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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Die Schar wortreicher Sozialisten und Arbeiterphilosophen, die an warmen Nachmittagen im Stadtpark ihre Ansichten entwickelten, hatten die große Entdeckung verschuldet. Ein oder zweimal monatlich, wenn Martin auf dem Wege zur Bibliothek durch den Park fuhr, stieg er vom Rade und hörte ihre Betrachtungen an, und jedesmal riß er sich nur widerstrebend von ihnen los. Die Diskussionen waren auf einen einfacheren Ton abgestimmt, als er am Tische des Herrn Morse herrschte. Die Männer waren nicht ernst und würdevoll. Sie ließen sich leicht hinreißen, begannen zu schimpfen, und unanständige Ausdrücke gehörten zur Tagesordnung. Einige Male hatte er sie die Fäuste gebrauchen sehen. Und doch kam es ihm vor – er wußte nicht, weshalb –, als wäre der Gedankengang dieser Männer irgendwie mit seinem eigenen verwandt. Ihr Wortkampf wirkte weit anregender auf seinen Verstand als der beherrschte, ruhige Dogmatismus des Herrn Morse. Diese Männer, die eine furchtbare Sprache sprachen, wie Verrückte gestikulierten und die gegenseitigen Ideen mit primitiver Erbitterung bekämpften, waren irgendwie lebendiger als Herr Morse und sein Freund Herr Butler.

Martin hatte mehrmals den Namen Herbert Spencer im Park nennen hören, eines Nachmittags aber tauchte ein Schüler Spencers auf – ein schäbiger Vagabund mit einem schmutzigen Mantel, der bis zum Halse zugeknöpft war, um zu verbergen, daß er kein Hemd trug. Es wurde ein mächtiger Kampf ausgefochten, unzählige Zigaretten geraucht, ein Meer von Tabakssaft ausgespien, und während alledem hielt der Vagabund sich ausgezeichnet, selbst als ein sozialistisch eingestellter Arbeiter wütend rief: »Es ist kein Gott außer dem Unergründlichen, und Herbert Spencer ist sein Prophet.« Martin wußte nicht recht, um was es ging, als er aber dann zur Bibliothek fuhr, war das Interesse für Herbert Spencer in seiner Seele wachgerufen, und weil der Vagabund immer wieder auf »Die ersten Grundsätze« zurückgekommen war, ließ Martin sich diesen Band geben.

So begann die große Entdeckung. Er hatte es schon einmal mit Spencer versucht, damals hatte er aber die »Prinzipien der Psychologie« gewählt und war hoffnungslos darin steckengeblieben. Er war nicht imstande gewesen, das Buch zu verstehen, und hatte es ungelesen wieder abgeliefert. Als er aber abends in seinem Zimmer, nachdem er Mathematik und Physik gearbeitet und sich an einem Sonett versucht hatte, zu Bett gegangen war, begann er in den »Ersten Grundsätzen« zu lesen. Als der Morgen kam, las er immer noch. Er hatte keinen Schlaf finden können, und an diesem Tage schlief er auch nicht. Er lag auf seinem Bett, bis er müde wurde. Dann versuchte er es auf dem harten Fußboden, las, auf dem Rücken liegend, indem er das Buch hoch hielt oder sich von einer Seite auf die andere drehte. Diese Nacht schlief er, und am nächsten Tage ging er wieder an seine Schreibarbeit. Dann aber lockte das Buch ihn von neuem, und er las den ganzen Nachmittag, vergaß alles, ja sogar, daß es der Nachmittag war, den Ruth ihm zu schenken pflegte. Er kam erst zum Bewußtsein der Welt, in der er lebte, als Bernard Higginbotham die Tür aufriß und fragte, ob er glaubte, daß sie eine Gastwirtschaft betrieben.

Eine heftige Neugier hatte von jeher Martin Eden beherrscht. Er suchte Wissen, und dieser Wunsch war es, der ihn abenteuernd durch die Welt getrieben hatte. Jetzt aber lernte er von Spencer etwas, das er nicht gewußt hatte, und das er nie hätte lernen können, und wenn er in alle Ewigkeit die Welt durchschweift hätte. Er war nur über die Oberfläche der Dinge hinweggeglitten, hatte losgerissene Phänomene bemerkt, Bruchstücke von Tatsachen gesammelt, kleine, oberflächliche Verallgemeinerungen gemacht – alles ohne die geringste Verbindung – in einer launischen, chaotischen Welt, in der Einfall und Zufall regierten. Den Flug der Vögel hatte er gesehen und verständnisvoll darüber geredet; nie aber war ihm eingefallen, eine Erklärung des Vorgangs zu suchen, der die Vögel als organische, fliegende Mechanismen entwickelt hatte. Nie hatte er geahnt, daß es einen solchen Vorgang gab. Nie hatte er darüber nachgedacht, daß die Vögel je entstanden waren. Sie waren eben dagewesen. Sie existierten eben.

Und wie mit den Vögeln, so mit allen anderen Dingen. Seine unwissenden, unvorbereiteten philosophischen Versuche waren fruchtlos gewesen. Die mittelalterliche Metaphysik Kants hatte ihm nicht den Schlüssel zu einer Erkenntnis geschenkt, sondern nur dazu beigetragen, ihn an seiner eigenen Intelligenz zweifeln zu lassen. Glücklicherweise war sein Versuch, die Entwicklungslehre zu studieren, auf einen hoffnungslos technischen Band von Romanes beschränkt gewesen. Er hatte nichts verstanden, und seine einzige Ausbeute war die Überzeugung gewesen, daß die Entwicklungslehre eine krachdürre Theorie war, die eine Schar kleiner Menschen mit Hilfe eines ungeheuren, unverständlichen Wortaufwandes aufgestellt hatten. Und jetzt erfuhr er, daß die Entwicklungslehre nicht nur bloße Theorie, sondern ein anerkannter Prozeß war, daß die Wissenschaftler sich nicht mehr darum stritten, sondern daß die einzige Meinungsverschiedenheit der Art der Entwicklung galt.

Und nun kam dieser Spencer, organisierte alles Wissen für ihn, brachte alles auf die Einheit zurück und entrollte vor seinem erstaunten Blick ein Universum, das ebenso konkret und leichtverständlich war wie die Schiffsmodelle, die die Seeleute in Glasflaschen verfertigen. Es gab keine Laune und keinen Zufall. Alles war Gesetz. Einem Gesetz zufolge flog der Vogel, und ebendemselben Gesetz zufolge hatte gärender Schlamm sich gezerrt und gewunden, hatte Beine und Flügel bekommen und war ein Vogel geworden.

Martin war in seinem geistigen Leben von Höhe zu Höhe gestiegen, und jetzt stand er höher als je. Alles Verborgene entblößte ihm seine Geheimnisse. Das Verständnis berauschte ihn. Nachts, wenn er schlief, lebte er im Traum in mächtigen Bildern unter Göttern, und am Tage, wenn er wach war, ging er wie ein Schlafwandler einher und starrte geistesabwesend auf die Welt, die er soeben entdeckt hatte. Bei Tisch vergaß er, auf die Unterhaltung zu hören, die sich um gleichgültige, unwürdige Dinge drehte, sein rastloser Geist arbeitete weiter und verfolgte in allem, was er sah, Ursache und Wirkung. In dem Fleisch auf seinem Teller sah er die strahlende Sonne und spürte ihre Kräfte durch alle Veränderungen bis zur hundert Millionen Meilen fernen Quelle oder verfolgte die Kräfte auf ihrem Wege bis zu den Muskeln, die seinen Arm bewegten und ihn befähigten, das Fleisch zu zerschneiden, und bis zu dem Gehirn, in dem der Wille saß, sich zu regen und das Fleisch zu zerschneiden, bis er vor seinem inneren Blick dieselbe Sonne in seinem Gehirn scheinen sah. Das Licht, das alles beschien, benahm ihn völlig, so daß er nicht das »Nicht ganz richtig« hörte, das Jim flüsterte, und weder den besorgten Blick seiner Schwester noch die Kreise bemerkte, die Bernard Higginbotham mit dem Finger beschrieb, um anzudeuten, daß im Kopf seines Schwagers eine Schraube los sei.

Was den tiefsten Eindruck auf Martin machte, war der Zusammenhang in allem Wissen. Er war wißbegierig gewesen, und alles, was er gelernt hatte, lag wohlverwahrt in abgetrennten Erinnerungsräumen seines Gehirns. So besaß er einen ungeheuren Wissensvorrat in bezug auf alles, was die See betraf. Auch über die Frauen wußte er viel. Aber diese beiden Gegenstände hatten keine Beziehung zueinander gehabt. Zwischen den zwei Räumen in seiner Erinnerung hatte keine Verbindung bestanden. Daß irgendwelche Verbindung zwischen einer hysterischen Frau und einem im Sturm beigedrehten Schoner bestehen sollte, würde er für lächerlich und unmöglich gehalten haben. Herbert Spencer aber hatte ihm gezeigt, daß es nicht nur nicht lächerlich, sondern daß ein Zusammenhang geradezu unumgänglich war. Alles hatte Beziehungen zueinander, von dem Stern, der draußen in der Öde des leeren Raums funkelte, bis zu den Myriaden Atomen im Sande unter seinen Füßen.

Dieser neue Gedanke war eine ewige Quelle der Verwunderung für Martin, und er beschäftigte sich andauernd damit, die Beziehungen zwischen allen Dingen unter der Sonne und jenseits der Sonne aufzuspüren. Er stellte Listen über die zusammenhanglosesten Dinge auf und kannte weder Rast noch Ruhe, ehe es ihm glückte, die Beziehungen zwischen ihnen aufzudecken – Beziehungen zwischen Liebe, Poesie, Erdbeben, Feuer, Klapperschlangen, Regenbogen, Edelsteinen, Mißgeburten, Löwengebrüll, Sonnenuntergängen, Gasbeleuchtung, Kannibalismus, Schönheit, Mord, Tabak, Hebeln und Stützpunkten. So brachte er Einheitlichkeit in das Universum, durchforschte es eindringlich und wanderte all seine Winkelwege und Buschpfade, nicht als ängstlicher Reisender mitten unter Mysterien und auf ein unbekanntes Ziel zu, sondern als ein Mann, der seine Beobachtungen machte, seinen Standpunkt feststellte und mit allem, was man wissen konnte, vertraut wurde. Und je mehr er wußte, desto leidenschaftlicher bewunderte er Universum und Leben und sein eigenes Leben mitten darin.

»Du Narr,« rief er seinem Spiegelbild zu, »du wolltest schreiben und versuchtest zu schreiben und hattest dabei nichts in dir, worüber du schreiben konntest. Was hattest du in dir? Einige kindische Vorstellungen, ein paar halbfertige Gefühle, eine Menge unverdaute Schönheit, ein dunkles Chaos von Unwissenheit, ein Herz, das vor Liebe zerspringen wollte, und einen Ehrgeiz, der so mächtig wie deine Liebe und so müßig wie deine Unwissenheit war. Und du wolltest schreiben: du, der erst auf der Schwelle dessen steht, wo es etwas zu schreiben gibt! Du wolltest Schönheit schaffen, aber wie konntest du es, ohne zu wissen, was Schönheit bedeutet? Du wolltest vom Leben schreiben, obwohl du nicht die Eigenschaften kanntest, die das Wesen des Lebens ausmachen. Du wolltest von der Welt und vom Sinn des Daseins schreiben, obwohl die Welt für dich wie ein chinesisches Puzzlespiel war, und alles, was du hättest schreiben können, sich um den Sinn des Daseins gedreht haben würde, von dem du nichts wußtest. Aber tröste dich, Martin, mein Junge. Du wirst noch schreiben. Du weißt ein wenig, ein kleines bißchen, und du bist auf dem Wege zu größerem Wissen. Wenn du Glück hast, wirst du schließlich alles wissen, was man wissen kann. Dann kannst du schreiben.«

Er erzählte Ruth von seiner großen Entdeckung und ließ sie an all der Freude und Verwunderung teilnehmen, die ihn erfüllte. Aber sie schien nicht so begeistert zu sein. Sie hörte ihm zu, ohne etwas zu sagen, und schien das alles irgendwie aus ihren eigenen Studien zu wissen. Die Entdeckung machte auf sie nicht den gleichen tiefen Eindruck, und er würde sich darüber gewundert haben, hätte er nicht gedacht, daß es für sie nicht ebenso neu und frisch wie für ihn war. Er erfuhr, daß Norman und Arthur an die Entwicklungslehre glaubten und Spencer gelesen hatten, wenn er auch anscheinend keinen tieferen Eindruck auf sie gemacht hatte, während der junge Mann mit der Brille und dem langen Haar – Will Olney hieß er – spöttische Bemerkungen über Spencer machte und den Ausspruch »Es ist kein Gott außer dem Unergründlichen, und Herbert Spencer ist sein Prophet« wiederholte.

Aber Martin verzieh ihm seine spöttische Bemerkung, denn es begann ihm aufzugehen, daß Olney nicht in Ruth verliebt war. Später machte er infolge mehrerer kleiner Vorfälle die geradezu verblüffende Entdeckung, daß Olney nicht allein nicht in Ruth verliebt war, sondern geradezu einen positiven Unwillen gegen sie hegte. Das verstand Martin nicht. Es war für ihn ein Phänomen, das mit den anderen Phänomenen im Universum nicht übereinstimmte. Immerhin tat ihm der junge Mann leid wegen des großen Mangels in seinem Wesen, der ihn verhinderte, Ruths Feinheit und Schönheit richtig einzuschätzen. Sie machten mehrmals an Sonntagen Ausflüge zu Rad in die Berge, und Martin hatte reichlich Gelegenheit, den bewaffneten Frieden, der zwischen Ruth und Olney herrschte, zu beobachten. Olney hielt sich zu Norman, wodurch Arthur und Martin mit Ruth zusammenkamen, und Martin war ihm dafür dankbar. Diese Sonntage waren Martins große Tage – hauptsächlich, weil er mit Ruth zusammen war, aber auch, weil sie ihn mit den jungen Leuten ihrer Klasse auf eine Stufe stellte. Er entdeckte, daß er, trotzdem sie sehr viele Jahre mit regelmäßigen Studien verbracht hatten, im Begriff war, ihnen geistig ebenbürtig zu werden, und die Stunden, die er der Unterhaltung mit ihnen opferte, waren für ihn gleichzeitig Übungsstunden in der so eifrig studierten Grammatik. Die Bücher über Lebensart hatte er beiseitegelegt; er verließ sich darauf, durch Beobachtung lernen zu können, wie er sich zu benehmen hätte.

Mit Ausnahme der Augenblicke, in denen er sich von seiner Begeisterung hinreißen ließ, war er stets auf der Hut, achtete genau auf das, was sie taten, und sah ihnen alle Feinheiten ihres gesellschaftlichen Auftretens ab.

Der Umstand, daß Spencer so wenig gelesen wurde, war eine Zeitlang eine Quelle der Verwunderung für Martin. »Herbert Spencer –,« sagte der Mann in der Bibliothek, »gewiß, ein großer Geist.« Aber der Mann schien tatsächlich nicht zu wissen, welche Bedeutung der große Geist hatte. Eines Tages beim Mittagessen brachte Martin in Gegenwart Charles Butlers das Gespräch auf Spencer. Ruths Vater griff die Freidenkerei des englischen Philosophen heftig an, gestand aber, »Die ersten Grundsätze« nicht gelesen zu haben, während Charles Butler sagte, daß er sich nicht im geringsten für Spencer interessierte, nie eine Zeile von ihm gelesen hätte und ausgezeichnet ohne ihn fertig geworden wäre. Martin begann zu zweifeln, und wäre er weniger selbständig gewesen, so würde er unter dem Einfluß der allgemeinen Ansicht Herbert Spencer aufgegeben haben. Andererseits aber fand er die Erklärungen Spencers überzeugend, und ein Aufgeben Spencers war, wie er sich ausdrückte, dasselbe, wie wenn ein Seefahrer Kompaß und Chronometer über Bord werfen wollte. So ließ Martin sich denn nicht abschrecken und vertiefte sich in ein gründliches Studium der Entwicklungslehre; bald beherrschte er den Gegenstand immer mehr und schöpfte immer neue Beweise aus den bestätigenden Zeugnissen voneinander unabhängiger Autoren. Und je mehr er studierte, desto größere Ausblicke erhielt er über Wissensgebiete, die noch nicht untersucht waren, und sein Bedauern, daß der Tag nur vierundzwanzig Stunden hatte, wurde allmählich chronisch.

Eines Tages entschloß er sich daher, Algebra und Geometrie aufzugeben; mit Trigonometrie hatte er sich gar nicht erst eingelassen. Dann strich er die Chemie von seinem Studienplan und behielt nur noch die Physik.

»Ich bin kein Spezialist«, entschuldigte er sich bei Ruth. »Ich will auch nicht versuchen, Spezialist zu werden. Es gibt zu viele Spezialgebiete, als daß ein Mann in einem langen Leben auch nur ein Zehntel davon beherrschen könnte. Ich muß mich darauf beschränken, allgemeines Wissen zu sammeln; wenn ich die Arbeit von Spezialisten brauche, kann ich in ihren Büchern nachschlagen.«

»Aber das ist nicht dasselbe wie der Besitz der Kenntnisse«, wandte sie ein.

»Der Besitz ist nicht notwendig. Ich ziehe Nutzen aus der Arbeit der Spezialisten. Dafür sind sie da. Als ich kam, bemerkte ich, daß Schornsteinfeger bei Ihnen an der Arbeit waren. Das sind Spezialisten. Und wenn sie fertig sind, haben Sie saubere Schornsteine und freuen sich darüber, ohne deshalb etwas von der Konstruktion der Schornsteine zu wissen.«

»Die Erklärung scheint mir etwas gesucht.«

Sie sah ihn an, und er fühlte in ihrem Blick und ihrer Haltung einen Vorwurf. Aber er war von der Richtigkeit seines Standpunktes überzeugt.

»Alle Denker, die sich mit allgemeinen Gegenständen beschäftigen – also die größten Geister der Welt –, beziehen sich auf die Spezialisten. Auch Herbert Spencer tat das. Er zog seine Schlüsse aus dem, was Tausende von Forschern beobachtet hatten. Um alles selbst zu tun, hätte er sein Leben tausendmal leben müssen. Und ebenso ging es Darwin. Er zog Nutzen aus allem, was er von Gärtnern und Tierzüchtern gelernt hatte.«

»Sie haben recht, Martin«, sagte Olney. »Sie wissen, was Sie wollen, und das tut Ruth nicht. Sie weiß nicht einmal, was sie in bezug auf sich selber will.«

»... O doch,« fuhr Olney fort, ohne ihre Einwände zu beachten, »ich weiß, Sie nennen das allgemeine Bildung. Aber es ist ganz gleich, was man studiert, wenn man allgemeine Bildung sucht. Man kann Französisch oder Deutsch studieren, oder auch beide Sprachen lassen und Esperanto lernen, dadurch erhält man doch dasselbe Gepräge von Bildung. Zu demselben Zweck kann man Griechisch oder Latein studieren, obwohl man nicht den geringsten Nutzen davon hat. Aber es verleiht eben Bildung. Sehen Sie, Ruth hat einmal Angelsächsisch studiert und war sehr tüchtig darin – das war vor zwei Jahren, und jetzt weiß sie nichts mehr davon als diesen oder jenen Vers. Stimmt das nicht?«

»Aber deshalb hat es ihr doch ein Gepräge von Bildung verliehen«, lachte er und schnitt wieder ihre Einwände ab. »Ich weiß es. Wir besuchten dieselben Vorlesungen.«

»Sie sprechen von Bildung, als wäre sie ein Mittel, dies oder jenes zu erreichen«, rief Ruth. Ihre Augen blitzten, und sie hatte rote Flecken auf den Wangen. »Bildung ist selbst ein Ziel.«

»Aber nicht das, welches Martin sucht.«

»Woher wissen Sie das?«

»Was suchen Sie, Martin?« wandte Olney sich direkt an ihn.

Martin war sehr unbehaglich zumute; er blickte Ruth flehend an.

»Ja, was suchen Sie?« fragte Ruth. »Das ist eben das Entscheidende.«

»Selbstverständlich suche ich Bildung«, stammelte Martin. »Ich liebe alles, was schön ist, und Bildung wird mir einen edleren und lebendigeren Schönheitssinn schenken.«

Sie nickte und sah Olney triumphierend an.

»Das ist Unsinn, und das wissen Sie auch«, sagte der junge Mann. »Martin ist nach einer Karriere aus, nicht nach Bildung. Es trifft sich nur gerade, daß die Karriere für ihn Bildung bedeutet. Wollte er Chemiker werden, so brauchte er keine Bildung. Martin will schreiben, aber er fürchtet sich, es zu sagen, weil er damit beweisen würde, daß Sie unrecht haben.«

»Und warum will Martin schreiben?« fuhr er fort. »Weil er nicht im Gelde wühlt. Warum füllen Sie sich den Kopf mit Angelsächsisch und allgemeiner Bildung? Weil Sie es nicht nötig haben, sich heraufzuarbeiten. Dafür hat Ihr Vater gesorgt. Er kauft Ihnen Kleider und alles andere. Was haben wir von unserer morschen Erziehung, Sie und ich und Arthur und Norman? Wir sind von allgemeiner Bildung durchsäuert, und wenn unsere Väter heute verkrachten, würden wir morgen in einem Lehrerexamen durchfallen. Das Höchste, was Sie, Ruth, erreichen könnten, wäre eine Dorfschule oder eine Stellung als Musiklehrerin in einem Pensionat für junge Mädchen.«

»Und was würden Sie machen?« fragte sie.

»Gar nichts. Ich könnte mit meinen Händen anderthalb Dollar den Tag verdienen, könnte vielleicht Lehrer an Hanleys Presse werden – ich sage vielleicht, beachten Sie das – und würde vielleicht, ehe die Woche um ist, wegen Untauglichkeit hinausgeworfen werden.«

Martin folgte der Diskussion gespannt, und wenn er auch überzeugt war, daß Olney recht hatte, so mißbilligte er doch die etwas überlegene Art und Weise, wie er Ruth behandelte. Eine neue Auffassung von Liebe bildete sich in ihm, während er lauschte. Vernunft hatte nichts mit Liebe zu tun. Es war ganz gleichgültig, ob die Frau, die er liebte, richtig dachte oder nicht. Liebe stand über aller Vernunft. Erfaßte sie zufällig nicht richtig, wie notwendig es für ihn war, sich einen Weg in der Welt zu bahnen, so machte sie das nicht im geringsten weniger anbetungswürdig. Was sie dachte, hatte in dieser Beziehung nichts zu bedeuten.

»Wie bitte?« antwortete er auf eine Frage Olneys, die plötzlich seinen Gedankengang unterbrach.

»Ich sagte, Sie wären hoffentlich nicht so dumm, sich mit Latein abzugeben.«

»Aber Latein bedeutet mehr als Bildung«, fiel Ruth ihm ins Wort. »Es ist notwendiger Ballast.«

»Nun, so wollen Sie sich also mit Latein abgeben?« fuhr Olney fort.

Martin wußte weder ein noch aus. Er konnte sehen, daß Ruth seine Antwort mit Spannung erwartete. »Ich fürchte, daß ich keine Zeit dazu habe«, sagte er schließlich. »Ich möchte sehr gern, aber ich habe keine Zeit.«

»Sie sehen, daß es Martin nicht um Bildung zu tun ist«, triumphierte Olney. »Er will ein Ziel erreichen, etwas ausrichten.«

»Aber es ist Geistestraining, Denkübung. Es diszipliniert den Geist.« Ruth sah Martin erwartungsvoll an, als dächte sie, daß er anderen Sinnes würde. »Sie wissen doch, daß Fußballspieler für den Wettkampf trainieren müssen. Und das bedeutet Latein für den denkenden Menschen. Es trainiert ihn.«

»Unsinn! Das hat man uns erzählt, als wir Kinder waren. Aber etwas hat man uns damals nicht erzählt. Das mußten wir später herausfinden.« Olney machte, um seine Worte wirkungsvoller zu machen, eine Pause und fügte dann hinzu: »Was man uns nicht erzählte, war, daß jeder Gebildete Latein hätte lernen sollen, daß aber kein Gebildeter Latein kann.«

»Nein, das ist kein ehrliches Spiel!« rief Ruth. »Ich wußte, daß Sie das Gespräch auf eine andere Bahn bringen würden, um Gelegenheit zu haben, eines ihrer Paradoxe anzubringen.«

»Es ist zwar ein Paradox,« antwortete er, »aber dabei doch ein vollkommen ehrliches Spiel. Die einzigen Menschen, die Latein können, sind Apotheker, Juristen und die Lateinlehrer. Und ich würde mich sehr wundern, wenn Martin zu einem dieser Berufe Lust hätte. Aber was hat das übrigens mit Herbert Spencer zu tun? Martin hat soeben Spencer entdeckt und ist ganz wild auf ihn. Warum? Weil Spencer ihn zu einem Ziele führt. Wir haben kein Ziel, auf das wir losgehen. Sie verheiraten sich natürlich eines Tages, und ich brauche nur die Anwälte und Agenten, die das mir von meinem Vater hinterlassene Geld verwalten, an den Ohren zu halten.«

Olney erhob sich, um zu gehen. Aber in der Tür wandte er sich noch einmal um und schoß den letzten Pfeil auf Ruth ab.

»Lassen Sie Martin nun in Frieden, Ruth! Er weiß selbst, was ihm not tut. Sehen Sie, was er schon erreicht hat! Er macht mich manchmal ganz elend und schamvoll – elend und schamvoll über mich selbst. Er weiß tatsächlich von der Welt und dem Leben, dem Platz der Männer im Leben und alledem weit mehr als Arthur und ich, ja, auch als Sie, und das trotz all unserm Latein, Französisch, Angelsächsisch und unserer allgemeinen Bildung.«

»Aber Ruth ist meine Lehrerin«, antwortete Martin ritterlich. »Das wenige, das ich weiß, habe ich ihr zu verdanken.«

»Unsinn!« Olney sah Ruth boshaft an. »Schließlich wollen Sie mir noch erzählen, daß Sie Spencer auf Ruths Empfehlung gelesen haben – aber das ist nicht wahr. Denn sie weiß von Darwin und der Entwicklungslehre nicht mehr als ich von König Salomons Minen. Was war das für eine halsbrecherische Definition von irgend etwas bei Spencer, mit der Sie uns neulich erheiterten? – Diese unbestimmte, unzusammenhängende Bemerkung von der Gleichartigkeit der Dinge? Fragen Sie sie, und Sie werden sehen, daß sie nicht ein Wort davon versteht! Das ist nicht allgemeine Bildung, verstehen Sie. Na ja! Und wenn Sie mit Latein anfangen, Martin, dann habe ich keine Achtung mehr vor Ihnen.«

War Martin einerseits dem Gespräch mit großem Interesse gefolgt, so ärgerte er sich anderseits irgendwie darüber. Es hatte von Studium und Unterricht gehandelt, Gegenständen, die mit den elementarsten Kenntnissen zu tun hatten, und der schulknabenhafte Ton stand in scharfem Gegensatz zu den großen Gefühlen, die sich in ihm regten – zu dem Griff ins Leben, der seine Finger sich wie Adlerkrallen krümmen ließ, zu dem kosmischen Gefühl, das ihn durchschauerte, und zu dem dämmernden Bewußtsein, daß er alles beherrschen konnte. Er verglich sich selbst mit einem Dichter, der an fremden Küsten Schiffbruch erlitten hat und stammelnd den vergeblichen Versuch macht, in der plumpen barbarischen Sprache seiner neuen Landsleute zu singen. So ging es ihm. Er war sich der großen, universellen Dinge bewußt, peinlich bewußt, und doch war er genötigt, unter Gegenständen herumzutasten und zu suchen, die für Schulknaben geeignet waren, und sich darüber zu streiten, ob er Latein lernen sollte oder nicht.

»Zum Donnerwetter, was hat Latein damit zu tun?« fragte er, als er abends vor seinem Spiegel stand. »Ich wünsche, daß Tote tot blieben. Warum soll ich und all die Schönheit, die in mir wohnt, von Toten beherrscht werden? Schönheit ist lebendig und ewig. Sprachen kommen und gehen. Sie sind der Staub des Todes.«

Gleich darauf fiel ihm ein, daß er seine Gedanken ausgezeichnet formuliert hätte, und als er im Bett lag, dachte er darüber nach, warum er sich nicht so ausdrücken konnte, wenn er mit Ruth zusammen war. In ihrer Gegenwart war er nur ein Schulknabe, mit der Sprache eines Schulknaben.

»Laßt mir Zeit«, sagte er laut. »Laßt mir nur Zeit.«

Zeit! Zeit! Zeit! war seine ewige Klage.

* * *

 

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