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Mars' und Phöbus' Thronwechsel im Jahre 1814

Jean Paul Richter: Mars' und Phöbus' Thronwechsel im Jahre 1814 - Kapitel 2
Quellenangabe
typesatire
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 5
authorJean Paul
year1996
firstpub1809
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleMars' und Phöbus' Thronwechsel im Jahre 1814
pages31
created20120330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vorrede

Wenn der Leser es tadeln will, daß ich in eine so taten- und folgenreiche einzige Zeit, ungleich andern Schriftstellern, statt eines Sturmvogels oder eines Beiz-Falken einen leichten Sommer- und Schneidervogel, wie diese nur scherzende Flugschrift ist, hinausschicke: so fall' er nur den Zensor an, aber nicht den, der dieses Schriftchen erlaubt, sondern den andern, der es verbot. Letzter nämlich vertrat dem Sommervogel den Eingang in ein berühmtes Wochenblatt, weil er ihm als ein Totenkopfschmetterling gegen die Franzosen bedenklich schien; mit andern Worten, er verbot mir, gegen die Leute zu schreiben, gegen welche er und ich (auf Befehl unserer Regierungen) sogar zu schießen haben. Ich möchte wohl, wenn ich als ein vom Könige verordneter Landstürmer mit meinem Bajonett auf ihn an den Grenzen träfe, ihn freundlich fragen, ob denn eine Federspitze stärker steche, und ihn über sein eignes Stürmen und Stechen verhören und zensieren. Doch er sei hiemit vergessen über den besseren Zensor, welcher, wie man hier sieht, alles erlaubt und so mutig zu sein scheint wie ich. Inzwischen hat, was ich anfangs zu sagen anfing, eben der Vor- oder Gegen-Zensor nun die Verantwortung auf sich, daß das Werkchen erbärmlicherweise ganz allein und klein herauskommt, welches in dem Großquartwerke, für dessen Verdickung es bestimmt gewesen, mit so großem Vorteil erschienen wäre. –

Es werden nämlich mehre es mit Vergnügen als ein neues Zeichen altdeutscher Gründlichkeit mehr gefunden haben, daß jetzo kein Buch mehr fortkommt und sich oben erhält, das in Oktavo ist (leichter beißt sich noch ein Sedezimo als Kalender durch); sondern Deutschland begehrt Großquart. Solche Quaderbände 1040 werden daher jährlich überall den Lesern von den Buchhändlern gereicht, und sind solche unter dem Namen Morgenblatt, eleganze Zeitung, Erholungen u. s. w. in jedermanns Händen, bevor sie eingebunden sind; denn um doch einige Leichtigkeit mit dem Gewichte zu verbinden, gibt man den Deutschen die dicken Werke in einzelnen leichten Blättern wochenweise in die Hand, so daß wirklich in der Leipziger Buchhändler-Messe, gerade wie in den äußeren Buden vor Leipzig, zwei entgegengesetzte Größen am meisten gesucht und bezahlt werden, Riesen und Zwerge.

Eine winzige Schrift nun, eingeschichtet und eingebaut in ein Elefanten-Großwerk, das vielleicht hundert arbeitende Mitglieder zugleich zusammen gestalten – wie etwan jener indische Elefant, dessen Bild Herder in seinem Besuchzimmer hatte, Glied nach Glied aus einzelnen Tieren zusammengebauet war –, eine solche Winzigkeit kommt leidlich durch als ein Gliedchen-Tier; aber sondert es sich vom Elefanten ab als ein selbstständiger Elefantenkäfer, der für sich haushält – schwerlich hängt jemand dem Käfer den Elefantenorden um.

Doch ist dies nicht die einzige Ursache, warum der Verfasser in eine so schwer wiegende Zeit mit einiger Scheu einen kleinen Sommer- oder auch Schneidervogel (beide nisten nur auf einem Blatte) einfliegen läßt.

Sondern die zweite ist: es wird im Werkchen nur gescherzt mit den Franzosen, nicht gekämpft. Zwar ist es gut, ja nötig und ein Zeichen der innern Entfesselung, später, sobald aus dem Scherze Ernst geworden, aus dem Ernste Scherz zu machen, wenn auch bittern, und unter die zürnenden Flugschriftsteller, welche andonnern, einen zu mischen, der bloß auspfeift; aber der ernste Geist der wenigsten Lehrer ist dazu gestimmt und gestärkt.

Selber der Verfasser dieses überläßt sich lieber dem erfrischenden Anschauen eines höheren pythagorischen, eines europäischen Bundes und dessen steten Vorrückens, wie das Einrücken eines langsamen Frühlings in gefrorne Länder ist, als er sich zum Hinblick auf die zackigen Eisseen der Vergangenheit zurückwendet.

Er kostet und genießt diese Zeit schon als Gegenwart; denn wo zeigt uns die Geschichte einen ähnlichen kosmopolitischen 1041 Krieg, welcher Fürsten und Völker fast eines Weltteils zur Wiedergeburt der Freiheit und nicht für Eroberungen, sondern für Eroberte vereinigt und begeistert, und worin die moralische Macht der Ideen die verschiedene Macht der Waffen ausgleichend nach einem Ziele richtet? Wo hoben sich je gebeugte Völker und Fürsten unter wildern Stürmen empor? Standen nicht deutsche Thronen als Leichensteine der Vergangenheit da, und die gekreuzigte Freiheit war darunter begraben, welche auferstehend die Grabeswächter niederwarf und ihre Jünger ausschickte? Wenn wurde je ein ungeheueres Heer bei allen Mitteln der Gewalt so sehr von den friedlichen Bürgern gesegnet, oder selber von den feindlichen leichter ertragen? Wahrlich die Freudenträne über die Zeit ist ein Tautropfe im Sonnenlicht, welcher sich immer, so wie man sich bewegt, in einen andern farbigen Edelstein umwandelt.

Ginge freilich die jetzige Sonne unter – was der Allgenius abwende! –, so käme allerdings eine grimmige Nacht; aber die Sonne hätte doch die Blüten getrieben, und am nächsten Morgen triebe sie diese weiter heraus. Eine Völkerauferstehung wie die jetzige bliebe, wenn ihr auch die Beglückung der nächsten Zukunft fehlschlüge, für die ferne durch Beispiel ein fortwirkendes Heil. Der Tod der Märterer verwandelt sich in Auferstehung der Religion. In die marathonischen Felder um Lützen wurde mehrmal Eichensamen gesäet, er ging aber immer auf, war es auch nach sechzehn Jahren, oder nach ebensoviel Wochen; und es kann noch Same darin eingegraben sein, der erst nach Jahrhunderten zu Eichenwipfeln aufschießt.

Verfasser darf sich zuerkennen, daß er schon in seinen frühern, unter den feindlichen Preßgängen nach Sklaven geschriebenen Werken (in der Friedenspredigt, in den Dämmerungen u. s. w.) statt der Furcht die Hoffnung gepredigt und genährt; denn nur diese gibt den rechten, die Verzweiflung aber höchstens einen des Tieres mehr als des Menschen würdigen Mut. Und so schimmerten ihm denn die ewigen Sterne der Vorsehung durch den Nordschein einer langen Nacht hindurch, und dieser Schein hat ausgeprasselt, und jene sind still in ihrem Lichte fortbestanden.

1042 Übrigens über Kämpfen und Gegenwart ist jetzo weniger zu beratschlagen als über Frieden und Zukunft. Nach so vielem Feuergeben ist an Lichtgeben zu denken und mit dem Nachtwächter zugleich zu raten: verwahrt das Feuer und auch das Licht! Für das Volk ist genug und gutDoch verfielen einige Flugschreiber in den Irrtum, daß sie das Volk mit einer Nachahmung eines älteren oder Luther-Deutsch kräftiger anzusprechen hofften, weil für sie als Gebildete das Lutherdeutsch durch seinen Abstich mit dem Neudeutsch einen schönen altertümlichen Reiz behauptete. Aber das ungebildete Volk lebt und lieset eben in jenem Altdeutsch selber und kann also nicht an diesem den Reiz des Kontrastes finden, sondern an einem Neudeutschen viel mehr. Wahrscheinlich würde gerade ein Stil, der uns als kleinlich in den erhabenen Verhältnissen der Zeit widersteht, das Volk mit Flammen blenden und heizen, nämlich ein (jedoch verständlicher) Prachtstil voll Bilderglanz, voll Donnerworte, voll brausenden Gefühl-Mostes. Frage sich doch jeder, ob ihn nicht als Jüngling Schiller mehr fortgerissen als Goethe fortgehoben; und das Volk ist in schönem und in schlimmem Sinne immer Jüngling. Nur die Bedingung der Verständlichkeit ist unerläßlich, und das Flatterfeuer darf kein Rauch einschatten. – Ein anderer Fall ist es mit Krieg-Gesängen für das Volk; hier ist derbe Einfachheit (wie die der Gleimischen) an der Stelle; denn unter dem Singen will man ja nicht wie unter dem Lesen sich belehren und bereden, sondern die Überredung bloß besingen und ausdrücken. Ferner, je kürzer das Lied, desto besser; man verlängert ein kurzes Lied sich lieber durch Wiederholung, als daß man ein langes durch einmaliges Singen abkürzt. Unsere neuen Kriegliederdichter halten Langgedichte für Langgewehr. Und endlich, was helfen den Soldaten Verse ohne Melodie, ein Schubartsches Lied ohne eine Schubartsche Musik! geschrieben worden; aber wenig für Fürsten und Große, was freilich ebenso schwierig als verdienstlich ist.

Unter allen Tag- und Stundenschriften ist jetzo eine für Staatmänner, ein Fürsten- und Großen-Blatt oder -Spiegel, die unentbehrlichste. Nicht als ob gegen den Sonnenstich der Glücksonne die neuesten Erschöpfungen und Erkältungen nicht schirmten. Nicht als ob so leicht ein Zersprengen des großen Bandes drohte, woran Fürsten und Völker, wie Wanderer auf Eisfeldern über die Eisspalten aneinander geknüpft, über die gemeinschaftliche Gefahr hinüberschreiten; denn das wahre geistige Schreckensystem der vorletzten Zeit wird lange zur Versicheranstalt der Freiheit nachwirken. Aber jetzo gilt es, daß an die Pflugmaschine des Kriegs, welche die Furchen in tausend Gräbern tief und lang genug gezogen, auch die Säe- und Eggmaschinen kommen, die 1043 in diese Saftzeit des Jahrhunderts Samen werfen. Jetzo muß zugleich in kurzen und auf lange hinaus gebauet werden, der Anspannung folgt Abspannung, dem Bewußtsein der Opfer Hoffnung reicher Entschädigung und dem Ausruhen eine schlimmere Mattigkeit, als die des Anstrengens ist. –

Politische Schriftsteller im weitesten Sinne, welche über Geschichte, Handel, Finanzen, Gesetze und Regierung schreiben, sind von einer nicht genug anerkannten Wichtigkeit für Länderglück; ihre Federn werden ebensogut zu Kompaßnadeln und Steuerrudern der Staaten als zu Stacheln der Bohrwürmer, welche, nur langsamer als Klippen, das Schiff durchlöchern. Eine einzige Irr-Idee über den Handel im Kopfe eines Allmachthabers verstümmelt eine Welt.

Das Fürsten- und Großenblatt – von dessen Entbehrung und Unentbehrlichkeit ich oben sprach – kann freilich nur von wenigen und für wenige und mit wenigem geschrieben werden, von großsinnigen Geschichtschreibern, welche ohnehin von Natur Politiker sind, von Finanzweisen, also von größern Kameral-Korrespondenten, als in Erlangen einer antwortet, von alten Staatmännern, welche ohnehin lieber Erfahrungen als Systeme aufschreiben, lieber kleine Texte als lange Predigten darüber. In ein solches Blatt könnten auch Aussprüche großer verstorbner Staatmänner kommen, und Moser und Möser könnten mit manchen Sprüchen bei Fürsten in Dienste treten.

Kurz, es wäre zu wünschen, ein solches Fürstenblatt entstände je eher, je lieber. Ja da bloßes Wünschen auch des Besten an sich weder Sünde noch Narrheit ist – daher es auch weder jene noch diese wäre, z. B. jedem einzelnen Fürsten des jetzigen Friedens-Tetrarchats (Vierfürstentums) auf dem festen Lande das Glück seines größten Vorahnen zu wünschen –, so ist auch das Unwahrscheinlichste zu wünschen oder zu nennen verstattet, daß es, wenn nicht vier ökumenische Konzilien, doch so viele man will, für Fürsten gäbe, welche sich als Landesväter schon mit einem heiligen Vater messen können; oder wenigstens für Deutschland einen Reichstag früher, als das Reich da ist. Hätte man auch kein besseres Holz bei der Hand als das zu einer Gelehrtenbank, so wär' 1044 es schon an dieser genug. AristotelesArist. Polit. III. 11. schrieb: die größten Gesetzgeber gab der Mittelstand. Der Gelehrte, so unbehülflich und starrend in der beweglichen Gegenwart, ist desto umsichtiger für einen großen fernen Kreis und übersieht hierin den hineingearbeiteten Staatmann. Dieser hat zugleich wenige und bewegliche Augen; der Gelehrte ersetzt, wie die tausendaugigen Insekten, die Unbeweglichkeit der Augen durch die Menge derselben, weil die ganze Vergangenheit ihm ihre als Gläser leiht.

Ist aber nicht, wird man fragen, ja das bloße Bücherbrett der Bibliothek eine solche Gelehrtenbank? Jawohl (muß ich antworten); aber dann ist eben das gewünschte Fürsten- und Großenblatt um so mehr zu wünschen.

– Ach könnte daran noch einer mitschreiben, der so Großes und Reines über Länder- und Geisterfreiheit gedacht und geschrieben! Hättest du doch, sanfter Johannes von Müller, nur erlebt und erblickt das warme Glänzen der heiligen Sonne über den vier LändernZürich, Wien, Berlin, Kassel., in welchen du gesäet und geweint unter den Wolken und Schatten.

Doch du, wackerer Vorfechter für deutsche Erlösung, du kräftiger und um dein eignes halbes Lebens-Jahrhundert zu früh gestorbener Fichte, dessen Dahingang ich heute unter dem Schließen der Vorrede erfuhr, du hast wenigstens das Morgenrot der großen Befreiung erlebt. Jetzo belohnt dich, wackerer Landsturmmann in mehr als einem Felde des Kampfes, der ewige Friede, und du hältst droben endlich den rechten Clavis Fichtiana in der Hand.

Baireuth, den 10. Febr. 1814.

Jean Paul Fr. Richter        1045

 

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