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Martin Eden. Erster Band

Jack London: Martin Eden. Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJack London
titleMartin Eden. Erster Band
publisherUniversitas
year1927
printrun21. ? 40. Tausend
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170916
projectid6b6cfeeb
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Martin Eden kam von See nach Kalifornien zurück mit der Sehnsucht eines Liebenden. Als sein Geld verbraucht war, hatte er als Matrose auf dem Schatzsucherschiff angeheuert. Auf den Salomoninseln hatte sich dann die Expedition aufgelöst, nachdem sie acht Monate vergeblich nach dem Schatz gesucht hatte. Die Mannschaft war in Australien abgemustert worden, und Martin hatte sofort wieder auf einem in San Franzisko beheimateten Schiffe angeheuert. In diesen acht Monaten hatte er nicht allein so viel Geld zurückgelegt, daß er viele Wochen an Land bleiben konnte, sondern auch Gelegenheit gehabt, eine ganze Menge zu lesen und zu studieren.

Er war begabt, und hinter seiner Begabung standen sein unbezähmbarer Wille und seine Liebe zu Ruth. Die mitgenommene Grammatik nahm er sich immer wieder vor, bis sein nicht von der Arbeit früherer Jahre mitgenommenes Hirn sie völlig meisterte. Er bemerkte die schlechte Aussprache und die grammatikalisch falschen Satzbildungen seiner Kameraden und verbesserte sie in Gedanken. Zu seiner großen Freude entdeckte er, daß sein Ohr anfing, für Aussprache und Satzbau empfindlich zu werden, und daß er allmählich reiner und besser sprach als die Schiffsoffiziere, ja selbst als die Abenteurer in der Kajüte, die die Expedition ausgerüstet hatten.

Der Kapitän war ein Norweger mit Schellfischaugen, dem irgendwie eine vollständige Shakespeare-Ausgabe in die Hände gefallen war, und wenn Martin ihm sein Zeug gewaschen hatte, lieh er im dafür die teuren Bücher. Eine Zeitlang hatten ihn die Dramen und die vielen Verse, die sich ihm fast ohne Anstrengung einprägten, so begeistert, daß ihm die ganze Welt fast wie ein Shakespearesches Drama erschien und er beinahe in Jamben dachte. Das übte sein Ohr und brachte ihm Verständnis für die dichterische Sprache bei, während es ihm gleichzeitig einen großen Schatz an altertümlichen Worten und Wendungen schenkte.

Er hatte die acht Monate gut angewandt und hatte außer dem korrekten Sprechen und dem hohen Gedankenfluge auch sich selbst kennengelernt. Gleichzeitig mit der Demut über sein geringes Wissen stellte sich bei ihm ein gewisses Selbstbewußtsein ein. Er fühlte einen bedeutenden Unterschied zwischen sich und seinen Kameraden und war klug genug, sich klarzumachen, daß dieser Unterschied eher in seinen Möglichkeiten als in seinen bereits erzielten Erfolgen lag. Was er tun konnte, konnten sie auch tun, aber in seinem Innern lebte ein wirres, gärendes Gefühl, daß mehr in ihm steckte, als er bereits getan hatte. Ihn peinigte die wunderbare Schönheit der Welt, und er hätte gewünscht, daß Ruth bei ihm gewesen wäre, um sie mit ihm zu teilen. Er sagte sich, daß er ihr die Schönheit beschreiben wollte, die er in der Südsee gesehen hatte. Der schöpferische Geist in ihm flammte bei diesem Gedanken auf und spornte ihn an, all diese Schönheit vor einem größeren Kreise als Ruth allein wiedererstehen zu lassen. Und da kam, in Glanz und Pracht, der große Gedanke. Er wollte sehreiben. Er wollte eines der Augen werden, durch die die Welt sah, eines der Ohren, durch die sie hörte, eines der Herzen, durch die sie fühlte. Er wollte schreiben – alles – Poesie, Prosa, Romane, Beschreibungen und Dramen, wie Shakespeare sie geschrieben hatte. Das war eine Karriere, und das war eine Möglichkeit, Ruth zu gewinnen. Die Männer, die Bücher schrieben, waren die Großen der Welt, und er hatte das Gefühl, daß sie weit größer waren als Charles Butler und seinesgleichen, die dreißigtausend Dollar jährlich verdienten und, wenn sie wollten, Mitglieder des Reichsgerichts werden konnten.

Als der Gedanke erst geboren war, unterwarf er sich ihm schnell und legte die ganze Rückreise nach San Franzisko wie im Traum zurück. Er war von einer ungeahnten Macht berauscht und fühlte, daß er alles, was es auch sei, tun konnte. Mitten auf dem großen, einsamen Meer gewann er den Überblick über die Dinge. Zum erstenmal sah er Ruth und ihre Welt klar und deutlich. Sie stand vor seinen Gedanken wie etwas Greifbares, etwas, das er in seinen Händen heben, wenden und untersuchen konnte. Es gab soviel Unklares, Verschleiertes in der Welt, aber er sah sie als ein Ganzes, nicht in Einzelheiten, und er sah auch, wie er ihrer Herr werden konnte. Schreiben! Der Gedanke brannte wie Feuer in ihm. Gleich nach seiner Rückkehr wollte er anfangen. Das erste sollte eine Schilderung der Schatzsucherreise sein. Er wollte die Beschreibung an eine der San-Franziskoer Zeitungen verkaufen, er wollte Ruth nichts davon sagen, und sie sollte freudig überrascht werden, wenn sie seinen Namen gedruckt las. Während er schrieb, wollte er seine Studien fortsetzen. Jeder Tag hatte vierundzwanzig Stunden. Er war unüberwindlich. Er wußte, wie er arbeiten sollte, und die stärksten Festungen sollten vor ihm in den Staub sinken. Er brauchte nie mehr zur See zu gehen, jedenfalls nicht mehr als Matrose, und im Augenblick träumte er sogar von einer Dampfjacht. Es gab Schriftsteller, die Dampfjachten besaßen. Natürlich, das sagte er sich warnend, würde es etwas dauern, bis er so weit war, und im Anfang mußte er froh sein, wenn er durch seine schriftstellerische Tätigkeit Geld genug verdiente, um sein Studium fortzusetzen. Und wenn er nach einiger Zeit – der Begriff war sehr dehnbar – genug gelernt und sich vorbereitet hatte, dann wollte er das wirklich Große schreiben, und sein Name sollte auf aller Lippen sein. Weit größer, unendlich größer, ja, am größten von allem war, daß er sich dann Ruths würdig gezeigt hatte. Ruhm mochte recht schön sein, aber es war Ruths wegen, daß er seine strahlenden Träume träumte. Er war keiner, dem der Ruhm es angetan hatte, er war nur einer von Gottes erkorenen, wahnsinngeschlagenen Liebenden.

Mit einem netten Sümmchen in der Tasche wieder in Oakland, bezog er sein altes Zimmer bei Bernard Higginbotham und begann zu arbeiten. Er ließ nicht einmal Ruth wissen, daß er wiedergekommen war. Er wollte sie erst besuchen, wenn der Aufsatz über die Schatzsucher fertig war. Es wurde ihm nicht einmal schwer, sich des Besuches zu enthalten, denn die mächtige Flamme des schöpferischen Fiebers brannte in ihm. Dazu sollte der Aufsatz, den er schrieb, sie ihm näherbringen. Er wußte nicht, wie lang der Aufsatz sein durfte, aber er zählte die Wörter eines doppelseitigen Aufsatzes in der Sonntagsbeilage des San Francisco Examiner und richtete sich danach. Drei Tage arbeitete er mit wilder Hast an seiner Erzählung, als er sie aber sorgfältig, mit großen, ungeschickten, leicht lesbaren Buchstaben ins reine geschrieben hatte, erwischte er in der Bibliothek ein Buch über Rhetorik, aus dem er lernte, daß es etwas gab, was Abschnitte und Anführungsstriche hieß. Er hatte noch nie an etwas Derartiges gedacht und begann jetzt sofort den Artikel umzuschreiben, wobei er immer wieder das Buch zu Rate zog. So lernte er an einem einzigen Tage mehr, als ein Schulknabe in einem ganzen Jahr. Als er den Aufsatz zum zweitenmal ins reine geschrieben und sorgsam zusammengerollt hatte, las er in einer Zeitung einige »Winke für Anfänger« und erfuhr das unerbittliche Gesetz, daß ein Manuskript nie zusammengerollt, und daß es nur einseitig beschrieben werden darf. Er hatte das Gesetz in beiden Punkten übertreten. Aus derselben Notiz erfuhr er ferner, daß die großen Zeitungen mindestens zehn Dollar die Spalte bezahlten, und so tröstete er sich, während er das Manuskript zum drittenmal abschrieb, indem er zehn Spalten mit zehn Dollar multiplizierte. Das Ergebnis war immer dasselbe – hundert Dollar –, und er entschied, daß das besser war, als zur See zu fahren. Wenn er nicht alle diese Fehler gemacht hätte, würde er den Aufsatz in drei Tagen geschrieben haben. Hundert Dollar in drei Tagen. Zur See hätte er drei Monate und länger gebraucht, um eine solche Summe zu verdienen. Man mußte ein Narr sein, um zur See zu gehen, wenn man schreiben konnte, sagte er bei sich, obwohl das Geld an und für sich ihm nichts bedeutete. Wert hatte in seinen Augen nur die Freiheit, die es ihm verschaffen, die gute Kleidung, die er sich dafür kaufen konnte – lauter Dinge, die ihn dem schlanken, blassen jungen Mädchen näherbringen sollten, das in sein Dasein eingegriffen und ihn angespornt hatte.

Er legte das Manuskript in einen großen Umschlag und schickte es an den Redakteur des San Francisco Examiner. Er dachte sich, daß ein von einem Blatt angenommener Aufsatz sofort veröffentlicht würde, und da er das Manuskript am Freitag eingesandt hatte, erwartete er, seinen Aufsatz am folgenden Sonntag gedruckt zu sehen. Er meinte, das wäre eine hübsche Art und Weise, Ruth von seiner Rückkehr zu unterrichten. Dann wollte er am Sonntag nachmittag zu ihr gehen und sie begrüßen. Unterdessen beschäftigte ihn eine andere Idee, die, wie er glaubte, wirklich vernünftig, gesund und bescheiden war. Er wollte eine Abenteuergeschichte für Knaben schreiben und sie dem Jugendmagazin verkaufen. Er ging in den Lesesaal der Volksbibliothek und blätterte mehrere Jahrgänge des Jugendmagazins durch. Er sah, daß die Geschichten durchweg in fünf Fortsetzungen zu je etwa dreitausend Wörtern gedruckt waren. Er sah aber auch mehrere Erzählungen, die sich über sieben Nummern erstreckten, und er entschloß sich, eine von dieser Länge zu schreiben.

Er hatte einmal eine Walfangexpedition in den Arktischen Meeren mitgemacht – eine Reise, die auf drei Jahre berechnet gewesen war, aber nach einem halben Jahr durch Schiffbruch ihr Ende fand. Seine Einbildungskraft war lebhaft, zeitweise sogar phantastisch, gleichzeitig aber besaß er einen ausgeprägten Wirklichkeitssinn, der ihn zwang, nur über Dinge zu schreiben, die er kannte. Er kannte den Walfang und begann das Material, das er besaß, zu den abenteuerlichen Erlebnissen umzugestalten, die das Los der beiden Knaben werden sollten, welche er zu Helden seiner Geschichte machen wollte. Am Sonnabend entschied er, daß es eine leichte Arbeit war. Er hatte an diesem Tage den ersten Abschnitt von dreitausend Wörtern beendet – zur großen Belustigung Jims und zum offenen Spott Bernard Higginbothams, der beim Essen andauernd Bemerkungen über den »Literaten« machte, der plötzlich in ihrer Mitte aufgetaucht war. Martin tröstete sich damit, daß er sich die Überraschung seines Schwagers ausmalte, wenn er am Sonntagmorgen den Examiner öffnete und den Aufsatz über die Schatzsucher sah. Am Sonntagmorgen war er ganz früh auf der Straße und überflog die Spalten der dicken Zeitung. Er durchsuchte sie noch einmal sehr sorgfältig, faltete sie dann zusammen und legte sie wieder an ihren Platz zurück. Er freute sich, daß er keinem etwas von seinem Aufsatz erzählt hatte. Dann kam er zu dem Ergebnis, daß er sich geirrt hatte in bezug auf die Schnelligkeit, mit der ein Artikel in den Spalten der Zeitung erscheinen konnte. Zudem war sein Aufsatz nicht eigentlich aktuell gewesen, und höchstwahrscheinlich würde der Redakteur ihm erst schreiben.

Nach dem Frühstück arbeitete er weiter an seiner Erzählung. Die Worte flossen ihm aus der Feder, obwohl er häufig innehielt, um etwas im Lexikon nachzuschlagen oder sich mit der Rhetorik zu beraten. In diesen Pausen las er auch oft, und zwar wiederholt, ein ganzes Kapitel durch und tröstete sich damit, daß er, wenn er auch nicht die großen Dinge schrieb, die er, wie er fühlte, in sich hatte, doch auf jeden Fall dabei schreiben lernte und sich übte, seine Gedanken zu formen und auszudrücken. Er arbeitete bis zum Dunkelwerden und ging dann in den Lesesaal, wo er Magazine und Zeitschriften bis zum Bibliothekschluß um zehn Uhr abends durchlas. Dieses Programm befolgte er eine ganze Woche. Täglich schrieb er dreitausend Wörter, und täglich las er die Magazine und suchte herauszufinden, was für Erzählungen, Aufsätze und Gedichte die Redakteure am liebsten veröffentlichten. Eines war sicher: Was diese zahlreichen Skribenten machten, konnte er auch fertigbringen, und wenn er nur Zeit hatte, wollte er schon etwas machen, das sie nicht konnten. Es ermutigte ihn, daß er in einem Blatte eine Notiz fand, wie Leute, die für Magazine schrieben, bezahlt wurden – nicht, weil er sah, daß Rudyard Kipling einen Dollar das Wort bekam, sondern weil die schlechteste Bezahlung der größeren Magazine zwei Cent das Wort waren. Das Jugendmagazin mußte doch ein größeres Blatt sein, und so brachten ihm die dreitausend Wörter, die er an diesem Tage geschrieben hatte, seiner Berechnung nach sechzig Dollar – zwei Monate Heuer – ein!

Am Freitag abend hatte er die einundzwanzigtausend Wörter lange Erzählung beendet. Nach seiner Berechnung mit zwei Cent das Wort mußte sie ihm vierhundertundzwanzig Dollar einbringen – kein schlechter Wochenverdienst. Das war mehr Geld, als er je auf einmal besessen hatte. Er wußte gar nicht, was er mit all dem Geld machen sollte. Er hatte eine Goldmine entdeckt. Wo das hergekommen war, konnte er mehr holen. Er gedachte sich noch einige Kleidungsstücke zu kaufen, viele Zeitschriften zu halten und sich Dutzende von Handbüchern anzuschaffen, um derentwillen er jetzt in die Bibliothek gehen mußte. Aber es blieb immer noch ein gut Teil von den vierhundertundzwanzig Dollar übrig, mit dem er nichts anzufangen wußte. Das quälte ihn, bis ihm der Gedanke kam, ein Dienstmädchen für Gertrude zu engagieren und ein Fahrrad für Marian zu kaufen.

Er schickte das umfangreiche Manuskript mit der Post an das Jugendmagazin, und am Sonnabend nachmittag, nachdem er den Entwurf für einen Aufsatz über Perlenfischerei gemacht hatte, ging er, Ruth zu begrüßen. Er hatte sie zuvor angerufen, so daß sie ihn selbst an der Tür empfing. Das alte, wohlbekannte Gefühl von strahlender Gesundheit strömte ihr von ihm entgegen und traf sie wie ein Schlag. Es war, als ginge sie in ihren Körper über, schösse wie ein glühender Strom durch ihre Adern und ließe sie unter dieser neuen Kraftzufuhr erbeben. Eine warme Röte ergoß sich über sein Gesicht, als er ihre Hand ergriff und ihr in die blauen Augen sah. Aber die acht Monate in einem warmen Klima hatten sein Gesicht so verbrannt, daß man diese Röte nicht sah, wenn man auch auf seinem Halse die roten Streifen des steifen Kragens bemerkte. Sie sah den roten Strich und belustigte sich darüber, aber ihre Heiterkeit schwand, als sie seine Kleidung sah. Sie paßte ihm wirklich – es war sein erster nach Maß gefertigter Anzug –, und er erschien ihr schlanker und feiner gebaut. Dazu hatte er seine Mütze mit einem weichen Filzhut vertauscht, den er auf ihre Aufforderung aufsetzte, worauf sie ihm Komplimente über sein Aussehen machte. Sie konnte sich nicht erinnern, je so glücklich gewesen zu sein. Die mit ihm vorgegangene Veränderung war ihr Werk, und sie war stolz darauf und von dem ehrgeizigen Traum erfüllt, ihm noch weiter zu helfen.

Aber die durchgreifendste Veränderung und die, worüber sie sich am meisten freute, war doch die in seiner Sprache. Er sprach nicht nur korrekter, sondern auch mit größerer Leichtigkeit, und sein Wortschatz hatte sich um viele neue Ausdrücke vermehrt. Nur wenn er sich besonders ereiferte und begeisterte, konnte er wieder in seinen alten Slang und die gedehnten Endsilben verfallen, und sie bemerkte auch eine gewisse Verlegenheit und Zurückhaltung, wenn er einen der neugelernten Ausdrücke anzuwenden versuchte. Aber außer der Leichtigkeit, mit der er sich ausdrückte, bemerkte sie auch zu ihrer Freude eine scherzhafte Leichtigkeit und Eleganz in seinem Gedankengang. Dieser Sinn für Humor und diese Unterhaltungsgabe waren es, die ihn in seinem eigenen Kreise so beliebt gemacht hatten, aber aus Wortmangel hatte er ihr gegenüber bisher keinen Gebrauch davon machen können. Er war im Begriff, ein neuer Mensch zu werden und zu fühlen, daß er keine Null mehr war. Aber er fühlte stets, wie weit er gehen durfte, ließ Ruth in bezug auf Scherz und Unterhaltung stets den Vortritt und wagte sich nie weiter als sie.

Er erzählte ihr von seiner Beschäftigung und seiner Absicht, sich seinen Unterhalt durch Schreiben zu verdienen und daneben sein Studium fortzusetzen. Aber er war sehr enttäuscht, als sie seinem Plan nicht recht zustimmte. Er gefiel ihr offenbar nicht besonders.

»Sehen Sie,« sagte sie offen, »das Schreiben muß doch ein Handwerk wie jedes andere sein. Nicht, daß ich etwas davon wüßte – ich wende nur ganz allgemeine Vernunftsgründe an. Man kann kein tüchtiger Schmied werden ohne drei Jahre – oder sind es fünf Jahre? – das Handwerk gelernt zu haben. Und ein Schriftsteller wird doch viel besser bezahlt als ein Schmied, und da ist es doch selbstverständlich, daß viel mehr Menschen Lust zum Schreiben haben ... zu schreiben versuchen.«

»Aber kann ich denn nicht besonders zum Schreiben veranlagt sein?« fragte er, im geheimen stolz darauf, wie er sich ausdrückte, und seine lebhafte Einbildungskraft ließ sofort den ganzen Auftritt in der Atmosphäre auf einem riesigen Schirm neben andern Auftritten aus seinem Leben erscheinen – Auftritten, die roh und plump, brutal und tierisch waren.

Das ganze Bild entstand mit Blitzesschnelle, ohne das Gespräch oder sein ruhiges Denken zu unterbrechen. Auf dem Schirm seiner Phantasie sah er sich selbst und dieses schöne, liebliche junge Mädchen, sah, wie sie sich in einem Zimmer mit Büchern und Bildern, Stil und Kultur gegenübersaßen, wie sie in einer schönen, korrekten Sprache miteinander sprachen, und über dem ganzen Bild lag ein gleichmäßiger Schimmer, während sich rings über den Schirm verstreut, immer schwächer nach dem Rande hin, widerspruchsvolle Auftritte gruppierten, jeder Auftritt ein Bild, das er selbst als Zuschauer nach Belieben betrachten konnte. Diese andern Auftritte sah er in treibendem Dampf und in dunklen Nebelwirbeln, die plötzlich durch rote, grelle Lichtstrahlen zerstreut wurden. Er sah Cowboys am Schanktisch stehen und schlechten Whisky trinken, während die Luft von Zoten zitterte; er sah sich selbst mit ihnen trinken, mit den Schlimmsten von ihnen unter einer blakenden Petroleumlampe sitzen, während die Jetons rasselten und klirrten und die Karten ausgeteilt wurden. Er sah sich selbst, nackt bis zum Gürtel, mit bloßen Fäusten seinen großen Kampf mit Liverpool Red auf dem Vorderdeck der »Susquehanna« ausfechten, und er sah das blutige Deck der »John Rogers« an dem grauen Morgen, als die Mannschaft zu meutern versuchte und der Steuermann in Todesangst auf der Großluke lag und um sich trat, während der Revolver in der Hand des »Alten« Feuer und Rauch ausspie und die Leute mit leidenschaftverzerrten Gesichtern, daß sie eher Tieren als Menschen glichen, freche Gotteslästerungen ausstoßend, rings um ihn fielen – und dabei kehrte er wieder zu dem Bild in der Mitte des Schirmes zurück, das ruhig und rein im klaren Lichte dastand: da saß Ruth und sprach mit ihm über Bücher und Bilder, und er sah den Flügel und hörte das Echo seiner eigenen, wohlgesetzten und korrekt ausgesprochenen Worte: »Aber kann ich denn nicht zum Schreiben besonders veranlagt sein?«

»Es kann ein Mann auch die besten Anlagen zum Schmied haben«, sagte sie lächelnd. »Ich habe noch nie gehört, daß jemand Schmied wurde, ohne erst seine Lehrzeit durchgemacht zu haben.«

»Was würden Sie mir denn raten?« fragte er. »Aber vergessen Sie nicht, daß ich die Begabung zum Schreiben in mir fühle – ich kann es nicht erklären, ich weiß nur, daß ich sie habe.«

»Sie müssen erst erzogen werden,« lautete die Antwort, »und zwar ganz gleich, ob Sie schließlich Schriftsteller werden oder nicht. Erziehung ist unerläßlich, welche Laufbahn Sie auch wählen wollen, und sie darf nicht unvollkommen oder zufällig sein. Sie sollten die Universität besuchen.«

»Ja –«, begann er; aber sie unterbrach ihn, als wäre ihr noch etwas eingefallen:

»Natürlich könnten Sie auch im Schreiben fortfahren.«

»Das muß ich wohl auch«, sagte er grimmig.

»Wieso?« Sie betrachtete ihn mit kleidsamer Verwunderung, denn der Eigensinn, mit dem er sich an seine Idee klammerte, gefiel ihr nicht recht.

»Weil es nichts mit der Universität werden kann, wenn ich nicht schreibe. Ich muß leben und mir Bücher und Kleidung kaufen, wissen Sie.«

»Das hatte ich ganz vergessen«, lachte sie. »Warum sind Sie auch nicht mit einem Jahreseinkommen auf die Welt gekommen?«

»Mir sind Gesundheit und Phantasie lieber«, antwortete er. »Ein Einkommen kann ich mir schaffen, aber die beiden andern Dinge nicht, verflucht noch mal!«

»Das dürfen Sie nicht sagen«, unterbrach sie ihn mit einem reizenden Schmollen. »Das klingt schrecklich!«

Er errötete und stammelte:

»Sie haben recht, ich möchte nur, daß Sie mich immer berieten.«

»Das ... das möchte ich auch gerne«, sagte sie zögernd. »Es steckt soviel Gutes in Ihnen, daß ich möchte, Sie wären ganz vollkommen.«

Sofort war er wie Wachs in ihren Händen und sehnte sich ebenso brennend danach, sich von ihr umformen zu lassen, wie sie sich danach sehnte, ihn zu ihrem Ideal eines Mannes umzuformen.

Und als sie ihn darauf aufmerksam machte, daß es ein besonders günstiger Zeitpunkt war, weil das Aufnahmeexamen im Gymnasium am folgenden Montag begann, erbot er sich sofort, die Gelegenheit zu benutzen.

Und dann spielte und sang sie ihm vor, während er sie mit der Sehnsucht eines Hungernden anstarrte, ihre Schönheit trank und sich wunderte, daß nicht hundert Bewerber ihr lauschten, wie er ihr lauschte.

* * *

 

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