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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Der Weg ins Speisezimmer war ein böser Traum für ihn. Er stolperte und stieß sich, machte entschlossen einen Schritt vorwärts und blieb wieder stehen, und zuweilen schien ihm fast, als würde er nie hineingelangen. Schließlich aber war er drinnen und wurde neben SIE gesetzt. Der Überfluß an Messern und Gabeln jagte ihm Schrecken ein. Sie drohten mit unbekannten Gefahren, und er starrte sie benommen an, bis ihr Glanz der Hintergrund für eine Reihe von Bildern aus der Back wurde, wo er und seine Kameraden saßen und Salzfleisch mit dem Taschenmesser und den Fingern aßen oder dicke Erbsensuppe mit Blechlöffeln in sich hineinschaufelten. Er konnte geradezu den Geruch von verdorbenem Fleisch spüren und das Schmatzen der Essenden zum Knarren der Hölzer und Ächzen der Schoote hören. Er sah die Kameraden essen und kam zu dem Ergebnis, daß sie wie Schweine aßen. Nun, er wollte sich hier schon zusammennehmen. Er wollte kein Geräusch machen. Er wollte ununterbrochen auf sich achten.

Er ließ seinen Blick über den Tisch schweifen. Ihm gegenüber saßen Arthur und Arthurs Bruder Norman. Er dachte daran, daß es ihre Brüder waren, und fühlte warme Freundschaft für sie. Wie alle in dieser Familie sich liebten! Er dachte wieder daran, wie SIE und ihre Mutter sich geküßt hatten und ihm Arm in Arm entgegengekommen waren. In seiner Welt zeigten Eltern und Kinder ihre Gefühle nicht so. Es war eine Offenbarung von den Höhen des Lebens, die man in dieser hoch über der seinen liegenden Welt erreichen konnte. Dieser kleine Einblick in eine neue Welt hatte ihm das Schönste gezeigt, das er je gesehen. Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, und sein Herz strömte über vor mitfühlender Zärtlichkeit. Sein ganzes Leben hatte ihn nach Liebe gehungert. Sein Wesen brauchte Liebe. Sie war eine Lebensbedingung für seinen Organismus. Und dennoch hatte er sie entbehren müssen, aber er war hart dabei geworden. Er hatte selbst nicht gewußt, daß er Liebe brauchte, und auch jetzt wußte er es nicht. Er sah nur ihr Wirken, und das durchschauerte ihn tief und erschien ihm herrlich und erhaben.

Er freute sich, daß Herr Morse nicht anwesend war. Es war schwer genug, mit ihr, ihrer Mutter und ihrem Bruder Norman bekannt zu werden. Arthur kannte er schon ein wenig. Der Vater, das wußte er, hätte dem Faß den Boden ausgeschlagen. Ihm schien, daß er sich noch nie im Leben so abgemüht hätte. Die schwerste Arbeit war Kinderspiel dagegen. Winzige Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, und sein Hemd war durchnäßt, weil er sich bemühte, soviel Ungewohntes auf einmal zu tun. Er mußte essen, wie er noch nie gegessen hatte, mußte mit seltsamen Geräten hantieren und dabei verstohlene Blicke auf die anderen werfen, um zu sehen, wie sie mit jedem neuen Dinge umgingen; er mußte die Flut von Eindrücken bewältigen, die über ihm zusammenschlug und in seinem Bewußtsein gesichtet und geklärt werden sollte. Dazu fühlte er eine heftige Sehnsucht nach ihr, eine Sehnsucht, die die Form dumpf nagender Rastlosigkeit annahm, und spürte einen heftigen Drang, sich emporzuschwingen zu der Höhe des Lebens, auf der sie sich befand. Immer wieder verirrten sich seine Gedanken in unklaren Plänen, wie er sich auf ihre Höhe schwingen könnte. Wenn sein Blick heimlich zu Norman, der ihm gerade gegenüber saß, oder zu den anderen glitt, um herauszubekommen, welches Messer oder welche Gabel bei einer bestimmten Gelegenheit zu gebrauchen war, so nahm das Gesicht des Betreffenden seine Gedanken in Anspruch, und er versuchte mechanisch zu erraten, was er – stets im Verhältnis zu ihr – war.

Dann mußte er wieder sprechen, hören, was zu ihm gesprochen wurde, und was die anderen unter sich sprachen, und, wenn nötig, antworten mit einer Zunge, die die unangenehme Neigung hatte, durchzugehen, und stets gezügelt werden mußte. Und um seine Verwirrung noch zu vermehren, war der Diener da, eine beständige Drohung, die sich lautlos hinter ihn schlich, ein unheimlicher Spion, der ihm unangenehme Rätsel aufgab, die er stets sofort lösen mußte. Während der ganzen Mahlzeit bedrückte ihn der Gedanke an die Spülkummen. Immer wieder, unaufhörlich mußte er darüber nachdenken, wann sie in die Erscheinung treten und wie sie aussehen würden. Er hatte von diesen Dingen gehört und wußte, daß er sie im Laufe weniger Minuten sehen sollte, daß er mit höheren Wesen bei Tische saß und sie wie diese benutzen sollte. Und das Wichtigste von allem: auf dem Grunde seiner Gedanken und doch stets dicht an der Oberfläche lag die große Frage, wie er sich diesen Leuten gegenüber benehmen sollte. Welche Haltung sollte er einnehmen? Mit diesem Problem kämpfte er andauernd und furchtsam. Da waren feige Einwendungen, die ihn Komödie spielen lassen wollten, und noch feigere, die ihm sagten, daß ein solcher Versuch mißlingen mußte, daß seine Natur sich nicht dazu eignete, und daß er sich zum Narren machen würde. Während des ersten Teiles des Essens rang er mit sich, wie er sich verhalten sollte, und war sehr still. Er wußte nicht, daß er durch sein Schweigen Arthur Lügen strafte, der am Tage zuvor gesagt hatte, er würde einen Wilden mit zu Tisch bringen, daß sie aber keine Angst zu haben brauchten, denn es sei ein interessanter Wilder. Martin Eden hätte sich nicht vorstellen können, daß ihr Bruder sich eines solchen Verrats schuldig machte, zumal er ja ebendiesem Bruder bei einer schlimmen Prügelei geholfen hatte. Und so saß er denn bei Tische, bedrückt durch seine eigene Unwürdigkeit und doch zugleich von allem, was um ihn her vorging, bezaubert. Zum erstenmal erkannte er, daß Essen etwas anderes als eine nützliche Funktion war. Er hatte keine Ahnung, was er aß. Es war eben Essen. Er stillte seinen Schönheitsdurst an diesem Tisch, wo Essen eine ästhetische Funktion war. Aber es war auch eine geistige Funktion. Sein Geist war angestachelt. Er hörte Worte, die keinen Sinn für ihn hatten, und andere Worte, die er nur in Büchern gefunden hatte, und die keiner der Männer oder Frauen seiner Bekanntschaft imstande gewesen wären auszusprechen. Wenn er diese Worte von den Lippen dieser wundervollen Familie – ihrer Familie – aussprechen hörte, als ob es das Natürlichste von der Welt wäre, wurde er von Entzücken durchbebt. Die Romantik und Schönheit, das Erhabene, von dem er in Büchern gelesen hatte, wurde hier Wirklichkeit. Er befand sich in dem seltsamen, seligen Zustand, in dem ein Mann seinen Traum aus den Winkeln der Phantasie herausspazieren und Wirklichkeit werden sieht. Noch nie hatte er auf solchen Höhen des Lebens gestanden, und er hielt sich selbst im Hintergrund, lauschend, beobachtend und sich freuend, während er einsilbig Ja und Nein antwortete. Er mußte sich Mühe geben, daß er ihren Brüdern nicht dieselbe Ehrerbietung wie ihr und ihrer Mutter erwies. Aber er sagte sich, daß das unmöglich sei, wenn er je hoffen wollte, SIE zu gewinnen. Außerdem lehnte sich sein Stolz dagegen auf. »Weiß Gott!« sagte er einmal bei sich, »ich bin genau so gut wie sie, und wenn sie auch vieles wissen, was ich nicht weiß, so könnte ich sie doch auch ein ganz Teil lehren.« Als aber sie oder ihre Mutter ein paar Augenblicke später ihn »Herr Eden« ansprach, vergaß er seinen anmaßenden Stolz und wurde von Freude ganz rot und warm. Er war ein zivilisierter Mensch, jawohl, und er saß hier, Schulter an Schulter, bei Tisch mit Leuten gleich denen, über die er in Büchern gelesen hatte. Jetzt war er selbst mit im Buche, mitten in einem Abenteuer, das die Druckseiten eines dicken Bandes füllte.

Während er aber Arthurs Beschreibung auf diese Art Lügen strafte, und eher ein frommes Lamm als ein Wilder zu sein schien, zerbrach er sich die ganze Zeit den Kopf, wie er auftreten sollte. Er war kein frommes Lamm, und die zweite Geige zu spielen, paßte seiner hochfliegenden Herrschernatur durchaus nicht. Er sprach nur, wenn er mußte, und seine Rede war wie sein Gang, abgebrochen und stolpernd.

Er suchte in seinem Sprachschatz, grübelte, welche Worte wohl bei dieser oder jener Gelegenheit paßten, fürchtete aber, daß er sie nicht aussprechen könnte, und verwarf wieder andere Worte, von denen er wußte, daß sie sie nicht verstanden, oder daß sie in ihren Ohren roh und gewöhnlich klingen würden. Aber die ganze Zeit bedrückte ihn das Bewußtsein, daß diese Vorsicht in der Wahl seiner Worte ihn dumm machte und ihn verhinderte, seinem Innern Ausdruck zu verleihen.

Dazu empörte sich seine Freiheitsliebe gegen diesen Zwang ungefähr ebenso, wie sein Hals von dem steifen Kragen irritiert wurde, und endlich wußte er, daß es auf die Dauer doch nicht gehen würde. Er war ein Kraftkerl, er konnte denken, und der schöpferische Geist in ihm hob das Haupt und wollte sich geltend machen. Er wurde schnell übermannt von dem Gefühl, das sich in ihm in Geburtswehen wand, um Ausdruck und Form zu finden, und dann vergaß er sich und seine Umgebung, und die alten Worte – die Werkzeuge der Rede, die er kannte – schlüpften heraus.

Als der Diener ihm einmal etwas anbot, ihn dabei unterbrach und an seine Schulter stieß, lehnte er mit einem kurzen, entschiedenen »Pau!« ab.

Sofort richteten sich alle Augen bei Tische erwartungsvoll auf ihn, der Diener war offenbar belustigt, und Martin Eden schämte sich sehr. Aber er gewann schnell seine Selbstbeherrschung wieder.

»Das ist ein Kanakenwort für ›fertig‹«, erklärte er. »Und es kam ganz von selbst!«

Er sah, wie ihre Blicke neugierig seine Hände suchten, und da er einmal Mut gefaßt hatte, redete er weiter: »Ich kam auf einem Schiff von der Pacific-Postlinie die Küste herunter. Wir waren verspätet, und in allen Häfen am Puget-Sund schufteten wir wie die Nigger, um die Ladung zu verstauen – Stückgut, wenn Sie wissen, was das heißt. Dabei hab' ich mir die Haut abgeschrammt.«

»Ach, das meinte ich nicht«, erklärte sie schnell. »Ihre Hände scheinen zu klein für Ihren Körper.«

Er errötete. Er dachte, daß wieder eine seiner Unvollkommenheiten ans Tageslicht gebracht worden sei.

»Ja«, sagte er ärgerlich. »Sie sind nicht groß genug, Arme und Schultern hab' ich wie ein Maultier. Die sind zu stark, und wenn ich einem Mann die Fresse zerhaue, werden mir die Hände dabei auch zerhauen.«

Was er gesagt hatte, gefiel ihm nicht. Er war wütend auf sich. Er hatte seine Zunge gelöst und Dinge gesagt, die sich nicht schickten.

»Es war brav von Ihnen, daß Sie Arthur auf diese Weise zu Hilfe kamen – Sie, als Fremder«, sagte sie taktvoll, als sie seine Verlegenheit sah, obwohl sie den Grund nicht kannte.

Er hingegen verstand sehr gut, was sie getan hatte, eine warme Welle der Dankbarkeit überspülte ihn, und er vergaß seine lose Zunge.

»Das war nicht der Rede wert«, sagte er. »Jeder andere hätte genau dasselbe getan. Die Rowdys wollten Spektakel machen, und Arthur hatte ihnen nichts getan. Sie gingen auf ihn los, und da ging ich wieder auf sie los und vermöbelte ein paar von ihnen. Bei der Gelegenheit ging wohl auch ein bißchen Haut von meinen Händen, zugleich mit ein paar Zähnen von den Kerlen. Ich freue mich heut noch darüber. Wenn ich sehe ...«

Er hielt inne, mit offenem Munde, wie erschrocken über seine eigene Verderbnis und seine Unwürdigkeit, dieselbe Luft wie sie zu atmen. Und während Arthur zum zwanzigsten Mal sein Abenteuer mit den betrunkenen Rowdys auf der Fähre berichtete und erzählte, wie Martin Eden sich auf sie gestürzt und ihm geholfen hatte, saß dieser Martin Eden mit gerunzelter Stirn da, dachte, daß er sich jetzt vollkommen lächerlich gemacht hätte, und kämpfte verbitterter als je mit der Frage, wie er sich vor diesen Leuten benehmen sollte. Bis jetzt hatte er wahrhaftig nicht viel Glück gehabt. Er gehörte nicht zu ihrer Klasse und sprach ihre Sprache nicht, so erklärte er es sich selbst. Er könnte nicht so tun, als ob er ihresgleichen wäre. Eine solche Maskerade würde ihm mißglücken, zumal jede Art Maskerade seinem Wesen fremd war. Verstellung oder List hatten keinen Teil an ihm. Was auch geschah, er mußte er selbst bleiben. Er konnte ihre Sprache nicht sprechen, aber das würde schon noch kommen. Dazu war er fest entschlossen. Inzwischen aber mußte er sprechen, und zwar in seiner eigenen Sprache, die er natürlich dämpfen mußte, damit sie ihnen verständlich wurde und sie nicht allzusehr verletzte. Ferner wollte er nicht mehr durch schweigendes Hinnehmen so tun, als kenne er Dinge, die er in Wirklichkeit nicht kannte, und mehrmals unterbrach er die beiden Brüder in einer Unterhaltung, um zu erfahren, was dies oder jenes bedeutete.

Er erhielt einen Einblick in ein Wissen, das ihm unbegrenzt zu sein schien. Was er sah, nahm greifbare Gestalt an. Seine unerhörte Einbildungskraft half ihm dabei. In der Werkstatt seiner Gedanken wurden die verschiedenen Zweige der Wissenschaft, wurde der Wald der Kenntnisse zu einer ganzen Landschaft. Er sah die Wege mit grünen Blättern und Lichtungen, überflutet von gedämpftem Licht und hellen Sonnenflecken. Die Einzelheiten in der Ferne waren verschleiert und von einem dunkelvioletten Nebel verwischt, dahinter aber lag der Zauber des Unbekannten, die zwingende Macht der Romantik. Es wirkte auf ihn wie Wein. Hier gab es Abenteuer. Hier gab es etwas, das Kopf und Hände verrichten konnten, hier war eine Welt zu besiegen, und sogleich tauchte vor dem Hintergrund seines Bewußtseins der Gedanke auf, daß er siegen wollte, um sie zu gewinnen, diese lilienweiße Elfe, die neben ihm saß.

Die leuchtende Vision wurde von Arthur zerrissen, der den ganzen Abend versucht hatte, den wilden Mann zum Ausbruch zu bringen. Martin Eden erinnerte sich seines Entschlusses. Zum erstenmal wurde er der echte Martin Eden, anfangs bewußt und mit voller Überlegung; bald aber vergaß er alles über der Freude, zu schaffen und das Leben, wie er es kannte, vor den Augen der Zuhörer erstehen zu lassen.

Er hatte sich auf dem Schmugglerschoner »Halcyon« befunden, der von einem Zollkutter gefaßt wurde. Er sah mit offenen Augen und konnte erzählen, was er sah. Er ließ das wogende Meer und die Männer und Schiffe des Meeres vor ihnen erstehen. Er teilte ihnen von seiner Einbildungskraft mit, bis sie mit seinen Augen sahen, was er gesehen hatte. Aus der ungeheuren Menge von Einzelheiten wählte er mit dem sicheren Griff des Künstlers, zeichnete Bilder des Lebens, die von Licht und Farben flammten, und blies ihnen Bewegung ein, so daß seine Zuhörer von diesem Strom roher Beredsamkeit, Begeisterung, Stärke und Macht gepackt wurden. Zeitweilig erschreckte er sie durch die Lebendigkeit der Erzählung und seiner Ausdrücke, aber auf Heftigkeit folgte immer sofort wieder Schönheit, und die Tragödie wurde belebt durch Humor und den eigenartigen springenden Gedankengang des Seemanns.

Und während er sprach, sah das junge Mädchen ihn mit großen erschrockenen Augen an. Sein Feuer durchglühte sie. Sie dachte, ob sie wohl ihr ganzes Leben gefroren hätte. Sie sehnte sich danach, sich an diesen brennenden, flammenden Mann zu lehnen, der wie ein Vulkan Stärke und Gesundheit ausspie. Sie fühlte, daß sie sich an ihn lehnen mußte, und widerstand der Versuchung nur mit Mühe. Aber sie hatte auch eine entgegengesetzte Empfindung: sie schauderte vor ihm zurück. Sie wurde abgestoßen von den zerrissenen Händen, die von Arbeit besudelt waren, als hätte aller Schmutz des Lebens das Fleisch verseucht, von dem roten Strich vom Kragen und den schwellenden Muskeln. Seine Roheit erschreckte sie. Jedes rohe Wort verletzte ihr Ohr, jeder derbe Satz war ein Hohn auf ihre Seele. Aber immer wieder fühlte sie, wie er sie anzog, bis ihr schien, daß er schlecht sein müßte, um eine solche Macht über sie auszuüben. Alles, was am tiefsten in ihr wurzelte, drohte zusammenzustürzen. Der Schimmer von Romantik und Abenteuern, der über ihm lag, hämmerte gegen alles Herkömmliche. Seinen leicht besiegten Gefahren und seinem stets bereiten Lachen gegenüber war das Leben nicht mehr etwas Ernstes mit Mühe und Zwang, sondern ein Spielzeug, das man nach Belieben drehen und wenden, das man nachlässig leben und nachlässig beiseitewerfen konnte. »Deshalb spiele!« rief es in ihr. »Lehne dich an ihn, wenn du Lust dazu hast, und lege ihm deine Hände um den Hals!« Sie hätte gern diesen wilden Gedanken verbannt, und sie suchte vergebens, ihre eigene Reinheit und Kultur, alles, was sie war, in die Wagschale zu werfen gegen das, was er nicht war. Sie sah auf die andern und bemerkte, daß sie ihn aufmerksam und hingerissen anblickten, und sie würde ganz den Mut verloren haben, hätte sie nicht den Schrecken in den Augen ihrer Mutter gesehen – einen Schrecken, der halb Begeisterung, aber dennoch Schrecken war. Dieser Mann aus der äußersten Finsternis war schlecht. Ihre Mutter sah es, und ihre Mutter hatte recht. Sie wollte sich in dieser Sache wie immer auf das Urteil ihrer Mutter verlassen. Das Feuer, das aus ihm loderte, wärmte nicht mehr, ihre Angst vor ihm war nicht mehr so überwältigend.

Später setzte sie sich an den Flügel und spielte für ihn, nur für ihn, aggressiv, mit dem unklaren Ziel, den unüberbrückbaren Schlund zwischen ihnen zu betonen. Ihre Musik war eine Keule, die sie brutal über seinem Haupte schwang, aber wenn sie ihn auch betäubte und in den Staub warf, so wirkte sie doch anspornend auf ihn. Er starrte sie ehrfürchtig an. In seinem Gemüt wie in dem ihren erweiterte sich der Schlund zwischen ihnen; aber noch fester wurde sein ehrgeiziger Entschluß, diesen Schlund zu überbrücken. Seine Gefühle waren jedoch zu wirr, als daß er den ganzen Abend hätte ruhig dasitzen und auf den klaffenden Schlund starren können, namentlich wenn musiziert wurde. Er war merkwürdig empfänglich für Musik. Sie war wie ein berauschender Trank, der seine Gefühle zu ungewohnter Kühnheit anspornte, wie ein Gift, das sich in seine Phantasie schlich und sie bis in die Wolken hob. Musik verjagte die schmutzige Wirklichkeit, erfüllte sein Gemüt mit Schönheit, ließ die Romantik los und beschwingte sie. Er verstand die Musik, die sie spielte, nicht. Sie war ganz anders als die, die er kannte: das hämmernde Klavier und der Lärm der Hornbläser in den Tanzlokalen. Aber er hatte durch die Bücher eine Vorstellung von dieser Musik, und er nahm sie daher fast wie eine Art Glaubenssatz hin, wartete geduldig auf die taktfesten Töne eines bestimmten Rhythmus und wurde allmählich ganz verwirrt, weil die Motive so oft wechselten. Sobald er die Melodie erfaßt hatte und seine Phantasie durch den Raum schweifen ließ, verschwanden die Motive immer wieder in einem wirren Chaos von Tönen, von denen er sich keine Vorstellung machen konnte, und seine Phantasie stürzte schwer zu Boden.

Einmal fiel ihm ein, daß dies ein bewußter Versuch sein mochte, ihn zurückzuweisen. Er fühlte ihre Abwehr und bemühte sich, die Botschaft zu erraten, die ihre Hände durch die Tasten ausdrückten. Dann aber schob er diesen Gedanken als unwürdig und unmöglich von sich und überließ sich ganz der Musik. Wieder überkam ihn das alte Entzücken. Seine Füße waren nicht mehr erdgebunden, sein Fleisch wurde Geist. Vor und hinter seinem Blick entzündete sich ein mächtiger Strahlenkranz. Er vergaß seine Umgebung und hob sich im Fluge über eine Welt, die ihm so teuer war. In dem Traumbild, das vor seinen Augen auftauchte, mischte sich Bekanntes mit Unbekanntem. Er erreichte fremde Häfen in sonnigen Ländern und betrat Marktplätze barbarischer Völker, die kein Mensch je gesehen hatte. Er konnte den Duft der Gewürzinseln spüren, wie er ihn in warmen stillen Nächten auf See gespürt hatte, er begegnete dem Passat der langen Tropentage, dem Passat, der die Palmenwedel der Koralleninseln in das türkisblaue Meer hinter ihm versenkte und die Palmenwedel der Koralleninseln aus dem türkisblauen Meer vor ihm hob. Alle diese Bilder kamen und schwanden mit der Schnelligkeit des Gedankens. Im einen Augenblick saß er rittlings auf einem Präriehengst und flog durch das mächtige Wüstenland mit seinen Märchenfarben; im nächsten starrte er durch flimmernden Dunst auf die Gräber des Totentals oder ruderte über ein halb zugefrorenes Weltmeer, aus dem sich kleine Eisinseln hoben und in der Sonne glitzerten. Er lag am Ufer einer Koralleninsel, deren Kokospalmen dicht an der Brandung mit ihren Molltönen wuchsen. Auf dem Rumpf eines alten Wracks brannten blaue Flammen, und in ihrem Schimmer tanzten die Hulatänzer zu barbarischen Liebesliedern, klimpernden Ukuleles und rasselnden Tom-Toms. Es war eine sinnenerregende tropische Nacht. Im Hintergrund hob sich die dunkle Silhouette eines vulkanischen Kraters vom Sternenhimmel ab. Darüber stand ein blasser Halbmond, und ganz unten am Horizont flammte das Kreuz des Südens.

Er war wie eine Harfe; sein ganzes Leben, wie er es bisher gekannt, und wie es sich in seinem Bewußtsein abgezeichnet hatte, bildete die Saiten der Harfe, und die wogenden Töne der Musik waren der Wind, der gegen die Saiten schlug und sie unter Erinnerungen und Träumen schwingen ließ. Er fühlte nicht nur. Seine Fähigkeit zu fühlen nahm Form, Farbe und Strahlenkranz an und verkörperte mit erhabener, zauberischer Kraft, was seine Einbildungskraft wagte. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurden eins, und er schwang sich weiter über die große warme Welt, durch Abenteuer und edle Taten, hin zu ihr – ja, und zusammen mit ihr, die er gewinnen wollte; er schlang seinen Arm um sie und trug sie im Fluge durch das Reich seiner Phantasie.

Und als sie ihm über die Schulter hinweg einen verstohlenen Blick zuwarf, sah sie etwas von alledem auf seinem Gesicht. Es war ein verklärtes Gesicht mit großen, leuchtenden Augen, die durch den Zauber der Töne und hinter den klopfenden Pulsschlag des Lebens in die mächtigen Phantome des Geistes sahen. Sie erschrak. Der derbe, linkische Bursche war verschwunden. Die schlechte Haltung, die zerschrammten Hände und das sonnenverbrannte Gesicht waren noch da, aber sie glichen einem Gefängnisgitter, hinter dem eine große Seele sprachlos starrte, weil die Lippen unfähig waren, ihr Ausdruck zu verleihen. Sie sah das alles nur einen flüchtigen Augenblick; dann sah sie wieder den linkischen Burschen und lachte über ihre eigene Einbildung. Aber den Eindruck dieses flüchtigen Bildes konnte sie nicht abschütteln, und als der Zeitpunkt kam, da er sich, stolpernd und unsicher, verabschiedete, lieh sie ihm den Band Swinburne, in dem er geblättert hatte, und einen Band Browning – sie hörte gerade Vorlesungen über Browning. Wie er, errötend und seinen Dank stammelnd, dastand, war er ein richtiger Knabe, und eine Woge von fast mütterlichem Mitleid durchfuhr sie. Sie dachte weder an den linkischen Burschen, noch an die gefangene Seele oder den Mann, der sie mit all seiner Männlichkeit angestarrt, der sie entzückt und doch abgeschreckt hatte. Sie sah nur einen großen Knaben, der ihre Hand mit einer Hand drückte, so hart von Arbeit, daß sie sich wie ein Reibeisen anfühlte und ihr die Haut kratzte, einen großen Knaben, der stockend und abgedroschen sagte:

»Die größte Stunde meines Lebens. Wissen Sie, ich bin so was nicht gewohnt ...« Er sah sich hilflos um. »Leute und Häuser wie dies. Das ist mir alles neu, und es gefällt mir.«

»Dann besuchen Sie uns hoffentlich wieder«, sagte sie, als er ihren Brüdern gute Nacht sagte.

Er setzte die Mütze auf, stürzte verzweifelt zur Tür hinaus und war verschwunden.

»Nun, wie findest du ihn?« fragte Arthur.

»Er ist äußerst interessant – wie ein frischer Luftzug«, antwortete sie. »Wie alt ist er?«

»Zwanzig – fast einundzwanzig. Ich fragte ihn heute nachmittag. Ich hätte ihn nicht für so jung gehalten.«

Und ich bin drei Jahre älter, dachte sie, während sie ihren Brüdern den Gutenachtkuß gab.

* * *

 

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