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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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An diesem Tage blieb er zum Mittagessen, und zu Ruths Genugtuung machte er einen guten Eindruck auf ihren Vater. Sie sprachen über die See als Beruf – ein Gegenstand, den Martin in- und auswendig kannte –, und Herr Morse bemerkte später, daß er ein sehr vernünftiger junger Mann zu sein schiene. Da Martin allen Slang vermeiden wollte und häufig nach den rechten Ausdrücken suchte, war er gezwungen, langsam zu sprechen, was ihm wiederum ermöglichte, seine besten Gedanken zu finden. Er war freier als an dem ersten Abend vor etwa einem Jahre, und seine Bescheidenheit machte sogar einen guten Eindruck auf Ruths Mutter, die sich über die deutliche Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, freute.

»Er ist der erste Mann, der je Eindruck auf Ruth gemacht hat«, sagte sie später zu ihrem Manne. »Sie ist bisher Männern gegenüber so schrecklich zurückhaltend gewesen, daß ich mir schon Sorgen um sie gemacht habe.«

Herr Morse blickte seine Frau neugierig an.

»Und nun willst du diesen jungen Seemann dazu gebrauchen, sie zu ›erwecken‹?«

»Soweit ich dazu beitragen kann, soll sie nicht als alte Jungfer sterben«, lautete die Antwort. »Wenn der junge Eden in ihr das Interesse für Männer überhaupt erregen könnte, so wäre das gut.«

»Ausgezeichnet«, stimmte er zu. »Aber gesetzt – man muß auch an so etwas denken, mein Kind –, gesetzt, daß er in allzu hohem Maße ihr Interesse für sich persönlich erregte?«

»Unmöglich!« lachte Frau Morse. »Sie ist drei Jahre älter als er, und das ist doch überhaupt ganz unmöglich. Das hat keine Gefahr. Verlaß dich auf mich.«

Und so wurde Martin eine Rolle zugeteilt, während er, von Arthur und Norman angeregt, an eine große Ausschweifung dachte. Sie wollten am Sonntagmorgen auf ihren Rädern in die Berge fahren, was Martin nicht interessierte, bis er hörte, daß Ruth auch mitfuhr. Er radelte zwar nicht, wenn Ruth es aber tat, wollte er es auch anfangen, und so ging er denn auf dem Heimwege in eine Fahrradhandlung und kaufte sich für vierzig Dollar ein Fahrrad. Das war mehr als die mühsam verdiente Heuer eines ganzen Monats und machte ein großes Loch in seinen Geldbeutel; wenn er aber die hundert Dollar, die er vom Examiner haben sollte, zu den vierhundertundzwanzig Dollar legte, die das Jugendmagazin ihm mindestens zahlen mußte, so fühlte er die ungewohnte Geldsumme, die dieser Kauf verschlungen hatte, zu einem Nichts zusammenschrumpfen. Es machte auch nicht viel Eindruck auf ihn, daß er, als er lernen wollte, auf dem Rade heimzufahren, seinen neuen Anzug verdarb. Er rief am selben Abend vom Laden seines Schwagers aus den Schneider an und bestellte sich einen neuen. Dann trug er das Fahrrad die enge Treppe hinauf, die sich wie eine Brandleiter an die Rückseite des Hauses klammerte, und als er sein Bett von der Wand abgerückt hatte, fand er, daß das kleine Stübchen gerade genügend Raum für ihn und das Fahrrad bot.

Den Sonntag hatte er eigentlich benutzen wollen, um sich für das Aufnahmeexamen vorzubereiten, aber der Aufsatz über die Perlenfischerei lockte ihn von der Arbeit fort, und er verbrachte den Tag in einem weißglühenden Fieber, um der in ihm brennenden Schönheit und Romantik Ausdruck zu verleihen. Daß der Examiner auch heute seinen Aufsatz über die Schatzsucher nicht brachte, verdarb seine gute Laune nicht, und da er nicht hörte, wie er wiederholt zum Mittagessen gerufen wurde, mußte er die schwere Mahlzeit entbehren, mit der Bernhard Higginbotham unweigerlich seinen Tisch dieses eine Mal in der Woche schmückte. Für Bernhard Higginbotham war ein derartiges Mittagessen ein Ausdruck für Wohlstand und gute Verhältnisse, und er würzte es durch kleinbürgerliche Predigten über die Einrichtungen Amerikas und die Möglichkeiten, die diese Einrichtungen einem Manne gaben, um in der Welt vorwärtszukommen – er unterließ nie zu bemerken, daß er selbst es vom Krämerlehrling bis zum Inhaber von Higginbothams Bar- und Kassageschäft gebracht hatte.

Am Montagmorgen warf Martin Eden seufzend noch einen Blick auf den unvollendeten Aufsatz über die Perlenfischerei und fuhr dann mit der Straßenbahn nach dem Oaklander Gymnasium. Und als er sich einige Tage später den Bescheid über den Ausfall des Examens abholte, erfuhr er, daß er in allen Fächern mit Ausnahme von Grammatik durchgefallen war.

»In Grammatik sind Sie ausgezeichnet,« berichtete Professor Hilton ihm und starrte ihn durch seine großen Brillengläser an, »aber Sie wissen nichts, absolut nichts in den andern Fächern, und in Geschichte sind Sie geradezu furchtbar; es gibt kein anderes Wort dafür – furchtbar. Ich rate Ihnen ...«

Professor Hilton hielt inne und blickte ihn wütend und so sympathie- und phantasielos wie eines seiner eigenen Vergrößerungsgläser an. Er war Physiklehrer am Gymnasium, hatte eine große Familie, ein mageres Gehalt und einen seltenen Schatz von eingelerntem Wissen.

»Ja,« sagte Martin demütig und hätte gewünscht, daß der Mann, der am Pult in der Bibliothek saß, in diesem Augenblick den Platz Professor Hiltons eingenommen hätte.

»Ich rate Ihnen, wieder in die Volksschule zu gehen und mindestens zwei Jahre dort zu bleiben. Guten Tag.«

Das Unglück machte keinen besonders starken Eindruck auf Martin, wenn er auch erstaunt war über das erschrockene Gesicht Ruths, als er ihr von dem Rat erzählte, den Professor Hilton ihm erteilt hatte. Ihre Enttäuschung war so offenkundig, daß es ihm leid tat, durchgefallen zu sein, aber hauptsächlich ihretwegen.

»Sie sehen, daß ich recht hatte«, sagte sie. »Sie wissen viel mehr als die andern Schüler, die ins Gymnasium eintreten, und doch konnten Sie das Examen nicht bestehen. Das kommt, weil das Wissen, das Sie bis jetzt errungen haben, so zufällig und oberflächlich ist. Sie brauchen die Übung, die man durch regelmäßiges Studium erhält, und die nur tüchtige Lehrer Ihnen geben können. Sie müssen eine geeignete Grundlage erhalten. Professor Hilton hat recht, und ich an Ihrer Stelle würde in die Abendschule gehen. Dort könnten Sie es vielleicht in anderthalb Jahren schaffen. Außerdem hätten sie den Tag frei zum Schreiben oder, wenn Sie Ihr Brot nicht mit der Feder verdienen können, zu irgendeiner andern Arbeit.«

»Wenn ich aber den Tag über arbeite und abends in die Schule gehe, wann habe ich dann Gelegenheit, Sie zu sehen?« war Martins erster Gedanke, wenn er ihn auch nicht aussprach. Statt dessen sagte er:

»Es erscheint mir so kindisch, in die Abendschule zu gehen. Aber daraus würde ich mir nichts machen, wenn ich glaubte, daß es sich lohnte. Ich kann es allein viel schneller lernen, als die es mir beibringen können. Es wäre Zeitverlust« – er dachte an sie und seinen Wunsch, sie zu besitzen –, »und ich habe keine Zeit zu verlieren. Ich kann wirklich nicht diese ganze Zeit dafür opfern.«

»Es gehört viel dazu.« Sie sah ihn freundlich an, und er kam sich gemein vor, daß er ihr nicht ohne weiteres folgte. »Physik und Chemie – die können Sie nicht ohne Laboratorium lernen, und Sie werden bald einsehen, daß es fast hoffnungslos ist, Arithmetik und Geometrie ohne Unterricht lernen zu wollen. Sie brauchen tüchtige Lehrer, Spezialisten in der Kunst des Einpaukens.«

Er schwieg einen Augenblick und grübelte darüber nach, wie er sich ausdrücken könnte, ohne daß es eingebildet klang.

»Glauben Sie nicht, daß ich prahlen will«, begann er. »Ich meine es jedenfalls nicht so. Aber ich habe das Gefühl, daß ich zum Studium begabt bin. Ich kann allein lernen. Es ist mir angeboren, wie einer Ente das Schwimmen. Sie sehen selbst, was ich mit der Grammatik erreicht habe. Und ich habe noch eine Menge anderes gelernt – was Sie gar nicht ahnen. Und dabei habe ich doch erst angefangen. Warten Sie nur, bis ich richtig in Schwung bin. Ich fange ja erst an, Fühlung mit den Dingen zu nehmen. Ich fange an, den Kram wegzukriegen –«

»Bitte sagen Sie nicht, ›den Kram wegzukriegen‹«, unterbrach sie ihn.

Er fuhr errötend fort: »Ich kriege Land in Sicht. Wissen kommt mir vor wie ein Kompaßhaus. Jedesmal, wenn ich in die Bibliothek komme, wirkt es so auf mich. Der Lehrer soll dem Schüler den Kompaß systematisch erklären. Die Lehrer sollen einem das Kompaßhaus zeigen – das ist alles. Es ist nicht etwas, das sie selbst im Kopfe haben. Sie erfinden es nicht, noch schaffen sie es. Es steht alles im Kompaßhaus; sie wissen, wie man sich darin zurechtfindet, und es ist ihre Sache, Fremde, die sich sonst leicht verirren würden, zurechtzuweisen. Sehen Sie, ich verirre mich in der Regel nicht. Ich habe Ortssinn. Und ich habe nun schon eine ziemliche Zeit im Kompaßhaus verbracht und weiß bald selber, was ich nötig habe – welche Karten ich benutzen und welche Küsten ich untersuchen will. Und auf meine Weise, die Dinge zu sammeln, lerne ich allein viel schneller. Die Schnelligkeit einer ganzen Flotte ist die, mit der das langsamste Schiff fahren kann. Und ebenso geht es mit der Schnelligkeit der Lehrer. Sie gehen nicht schneller vorwärts, als die Masse ihrer Schüler mitkommt, und ich selbst kann schneller weiter kommen als sie mit einer ganzen Klasse.«

»Der reist am schnellsten, der ganz allein reist«, zitierte sie.

»Aber ich würde doch schneller mit Ihnen reisen«, hätte er fast laut gerufen, im selben Augenblick sah er jedoch eine endlose Welt sonniger Flecken und sternenheller leerer Räume, durch die er, den Arm um sie gelegt, schwebte, während ihr blaßgoldenes Haar ihm ins Gesicht wehte. Und im selben Augenblick erkannte er, wie kläglich unzureichend die menschliche Rede war. Herrgott! Wenn er doch nur die Worte finden könnte, um sie sehen zu lassen, was er in diesem Augenblick sah. Und er fühlte, wie sich in ihm – wie ein sich in Geburtswehen windender Drang – der Wunsch regte, die Gesichte zu schildern, die sich unaufgefordert in einem Nu im Spiegel seines Gehirns zeigten. Ja, das war es eben! Er hatte den Zipfel des Geheimnisses erwischt. Das war es eben, was die großen Dichter und Schriftsteller machte. Daher waren sie Giganten. Sie wußten, wie sie das ausdrücken sollten, was sie dachten, fühlten und sahen. Hunde, die in der Sonne schliefen, knurrten und bellten, waren aber außerstande zu erzählen, was sie knurren und bellen ließ. Er hatte oft über die Ursache nachgedacht. Aber so war er also – ein Hund, der in der Sonne schlief. Er sah edle, schöne Gesichte, konnte Ruth aber nur anknurren und anbellen. Aber er wollte nicht mehr in der Sonne schlafen. Er wollte sich mit offenen Augen erheben, kämpfen, arbeiten und lernen, bis er, mit sehenden Augen und gelöster Zunge, seinen ganzen Reichtum an Gesichten mit ihr teilen konnte. Andere Menschen hatten herausbekommen, wie sie die Worte zu ihren gehorsamen Sklaven machen und Zusammenstellungen von Worten mehr bedeuten lassen konnten, als die Summe der einzelnen Worte. Bei diesem flüchtigen Schimmer des Geheimnisses war er tief bewegt und fühlte sich wiederum erhoben zu diesem Anblick sonniger Flecken und sternenklarer, leerer Räume ... bis er merkte, daß es sehr still in der Stube war. Da sah er, wie Ruth ihn leise belustigt und mit einem Lächeln in den Augen anblickte.

»Ich habe eine große Vision gehabt«, sagte er, und bei dem Klang seiner eigenen Worte klopfte ihm das Herz heftig. Woher waren diese Worte gekommen? Sie hatten genau ausgedrückt, was er in der Gesprächspause erlebt hatte. Es war ein Wunder. Nie hatte er versucht, erhabene Gedanken in Worte umzusetzen. Das war alles. Das erklärte alles. Er hatte es nie versucht. Aber Swinburne hatte es getan und Tennyson und Kipling und alle andern Dichter. Seine Gedanken flogen zu den »Perlenfischern« zurück. Nie hatte er gewagt, sich mit den wirklich großen Dingen einzulassen, mit dem Schönheitsdrang, der wie Feuergluten in ihm brannte. Der Aufsatz würde etwas ganz anderes werden, wenn er ihn fertig hatte. Er erschrak über die ungeheure Schönheit, die mit Recht zu dem Aufsatz gehörte, und wieder erhob sich seine Seele zu den großen Dingen, und er fragte sich, warum er die Schönheit nicht wie die großen Dichter in edlen Versen besingen konnte. Und dazu liebte er Ruth mit all der geheimnisvollen Freude und Verwunderung, die seine Seele füllte. Warum konnte er nicht auch die Liebe besingen, wie die Dichter taten? Sie hatten von Liebe gesungen. Das wollte er auch tun. Da soll Gott –!

Und plötzlich hörte er diesen Ausruf in seinen erschrockenen Ohren. Er war hingerissen worden und hatte es laut gesagt. Das Blut stieg ihm in heißen Wellen ins Gesicht und ließ es, trotzdem es so sonnenverbrannt war, vom Kragen bis zu den Haarwurzeln erröten.

»Ich – ich – bitte um Entschuldigung«, stammelte er. »Ich dachte.«

»Es klang, als ob Sie beteten«, sagte sie mutig, aber es war, als schauderte sie innerlich. Es war das erstemal, daß sie einen Mann, den sie kannte, fluchen hörte, und das empörte sie nicht nur infolge ihrer Prinzipien und ihrer Erziehung, sondern kränkte sie im Innersten durch diesen gewaltsamen Lebenshauch, der in den Garten eindrang, in dem sie in jungfräulicher Unberührtheit lebte.

Aber sie verzieh ihm und wunderte sich gleichzeitig, daß ihr dies Verzeihen so leicht ward. Es war ja auch nicht so schwer, ihm zu verzeihen. Er hatte nicht die Möglichkeiten anderer Männer gehabt, er arbeitete schwer und hatte ja auch Erfolge. Nie war ihr eingefallen, daß ihre freundliche Gesinnung ihm gegenüber andere Gründe haben konnte. Ihre Gefühle waren von Zärtlichkeit getragen, aber sie wußte es nicht. Woher sollte sie es denn auch wissen? Die Ruhe, die ihre vierundzwanzig Jahre, in denen sie nicht ein einziges Mal verliebt gewesen war, ihr gaben, gewährten ihr keinen Einblick in ihre Gefühle; sie hatte nie die Wärme der Liebe gefühlt und war sich auch darum nicht bewußt, daß sie in eben diesem Augenblick in ihr erwachte.

* * *

 

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