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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 21
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Der Wunsch, zu schreiben, regte sich wieder in Martin. Erzählungen und Gedichte entsprangen mühelos seinem Hirn, und er merkte sie sich, um ihnen später einmal Ausdruck verleihen zu können. Aber er schrieb nicht. Dies waren seine Ferien; er hatte beschlossen, sie der Ruhe und der Liebe zu widmen, und in beiden hatte er Glück. Bald schäumte er wieder über vor Lebenskraft, und jedesmal, wenn er und Ruth sich trafen, fühlte sie im selben Augenblick die alte Wirkung seiner Kraft und Gesundheit.

»Sei vorsichtig«, warnte ihre Mutter sie wieder. »Ich fürchte, du siehst Martin Eden zu oft.«

Aber Ruth lachte aus dem Gefühl ihrer Sicherheit heraus. Sie war ihrer selbst sicher, und in wenigen Tagen sollte er ja zur See gehen. Und wenn er dann heimkehrte, war sie bei der Tante im Osten. Aber dennoch lag ein Zauber in der Kraft und Gesundheit Martins. Auch er hatte von der beabsichtigten Reise Ruths gehört und fühlte, daß er eilen mußte. Aber er wußte nicht, wie er einem Mädchen wie Ruth den Hof machen sollte. Dazu hemmte ihn seine reiche Erfahrung mit den von ihr so völlig verschiedenen Mädchen und Frauen. Die hatten Liebe, Leben und Flirt gekannt, während sie nichts von diesen Dingen wußte. Ihre unglaubliche Unschuld erschreckte ihn, ließ alle Liebeserklärungen auf seinen Lippen gefrieren und verlieh ihm wider Willen ein ständiges Gefühl seiner eigenen Unwürdigkeit. Auch noch auf andere Weise fühlte er sich gehemmt. Er war noch nie verliebt gewesen. Wohl hatten ihn in seiner stürmischen Vergangenheit Frauen angezogen, und manche hatte ihn in ihrem Bann gehabt, aber Liebe hatte er nicht gekannt. Übermütig und gleichgültig hatte er sie gerufen, und sie waren gekommen. Sie waren ihm eine Zerstreuung gewesen, eine Episode, ein Teil des Spiels, das Männer spielen, aber bestenfalls doch nur ein geringer Teil. Und jetzt, zum ersten Male, flehte er demütig, furchtsam und zweifelnd. Er kannte nicht die Wege der Liebe, nicht ihre Sprache, und er fürchtete für die reine Unschuld seiner Geliebten.

Er hatte sich in der Welt umgesehen, und bei seiner Eilfahrt durch ihre bunten, immer wechselnden Phasen hatte er eine Lebensregel gelernt, die besagte, daß man erst ein Spiel fertig spielen sollte, ehe man ein neues begann. Das war ihm tausendmal zugute gekommen und hatte auch seine Beobachtungsgabe entwickelt. Er wußte, wie man das Unbekannte beobachten und auf eine Blöße des Gegners warten mußte, um im rechten Augenblick auszuspielen. Und wenn der rechte Augenblick kam, dann wußte er aus langjähriger Erfahrung, wie und mit welcher Kraft er zu spielen hatte.

Und so wartete er denn auch jetzt und beobachtete Ruth, sehnte sich danach, von seiner Liebe zu sprechen, wagte es aber nicht. Er fürchtete, sie abzuschrecken, und war seiner selbst nicht sicher. Aber ohne daß er es wußte, war die Taktik, die er ihr gegenüber befolgte, die einzig richtige. Liebe kam vor artikulierter Sprache in die Welt, und in ihrer eigenen frühen Jugend hatte sie, die Liebe, Wege und Mittel gelernt, die sie nie vergessen hatte. Auf diese alte primitive Weise warb Martin um Ruth. Anfangs wußte er selbst nicht, daß er es tat, später erriet er es. Berührte seine Hand die ihrige, so wirkte das stärker als alle Worte, und die Wirkung seiner Kraft auf ihre Phantasie war weit verlockender als die gedruckten Gedichte und die in Worte gekleidete Leidenschaft von tausend Generationen. Alles, was seine Zunge hätte sprechen können, würde, wenigstens teilweise, ihren Verstand angerufen haben, die flüchtige Berührung seiner Hand jedoch sprach direkt zu ihrem Instinkt. Ihr Verstand war ebenso jung wie sie selbst, ihre Instinkte aber waren so alt wie die Rasse und noch älter. Sie waren jung gewesen, als die Liebe jung war, und sie waren klüger als Konfessionen und Meinungen und all die andern neugeborenen Dinge. Und daher handelte ihr Verstand nicht. Er wurde nicht gebraucht, und sie ahnte selbst nicht, wie stark Martin von Augenblick zu Augenblick den Liebesinstinkt in ihr anrief. Andererseits war ihr so klar wie der Tag, daß er sie liebte, und sie freute sich bewußt über die verschiedenen Ausdrücke, die seine Liebe fand – die flammenden Augen, die geradezu vor Liebe leuchteten, die zitternden Hände und die immer wiederkehrende dunkle Röte, die sich unter der sonnenverbrannten Haut über sein Gesicht ergoß. Sie ging daher noch weiter und spornte ihn auf ihre eigene furchtsame Art an, aber sie tat es so fein, daß er es nie, und so wenig bewußt, daß sie selbst es kaum ahnte. Ein Schauer durchrieselte sie bei diesen Beweisen ihrer weiblichen Macht.

Mangel an Erfahrung und allzu große Leidenschaft banden Martin die Zunge, und er setzte sein ungeschicktes Werben fort und kam ihr unbewußt durch das bloße Beisammensein immer näher. Die Berührung seiner Hand war ihr angenehm, ja, mehr als das: ein Entzücken. Das wußte Martin nicht, aber er wußte, daß es ihr nicht unangenehm war. Nicht, daß ihre Hände sich so oft berührt hätten, außer bei der Begegnung und beim Scheiden, aber er half ihr aufs Rad, schnallte die Bücher fest, die sie mit in die Berge nahmen, oder sie saßen zusammen und lasen, und immer gab es eine Gelegenheit, daß eine Hand die andere berührte. Und es kam auch vor, daß ihr Haar seine Wange streifte, daß Schulter Schulter berührte, wenn sie sich zusammen über die Schönheit der Bücher freuten. Sie lächelte über sich selbst, weil es sie hin und wieder reizen konnte, ihm das Haar aufzuwühlen, während er einen starken Drang spürte, wenn sie müde waren zu lesen, seinen Kopf in ihren Schoß zu legen und mit offenen Augen von der Zukunft zu träumen. Früher hatte er oft bei Ausflügen nach dem Shellmound-Park und dem Schuetson-Park seinen Kopf in den Schoß junger Mädchen gelegt, und gewöhnlich hatte er ruhig und selbstsüchtig geschlafen, während die Mädchen ihm das Gesicht gegen die Sonne beschirmt, auf ihn hinabgesehen, ihn geliebt und sich gewundert hatten, daß er ihrer Liebe mit so überlegener Gleichgültigkeit begegnete. Den Kopf in den Schoß eines jungen Mädchens zu legen, war für ihn stets das leichteste Ding von der Welt gewesen, jetzt aber entdeckte er, daß Ruths Schoß etwas Unerreichbares war. Und doch lag gerade in seiner Zurückhaltung seine Stärke, denn durch seine Zurückhaltung kam es, daß er Ruth nie einschüchterte. Ruth, die selbst zurückhaltend und furchtsam war, erwachte nie zu dem Bewußtsein, welch gefährliche Richtung ihre Bekanntschaft einzuschlagen drohte. Unmerkbar und ihr unbewußt kam sie ihm immer näher, während er, der dies merkte, gern das Wagnis unternommen hätte, aber Angst hatte.

Einmal faßte er Mut, und das war eines Nachmittags, als er sie bei zugezogenen Gardinen mit schrecklichen Kopfschmerzen traf.

»Nichts kann mir helfen«, hatte sie auf seine teilnehmende Frage geantwortet. »Und Pulver nehme ich nicht. Dr. Hall erlaubt es mir nicht.«

»Ich glaube, ich kann Sie ohne Medizin kurieren«, lautete Martins Antwort. »Ich weiß es natürlich nicht sicher, aber ich möchte es versuchen. Es ist einfach nur Massage. Ich habe es zuerst von den Japanern gelernt. Das sind fabelhafte Masseure, wissen Sie. Dann habe ich auf Hawaii noch einige Variationen gelernt. Dort nennen sie es Lomi-Lomi. Das tut in den meisten Fällen dasselbe wie Medizin und in einigen noch ein bißchen mehr.«

Kaum hatten seine Hände ihren Kopf berührt, als sie tief aufseufzte.

»Das tut gut«, sagte sie. Dann sprach sie erst wieder eine halbe Stunde später, als sie fragte: »Sind Sie nicht müde?«

Die Frage war hingeworfen, und sie kannte die Antwort im voraus. Dann verlor sie sich in schläfrigen Betrachtungen über die Beruhigung, die in seiner Stärke lag. Es war, als ob das Leben selbst aus seinen Fingerspitzen strömte und den Schmerz vertrieb; so schien es ihr jedenfalls, bis sie, als der Schmerz nachließ, einschlief und er sich fortschlich.

Am Abend rief sie ihn an, um ihm zu danken.

»Ich habe bis zum Essen geschlafen«, sagte sie. »Sie haben mich vollkommen geheilt, Herr Eden, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.«

Er war warm, verlegen und sehr glücklich, als er ihr antwortete, und während des ganzen Telephongesprächs tanzte ihm die Erinnerung an Browning und die kränkliche Elizabeth Barrett durch den Kopf. Was einmal getan war, konnte wieder getan werden, und er, Martin Eden, konnte und wollte es für Ruth Morse tun. Er kehrte in seine Stube und zu Spencers »Soziologie« zurück, die aufgeschlagen auf dem Tische lag. Aber er konnte nicht lesen. Die Liebe quälte ihn und beherrschte seinen Willen, und trotz seinem Entschlusse saß er gleich darauf an dem kleinen Tisch mit den Tintenflecken. Das Sonett, das er an diesem Abend schrieb, war das erste von einem Liebeszyklus von fünfzig Sonetten, die er im Laufe von zwei Monaten schrieb. Er dachte beim Schreiben an Elizabeth Brownings »Liebessonette aus dem Portugiesischen«, und er schrieb die seinigen unter den günstigsten Umständen, nämlich zu einer Zeit, da er sich auf der höchsten Zinne des Lebens befand und seine eigene süße Liebestollheit ihn ganz umgarnt hatte.

Die vielen Stunden, die er nicht mit Ruth zusammen war, weihte er seinem »Liebeszyklus«, oder er saß daheim in seinem Stübchen oder in den Lesesälen der Bibliothek, las und erweiterte seine Kenntnisse mit Bezug auf die Zeitschriften und die Taktik, die sie mit ihrem Inhalt verfolgten. Die Stunden mit Ruth brachten ihn fast von Sinnen durch ihre Verheißungen und ihren Mangel an tatsächlichen Erlebnissen. Eine Woche, nachdem er sie von ihren Kopfschmerzen geheilt hatte, schlug Norman eine Mondscheinfahrt auf dem Merritt-See vor, und Arthur und Olney erklärten ihr Einverständnis. Martin war der einzige, der mit einem Segelboot umzugehen verstand, und so wurde er denn ohne weiteres mit Beschlag belegt. Ruth saß dicht neben ihm im Stern des Bootes, während die drei jungen Leute mittschiffs saßen und sich über geschäftliche Fragen stritten.

Der Mond war noch nicht aufgegangen, und Ruth, die schweigend in die sternenbesäte Himmelswölbung starrte, spürte, wie ein plötzliches Einsamkeitsgefühl sie überkam. Sie blickte Martin an. Ein Windstoß legte das Boot auf die Seite, daß das Deck unter Wasser kam, und er, der mit der einen Hand das Ruder und mit der andern die Großschoot hielt, luvte ganz leicht, während er gleichzeitig geradeaus blickte, um die nicht ferne Nordküste zu erkennen. Er wußte nicht, daß sie ihn ansah, und sie beobachtete ihn genau, während sie über die merkwürdige Charakterschwäche nachdachte, die ihn, einen jungen Mann mit so unverkennbarer Begabung, seine Zeit damit vergeuden ließ, Geschichten und Gedichte zu schreiben, die im voraus zu Mittelmäßigkeit und Mißerfolg verurteilt waren.

Ihre Augen wanderten über den starken Hals, den sie undeutlich im Schein der Sterne sah, und den kühnen, stolzen Kopf, und wieder überkam sie der Drang, die Hände um seinen Hals zu legen. Die Stärke, die sie verabscheute, zog sie gleichzeitig an. Ihr Einsamkeitsgefühl wuchs, und sie fühlte eine große Müdigkeit. Das Sitzen in dem auf der Seite liegenden Boot verursachte ihr fast Krämpfe, und sie dachte an die Kopfschmerzen, die er geheilt hatte, und den beruhigenden Einfluß, den er stets auf sie ausübte. Er saß neben ihr, und es war, als ob das Boot sie ihm entgegenschaukelte. Dann erwachte in ihr ein unwiderstehlicher Drang, sich an ihn zu lehnen, Ruhe in seiner Kraft zu suchen – eine unbestimmte, unklare Eingebung, die sie in dem Augenblick, als sie darüber nachzudenken begann, so übermannte, daß sie sich an ihn lehnte. Oder war es nur die Bewegung des Bootes? Sie wußte es nicht – erfuhr es nie. Sie wußte nur, daß sie sich an ihn lehnte, und daß das Gefühl von Ruhe und Linderung, das sie überkam, unsagbar schön war. Vielleicht war es die Schuld des Bootes, aber sie versuchte nicht, dagegen anzukämpfen. Sie lehnte sich an seine Schulter und tat es immer noch, selbst als er sich anders hinsetzte, um es ihr bequemer zu machen.

Es war Wahnsinn, aber sie wollte nicht daran denken, daß es Wahnsinn war. Sie war nicht mehr sie selber, sondern ein Weib, mit dem Drang des Weibes, sich anzuklammern; und obwohl sie sich nur ganz leicht an ihn lehnte, war ihr doch, als würde der Drang befriedigt. Sie war nicht mehr müde. Martin sprach nicht. Hätte er es getan, so wäre der Zauber gebrochen gewesen. Aber das Schweigen, das die Liebe lehrte, verlängerte ihn nur. Er war verwirrt und schwindlig. Er konnte nicht fassen, was geschehen war. Es war zu wunderbar, um etwas anderes zu sein als ein Fiebertraum. Er bezwang sein wahnsinniges Verlangen, Schoot und Ruder loszulassen und sie in seine Arme zu schließen. Er fühlte instinktiv, das wäre falsch gewesen, und freute sich, daß Schoot und Ruder seine Hände brauchten und die Verlockung verjagten.

Aber er luvte weniger vorsichtig und ließ sich vom Winde abtreiben, um die Fahrt nach der Nordküste zu verlängern. Wenn sie die Küste erreichten, mußte er halsen, und dann war die Berührung zu Ende. Er segelte mit großer Gewandtheit, verringerte die Schnelligkeit, ohne daß die drei jungen Männer es bemerkten, und war im stillen dankbar für seine mühseligen Reisen, weil sie ihm diese wunderbare Nacht ermöglichten, indem sie ihm die Macht über Wasser, Boot und Wind geschenkt hatten, so daß er hier mit ihr, ihr teures Gewicht dicht an seiner Schulter, segeln konnte.

Als die ersten Strahlen des aufgehenden Mondes das Segel trafen, so daß das Boot in Perlmutterschimmer leuchtete, rückte Ruth von ihm fort. Und im selben Augenblick fühlte er, daß er selbst auch zur Seite rückte. Sie hatten beide den Wunsch, nicht entdeckt zu werden. Die ganze Episode war eine schweigende Anerkennung eines vertrauten, geheimnisvollen Verhältnisses. Sie saß mit heißen Wangen ein Stück von ihm fort, während ihr die volle Bedeutung dessen, was sie getan, aufging. Sie hatte etwas begangen, das sie weder ihre Brüder noch Olney sehen lassen wollte. Warum hatte sie es denn getan? Nie im Leben hatte sie etwas Ähnliches getan, und doch hatte sie manche Mondscheinfahrt mit andern jungen Leuten unternommen. Nie hatte sie ein solches Verlangen gespürt. Sie fühlte sich von Scham über ihre eigene keimende weibliche Sehnsucht überwältigt. Sie warf einen verstohlenen Blick auf Martin, der jetzt ganz vom Halsen in Anspruch genommen war; und sie haßte ihn fast, weil er sie etwas so Unweibliches und Beschämendes hatte tun lassen. Und von allen Männern gerade er! Vielleicht hatte ihre Mutter recht, und sie sah ihn zu oft. Das sollte nicht mehr geschehen, sagte sie bei sich, lieber wollte sie ihn in Zukunft etwas meiden. Ein wilder Gedanke tauchte in ihrem Kopfe auf: Wenn sie das nächste Mal allein waren, wollte sie ihm eine Erklärung geben, ihn belügen und ganz nebenbei von der Ohnmacht sprechen, die sie eben, bevor der Mond aufging, befallen hatte. Aber dann fiel ihr ein, daß sie ja beide, als der verräterische Mond aufging, beiseitegerückt waren, und sie wußte, daß er ihre Lüge durchschauen würde.

In den folgenden, schnell dahingleitenden Tagen war sie nicht mehr sie selbst, sondern ein fremdes, verwirrtes Geschöpf, das sich über Vernunft und Selbstanalyse hinwegsetzte, weder in die Zukunft sehen noch an sich selbst oder daran denken wollte, wohin sie trieb. Das zitternde Mysterium beschäftigte sie fieberhaft, lockte sie und stieß sie wieder ab, und sie befand sich in einer andauernden Verwirrung. Nur ein Gedanke kam immer wieder, und sie fühlte, daß von ihm ihre Sicherheit abhing. Sie wollte Martin nicht erlauben, seine Liebe zu gestehen; solange sie daran festhielt, war alles gut. In ein paar Tagen war er auf dem Meere, und selbst wenn er wirklich etwas sagte, war auch noch alles gut Es konnte nicht anders sein, denn sie liebte ihn ja nicht. Natürlich würde es eine peinliche halbe Stunde für ihn und eine recht unangenehme für sie werden, denn es war ihr erster Antrag. Ein angenehmer Schauder durchrieselte sie bei diesem Gedanken. Sie war wirklich ein Weib, und er war ein Mann, der bereit war, sie zu bitten, seine Gattin zu werden. Dieser Gedanke wandte sich an alles das, was grundlegend in ihrem Geschlecht war. Jede Fiber in ihr, alles, was ihr innerstes Wesen ausmachte, zitterte und bebte. Immer wieder tauchte der Gedanke in ihrem Kopfe auf, wie eine vom Licht angezogene Motte. Sie ging so weit, daß sie sich in Gedanken Martins Antrag ausmalte und ihm sogar die Worte in den Mund legte, und sie hörte sich selbst ihr Nein sagen, es mit freundlichen Worten mildern und ihn auffordern, ein wahrhaftes, edles Leben zu führen. Und namentlich mußte er aufhören, Zigaretten zu rauchen. Das würde sie besonders betonen. Aber nein, sie durfte ihm gar keine Gelegenheit zum Sprechen geben. Sie mußte ihm ins Wort fallen, wie sie es ihrer Mutter gesagt hatte. Mit heißen Wangen und am ganzen Körper brennend, wies sie die Situation, die sie selbst heraufbeschworen hatte, von sich. Ihr erster Antrag mußte für einen günstigeren Zeitpunkt und für einen passenderen Bewerber aufgeschoben werden.

* * *

 

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