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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 25
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Die Wochen verstrichen. Martin ging das Geld aus, und die Honorare der Zeitschriften zeigten sich weniger als je. Alle seine größeren Manuskripte kamen zurück, und mit seiner Gelegenheitsarbeit ging es nicht besser. Seine kleine Küche hatte keinen Vorrat an Lebensmitteln mehr aufzuweisen. Schließlich hatte er nur noch einen halben Sack Reis und ein paar Pfund getrocknete Aprikosen, und so bildeten Reis und Aprikosen drei Tage hintereinander sein Menu. Dann begann er, auf Kredit zu leben. Der portugiesische Krämer, den Martin bisher bar bezahlt hatte, sagte Halt, als seine Rechnung die fabelhafte Summe von drei Dollar und fünfundachtzig Cent erreicht hatte.

»Denn, Sie sehen,« sagte der Krämer, »Sie nicht kriegen Arbeit, ich verlieren mein Geld.«

Darauf wußte Martin keine Antwort. Er konnte dem Mann keine Erklärung geben. Es war kein richtiges Geschäftsprinzip, einem kräftigen, gesunden jungen Burschen Kredit zu geben, der zu faul war, zu arbeiten, obwohl er der arbeitenden Klasse angehörte.

»Sie kriegen Arbeit, ich lassen Sie kriegen mehr Ware«, sagte der Krämer zu Martin. »Keine Arbeit, keine Ware. Das Geschäft.« Und um zu zeigen, daß es tatsächlich Geschäftsprinzip und nicht nur Vorurteil war, sagte er: »Aber wir trinken ein Glas auf Geschäftskosten – deshalb gute Freunde.«

Und Martin trank in seiner ungenierten Art, um zu zeigen, daß er es dem Mann nicht übelnahm, und ging ohne Abendbrot zu Bett.

Die Obsthandlung, in der Martin sein Gemüse gekauft hatte, wurde von einem Amerikaner betrieben, dessen Geschäftsprinzipien so schlaff waren, daß er Martin bis zu einem Betrage von fünf Dollar kaufen ließ, ehe er ihm weiteren Kredit versagte. Der Bäcker ging bis zu zwei Dollar und der Schlächter bis zu vier. Martin legte die Posten zusammen und stellte fest, daß seine Gesamtschulden sich auf vierzehn Dollar und fünfundachtzig Cent beliefen. Auch mit der Bezahlung der Schreibmaschine war er noch im Rückstand, aber er dachte, daß er zwei Monate Kredit darauf erhalten würde, was acht Dollar machte. Dann hatte er aber auch jede erdenkliche Form von Kredit erschöpft.

Der letzte Einkauf in der Obsthandlung war ein Sack Kartoffeln gewesen, und eine ganze Woche lang aß er dreimal täglich Kartoffeln und nichts als Kartoffeln. Gelegentlich aß er bei Morses, und das half ihm, sich bei Kräften zu halten, obwohl er reine Tantalusqualen litt, wenn er die Schüsseln beim zweiten oder dritten Male vorbeigehen lassen mußte; sein Appetit wurde noch gewaltiger, wenn er so viel Essen auf dem Tische vor sich sah. Hin und wieder besuchte er – wessen er sich im geheimen schämte – die Schwester zu den Essenszeiten, und aß soviel mit, wie er wagte – mehr als bei Morses.

Tag ein, Tag aus arbeitete er, und Tag ein, Tag aus stellte der Briefträger sich mit zurückgesandten Manuskripten ein. Er hatte kein Geld für Briefmarken, so daß die Manuskripte sich zu einem Stapel unter dem Tisch häuften. Dann kam ein Tag, an dem er seit vierzig Stunden nichts gegessen hatte. Er konnte nicht hoffen, bei Ruth etwas zu essen zu bekommen, denn sie war auf vierzehn Tage zu Besuch nach San Rafael gereist, und zu seiner Schwester konnte er anstandshalber nicht gehen. Und um das Maß vollzumachen, brachte ihm der Briefträger auf seiner Nachmittagsrunde fünf Manuskripte zurück. Da fuhr Martin in seinem Mantel nach Oakland und kam ohne ihn, aber mit fünf Dollar in der Tasche, wieder. Er bezahlte bei jedem seiner vier Lieferanten einen Dollar à conto, und als er wieder in seiner Küche war, briet er sich ein Beefsteak, machte Kaffee und kochte sich einen großen Topf Pflaumen. Als er gegessen hatte, setzte er sich an den Schreibtisch, und vor Mitternacht hatte er eine Abhandlung geschrieben, die er »Die Würde des Wuchers« nannte. Als er sie ins reine geschrieben hatte, warf er sie unter den Tisch, denn er hatte von den fünf Dollar nicht so viel übrig, daß er sich hätte Marken kaufen können.

Später versetzte er seine Uhr und noch später sein Fahrrad, aber statt sich für den ganzen Betrag Essen zu kaufen, klebte er Briefmarken auf alle seine Manuskripte und sandte sie in die Welt hinaus. Seine Gelegenheitsarbeit war eine große Enttäuschung. Er verglich sie mit dem, was er in Zeitungen, Wochenblättern und billigen Zeitschriften sah, und kam zu dem Ergebnis, daß seine Arbeit weit besser als der Durchschnitt war, aber er konnte sie doch nicht verkaufen. Da entdeckte er, daß die meisten Blätter ihren Stoff von Korrespondenzen bezogen, und erhielt die Adresse einer solchen. Die Manuskripte, die er einsandte, erhielt er indessen mit einem stereotypierten Wisch zurück, der ihm mitteilte, daß aller Stoff, den die Korrespondenz brauchte, von ihren festen Angestellten geliefert würde.

In einer der großen Jugendzeitschriften fand er ganze Spalten von Anekdoten und kurzen Berichten über seltsame Ereignisse. Hier war doch eine Chance. Aber alles, was er einsandte, wurde zurückgeschickt, und trotz mehreren Versuchen glückte es ihm nicht, auch nur einen einzigen Beitrag anzubringen. Später, als es keine Bedeutung mehr für ihn hatte, erfuhr er, daß die Redakteure und die Redaktionssekretäre der Blätter ihre eigenen Einnahmen durch Lieferung derartiger Notizen ein wenig erhöhten. Dann gab es noch die Kurzgeschichten in den Zeitungen. Er wußte, daß er Besseres schreiben konnte, als dort erschien, und verschaffte sich die Adressen von zwei Zeitungskorrespondenzen, die er nun mit Kurzgeschichten überschwemmte. Als er zwanzig geschrieben hatte, ohne daß auch nur eine einzige angenommen wurde, hörte er auf. Und dennoch las er Tag für Tag in Tageszeitungen und Wochenblättern Kurzgeschichten – Dutzende und aber Dutzende von Kurzgeschichten – und nicht eine, die mit den seinen verglichen werden konnte. In seiner Verzweiflung kam er zu dem Ergebnis, daß es ihm an Urteilskraft fehlte und er von dem, was er selbst schrieb, hypnotisiert würde, daß er törichte Forderungen stellte und sich selbst hinters Licht führte.

Die unpersönliche Redaktionsmaschine lief so gleichmäßig wie je. Er legte seinen Manuskripten Briefmarken bei, warf sie in den Briefkasten, und nach drei Wochen oder höchstens einem Monat kam der Briefträger und überreichte ihm seine Manuskripte. Unmöglich konnte es am andern Ende einen wirklichen, lebendigen Redakteur geben. Es waren alles nur Räder und Zähne und Schmierköpfe – ein sinnreicher, von Automaten bedienter Mechanismus. Zeitweise war er so mutlos, daß er tatsächlich an der Existenz der Redakteure zweifelte. Er hatte nie ein einziges Lebenszeichen von ihnen gesehen, und wenn sie so dumm waren, alles, was er schrieb, zu verwerfen, so mußte man eben annehmen, daß sie eine von Kontoristen, Setzern und Zeitungsverlegern aufgestellte Fiktion waren.

Die Stunden, die er mit Ruth verbrachte, waren seine einzigen glücklichen, und doch waren sie nicht ganz glücklich. Stets wurde er von einer nagenden Rastlosigkeit gequält, die noch schlimmer war als früher, ehe er ihre Liebe gewonnen hatte; denn jetzt, da er ihre Liebe gewonnen hatte, war er weiter als je davon entfernt, sie zu besitzen. Er hatte sie um zwei Jahre gebeten, aber die Zeit verstrich, ohne daß er etwas erreichte. Dazu kam das beständige Gefühl, daß sie seine Arbeit nicht billigte. Sie sagte das nicht direkt, aber verblümt ließ sie es ihn verstehen, und das so klar und deutlich, als hätte sie es mit reinen Worten gesagt. Sie fühlte keinen Zorn, nur Mißbilligung, obwohl eine Frau von weniger sanftem Wesen vielleicht zornig gewesen wäre, wo sie enttäuscht war. Ihre Enttäuschung war, daß der Mann, den sie gewählt hatte, um ihn umzubilden, sich nicht umbilden lassen wollte. Bis zu einem gewissen Grade schien er ihr aus knetbarem Ton gemacht, dann aber hatte er wieder großen Eigensinn gezeigt und es verweigert, sich nach dem Bilde ihres Vaters oder Charles Butlers umformen zu lassen.

Das Große und Starke in seinem Charakter verstand sie nicht, oder – was noch schlimmer war – sie mißverstand es. Sie wollte ihn so haben, daß er in ihre eigene kleine Nische in der menschlichen Gesellschaft paßte, weil sie nichts anderes kannte. Sie konnte dem Flug seines Geistes nicht folgen; wenn seine Gedanken über ihren Horizont hinausgingen, hielt sie ihn für exzentrisch. Kein anderer hatte je Gedanken gehabt, die über ihren Horizont hinausgingen. Ihrem Vater und ihrer Mutter, ihren Brüdern und Olney konnte sie folgen, und wenn sie Martin nicht folgen konnte, so meinte sie, daß die Schuld an ihm lag. Es war die alte Tragödie des starkbegrenzten Geistes, der dem universellen ein Mentor sein möchte.

»Du opferst dich auf dem Altar des Bestehenden«, sagte er eines Tages, als sie Praps und Vanderwater diskutierten. »Ich räume ein, daß sie als Autoritäten, um ins Feld geführt zu werden, großartig sind – die zwei ersten literarischen Kritiker in den Vereinigten Staaten. Jeder Schullehrer im ganzen Lande sieht zu Vanderwater als dem Hohenpriester amerikanischer Literaturkritik auf, und doch erscheint es mir, wenn ich seine Arbeiten lese, daß es eine in schönen Worten ausgedrückte Apotheose des Nichts ist. Und Praps ist nicht besser. Seine Bücher sind sehr schön geschrieben, jedes steht am rechten Platz, und der Ton ist erhaben, ach, so erhaben. Er ist der bestbezahlte Kritiker in den Vereinigten Staaten, obwohl er – Gott strafe mich! – gar kein Kritiker ist. In England ist die Kritik besser.

Die Sache ist jedoch, daß die Note, die sie anschlagen, populär ist, und daß sie sie schön und moralisch und selbstzufrieden anschlagen. Ihre Kritik erinnert mich an einen englischen Sonntag. Sie geben die Volksstimme wieder. Sie decken den Professoren der englischen Sprache den Rücken und umgekehrt. Sie haben ja nicht einen einzigen vernünftigen Gedanken in ihren Schädeln. Sie kennen nur das Bestehende, und tatsächlich sind sie selbst das Bestehende. Sie sind Schwachköpfe, und das Bestehende wird ihnen so leicht aufgeprägt wie eine Brauereifirma einer Bierflasche. Und ihre Aufgabe ist es, all die jungen Leute, die an den Universitäten Vorlesungen hören, einzufangen, jeden Funken von Originalität, der sich möglicherweise bei ihnen findet, auszulöschen und ihnen dann den Stempel des Bestehenden aufzudrücken.«

»Ich glaube«, erwiderte sie, »ich komme, wenn ich bei dem Bestehenden bleibe, der Wahrheit näher als du, wenn du wie ein Bilderstürmer bei den Südseeinsulanern tobst.«

»Das Bilderstürmen besorgen schon die Missionare«, lachte er. »Und unglücklicherweise sind alle Missionare bei den Heiden, so daß nicht einer zu Hause geblieben ist, um alte Bilder wie Vanderwater und Praps zu stürmen.«

»Und die Universitätsprofessoren überhaupt«, fügte sie hinzu.

Er schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Nein. Die wissenschaftlichen Professoren dürfen am Leben bleiben. Die sind wirklich bedeutend. Aber es wäre eine gute Tat, neun Zehnteln aller Professoren der englischen Sprache – diesen kleinen Papageien mit ihren mikroskopischen Gehirnen – den Schädel einzuschlagen!«

Das war zwar hart gegen die Professoren, in Ruths Ohren aber war es die reine Blasphemie. Sie verglich unwillkürlich die Professoren – nette, gutgekleidete Wissenschaftler, die mit wohlmodulierten, von Kultur und Bildung zeugenden Stimmen sprachen – mit diesem unbeschreiblichen jungen Burschen, den sie aus irgendeinem Grunde liebte, dessen Kleider nie sitzen wollten, dessen schwere Muskeln von harter Arbeit zeugten, der so erregt wurde, wenn er sprach, schimpfte, statt ruhig über die Dinge zu sprechen, und ganz außer Rand und Band geriet, statt kühle Selbstbeherrschung zu zeigen. Die Professoren verdienten doch wenigstens gut und waren – ja, sie mußte den Dingen ins Gesicht sehen – Gentlemen, während er nicht einen Groschen verdiente und nicht so wie sie war.

Sie erwog weder Martins Worte, noch beurteilte sie seine Argumente nach ihnen. Kam sie zu dem Ergebnis, daß seine Argumente falsch waren, so geschah das – allerdings unbewußt – durch einen Vergleich von Äußerlichkeiten. Die Professoren hatten recht in ihren literarischen Urteilen, weil sie angesehene Männer waren. Martins Kritiken waren falsch, weil er seine Ware nicht verkaufen konnte. Um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, machten sie es gut, während er es nicht gut machte. Und außerdem sprach die Vernunft dagegen, daß er recht hatte. – Hatte er doch erst vor kurzem in eben diesem Wohnzimmer, während sie ängstlich nach allen Nippesgegenständen sah, die er mit seinen großen schwingenden Bewegungen herunterzureißen drohte, errötend und verlegen gefragt, wie lange es her sei, daß Swinburne tot sei, und damit geprahlt, daß er »Excelsior« und den »Psalm des Lebens« gelesen hätte.

Ganz unbewußt lieferte Ruth selbst den Beweis, daß sie das Bestehende anbetete. Martin folgte ihrem Gedankengang, zog aber nicht die Konsequenzen. Er liebte sie nicht wegen ihrer Anschauungen bezüglich Vanderwaters und der Professoren der englischen Sprache, und er überzeugte sich immer mehr, daß seine Denktätigkeit Kenntnisse umfaßte, die sie nie verstehen konnte, ja, deren Existenz sie nicht einmal ahnte.

In musikalischen Fragen hielt sie ihn für unvernünftig und in bezug auf die Oper nicht nur für unvernünftig, sondern einfach für verstockt.

»Wie gefiel es dir?« fragte sie ihn eines Abends, als sie aus der Oper heimgingen. Er hatte sie diesen Abend eingeladen, was für ihn gleichbedeutend mit einem Monat streng durchgeführter Sparsamkeit im Essen war. Nachdem sie einige Zeit vergebens gewartet hatte, daß er über die Oper sprechen sollte, war sie, noch zitternd von dem Eindruck alles dessen, was sie soeben gesehen und gehört hatte, mit ihrer Frage gekommen.

»Die Ouvertüre gefiel mir gut,« lautete seine Antwort, »die war großartig.«

»Ja, aber die Oper selbst?«

»Auch großartig – das heißt, das Orchester, obwohl ich mehr Genuß davon gehabt haben würde, wenn die beiden Hampelmänner auf der Bühne den Mund gehalten hätten oder verschwunden wären.«

Ruth war entsetzt.

»Du meinst doch nicht die Tetralani oder Barillo?« fragte sie.

»Alle – die ganze Bande!«

»Aber es sind doch große Künstler.«

»Deshalb haben sie doch die Musik mit ihrem Getue verdorben.«

»Aber gefiel dir Barillos Stimme denn nicht?« fragte Ruth. »Er soll gleich nach Caruso kommen.«

»Natürlich gefiel er mir, und die Tetralani gefiel mir noch besser. Ihre Stimme ist prachtvoll – das finde ich jedenfalls.«

»Aber, aber –« stammelte Ruth. »Dann verstehe ich wohl nicht recht, was du meinst. Du bewunderst ihre Stimme und behauptest doch, daß sie die Musik verderben.«

»Ja, das ist es eben. Ich möchte viel darum geben, sie in einem Konzert zu hören, aber ich würde noch mehr geben, um sie nicht hören zu müssen, wenn das Orchester spielt. Ich fürchte, ich bin ein hoffnungsloser Realist. Große Sänger sind keine großen Schauspieler, Barillo mit einer Stimme wie ein Engel singen und die Tetralani, auch mit einer Stimme wie ein Engel, antworten zu hören, und das mit einer Begleitung, die eine wahre Orgie von flammender, farbengesättigter Musik ist, das ist herrlich, das ist ganz herrlich.

Aber die ganze Wirkung wird verdorben, wenn ich die Tetralani mit ihren fünf Fuß, zehn Zoll in Strümpfen und ihren hundertneunzig Pfund Gewicht sehe und dazu Barillo, der mindestens sechs Zoll kleiner ist, einen fettigen, schmutzigen Teint und eine Brust wie ein vierschrötiger Grobschmied hat, und wenn sich die beiden dann aufstellen, sich die Brust schlagen und wie Tollhäusler mit den Armen in der Luft fechten! Und wenn ich mir dann eine Liebesszene zwischen einer schlanken schönen Prinzessin und einem schönen romantischen Prinzen denken soll – ja, da kann ich eben nicht mit, das ist alles! Es ist Unsinn! Es ist sinnlos! Es ist unwirklich! Das ist es. Es ist nicht wirklich. Du willst mir doch nicht erzählen, daß je ein Mensch auf diese Weise seine Liebe gestanden hätte. Weißt du, wenn ich es bei dir so gemacht hätte, dann würdest du mir eine heruntergehauen haben!«

»Aber das verstehst du nicht«, protestierte Ruth. »Jede Kunstform hat ihre Begrenzung. (Sie memorierte eifrig eine Vorlesung, die sie einmal über das Konventionelle in der Kunst gehört hatte.) Wenn man malt, hat man nur zwei Dimensionen auf der Leinwand und erkennt doch die Illusion mit den drei Dimensionen, die die Gewandtheit des Künstlers auf der Leinwand hervorbringt, an. Und ebenso muß auch ein Dichter allmächtig sein. Man findet es vollkommen richtig, wenn ein Autor die heimlichen Gedanken seiner Heldin berichtet, obwohl man weiß, daß die Heldin, als sie diese Gedanken dachte, allein war, und daß weder der Autor noch sonst jemand imstande war, sie zu hören. Und ebenso geht es mit der Bühne, mit der Bildhauerei, der Oper und allen andern Kunstarten. Es gibt gewisse Dinge, um die man nicht herumkommt.«

»Ja, das verstehe ich«, antwortete Martin. »Jede Kunst hat ihre Konvention. (Ruth war über seine Ausdrucksweise überrascht. Es war, als hätte er selbst an der Universität studiert und nicht sein Wissen aus Bibliotheksbüchern, die ihm zufällig in die Hände geraten waren, geschöpft.) Aber selbst diese Konvention muß irgendwie wirklich sein. Bäume, die auf flache Pappe gemalt und an jeder Seite der Bühne aufgehängt sind, nehmen wir für einen Wald hin. Das ist rein konventionell, aber insofern auch wirklich. Dagegen würden wir doch ein Seebild nicht als Wald anerkennen. Wir können es nicht. Es beleidigt unsern gesunden Menschenverstand. Und ebensowenig würde man – oder vielmehr sollte man – die beiden Tollhäusler, die wir heute abend sahen, mit ihren qualvollen, krampfhaften Verzerrungen nicht als überzeugende Darstellung einer Liebesszene anerkennen.«

»Aber du willst dich doch nicht über alle Musikkenner hinwegsetzen?« protestierte sie.

»Nein, nein, nicht einen Augenblick. Ich behaupte nur mein Recht als Individuum. Ich habe dir ja nur erzählt, was ich denke, um dir zu erklären, wieso das elefantenhafte Getue der Tetralani mir die Freude am Orchester verdirbt. Die großen Musikkenner mögen recht haben, soviel sie wollen. Aber ich habe auch recht, und ich will meinen Geschmack nicht von dem einstimmigen Urteil der ganzen Menschheit abhängig machen. Wenn mir etwas nicht gefällt, dann gefällt es mir eben nicht. Das ist alles, was ich sagen kann, und ich habe nicht den geringsten Grund, zu tun, als gefiele es mir, nur weil es meinen Mitmenschen gefällt, oder weil sie sich einbilden, daß es ihnen gefällt. In Geschmackssachen kann ich der Mode nicht folgen.«

»Aber Musik ist Übungssache, weißt du«, fuhr Ruth fort. »Und Opern noch mehr. Könnte es nicht daher kommen, daß –«

»Daß ich keine Übung darin habe, Opern zu hören?« fiel er ihr ins Wort.

Ruth nickte.

»Ja eben,« sagte er, »und ich freue mich darüber, daß ich nicht in meiner Jugend eingefangen worden bin. Wäre ich es, so würde ich heute abend vielleicht sentimentale Tränen vergossen haben, und das clownartige Gebaren des teuren Paares hätte die Wirkung ihrer schönen Stimmen und der prachtvollen Orchesterbegleitung auf mich noch erhöht. Du hast recht. Es hängt zum großen Teil mit Übung zusammen. Und jetzt bin ich zu alt. Ich muß etwas Wirkliches haben oder gar nichts. Eine Illusion, die einen nicht überzeugt, ist offenbar Lüge, und das wird eben die große Oper für mich, wenn der kleine Barillo in einem Wahnsinnsanfall die riesige Tetralani (die auch verrückt ist) in seine Arme schließt und ihr erzählt, wie leidenschaftlich er sie anbetet.«

Wieder maß Ruth seine Gedanken durch einen Vergleich von Äußerlichkeiten und in Übereinstimmung mit ihrem Glauben an das Bestehende. Wer war er, daß er recht und die ganze gebildete Welt unrecht haben sollte? Seine Worte und Gedanken machten keinen Eindruck auf sie. Sie war zu fest hinter dem Bestehenden verschanzt, um Sympathie für revolutionäre Ideen zu hegen. Sie war stets Musik gewohnt gewesen und hatte sich seit ihrer Kindheit an der Oper erfreut, und die ganze Welt hatte sich ebenso daran erfreut. Mit welchem Recht kam daher Martin Eden, der sich erst kürzlich von der Leierkastenmusik und den unkünstlerischen Liedern der arbeitenden Klasse frei gemacht hatte, und wollte über die Musik der großen Welt richten? Sie ärgerte sich über ihn und hatte, als sie jetzt neben ihm herschritt, ein unklares Gefühl von Gekränktsein. Bestenfalls sah sie diese Entwicklung seiner Gesichtspunkte als eine Laune, eine exzentrische und unmotivierte Lächerlichkeit an. Als sie aber ihre Haustür erreichten und er sie in seine Arme schloß und ihr einen zärtlichen, verliebten Gutenachtkuß gab, da vergaß sie alles in der Liebe, die ihr aus seinem ganzen Wesen entgegenströmte.

Und dann später, als sie in ihrem Bette lag und nicht einschlafen konnte, grübelte sie, wie schon so oft in der letzten Zeit, woher es doch kam, daß sie einen Mann liebte, der so ganz anders als die andern war, und daß sie ihn trotz der Mißbilligung ihrer Familie liebte.

Und am nächsten Tage warf Martin Eden alle Gelegenheitsarbeit beiseite und schrieb in weißglühender Begeisterung eine Abhandlung, die er »Die Philosophie der Illusion« nannte. Eine Briefmarke schickte sie auf die Reise, aber sie war dazu bestimmt, in den folgenden Monaten mit vielen Briefmarken versehen zu werden und weit umherzureisen.

 

Ende des ersten Bandes

 

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