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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Zwar nicht Olneys wegen, aber trotz Ruth und seiner Liebe zu ihr entschloß Martin sich, nicht Latein zu lernen. Für ihn bedeutete Zeit Geld. Es gab so vieles, das wichtiger war als Latein, so vieles, das er lernen mußte. Und er mußte schreiben. Er mußte Geld verdienen. Es war noch nichts angenommen worden. Vier Dutzend Manuskripte reisten von einer Zeitschrift zur andern. Wie machten es die andern nur? Er verbrachte viele Stunden in den Lesehallen, las, was andere geschrieben hatten, studierte ihre Arbeiten eifrig und kritisch, verglich sie mit seinen eigenen und dachte immer wieder darüber nach, welche heimlichen Tricks sie angewandt hatten; um ihre Arbeiten zu verkaufen.

Er war erstaunt über den ungeheuren Haufen bedruckten, toten Papiers. Kein Licht, kein Leben, keine Farbe war darin zu entdecken. Nicht der geringste Hauch von Leben war darin, und doch wurde es für zwei Cent das Wort, zwanzig Dollar für tausend Wörter verkauft – das hatte ja in den Zeitungsausschnitten gestanden. Er wunderte sich über eine Unzahl von Kurzgeschichten, die, wie er zugeben mußte, leicht und flüssig geschrieben waren, denen aber jede Lebenskraft und jeder Wirklichkeitssinn fehlten. Das Leben war so unerklärlich und wunderbar, voll von einer Unendlichkeit von Problemen, Träumen und heroischen Bemühungen, und dennoch handelten diese Erzählungen nur von den alltäglichsten Dingen. Er fühlte, wie das Leben an ihm riß und zerrte, das Leben mit seinen Fieberphantasien, seinem Kampf und seinem wilden Aufruhrsdrang, ja, und diese Dinge sollten es doch sein, über die man schreiben mußte. Was er verherrlichen wollte, waren die Träger verlorener Hoffnungen, die tollen Liebhaber, die Giganten, die unter tausend Mühen, inmitten von Schrecken und Tragödien mit einer Heftigkeit kämpften, daß das Leben in seinen Fugen krachte. Und doch schienen diese Erzählungen in den Zeitschriften kein anderes Ziel zu haben, als Männer wie Charles Butler, schmutzige Goldjäger und einfache kleine Liebesgeschichten einfacher kleiner Menschen zu verherrlichen. Kam das daher, daß die Redakteure selbst kleine einfache Menschen waren? Oder fürchteten sie sich vor dem Leben – diese Autoren, Redakteure und Leser?

Das Schlimmste aber war, daß er nicht einen einzigen Redakteur oder Schriftsteller kannte. Und nicht nur das, er kannte nicht einen Menschen, der je zu schreiben versucht hatte. Keiner konnte ihm Bescheid sagen und ihm auch nur den armseligsten Rat erteilen. Er begann zu zweifeln, daß die Redakteure wirklich lebten. Sie waren wie Räder in einer Maschine. Das war es, es war – eine Maschine. Er erschöpfte seine ganze Seele in Erzählungen, Aufsätzen und Gedichten, die er dann der Maschine überließ. Er faltete sie zusammen, legte die nötigen Briefmarken bei, schloß den Umschlag, klebte noch einige Marken darauf und warf den Brief in den Briefkasten. Dann reiste das Manuskript durchs ganze Land, und nach einer Weile brachte der Briefträger es ihm in einem neuen Umschlag wieder, auf den die Briefmarken geklebt waren, die er dem ersten beigelegt hatte. Es gab keine menschlichen Redakteure am andern Ende, nur eine sehr sinnreiche Anordnung von Rädern, die das Manuskript aus dem einen Umschlag in den andern tat und die Briefmarken darauf klebte. Es war wie bei Automaten, in die man einen Groschen warf, und die dafür Kaugummi oder eine Tafel Schokolade lieferten. Ob es Schokolade oder Kaugummi wurde, hing davon ab, in welchen Einwurf man den Groschen tat. Ebenso ging es mit der Redaktionsmaschine. Die eine lieferte Schecks, die andere gedruckte Absagen. Bis jetzt hatte er nur den zweiten Einwurf gefunden. Diese gedruckten Absagen waren es, die die unheimliche Ähnlichkeit mit der Maschine vollkommen machten. Sie waren stets in derselben Form gehalten, und er hatte Hunderte von ihnen empfangen – ein Dutzend oder mehr für jedes seiner früheren Manuskripte. Hätte er in einer einzigen dieser Absagen auch nur eine einzige, von einem Redakteur persönlich geschriebene Zeile erhalten, so würde ihn das getröstet haben. Aber nicht ein einziger Redakteur hatte einen solchen Beweis seiner Existenz geliefert, und so konnte er nur zu dem Schlusse kommen, daß es am andern Ende keine Menschen, wirkliche Menschen gab – sondern nur Einwürfe, gut geölte Einwürfe, die die Maschine glänzend in Gang hielten. Er war eine Kampfnatur und kämpfte zäh und mit ganzer Seele, und er wäre es zufrieden gewesen, jahrelang die Maschine zu füttern; aber er verblutete, und der Kampf mußte nicht in Jahren, sondern in Wochen entschieden sein. Mit jeder Woche, die er Kost und Logis bezahlte, rückte das Verderben näher, und das Porto für die vier Dutzend Manuskripte war ein fast ebenso schlimmer Aderlaß. Er kaufte sich keine Bücher mehr und versuchte, in Kleinigkeiten zu sparen, um so die unvermeidliche Katastrophe abzuwenden; aber er verstand nicht zu sparen und rückte den Abschluß des Kampfes nur näher, indem er seiner Schwester Marian einmal fünf Dollar für ein Kleid schenkte.

Er kämpfte im Finstern, ohne Rat, ohne Ermunterung. Niemand glaubte an ihn, ja selbst Gertrude begann ihn scheel anzusehen. Anfangs hatte sie sich mit schwesterlicher Liebe in das gefunden, was sie für seine fixe Idee hielt, jetzt aber machte gerade ihre schwesterliche Sorge sie ängstlich. Ihr schien, daß seine fixe Idee zum reinen Wahnsinn würde. Martin wußte das, und es quälte ihn mehr als der offene Spott und die Verachtung Bernard Higginbothams. Martin glaubte an sich, aber er stand allein in seinem Glauben. Nicht einmal Ruth glaubte an ihn. Sie hatte gewollt, daß er sich seinen Studien widmete, und wenn sie seine Schriftstellerei auch nicht direkt mißbilligt hatte, so hatte sie sie doch auch nicht gebilligt.

Er hatte sich nie erboten, ihr seine Arbeiten zu zeigen. Ein gewisses Feingefühl hatte ihn daran gehindert. Außerdem hatte das Studium sie sehr in Anspruch genommen, und er wollte ihre Zeit nicht gern stehlen. Als sie aber ihr Examen bestanden hatte, bat sie ihn selbst, ihr etwas von seiner Arbeit zu zeigen. Martin war begeistert, fürchtete sich aber gleichzeitig nicht wenig. Sie mußte doch eine gute Richterin sein. Sie hatte bei tüchtigen Lehrern Literatur studiert. Vielleicht waren die Redakteure auch gute Richter. Aber bei ihr war es ganz anders. Sie würde ihm keine gedruckte Absage schicken und ihm auch nicht mitteilen, daß seine Arbeit zwar nicht angenommen werden könnte, daß damit aber nicht gesagt sei, daß sie nicht doch vielleicht gute Seiten haben könnte. Sie würde wie ein warmes, lebendiges, menschliches Wesen sprechen, schnell und lebhaft wie immer, und was das allerwichtigste war – sie würde einen Schimmer des richtigen Martin Eden finden. Sie würde durch seine Arbeit sehen, was in seinem Herzen und seiner Seele wohnte, und sie würde etwas – ein klein wenig – von dem verstehen, was seine Träume und seine Fähigkeiten ausmachte.

Martin suchte ein paar Erzählungen heraus, bedachte sich einen Augenblick und legte dann »Seelyrik« dazu. Dann bestiegen sie an einem warmen Juninachmittag ihre Räder und fuhren in die Berge. Es war das zweitemal, daß er allein mit ihr draußen war, und als sie durch die warme balsamische Luft fuhren, die ein schwaches Lüftchen vom Meer angenehm kühlte, fühlte er in tiefster Seele, daß es eine wunderschöne und wohlgeordnete Welt, und daß es herrlich war, zu leben und zu lieben. Sie ließen ihre Räder am Wegrand stehen und kletterten auf einen Erdhügel, dessen sonnenverbranntes braunes Gras einen herben Duft von trockener Süße und Zufriedenheit ausströmte.

»Das hat seine Pflicht getan«, sagte Martin, als sie sich niederließen, sie auf seinen Mantel, während er sich der Länge nach auf den warmen Boden warf. Er sog den süßen Duft ein, der ihm ins Gehirn drang und seine Gedanken sich mit rasender Schnelligkeit vom Besondern zum Allgemeinen bewegen ließ. »Das hat seine Existenzberechtigung erwiesen«, fuhr er fort und strich zärtlich über das trockene Gras. »Es erwachte zu Leben und Ehrgeiz in den traurigen Regengüssen des letzten Winters, es kämpfte gegen die Gewalt des Frühlings, blühte und lockte Insekten und Bienen an, verstreute seine Saat, vervielfältigte sich mit seinen Pflichten und seiner Welt und –«

»Warum sehen Sie die Dinge immer so schrecklich praktisch an?« unterbrach sie ihn.

»Wohl weil ich die Entwicklungslehre studiert habe. Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich erst ganz vor kurzem zu sehen begonnen.«

»Aber mir scheint, Sie verlieren die Schönheit aus den Augen, wenn Sie so praktisch sind, vernichten die Schönheit wie Knaben, die Schmetterlinge fangen und den Staub von den schönen Flügeln streifen.«

Er schüttelte den Kopf.

»Schönheit hat ihre Bedeutung, aber die habe ich bisher nicht gekannt. Ich habe Schönheit nur als etwas Sinnloses betrachtet, als etwas, das nur schön war, ohne Sinn und Verstand. Ich wußte nichts von Schönheit. Jetzt aber weiß ich Bescheid, oder vielmehr, ich fange an, Bescheid zu wissen. Dies Gras ist schöner in meinen Augen, seit ich den geheimen chemischen Prozeß von Sonne, Regen und Erde kenne, der es zu Gras macht. In der Lebensgeschichte jedes Grashalms ist Romantik – ja, und etwas von einem Märchen. Schon der Gedanke daran erweckt mich zu neuem Leben. Wenn ich an die Wechselwirkung zwischen Kraft und Stoff und an den ganzen heftigen Kampf denke, dann habe ich das Gefühl, als könnte ich ein Epos über das Gras schreiben.«

»Wie gut Sie sprechen!« sagte sie geistesabwesend, und er bemerkte, daß sie ihn forschend ansah.

Im selben Augenblick war er ganz in Verwirrung und Verlegenheit, und das Blut stieg ihm in Hals und Stirn.

»Ich hoffe, daß ich sprechen lerne«, stotterte er. »Ich habe das Gefühl, daß ich so vieles in mir habe, das ich sagen möchte. Aber es ist alles so groß. Ich weiß nicht, wie ich das, was wirklich in mir ist, ausdrücken soll. Zuweilen ist mir, als hätte die ganze Welt, das ganze Leben sich in mir niedergelassen und verlange von mir, daß ich seine Sache redete. Ich fühle – ach, ich kann es nicht beschreiben – ich fühle seine Größe, wenn ich aber spreche, wird es wie das Stammeln eines kleinen Kindes. Es ist etwas Großes, Gefühle, schriftlich oder mündlich, in Worte umzusetzen, so daß sie sich beim Leser wieder in dasselbe Gefühl umsetzen. Das ist eine Großtat. Sehen Sie, ich vergrabe mein Gesicht im Grase, und der Hauch, den ich durch meine Nase einatme, läßt mich von tausend Gedanken und Phantasien zittern. Es ist ein Hauch des Universums, den ich einatme; ich kenne Singen und Lachen, Erfolg und Schmerz, Kampf und Tod; und ich sehe Gesichte, die in meinem Gehirn entstehen, zum Beispiel beim Duft des Grases, und ich möchte es so gern Ihnen und der ganzen Welt erzählen. Aber wie soll ich es? Die Zunge ist mir gebunden. Jetzt aber habe ich versucht, Ihnen durch gesprochenes Wort zu erklären, welche Wirkung der Duft des Grases auf mich ausübt, aber es ist mir nicht geglückt. Ich habe es nur gerade in unbeholfenen Wendungen andeuten können. Ich finde selbst, daß meine Rede der reine Unsinn ist. Und dennoch ist es, als wollte die Sehnsucht, zu erzählen, mich ersticken. Ich« – er hob mutlos die Hände – »es ist unmöglich. Es ist nicht zu verstehen. Es läßt sich nicht mitteilen.«

»Aber Sie sprechen gut«, beharrte sie. »Denken Sie nur daran, welche Fortschritte Sie in der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft gemacht haben. Charles Butler ist ein angesehener politischer Redner, und doch haben Sie neulich beim Essen ebensogut gesprochen wie er. Er war nur beherrschter, Sie erregen sich so sehr. Aber das geht vorüber, wenn Sie mehr Übung haben. Sie können ein ausgezeichneter politischer Redner werden, Sie können es weit bringen ... wenn Sie wollen. Sie haben etwas von einer Herrschernatur. Sie besitzen sicher Führereigenschaften, und es ist sehr möglich, daß Sie mit allem, was Sie in die Hand nehmen, ebenso große Erfolge erzielen, wie Sie es in der Grammatik getan haben. Sie könnten ein tüchtiger Jurist, ein hervorragender Politiker werden. Nichts hindert Sie, ebensoviel zu erreichen wie Charles Butler. Nur nicht den schlechten Magen!« fügte sie lächelnd hinzu.

So sprachen sie weiter, und immer wieder betonte sie mit ihrer gewohnten Beharrlichkeit, aber stets sanft und freundlich, die Notwendigkeit einer soliden Grundlage für alle Erziehung und den Vorteil von Latein für jede Karriere. Sie beschrieb ihr Ideal des erfolgreichen Mannes, und es war in den Hauptzügen das Bild ihres Vaters, hin und wieder mit einigen unverkennbaren Strichen und einem gewissen Kolorit Charles Butlers. Auf dem Rücken liegend, lauschte er eifrig, sah sie an und freute sich über jede Bewegung ihrer Lippen, wenn sie sprach. Aber sein Gehirn war nicht so empfänglich. Es war nichts Verlockendes an dem Bilde, das sie vor ihm entrollte, und er spürte eine dumpfe Enttäuschung in sich aufsteigen, während seine nagende Sehnsucht nach ihr gleichzeitig quälender als je wurde. Nicht ein einziges Mal erwähnte sie seine Schriftstellerei, und die Manuskripte, die er mitgebracht hatte, um sie ihr vorzulesen, lagen unbeachtet auf der Erde.

Als sie schließlich schwieg, warf er einen Blick auf die Sonne, maß ihre Höhe über dem Horizont und nahm seine Manuskripte in die Hand, wie um ihre Aufmerksamkeit darauf hinzulenken.

»Das hatte ich ganz vergessen«, sagte sie schnell. »Und ich bin so neugierig darauf.«

Er las ihr eine Erzählung vor, die seiner eigenen Meinung nach eine seiner besten war. Sie hieß »Der Wein des Lebens«, und der Rausch, der sich beim Schreiben in sein Hirn geschlichen hatte, schlich sich jetzt beim Vorlesen in seine Stimme. Die originelle Idee hatte einen gewissen Zauber, und dieser Zauber wurde noch erhöht durch Sprache und Behandlung. Alle Glut und Leidenschaft, die ihn beim Schreiben beseelt hatten, wurden in ihm neugeboren, und er ließ sich so davon hinreißen, daß er blind und taub für die Fehler der Arbeit war. Aber das war Ruth nicht. Ihr geübtes Ohr hörte sofort alle Schwächen und Übertreibungen des Anfängers, das zu starke Betonen gewisser Dinge, und sie merkte sofort, wenn der Rhythmus eines Satzes hinkte oder in die Brüche ging. Sonst achtete sie kaum auf den Rhythmus, außer wenn er zu pathetisch wurde, und dann wirkte er unangenehm dilettantisch auf sie. Das war das Urteil, das sie schließlich über die Erzählung fällte: dilettantisch, wenn sie es auch nicht mit diesem Worte sagte. Statt dessen begann sie, als er fertig war, auf die weniger wesentlichen Fehler hinzuweisen, und sagte, daß die Erzählung ihr gefiele.

Aber er war doch sehr enttäuscht! Ihre Kritik war berechtigt. Das gab er zu, aber er hatte das Gefühl, daß er ihr seine Arbeit nicht vorgelesen hatte, damit sie wie ein Schulaufsatz korrigiert würde. Die Einzelheiten waren bedeutungslos, die konnte er leicht ändern, das war bald zu lernen. Er hatte ins Leben hineingegriffen und versucht, es auf dem Papier niederzulegen. Und das war es gewesen, was er ihr vorgelesen hatte, nicht Satzbau und Semikolons. Er hatte gewollt, daß sie das Große, das sein Besitz war, das er mit eigenen Augen gesehen, aus seinem eigenen Hirn gegriffen und mit eigenen Händen hier zu Papier gebracht hatte, mit ihm fühlte. Nun, das war ihm nicht geglückt. Vielleicht hatten die Redakteure recht. Er hatte das Große zwar gefühlt, es aber nicht wiederzugeben vermocht. Er verbarg seine Enttäuschung und gab ihr in ihrer Kritik so vollkommen recht, daß sie die geheime Unzufriedenheit auf dem Grunde seiner Seele nicht merkte.

»Die nächste Geschichte habe ich »Der Topf« genannt«, sagte er und entfaltete das Manuskript. »Sie ist von vier oder fünf Zeitschriften abgelehnt, aber ich finde sie doch immer noch gut. Tatsächlich weiß ich nicht, was ich davon denken soll, nur, daß ich meine: hier habe ich das Richtige erfaßt. Vielleicht werden Sie nicht denselben Eindruck davon haben wie ich. Es ist eine kurze Geschichte, zweihundert Zeilen.«

»Wie schrecklich!« rief sie, als er fertig war. »Das ist furchtbar – ganz furchtbar!«

Er bemerkte mit geheimer Zufriedenheit ihr blasses Gesicht, ihre entsetzt aufgerissenen Augen und geballten Fäuste. Er hatte gesiegt. Die Phantasien und Gefühle, die in seinem Hirn wohnten, hatte er ihr übermittelt. Es hatte gewirkt. Einerlei, ob es ihr gefiel oder nicht, es hatte sie gepackt und überwältigt, hatte sie gezwungen, zu lauschen und die Einzelheiten zu vergessen.

»Das ist das Leben,« sagte er, »und das Leben ist nicht immer schön. Und doch, vielleicht, weil ich so seltsam geschaffen bin, finde ich auch hier etwas Schönes. Mir scheint, daß die Schönheit, weil sie da ist, verzehnfacht wird – –«

»Aber warum konnten Sie die arme Frau –« Sie beendete den Satz nicht, sondern brach ab: »Ach, das ist entwürdigend! Das ist nicht hübsch! Das ist schmutzig!« Einen Augenblick war ihm, als ob sein Herz stillstände. Schmutzig! Das hatte er sich nicht träumen lassen. Das war nicht seine Absicht gewesen. Die ganze Erzählung stand in Flammenbuchstaben vor ihm, und mitten in diesem Lichtmeer suchte er vergebens nach Schmutz. Dann aber begann sein Herz wieder zu klopfen. Er war nicht schuldig.

»Warum haben Sie nicht einen freundlichen Gegenstand gewählt?« sagte sie. »Wir wissen ja, daß es schmutzige Dinge in der Welt gibt, aber man braucht doch nicht –« Sie fuhr in ihrem indignierten Protest fort, aber er hörte gar nicht zu. Er lächelte bei sich, während er ihr in das jungfräuliche Gesicht sah, das so unschuldig, so überwältigend unschuldig war, daß die Reinheit auf ihn überströmte, alles irdische Begehren in ihm erstickte und ihn in einem ätherischen Strahlenglanz badete, der kühl und sammetweich wie eine Sternennacht war. Wir wissen, daß es Schmutz in der Welt gibt! Der Gedanke, daß sie etwas davon wissen wollte, belustigte ihn köstlich. Im nächsten Augenblick sah er wie eine flüchtige Vision mit zahlreichen Einzelheiten das ganze Meer von Abscheulichkeiten, das dieses Leben war, und das er kannte und immer wieder erfahren hatte, und er verzieh ihr, daß sie nicht verstanden hatte, was er meinte. Es war nicht ihre Schuld, daß sie es nicht verstand. Er dankte Gott, daß sie in solcher Unschuld geboren und groß geworden war. Er aber kannte das Leben, seine häßlichen wie seine guten Seiten, wußte, wie groß es trotz allem Schmutz, der an ihm klebte, war, und, bei Gott, er wollte der Welt sagen, was er auf dem Herzen hatte! Konnten die Heiligen im Himmel anders sein als schön und rein? Dafür schuldete man ihnen keinen Dank. Aber Heilige im Kot – ja, das war das ewige Wunder! Das war es, was das Leben lebenswert machte: moralische Größe sich aus dem Schlammpfuhl der Zeiten heben zu sehen, sich selbst zu erheben und den ersten Schimmer der Schönheit undeutlich und fern mit Augen zu sehen, die von Schmutz troffen; Kraft, Wahrheit und reiche geistige Begabung aus Schwäche, Gebrechlichkeit, Verderbnis und einem Abgrund von Bestialität emporwachsen zu sehen –

Aus dem, was sie sagte, fing er einen einzelnen, losgerissenen Satz auf.

»Der Ton, den Sie darin anschlagen, ist niedrig, und es gibt so viel Erhabenes. Denken Sie an »In Memoriam«.«

Er fühlte sich versucht, »Locksley Hall« zu erwähnen, und würde es getan haben, hätte ihn nicht eine neue Vision gepackt: das Weibchen seiner Art, das sich aus dem Urschlamm erlöst hatte und durch Tausende und aber Tausende von Jahrhunderten die Leiter des Lebens emporgekrochen war, um schließlich die oberste Sprosse zu erreichen und zu der einen zu werden, zu Ruth, die rein, schön und göttlich war, die die Fähigkeit besaß, ihn zu lehren, was Liebe war, ihn anzuspornen zu Reinheit und dem Wunsch, von der Göttlichkeit zu kosten – ihn, Martin Eden, der sich auf so seltsame Art aus dem Schmutz, aus zahllosen Fehlgriffen und Enttäuschungen erhoben hatte, um einen Ausdruck für den ewigen Schöpferdrang zu finden. Das war Romantik, das war das Wunderbare und Herrliche. Das war es, worüber er schreiben wollte, wenn er nur die Worte finden konnte. Ihr Heiligen im Himmel! – Sie waren nur Heilige und konnten selbst nichts dabei machen. Er aber war ein Mann.

»Die Kraft haben Sie,« hörte er sie sagen, »aber sie ist ungeschult.«

»Wie ein Ochse in einem Porzellanladen«, meinte er, was ihm ein Lächeln eintrug.

»Und Sie müssen Ihre Kritik entwickeln, Sie müssen Geschmack, Feinheit und Ton berücksichtigen.«

»Ich wage zuviel«, murmelte er.

Sie lächelte beifällig und setzte sich zurecht, um eine weitere Erzählung zu hören.

»Ich weiß nicht, was Sie hierzu sagen werden«, meinte er, sich gleichsam entschuldigend. »Es ist eine komische Geschichte. Ich fürchte, daß ich mein eigentliches Gebiet damit überschritten habe. Aber die Absicht war gut. Kümmern Sie sich nicht um die Einzelheiten, versuchen Sie nur, das Große darin zu erfassen. Und Größe ist darin, das ist wahr, wenn ich das auch vermutlich nicht recht einleuchtend gemacht habe.«

Er las und studierte dabei ihr Gesicht. Jetzt habe ich doch endlich Eindruck auf sie gemacht, dachte er. Sie saß regungslos, den Blick auf ihn geheftet, da und vergaß fast zu atmen, so überwältigt war sie von seiner Schöpfung. Er nannte die Geschichte »Abenteuer«, und es war die Apotheose des Abenteuers – keines Abenteuers, wie man es in Märchenbüchern liest, sondern des wirklichen Abenteuers, des gestrengen Herrn, der schrecklich in seiner Strafe und schrecklich in seinem Lohn, treulos und launisch ist und eine furchtbare Geduld und die verzweifelte Arbeit von Tagen und Nächten erfordert; des Abenteuers, das den Menschen flammenden Sonnenschein oder finsteren Tod, Durst und Hunger oder das langsame Hinsiechen und unheimliche Delirium des Faulfiebers bringt, das Blut und Schweiß, giftige Insektenstiche und kleine unwürdige Geschehnisse ins Unendliche verkettet, um schließlich in großen, herrlichen Taten zu kulminieren. Das und noch mehr war es, was er in seiner Geschichte erzählte. Und als er sie jetzt lauschen sah, glaubte er, daß es das war, was sie entflammte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihre blassen Wangen nahmen Farbe an, und noch ehe er fertig war, glaubte er fast, sie stöhnen zu hören. Ja, wirklich, sie war entflammt, aber nur von ihm, nicht von der Erzählung. Aus der Erzählung machte sie sich nichts; es war die intensive Kraft, die aus seinem Körper in den ihrigen überzuströmen schien. Das Merkwürdige war, daß diese, mit seiner Kraft geladene Geschichte jetzt der Kanal war, der seine Kraft zu ihr leitete. Für sie existierte nur die Kraft selbst, nicht ihr Mittler, und wenn sie auch scheinbar von dem hingerissen war, was er geschrieben hatte, so war sie es doch in Wirklichkeit von etwas anderem, das nicht das geringste damit zu tun hatte – von einem Gedanken, der, furchtbar und gefährlich, ungerufen in ihrem Hirn Form angenommen hatte. Sie hatte sich auf dem Gedanken an eine Ehe mit ihm ertappt. Und die Kühnheit und Heftigkeit dieses Gedankens hatte sie entsetzt. Das schickte sich nicht für ein junges Mädchen. Und es glich ihr nicht. Sie hatte ihr ganzes Leben in einer Traumwelt, in einem ewigen Schlaf verbracht, und jetzt pochte das Leben mit unabweisbarer Kraft an alle Tore ihres Wesens. Ihr aufgeschreckter Verstand heischte, daß sie eiserne Riegel vorschob, gleichzeitig aber spornten ihre losgelassenen Instinkte sie an, die Tore weit aufzureißen und den fremden Gast einzulassen – diesen fremden Gast, der so süße Unruhe in ihrem Herzen weckte.

Martin wartete zuversichtlich auf ihr Urteil. Er zweifelte nicht an dem Ausfall und war ganz bestürzt, als er sie sagen hörte: »Das ist schön.«

»Ja, das ist schön«, wiederholte er nach einer kurzen Pause mit Nachdruck.

Natürlich war es schön, aber es war etwas anderes darin als nur Schönheit, etwas Großartiges, etwas, das brannte und sengte und ihm die Schönheit zur Sklavin machte. Er lag der Länge nach auf dem Boden, ohne etwas zu sagen. Aber vor seinem Blick erhob sich das unheimliche Gespenst eines großen Zweifels. Seine Fähigkeiten hatten ihn im Stich gelassen. Er vermochte sich nicht auszudrücken. Er hatte etwas vom Großen in der Welt gesehen und keinen Ausdruck dafür gefunden.

»Wie finden Sie das – –«, er zögerte, das Fremdwort wollte nicht recht über seine Lippen, »das Motiv?« fragte er.

»Etwas wirr«, antwortete sie. »Das ist das einzige, was ich auszusetzen habe. Ich folgte der Erzählung, aber es war so vieles andere dabei. Sie ist zu wortreich. Sie belasten die Handlung mit soviel Stoff, der nicht dazu gehört.«

»Das war das Hauptmotiv«, erklärte er schnell. »Das große Motiv, das durch das Ganze laufen sollte. Ich habe versucht, es mit der Erzählung Schritt halten zu lassen, die trotz allem an der Oberfläche bleibt. Ich war auf der Spur nach dem Richtigen, aber ich habe es wohl schlecht gemacht. Es ist mir nicht geglückt, Ausdruck für das, was ich sagen wollte, zu finden. Aber mit der Zeit werde ich es wohl lernen.«

Sie konnte ihm nicht folgen. Sie hatte zwar Literatur studiert, aber hier vermochte sie ihm nicht mehr zu folgen. Sie verstand ihn nicht und schob die Schuld dieses Nichtverstehens auf seinen Mangel an Logik. »Sie gebrauchen zu viele Worte,« sagte sie, »aber stellenweise war es sehr schön.«

Er hörte ihre Stimme wie aus weiter Ferne, denn er grübelte, ob er ihr »Seelyrik« vorlesen sollte. Eine dumpfe Verzweiflung hatte sich auf ihn gelegt, während sie ihn forschend ansah und wiederum mit den ungerufenen, wilden Gedanken an eine Ehe kämpfte.

»Sie wollen berühmt werden?« fragte sie plötzlich.

»Ja, vielleicht«, gestand er. »Das gehört mit zum Abenteuer. Es ist nicht so sehr der Ruhm selbst, wie die Arbeit, bis man berühmt wird. Und schließlich wäre berühmt sein für mich nur das Mittel zum Zweck. Ich möchte gern berühmt werden, aber nur deswegen.«

»Um Ihretwillen«, hätte er gern hinzugefügt und würde es vielleicht getan haben, wenn sie über das, was er ihr vorgelesen hatte, begeisterter gewesen wäre. Aber ihre Gedanken waren zu sehr damit beschäftigt, ihm eine Zukunft zu bauen – eine Zukunft, die jedenfalls im Bereich der Möglichkeit lag –, als daß sie ihn gefragt hätte, was er mit seinem Endziel meinte. Die Literatur bot ihm keine Zukunft. Das hatte er heute mit seinen dilettantischen geschraubten Arbeiten bewiesen. Er sprach gut, war aber nicht imstande, sich in literarischer Form auszudrücken. Sie verglich ihn mit Tennyson, Browning und ihren anderen Lieblingsschriftstellern, und natürlich kam er dabei hoffnungslos zu kurz. Aber sie erzählte ihm nicht alles, was sie dachte. Ihr seltsames Gefühl für ihn ließ sie wanken. Sein Drang zu schreiben war alles in allem eine kleine Schwäche, die er mit der Zeit überwinden mußte. Dann würde er sich ernsteren Fragen des Lebens widmen. Und er würde siegen. Das wußte sie. Er war so stark, daß er nicht verlieren konnte, wenn er nur aufhörte zu schreiben.

»Ich möchte, daß Sie mir alles zeigten, was Sie schreiben, Herr Eden«, sagte sie.

Er errötete vor Freude. Sie interessierte sich für seine Arbeit, das war sicher, und jedenfalls hatte sie ihm keine gedruckte Ablehnung gegeben. Gewisse Teile seiner Arbeit hatte sie schön genannt, und das war die erste Ermutigung, die er je von einem Menschen erhalten hatte.

»Das werde ich,« sagte er leidenschaftlich, »und ich verspreche Ihnen, Fräulein Morse, daß ich es zu etwas bringen werde. Ich habe schon eine ganze Menge erreicht – das weiß ich –, aber ich habe noch einen weiten Weg vor mir, und den will ich zwingen, und wenn ich ihn auf Händen und Füßen kriechen soll.« Er reichte ihr ein dickes Manuskript.

»Hier ist die »Seelyrik«. Wenn Sie heimkommen, müssen Sie es in aller Ruhe lesen, und Sie müssen mir versprechen, daß Sie mir Ihre offene Meinung sagen. Sie wissen, was ich vor allem brauche, ist Kritik. Und bitte, seien Sie offen zu mir.«

»Ich werde ganz offen sein«, versprach sie mit einem unangenehmen Gefühl, nicht ganz ehrlich gegen ihn gewesen zu sein, und mit einem leisen Zweifel, ob sie das nächste Mal ehrlich sein könnte.

* * *

 

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