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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 19
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Am Montagmorgen stand Joe stöhnend vor dem ersten Stapel, der in die Waschmaschine sollte.

»Weißt du –«, begann er.

»Halt den Mund!« knurrte Martin.

»Sei nicht böse, Joe«, sagte er, als sie aufhörten, um Mittag zu essen. Dem anderen traten Tränen in die Augen.

»Schon gut, Alter,« sagte er, »wir sind in der Hölle, und dafür können wir nichts. Und, weißt du, ich hab dich schrecklich gern. Darum hat's mir weh getan. Vom ersten Augenblick an hast du mir gefallen.«

Martin schüttelte ihm die Hand.

»Laß uns durchbrennen«, schlug Joe vor. »Wir lassen alles stehen und liegen und werden Vagabunden. Ich hab' es noch nie versucht, aber es muß ein herrlich leichtes Leben sein. Und nichts zu tun! Der Gedanke allein – nichts zu tun! Ich war mal krank – Typhus – und lag im Krankenhaus, das war herrlich. Ich möchte wieder krank sein.«

Die Woche schleppte sich dahin.

Das Hotel war voll, und sie wurden mit extra »Feinwäsche« überschwemmt. Die Arbeit, die sie verrichteten, war erstaunlich. Jeden Abend rackerten sie sich unter den elektrischen Lampen ab, verschlangen ihr Essen und arbeiteten sogar schon eine halbe Stunde vor dem Frühstück. Martin badete nicht mehr kalt. Jeder Augenblick war Mühe, Mühe, Mühe. Und Joe wachte genau über die Minuten, vergeudete nicht eine und zählte sie immer wieder wie ein Geizhals sein Gold, arbeitete weiter, halb wahnsinnig, eine fieberhafte Maschine, mit Unterstützung der anderen Maschine, die die schwache Vorstellung hatte, einmal ein gewisser Martin Eden, ein Mensch, gewesen zu sein. Aber es waren seltene Augenblicke, wo Martin überhaupt fähig war, zu denken. Das heißt, das Haus der Gedanken war verschlossen, seine Fenster vermauert, und er selbst war der schattenhafte Hauswart. Er war ein Schatten. Joe hatte ganz recht. Sie waren beide Schatten, und sie standen im Vorhof der Hölle. Oder war es ein Traum? Wenn er zuweilen in der kochenden, dampfenden Hitze stand und die schweren Eisen über das weiße Leinen hin und her schwang, erschien ihm alles wie ein Traum. Um ein Weilchen oder vielleicht in tausend Jahren würde er in seinem Stübchen mit dem tintenbefleckten Tisch erwachen und weiterschreiben, wo er gestern aufgehört hatte. Oder vielleicht war auch das ein Traum, vielleicht würde er wieder erwachen, weil die Wache wechselte, würde aus seiner Koje in dem stampfenden Schiff springen, an Deck gehen, unter den Sternen des Tropenhimmels das Rad ergreifen und seinen Körper von dem kühlen Passatwind durchweht fühlen.

Es kam der Sonnabend mit seinem nutzlosen Sieg um drei Uhr.

»Ich glaube, ich geh' ein Glas Bier trinken«, sagte Joe mit der merkwürdig eintönigen Stimme, die seinen wöchentlichen Zusammenbruch bezeichnete.

Martin schien plötzlich zu erwachen. Er öffnete seine Reisetasche, ölte sein Rad, rieb die Kette mit Graphit ein und richtete die Lenkstange. Joe war halbwegs am Wirtshaus, als Martin, über die Lenkstange gebeugt, vorbeikam. Seine Beine trieben die Maschine mit rhythmischer Kraft, und sein Blick war auf den siebzig Meilen langen Weg mit seinem Staub und seinen Unebenheiten gerichtet. Er schlief diese Nacht in Oakland und legte am Sonntag wieder siebzig Meilen zurück. Am Montagmorgen machte er sich müde an die Arbeit der neuen Woche. Aber er hatte sich nüchtern gehalten.

Eine fünfte Woche verging und eine sechste. Und die ganze Zeit lebte und arbeitete er wie eine Maschine, spürte nur den Schimmer von etwas Höherem in sich, das ihn jeden Sonnabend die hundertvierzig Meilen zurücklegen ließ. Aber das war kein Ausruhen. Er wurde zur Übermaschine, und das erstickte den letzten Funken von Seele, der alles war, was er von seinem früheren Leben noch behalten hatte. Und am Ende der siebenten Woche ging er – ohne es selbst zu wissen, und nur weil er zu schwach war, Widerstand zu leisten – mit Joe ins Dorf, ertränkte das Leben und fand neues Leben bis zum Montagmorgen.

Dann kamen sechs Wochen, in denen er die hundertvierzig Meilen überwand und die Schlaffheit, die auf die Übermüdung folgte, durch die Schlaffheit ertränkte, die auf die noch größere Anstrengung folgte. Nach drei Monaten ging er wieder mit Joe ins Dorf. Er fand Vergessen und lebte wieder, und da sah er klar, daß er im Begriff war, ein Tier zu werden – nicht durchs Trinken, sondern durch die Arbeit. Das Trinken war eine Wirkung, keine Ursache. Es folgte unweigerlich auf die Arbeit, wie die Nacht auf den Tag. Wenn er Arbeitstier blieb, konnte er die Höhe nicht erreichen, das war die Botschaft, die der Whisky ihm zuflüsterte, und er nickte beifällig. Der Whisky war klug, er offenbarte ihm Geheimnisse.

Er bestellte Papier und Bleistift, sowie Getränke für alle Anwesenden, und während diese sein Wohl tranken, klammerte er sich an die Bar und kritzelte etwas nieder. »Ein Telegramm, Joe«, sagte er. »Lies.« Joe las mit einem trunkenen, blöden Grinsen. Aber was er las, schien ihn plötzlich zu ernüchtern. Er sah den andern vorwurfsvoll an, dann stiegen ihm die Tränen in die Augen und rannen über seine Wangen. »Du willst mich doch nicht im Stich lassen, Mart?« fragte er mutlos.

Martin nickte und gab einem der herumlungernden Burschen den Zettel, um ihn zum Telegraphenamt zu bringen.

»Halt!« murmelte Joe heiser. »Laß mich nachdenken.« Er hielt sich an der Bar fest, aber die Beine wollten ihn nicht tragen, und Martin stützte ihn, während er nachdachte.

»Schreib: zwei Wäschereileute«, sagte er plötzlich. »Her, laß mich.«

»Warum willst du gehen?« fragte Martin.

»Aus demselben Grunde wie du.«

»Aber ich will zur See. Das kannst du nicht.«

»Nein,« lautete die Antwort, »aber ich kann Vagabund werden, jawohl.«

Martin sah ihn einen Augenblick forschend an, dann rief er:

»Weiß Gott, ich glaube, da hast du recht! Lieber Vagabund als Arbeitstier. Mensch, du wirst ja leben. Und das ist mehr, als du je – –«

»Ich lag einmal in einem Krankenhaus«, berichtigte Joe. »Das war herrlich. Typhus – hab' ich's dir erzählt?«

Während Martin das Telegramm in »zwei Wäschereileute« umänderte, fuhr Joe fort:

»Ich sehnte mich nie danach, zu trinken, als ich im Krankenhaus lag. Komisch, was? Wenn ich aber wie ein Sklave die ganze Woche arbeite, dann muß ich mal über die Stränge schlagen. Hast du nie bemerkt, daß alle Köche saufen wie der Teufel selbst – und die Bäcker auch? Das macht die Arbeit. Sie können nichts dafür. Hier, laß mich die Hälfte von dem Telegramm bezahlen.«

»Wir wollen darum würfeln«, schlug Martin vor.

»Los, alle Mann, saufen!« rief Joe, als die Würfel auf den nassen Schenktisch rollten.

Am Montagmorgen war Joe ganz außer sich vor freudiger Erwartung, er kümmerte sich nicht um seine Kopfschmerzen und interessierte sich nicht für seine Arbeit. Herdenweise schlichen die Minuten fort und verschwanden, während ihr saumseliger Hirte zum Fenster hinaus auf Sonnenschein und Bäume sah.

»Sieh nur!« rief er. »Und das alles gehört mir. Das ist die Freiheit. Ich kann mich unter diese Bäume legen und tausend Jahre schlafen, wenn ich will. Weißt du, Mart: laß uns gleich durchbrennen. Was für einen Zweck hat es, auch nur einen einzigen Augenblick zu warten? Dort draußen liegt das Land, wo es nichts zu tun gibt. Ich habe ein Billett dafür genommen – und kein Retourbillett, so wahr ich lebe!« Als Joe einige Minuten später die schmutzige Wäsche auf den Wagen lud, um sie zur Waschmaschine zu fahren, erblickte er plötzlich das Hemd des Hotelverwalters. Er kannte das Zeichen, und mit einem herrlichen Gefühl von Freiheit warf er es plötzlich auf den Boden und trampelte darauf herum.

»Ich möchte nur, du stecktest drin, du schweinsköpfiger Holländer!« jauchzte er. »Du stecktest drin, und gerade hier. Da hast du's, und da hast du's noch mal, du Schweinehund! Halt mich fest! Halt mich einer fest!« Martin lachte und hielt ihn an zu arbeiten. Am Dienstagabend kamen die neuen Wäscher, und der Rest der Woche verging damit, sie einzuarbeiten. Joe erklärte ihnen das System, arbeitete aber selbst nicht mehr.

»Nicht soviel,« verkündete er, »nicht soviel. Sie können mich anschnauzen, wenn sie wollen, aber dann brenne ich durch. Für mich gibt es keine Arbeit mehr. Ich bedanke mich! Jetzt kommt die Zeit der Güterzüge und der schattigen Bäume! Los, Sklaven! So ist's recht. Arbeitet und schwitzt! Arbeitet und schwitzt! Und wenn ihr tot seid, werdet ihr genau so verfaulen wie ich, und habt ihr dann gelebt? Was? Erzählt mir – was soll das auf die Dauer?«

Am Sonnabend wurde ihnen ihr Lohn ausgezahlt, und dann kam der Augenblick, da ihre Wege sich trennten. »Es hat keinen Zweck, daß ich dich frage, ob du dir's überlegst und mit mir gehst?« fragte Joe mutlos.

Martin schüttelte den Kopf. Er stand an seinem Rad, bereit, sich aufzuschwingen. Sie schüttelten sich die Hände, und Joe hielt ihn einen Augenblick fest und sagte:

»Ich seh dich noch mal, Mart, ehe du und ich sterben. Das ist ganz sicher. Ich fühl's in meinen Knochen. Auf Wiedersehen, Mart, mach's gut. Ich hab' dich verdammt gern, verstehst du!«

Er stand verlassen mitten auf dem Wege und sah Martin nach, bis er hinter einer Biegung verschwand. »Ein Prachtkerl,« murmelte er, »ein Prachtkerl.«

Dann trottete er selbst den Weg entlang bis zum Wassertank, wo ein halbes Dutzend leere Wagen auf einem Seitengleis auf den nächsten Güterzug warteten.

* * *

 

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