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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 17
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Der Wecker rasselte und jagte Martin so plötzlich aus dem Bett, daß jeder andre Mensch mit einer weniger glänzenden Konstitution Kopfschmerzen davon bekommen hätte. Obwohl er fest schlief, erwachte er sofort und freute sich, daß die fünfstündige Ruhe jetzt vorbei war. Er haßte die Vergessenheit des Schlummers. Es gab zuviel zu tun, zuviel zu erleben. Er ärgerte sich über jeden Augenblick des Lebens, den der Schlaf ihm raubte, und ehe noch der Wecker ausgerasselt, hatte er schon den Kopf, vor Kälte schaudernd, in die Waschschüssel gesteckt.

Aber er folgte nicht dem gewohnten Programm. Keine angefangene Erzählung wartete auf ihren Abschluß, keine neue Geschichte wollte Ausdruck finden. Er hatte bis spät in die Nacht hinein studiert, und es war fast Frühstückszeit. Er versuchte ein Kapitel Fiske zu lesen, aber sein Hirn war ruhelos, und er schlug das Buch zu. Heute sollte die zweite Schlacht beginnen, und da war vorläufig nicht die Rede vom Schreiben. Ein Gefühl von Traurigkeit überkam ihn, von der Traurigkeit, mit der man Heim und Familie verläßt. Er sah auf die Manuskripte in der Ecke. Das war es. Er sollte sie verlassen – diese, seine armen, entehrten Kinder, die nirgends willkommen waren. Er begann, in ihnen zu wühlen, und las hier und dort ein paar Sätze, die ihn besonders gut dünkten. »Der Topf« wurde damit ausgezeichnet, daß er ihn sich laut vorlas, und dasselbe geschah mit »Abenteuer«. Am meisten aber gefiel ihm »Freude«, sein letztes Werk, das er gestern beendet und aus Mangel an Briefmarken in die Ecke geworfen hatte.

»Ich verstehe es nicht«, murmelte er. »Oder vielleicht sind es die Redakteure, die es nicht verstehen. Es ist nichts dabei zu machen. Jeden Monat erscheinen schlechtere Sachen. Alles, was erscheint, ist schlechter – fast alles jedenfalls.«

Nach dem Frühstück stellte er die Schreibmaschine in den Kasten und trug sie selbst nach Oakland.

»Ich bin einen Monat Miete schuldig«, sagte er zu dem Angestellten im Geschäft. »Aber sagen Sie dem Geschäftsführer, daß ich auf der Arbeitsuche bin und in einem Monat oder so wiederkomme, um meine Schulden zu bezahlen.«

Er setzte mit der Fähre nach San Franzisko über und begab sich zu seinem Arbeitsnachweis. »Irgendwelche Arbeit, keine Ausbildung«, sagte er zu dem Leiter. In diesem Augenblick betrat ein anderer Mann die Stube. Er war etwas stutzerhaft gekleidet wie manche Arbeiter, die Sinn für das Feinere haben. Der Leiter schüttelte kleinmütig den Kopf.

»Nichts zu machen, was?« fragte der andere. »Na, ich muß sehen, heute jemand zu kriegen.«

Er drehte sich um und blickte Martin an, und Martin, der ihn wieder anblickte, bemerkte das rote, aufgedunsene Gesicht, ein hübsches und kraftloses Gesicht zugleich, und wußte, daß der Mann die ganze Nacht durchsumpft hatte.

»Suchst du Arbeit?« fragte der andere. »Was kannst du alles?«

»Schwere Arbeit, Matrose, Schreibmaschine – Stenographie nicht – Reiten; jede Arbeit, einerlei was«, lautete die Antwort.

Der andere nickte.

»Das klingt ja ganz gut. Ich heiße Dawson, Joe Dawson, und soll einen Mann für eine Wäscherei aufstöbern.«

»Nein, das ist nichts für mich.« Martin sah sich im Geist feine weiße Sachen plätten, wie Frauen sie trugen, und der Gedanke belustigte ihn. Aber das Gesicht des andern gefiel ihm, und er fügte hinzu: »Gröbere Wäsche kann ich natürlich machen. Soviel hab' ich auf der See gelernt.«

Joe Dawson dachte einen Augenblick nach.

»Wir wollen mal drüber reden. Willst du zuhören?«

Martin nickte.

»Es ist eine kleine Wäscherei, auf dem Lande – gehört zum Shelly Hot Springs Hotel – verstehst du. Zwei Mann besorgen die Arbeit – ein Vorarbeiter und ein Gehilfe. Ich bin der Vorarbeiter. Du arbeitest nicht für mich, aber unter mir. Hast du Lust?«

Martin bedachte sich einen Augenblick. Das klang verlockend. Einige Monate, und er hatte dabei Zeit, weiter zu studieren. Er konnte schwer arbeiten und viel studieren.

»Gute Kost und eigenes Zimmer.«

Das schlug dem Faß den Boden aus. Ein eigenes Zimmer, wo er ungehindert seine nächtlichen Studien betreiben konnte.

»Aber es ist verflucht schwere Arbeit«, fügte der andere hinzu.

Martin strich liebkosend über seine kräftigen Muskeln. »Die hab' ich von schwerer Arbeit.«

»Also laß uns weiter drüber reden.« Joe griff sich an den Kopf. »Lieber Gott, das war eine tolle Geschichte gestern. Ich kann kaum aus den Augen sehen. Ich habe alles bis auf den letzten Cent durchgebracht – also die Geschichte ist so: Der Lohn macht für beide zusammen hundert Dollar und freien Aufenthalt. Ich hab' sechzig gekriegt, der andere Mann vierzig. Aber er kannte die Arbeit. Für dich ist sie neu. Wenn ich dich anlernen soll, muß ich anfangs einen Teil deiner Arbeit mitmachen. Wollen wir sagen, du fängst mit dreißig an und arbeitest dich zu vierzig auf? Ich spiele ehrliches Spiel. Sobald du deinen Teil der Arbeit verrichten kannst, bekommst du die vierzig.«

»Das ist ein Wort«, sagte Martin und reichte ihm die Hand. »Wie steht's mit Vorschuß – für die Fahrkarte und so weiter?«

»Alles draufgegangen«, klagte Joe und griff sich an den schmerzenden Kopf. »Ich habe nur noch eine Rückfahrkarte.«

»Und ich habe nicht einen Cent, wenn ich mein Logis bezahlt habe.«

»Brenn' durch«, riet Joe.

»Geht nicht. Ich schulde es meiner Schwester.«

Joe ließ einen langgezogenen Pfiff hören und zerbrach sich den Kopf, aber zwecklos.

»Na, für ein Glas reicht es jedenfalls noch«, sagte er mit dem Mut der Verzweiflung. »Komm mit, vielleicht finden wir einen Ausweg.«

Martin lehnte ab.

»Wasserwagen?«

Diesmal nickte Martin, und Joe jammerte: »Ich möchte, ich wär's! Aber es geht nicht. Wenn ich die ganze Woche wie ein Teufel gearbeitet habe, dann muß ich mir einen ansaufen. Täte ich's nicht, dann würde ich mir den Hals abschneiden oder das Geschäft anstecken. Aber ich freue mich, daß du auf dem Wagen bist. Bleib nur dabei.«

Martin erkannte die ungeheure Kluft zwischen sich und diesem Manne – die Kluft, die die Bücher geschaffen hatten –, aber es fiel ihm nicht schwer, sie zu überbrücken. Er hatte sein ganzes Leben in der Arbeiterwelt verbracht, und die Kameradschaft unter den Arbeitern war ihm zur zweiten Natur geworden. Er löste die schwierige Frage der Reise, die für den schmerzenden Kopf des andern zuviel war. Er wollte seinen Koffer auf Joes Fahrkarte nach Shelly Hot Springs schicken. Er selbst hatte sein Fahrrad. Es waren siebzig Meilen, er konnte am Sonntag hinausfahren und war dann am Montagmorgen bereit, die Arbeit aufzunehmen. Jetzt wollte er heimgehen und packen. Er brauchte sich von keinem zu verabschieden. Ruth verbrachte den langen Sommer mit ihrer Familie in der Sierra am Tahoe-See.

Am Sonntagabend traf er, müde und staubig, in Shelly Hot Springs ein. Joe begrüßte ihn mit überströmender Liebenswürdigkeit. Ein nasses Handtuch um den Kopf, hatte er den ganzen Tag gearbeitet.

»Während ich in der Stadt war, um einen Mann zu finden, hatte sich ein Teil der Wäsche von der letzten Woche angehäuft«, erklärte er. »Deine Kiste ist gekommen. Sie steht in deinem Zimmer. Ein hübscher Koffer übrigens! Was hast du denn darin? Goldklumpen?«

Joe setzte sich aufs Bett, während Martin auspackte. Der Koffer war eine Packkiste, für die Bernard Higginbotham einen halben Dollar verlangt hatte. Martin hatte ihn mit zwei Handgriffen aus Seil versehen, so daß er als Koffer ging und im Gepäckwagen mitgenommen werden konnte. Joe glotzte mit großen Augen, wie Martin ein paar Hemden, etwas Unterzeug und dann Bücher und immer wieder Bücher auspackte.

»Lauter Bücher bis auf den Boden?« fragte er.

Martin nickte zustimmend und machte sich daran, die Bücher auf dem als Waschtisch dienenden Küchentisch zu ordnen.

»Du lieber Gott«, entfuhr es Joe; dann wartete er schweigend, daß die Erklärung in seinem Hirn dämmern möchte. Schließlich kam sie. »Sag' mal, du machst dir nichts aus Mädels – nicht wahr?« forschte er.

»Nein«, lautete die Antwort. »Ehe ich mich mit den Büchern abgab, war ich ziemlich hinter ihnen her. Aber jetzt habe ich keine Zeit mehr dazu.«

»Und hier gibt's auch keine Zeit. Hier gibt's nichts für dich als arbeiten und schlafen.«

Martin dachte an seine fünf Stunden Nachtschlaf und lächelte. Das Zimmer lag über der Wäscherei, in demselben Haus wie die Maschinen, die das Wasser hinaufpumpten, elektrischen Strom erzeugten und die Waschmaschinen trieben. Der Maschinist, der im Nebenzimmer wohnte, kam herein, um den neuen Mann zu begrüßen, und half Martin, eine Extraleitung über die Zimmerdecke zu legen, so daß er elektrisches Licht über dem Bett hatte.

Am nächsten Morgen um Viertel nach sechs wurde Martin geweckt, und um dreiviertel sieben gab es Frühstück. In dem Wäschereigebäude stand zufällig eine Badewanne für die Angestellten, und es machte einen starken Eindruck auf Joe, daß Martin ein kaltes Bad nahm.

»Du lieber Gott, du bist ja ein toller Kerl«, meinte Joe, als sie sich ans Frühstück machten, das in einer Ecke der Hotelküche angerichtet war.

Gemeinsam mit ihnen aßen der Maschinist, der Gärtner und sein Gehilfe sowie zwei oder drei Leute aus den Ställen des Hotels. Sie aßen schnell und mürrisch und sprachen sehr wenig miteinander, und während Martin ihnen zuhörte, wurde ihm klar, wieweit er sich über ihr Niveau erhoben hatte. Ihr Tiefstand bedrückte ihn, und er wäre am liebsten weit fort gewesen. So verschlang er denn sein schlecht zubereitetes Frühstück ebenso schnell wie die anderen und seufzte erleichtert auf, als er zur Küchentür hinaus war.

Es war eine ausgezeichnet eingerichtete kleine Dampfwäscherei, in der die modernsten Maschinen alles taten, was irgendwie durch Maschinen getan werden konnte. Nachdem er Martin Anweisungen erteilt hatte, begann Joe an der Waschmaschine zu arbeiten und bereitete einen neuen Seifenaufguß aus ätzenden Chemikalien, die ihn zwangen, Mund, Nase und Augen mit Handtüchern zu umwickeln, daß er einer Mumie glich. Als Martin das Zeug sortiert hatte, half er ihm beim Auswringen, was selbstverständlich auch mit Hilfe schnell arbeitender Maschinen geschah, und dann wandte er seine Aufmerksamkeit der Trockenmaschine zu. Am Nachmittag ließen sie Socken und Strümpfe durch die Rolle gehen, der eine schob nach, und der andere legte die Wäsche zusammen, und unterdessen wurden die Eisen warm. Dann wurde bis sechs Uhr Unterzeug geplättet, und da schüttelte Joe den Kopf und sagte:

»Wir sind zu weit zurück. Wir müssen heute abend Überschicht machen.«

Und nach dem Abendessen arbeiteten sie bei dem starken elektrischen Licht, bis es zehn war und das letzte Stück Unterzeug geplättet und im Ausgaberaum zusammengelegt war. Es war eine heiße kalifornische Nacht, und obwohl die Fenster offen standen, war die Stube mit ihren glühenden Plätteisen ein Schmelzofen. Martin und Joe, nur im Hemd und bloßarmig, schwitzten und schnappten nach Luft.

»Das ist wie Trimmen in den Tropen«, sagte Martin, als sie nach oben gingen.

»Du schaffst es«, antwortete Joe. »Du packst tüchtig zu. Wenn du weiter so machst, bleibst du nur den einen Monat bei den dreißig Dollar. Im zweiten Monat kriegst du deine vierzig. Aber erzähle mir nicht, daß du noch nie geplättet hast. Das weiß ich besser.«

»Ich habe noch nie im Leben einen Fetzen geplättet, wahrhaftig«, protestierte Martin.

Als er in sein Zimmer trat, war er selbst über seine Müdigkeit erstaunt, denn er hatte vergessen, daß er vierzehn Stunden lang auf den Beinen war und ununterbrochen gearbeitet hatte. Er stellte den Wecker auf sechs Uhr und rechnete aus, daß es bis ein Uhr noch fünf Stunden waren. Solange konnte er lesen. Seiner geschwollenen Füße wegen zog er die Schuhe aus und setzte sich an den Tisch zu seinen Büchern. Er schlug die Stelle im Fiske auf, bis zu der er vor zwei Tagen gelangt war, und begann zu lesen. Aber er hatte Mühe mit dem ersten Absatz und begann ihn ein zweites Mal zu lesen. Dann erwachte er durch das Schmerzen seiner erstarrten Muskeln und den eisigen Wind, der von den Bergen zum Fenster herein wehte. Er sah auf die Uhr. Es war zwei – er hatte also vier Stunden geschlafen. Er entkleidete sich schnell, warf sich aufs Bett und war im selben Augenblick, als sein Kopf das Kissen berührte, eingeschlafen.

Am Dienstag gab es dieselbe unablässige Arbeit. Martin mußte die Schnelligkeit bewundern, mit der Joe schaffte. Joe war von der Arbeit besessen. Er arbeitete unter beständigem Hochdruck, und den langen lieben Tag hörte er nicht einen Augenblick auf. Jede Sekunde war ihm wertvoll. Er konzentrierte sich und seine ganze Aufmerksamkeit auf Arbeit und Zeitersparnis und machte Martin darauf aufmerksam, daß der immer fünf Bewegungen brauchte, wo er selbst mit dreien auskam, oder drei, wo er nur eine brauchte. »Bewegung sparen« nannte Martin es, während er dem andern zusah und es ihm nachmachte. Er war selbst ein guter Arbeiter, schnell und gewandt, und er hatte immer seinen Stolz darein gesetzt, daß niemand ihm half oder schneller arbeitete als er selbst. Das Ergebnis war, daß er sich mit demselben Eifer wie Joe in die Arbeit stürzte und gierig jeden Wink und jede Andeutung aufnahm, die sein Kamerad ihm machte. Er wusch Kragen und Manschetten, verrieb die Stärke zwischen den beiden Leinwandlagen, damit nicht etwa Blasen entständen, wenn das Plätteisen über die Stellen fuhr, und tat es mit einer Schnelligkeit, die Joes Bewunderung erregte.

Nicht einen Augenblick stockte die Arbeit. Joe wartete auf nichts, ließ sich von nichts aufhalten und stürzte sich von einer Arbeit in die andere. Sie stärkten zweihundert weiße Hemden, ergriffen jedes mit einer einzigen raffenden Bewegung, so daß Manschetten, Halsstreifen und Brust zur rechten Hand, die sie herumschwang, herausstaken; im selben Augenblick hob die Linke den übrigen Teil des Hemdes empor, damit er nicht in die Stärke kam. Diese war so warm, daß sie die Hände, wenn sie das Zeug auswrangen, immer wieder in einen Eimer mit kaltem Wasser stecken mußten. Und am Abend stärkten sie bis halb elf »Feinwäsche« – all die leichten und luftigen feinen Dinge, wie Damen sie tragen.

»Da bin ich mehr für die Tropen und keine Kleider«, lachte Martin.

»Daß ich arbeitslos würde«, antwortete Joe ernsthaft. »Ich kann nichts als waschen.«

»Aber das auch gründlich.«

»Das wollte ich meinen. Mit elf Jahren fing ich in der Contra-Costa-Wäscherei in Oakland an. Das ist achtzehn Jahre her, und seitdem habe ich nie etwas anderes getan. Aber das hier ist die schlimmste Schinderei, die ich je erlebt habe. Wir müssen mindestens noch einen Mann dazu haben. Morgen abend wird auch gearbeitet. Am Mittwochabend mangele ich stets – Kragen und Manschetten.«

Martin stellte seinen Wecker, setzte sich an den Tisch und schlug den Fiske auf. Er wurde nicht einmal mit dem ersten Abschnitt fertig. Die Buchstaben verwischten sich, die Zeilen liefen vor seinen Augen zusammen, und er begann einzunicken. Er ging auf und ab, schlug sich wütend mit den Fäusten den Kopf, konnte aber seine Schläfrigkeit nicht überwinden. Er stellte das Buch vor sich hin und sperrte die Augen mit den Fingern auf, schlief aber mit weit offenen Augen ein. Dann gab er es auf und warf sich, ohne sich dessen recht bewußt zu sein, angekleidet aufs Bett. Er schlief sieben Stunden, einen schweren, traumlosen, tierischen Schlaf, aus dem ihn der Wecker riß, obwohl er das Gefühl hatte, nicht annähernd Schlaf genug bekommen zu haben.

»Liest du viel?« fragte Joe.

Martin schüttelte den Kopf.

»Schadet nichts. Heute abend müssen wir mangeln. Aber Donnerstag hören wir um sechs auf. Dann kommst du vielleicht dazu.«

Martin wusch diesen Abend Wollsachen mit einer scharfen Seifenlösung in einem großen Zuber. Er benutzte dazu eine Radnabe an einer Stange, die mit einer über ihren Köpfen angebrachten Kurbelwelle verbunden war.

»Meine Erfindung«, sagte Joe stolz. »Besser als ein Waschbrett, schont die Knöchel und erspart außerdem mindestens fünfzehn Minuten wöchentlich, und fünfzehn Minuten sind nicht zu verachten.«

Daß sie Kragen und Manschetten durch die Rolle gehen ließen, war auch Joes Idee. Als sie am Abend unter den elektrischen Lampen bügelten, erklärte er Martin die Sache.

»Das tut keine Wäscherei außer dieser hier. Und ich muß es tun, wenn ich Sonnabends um drei frei sein will. Aber ich weiß auch, wie man's machen muß, und das ist der Unterschied. Es kommt nur auf die richtige Wärme und den richtigen Druck an, und man muß sie dreimal durchlaufen lassen. Sieh mal!« Er hielt eine Manschette hoch. »Das könnte mit der Hand nicht besser gemacht werden.«

Am Donnerstag wütete Joe. Ein Posten extra »Feinwäsche« war eingeliefert worden.

»Jetzt mach' ich bald nicht mehr mit«, verkündete er. »Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich brenne durch. Was hab' ich davon, daß ich die ganze Woche wie ein Sklave schufte und an den Minuten spare, wenn sie mich dann noch mit extra »Feinwäsche« überschütten? Wir leben in einem freien Land, und ich werde dem dicken Holländer erzählen, wie ich über ihn denke. Ich werde deutsch mit ihm reden. Mir stehen die ganzen Vereinigten Staaten offen. Was denkt er sich, daß er mit dieser extra ›Feinwäsche‹ kommt.«

»Wir müssen heut abend arbeiten«, sagte er im nächsten Augenblick; er hatte sich bedacht und ergab sich in sein Geschick.

Und auch an diesem Abend las Martin nicht. Er hatte die ganze Woche nicht eine Zeitung gesehen, und, was am allermerkwürdigsten war, er sehnte sich auch gar nicht danach. Er interessierte sich nicht dafür, was in der Welt vorging. Er war zu müde und mitgenommen, um sich für irgend etwas zu interessieren, wenn er auch daran dachte, am Sonnabend nachmittag – falls sie bis drei Uhr fertig wurden – nach Oakland zu radeln. Es waren siebzig Meilen dorthin, und ebenso viele hatte er am Sonntag nachmittag zurückzufahren, es war also alles andere eher als eine Erholung von der Arbeit der Woche. Es wäre leichter gewesen, mit der Bahn zu fahren, aber das kostete für die Hin- und Herreise zweieinhalb Dollar, und er war entschlossen zu sparen.

* * *

 

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