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Marie Antoinette

Stefan Zweig: Marie Antoinette - Kapitel 5
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authorStefan Zweig
titleMarie Antoinette
publisherInsel-Verlag
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Der Kampf um ein Wort

»Menge dich nicht in die Politik, kümmere dich nicht um die Angelegenheiten der anderen«, wiederholt von Anfang an Maria Theresia immer wieder ihrer Tochter – eigentlich eine überflüssige Mahnung, denn der jungen Marie Antoinette ist nichts auf Erden wichtig als ihr Vergnügen. Alle Dinge, die gründliches Überlegen oder systematisches Nachdenken erfordern, langweilen unaussprechlich diese junge, in sich selbst verliebte Frau, und es geschieht tatsächlich ganz wider ihren Willen, daß sie gleich in den ersten Jahren in jenen erbärmlichen Kleinkrieg der Intrige hineingewirbelt wird, der am Hofe Ludwigs XV. die großzügige Staatspolitik seines Vorgängers ersetzt. Schon bei ihrer Ankunft findet sie Versailles in zwei Parteien geteilt. Die Königin ist längst gestorben, so gehörte rechtmäßig der erste weibliche Rang und alle Autorität den drei Töchtern des Königs. Aber ungeschickt, einfältig und kleinkrämerisch, verstehen diese drei intriganten und bigotten Damen ihre Stellung nicht anders zu nützen, als daß sie in der ersten Reihe bei der Messe sitzen und den Vortritt bei den Empfängen haben. Langweilig, altjüngferlich verdrossen, üben sie keinen Einfluß aus auf ihren königlichen Vater, der einzig nur sein Vergnügen will, und zwar in sinnlich groben, sogar allergröbsten Formen; da sie aber keine Macht haben, keinen Einfluß, da sie keine Stellungen vergeben, bemüht sich nicht einmal der geringste Höfling um ihre Gunst, und aller Glanz, alle Ehre fällt derjenigen zu, die mit Ehre sehr wenig zu tun hat: der letzten Mätresse des Königs, der Madame Dubarry. Aus der untersten Hefe des Volkes heraufgekommen, dunklen Vorlebens und, wenn man den Gerüchten Glauben schenken will, auf dem Umweg über ein öffentliches Haus in das königliche Schlafgemach gelangt, hat sie sich von ihrem willensschwachen Liebhaber, um einen Schein der Hofzugehörigkeit zu erschleichen, einen adeligen Gatten, den Grafen Dubarry, kaufen lassen, einen höchst gefälligen Eheherrn, der am Tage nach der papierenen Hochzeit für ewig verschwindet. Aber immerhin, sein Name hat das ehemalige Straßenmädchen hoffähig gemacht. Zum zweitenmal hat die lächerliche und erniedrigende Farce vor den Augen ganz Europas stattgefunden, daß sich ein Allerchristlichster König seine ihm wohlbekannte Favoritin förmlich als fremde Dame von Adel vorstellen und bei Hof vorführen läßt. Durch diesen Empfang legitimiert, wohnt die Geliebte des Königs im großen Palais, drei Zimmer weit von den skandalisierten Töchtern und durch eine eigens gebaute Treppe mit den Gemächern des Königs verbunden. Mit ihrem eigenen, wohlerprobten Leib und dem noch unerprobten hübscher, gefälliger Mädchen, die sie dem alten Wollüstling zur Aufmunterung bringt, hält sie den senil-erotischen Ludwig XV. völlig im Bann: kein Weg geht zur Gunst des Königs, außer über ihren Salon. Selbstverständlich drängen, weil sie Macht zu vergeben hat, alle Höflinge zu ihr hin, die Gesandten aller Herrscher warten voll Ehrerbietung in ihrem Vorzimmer, Könige und Fürsten schicken ihr Geschenke; sie kann Minister absetzen, Stellen vergeben, kann sich Schlösser bauen lassen, über den königlichen Schatz verfügen; schwere Brillantengehänge umblitzen ihren üppigen Hals, riesige Ringe funkeln an ihren Händen, die von allen Eminenzen und Fürsten und Strebern ehrfürchtig geküßt werden, und unsichtbar blitzt der Kronreif in ihrem vollen, braunen Haar.

Alles Licht der königlichen Gnade fällt breit auf diese illegitime Herrscherin des Bettes, alle Schmeichelei und Ehrfurcht umbuhlt diese verwegene Buhlerin, die sich in Versailles frecher als je eine Königin brüstet. Rückwärts aber in den Hinterzimmern sitzen die verdrossenen Töchter des Königs und greinen und zetern über die freche Dirne, die den ganzen Hof in Schande bringt, die ihren Vater lächerlich, die Regierung ohnmächtig und jedes christliche Familienleben unmöglich macht. Mit allem Haß ihrer unfreiwilligen Tugend, diesem ihrem einzigen Besitz – denn sie haben nicht Anmut und Geist und Würde –, hassen diese drei Töchter die babylonische Hure, die an Stelle ihrer Mutter hier Königinnenehre genießt, und von morgens bis abends haben sie keinen anderen Gedanken, als sie zu verspotten, zu verachten und ihr Schaden zu tun.

Da erscheint, willkommener Glücksfall, dieses fremde, erzherzogliche Kind am Hof, Marie Antoinette, fünfzehnjährig erst, aber durch den ihr gebührenden Rang als zukünftige Königin nun von Rechts wegen die erste Frau am Hofe; sie gegen die Dubarry auszuspielen, wird für die drei Jungfern willkommene Aufgabe, und vom ersten Augenblick an arbeiten sie daran, dieses unbedachte und ahnungslose Mädchen scharf zu machen. Sie soll vorangehen; während sie selber im Dunkel bleiben, soll sie das unreine Wild erlegen helfen. So ziehen sie zum Scheine zärtlich die kleine Prinzessin in ihren Kreis. Und ohne daß sie es ahnt, steht Marie Antoinette nach wenigen Wochen mitten in erbittertem Kampf.

 

Bei ihrer Ankunft hat Marie Antoinette weder von dem Dasein noch von der sonderbaren Stellung einer Madame Dubarry gewußt: am sittenstrengen Hof Maria Theresias war der Begriff einer Mätresse völlig unbekannt. Sie sieht nur bei dem ersten Souper unter den anderen Hofdamen eine vollbusige, heiter aufgeputzte Dame mit prachtvollem Schmuck, die neugierig zu ihr herüberschaut, und hört, daß man sie mit »Gräfin« anspricht, Gräfin Dubarry. Aber die Tanten, die sich sofort liebevoll der Unerfahrenen annehmen, klären sie gründlich und absichtsvoll auf, denn wenige Wochen später schreibt Marie Antoinette schon ihrer Mutter über die »sotte et impertinente créature«. Laut und unbedacht plaudert sie all die boshaften und hämischen Bemerkungen nach, welche die lieben Tanten ihr auf die lockere Lippe legen, und nun hat plötzlich der gelangweilte und immer nach solchen Sensationen gierige Hof seinen prächtigen Spaß; denn Marie Antoinette hat es sich in den Kopf gesetzt – oder vielmehr, die Tanten haben es ihr in den Kopf gesetzt –, diesen frechen Eindringling, der sich hier am Königshof wie ein Pfau aufplustert, auf das gründlichste zu schneiden. Nach dem ehernen Gesetz der Etikette darf am Versailler Königshofe niemals eine rangniedere Dame an die ranghöhere das Wort richten, sondern sie muß ehrfurchtsvoll warten, bis die ranghöhere sie anspricht. Selbstverständlich ist die Dauphine in Abwesenheit einer Königin die ranghöchste und macht ausgiebig Gebrauch von diesem Recht. Kühl, lächelnd und herausfordernd läßt sie diese Gräfin Dubarry auf eine Ansprache warten und warten; wochenlang, monatelang läßt sie die Ungeduldige hungern nach einem einzigen Wort. Das merken natürlich die Zuträger und Schranzen bald, sie haben an diesem Zweikampf höllischen Spaß, der ganze Hof wärmt sich vergnüglich an dem von den Tanten vorsorglich geheizten Feuer. Alles beobachtet voll Spannung die Dubarry, die in schlecht verhaltener Wut unter allen Damen des Hofes sitzt und zusehen muß, wie dieser kleine, fünfzehnjährige, freche Blondkopf heiter und vielleicht geflissentlich heiter mit allen Damen plaudert und plaudert; nur bei ihr zieht regelmäßig Marie Antoinette die ein wenig vorhängende Habsburger Lippe scharf an, spricht kein Wort und sieht durch die diamantenblitzende Gräfin hindurch wie durch Glas.

Nun ist die Dubarry eigentlich keine bösartige Person. Als echte rechte Frau aus dem Volke hat sie alle Vorzüge des unteren Standes, eine gewisse Emporkömmlingsgutmütigkeit, eine kameradschaftliche Jovialität für jeden, der es mit ihr wohl meint. Aus Eitelkeit ist sie jedem leicht gefällig, der ihr schmeichelt; lässig und nobel gibt sie jedem gern, der sie um etwas bittet; sie ist durchaus keine ungute oder neidische Frau. Aber, weil von unten so verwirrend rasch emporgelangt, hat die Dubarry nicht genug daran, die Macht zu spüren, sie will sie auch sinnlich und sichtbar genießen, sie will sich eitel und üppig in dem ungebührlichen Glanz sonnen, und vor allem, sie will, daß er als ein gebührlicher gelte. Sie will in der ersten Reihe unter den Hofdamen sitzen, sie will die schönsten Brillanten tragen, die prachtvollsten Kleider besitzen, den schönsten Wagen, die schnellsten Pferde. Alles das erhält sie ohne Mühe von dem willensschwachen, ihr sexuell völlig hörigen Mann, nichts wird ihr verweigert. Aber – Tragikomödie jeder illegitimen Macht, sie ereignet sich selbst an einem Napoleon! – gerade von der legitimen anerkannt zu werden, ist ihr letzter, ihr äußerster Ehrgeiz. So hat auch Gräfin Dubarry, obwohl von allen Fürsten umschwärmt, von allen Höflingen verwöhnt, nach all ihren erfüllten Wünschen noch einen: von der ersten Frau des Hofes als vorhanden anerkannt, von der Erzherzogin aus dem Hause Habsburg herzlich und freundlich empfangen zu sein. Aber nicht nur, daß diese »petite rousse« (so nennt sie Marie Antoinette in ihrer ohnmächtigen Wut), daß dieses kleine, sechzehnjährige Gänschen, das noch nicht anständig Französisch reden kann, das nicht einmal die lächerliche Kleinigkeit fertigbringt, ihren eigenen Mann zur wirklichen Eheleistung zu bewegen, nicht nur, daß dieses unfreiwillige Jüngferlein immer die Lippen hochzieht und sie vor dem ganzen Hof schneidet – es erfrecht sich sogar, sich ganz offen, ganz schamlos über sie lustig zu machen, über sie, die mächtigste Frau am Hofe, – und das, nein, das läßt sie sich nicht gefallen!

 

Das Recht in diesem homerischen Rangstreit ist dem Buchstaben nach unumstößlich auf seiten Marie Antoinettes. Sie ist höheren Ranges, sie braucht mit dieser »Dame«, die als Gräfin tief unterhalb der Thronfolgerin rangiert, nicht zu sprechen, wenn ihr auch für sieben Millionen Diamanten auf dem Busen blitzen. Aber hinter der Dubarry steht die tatsächliche Macht: sie hat den König völlig in ihrer Hand. Schon nahe der untersten Stufe seines moralischen Abstieges, vollkommen gleichgültig gegen den Staat, gegen Familie, Untertanen und Welt, hochmütiger Zyniker – après moi le déluge – will Ludwig XV. nur noch seine Ruhe haben und sein Vergnügen. Er läßt alles laufen, wie es läuft, er kümmert sich nicht um Zucht und Sitte an seinem Hof, wohl wissend, daß er sonst bei sich selbst anfangen müßte. Lange genug hat er regiert, diese letzten paar Jahre will er leben, nur für sich leben, mag alles rings um ihn und hinter ihm zugrunde gehen. Deshalb stört dieser plötzlich ausgebrochene Weiberkrieg ihm ärgerlich den Frieden! Seinen epikureischen Grundsätzen gemäß möchte er sich am liebsten nicht einmischen. Aber die Dubarry liegt ihm täglich in den Ohren, sie lasse sich nicht erniedrigen von einem solchen jungen Ding, nicht lächerlich vor dem ganzen Hofe machen, er müsse sie schützen, ihre Ehre wahren, und damit die seine. Schließlich werden dem König diese Szenen und Tränen überlästig, er läßt sich die Obersthofmeisterin Marie Antoinettes, Madame de Noailles, kommen, damit man endlich wisse, wie der Wind weht. Zuerst äußert er nur Liebenswürdigkeiten über die Gattin seines Enkels. Aber nach und nach flicht er allerhand Bemerkungen ein: er finde, die Dauphine erlaube sich ein bißchen frei zu sprechen über das, was sie sehe, und es wäre gut, sie darauf aufmerksam zu machen, daß ein solches Verhalten schlechte Wirkung im intimen Kreis der Familie hervorrufen müsse. Die Hofdame berichtet sofort (wie es beabsichtigt war) diese Warnung Marie Antoinette, diese erzählt sie den Tanten und Vermond, dieser endlich sie dem österreichischen Gesandten Mercy, der natürlich furchtbar entsetzt ist – die Allianz, die Allianz! – und durch Eilkurier die ganze Affäre der Kaiserin nach Wien schreibt.

Peinliche Situation für die fromme, die bigotte Maria Theresia! Soll sie, die in Wien mit ihrer berühmten Sittenkommission Damen dieser Art unerbittlich auspeitschen und in die Besserungsanstalt überführen läßt, ihrer eigenen Tochter einer solchen Kreatur gegenüber Höflichkeit vorschreiben? Aber kann sie anderseits Partei gegen den König nehmen? Die Mutter, die strenge Katholikin und die Politikerin in ihr geraten in allerpeinlichsten Widerstreit. Schließlich schlüpft sie als alte gewiegte Diplomatin aus der Affäre, indem sie die ganze Angelegenheit an die Staatskanzlei abschiebt. Nicht sie selbst schreibt ihrer Tochter, sondern läßt ihren Staatsminister Kaunitz an Mercy ein Reskript verfassen mit dem Auftrag, diesen politischen Exkurs Marie Antoinette vorzulegen. Auf diese Weise ist einerseits die sittliche Stellung gewahrt und der Kleinen doch gesagt, wie sie sich verhalten soll, denn Kaunitz erläutert: »Höflichkeit Leuten zu verwehren, die der König in seine Gesellschaft aufgenommen habe, heiße seine Gesellschaft beleidigen, und als solche Personen hätten alle betrachtet zu werden, die der regierende Herr selbst als Vertraute ansieht, und niemand dürfe sich erlauben, nachzuprüfen, ob mit Recht oder Unrecht. Die Wahl des Fürsten, des Monarchen selbst müsse widerspruchslos geachtet werden.«

Das ist deutlich und sogar überdeutlich. Aber Marie Antoinette steht in der Heizkammer der Tanten. Als man ihr den Brief vorliest, sagt sie zu Mercy in ihrer bequemen Art ein lässiges »Ja, ja« und »schon recht«, aber denkt sich innerlich, die alte Perücke Kaunitz solle schwätzen und schwätzen, was sie wolle, in ihre Privatangelegenheiten habe kein Kanzler etwas dreinzureden. Seit sie merkt, wie fürchterlich die dumme Person, die »sotte créature«, sich ärgert, macht die Sache dem kleinen hochmütigen Mädchen erst doppelten Spaß; als sei nichts vorgefallen, beharrt sie boshaft-heiter in ihrem offenkundigen Schweigen. Jeden Tag begegnet sie der Favoritin bei Bällen, bei Festen, am Spieltisch, sogar an der Tafel des Königs und beobachtet, wie sie wartet und schielt und vor Erregung zittert, wenn sie ihr nahekommt. Aber warte nur, warte bis zum Jüngsten Gericht: immer wieder schürzt sie verächtlich die Lippe, wenn ihr Blick zufällig in die Richtung streift, und eisig geht sie vorbei; das von der Dubarry, vom König, von Kaunitz, von Mercy und heimlich auch von Maria Theresia erwünschte und ersehnte Wort wird nicht ausgesprochen.

Nun ist der Krieg offen erklärt. Wie um einen Hahnenkampf scharen sich die Höflinge um die beiden Frauen, die sich entschlossen anschweigen, die eine mit Tränen ohnmächtiger Wut in den Augen, die andere ein verächtlich kleines überlegenes Lächeln um die Lippen. Alles will sehen und wissen und wetten, ob die legitime Herrscherin Frankreichs oder die illegitime ihren Willen durchsetzt. Ein amüsanteres Schauspiel hat Versailles seit Jahren und Jahren nicht gehabt.

 

Jetzt aber wird der König ärgerlich. Gewohnt, daß in diesem Palast alles byzantinisch gehorcht, wenn er nur mit der Wimper zuckt, daß jeder dienernd in die Richtung seines Willens läuft, noch ehe er ihn deutlich kundgegeben, spürt er, der Allerchristlichste König von Frankreich, zum erstenmal einen Widerstand: ein halbwüchsiges Mädchen wagt, seinen Befehl öffentlich zu mißachten. Das Einfachste wäre natürlich, diese freche Widerspenstige vor sich zu entbieten und ihr energisch den Kopf zu waschen; aber selbst in diesem entsittlichten und durchaus zynischen Mann regt sich noch eine letzte Scheu; es ist für ihn immerhin peinlich, der erwachsenen Frau seines Enkels zu befehlen, sie möge mit der Mätresse des Herrn Großvaters Konversation machen. So tut Ludwig XV. in seiner Verlegenheit genau dasselbe, was Maria Theresia in der ihren: er macht aus der Privatangelegenheit einen Staatsakt. Zu seiner Überraschung sieht sich der österreichische Botschafter Mercy vom französischen Außenministerium zu einer Besprechung nicht in die Audienzräume gebeten, sondern in die Gemächer der Gräfin Dubarry. Gleich beginnt er allerhand aus dieser sonderbaren Ortswahl zu ahnen, und es geschieht, was er erwartet hat: Kaum daß er einige Worte mit dem Minister gesprochen, tritt die Gräfin Dubarry ein, begrüßt ihn herzlich und erzählt ihm nun ausführlich, wie unrecht man ihr tue, wenn man ihr feindselige Gesinnungen gegen die Dauphine unterschiebe; im Gegenteil, sie sei es, die verleumdet, niederträchtig verleumdet werde. Dem guten Botschafter Mercy ist es peinlich, so plötzlich aus dem Vertreter der Kaiserin der Vertraute der Dubarry zu werden, er redet diplomatisch hin und her. Aber da öffnet sich lautlos die geheime Tapetentür, und Ludwig XV. greift höchstselbst in das heikle Gespräch ein. »Bisher sind Sie«, sagt er zu Mercy, »der Botschafter der Kaiserin gewesen, seien Sie nun, bitte, für einige Zeit mein Botschafter.« Dann äußert er sich sehr offen über Marie Antoinette. Er fände sie reizend; aber jung und überlebendig, wie sie sei und dazu noch an einen Gatten vermählt, der sie nicht zu beherrschen wisse, falle sie allerhand Kabalen anheim und lasse sich von anderen Personen (gemeint sind die Tanten, die eigenen Töchter) schlechte Ratschläge geben. Er bitte darum Mercy, seinen ganzen Einfluß aufzubieten, daß die Dauphine ihre Haltung ändere. Mercy begreift sofort, die Angelegenheit ist Politik geworden, hier ist ein offener klarer Auftrag, der ausgeführt werden muß: der König fordert glatte Kapitulation. Selbstverständlich meldet Mercy die Sachlage schleunigst nach Wien, legt, um das Peinliche seiner Mission zu mildern, etwas freundliche Schminke auf das Porträt der Dubarry, sie sei gar so übel nicht, und ihr ganzes Verlangen stünde nach der Kleinigkeit, daß die Dauphine ein einziges Mal öffentlich das Wort an sie richte. Gleichzeitig besucht er Marie Antoinette, drängt und drängt und spart nicht mit den schärfsten Mitteln. Er schüchtert sie ein, munkelt etwas von Gift, mit dem am französischen Hofe schon allerhand hochgestellte Personen beseitigt worden seien, und ganz besonders beredt schildert er den Zwist, der zwischen Habsburg und Bourbon entstehen könnte. Dies ist sein stärkster Trumpf: er belädt Marie Antoinette allein mit aller Schuld, falls die Allianz, das Lebenswerk ihrer Mutter, durch ihr Verhalten in die Brüche gehen sollte.

Und in der Tat, das schwere Geschütz beginnt zu wirken: Marie Antoinette läßt sich einschüchtern. Mit Tränen des Zornes in den Augen verspricht sie dem Botschafter, an einem bestimmten Tage bei der Spielpartie das Wort an die Dubarry zu richten. Mercy atmet auf. Gott sei Dank! die Allianz ist gerettet.

 

Ein Galaschauspiel ersten Ranges erwartet nun die Intimen des Hofes. Von Mund zu Mund geht die geheimnisvolle Spielansage weiter: heute abend wird endlich die Dauphine zum erstenmal an die Dubarry das Wort richten! Sorgfältig werden die Kulissen gestellt und im voraus das Stichwort abgekartet. Abends beim Cercle soll, so ist es vereinbart zwischen dem Botschafter und Marie Antoinette, zu Ende der Spielpartie Mercy zur Gräfin Dubarry treten und mit ihr eine kleine Konversation beginnen. Dann soll, ebenfalls wie zufällig, die Dauphine vorbeikommen, sich dem Botschafter nähern, ihn begrüßen und bei dieser Gelegenheit auch der Favoritin ein paar Worte sagen. Vorzüglich ist alles geplant. Aber leider klappt die Abendvorstellung nicht, denn die Tanten mißgönnen der verhaßten Nebenbuhlerin den öffentlichen Erfolg: sie verabreden ihrerseits, vorzeitig den eisernen Vorhang herabzulassen, ehe das Versöhnungsduett an die Reihe kommt. In bester Absicht begibt sich abends Marie Antoinette in die Gesellschaft, die Szene wird gestellt, Mercy übernimmt programmgemäß den Einsatz. Wie zufällig nähert er sich Madame Dubarry und beginnt ein Gespräch. Inzwischen hat, genau im Sinne der Verabredung, Marie Antoinette begonnen, ihren Rundgang zu machen. Sie plaudert mit dieser Dame, jetzt mit der nächsten, jetzt abermals mit der nächsten, verlängert vielleicht aus Angst und Erregtheit und Ärger ein wenig dies letzte Gespräch; nun steht nur noch eine, die letzte Dame zwischen ihr und der Dubarry – zwei Minuten, eine Minute noch, und sie muß bei Mercy und der Favoritin angelangt sein. In diesem entscheidenden Augenblick aber führt Madame Adelaide, die Haupthetzerin unter den Tanten, ihren großen Coup aus. Sie fährt scharf auf Marie Antoinette zu und sagt befehlend: »Es ist Zeit, daß wir gehen. Komm! Wir müssen den König bei meiner Schwester Victoire erwarten.« Marie Antoinette, überrascht, erschreckt, verliert den Mut; verschreckt, wie sie ist, wagt sie nicht, nein zu sagen, und hat anderseits nicht genug Geistesgegenwart, jetzt noch rasch ein gleichgültiges Wort an die wartende Dubarry zu richten. Sie wird rot, verwirrt sich und läuft mehr, als sie geht, davon, und das Wort, das ersehnte, bestellte, das diplomatisch erkämpfte und zu viert verabredete Wort bleibt ungesprochen. Alles ist starr. Die ganze Szene war vergebens gestellt; statt Versöhnung hat sie eine neue Verhöhnung bewirkt. Die Böswilligen am Hofe reiben sich die Hände, bis hinunter in die Gesindestuben erzählt man kichernd, wie die Dubarry vergeblich gewartet hatte. Aber die Dubarry schäumt, und, was bedenklicher ist, Ludwig XV. gerät in redlichen Zorn. »Ich sehe, Herr von Mercy,« sagt er ingrimmig zu dem Botschafter, »Ihre Ratschläge haben leider keinen Einfluß. Es ist nötig, daß ich hier selber eingreife.«

 

Der König von Frankreich ist zornig und hat gedroht, Madame Dubarry tobt in ihren Zimmern, die ganze österreichisch-französische Allianz schwankt, der Friede Europas schwebt in Gefahr. Sofort meldet der Botschafter die böse Wendung nach Wien. Nun muß die Kaiserin heran, das »siebenmal glühende Licht«. Nun muß Maria Theresia selbst eingreifen, denn nur sie allein von allen Menschen hat Macht über dieses halsstarrige und unbedachte Kind. Maria Theresia ist über die Vorgänge äußerst erschrocken. Als sie ihre Tochter nach Frankreich sandte, hat sie ehrlich die Absicht gehabt, ihrem Kinde das trübe Gewerbe der Politik zu ersparen, und von vornherein ihrem Botschafter geschrieben: »Ich gestehe offen ein, nicht zu wünschen, daß meine Tochter irgendeinen entscheidenden Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten gewinne. Ich habe es selbst erfahren, welche drückende Last die Führung eines großen Reiches bedeutet, und überdies kenne ich die Jugend und den Leichtsinn meiner Tochter, verbunden mit ihrer geringen Neigung für irgendein ernstes Streben (und sie hat auch noch gar keine Kenntnisse); das läßt mich für die Regierung einer so herabgekommenen Monarchie wie der französischen nichts Gutes erhoffen. Wenn meiner Tochter eine Besserung dieses Zustandes nicht gelingt oder er sich gar noch verschlechtern würde, wünschte ich lieber, daß man dessen irgendeinen Minister beschuldige als mein Kind. Ich kann mich darum nicht entschließen, zu ihr von Politik und Staatsangelegenheiten zu sprechen.«

Aber diesmal – Verhängnis! – muß die tragische alte Frau sich selber untreu werden, denn Maria Theresia hat seit einiger Zeit ernste politische Sorgen. Eine dunkle und nicht eben saubere Sache ist in Wien im Gange. Vor Monaten schon war von Friedrich dem Großen, den sie als den leibhaftigen Sendboten Luzifers auf Erden haßt, und von Katharina von Rußland, welcher sie ebenso gründlich mißtraut, das peinliche Angebot einer Teilung Polens gekommen, und der begeisterte Beifall, den diese Idee bei Kaunitz und ihrem Mitregenten Joseph II. findet, verstört seitdem ihr Gewissen. »Alle Partage ist unbillig in seinem Grund, und für uns schädlich. Ich kann diesen Antrag nicht genug bedauern und muß bekennen, daß mich sehen zu lassen schäme.« Sofort hat sie diese politische Idee als das erkannt, was sie ist, als moralisches Verbrechen, als Raubzug gegen ein wehrloses und schuldloses Volk. »Mit welchem Recht dürfen wir einen Unschuldigen ausrauben, den zu schützen wir immer uns gerühmt haben?« In ernster und reiner Entrüstung lehnt sie den Vorschlag ab, gleichgültig dagegen, daß man ihre sittlichen Bedenken für Schwäche auslegen könnte. »Gelten wir lieber für schwach als für unehrlich«, sagt sie edel und klug. Aber Maria Theresia ist längst nicht mehr Alleinherrscherin. Joseph II. ihr Sohn und Mitkaiser, träumt einzig von Krieg und Reichsvermehrung und Reformen, während sie, der labilen und künstlichen Staatsform Österreichs weise bewußt, einzig an Erhalten und Bewahren denkt; um ihrem Einfluß entgegenzuarbeiten, läuft er ängstlich dem militärischen Mann nach, der seiner Mutter erbittertster Feind gewesen, Friedrich dem Großen, und zur tiefsten Bestürzung sieht die alternde Frau ihren getreuesten Diener Kaunitz, den sie groß gemacht, sich dem steigenden Stern ihres Sohnes zuneigen. Am liebsten möchte sie, abgearbeitet, müde, in allen ihren Hoffnungen als Mutter wie als Herrscherin enttäuscht, die Staatsmacht niederlegen. Aber die Verantwortung hält sie zurück, sie ahnt mit prophetischer Sicherheit – hier ist die Situation geheimnisvoll ähnlich jener Franz Josephs, der, gleichfalls müde, gleichfalls die Macht nicht aus den Händen ließ –, daß von dem fahrigen unruhigen Geist dieses hastigen Reformers sofort sich Unruhe im ganzen mühsam beherrschten Reich verbreiten werde. So kämpft diese fromme und zutiefst redliche Frau bis zur letzten Stunde um das, was ihr als das Höchste gilt: um die Ehre: »Ich bekenne,« schreibt sie, »daß zeit meines Lebens nicht so beängstiget mich gefunden. Als alle meine Länder angesprochen wurden, steiffete ich mich auf mein gutes Recht und den Beistand Gottes. Allein im gegenwärtigen Fall, wo nicht allein das Recht auf meiner Seiten nicht vorhanden, sondern Verbindlichkeiten, Recht und Billigkeit wider mich streitten, bleibt mir keine Ruhe, vielmehr Unruhe und Vorwürffe eines Herzens übrig, so niemahlens Jemanden oder sich selbsten zu betäuben oder Duplicität für Aufrichtigkeit gelten zu machen gewohnet wäre. Treue und Glauben ist für allezeit verlohren, so doch das gröste Kleinod und die wahre Stärcke eines Monarchen gegen die anderen ist.«

Aber Friedrich der Große hat ein robustes Gewissen und spottet in Berlin: »Kaiserin Katharina und ich, wir beide sind zwei alte Briganten, doch wie macht sich das diese Devote mit ihrem Beichtvater aus?« Er drängt, und Joseph II. droht, immer wieder beschwört er die Unvermeidlichkeit eines Krieges herauf, wenn Österreich sich nicht füge. Schließlich, unter Tränen, mit verwundetem Gewissen und weher Seele gibt Kaiserin Maria Theresia nach: »Ich bin nicht stark genug, allein die affaires zu führen, mithin lasse, jedoch nicht ohne meinen größten Gram, selbe ihren Weg gehen,« und unterschreibt mit der Rückendeckung »weil alle klugen und erfahrenen Männer dazu raten.« Aber im innersten Herzen weiß sie sich mitschuldig und zittert vor dem Tag, da der geheime Traktat und seine Folgen vor der Welt offenbar werden. Was wird Frankreich sagen? Wird es gleichgültig diesen räuberischen Überfall auf Polen in Hinblick auf die Allianz dulden oder einen Anspruch bekämpfen, den sie selber als nicht rechtmäßig empfindet (mit eigener Hand streicht ja Maria Theresia das Wort »rechtmäßig« aus dem Okkupationsdekret). Alles hängt einzig von der herzlichen oder kühlen Gesinnung Ludwigs XV. ab.

Da schneit mitten in diese Sorgen, in diesen brennenden Gewissenskonflikt der Alarmbrief Mercys herein: der König sei verärgert gegen Marie Antoinette, er habe dem Botschafter offen seinen Unmut bekundet, und das gerade, während man in Wien noch immer den einfältigen Gesandten, Prinz Rohan, so herrlich übertölpelt, daß er über seinen Vergnügungspartieen und Jagdritten nichts von Polen merkt. Weil Marie Antoinette nicht mit der Dubarry sprechen will, kann aus der Teilung Polens eine Staatsaffäre entstehen, am Ende sogar ein Krieg – Maria Theresia erschrickt. Nein, wo sie selbst, die Fünfundfünfzigjährige, ein so schmerzliches Gewissensopfer der Staatsräson bringen mußte, da darf ihr eigenes Kind, diese ahnungslose Sechzehnjährige, nicht päpstlicher sein wollen als der Papst, nicht moralischer als ihre Mutter. – Ein Brief wird also geschrieben, energischer als je, um den Trotz der Kleinen ein für allemal zu brechen. Natürlich kein Wort von Polen, nichts von der Staatsräson, sondern (es muß der alten Kaiserin hart angekommen sein) die ganze Affäre bagatellisieren: »Ach, was für eine Angst und Hemmung, zum König, diesem besten der Väter, zu sprechen! Oder zu jenen Leuten, von denen man Dir rät, es zu tun! Was für eine Angst, nur irgend guten Tag zu sagen! Ein Wort über ein Kleid, über eine Kleinigkeit kostet Dich soviel Grimassen oder vielleicht mehr? Du hast Dich in eine solche Sklaverei einfangen lassen, daß anscheinend die Vernunft und sogar Deine Pflicht nicht mehr Kraft hat, Dich zu überreden. Ich kann nicht länger schweigen. Nach dem Gespräch mit Mercy und seiner Mitteilung über das, was der König wünscht und was Deine Pflicht erheischt, hast Du gewagt, ihm nicht zu gehorchen! Was für ein vernünftiges Motiv kannst Du mir da nennen? Gar keines. Du hast die Dubarry nicht anders anzusehen als alle übrigen Frauen, die am Hofe zur Gesellschaft des Königs zugelassen sind. Als der erste Untertan des Königs mußt Du Dich dem ganzen Hofe so zeigen, daß der Wunsch Deines Gebieters unbedingt ausgeführt werde. Natürlich, wenn man Dir Niedrigkeiten zumutete oder von Dir Intimitäten verlangte, dann würde weder ich noch ein anderer sie Dir anraten, aber irgendein gleichgültiges Wort, nicht um der Dame selbst willen, sondern um des Großvaters willen, Deines Gebieters und Wohltäters!«

Diese Kanonade (nicht ganz ehrlicher Argumente) bricht Marie Antoinettes Energie; unbändig, eigenwillig, trotzig, hat sie doch gegen die Autorität ihrer Mutter niemals Widerstand gewagt. Die habsburgische Hausdisziplin bewährt sich hier wie allezeit wieder sieghaft. Noch spreizt sich Marie Antoinette der Form halber ein wenig. »Ich sage nicht nein und nicht, daß ich nie mit ihr sprechen werde. Nur kann ich mich nicht dazu bringen, mit ihr zu einer bestimmten Stunde eines bestimmten Tages zu sprechen, damit sie es im voraus ankündigen und triumphieren kann.« Aber in Wirklichkeit ist ihr Widerstand innerlich gebrochen, und diese Worte sind nur ein letztes Rückzugsgefecht: die Kapitulation ist im voraus besiegelt.

Marie Antoinette, die Dauphine, als Hebe
Ölgemälde von François Hubert Drouais

Der Neujahrstag 1772 bringt endlich die Entscheidung in diesem heroisch-komischen Frauenkrieg, er bringt Madame Dubarrys Triumph, Marie Antoinettes Unterwerfung. Wieder ist die Szene theatralisch gestellt, abermals der feierlich versammelte Hof als Zeuge und Zuschauer berufen. Die große Glückwunschcour beginnt. Eine nach der andern defilieren, der Rangstufung gemäß, die Hofdamen an der Dauphine vorbei, darunter die Herzogin von Aiguillon, die Gattin des Ministers, mit Madame Dubarry. Die Dauphine richtet einige Worte an die Herzogin von Aiguillon, dann wendet sie den Kopf ungefähr in die Richtung der Madame Dubarry und sagt, nicht gerade zu ihr, aber doch so, daß man es mit einigem guten Willen als an sie gerichtet gelten lassen kann – alles hält den Atem an, um keine Silbe zu verlieren, – das lang ersehnte, das grimmig umkämpfte, das unerhörte, das schicksalsmächtige Wort, sie sagt zu ihr: »Es sind heute viele Leute in Versailles.« Sieben Worte, sieben genau gezählte Worte hat Marie Antoinette sich abgerungen, aber, ungeheures Ereignis am Hofe, wichtiger als der Gewinn einer Provinz, aufregender als alle längst notwendigen Reformen – die Dauphine hat endlich, endlich zur Favoritin gesprochen! Marie Antoinette hat kapituliert, Madame Dubarry hat gesiegt. Nun ist alles wieder gut, der Himmel von Versailles hängt voller Geigen. Der König empfängt die Dauphine mit offenen Armen, er umarmt sie zärtlich wie ein wiedergefundenes Kind, Mercy dankt ihr gerührt, wie ein Pfau schreitet die Dubarry durch die Säle, die verärgerten Tanten toben, der ganze Hof ist erregt, er schwirrt und schwätzt vom First bis in die Keller hinab, und all dies, weil Marie Antoinette zur Dubarry gesagt hat: »Es sind heute viele Leute in Versailles.«

Aber diese sieben banalen Worte tragen tieferen Sinn. Mit diesen sieben Worten ist ein großes politisches Verbrechen besiegelt, mit ihnen das schweigende Einverständnis Frankreichs zur Teilung Polens erkauft. Nicht nur die Dubarry, sondern auch Friedrich der Große und Katharina haben mit diesen sieben Worten ihren Willen durchgesetzt. Nicht nur Marie Antoinette ist erniedrigt worden, sondern ein ganzes Land.

 

Marie Antoinette ist besiegt worden, sie weiß es, ihr junger und noch kindisch unbeherrschter Stolz hat einen mörderischen Hieb empfangen. Zum erstenmal hat sie den Nacken gebeugt, aber sie wird ihn nicht ein zweitesmal mehr beugen bis zur Guillotine. Bei diesem Anlaß ist plötzlich sichtbar geworden, daß dieses weichherzige und leichtfertige Geschöpf, daß die »bonne et tendre Antoinette«, sobald es an ihre Ehre geht, eine stolze und unerschütterliche Seele birgt. Erbittert sagt sie zu Mercy: »Einmal habe ich zu ihr gesprochen, aber ich bin entschlossen, es dabei bewenden zu lassen. Diese Frau wird keinen Ton meiner Stimme mehr hören.« Auch ihrer Mutter zeigt sie deutlich, daß nach dieser einmaligen Nachgiebigkeit weitere Opfer nicht zu erwarten sind: »Sie dürfen mir glauben, daß ich immer meine Vorurteile und Widerstände preisgeben werde, aber nur so lange, als man von mir nichts Ostentatives verlangt oder etwas, was gegen meine Ehre ist.« Vergebens, daß daraufhin die Mutter, ganz empört über diese erste selbständige Regung ihres Kückens, sie energisch abtrumpft: »Du machst mich lachen, wenn Du Dir vorstellst, daß ich oder mein Botschafter Dir jemals einen Rat geben würden, der gegen Deine Ehre wäre oder sogar gegen das geringste Gebot der Wohlanständigkeit. Ich bekomme Angst um Dich, wenn ich diese Aufregung sehe um so weniger Worte wegen. Und wenn Du sagst, daß Du es nicht mehr tun willst, so läßt mich dies für Dich zittern.« Vergebens, daß Maria Theresia ihr immer und immer wieder schreibt: »Du mußt zu ihr wie zu jeder andern Frau am Hofe des Königs sprechen; Du schuldest das dem König und mir.« Vergebens, daß Mercy und die andern ohne Unterlaß auf sie einreden, sie solle doch zu der Dubarry sich freundschaftlich stellen und sich dadurch die Gunst des Königs sichern: alles zerschellt an dem neuerlernten Selbstbewußtsein. Die schmale Habsburger Lippe Marie Antoinettes, die sich ein einziges Mal widerwillig aufgetan hat, bleibt ehern verschlossen, keine Drohung, keine Lockung können sie mehr entsiegeln. Sieben Worte hat sie der Dubarry gesagt, und nie hat die verhaßte Frau ein achtes gehört.

 

Dieses eine Mal, am 1. Januar 1772, hat Madame Dubarry über die Erzherzogin von Österreich, über die Dauphine von Frankreich triumphiert, und vermutlich könnte mit so mächtigen Bundesgenossen wie einem König Ludwig und einer Kaiserin Maria Theresia die Hofkokotte ihren Kampf gegen die zukünftige Königin weiterführen. Aber es gibt Schlachten, nach denen der Sieger, die Kraft seines Gegners erkennend, selber über seinen Sieg erschrickt und überlegt, ob man nicht klüger täte, freiwillig das Schlachtfeld zu räumen und Frieden zu schließen. Madame Dubarry wird es nicht sehr behaglich bei ihrem Triumph. Innerlich hat dieses gutmütige, nichtige Geschöpf ja von Anfang an keinerlei Feindschaft gegen Marie Antoinette gehegt; sie wollte, in ihrem Stolz gefährlich verletzt, nichts als diese eine kleine Genugtuung. Nun ist sie zufrieden und mehr noch: sie ist von dem zu öffentlichen Sieg beschämt und verängstigt. Denn so klug ist sie immerhin, um zu wissen, daß ihre ganze Macht auf unsicheren Füßen steht, auf den gichtigen Beinen eines rasch alternden Mannes. Ein Schlaganfall des Zweiundsechzigjährigen, und schon morgen kann diese »petite rousse« Königin von Frankreich sein; eine »lettre de cachet«, ein solcher fataler Reisebrief in die Bastille, ist rasch unterschrieben. Darum macht Madame Dubarry, kaum daß sie Marie Antoinette besiegt hat, die heftigsten, die redlichsten und aufrichtigsten Versuche, sie zu versöhnen. Sie verzuckert ihre Galle, sie bändigt ihren Stolz; sie erscheint immer und immer wieder bei ihren Gesellschaftsabenden, und obwohl keines Wortes mehr gewürdigt, zeigt sie sich keineswegs verdrossen, sondern läßt die Dauphine durch Zuträger und gelegentliche Boten immer und immer wieder wissen, wie herzlich sie ihr gesinnt sei. Auf hundert Arten trachtet sie, die einstige Gegnerin bei ihrem königlichen Liebhaber zu begönnern, schließlich greift sie sogar zum verwegensten Mittel: da sie Marie Antoinette nicht durch Liebenswürdigkeit gewinnen kann, versucht sie ihre Gunst zu kaufen. Man weiß bei Hofe – und weiß es leider zu gut, wie die berüchtigte Halsbandaffäre später zeigen wird –, daß Marie Antoinette in kostbaren Schmuck hemmungslos vernarrt ist. So denkt die Dubarry – und es ist bezeichnend, daß der Kardinal Rohan ein Jahrzehnt später genau demselben Gedankengange folgt –, vielleicht sei es möglich, sie durch Geschenke zu kirren. Ein großer Juwelier, derselbe Böhmer aus der Halsbandaffäre, besitzt Brillantenohrgehänge, die auf siebenhunderttausend Livres geschätzt werden. Wahrscheinlich hat Marie Antoinette diesen Schmuck schon heimlich oder offen bewundert und die Dubarry von ihrem Gelüst erfahren. Denn eines Tages läßt sie ihr durch eine Hofdame zuflüstern, wenn sie die Brillantenohrgehänge wirklich haben wolle, so sei sie mit Freuden bereit, Ludwig XV. zu bereden, er solle sie ihr schenken. Aber Marie Antoinette antwortet auf diesen schamlosen Vorschlag mit keinem Wort, verächtlich wendet sie sich ab und sieht weiterhin an ihrer Gegnerin kühl vorbei; nein, für alle Krongesteine der Erde wird diese Madame Dubarry, die sie einmal öffentlich gedemütigt hat, kein achtes Wort von ihrer Lippe hören. Ein neuer Stolz, eine neue Sicherheit hat in der Siebzehnjährigen begonnen: sie braucht keine Juwelen mehr von fremder Gunst und Gnade, denn schon spürt sie auf der Stirn das nahe Diadem der Königin.

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