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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Martin Eden, dessen Blut immer noch vor Zorn über den Zusammenstoß mit seinem Schwager kochte, tastete sich über den unbeleuchteten Vorplatz und erreichte sein Zimmer, eine winzige Mädchenkammer, in der gerade Platz für ein Bett, einen Waschtisch und einen Stuhl war. Bernard Higginbotham war zu sparsam, um ein Mädchen zu halten, wenn seine Frau die Arbeit tun konnte, und außerdem konnten sie auf diese Weise zwei Pensionäre statt eines haben. Martin legte den Swinburne und den Browning auf den Stuhl, zog den Rock aus und setzte sich auf den Bettrand. Ein Krachen der asthmatischen Federn begrüßte das Gewicht seines Körpers, aber er bemerkte es nicht. Er begann sich die Schuhe auszuziehen, hielt aber inne und starrte auf die Wand, deren geweißte Fläche nur von langen braunen Streifen unterbrochen wurde, die der durchs Dach gesickerte Regen gezeichnet hatte. Und auf diesem schmutzigen Hintergrund begannen jetzt die Visionen zu flammen. Er vergaß seine Schuhe und starrte lange vor sich hin, bis die Lippen sich zu bewegen begannen und den Namen Ruth murmelten. »Ruth!« Nie hätte er gedacht, daß ein einfacher Laut so schön sein könnte. Er entzückte sein Ohr und berauschte ihn, so oft er ihn wiederholte. »Ruth!« Das war ein Talisman, eine Zauberformel. Sooft er diesen Namen murmelte, stand ihr Gesicht leuchtend vor ihm und überflutete die schmutzige Wand mit goldenem Glanz. Und dieser Glanz beschränkte sich nicht auf die Wand. Er verbreitete sich bis ins Unendliche, und durch seine goldene Tiefe suchte seine Seele die ihre. Das Beste in ihm löste sich in einem mächtigen, reißenden Strom aus. Der bloße Gedanke an sie hob und läuterte ihn, machte ihn besser und erweckte in ihm die Sehnsucht, noch besser zu werden. Dies war etwas Neues für ihn. Noch nie hatte er Frauen gekannt, die ihn besser gemacht hatten. Sie hatten stets die entgegengesetzte Wirkung auf ihn ausgeübt und ihn tierisch gemacht. Er wußte nicht, daß viele von ihnen ihr Bestes getan hatten, wenn es auch nicht viel gewesen war. Er hatte nie viel über sich nachgedacht und wußte nicht, daß er in seinem Wesen das hatte, was die Liebe der Frauen gewann und die Ursache dazu gewesen war, daß sie trotz seiner Jugend die Hände nach ihm ausstreckten. Hatten sie ihn auch oft geplagt, so hatte er sich doch nicht mit ihnen abgegeben, und er ahnte nicht, daß es Frauen gab, die bessere Menschen geworden waren, weil sie ihn getroffen hatten. Er hatte sein Leben bisher in erhabener Gleichgültigkeit gelebt, und jetzt kam es ihm vor, als hätten sie stets die schamlosen Hände nach ihm ausgestreckt. Das war weder gerecht gegen sie noch gegen sich selber. Aber es war das erstemal, daß er zum Bewußtsein seiner selbst kam, und er war um so weniger imstande, klar zu urteilen, als er beim Anblick seiner Schande vor Scham brannte. Er stand hastig auf und versuchte, sich in dem blinden Spiegel über dem Waschtisch zu sehen. Er rieb ihn mit einem Handtuch ab und betrachtete sich wieder, lange und sorgfältig. Es war das erstemal, daß er sich wirklich gesehen hatte. Seine Augen waren dazu geschaffen, zu sehen, aber bis zu diesem Augenblick hatten sie nur das ewig wechselnde Panorama der Welt gesehen, das ihm keine Zeit gelassen hatte, sich selbst zu betrachten. Jetzt sah er das Gesicht eines zwanzigjährigen Burschen; da ihm aber jede Schätzung fehlte, konnte er es nicht beurteilen. Über einer breiten, gewölbten Stirn sah er einen Schwall nußbraunen, welligen und leichtgelockten Haares, das eine Freude für die Frauen war und ihre Hände danach brennen ließ, es zu streicheln. Aber darüber ging er hinweg, es hatte keinen Wert in seinen Augen. Lange und sinnend verweilte er auf der hohen breiten Stirn und versuchte hinter sie zu dringen, um zu sehen, was dort wohnen mochte. Was für eine Art Hirn lag dort drinnen – das fragte er sich die ganze Zeit. Was vermochte es? Wie weit konnte es ihn bringen? Konnte es ihn wohl zu ihr bringen?

Er dachte darüber nach, ob wohl eine Seele in diesen großen stahlblauen Augen lebte, die zuweilen blau waren und eine Stärke und Frische verrieten wie die, welche in der großen sonnigen Tiefe der See lag. Er grübelte auch, welchen Eindruck seine Augen auf sie gemacht haben mochten. Er versuchte, sich an ihre Stelle zu versetzen, wenn sie ihm in die Augen starrte, konnte aber den Gedanken nicht weiter fortführen. Wohl vermochte er es, sich in die Gedanken anderer zu versetzen, aber es mußten Männer sein, deren Lebensbedingungen er wohl kannte. Ihre Lebensbedingungen kannte er nicht. Sie war ein Wunder, ein Rätsel, und wie konnte er auch nur einen einzigen ihrer Gedanken erraten? Nun ja, es waren ehrliche Augen, so schloß er, und es war nichts Kleines oder Gemeines in ihnen. Seine braune, sonnenverbrannte Gesichtsfarbe überraschte ihn, denn er hatte nicht geahnt, daß er so dunkel war. Er schlug den Hemdärmel zurück und verglich den weißen Arm mit diesem Gesicht. Ja, ein Weißer war er doch! Aber die Arme waren auch verbrannt. Er drehte den Arm, strich sich mit der andern Hand über die Muskeln und betrachtete die Unterseite, die von der Sonne am wenigsten verbrannt war. Sie war sehr weiß, und er lachte sein Gesicht im Spiegel an bei dem Gedanken, daß es einmal ebenso weiß wie die Unterseite seines Armes gewesen war; aber er ließ sich nicht träumen, daß es nur wenige blasse, elfenhafte Frauen gab, die eine hellere, glattere Haut als die seine hatten – heller als seine dort, wo die Sonne sie nicht verheeren konnte. Sein Mund wäre der eines Cherubs gewesen, hätten die vollen sinnlichen Lippen sich nicht in erregten Augenblicken hart über den Zähnen geschlossen. Zuweilen schlossen sie sich so hart, daß der Mund barsch und streng, ja fast asketisch wurde. Es waren die Lippen eines Mannes, der zu kämpfen und lieben verstand. Sie konnten die Süße des Lebens schmecken und sich über sie freuen, und sie konnten die Süße beiseiteschieben und das Leben beherrschen. Das Kinn und die kräftigen Kinnbacken, die eine gewisse derbe Beharrlichkeit andeuteten, halfen den Lippen, das Leben zu beherrschen. Kraft hielt die Sinnlichkeit im Gleichgewicht und hatte eine erfrischende Wirkung auf sie, denn sie zwang ihn, nur Schönheit zu lieben, die natürlich war, und nur auf Sinneseindrücke zu reagieren, die gesund waren. Und zwischen diesen Lippen lagen zwei Reihen Zähne, die nie einen Zahnarzt gekannt oder gebraucht hatten. Sie waren weiß, stark und regelmäßig, wie er sich bei ihrer Betrachtung selbst sagte. Aber während er sie betrachtete, begann er unruhig zu werden. Irgendwo in einem geheimen Winkel seines Gehirns lebte als dunkle Erinnerung der Eindruck, daß es Leute gäbe, die sich täglich die Zähne bürsteten; das waren die Leute hoch oben auf der Stufenleiter, die Leute, die ihrer Klasse angehörten. Sie bürstete sich sicher täglich die Zähne. Was würde sie sagen, wenn sie erfuhr, daß er sich noch nie im Leben die Zähne gebürstet hatte? Er beschloß, sich eine Zahnbürste anzuschaffen und sich an ihre Benutzung zu gewöhnen. Gleich morgen wollte er damit beginnen. Nicht allein durch große Taten konnte er sie zu gewinnen hoffen. Er mußte seinen ganzen Lebenswandel verändern, er mußte sich die Zähne bürsten und sich daran gewöhnen, mit gestärkter Wäsche zu gehen, obwohl ein steifer Kragen ihm wie eine Beschränkung seiner Freiheit vorkam. Er hob die Hand hoch, rieb sich mit der Innenseite des Daumens die harte Haut der Handfläche und sah den Schmutz, der gleichsam in der Haut eingekapselt war, und den keine Bürste entfernen konnte. Wie anders war doch ihre Hand! Bei der Erinnerung an sie durchschauerte es ihn angenehm. Wie ein Rosenblatt, sagte er bei sich, kühl und weich wie eine Schneeflocke. Nie hatte er gedacht, daß eine Frauenhand so herrlich weich sein könnte. Er ertappte sich auch bei dem Gedanken, wie wunderbar es sein mußte, von einer solchen Hand geliebkost zu werden, und eine schuldbewußte Röte färbte seine Wangen. Dieser Gedanke war zu irdisch, wenn er ihr galt. Irgendwie schien er an ihrer überirdischen Erhabenheit zu rütteln. Sie war eine blasse, feine Elfe, hoch erhaben über die Gier des Fleisches; aber dennoch konnte er sich nicht von dem Gedanken an ihre weiche Hand freimachen. Er hatte bisher nur die harten Hände von Fabrikarbeiterinnen und andern Frauen seiner Klasse gekannt. Nun ja, er wußte ja gut, warum deren Hände hart waren, aber ihre Hand ... sie war weich, weil sie nie damit gearbeitet hatte. Der klaffende Schlund zwischen ihnen wurde größer als je bei dem Gedanken, daß es einen Menschen gäbe, der nie für sein Brot hatte arbeiten müssen. Er sah plötzlich, wie vornehm die Menschen waren, die nie arbeiteten. Ihre Vornehmheit stand plötzlich vor ihm wie eine stolze Bronzestatue, übermütig und mächtig. Er selbst hatte gearbeitet; seine ersten Erinnerungen schienen mit Arbeit verknüpft zu sein. Und seine ganze Familie hatte gearbeitet. Gertrude zum Beispiel! Waren ihre Hände nicht hart von der endlosen Hausarbeit, so waren sie geschwollen und rot wie gekochtes Ochsenfleisch von der Wäsche. Und seine Schwester Marian. Sie hatte letzten Sommer in der Konservenfabrik gearbeitet, und ihre hübschen, schmalen Hände waren von Narben von den Tomatenmessern verunziert. Dazu hatten zwei Finger das letzte Glied durch eine Schneidemaschine in der Tütenfabrik verloren, wo sie den Winter zuvor gearbeitet hatte. Er gedachte der harten Hände seiner Mutter, als sie in ihrem Sarge lag. Und sein Vater hatte bis zu seinem letzten Hauch gearbeitet, und als er starb, war die dicke Hornhaut an seinen Händen wohl einen halben Zoll stark gewesen. Ihre Hände waren weich, ebenso wie die Hände ihrer Mutter und ihrer Brüder. Letzteres kam wie eine Überraschung; es war ihm ein schlagender Beweis dafür, wie hoch sie standen und welch ein ungeheurer Abgrund zwischen ihm und ihr lag.

Mit einem bitteren Lachen ließ er sich auf das Bett fallen und zog sich die Schuhe aus. Er war ein Narr. Er hatte sich von dem Gesicht und den weichen Händen eines Weibes berauschen lassen. Und plötzlich sah er ein neues Bild auf der schmutzigen geweißten Wand. Er sah sich selbst vor einer finsteren Arbeiterkaserne stehen. Es war eine Nacht im Osten Londons, und vor ihm stand Margey, eine kleine Fabrikarbeiterin von fünfzehn Jahren. Er hatte sie nach dem »Bohnenfest« heimbegleitet. Sie wohnte in der finsteren Kaserne, die schlechter war als ein Schweinekoben. Er reichte ihr die Hand zum Abschied, und sie hob ihm das Gesicht entgegen, damit er sie küßte. Aber er wollte sie nicht küssen. Er fürchtete sich irgendwie vor ihr. Da aber schloß sich ihre Hand mit fieberhaftem Druck über der seinen. Er fühlte, wie die harte Haut ihrer Hand gegen die seine scheuerte, und eine Woge innigen Mitleids wallte in ihm auf. Er sah den sehnsüchtigen, hungrigen Ausdruck in ihren Augen, und eine zurückgedrängte wilde Lebensgier verwandelte plötzlich die kleine, unterernährte Gestalt aus einem Kinde in ein erwachsenes Weib. Da schlang er mit unendlicher Nachsicht die Arme um sie, beugte sich zu ihr hinab und küßte sie auf den Mund. Er konnte noch den kleinen Freudenschrei hören, den sie ausstieß, und er fühlte, wie sie sich wie eine Katze an ihn klammerte. Arme Kleine! Er starrte auf das Bild dessen, was vor langer, langer Zeit geschehen war. Das Blut rollte schneller durch seine Adern, wie es in jener Nacht getan, als sie sich an ihn klammerte und sein Herz vor Mitleid schwoll. Die Umgebung war grau gewesen, schmutzig grau, und ein feiner Staubregen hatte den grauen Bürgersteig noch grauer und schmutziger gemacht. Plötzlich aber erstrahlte die Wand, das Bild verschwand, und statt seiner leuchtete IHR blasses Antlitz mit seiner goldenen Haarkrone, fern und unerreichbar wie ein Stern.

Er nahm den Browning und den Swinburne vom Stuhl und küßte die Bücher. Sie hat mich angespornt, dachte er. Wieder warf er einen Blick in den Spiegel und sagte dann laut, mit tiefem Ernst:

»Martin Eden, gleich morgen früh gehst du in die Volksbibliothek und liest darüber nach, wie man sich zu benehmen hat. Verstanden?«

Er drehte das Gas aus, und die Federn krächzten unter seinem Körper.

»Aber du darfst nicht mehr fluchen, Martin. Hörst du, Alter, du darfst nicht mehr fluchen«, sagte er laut.

Dann schlief er ein und hatte Träume, die sich an Kühnheit nur mit den Träumen eines Opiumrauchers messen konnten.

* * *

 

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