würde: »Gottes erkorener, wahnsinngeschlagener Liebender, der für einen Kuß stirbt«, die ihm aber jetzt nicht einen Augenblick aus dem Sinn kam. Er grübelte darüber, wie wunderbar und wahr diese Zeile war, und als er sie ansah, wußte er, daß er mit Freuden »für einen Kuß gestorben« wäre. Er kam sich selbst als Gottes erkorener, wahnsinngeschlagener Liebender vor, und kein Ritterschlag hätte ihn mit größerem Stolz erfüllen können. Jetzt endlich kannte er den Sinn des Lebens und wußte, warum er geboren war.

Wie er sie sah, sie anstarrte und lauschte, wurden seine Gedanken plötzlich kühner. Wieder erlebte er das wilde Entzücken, das ihn durchbebt hatte, als er auf dem Vorplatz ihre Hand gefaßt, und er sehnte sich danach, sie nochmals in der seinigen zu fühlen. Sein Blick wanderte oft zu ihren Lippen, und ihn hungerte nach ihnen. Aber es war nichts Plumpes und Irdisches in diesem Verlangen. Es machte ihm eine unsagbare Freude, jede Bewegung und jedes Spiel dieser Lippen beim Sprechen zu beobachten, und gleichwohl waren es nicht gewöhnliche irdische Lippen, wie alle andern Männer und Frauen sie hatten. Sie waren nicht aus Materie geformt. Es waren Lippen aus reinem Geist, und sein Verlangen nach ihnen war ganz anders als das; das er nach andern Frauenlippen gehabt hatte. Er hätte ihre Lippen küssen, seine Lippen aus Fleisch und Blut auf sie drücken können, und doch wäre es mit der gleichen Ehrfurcht und erhabenen Leidenschaft geschehen, mit der der wahrhaft Gläubige das Gewand Gottes küssen würde. Er war sich nicht bewußt, welch eine Verschiebung von Werten in ihm stattgefunden hatte, und er ahnte nicht, daß das Licht in seinen Augen, wenn er sie ansah, eben das war, das in den Augen aller Menschen leuchtet, wenn das Verlangen der Liebe in ihren Herzen erwacht. Er ließ sich nicht träumen, wie brennend und männlich sein Blick war, und ebensowenig, daß die Flamme darin rein seelisch auf sie wirkte. Die Jungfräulichkeit, die von ihr ausströmte, erhöhte und verbarg seine eigenen Gefühle, indem sie seine Gedanken zu sternenkalter Keuschheit erhob. Es würde ihn erschreckt haben, hätte man ihm erzählt, daß in seinen Augen ein Licht brannte, das sie wie warme Wogen durchströmte und eine ähnliche Wärme in ihrem Körper entzündete. Sie war verwirrt, und obwohl sie den Grund nicht kannte, durchbrach es immer wieder störend, aber gleichzeitig mit einer wundersamen berauschenden Macht ihre Gedanken und zwang sie, nach Worten zu suchen, um den begonnenen Satz zu beenden. Die Sprache war ihr sonst stets leicht von den Lippen geflossen, und diese Unterbrechungen würden sie gestört haben, wäre sie nicht zu dem Ergebnis gelangt, daß es daher kam, weil er ein so eigentümlicher Mensch war. Sie war für Eindrücke sehr empfänglich, und alles in allem war es nicht so merkwürdig, daß dieser Fremde aus einer andern Welt sie durch die Atmosphäre, die er ausströmte, auf diese Weise beeinflußte.

Hinter ihrem Bewußtsein lag das Problem, wie sie ihm helfen könnte, und sie lenkte das Gespräch selbst in diese Richtung; aber es war Martin, der das erste Wort sprach.

»Ich möchte so gern einen Rat von Ihnen haben«, begann er, und sie ging sofort so bereitwillig darauf ein, daß sein Herz klopfte. »Sie erinnern sich vielleicht, daß ich neulich sagte, ich könnte nicht über Bücher und dergleichen reden, weil ich nicht wüßte, wie? Nun habe ich ein ganz Teil darüber nachgedacht. Ich bin in der Bibliothek gewesen; aber die meisten Bücher, mit denen ich mich abgegeben habe, sind mir zu hoch gewesen. Es wäre vielleicht am besten, wenn ich ganz von vorn anfinge. Ich habe nie etwas Ordentliches gelernt, seit klein auf habe ich schwer arbeiten müssen, und nachdem ich in der Bibliothek gewesen bin und die Bücher mit andern Augen angesehen habe – ja, auch neue Bücher gesehen habe –, bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß ich nicht die richtigen gelesen habe. Sehen Sie, die Bücher, die man auf einer Viehranch oder in der Back findet, sind nicht dieselben, die Sie zum Beispiel hier im Hause haben. Und eine solche Lektüre war ich eben gewohnt. Und doch – und das sage ich nicht, um mich zu rühmen – und doch bin ich anders gewesen als die Leute, mit denen ich zusammen Vieh hütete. Ich war nicht besser als die Matrosen und die Viehhirten, mit denen ich zusammenlebte – ich bin eine Zeitlang Viehhirt gewesen, wissen Sie –, aber ich habe immer Bücher geliebt und alles gelesen, was ich in die Finger kriegen konnte, und ... na ja, ich bildete mir eben ein, daß ich anders denke als die meisten.

»Aber was ich sagen wollte: Ich bin noch nie in einem Hause wie diesem gewesen. Als ich vor einer Woche herkam und Sie und Ihre Mutter und Ihre Brüder und alles andere sah, da gefiel es mir. Ich hatte von solchen Dingen gehört und in Büchern darüber gelesen, und als ich mich in Ihrem Hause umsah, da war es gerade wie in den Büchern. Aber was ich sagen wollte: es gefiel mir. Ich hätte es gern selbst so gehabt. Ich möchte es gern jetzt so haben. Ich möchte, daß die Luft, die ich atme, so wäre wie in diesem Hause – eine Luft, die von Büchern, Bildern und schönen Dingen erfüllt ist, in der die Leute leise reden, rein sind und rein denken. Die Luft, die ich bisher geatmet habe, war immer vermischt mit Essen und Miete und Schlägereien und dergleichen, das war alles, worüber sie redeten. Sehen Sie, als Sie durchs Zimmer gingen und Ihre Mutter küßten, da war mir, als sei es das Schönste, was ich je gesehen habe. Ich habe allerhand in meinem Leben gesehen, und wie dem nun auch sei, so habe ich jedenfalls mehr Nutzen davon gehabt als die meisten, mit denen ich zusammen war. Ich will sehen, und ich möchte gern mehr und anderes sehen.

»Aber ich bin noch nicht zur Hauptsache gekommen, und die ist: Ich will versuchen, es dahin zu bringen, daß ich ein Leben führen kann, wie Sie es hier im Hause leben. Es gibt anderes und besseres im Leben als Streit und schwere Arbeit. Aber wie soll ich das erreichen? Wo soll ich anfangen? Ich bin bereit, dafür zu arbeiten, wissen Sie, und ich kann es mit den meisten aufnehmen, wenn es schwere Arbeit gilt. Wenn ich erst einmal angefangen habe, arbeite ich Tag und Nacht. Vielleicht finden Sie es komisch, daß ich Sie nach alledem frage, ich weiß, Sie sind die letzte auf der Welt, die ich fragen sollte, aber ich kenne sonst niemand, den ich fragen könnte ... es sei denn Arthur. Vielleicht sollte ich lieber ihn fragen. Denn ich ...«

Seine Stimme versagte. Die Entschlossenheit, die ihn bisher getrieben hatte, zitterte bei dem furchtbaren Gedanken, daß er Arthur hätte fragen sollen, und daß er sich lächerlich gemacht hätte. Ruth antwortete nicht gleich. Sie war zu sehr damit beschäftigt, seine Unsicherheit, seine linkische Rede und seinen einfachen Gedankengang mit seinem Gesichtsausdruck in Einklang zu bringen. Noch nie hatte sie in Augen gesehen, die eine solche Kraft ausdrückten. Hier war ein Mann, der alles vermochte, das war die Botschaft, die sie in ihnen las und die nur schlecht mit seiner mangelhaften Fähigkeit, seine Gedanken auszudrücken, übereinstimmte. Im übrigen war auch ihr eigenes Denken so kompliziert und schnell, daß sie für etwas so Einfaches kein rechtes Verständnis hatte, wie andererseits gerade dieses Tasten seines Geistes einen Eindruck von Stärke auf sie machte. Er war ihr wie ein gefesselter Riese vorgekommen, der an seinen Banden riß und zerrte. Und als sie endlich sprach, drückte ihr Gesicht unendliches Mitgefühl aus.

»Sie wissen ja selbst sehr gut, was Sie brauchen: systematische Ausbildung. Sie sollten zuerst wieder in die Schule gehen und hinterher die Universität besuchen.«

»Aber das kostet Geld«, warf er ein.

»Oh!« rief sie. »Daran hatte ich nicht gedacht. Aber Sie müssen doch Verwandte haben – irgend jemand, der Ihnen helfen kann.«

Er schüttelte den Kopf.

»Mein Vater und meine Mutter sind tot. Ich habe zwei Schwestern, die eine ist verheiratet, und die andere wird wohl bald heiraten. Dann habe ich noch ein ganzes Schock Brüder – ich bin der Jüngste –, aber die haben noch nie jemand geholfen. Die sind durch die Welt geschweift und haben genug mit sich selbst zu tun gehabt. Der Älteste starb in Indien. Zwei sind in Südafrika, einer ist auf Walfang, und einer zieht mit einem Zirkus herum – er arbeitet am Trapez. Und mir geht es ganz wie ihnen. Seit meinem elften Jahre – als meine Mutter starb – habe ich selbst für mich gesorgt. Ich werde auch wohl auf eigene Faust studieren müssen, und was ich wissen möchte, ist eben, wo ich anfangen soll.«

»Zu allererst sollten Sie sich eine Grammatik anschaffen. Ihr Satzbau ist ...« Sie hatte »schrecklich« sagen wollen, änderte es aber in »nicht besonders gut«.

Er errötete und schwitzte.

»Ich weiß, daß ich eine Menge Slang und Wörter rede, die Sie nicht verstehen. Aber das sind eben die einzigen, von denen ich weiß, wie ich sie aussprechen soll. Ich habe andere Wörter im Kopf – Wörter, die ich in Büchern gefunden habe, aber ich kann sie nicht aussprechen, und deshalb gebrauche ich sie nicht.«

»Es ist weniger was, als wie Sie es sagen. Sie brauchen nur etwas mehr Grammatik. Jetzt werde ich Ihnen ein Buch holen und zeigen, wie Sie anfangen sollen.« Als sie aufstand, fiel ihm etwas ein, das er in den Büchern über den guten Ton gelesen hatte, und er erhob sich linkisch, in schrecklicher Angst, daß es doch nicht richtig war, und daß sie es als Zeichen seines Aufbruchs ansehen würde.

Als sie mit der Grammatik wiederkam, schob sie einen Stuhl neben den seinen – er dachte darüber nach, ob er ihr hätte helfen sollen – und setzte sich neben ihn. Sie blätterte in der Grammatik, und ihre Köpfe näherten sich einander. Er hatte Mühe, ihr, als sie ihm jetzt einen Arbeitsplan machte, zu folgen, so bestürzt und benommen war er darüber, daß sie ihm jetzt so nahe war. Als sie ihm aber die Bedeutung der Konjugation zu erklären begann, vergaß er sie über seiner Arbeit. Er hatte nie von diesen Dingen gehört und war vollkommen bezaubert von dem Einblick, den er durch sie in den Mörtel der Sprache erhielt. Er beugte sich tiefer über das Buch, und ihr Haar berührte seine Wangen. Er war nur einmal in seinem Leben ohnmächtig geworden, aber in diesem Augenblick fühlte er sich wieder einer Ohnmacht nahe. Er konnte kaum atmen, und sein Herz preßte ihm das Blut in die Kehle, daß er fast erstickte. Nie war sie ihm so erreichbar erschienen wie jetzt. Es war ihm, als wäre in diesem Augenblick eine Brücke über den Abgrund zwischen ihnen geschlagen. Aber sein Gefühl für sie war deshalb nicht weniger erhaben. Sie war nicht zu ihm herabgestiegen. Er war es, der in die Wolken gehoben und zu ihr getragen wurde. Die Ehrerbietung, die er in diesem Augenblick für sie hegte, glich religiöser Ehrfurcht. Ihm war, als sei er ins Allerheiligste eingedrungen, und langsam und vorsichtig entzog er seinen Kopf der Berührung, die auf ihn wie ein elektrischer Schlag wirkte, und die sie gar nicht bemerkt hatte.

* * *

 

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