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Maria Regina. Erster Band

Ida von Hahn-Hahn: Maria Regina. Erster Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
titleMaria Regina. Erster Band
publisherVerlag von J. Habbel.
seriesIda Gräfin Hahn-Hahn ? Gesammelte Werke
volume1. Serie: 1. Band
correctorreuters@abc.de
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created20071116
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Das Paradies und die Peri.

Das Spätjahr löste den Familienkreis nach und nach auf. Hyazinth ging zuerst fort – in Seminar. Er mußte dem Grafen versprechen, daß keine falsche Scham ihn verhindern solle, den geistlichen Stand aufzugeben, wenn er denselben nicht als seinen wahren Beruf erkenne. Levin sagte in seiner schlichten Weise:

»Wandele vor Gott, bete fleißig, sei wachsam, kreuzige Dich und dann vertraue der Gnade. Denke an den 77. Psalm: »Das Ersehnte gab ihnen der Herr. Er täuschte nicht ihr Verlangen.«

»Hyazinth,« sagte Uriel wehmütig, »Du magst wohl den besten Teil erwählt haben! aber folgen könnt' ich Dir nicht. Es ist gewiß eine besondere Gnade Gottes, daß nun schon so lange ein frommer Priester in unserer Familie ist, und daß, wenn dereinst Onkel Levin von uns scheidet, das heilige Opfer aus seiner Hand in die Deine übergeht.«

Orest und Florentin sprachen anders zu Hyazinth; allein die Farben, womit sie ihm die Welt ausmalten, taten seinem reinen Auge weh, und die Gründe, durch die sie ihn in der Welt zurückzuhalten suchten, waren eben die, weshalb er sie meiden wollte, und was sie ihm von Glück und Freude und Genüssen erzählten, bestärkte ihn nur in seiner Überzeugung, daß darin für ihn nicht der leiseste Hauch von Befriedigung zu finden sei.

»O laßt mich gehen,« sagte er schmerzlich, »quält mich nicht. Ich weiß, daß ich den Weg zum ewigen Leben einschlage; aber ob Ihr nicht auf den Pfaden des Todes wandelt: ach, das weiß ich nicht.«

Er war wie der Heiland in der Wüste, dem die Engel dienten, nachdem der Versucher geflohen war. Regina sagte zu ihm:

»Hyazinth, Du wirft nun ein Nachfolger unseres gekreuzigten Gottes werden, und ich werde es in anderer Weise auch werden. Wir sind glücklich, wir wissen, Wen wir lieben. Aber stehe mir bei mit Deinem Gebet; denn Du bringst Dich nach Außen in Sicherheit, während ich gleichsam in eine Arena zum Kampf mit wilden Tieren hinabgestoßen werde. Mir graut vor einer Welt, an welcher Orest und Florentin hängen.«

»Der heilige Johannes Chrysostomus sagt,« antwortete Hyazinth, »eine Jungfrau, die sich Gott verlobt habe, müsse durch die Welt wie durch eine Wüste gehen, und während ihr Fuß auf Erden weile, mit ihrem Herzen im Himmel sein. Sieh', damals gab es viele gottgeweihte Jungfrauen, welche durch diese und jene Verhältnisse veranlaßt wurden, in ihren Familien zu bleiben. Auch später hast Du ähnliche Beispiele, und zwei der glänzendsten an den beiden Dominikanerinnen dritten Ordens, die heil. Katharina von Siena und die heil. Rosa von Lima, welche nie im Kloster lebten und doch die Welt mit dem Glanz ihrer Heiligkeit bestrahlten. Halte Dich zu ihnen. Dazu haben wir ja die lieben Heiligen.«

Er zog von dannen, wie ein Seliger, der den Ballast der Erde schon abgeworfen und seinen Schwung zum Himmel genommen hat. Mit einer Art von Neid sah Florentin auf ihn; nicht daß er sich gesehnt hätte, wie Hyazinth zu sehen, zu denken, zu glauben, zu sein; aber er mißgönnte ihm diese klare Stille, diesen Frühlingsmorgen in der Seele, den der Glaube mit seinem Gefolge von Frieden und Liebe in ihr hervorruft. Nachdem Florentin, wie so manche junge Leute, an der Klippe schlechter Bücher und schlechter Gesellschaft einen traurigen Schiffbruch der Sittlichkeit gelitten hatte, ließ er sich leicht blenden durch philosophische Systeme und wissenschaftliche Studien, welche eine höhere Erkenntnis ewiger Grundwahrheiten zu geben versprachen, indem sie die göttliche Offenbarung als eine abgenutzte Antiquität beseitigten, die für den im Fortschritt begriffenen Menschengeist ohne Geltung sei: und warf sich mit dem Heißhunger und dem einseitigen Eifer einer zügellosen Jugend auf alle antireligiösen Schriften, an denen die Zeit so überreich war, daß sie auf jedem Gebiet des Denkens, in jedem Fach des Wissens wucherten. Sie entsprachen den bösen Instinkten, die sich in ihm, wie in jeder Menschenbrust regten, indem sie, die Abhängigkeit des Geschöpfes vom Schöpfer nicht anerkennend, dem Hochmut und der Ichsucht schmeichelten, der Genußgier keine Schranken setzten, das Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen maßlos steigerten, und dem Menschengeist die volle Omnipotenz zusprachen, welche sie dem Schöpfer und Regierer des Alls absprachen, so daß jedes Individuum sich selbst, als seinen Gott, anbeten durfte. Weil dies Zugeständnis aber für manche, in denen auch edle Instinkte sich regten, abstoßend gewesen wäre, so wurde die Vergötterung des Ich's verschleiert durch die Vergötterung der Ideen. Die Freiheit, der Fortschritt, die Gleichberechtigung aller Menschen, wozu natürlich auch die Emanzipation der Frauen gehörte, waren die Stichworte, bei denen man in Begeisterung verfiel, waren die Ideen, welche das Individuum, oder die Kotterie, oder die Partei, nicht im Zusammenhang mit der ewigen Wahrheit, sondern subjektiv erfaßt und gedeutet, vergötterte. Diese Ideen sollten in der Seele und in dem Leben und Streben des Menschen denjenigen Platz einnehmen, den bei dem Gläubigen Gott einnimmt; man sollte sich selbst und andere nach ihnen bilden und für sie hinopfern. So spann man sich in die Selbsttäuschung ein, außerordentlich unegoistisch zu sein, während man in der Tat das liebe Ich im Maskenkleid der subjektiven Idee anbetete, wohlweislich die Vorsicht gebrauchend, die subjektive Auffassung immer als die einzig richtige und allgemein anerkannte darzustellen. Daß in Folge einer solchen Verfälschung der inneren Entwickelung des Geistes, seines Strebens und seines Zieles, Unwahrheit, Verwirrung und Unruhe in ihm herrschen, kann nicht befremden. Gott hat den Menschengeist geschaffen für die Offenbarung und hat die Offenbarung gegeben für den Menschengeist. Es besteht zwischen beiden eine übernatürliche, geheimnisvolle und doch ganz wahrhafte Verbindung, wie sie in der Natur zwischen dem Sonnenstrahl und der Blume besteht, die, vom Licht entfernt, farblos bleibt. Außerhalb seines Sonnenstrahls, der aus der Offenbarung auf ihn fallt und den Glauben in ihm weckt, bleibt der Menschengeist verkrüppelt. Er fühlt es, aber er will es nicht eingestehen; er sucht vielmehr nach anderen Sonnen, nach anderem Licht, und irrt dabei immer weiter und weiter von dem Quell alles Lichtes ab und versinkt immer tiefer und tiefer in jammervolle Finsternis und in unstillbaren Unfrieden. Ein Zeichen dieses inneren Unfriedens ist es, daß der Glaubenslose den Gläubigen nicht neben sich, nicht einmal auf der Welt dulden will. Er hat das gemein mit dem Laster, welches auch gern die Tugend vertilgen möchte, die ihm ein Dorn im Auge ist. Daher der Grimm des Unglaubens gegen das positive Christentum, das sich am Bestimmtesten in der katholischen Kirche ausdrückt; daher sein Haß gegen ihre Institutionen; daher die Verachtung, mit welcher er sie in ruhigen Zeiten zu ignorieren – daher die Wut, womit er sie in gährenden und aufgeregten zu vernichten sucht. Das alles wogte durch Florentins Seele. Er hatte mit dem Glauben auch die Liebe verloren. Er wußte nichts von Dankbarkeit gegen den Grafen, der ihn, den armen, gequälten, vernachlässigten Fischerbuben, zum Kind seines Hauses gemacht hatte; nichts von Anhänglichkeit an die jungen Leute, mit denen er als ein Bruder aufgewachsen war. Wie ein erstarrender Nachtfrost hatte sich der Unglaube über alle Blütenknospen seines Gemütslebens gelegt. Der Glaube verbindet tausend Herzen in der Liebe zu Gott; der Unglaube trennt sich von Gott und vereinzelt somit Tausende, die wie vermauert in ihrem Ich stecken bleiben. Ich bin ja doch kein Windecker, sagte Florentin bisweilen zu sich selbst; gehöre ja doch nicht ihrer Kaste an; bin nicht gleichberechtigt, weder in ihren Augen, noch in denen der Welt; habe nicht ihre Traditionen: deshalb muß ich meinen eigenen Weg gehen. Im Herzen beneidete er sie alle: Uriel um die Hoffnung auf Regina's Hand; Orest um die Aussicht auf Stamberg:

Hyazinth um seinen stillen Frieden. Oftmals dachte er heimlich, diese drei Dinge müßten eigentlich ihm gehören, und wenn er nur Regina und Stamberg besäße, würde sich der Friede wohl von selbst finden. So unersättlich ist der Egoismus! und so wenig berücksichtigte Florentin, daß Hyazinth's Frieden auf Entsagung beruhe und nicht auf Besitz. Von all' den Hoffnungen, welche die gute Gräfin Kunigunde an Florentin geknüpft hatte, war noch keine in Erfüllung gegangen.

Der Graf glaubte nicht, daß es Florentin ernst sei mit seinen sozialistischen Tendenzen. Überhaupt hielten ja damals sehr viele diese Richtung für eine solche, welche rein theoretischer Art sei und nur den Anspruch mache, geschrieben, allenfalls gelesen, höchstens besprochen, doch nimmermehr gelebt zu werden; er hielt sie eben für unmöglich, was sie freilich hinsichtlich der Durchführung, doch gewiß nicht hinsichtlich eines Versuches sein mag. So hielten im vorigen Jahrhundert auch sehr viele, welche sich ungemein an den Vorspielen der Revolution in Schriften und Reden erfreuten und belustigten, deren Richtung auf die Guillotine für unmöglich. Der Graf glaubte, Florentins irreligiöse und sonstige etwas blasphematorische Ansichten wären nur eine Art von Reaktion gegen die gar zu fromme Erziehung, die Kunigunde ihm, wie allen Kindern gegeben habe, und jene mache sich Luft, indem sie in den Gegensatz umschlage. Er sagte ihm zum Abschied, als Florentin zur Vollendung seiner Studien nach Würzburg ging:

»Klammere Dich nur nicht allzu fest an Deinen Kommunismus und Republikanismus. Mit den Studentenjahren müssen alle Überschwänglichkeiten aufhören; denn da hört die Nachsicht auf, die man mit der erfahrungslosen, hitzköpfigen Jugend hat. Ich verlange wahrhaftig keine Bigotterie von Dir; allein Du mußt Dich hüten, in ein entgegengesetztes und wahrhaft indezentes Extrem zu verfallen.«

Florentin versicherte dagegen, er sei äußerst gemäßigt, wie sich das ja von selbst verstehe für eine Richtung, die kein anderes Ziel noch Streben habe, als wahre Humanität. Der Graf erwiderte:

»Schon recht! Über die Mittel, durch welche Du Deine wahre Humanität zu verbreiten suchst, scheinen mir nicht eben gemäßigt, sondern etwas inhuman zu sein. Revolutionäre Querköpfe machen nirgends Glück, als in Revolutionen, und die können wir nicht brauchen.«

Regina gab an Florentin ein ganz kleines Büchlein in violettem Ledereinband und sagte:

»Lieber Florentin, wenn Sie einmal mit all' Ihren Weltverbesserungsprojekten gründlichen Schiffbruch gemacht haben: dann wird dies kleine Buch Ihnen zeigen, wohin und wie Sie sich retten können.«

»Sie nehmen also meinen Schiffbruch für eine ausgemachte Sache an?« fragte er beleidigt.

»Ich hoffe darauf,« entgegnete sie liebreich. »Ich hoffe, daß das lecke Schiff ohne Steuerruder und ohne Kompaß, mit dem Sie sich in's Lebensmeer hinauswagen wollen, sich recht bald in seiner Untauglichkeit ausweisen möge. Dann werden Sie sich flüchten in die rettende Arche, und besseres kann ich Ihnen nicht wünschen.«

»Ah, die Nachfolge Christi!« sagte Florentin, das Büchlein aufschlagend; »ich nehme es zum Andenken an ihren Fanatismus, Regina.«

»Nehmen Sie es nur, Florentin,« entgegnete sie mild; »es war das Lieblingsbuch der lieben Mutter.«

Da führte er es hastig an seine Lippen und drückte einen Kuß darauf. Dann reiste er ab. So lange er auf Windeck gewesen war, hatte er nicht ein einziges Mal seins Stiefmutter und Stiefgeschwister besucht. Er vergaß nie die schlechte Behandlung, die er in seiner Kindheit von ihr erfahren hatte: und vergaß gänzlich, daß gerade dies ein Hauptgrund war, den ihn zum Pflegesohn der Gräfin Kunigunde machte.

Orest wollte nun auch fort. »Aber,« sagte er, »Soldat im Kriege, oder Soldat in der Garnison zu sein, ist ein famoser Unterschied. Der Krieg versüßt alles, auch die Subordination, die strenge Disziplin, das stramme Kommandieren und Exerzieren, was in unseren philiströsen Zeiten äußerst lästig sein mag. Schade, daß der Sonderbundkrieg zu Ende ist. Ich hätte ihn als Volontär mit machen und zum General Salis gehen sollen! Es war hier aber ein recht lustiges Leben, und darüber hab' ich's versäumt.«

»Läßt Du dich denn von gar nichts anderem bestimmen, als von einem lustigen Leben!« rief Uriel ungeduldig.

»Weshalb sollte ich das?« fragte Orest so unbefangen, als habe er nie von einer anderen Richtschnur gehört.

»Ich bitte doch recht sehr,« sagte der Graf, »daß Du einen bestimmten Beruf wählst und ergreifst, damit Du nicht mit Deinem Hange zum lustigen Leben ein charmanter Vagabunde wirst.«

»Ich – ein Vagabunde! Aber Papachen, woran denkst Du! ich bin ja der unermüdlich tätigste Mensch unter der Sonne!« rief Orest. »Sieh', jetzt denk' ich nach Westfalen und nach Mecklenburg zu Parforcejagden zu gehen, zu denen ich schon im vorigen Jahre eingeladen war. Nein! ein tüchtiger Reiter und Jäger gehört zu den respektabelsten Menschen auf Erden, ist mutig, ausdauernd, rührig, abgehärtet. Sind das nicht herrliche männliche Tugenden? Besitzt sie ein Vagabunde? In England würde ich vielleicht einen Sitz im Parlament erreiten und erjagen. Ich – ein Parlaments-Mitglied! Ich – ein Lord vom Wollsack! Was verlangst Du mehr? Ist es meine Schuld, daß Deutschland nicht so vernünftig wie Old-England ist? Wärest Du meinesgleichen, so müßten wir uns schießen. Papachen, über dem Taschentuch schießen; jetzt bleibt mir nichts übrig, als Dir zu verzeihen.«

»Du bist ganz wie Dein Vater!« sagte der Graf lachend; »der machte auch immer Spaß, und wollte man darüber ärgerlich werden, so spaßte er solange, bis man über ihn und mit ihm lachen mußte. Also amüsiere Dich auf Deinen Fuchsjagden, Du hochherziger Nimrod, und brich Dir nicht den Hals dabei.«

So war denn nur Uriel noch auf Windeck, und der Graf wollte, daß er bliebe, bis die ganze Familie nach Frankfurt ginge. Regina sollte sich durchaus an den Gedanken gewöhnen, mit Uriel verbunden zu sein und zu bleiben. Sie änderte ihr Benehmen in keiner Weise; sie war, was sie sein wollte: eine Braut Christi. Sie legte diese unüberwindliche Entschiedenheit gegen Uriel immer an den Tag, um keine falsche Hoffnung in ihm zu wecken; gegen ihren Vater aber nie, weil es ihn erbittert hätte und weil sie ja seine Zusage hatte, nach zehn Jahren sie ziehen zu lassen. Widerstand und Ungewißheit löschen zuweilen eine Neigung aus und zuweilen entzünden sie dieselbe zur Leidenschaft; das Letztere geschah bei Uriel. Regina war für ihn der Inbegriff menschlicher Vollkommenheit; dieser Adel der Seele, diese Lauterkeit des Herzens, verbunden mit so viel Schönheit, Anmut und Geist, mit solcher Grazie und Güte, forderten ja recht zur Liebe auf. Wer würde ein so herrliches Geschöpf Gottes nicht lieben? fragte er oft heimlich sich selbst. Und daß sie diesen hohen Schwung des Gefühls und dabei diesen großartigen, opferfreudigen Willen hatte, um über alles Irdische hinweg zu sehen und zu gehen – ach! wie gefiel ihm das! wie begeisterte ihn das für sie! wie trieb das auch ihn an, den Dingen der Erde nicht den ungemessenen Wert beizulegen, den die Welt ihnen leiht. Aber daß Regina's Besitz zu den Dingen der Erde gehörte, das wollte ihm nicht einleuchten. Majorat, Vermögen, Karriere erschienen ihm nichtig, keines Wunsches und keiner Anstrengung würdig, ohne Einfluß auf sein Glück; doch Regina's Herz zu gewinnen war ein Streben, welches die edelsten Kräfte seines Wesens anregte; Regina – Sein zu nennen, war eine unerhörte Befriedigung dieses Strebens, denn er hätte sie ja Gott abgerungen; mehr noch, er hätte ja den Sieg über Gott in ihrem Herzen davon getragen. So sang ihm die Leidenschaft ihre bezaubernden Sirenenlieder vor. Der Gedanke an einen irdischen Nebenbuhler hätte ihn gründlich durchkältet und auch den leisesten Wunsch unterdrückt, ein Herz zu besitzen, das sich zu einem Anderen neigte; denn Liebe – ist exklusiv. Aber der Gedanke an den göttlichen Rival gab ihm Glut und Mut, und geadelt fühlte sich seine Liebe, weil sie gegen Himmlisches in die Schranken trat. Der Graf freute sich über diese Gesinnung Uriels; Levin warnte ihn sanft.

»Wenn ich Dich um etwas bitten dürfte, lieber Uriel, so wär' es dies: lasse Dich zur Gesandtschaft nach Wien, nach Rom, nach Paris oder wohin sonst Du Lust hast, schicken; nur nicht nach Frankfurt. Du verbitterst Dir das Leben, und die Wellen werden Dir so hoch an's Herz gehen, daß Du bald Deine Lage unaushaltbar finden wirst. Du rechnest unbedingt auf einen günstigen Ausgang Deiner Wünsche; ist er nun aber ungünstig, was dann?«

»Was dann?« sagte Uriel befremdet. »Bester Onkel, was nach meinem Tode geschehen wird, das weiß ich nicht. Ich behaupte nicht, daß ich ohne Regina leiblicherweise sterbe, aber mein Herz stirbt, das ist gewiß.«

»Möge es in Gott aufleben,« sagte der milde Greis, der wohl einsah, daß mit der Leidenschaft nicht ruhig zu überlegen ist.

Regina trennte sich mit schwerem Herzen von Windeck und von Onkel Levin, der, wie der Schutzgeist des Hauses, unzertrennlich vom Schloß und der Kapelle war.

»Ich bin eine Art von Schnecke geworden, die mit ihrem Hause verwachsen ist,« sagte er freundlich ablehnend, als alle, vom Grafen an bis auf Corona, in ihn drangen, nicht so ganz allein auf Windeck zu bleiben. »Hier ist mein Standquartier, mein Wachposten, gleichviel ob es hier einsam oder gesellig hergehe. Überdas würde ich in der Stadt gar nichts von Euch allen haben: Uriel soll diplomatisieren, Regina sich amüsieren, Corona studieren; der Papa und die Tante müssen ein Haus machen und alle Sorgen des Lebens in der Gesellschaft auf sich nehmen; was sollte Onkel Levin, der alte Nichtstuer, mitten in Eurer großartigen Geschäftigkeit anfangen? Nein! er bleibt hier, in seinem Geleise, wie es sich für alte Leute schickt.«

»Und tut alles Gute, wofür wir keine Zeit haben,« ergänzte die Baronin Isabelle.

Dabei blieb es, – –


Der November mit seinen Stürmen und seinem ersten Schnee hatten auch Judith und ihre Mutter aus dem Gartenhause in die Stadt getrieben. Ernest kam eines Morgens strahlenden Angesichts zu ihr und sagte:

»Fräulein Judith, ich male jetzt ein Bild, wodurch man versöhnt wird mit der Porträtmalerei! Ich male zwei Schwestern, Töchter des Grafen Windeck, Mädchen von zwölf und von siebenzehn Jahren, die anziehendsten Physiognomien, die ich seit langer Zeit sah. Stellen Sie sich vor die Gestalt einer Hebe und den Kopf einer Heiligen, das ist die Älteste. Die Kleine aber sieht so romantisch interessant aus, als ob etwas von einer Mignon, von einer Ophelia in ihr stecke. Ich hatte beide seit ein paar Tagen in der Siebenuhrmesse im Dom bemerkt. Ganz einfach gekleidet, in große Schäferplaids verhüllt und mit schwarzen Samthüten, kamen sie zu Fuß, auch bei dem schlechtesten Wetter, mit einer Begleiterin, Gouvernante, Kammerfrau, was weiß ich! und einem Livrediener. Ich traute meinen Augen nicht, als ich zum erstenmal sah, daß sich diese großmächtige Figur im mauerfarbenen langen Rock hinter ihnen aufpflanzte; denn Sie müssen wissen, Fräulein Judith, Damen mit Livreedienern sind quasi Phönixe in der Siebenuhrmesse! Und diese beteten mit einer Andacht, mit einer Sammlung, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne sich zu regen und zu bewegen, immer auf den Knien, immer so tief geneigt, wie anbetende Engel, daß ich vom bloßen Anblick teilweise ganz andächtig, teilweise ganz zerstreut wurde. Wüßten die Frauen, wie schön ihnen die Andacht steht, sie würden alle fromm werden wollen! Einstweilen vertrauen sie mehr der Schönheit, welche das Modejournal, als der, welche das Gebetbuch gibt. Vorgestern nun kommt ein Graf Windeck zu mir und bittet mich, seine Töchter zu malen: Ahnungslos sag' ich ja; sie möchten nur kommen. Und wer tritt gestern in mein Atelier? meine Beterinnen. Sie wissen, Fräulein Judith, wie es in, meinem Atelier aussteht: konfus genug! Kann nicht anders sein. Dazu war gestern ein extraordinär trüber Tag. Nun, ich sage Ihnen, als sie eintraten, glitt gleichsam ein Sonnenstrahl mit hinein und machte alles ganz licht und klar. Die Kleine war rosenfarben gekleidet; die Älteste weiß, und sie trug in der Hand einen Kranz von Scabiosen. Plötzlich setzt sie sich diesen Kranz auf und sagt, so wünsche es der Vater. Können Sie sich eine Vorstellung von meinem grenzenlosen Erstaunen machen?«

»Nein, ganz und gar nicht,« sagte Judith. »Die Scabiose ist freilich keine schöne Blume.«

»Fräulein Judith! unter tausend Frauen, die eines Spiegels mächtig sind, setzen sich neunhundert neunundneunzig ihre Schlafhaube mit mehr Feierlichkeit auf, wie dies schöne Mädchen den Blumenkranz, mit welchem ihre Schönheit verewigt werden soll! O Gott! das ist ein ganz großartiger Seelenzug!«

»Alle Welt spricht von dieser Komtesse Windeck,« sagte Judith mit ihrem Anflug von kaltem Hochmut, »Sehr schön und sehr reich, das ist ja Grund genug, um die Welt zu elektrisieren. Gestern auf dem Diner bei der Mama war viel von ihr die Rede und ein Paar Herren schienen sehr zu bedauern, daß sie mit ihrem Vetter verlobt sei. Ich meinesteils kann mir eine deutsche Komtesse gar nicht anders denken, als langweilig und sentimental, so gewiß veilchenblau, halb duftig, halb fade.«

»Ich bin leider zu wenig bewandert unter den deutschen Komtessen,« sagte Ernest lachend, »um über die Richtigkeit dieses Charakterkolorits urteilen zu können. Indessen glaub' ich doch, daß Regina von Windeck sich Ihres Beifalls erfreuen wird. Nach Weihnachten beginnt ja das Leben in der Gesellschaft; dann werden Sie meinen Phönix kennen lernen.«

»Leider muß ich in die Welt gehen, da meine Eltern es durchaus verlangen,« sagte Judith. »Es sollte mich recht freuen, wenn ich jemand in dem tumultuarischen Wirrwarr fände, der mir gefiele.«

»Nun, nun! es gibt ja doch gar manche angenehme, gute und kluge Leute in der Welt! man muß nicht gar zu übergewaltige Ideale haben,« sagte Ernest gutmütig und munter.

»Sie find freilich mit allen Menschen zufrieden; das hab' ich schon bemerkt,« erwiderte Judith.

»Bis auf einen gewissen Punkt – ja! sie sind alle geschaffen, wie ich, nach dem Ebenbilde Gottes, und die Nächstenliebe lehrt mich, bei allen anzunehmen, daß sie, wie ich, sich bestreben, dies göttliche Ebenbild, welches jeder von uns durch seine Sünden so sehr verwischt hat, nach Kräften wieder in sich herzustellen. Eine fix und fertige Vollkommenheit suche ich aber nicht hienieden.«

»Es gibt aber böse Menschen, bei denen Sie jenes Bestreben unmöglich annehmen können. Was halten Sie von denen?«

»Das lehrt mich der heilige Augustinus, welcher sagt: »Glaubet nicht, daß die Bösen so umsonst auf »der Welt seien, und daß Gott nichts Gutes durch »sie wirke! Jeder Böse lebt, entweder damit er »gebessert, oder damit der Fromme durch ihn geprüft werde.« Sehen Sie! ich muß also für ihn hoffen und für ihn beten, damit sich die Hoffnung erfülle; und daraus wird denn in meinem Herzen ein Etwas, das im verkleinerten Maßstab der Liebe nicht unähnlich ist, welche Gott für uns arme Sünder hat. Die Bösen werden mir also ganz unabsichtlich zum Mittel, das göttliche Ebenbild in mir herzustellen.«

»Ich hasse sie, besonders wenn sie mich kränken,« sagte Judith.

»Das begreift sich,« sagte Ernest kalt.

»Warum sehen wir denn aber die Menschen so ungeheuer verschieden an? das kann ich ganz und gar nicht begreifen,« sagte Judith sinnend.

»Weil ich an den menschgewordenen und gekreuzigten Gottessohn glaube,« erwiderte Ernest; »Sie aber nicht.«

»Und da halten Sie sich denn für unendlich viel edler und besser als mich?« fragte sie schneidend.

»Fräulein Judith!« entgegnete Ernest liebreich, »wofür ich mich selbst halte, das sag' ich unter vier Augen dem lieben Gott, der zu dem Zweck der Selbsterkenntnis eine heilsame und gnadenvolle Anstalt in seiner Kirche angeordnet hat, welche das Sakrament der Buße heißt; aber ob ich berechtigt bin, meinen Glauben für edler und besser zu halten, als Ihren Glauben – oder Unglauben: das werden Sie sich allein beantworten können.«

Judith konnte es gar nicht lassen, ernste Gespräche mit Ernest anzuknüpfen, denn trotz ihrer Jugend hatte sie eine Kraft in ihrem Charakter, die es ihr unmöglich machte, auf der Oberfläche des Lebens ihr Genügen zu finden; diese Richtung war eine Reaktion gegen die unsägliche Oberflächlichkeit, welche sie umgab. Aber ebenso wenig konnte sie es unterlassen, sich zuweilen so scharf und herb gegen Ernest auszusprechen, als ob sie ihn geflissentlich verletzen wolle; denn Kraft des Charakters ist noch lange nicht Adel der Seele. Die tiefe Kluft, die zwischen einer natürlichen guten Anlage und einer Tugend liegt, trennt sie, und Judith, die mit Stolz auf ihrer selbstbewußten Kraft ruhte, fühlte instinktmäßig, daß ihr in Ernest etwas Edleres und Höheres entgegentrete, was sie nicht anerkennen wollte und deshalb gering zu schätzen suchte. Sie ertappte ihn aber nie auf der leisesten Bitterkeit oder Verstimmung, wenn sie ihm herbe widersprach, und das mußte sie denn wieder sehr bewundern. Denn, sprach sie oft heimlich zu sich selbst, ich bin auch entschieden, aber hart und schneidend, und er ist mild bei der größten Entschiedenheit. – –


Auf einem Ball bei dem österreichischen Gesandten sollte Regina zum erstenmal in der großen Welt erscheinen. Sie hatte sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß es für die nächste Zeit ihre Bestimmung sei, in der Gesellschaft zu leben und sie unterzog sich dieser Pflicht, wie jeder anderen, mit lieblicher Bereitwilligkeit. Aber ihr inneres Leben ließ sie sich nicht antasten und ihre frommen Gewohnheiten behielt sie bei. Sie hatte den Grafen gebeten, sie jeden Morgen zur Messe nach dem Dom fahren zu lassen.

»Warum nicht gar!« erwiderte er; »Sonntag genügt.«

Sie ließ sich auf keine Bitten und Erörterungen ein; aber sie sagte der Baronin Isabelle, daß sie täglich in den Dom gehen werde, und zwar früh genug, um hernach vollkommen angekleidet beim Frühstück zu erscheinen, wie der Graf es liebte. Die Baronin war eine ängstliche Seele, die es weder mit dem lieben Gott noch mit den Menschen verderben wollte, wobei denn freilich jener häufiger zu kurz kam, als diese. Sie warnte denn auch jetzt Regina vor dem Zorne des Grafen.

»Ach,« sagte Regina, »der gute Vater ist ja gar nicht so leicht erzürnt. Er hat mir auch nichts verboten; nur will er seine Pferde schonen, wie daß nun einmal die Art der Herren ist. Ich gehe auch viel lieber.«

»Aber Du wirst Dich erkälten,« sagte die Baronin.

»Abhärten werd' ich mich, liebe Tante, und das ist mir recht notwendig, denn die Karmelitessen stehen nachts zum Chorgebete auf.«

»Das wäre ein Grund mehr, Dich zurückzuhalten,« seufzte die Baronin und Corona rief, die Schwester zärtlich umschlingend:

»O, das fatale Kloster! dahin gehe ich gewiß nicht mit Dir! aber außerdem .... bis an's Ende der Welt und folglich auch alle Tage in den Dom.«

Der Graf erfuhr keine Silbe von dem Morgengang seiner Töchter. Er fragte nicht weiter, und obwohl alle im Hause darum wußten, hatte doch niemand das Herz, Regina zu verraten.

Am Ballabend klopfte Uriel an die Türe der jungen Mädchen. Corona steckte den Kopf heraus, und er sagte:

»Der Papa schickt mich zu Regina.«

»Du kannst sie nicht sprechen,« antwortete sie leise.

»Nun, so sage ihr, daß sie sich mit der Toilette nicht zu übereilen brauche; der Papa macht noch erst ein paar Besuche.«

»O, sie ist angekleidet, und wunderschön!« flüsterte Corona.

»Dann darf ich ihr selbst meinen Auftrag ausrichten,« sagte Uriel und wollte in's Zimmer treten.

»Nein, nein, Uriel! sie will nicht gestört sein!« rief Corona, immer mit halber Stimme und stellte sich mit ausgebreiteten Armen in die Türe, um den Eingang zu verteidigen. »Sie fürchtet nach der Rückkehr vom Ball zu müde zu sein, um den Rosenkranz aufmerksam beten zu können und deshalb tut sie es jetzt.«

»Im vollen Ballanzug?« fragte er.

»Und in einem allerliebsten! sagte sie triumphierend.

Mit einer raschen Bewegung drehte Uriel ganz sanft Corona zur Seite und trat ins Zimmer; es war leer. Als sich Corona besiegt sah, legte sie einen Finger auf die Lippen und deutete mit der anderen Hand auf eine Seitentür, die nur durch Vorhänge geschlossen war. Der Fußteppich machte jeden Schritt unhörbar. Aber Uriel schlug den Vorhang nicht zurück. Er blieb diesseits desselben stehen, denn er wollte nichts, als Regina sehen, und da die Vorhänge nicht fest schlossen, so sah er sie durch deren Spalte gerade vor sich im Profil. Eine Muttergottesstatuette stand unter einem Bogen von Lilien auf einer Konsole an der Wand. Regina kniete vor ihr auf einem Betstuhl, die Arme auf dessen Lehne gestützt, in den zusammengelegten Händen die zierliche Perlenschnur eines Rosenkranzes von Onyx haltend, den Kopf und das Auge aufwärts gehoben. Ihr rosenfarbenes Florkleid wellte sich wie ein Frühlingsmorgengewölk um ihre schlanke Gestalt. Einige blaßrote Teerosen hingen leicht in ihrem Haar, das ganz einfach mit zwei großen goldenen Nadeln aufgesteckt war, deren Knopf ächte Perlen verzierten. Übrigens trug sie keinen Schmuck, nicht einmal ein Armband. Ein Strauß von frischduftenden Teerosen und ihre Handschuhe lagen neben ihr; sie war also ganz bereit zum Ball, aber ihre Gedanken wendeten sich nicht ihm zu! die gingen auf anderen Wegen, als auf dem Parkett eines Tanzsaales, und hörten andere Melodien, als die eines Galopps, und sahen andere Gestalten, als ballmäßig geschmückte Elegants. Ebenso regungslos wie Regina auf den Knien lag, stand Uriel hinter dem Vorhang, der sich, wie die Schranke der Irdischkeit über eine himmlische Vision, herabsenkte und ihm nur gerade einen Durchblick gönnte, um sie wahrzunehmen. Und als er so dastand und auf dies holdselige Wesen schaute, das ihm verlobt von der Wiege an und jetzt auf's neue zugesagt und durch alle Wünsche und alle Verhältnisse mit ihm verkettet war: da wurde ihm das Herz und schwer immer schwerer, und der namenlose Schmerz stieg in ihm auf, der sich im Innersten seiner Seele entwickelt, wenn sie durch die Macht der Leidenschaft gleichsam als Hellseherin in die Zukunft ihrer Liebe schaut und dort, trotz aller Gunst der Verhältnisse, ihre Hoffnungen unerfüllt sieht. Solche Ahnungen oder Warnungen stiegen an das Menschenherz, wie Möven an die Küste: der Himmel lächelt, die Sonne strahlt, das blaue Meer wogt goldbeflittert vom Sonnenschein in weichen, verrieselnden Wellen; aber der Schiffer weiß, es gibt Sturm, denn von der hohen See kommen die Möven. Traurig mit seinem ahnungsvollen Herzen stand Uriel da. Er konnte sich der Stimme nicht erwehren, die in seiner Brust ihm zuflüsterte, diese Blume im Garten Gottes blühe nicht für einen Sterblichen. Auch er vergaß den Ball und die Welt und die Zeit, und seufzte still mit einem Anflug von zärtlicher Resignation: »Du mystische Rose – bitte für mich.« Da veränderte Regina ihre Stellung, machte das Kreuzzeichen und begann halblaut die herrliche Antiphone »Salve Regina«, dies Sehnsuchtslied der Verbannten nach der himmlischen Heimat. Leise trat Uriel zurück und entwich aus dem Zimmer.

Nach einiger Zeit kam sie in den Salon, wo die Baronin, Uriel und der Graf, der seine Besuche abgemacht hatte, beisammen saßen. In des Grafen Gegenwart fühlte sich Uriel beschützt in seinem Recht und seiner Neigung, Regina nicht bloß stillschweigend anzubeten. Er sprang freudig auf, ihr entgegen, beugte ein Knie vor ihr und rief:

»Salve Regina!«

»Wo wäre mein Szepter?« fragte sie und drohte scherzend mit dem Finger.

»Dein Finger ist's!« sagte er und küßte schnell die Spitze dieses zierlichen Fingers.

Sie antwortete nichts; sie zog nur ihre Handschuhe an.

»Regina,« sagte der Graf, »Du bist aber über allemaßen hochfahrend! Da liegt ein liebenswürdiger Sterblicher vor Dir auf den Knien und Du reichst ihm nicht einmal Deine Hand, damit er aufstehe.«

»Warum sollte ich das, lieber Vater?« entgegnete sie lachend; »Uriel hat sich ja zu seinem Vergnügen in diese höchst malerische Stellung geworfen; ich würde es für ein Verbrechen halten, ihn darin zu stören.«

»Wärest Du nicht ein Engel, Regina,« sagte Uriel, »so hättest Du, glaub' ich, große Anlagen zur Bosheit.«

»Frauenart!« sagte der Graf; »hinter dergleichen Bosheit steckt immer etwas Koketterie.«

»Das heißt?« fragte Regina.

»Das heißt: die Neigung in aller Gemütlichkeit möglichst vielen Männern den Kopf zu verdrehen.«

»Aber, lieber Vater, das ist ja abscheulich!« rief Regina. »Das wirst Du mir doch nicht zutrauen! – Ich bin froh, wenn mir mein eigener Kopf nicht verdreht wird.«

»Es ist auch nicht so arg, wie der Vater scherzweise sagt, Regina,« wendete die Baronin ein. »Zwei oder drei charakterisieren nicht das ganze Geschlecht.«

»Liebe Schwägerin,« erwiderte der Graf, »man sollte es wohl eigentlich nicht in Gegenwart eines jungen Mädchens sagen, weil es auf den Einfall kommen könnte, die Sache auch einmal zu versuchen; aber ich habe die Überzeugung, daß jene Neigung den Frauen angeboren ist – wie die Eitelkeit.«

»Darüber will ich nicht streiten,« entgegnete sie; »es mag wohl mit der Eitelkeit zusammenhängen. Allein gute und vernünftige Frauen suchen ihre natürliche Neigung zu Eitelkeiten aller Art zu beherrschen. Malen Sie die Welt nicht schwärzer, als sie ist.«

»Im Grunde kann man sie gar nicht schwarz genug malen,« sagte der Graf. »Trüge sie nicht ihr buntes Maskenkleid, das mitunter anmutig ist, man liefe davon! Überall jetzt in der Gesellschaft diese Juden! das ist unerhört. Und warum sind sie aufgenommen? Bei dem einen heißt's: er ist enorm reich; bei dem anderen: er ist ein großes Genie, ein musikalisches, ein poetisches – was weiß ich! Aber Geld und Genie haben mit dem Salonleben gar nichts zu schaffen; denn das beruht auf der Tradition von gutem Ton, und den kann man nicht kaufen und auch nicht durch Genie erwerben. Daher kommen ganz falsche Elemente in dasselbe, und es wird in die Höhe geschraubt zu wahnwitzigem Luxus und zu einer lächerlichen Vergötterung des Geistreichen, des Genialen. Warum? – um mit Juden zu rivalisieren. Die Welt ist höchst einfältig! sind solche Leute salonfähig, so werden sie auch nächstens politische Gleichberechtigung begehren und Allianzen mit unseren Familien für möglich halten, was denn freilich mit Florentins Glückseligkeitstheorien übereinstimmt, vor denen uns Gott behüte.«

»Die Juden unserer Tage kommen mir wie die Freigelassenen im alten Rom vor,« sagte Uriel. »Eben aus der Sklaverei entronnen, häufig voll Talent und Verstand, ohne Heimat, fremd im Staatsbürgertum trotz ihrer Freilassung, rächten sie sich, zum Teil unbewußt und unabsichtlich, für die Tyrannei, die auf ihren früheren Verhältnissen drückte, und für die halbe Gunst, die ihnen in den neuen zu teil wurde und die ihrem erwachten Ehrgeiz nicht genügte, indem sie Zustände zu zersetzen und zu Zerstören suchten, welche auf einem ihnen feindlichen Prinzip beruhten. Ihr ränkevoller Verstand, ihre Schlauheit, um tausend Mittel und Wege zum Ziel ausfindig zu machen, ihre ungezügelte Gier nach Einfluß und Genuß, ihre Talente, die sich leicht da entwickeln, wo auf die Entwicklung gediegener Vorzüge und sittlicher Tugend nicht viel Zeit und Mühe verwendet wird, warfen ein furchtbares Gewicht der Demoralisation in die sinkende Schale des alten Roms und halfen es reif machen zum Untergang vor den Barbaren. Und so kommen mir in unseren Tagen die Juden vor, diese Freigelassenen einer Civilisation, welche ihnen Rechte einräumt, ohne sie als gleichberechtigt zu betrachten und ihnen eine unvollständige Ebenbürtigkeit zuweist, die ihnen nicht zukommt, weil sie, als Nichtchristen, auch nicht verwachsen sind mit den Traditionen der christlichen Vergangenheit. Ihre Traditionen sind so, daß sie uns hassen müssen; nicht individuell, aber in unserem Prinzip. Denn wir sind die Anhänger und Nachfolger des Gottes, den sie gekreuzigt haben. Diese Kreuzigung setzen sie fort, so viel an ihnen ist, indem sie die Lehre vom Kreuze zu vernichten suchen. In der Literatur und Journalistik, in den schönen Künsten und Wissenschaften wimmelt es von Juden, die zum Teil mit Genie und Talent, zum Teil mit frecher Unwissenheit, jeder in anderer Weise, das Christentum zersetzen, verfälschen, benagen, ignorieren, verleumden, verhöhnen, mit einem Wort: das Ihre tun, um es zu beseitigen.«

»Aber wer glaubt ihnen?« fragte Regina.

»Nicht als Glaubenslehrer treten sie auf,« entgegnete Uriel. »Das tief Antichristliche ihrer Weltanschauung, das sie auf ihrem Standpunkt haben müssen, kleiden sie in das blendende Gewand, welches ihr Talent webt und die große Menge, der überhaupt nichts ferner liegt, als einen christlichen Maßstab an die Erscheinungen auf dem großen Markt des Lebens zu legen, bewundert alles, was amüsant, pikant, frappant und brillant ist, kümmert sich nicht darum, ob eine objektive Wahrheit die Flamme ist, an der sich diese Lichter entzünden, sondern betrachtet sie selbst als Wahrheit, bloß deshalb, weil sie glänzen, und bildet sich allmählig zu den Ansichten und Urteilen um, die sie, hauptsächlich wegen der Darstellungsart, so sehr bewundert. Wie einst Voltaire die gröbsten Lügen und frechsten Verleumdungen mit gewandtem Wort und leichtem Witz vorbrachte, wütenden Beifall fand und den verderblichsten Einfluß übte, weil die große Menge es für eine Art von Schmach gehalten hätte, ein solches Genie nicht zu bewundern, und für eine Unmöglichkeit, daß ein solches Genie nicht Wahrheit und Recht auf seiner Seite habe: so ist es auch jetzt bei einer Menge von Voltaire's im kleinen Stil, die keineswegs lauter Juden sind, aber mit ihnen das Antichristliche gemein haben. Darauf beruht die Größe vieler Sommitäten der Gegenwart: sie sind das, was man so unmäßig überschätzt, sie sind geistreich in jener oberflächlichen Weise, welche dem Durchschnittsmaß der Menge entspricht – und weil sie es sind, läßt man sich die geistige Falschmünzerei gefallen, die sie treiben, indem sie Falsches oder Verkehrtes und Halbwahres mit dem Gepräge ihres Geistes als Wahrheit stempeln und in der Welt in Kurs setzen.«

»Also überwiegt wohl gar das Antichristliche das Christliche in der Welt?« fragte Regina.

»In dem, was man im engeren Sinne die Welt nennt, ganz entschieden!« sagte Uriel; »und zwar so sehr, daß sie meint, es sei ihr Recht und das Christentum habe draußen zu sitzen in beliebigen Kirchen und Bethäusern, wo es frequentiert werden könne von unwissenden, ungebildeten, geistlosen Leuten, von Scheinheiligen und Betschwestern männlichen und weiblichen Geschlechtes. Wer seinen Fuß in einen Salon setze, müsse auf dessen Schwelle in das Antichristentum, d.h. in die Vergötterung des Irdischen verfallen und dessen Kodex zur Richtschnur wählen: also die Gesetze der Selbstsucht und der Leidenschaften befolgen, welche dem Individuum zur Entfaltung seiner Ansprüche und zum Ziel seiner Bestrebungen verhelfen.«

Regina legte ihren Rosenstrauß auf den Tisch, zog ihre Handschuhe aus und sagte ernst:

»Lieber Vater, Du kannst mir unmöglich zumuten, meinen Fuß in einen Salon zu setzen. Ich bin Christin und will es immer und überall sein – in der Gesellschaft wie zu Hause. Auf die Weltvergötterung lasse ich mich nicht ein.«

Der Graf, der mit seiner prinzipienlosen Oberflächlichkeit immer nach der Laune des Augenblickes oder nach persönlichem Wohlgefallen oder Mißfallen urteilte, war höchst verdrießlich, eine Erörterung hervorgerufen zu haben, die ihn langweilte und die Regina ernsthaft nehmen wollte.

»Welche Torheit, Regina! welcher Professorenton, Uriel!« rief er unmutig. »Ich spreche von dem Bankier Miranes, den sein kolossaler Reichtum und seine schöne Tochter salonfähig macht, und davon nimmt Uriel Veranlassung, sich auf den Katheder zu schwingen und gegen das Weltverderbnis Moralpredigten zu halten, und Regina glaubt ihm plötzlich, wie einem Evangelisten.«

»Ich habe Uriels Wahrhaftigkeit nie bezweifelt,« sagte Regina, »und da ich weiß, daß der Mensch ein gefallener Geist ist, so leuchtet es mir sehr ein, was Uriel eben sagte, daß nämlich in einer Welt, die von Christus nichts wissen will, Götzen herrschen müssen, die man nicht anbeten darf.«

»Kind, nimm die Dinge nicht so langweilig gründlich!« sagte der Graf immer verdrießlicher. »Du wirst die Gesellschaft doch nicht reformieren. Der Salon ist keine Kirche und soll keine sein; und wie die Menschen im Salon beschaffen sind – das geht Dich ebenso wenig an, als wie sie auf der Straße beschaffen sind. Du sollst mit ihnen sprechen und tanzen: – basta.«

»Ich glaube gar nicht, daß Du viel von meiner Wahrhaftigkeit hältst, Regina,« unterbrach Uriel die Strafrede; »denn wenn ich sage: nimm Deinen Rosenstrauß wieder in die Hand, dann siehst Du aus wie die Aurora von Guido Reni – wirst Du mir glauben?«

»Ich werde glauben,« antwortete sie lächelnd, »daß Du wahrhaft in das Antichristentum, wie Du es charakterisiert hast, verfallen bist.«

»Sieh, Regina,« sagte der Graf freundlich, »so ist es recht. So mußt Du sprechen, so mußt Du antworten. Glatt wie ein Aal, munter wie eine Lerche, das ist charmant und ist eine gute Ballstimmung.«

Die Schule, welche Regina bei ihrem Vater durchmachen mußte, war ihr eine Vorübung für das Leben in der Gesellschaft: dort wie hier eine beständige Selbstverleugnung ihrer tiefsten Neigungen. –

Man war gespannt, Regina auf einem Ball zu sehen. Nicht bloß die junge Männerwelt; das versteht sich von selbst! auch die Frauen waren wenigstens neugierig. Der Ruf ihrer Schönheit brachte das mit sich. Aber sie war von einer so seelenvollen Schönheit und dabei so einfach und unbefangen, so ganz ohne Ansprüche, daß ihre Liebenswürdigkeit gleichsam ihre Schönheit in Schatten stellte.

»Sie sieht gar nicht interessant aus,« sagte ein junger Mann, dem die Überzeugung aus den Augen schaute, daß er selbst mit seinen dunkeln Locken und seinem marmorfarbenen Antlitz interessant aussehe wie Lord Byrons »Corsar«.

»Sie sieht aus wie ein harmloses Kind,« sagte ein anderer, ein großer Herzenseroberer; und erwog bei sich selbst, ob es der Mühe wert sei, diese Eroberung zu versuchen.

»Sie sieht aus wie die Persische Anahid,« sagte ein Dritter, ein ungemein belesener Jüngling. Da natürlich kein Mensch wußte, wer die persische Anahid sei, so setzte er zur Erklärung hinzu: Ihre Schönheit zog zwei Engel vom Himmel herab, die ihr von Liebe sprachen. Aber Anahid hörte nicht darauf, sondern ließ sich von den Engeln das geheimnisvolle Wort nennen, das in den Himmel zurückführte. Und als die Engel es genannt hatten, sprach Anahid es aus, schwebte vor ihren Augen in den Himmel hinein und wurde in den Morgenstern versetzt, während die Engel mit goldenen Ketten an den Füßen in einem Brunnen zu Bagdad aufgehängt wurden bis zum jüngsten Tage.«

»Was die alten Chinesen sich doch für Unsinn ausdachten,« sagte ein Vierter, der einzige, welcher die Anahids-Sage zu Ende gehört hatte, dessen Kenntnis vom Orient sich aber auf China beschränkte, wegen des Opiumkrieges und des chinesischen Tees.

Der belesene Jüngling war so betreten über diese Bemerkung seines einzigen Zuhörers, daß er sich mit kalter Verachtung von ihm wegwendete. Wie würde er triumphiert haben, wenn er gewußt hätte, daß wirklich etwas von Anahids Himmelssehnsucht in Regina sei! – Ein Fünfter hatte inzwischen bedachtsam geäußert:

»Wenn sie auf der Goldwage der Schönheit nicht besteht, so ist es mit dem Vermögen auch nicht anders. Es soll alles zum Majorat gehören.«

»Ist nicht wahrscheinlich! Graf Windeck ist ein sehr guter Wirt, und hat gewiß gesorgt für seine Töchter.«

»Ja, in der Weise, daß er sie beide mit seinen Neffen verheiratet.«

»Und dann ist ja auch noch eine steinreiche Großmama in irgend einem alten Schlosse des Odenwaldes vorhanden, die freilich in zweiter Ehe vermählt, aber kinderlos ist.«

»Welch eine gründliche Kenntnis der Windecker Vermögensverhältnisse!«

»Tritt man die Winterkampagne eines Karnevals an,« lautete die Antwort, »so muß man sich gehörig orientieren, um nicht falscher Fährte zu folgen. Zuweilen sind die Aushängeschilder ungeheuer prahlend und doch steckt nichts Solides und, Reelles dahinter. Wo es Majorate gibt, steht's nie brillant mit den Töchtern; es sei denn, daß die Mutter eine Erbtochter oder sonst sehr reich sei, was aber hier nicht der Fall war.«

»Nun und die schöne spanische Donna, die eben jetzt neben der Gräfin Windeck steht, wie die Sternennacht neben dem Frühlingstag, um mich poetisch auszudrücken, bauen ihre spanischen Dublonen eine goldene Brücke über die Kluft der Alliance mit einer Jüdin?«

»Es ist etwas mysteriös mit dieser Familie,« erwiderte der Bedachtsame. »Der Papa soll ein rasender Spekulant sein, und Mutter und Tochter sollen, in London das Mosaische Gesetz verlassen und sich einer der dort wimmelnden Sekten angeschlossen haben. Vielleicht ist dies aber nur ein Gerücht, wie tausend andere! und vielleicht breiteten sie selbst es aus, um mit weniger Schwierigkeit in der haute volée eine Partie für die Tochter zu finden, die wegen ihrer Schönheit freilich dahin gehört.«

»Das ist richtig: sie macht alle übrigen Damen tot, diese Judith; aber sie hat ein Etwas, als ob sie auch allenfalls einem Holofernes den Kopf abschneiden könnte.«

»Mais, mon cher! wie können Sie solche gewagte Urteile in die Welt hineinschleudern. Den Kopf abschneiden! ich bitte Sie, wie wäre das möglich in der hypereleganten Gesellschaft unserer Tage.«

»Daß diese hyperelegante Gesellschaft auch eine schauderhafte Kehrseite hat, ist uns allen im vorigen Sommer bei den gräßlichen Scenen im Hotel de PraslinDie Ermordung der Herzogin de Praslin durch ihren Gemahl, im Sommer 1847. in Paris Wohl recht klar vor Augen getreten. Übrigens haben Sie ganz recht: man muß dergleichen zu vergessen suchen und möglichst wenig davon reden.«

Ungeteilten Beifall fand Regina nur in der Damenwelt; ja, diese bemühte sich, sie recht hervor zu heben, um dadurch indirekt Judith herab zu drücken, die von den meisten Männern unmäßig bewundert wurde. Sie ließ sich bewundern, äußerlich ganz gleichgiltig, innerlich mit stolzer Selbstgefälligkeit, als etwas, das ihr zukam. Nur dann, wenn sie sehr lebhaft sich unterhielt, was äußerst selten geschah, verschwand ihr schwermütiger Ausdruck; ihr Ernst nie. Nie stieg ihr Lächeln bis in ihre Augen hinauf! es blieb auf den Lippen ruhen, während aus Regina's seelenvollem Auge ein freundliches Lächeln, gleichsam ein inneres Licht, nie verschwand. Graf Windeck hörte außerordentlich viel Schönes über seine liebliche Tochter, was er in Judiths Stil aufnahm. Uriel fühlte sich mehr und mehr von dem Zauberbann gefangen, den sie so ganz absichtslos durch ihr Sein und Wesen um ihn wob. Spräche sie nur anders, oder blickte sie nur anders, oder ginge und stände sie anders – ach! oder wäre sie nur etwas anders – seufzte er heimlich: so könnte man durch eines dieser Tore ihr entrinnen; aber jetzt, da alles in ihr und an ihr harmonische Vollkommenheit ist, jetzt ist es eine Unmöglichkeit. Er konnte nicht nur Judith nicht bewundern, sondern nicht einmal begreifen, daß andere sie bewunderten: so aufrichtig war er durch Regina bezaubert.

Wie alle hienieden, ging denn auch dieser Ball vorüber. Um zwei Uhr Nachts schöpfte Regina Atem in ihrem stillen Zimmer und versenkte sich zur Erholung ihrer Seele in die andächtige Betrachtung des Gnadenhimmels, der diese Schein- und Flitterwelt überwölbt und dessen Gestirne die heiligen fünf Wunden des gekreuzigten Gottes sind. Und Dich über dem Tand vergessen, sagte sie halblaut und schaute auf ihr Kruzifix, das nennt die Welt Freuden; und an Dir vorüber gehen und nach buntem Staube greifen, das nennt sie Glück; und Dich und Dein Kreuz und Deine Nachfolge verschmähen, das nennt sie Vernunft; und alles lieben, was Du nicht bist, das nennt sie Liebe. O welch eine schauerliche Abwendung von ihrem Ziel! Und das soll auch ich verfolgen lernen?! Dein bin ich! hilf mir! rief sie und Ströme von Tränen stürzten aus ihren Augen, die wie friedliche Sterne über die Unruhe der Welt hinwegschauten, und zu Füßen des Kruzifixes schmiegte sie sich nieder und gelobte wieder und wieder ihre ungeteilte Liebe demjenigen, der mit dieser Liebe ihr armes Herz begnadet hatte. Um Morgen war sie pünktlich in der Siebenuhrmesse, als hätte sie die ganze Nacht, wie Corona, den Schlaf der Gerechten geschlafen.


»Nun wie gefällt Ihnen mein quasi Phönix?« sagte Ernest nach einiger Zeit zu Judith. »Gehört die Gräfin Regina zu Ihren sentimentalen Komtessen? ist sie veilchenblau?

»Nein! sie ist lilienweiß,« antwortete Judith.

»Sie sind merkwürdig gescheit!« rief er.

»Weil ich Ihren quasi Phönix richtig taxiere?« fragte sie spöttisch.

»O,« sagte Ernest gelassen, »dazu sind Sie trotz all Ihrer Gescheitheit nicht im Stande. Ich bewundere nur, daß Sie so bereitwillig Ausnahmen machen und so bezeichnende Ausdrücke wählen.«

»Kann man durch Klugheit glücklich werden?« fragte sie.

»Mittelbar, ja! wenn wir die Klugheit anwenden, um zur Selbsterkenntnis zu kommen, d. h. zur Einsicht unserer Unvollkommenheit und unseres Mangels an Tugend, woraus dann Demut entspringt, und Demut ist die Wurzel aller Vortrefflichkeit, also auch des wahren Glückes. Aber unmittelbar und allein durch Klugheit ist noch nie ein Mensch glücklich geworden und die Welt, die doch mancherlei Kuriosa erlebt, wird doch das nimmermehr erleben.«

»Wozu dienen uns denn Geistesgaben, wenn sie uns nicht glücklich machen?«

»Fräulein Judith, Sie tun Fragen, die mehr als wunderlich sind! Wenden Sie Ihre Geistes- und sonstigen Gaben so an, wie es der Absicht des lieben Gottes entspricht, der sie Ihnen verlieh, nämlich zu seiner Ehre und zum Heil Ihrer Seele, dann werden Sie schon erkennen, wozu Verstand und Talente dienen. Wenn Sie sich aber einbilden, daß Sie durch ein paar kluge Urteile, oder durch Ihren Nixengesang, oder durch Ihre Kopie der Sibylla persica mit beiden Füßen in die Glückseligkeit nur so hinein springen können, so irren Sie sich heftig. Unsere Glückseligkeit hienieden hält gleichen Schritt mit unserer Opferseligkeit und beruht nicht darauf, was wir in irdischer Weise besitzen, sondern darauf, was wir uns mit allem, was unser ist, zu einem lebendigen Brandopfer machen, dessen Altar unser Herz ist und dessen Flamme unsere Liebe zu Gott ist. Der Liebe wird man nie überdrüßig. Warum nicht? Weil eine übernatürliche Kraft, die Gnade, sie nährt; und hat der Mensch sein Genügen in seiner Liebe, so ist er glückselig.«

Es war nun einmal seine Art, zu allen Menschen zu sprechen, als wären sie eben so gläubige Christen als er. Er betrachtete sie immer als das, was sie ursprünglich sind: berufen zur Erkenntnis der Wahrheit, und behandelte sie als solche, denen nur momentan die Wahrheit verschleiert ist. Dadurch sind sie schon konfus genug, pflegte er mitleidig zu sagen; ich meinesteils will wenigstens nicht ihre Konfusion vermehren, indem ich auf ihre Anschauungsweise eingehe, sondern will ihnen reinen Wein einschenken.

»Kann der Mensch einen anderen Menschen so lieben, daß er sein Genügen in dieser Liebe finde?« fragte Judith.

»Nein, das ist ganz unmöglich, denn das wäre gegen seine Bestimmung. Gott hat ihn geschaffen zur ewigen Beseligung durch das höchste Gut, das Gott Selbst ist, also kann das Verlangen seiner Seele auch durch nichts Geringeres befriedigt werden. Hätte ich eine liebe Frau und ein halbes oder ganzes Dutzend liebe Kinder, meine Seele würde dennoch nach dem höchsten Gut schmachten, nur würde ich, in tausendfache Sorgen und Nöten verstrickt und durch tausend irdische Geschäfte in Anspruch genommen, vielleicht weniger dieser Sehnsucht Raum geben können und wollen; was denn wahrlich weder ein Vorteil noch ein Trost für die arme Seele ist. Weil aber das Menschenherz die Beschaffenheit hat, daß es sich neigt zu seinesgleichen und die süße Lebensgemeinschaft, den innigen Zusammenhalt, die trauliche Tätigkeit für einen kleinen, besonderen, selbstgeschaffenen Kreis gar schwer entbehrt: so hat Gottes weise und zärtliche Vorsorge ihm eine Sphäre geöffnet, wo diese Neigung ihren Ruhepunkt findet, indem die freiwillig übernommenen Pflichten ihr zugleich Schranken und Würde geben und die Weihe des Sakramentes ihr den Gnadenbeistand zu Kraft, Beharrlichkeit und Selbstverläugnung bringt, deren sie so sehr bedarf.«

»Wovon sprechen Sie denn eigentlich, Herr Ernest?« fragte Judith gespannt.

»Von der christlichen Ehe, Fräulein Judith.«

»Von der Ehe? – so ernsthaft feierlich? – Sie haben doch immer Ihre ganz eigentümliche Art sich auszudrücken!«

»Von der christlichen Ehe, deren Bürde ohne die Gnade des Sakramentes für menschliche Schultern zu schwer ist – ja, von der spreche ich! Die Welt spricht von ihr, wie sie's versteht! Bald oberflächlich, bald schief. Für die jungen Damen ist die Ehe die Tür, durch welche sie ihren ersehnten Eintritt in die Gesellschaft machen, oder der Triumphbogen, durch den sie in das Königreich einer Liebe einziehen, welche der vielbesungenen Schönheit des Monats Mai darin ähnlich ist, daß sie nur in der Poesie existiert. Für die Mama's ist es eine Versorgungsanstalt der lieben Töchter. Für die jungen Herren ist sie ein Mittel, um Schulden zu bezahlen, um eine Karriere zu machen, um ein bequemes Leben zu führen, um sich anbeten zu lassen, und was dergleichen wichtige Gründe mehr sind, in welche denn allerdings auch etwas Neigung und die eigentümliche Entzündbarkeit des jugendlichen Herzens hmeinspielen.«

»Was Sie da sagen, ist ganz richtig, und gar nicht übertrieben,« unterbrach ihn Judith. »Das habe ich schon mehrmals bei Anderen erlebt.«

»Aber die Stellvertreterin Gottes hienieden, die heilige Kirche, betrachtet die Ehe anders«, fuhr Ernest fort, »nicht als eine Idylle, nicht als ein Fest der Herzen, sondern als eine heilige, unauflösliche Verbindung, bei der im Vorgrund die Übernahme strenger Verpflichtungen und schwerer Last, im Hintergrund das ernste und unter Tränen lächelnde Glück steht, welches durch herbe Kämpfe und vielfache Selbstverläugnung gegangen ist. Darum gibt sie der Ehe den Gnadenbeistand des Sakramentes, und unter diesem Schutz, mit dieser Weihe und dieser Hilfe ist es denn möglich, daß zwei Menschen sich mit dem Willen fortlieben, auch nachdem die Leidenschaft verrauscht und die Neigung verblüht ist. Ihr Genügen werden sie freilich nicht in dieser Liebe finden, aber sie werden lernen, sich zu begnügen, und da hiezu viel Resignation und Selbstüberwindung gehört, viel Opfermut und Hingebung an den göttlichen Willen: so können diese zwei Menschen in der Ehe ganz außerordentlich glücklich werden, weil sie, wie ich vorhin sagte, opferfreudig sind. Haben Sie mich verstanden, Fräulein Judith?«

»Ich habe verstanden, daß kein Mensch einen Menschen ganz glücklich machen kann. Aber ob Sie Recht haben, das weiß ich nicht.«

»Wenn Sie mir nicht glauben wollen, Fräulein Judith, hätten Sie mich ja überhaupt nicht zu fragen brauchen;« antwortete Ernest. »Ich sage das nicht meinetwegen, denn meine Überzeugungen werden dadurch nicht bestärkt oder geschwächt, daß Sie sie annehmen oder verwerfen. Allein Ihretwegen tut es mir leid, daß Sie kreuz und quer mit Fragen umherfahren, deren richtige Beantwortung Ihnen am Herzen liegt und überhaupt wichtig ist, und die Sie doch nicht einfach und kindlich annehmen.«

»Haben Sie nie versucht, durch ein Menschenherz glücklich werden zu wollen?« fragte Judith gleichmütig.

»Q ja!« rief Ernest erheitert; »aber mein Versuch scheiterte an einem schiefen Näschen.«

»Woran?« sagte Judith lächelnd.

»Hören Sie nur! es ist eine sehr lehrreiche Geschichte! Als ich zum ersten Mal in Venedig und vierundzwanzig Jahr alt war, begegnete sie mir. Das ist so recht das Alter, in welchem das Menschenherz die Neigung hat, sich einem anderen Herzen anzuschmiegen und zu erschließen, und die Gegenwart mit allerlei darauf bezüglichen Hoffnungen zu schmücken, welche dann die Zukunft erfüllen soll.«

»Herr Ernest!« rief Judith zürnend, »welcher Barbar führt denn das Regiment über die menschlichen Geschicke, daß Sie in einen solchen Widerspruch geschleudert werden! Das Herz ist nicht geschaffen, um sein Genügen in der Kreatur zu finden, und dennoch neigt es sich ihr zu!«

»Sie müssen hübsch aufpassen, Fräulein Judith, und nicht gleich wieder vergessen, was man Ihnen eben weitläufig expliziert hat: der Mensch hat nicht die Bestimmung, hienieden sein volles Genügen zu finden, wohl aber die: sich begnügen zu lernen in freiwilliger Beschränkung. Durst nach Glück ist das Prinzip seines Lebens; dadurch und dafür entwickeln sich seine Kräfte. Die schönste und vollkommenste Form, in welcher ihm das Glück erscheint, ist die Liebe, weil sie das Leben bereichert, vervollständigt, verdoppelt, abrundet, also eine Fülle guter und süßer Gaben ihm bringt, die der zärtliche Vater im Himmel gern seinen Kindern auf Erden gönnt, ja dies Glück erhöht, indem er es heiligt. Ist das ein barbarisches Regiment? Aber weiter! Der Mensch lebt nicht für die kurze Spanne Zeit voll Wechsel trüber und froher Tage, sondern für ein ewiges Leben voll unendlicher, ungetrübter, wechselloser Seligkeit; es muß also ein Etwas in ihm sein, das nach Unendlichem und Wechsellosem begehrt, und das sich unmöglich mit Vergänglichkeit und Schwankendem begnügen kann. Ist es barbarisch, der Seele eine Größe gegeben zu haben, welche durch die ganze Welt der Sinne und der Sichtbarkeit, der Gedanken und der Gefühle nicht ausgefüllt werden kann und zu der Gott durch den erhabenen Propheten Ihres Volkes spricht: Ich Selbst will dein übergroßer Lohn sein!«

»Sie werden doch zugeben, Herr Ernest, daß daraus ein beständiger Zwiespalt, ein quälender Kampf entspringt. Der Durst nach dem Ewigen und die Neigung zum Vergänglichen in ein und dasselbe Herz gepflanzt und beide mit berechtigten Ansprüchen, wie Sie selbst sagen, das muß den Menschen in ein Meer von Schmerzen, von Irrtum, von Täuschungen, ja von Verzweiflung stürzen. Denn er wird etwas ergreifen und als ungenügend fallen lassen: und anderes ergreifen, aber als unvollkommen wegwerfen; und abermals anderes ergreifen, und es wird ihm entschwinden wie Rauch und Schatten. Das kann kein Mensch aushalten! Dabei geht er zu Grunde.« »Ganz richtig, Fräulein Judith, sobald dieser Mensch außerhalb des Christentums steht; und da stehen leider! gar manche, denen das heilige Sakrament der Taufe nicht gefehlt hat und die nun kläglich zu Grunde gehen im Strudel ihrer Leidenschaften, im Taumel ihrer Selbstsucht. Aber die christliche Offenbarung belehrt den Menschen über den Ursprung dieses tiefen Zwiespaltes, den jeder in seiner eigenen Brust empfindet und beweint: es ist der Sündenfall, die Abkehr von Gott, die geheimnisvolle Lust zum Bösen in der gefallenen menschlichen Natur. Lehrte die Offenbarung nur das, so dürfte man erst recht desperat werden! Allein sie lehrt auch Mittel und Wege, um jenen Zwiespalt nicht sowohl zu tilgen, als vielmehr heilsam für uns zu machen. Mittel ist – das Blut Jesu, das für uns und über uns und in uns mit Gnadenströmen rinnt, und uns Licht gegen alle Verfinsterung, Waffen gegen alle Versuchungen bringt. Der Weg ist für jeden sein eigener Kampf. Jeder muß lernen, durch Selbstverläugnung die Eigenliebe, durch Selbstbeherrschung den unbändigen Willen, ich sage nicht: zu besiegen; denn so weit bringt es unsereins nicht! aber doch besiegen zu wollen. Wer diesen Kampf redlich beginnt, Fräulein Judith, der findet den Zwiespalt nicht so trostlos, als er Ihnen erscheint. Im Gegenteil! er hat eine Art von heiliger Freude daran, wie der brave Soldat sich freut, in der Schlacht für seinen König sein Blut zu vergießen, wenn nur die gute Sache siege. Es ist herrlich, einen Menschen zu beobachten, der wider sich selbst für Gott kämpft. Das sind keine welterschütternde Schlachten, das Auge der Mit- und Nachwelt ruht nicht auf ihnen, kaum ahnt sie der eine oder der andere; aber die ganze triumphierende Kirche schaut verklärten Angesichts diesen stillen Helden zu, die doch weiter nichts sind, als ein unbedeutender Mann, ein schwaches Weib, ein armer Jüngling, eine ringende Seele in irgend einer Hütte oder irgend einem Palast, wo sie sich wehren bis zu Tränen, bis auf's Blut, aber ohne Verzweiflung, gegen das Andringen ihrer übermächtigen Selbstliebe und ihres unbändigen verkehrten Willens.«

»Mir graut vor solchem Kampfe!« rief Judith.

»Kann sein!« erwiderte Ernest; »aber Ihr Grauen würde sich steigern, wenn Sie sehen könnten, in welche Abgründe der Mensch versinkt, der ihn nicht führt, der hingegen nach seinen Gelüsten und Leidenschaften lebt, und ihnen keine andere Grenze und Schranke setzt, als die Stimmung des Augenblickes und irgend einen persönlichen Vorteil. Nein, nein, Fräulein Judith: die Unvollkommenheit aller Verhältnisse und aller Zustände als den Staubesanhang unseres Bischen Erdenglücks mit ruhigem Auge betrachten und mit gefriedetem Herzen annehmen, und die Vollkommenheit, nach der wir solch Verlangen haben, in uns selbst durch Opferwilligkeit zu erringen trachten, davor darf Ihnen nicht grauen, denn das ist die Bedingung jedes guten reinen Lebens.«

»Erzählen Sie mir Ihre venetianische Geschichte,« sagte Judith; »dabei bekommt man wieder festen Boden unter den Füßen, den man bei Ihren idealistischen Tendenzen Gefahr läuft zu verlieren.«

»Lieber Gott!« seufzte Ernest mitleidig, »wie verkehrt reden doch deine Menschen! die einfache Wahrheit nennen sie nebulose Träumerei, und die platte Alltäglichkeit nennen sie das Element der Wahrhaftigkeit, in dem sie sich wohl befinden. Nichts für ungut. Fräulein Judith, aber so ist's! – Also in Venedig sah ich bisweilen Sonntags bei meiner Hauswirtin ein liebes, hübsches, munteres, frommes Kind, das mir ungemein gefiel. Es hieß Gianetta, im weichen venetianischen Dialekt ausgesprochen Zanetta. Wenn sie in diesem allerliebsten Dialekt ihre Barcarolen sang und ein wenig auf der Guitarre klimperte, oder die großen Ereignisse ihres Lebens, z.B. eine Gondelfahrt nach dem Lido, mit ausführlichster Wichtigkeit, als handle es sich um eine Nordpol-Expedition, beschrieb: so war sie wirklich wunderlieb und ihr kindliches spielendes Auge überrieselte mit süßem Glanz mein Herz, wie der Tau aus weichem Frühlingsgewölk den Blütenbaum.«

»Welch eine Idylle von Dragant und Rosenwasser!« rief Judith lachend.

»Ja, ich war damals ungemein idyllisch und hätte für mein Leben gern an den Ufern der Brenta – denn in Venedig selbst war kein Platz dafür – eine schäferliche Hütte erbaut und die holde Zanetta als Schäferkönigin und Hausfrau darin eingeführt. An dergleichen konnte aber so ein armer Tropf von angehendem Maler nicht denken; er mußte sich begnügen, seine Wünsche in den Schoß der Zukunft zu legen und sich zu sonnen in den hellen Augenstrahlen der allerliebsten Zanetta – aber nur Sonntags; am Werktag hatte er weder Zeit noch Gelegenheit dazu.«

»Herr Ernest,« sagte Judith höchst belustigt, »Ihre Liebesgeschichte flößt mir unwiderstehliche Lachlust ein.«

»Warten Sie nur, es kommt gleich tragisch, oder wenigstens elegisch. Zwei Jahre war ich ein schweigender Anbeter der kleinen Zanetta gewesen. Was hätte ich ihr sagen können? Die Liebe gibt sich kund, und wenn tausendmal der Mund stumm ist. Hat man das Rosenöl auch noch so fest im Flacon versiegelt, doch durchduftet es das Glas; und so geht's dem Herzen mit der Liebe. Die Zanetta wußte wohl, woran sie mit mir war, und ich glaube, daß sie mich auch recht gern hatte. Aber, Fräulein Judith, es ist Ihrem liebenswürdigen Geschlecht nun einmal eigen, in Permanenz kleine Zwiegespräche mit dem Engel Luzifer zu haben. Erzürnen Sie sich nicht, hören Sie mich weiter. Wir Männer halten leider Gottes auch diese Zwiegespräche, und zuweilen länger und gründlicher, aber nicht so permanent. Allen Töchtern Eva's klebt die Neigung ihrer Stammmutter an, die sogar im Paradiese mit der Schlange Konversation machen mußte! Ein Wörtchen, oder mindestens ein Silbchen muß jede bei jeder Vorkommenheit ihres Lebens mit besagtem Engel wechseln. So auch Zanetta! Sie wurde ungeduldig, die kleine Donna, über mein unverbrüchliches Schweigen; sie wurde neugierig, wie es denn wohl klingen möge das bezaubernde Wort von der Liebe; sie wollte mich heraustreiben ans meiner Verschanzung durch Stillschweigen, indem sie mir Feuer ans Herz legte – das Feuer der Eifersucht. Der Sohn meiner Hauswirtin, der in Padua sein Geschäft trieb, besuchte seine Mutter, und Zanetta, die jeden Sonntag zu seinen Schwestern kam, bewies sich ungemein freundlich gegen ihn, was mir natürlich höchst mißfiel und mich nur noch stummer, vielleicht sogar etwas bärbeißig machte. Wie sich nun einmal das Gespräch auf Deutschland wendete, und wer die Frage an Zanetta stellte: ob sie wohl Deutschland sehen möchte? das weiß ich nicht mehr, weil ihre Antwort meine ganze Aufmerksamkeit verschlang. Sie sagte nämlich: »Ach nein! das muß ein schreckliches Land sein; ganz bevölkert mit den schläfrigen deutschen Murmeltieren!« Wie sie das sagt, und zwar mit einer ganz allerliebsten kleinen spöttischen Miene, sehe ich sie höchst gelassen an, und was entdecke ich! die Spitze ihres Näschens ist etwas links gewendet. Welche Difformität! welche Beleidigung für das schönheitsdurstige Auge eines Malers! wie hatte ich das nicht früher bemerkt! Ich schaue hin, ich schaue her – die Nase ist schief! ich reibe mir die Augen, halte die Hand schirmend vor, um schärfer zu sehen – die Nase bleibt schief! Bestürzt ziehe ich mich zurück. In meinem Stübchen suche ich mir Zanettas freundliches Auge, die dunkeln Locken um ihre heitere Stirn, ihr Lächeln, ihr kindliches Gemüt, ihren Frohsinn, ihre Lieder und ihre Guitarre vorzustellen – alles, was mich vor wenig Stunden entzückt hatte; aber umsonst! die schiefe Spitze des zierlichen Stumpfnäschens warf einen so dunklen Schatten, daß die ganze Zanetta darin verschwand. Ich gehe schlafen und träume von der schiefen Nase. Ich erwache und denke zuerst an die schiefe Nase. Wie ein Alp legt sie sich auf meine Brust und nimmt so riesenhafte Proportionen an, daß sie mir bald ungeheuer lächerlich, bald ungeheuer garstig, in jedem Falle aber durchaus unerträglich erscheint. Da fasse ich nur ein Herz und spreche zu mir selbst: Bist Du nicht im Stande, eine so geringe äußere Unvollkommenheit an Zanetta zu übersehen, wie wirst Du es denn anfangen, um ihre tausend Unvollkommenheiten des Herzens, des Charakters, des Geistes, die sie mit allen Sterblichen gemein hat, zu ertragen und mit freundlicher Nachsicht hinzunehmen? und wie darfst Du von Zanetta das erwarten, was du selbst nicht zu leisten vermagst? Gib alle Gedanken an sie für Gegenwart und Zukunft auf, und danke dem lieben Gott, daß er dich zur rechten Zeit durch die Erkenntnis ihres schiefen Näschens von großer Torheit und Elend abgehalten hat. Dabei blieb es. Während drei Sonntagen benutzte ich meine Muße, um an's Festland zu fahren und die Ufer der Brenta zu betrachten, die mir ganz sumpfig und unidyllisch vorkamen. Und als ich am vierten Sonntag wieder bei meiner guten Hauswirtin erschien, stellte sie mir ihren Sohn und Zanetta als glückliches Brautpaar vor, und ich stattete mit aufrichtiger Herzlichkeit meine Gratulation ab. Später, wenn je so etwas wie der Wunsch, durch ein Menschenherz glücklich zu werden, sich in mir regen wollte, warnte mich meine Erfahrung mit Zanetta. Ich gedachte der hunderttausend Unvollkommenheiten jedes Geschöpfes, und sah somit dessen Unvermögen ein, mir ein wechselloses Glück zu gewähren. Ein vorübergehendes schien mir aber nicht der Mühe wert, deshalb mit den schweren Sorgen und Pflichten des Ehestandes mich zu belasten. So wendete ich mehr und mehr mein Herz von jeder ausschließlichen Liebe zum Geschöpf ab; denn wenn diese nicht mit einem hohen Grad von Resignation gepaart ist – und das ist sie selten – so wird sie zur Qual. Hingegen bemühte ich mich, alle Geschöpfe, alle ohne Unterschied, in Gott zu lieben, und dabei wurde mir das Herz leicht und frei, unbeschwert durch irdischen Ballast. Genügte die Liebe zu einem Menschen mir nicht für die Ewigkeit, weshalb sollte ich mir von der Leidenschaft die Täuschung vormalen lassen, als könne sie mir für eine Spanne Zeit genügen?«

»So besonnen oder so kalt ist aber nicht jeder,« wendete Judith ein. Sie hätte auch sagen können: »So gottliebend.«

»Drum übe sich jeder beizeiten in der Entsagung, schlage es nicht allzu hoch an, wenn er es im irdischen Glück nicht sehr weit bringt, und hüte sich ganz besonders, auf Kosten anderer glücklich sein zu wollen, wie der rücksichtslose Egoismus es zu treiben pflegt.«

»Sie geben mir sehr gute Lebensregeln, Herr Ernest und ich könnte, abgesehen von der Malerkunst, vieles von Ihnen lernen; aber ....« –

»Aber Sie werden nichts lernen, Fräulein Judith, gar nichts, auch nicht malen, so lange Sie immer »aber« sagen. Denn nur der kindliche Sinn lernt etwas, nimmt willig an und auf; drum macht der Glaube – der Kindersinn in höchster Sphäre des Lernens – so ungemein, so überraschend klug. Darum verknöchert nichts so sehr das Auffassungsvermögen, als der Geist des Widerspruchs, die Negation. Es ist die Krankheit der Zeit, mit einem »aber« alles in Frage zu stellen. Darum begreift und versteht sie denn auch nichts – als Rechenexempel.«

»Aber,« fuhr Judith fort und sah ihn mit ihren tieftraurigen Augen ruhig an, »ich habe nicht Ihre inneren Beweggründe, und deshalb kann ich nicht einsehen, urteilen und handeln wie Sie. Alles, was Sie sagen, kommt mir sehr schön, sehr edel, auch sehr anziehend vor; gerade wie die Sibylla persica. Doch wie diese nur ein Bild, nur eine bemalte Leinwand ist, die mich in ich weiß nicht was für angenehme Träumereien versetzt, aber nicht mein Leben lenkt und regiert; so geht es mir auch mit Ihren Worten.«

Ein feuchter Schimmer, wie von einer zerdrückten Träne, glitt über Ernest's Auge, als er entgegnete:

»Ich bin ein Schwachkopf, der das immer wieder vergißt! also verzeihen Sie mir, Fräulein Judith. Ach, wenn man überall das Wirken und Walten der Erlösung wahrnimmt, wie es in tausend unsichtbaren Kanälen die Staubeswelt durchrinnt und beseelt: so will einem gar nicht einleuchten, daß bei so vielen, vielen Menschen der Blick des Geistes noch nicht aufgegangen ist für dies Wunderwerk, während doch ihre lechzende Seele dahin getrieben werden müßte, um einen Trunk zu tun aus jenen Wassern, welche nicht von den dumpfen Zisternen der Menschenweisheit ummauert sind.«

»Die Quellen der Tiefe, hab' ich mir sagen lassen, entdeckte die Wünschelrute,« erwiderte Judith. »Können Sie mir eine solche verschaffen für Ihre unter- und überirdischen Bronnen?«

»Sehr leicht! Berühren Sie Ihr Herz und die Welt mit dem Kreuz, so brechen vor Ihren Augen die gefesselten Bronnen der Tiefe auf und aus dem Abgrund des liebedurchwundeten Gottesherzens rauscht Ihnen die Flut der Gnaden entgegen, die jeden Durst stillt, und von jedem Fleck reinigt, und jeden Blick klar wäscht, und jedes Schifflein an die immerblühende Küste des ewigen Lebens trägt.«

»Des ewigen Lebens!« wiederholte Judith sinnend. »Welch eine unbegreifliche Vollkommenheit setzt das voraus, daß unser armseliges Leben übergehen könne zum ewigen Leben.«

Madame Miranes unterbrach das ernste Gespräch zum großen Leidwesen ihrer Tochter. Sie hatte allerlei Pläne an Ernest mitzuteilen für ein Fest, das sie geben wollte. Ein gewöhnlicher Ball genügte ihr nicht, auch nicht einmal ein Ball en costume; der konnte nebenher gehen. Es sollte so recht ein Fest aus Tausend und eine Nacht sein und alle übrigen Karnevalsfeste weit überstrahlen; höchst glänzend, aber auch künstlerisch und poetisch sollte es sein.

»Und dabei soll ich helfen?« fragte Ernest verblüfft.

»Gerade Sie! Wenn kein Maler die lebenden Bilder stellt, so geraten sie nicht.«

»Gott!« seufzte Ernest, »aus Salonfiguren soll ich ein Kunstwerk zusammenstellen! Das geht über menschliche Kräfte.«

»Nicht doch!« sagte Madame Miranes; »wir haben in der Gesellschaft einige sehr schöne Personen, die sich vortrefflich zu einer heil. Cäcilia, heil. Isabelle« .... –

»Halt! halt!« rief Ernest; »so hoch wollen wir uns nicht versteigen! Rafael und Murillo wollen wir aus dem Spiel lassen, wenn's Ihnen gefällig ist; denn da genügt nicht eine oder die andere schöne Person, da müssen alle Einzelheiten, ja jede Fingerspitze perfekt sein, sonst wird das Ganze eine Karrikatur. Wir wollen uns an Genregemälde halten, Rokoko-Schäferinnen, verzauberte Prinzessinnen, italienische Bäuerinnen, »Goldschmidts Töchterlein,« »Ezzelin im Kerker« und dergleichen mehr.«

»O herrlich!« rief Madame Miranes. »Ja! »Ezzelin im Kerker« mit den beiden Mönchen, dem alten und dem jungen; das wird ein süperbes Bild geben, sobald die Beleuchtung desselben richtig getroffen wird. Meinen Sie nicht, daß wir auch in englischen Keepsakes nachschlagen sollten, Herr Ernest? ich glaube, da würden wir manch ansprechendes Bild finden.«

»Ja,« sagte er humoristisch ernsthaft, »auf der Höhe des Keepsake-Styls werden wir uns wohl befinden.«

Judith nahm ein Buch zur Hand und sagte, indem sie es durchblätterte: Dies sind illustrierte Gedichte des Thomas Moore, und da würde mir »das Paradies und die Peri« recht gut gefallen.

Sie reichte ihm das Buch, und während er die Bilder betrachtete, erklärte Judith ihm das englische Gedicht und sagte:

»Die Peri ist nach der indischen Mythologie oder Poesie ein Luftgeist, dem eines Tages sein Element nicht genügt. Er möchte gern in's Paradies. Aber davor hält der Engel des Lichtes Wache und weist die Peri ab. Als sie um Einlaß bittet und fleht, sagt er ihr endlich, es gäbe eine Gabe, die köstlichste der Erde, vor welcher sich die Pforte des Paradieses erschließe: die möge sie suchen und bringen. Die Peri fliegt froh zur Erde herab und schaut sich um nach der köstlichen Gabe. Sie schwebt über einem Schlachtfeld. Ein junger Held hat die Schlacht gewonnen und durch sie sein Vaterland befreit; aber er liegt da und stirbt an seinen Wunden. Die Peri fängt den letzten Blutstropfen aus seinem Heldenherzen auf und kehrt damit triumphierend zur Pforte des Paradieses zurück. Doch der Engel weist sie ab und heißt sie eine höhere Gabe bringen. Die Peri findet nun auf der Erde die Heimsuchung durch die Pest, und sieht ein junges Mädchen, das dem geliebten Jüngling ihr Leben zum Opfer bringt, indem sie ihn pflegt in der gräßlichen Krankheit. Er findet Genesung und sie den Tod. Den letzten Atemzug dieses treuen Herzens fängt die Peri auf und bietet ihn dar dem Engel des Lichtes. Allein er öffnet ihr nicht das himmlische Tor, sondern begehrt eine höhere Gabe. Und zum dritten Mal schwebt die Peri zur Erde herab und schaut sinnend umher nach einem himmlischen Kleinod. Siehe, da gewahrt sie in einem Blumengarten ein fröhliches Kind, das plötzlich, als die Abendglocken läuten, seine Spiele unterbricht, auf die Knie fällt und andächtig betet. Unsern steht ein Mann, in Sünden ergraut, von Leidenschaften zerrissen. Sein finsterer Blick fällt auf das betende Kind. Alle Erinnerungen an seine eigene unschuldige Kindheit erwachen in ihm und bestürmen ihn mit einem so heftigen Schmerz um seinen verlorenen Seelenfrieden, daß eine bittere Träne sein sonst so kaltes und hartes Auge füllt. Die Peri aber nimmt die Träne des reuigen Sünders von seiner Wimper und bringt sie dem Engel des Lichtes. Da öffnen sich die strahlenden Tore des Paradieses der Peri! eine Reueträne ist die köstlichste Gabe der Erde, welcher der Himmel nicht widerstehen kann. – Ist das nicht ein liebliches Gedicht, Herr Ernest?«

Er hatte inzwischen mit Wohlgefallen die Bilder betrachtet und antwortete nun auf Judiths Frage:

»Eigentlich hätte die Peri diese Träne nicht bloß bringen, wohl aber auch selbst weinen müssen, um in den Himmel zu gelangen! Indessen, bei so einer Elfe oder Fee wollen wir's nicht allzu genau nehmen und die Bilder können sehr schön werden. Sie, Fräulein Judith, werden die Peri darzustellen haben, und Gräfin Regina Windeck – den Engel des Lichtes. Alles übrige findet sich.«

Madame Miranes frohlockte über seine Willfährigkeit und über die Aussicht auf so ganz ausgesucht schöne Tableaux.

»Wir wollen auf der Stelle unsere Einladungen an die mitwirkenden Damen machen,« sagte sie zu ihrer Tochter. »Die Herren kann man zu einem Diner einladen und ihnen dabei den Antrag stellen; dann nehmen sie ihn um so leichter an.«

»Müssen die armen Teufel mit indianischen Vogelnestern gekirrt werden?« fragte Ernest lachend. »Ich verdenk' es ihnen nicht! All' diese Mummereien sind eigentlich nur die Sache der Damen, deren Wonne es nun einmal ist, sich in Flitterwerk zu begraben und sich angaffen zu lassen.«

Madame Miranes drohte ihm mit huldvollem Scherz, und er setzte hinzu:

»Sorgen Sie nur dafür, daß die Gräfin Regina willfährig sei! Sie – und nur sie – ist wie geschaffen für den Engel des Lichtes, und ohne ihre Mitwirkung müßten gerade diese Bilder wegfallen.«

»Diese originellen, poetischen Bilder wegfallen? das wäre entsetzlich, Herr Ernest, das darf nicht sein!« rief Madame Miranes in einem Tone, als handele es sich um die Wohlfahrt ihres Hauses. »Judith, nimm Hut und Mantel, wir wollen sogleich zu ihr fahren.«

»Wenden Sie sich an den Vater, wenn ich raten darf,« sagte Ernest; »dann ist die Sache gleich abgemacht.«

»Gut, gut! der Engel des Lichtes soll uns nicht fehlen.« –

Regina war nicht angenehm überrascht, als der Graf ihr beim Mittagessen sagte, er habe die Aufforderung der Madame Miranes, zu ihrem Zauberfest als Engel des Lichtes in einigen Tableaux mitzuwirken; in Regina's Namen angenommen. Was die Toilette dieses Himmelsbürgers beträfe, so würde Ernest ihr die nötigen Anweisungen geben, der überhaupt das Ganze dirigiere.

»Regina – ein Engel des Lichtes! das ist aber schön!« rief Corona mit leuchtenden Augen, »das freut mich!«

»Mich auch!« sagte Uriel.

»O, an Dich kommt auch die Reihe, Uriel!« sagte der Graf. »Du bist auserkoren, um einen Mönch darzustellen, der den Tyrannen Ezzelin da Romano in der Gefangenschaft zur Buße bekehren soll, was ich aber nur unter der Hand Dir sage, Madame Miranes wird es offiziell bei einem demnächst stattfindenden Diner tun.«

»Uriel ein Mönch! das gefällt mir!« rief Regina.

»Mir gar nicht,« sagte Corona. »Uriel in einer dunkeln Kutte, hu! abschreckend! mich brächte kein Mensch in solchen Habit, auch nur zum Spaß hinein.«

»Das ist ein sehr guter Geschmack für die Wirklichkeit,« sagte der Graf, »aber als Karnevalsspiel kann man auch einmal die Kutte anlegen.« –

Es war nicht zu ändern, Regina mußte ihre Rolle in den lebenden Bildern übernehmen, die Proben mitmachen, ihren Engelsanzug nach Ernests Anweisung anfertigen lassen. »Ich wundere mich nicht so sehr,« schrieb sie einmal ihrem geliebten Onkel Levin, dem sie zuweilen ihr Herz eröffnete, »daß man sich einen Abend bei dem oder dem Fest unterhält. Aber daß man sich zu einem solchen wochenlang vorbereitet, sich besinnt, überlegt, bespricht, beratschlagt, in eine Wichtigkeitskrämerei ohne gleichen versinkt und einen Eifer an den Tag legt, als gelte es ein Menschenleben zu retten: darüber kann ich gar nicht aufhören mich zu wundern, denn nach drei Tagen fällt irgend etwas anderes vor, und kein Mensch spricht mehr eine Sylbe von einem Fest, das mit solcher Verschwendung von Zeit, Mühe und Geld vorbereitet worden ist.« – Ein anderes Mal hatte sie ihm geschrieben:

»Lieber Onkel, gestern hatte ich einen frohen Abend! und wo? mitten in einer glänzenden Soiree! wirst Du es glauben? Ja, es wurde musiziert und zum Teil sehr gut. Dann verstummt all' das oberflächliche Geschwätz, was mich immer sehr beängstigt, weil man ja dereinst Rechenschaft vor Gott über jedes unnütze Wort wird ablegen müssen, und die Salongespräche sind wirklich sehr überflüssig. Tante Isabelle sagt, die Höflichkeit sei auch eine Tugend, sei eine Art von Nächstenliebe, und man spräche ja aus Höflichkeit. Aber es drängt sich mir leider die Bemerkung auf, daß in den Salongesprächen nichts so wenig zum Vorschein kommt, als die Nächstenliebe. Darum bin ich immer sehr froh, wenn Musik gemacht wird. Auch macht sie mir die Seele so gewiß einsam frei, und meine Gedanken gehen ihre Wege, gehen fort aus dieser bunten unruhigen Gesellschaft – zum stillen Karmel. Das ist nun einmal der Naturzug meines Herzens, wie das Schwälbchen im Herbst nach Süden fliegt. Gestern Abend nun sang ein junges Mädchen mit einer wunderbar schönen, großartigen Stimme und entzückte die ganze Gesellschaft. Ich hörte sagen, es sei eine ganz seltene Stimme, den berühmtesten Sängerinnen der Gegenwart überlegen, und das junge Mädchen sei eine zweite Pasta, deren Namen, Judith, sie auch trage. Sie sang nur Opernarien, etwas anderes kennt die Welt ja nicht! aber durch den Klang, die Fülle und den Ausdruck ihrer Stimme trat etwas eigentümlich Ergreifendes in die profane Musik hinein, etwas tief Tragisches; wenigstens kam es mir so vor, weil ich dies junge, schöne Mädchen so sehr bedauere: sie ist nämlich Jüdin. Ich mußte immer denken, wie das klingen würde, wen sie »Ave verum« sänge oder »O salutaris« und ihre unvergleichliche Stimme zu Lobliedern der ewigen Liebe anwendete, von der sie nichts weiß. Ich war schon früher mehrmals aufgefordert worden zu singen, hatte es aber immer abgelehnt und mir schon Vorwürfe von dem guten Vater deshalb zugezogen. Es ist mir unheimlich, vor den vielen Leuten mich hinzustellen und ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Überdas ist mein Singsang wirklich zu unbedeutend für eine elegante Soiree. Als man mich gestern wieder bat, doch auch einmal mich hören zu lassen, dacht' ich, nun sei gerade der günstige Moment gekommen, um den Leuten zu zeigen, daß ich nichts kann, denn mein Gesang verhält sich zu dem der schönen Judith, wie das Trillern des Finken zum Schlag der Nachtigall. Und was ich zu singen hätte, das wußt' ich auch gleich und das war auch nicht auf den Salonton gestimmt. Die Welt singt von ihrer Liebe, ihren Freuden, ihrem Glück; – nun wohlan! Ich werde von dem meinen singen! Und weißt Du, lieber Onkel, was ich sang? – Das Wiegenlied der Mutter Gottes von Lope de Vega. Ich frohlockte es ordentlich aus der Brust heraus, dermaßen erfrischte sich mein Herz an dem Gedanken, daß so ein wenig Himmelsluft in die schwülen irdischen Dünste hineinwehe:

»Heilige Engel,
Die ihr dort flieget
Ueber den Palmen,
Sänftigt den Wind!
Kommet und wieget
Das göttliche Kind.«

»Ich sang aber spanisch, lieber Onkel. Das verstand kein Mensch, und dadurch fühlte ich mich recht geschützt in meinem Liebesgespräch. Man wollte wissen, was ich gesungen habe. Ich sagte, es sei ein Lied von Lope de Vega, und ich vermute, daß man sich verpflichtet fühlte, um dieses berühmten Dichters willen meinen Gesang zu loben. Ach, lieber Onkel! Alles wird gelobt, nur nicht derjenige, der allein alles Lobes würdig ist. Gott wird verschmäht, ist Null, und was Null ist, wird verherrlicht. O ewige Liebe, man liebt dich nicht.« – –

In der Gesellschaft fing man an, Regina ganz ungemein zu bewundern. Mit ihrer Herzensfrische, ihrem lebhaften Verstande, ihrer anspruchslosen Einfachheit, ihrer Seelengrazie machte sie zwischen den bis zur Dressur wohlerzogenen jungen Damen den Eindruck, als trete sie aus irgend einem paradiesischen Urwald in die Welt hinein. Die kleinen, niedrigen Triebfedern, welche diese beherrschen: Eitelkeit, Gefallsucht, Selbstbespiegelung, berührten sie gar nicht, denn sie wollte keinem Menschen gefallen. Aber sie hielt sich deshalb nicht für besser, sondern nur für glücklicher. Sie hatte ihr Herz in Sicherheit gebracht bei der ewigen Liebe: gab es ein größeres Glück? Der heitere Friede, der aus diesem reinen, stillen, sicheren Glücksbewußtsein hervorging, und der sich durch die liebenswürdigste Freundlichkeit gegen alle Menschen aussprach, machte sie zu einer äußerst wohltuenden Erscheinung in einer Sphäre, wo so viel Zerrissenheit und Verwirrung durch traurige Leidenschaften zu Hause ist. Obwohl niemand weniger als sie mit den Ansichten, Beweggründen und Urteilen der Welt sympathisierte: so wußte sie diesen Mangel an Sympathie doch so lieblich zu umschleiern, daß man sich fast zur Übereinstimmung mit ihr gedrängt fühlte. In jener musikalischen Soiree hatte Judith durch ihren prachtvollen Gesang, namentlich der berühmten »Gnadenarie« aus Robert dem Teufel, die Gesellschaft in eine Art von gewitterhafter Aufregung versetzt. Niemand wollte nach ihr einen Akkord anschlagen, einen Ton singen. Jeder fühlte, daß er Fiasko machen müsse, und zog sich deshalb zurück. Für Regina war das ein Grund zu singen. Ihre Herzenslust und ihre innerste Meinung verschleierte sie hinter der spanischen Sprache und sang so süß und liebreizend, daß es nicht anders war, als ob die blitzdurchzuckten Wetterwolken, die Judith heraufbeschworen hatte, von leuchtenden Sternen überraschend durchbrochen würden. Nicht Lope de Vega wurde am Schluß bewundert, sondern Regina. Das glaubte sie aber nicht. Der Graf sonnte sich in den Huldigungen, die seiner Tochter dargebracht wurden, und freute sich seiner luminösen Idee, sie so früh in die Welt eingeführt zu haben. Die Reize des wirklichen Lebens würden ganz allmälig ihre Träume aus dem Sattel heben, hoffte er zuversichtlich. Uriel hoffte auch, aber auf seine Liebe, nicht auf die Welt. Die lange und viel besprochenen, probierten und studierten lebenden Bilder kamen endlich zu Stande. Ernest beklagte aber hundert Mal, seine Hand in dies Wespennest gesteckt zu haben, wie er sich ausdrückte. Gegen die Aufgabe, aus so rebellischen Elementen von hölzernen Männer- und gezierten Frauengestalten ein Bild zusammenzustellen, sei es ein Kinderspiel, ein wandgroßes Gemälde zu skizzieren. Überdas wollten sich die Damen nach dem Modejournal kleiden, nicht nach seiner Angabe; und jede war überzeugt, daß er ihr gerade die Stellung und den Ausdruck angewiesen habe, welche ihr am wenigsten vorteilhaft wären. Nie eine konnte nicht ihren schönen Fuß präsentieren; bei der anderen wurde gerade ihr schöner Arm beschattet, und bei der dritten keine Rücksicht auf ihr schönes Haar genommen, womit sie doch ganz gewiß die heil. Genoveva von Brabant hätte darstellen können! Ferner wollte eine jede, daß gerade ihr Tableau das letzte sei, den letzten Eindruck mache, durch kein nachfolgendes verdunkelt werde. Endlich sagte Ernest:

»Meine gnädigen Damen, wie kunstvoll Sie sich sämtlich in Ihren respektiven Tableaux gruppieren, und ob Sie auf einen Fuß oder auf keinen sich stellen werden, das, sehe ich ein, muß ich Ihrer bessern Einsicht überlassen. Na es mir aber mit dem besten Willen unmöglich ist, jedes Tableau zum letzten zu machen: so beanspruche ich die Reihenfolge derselben so fest zu halten, wie ich sie von Anfang an bestimmt habe: das Paradies und die Peri werden den Schluß machen, weil jenseits des Paradieses Irdisches keinen Effekt mehr machen kann.«

Keinen Effekt mehr machen kann! – Dieser Ausspruch wirkte Wunder bei den Damen. Nunmehr wollte keine mit ihrem Tableau auf das Paradies und die Peri folgen. Judith und Regina waren die einzigen, die sich durchaus fügsam gegen Ernest bewiesen, und sich genau so kleideten, so stellten, so blickten, wie er es ihnen angab. Judith dachte, es sei ja genug der Herablassung, daß sie sich bewundern lasse, und das könne ihr ja gar nicht fehlen, möge sie nun so oder anders stehen. Regina – gehorchte. Aber die Sache hatte einen geheimnisvollen Reiz für sie. Ernest hatte ihr gesagt:

»Gnädige Gräfin, wenn Sie da stehen werden als Engel des Lichtes, vorgreifend jenem seligen Augenblick, der Sie einst in's himmlische Jerusalem und unter die Reihen der Auserwählten, durch Gottes Gnade, ruft, so ziehen Sie ihre Seele ein wenig zurück von der buntgefärbten Aschenwelt, die Sie umgibt, und beten Sie für die arme Peri Judith, daß diese Tochter der Nacht und der Finsternis, wie der Apostel Paulus so schön sagt, in ein Kind des Lichtes und des Tages umgewandelt werde. So kann der himmlische Sinn den ganzen Plunder von Welt heiligen und nebenbei wird das Ihnen den wahrsten und richtigsten Ausdruck geben. Diese innere Sammlung würde ich freilich keiner anderen Dame hier zumuten; da Sie aber derselben fähig sind, so haben Sie die Güte, sie in Anwendung zu bringen.«

Regina war so vertraut mit dem Bestreben, sich stets innerlich gesammelt zu haben, daß ihr Ernests Zumutung gar nicht seltsam oder übertrieben erschien. Auch wußte sie, daß ein wahrhaft apostolischer Eifer, um Seelen für die Erkenntnis der ewigen Wahrheit zu gewinnen, ein Grundzug bei den geistlichen Töchtern der heiligen Therese, und die Gebetsinbrunst für diesen Zweck unter allen Umständen und in allen Verhältnissen eine Hauptaufgabe der Karmelitesse sei. Daß dieser Auftrag eine wundersame Huldigung für sie enthalte, bemerkte sie gar nicht. Demütig und dankbar antwortet sie:

»Wie sind Sie gütig, Herr Ernest, mich an etwas zu erinnern, was man so leicht in dem betäubenden Getümmel aus den Augen verliert. Nun kommt doch ein vernünftiger Sinn in den charmanten Unsinn!«

Die Tableaux kamen zur Darstellung unter ungeheurem Beifall. Einige waren sehr malerisch, andere sehr elegant, alle im schönsten Lichteffekt und umwogt von passender Musik- und Gesangsbegleitung. Aber alle erbleichten vor den beiden letzten, in denen niemand figurierte, als Judith und Regina, die jede in ihrer Art und für ihre Rolle von idealischer Schönheit waren. Die Peri trug ein lichtblaues, silberdurchwirktes Florgewand, Schmetterlingsflügel von Silberflor mit Pfauenfederaugen, und über der Stirn, wo die dunkeln Wellen ihres Haares sich scheitelten, einen Stern von Saphieren, deren bläuliches Licht mit dem Schimmer von Schwermut harmonierte, der immer auf ihrem schönen Antlitz lag und der so passend für ein Wesen war, dem das Paradies verschlossen blieb. Der Engel des Lichtes trug ein weißes Gewand, mit Saum und Gürtel von Goldstickerei, große, blendend weiße Flügel, in der Rechten einen Palmzweig und um die Fülle der blonden Locken einen feinen Goldreif, den über der Stirn ein kleines Kreuz von strahlenden Brillanten zusammenhielt. So stand eine jede unter ihrer eigenen Signatur, unter dem Schönsten, was die natürliche und übernatürliche Welt aufzuweisen hat: unter dem Stern und unter dem Kreuz. Im ersten Bilde lag die Peri flehend vor dem Engel auf den Knien, der verneinend ihr entgegentritt. Im zweiten nahte sie sich hoffnungsfreudig, und der Engel reicht ihr den Palmzweig dar. Judith, die für alle Künste Talent hatte, besaß ein großes für die Mimik und verstand es meisterhaft, sowohl ihren Zügen, als ihrer ganzen Gestalt und Haltung zuerst den Ausdruck von flehender Bitte und dann von triumphierender Freude zu geben. Regina mochte wohl keine Spur von mimischem Talent haben; allein sie nahm sich Ernest's Auftrag so zu Herzen, daß sich ganz natürlich eine milde Trauer um die arme Judith und eine süße Wonne bei dem Gedanken an deren Rettung in den klaren Frieden ihres schönen Angesichts mischte.

»Ganz wie ein Engel,« flüsterte halblaut Ernest vor sich hin, der sich unter die Zuschauer begeben hatte. »Wie ein Engel, der die Schwingen zum Fluge in die himmlische Heimat ausbreiten wird!«

Es war finster im Saal, wie es eben sein muß, damit die richtige Beleuchtung der Bilder nicht gestört werde. Ernest wußte nicht, wer ihm ins Ohr sagte:

»O schweigen Sie von Prophezeiungen des Todes.«

Ernest sah sich um, erkannte in dem Sprechenden Uriel, der sein Mönchsgewand wie eine Raupenhülle abgestreift hatte, und antwortete ihm:

»Sie wissen ja gar nicht, von wem ich spreche.«

»Nicht?« fragte Uriel; »könnte man wirklich in Zweifel darüber sein, wen Sie meinen?«

»Nun, Herr Graf, wenn Sie auch die eine Meinung richtig getroffen haben, so irren Sie doch in der anderen. Ich dachte nicht an Todesprophezeiungen, sondern drückte mich nur figürlich aus, um das Schwunghafte in diesem Engel des Lichtes zu bezeichnen. Ist denn die Gräfin Regina kränklich? fürchtet man für ihre Gesundheit?«

»Nein, gar nicht! Aber ich weiß nicht, wie es kommt, diese Bilder machen mich traurig, und es ist mir, als ob ich meine Cousine im Himmel sähe.«

»Anticipando – ist das ganz richtig, Herr Graf und ich wünschte sehr, daß Sie diese Second sight auch von der Peri hätten.«

»Die Peri,« sagte der vielbelesene junge Mann, der auf der anderen Seite neben Ernest stand, »die Peri ist und bleibt eine Oreade.«

Ernest tat ihm den Gefallen, gutmütig zu fragen:

»Warum denn gerade eine Oreade? könnt' es nicht auch eine Dryade sein, oder eine Najade? die ich freilich lieber Nixe nenne.«

»Keineswegs!« sagte der Belesene. »Die Oreade muß es eben sein; denn die Oreade ist ein Geist, der in Felsen wohnt, und der dadurch so gewiß versteinert und unnahbar ist, wie diese Peri, d. h. wie ihre Darstellerin.«

Ernest dachte in seinem Sinn, es sei der Peri kaum zu verargen, wenn sie diesem Belesenen gegenüber ihren Oreadencharakter recht entschieden hervorgekehrt habe. Er fragte weiter:

»Nun, und der Engel des Lichtes? was haben Sie von dem zu bemerken?«

»Wie es in dem indischen Gedicht Nal und Damajanti heißt: »Sie ist an Schönheit und Huldgeberden – Wie eine Wundersage auf Erden« – war die Antwort.

»Ei!« rief Ernest, »was Sie nicht alles wissen! Von der griechischen Mythologie bring' ich wohl allenfalls ein Stückchen zusammen wegen der allegorischen Manier der bildenden Künste, welche im Zeitalter der Renaissance und ihres Auswuchses, des Rokoko, in ganz Europa florierte, und von der unsereiner Notiz zu nehmen hat. Aber indische Poesie – nein! so hoch hab' ich mich nie verstiegen! und was Sie für ein aus gezeichnetes Gedächtnis haben! das ist auch beneidenswert.«

»Mein Gott,« flüsterte Uriel Ernest zu, »er bringt uns ja alle vor Langeweile um mit seinen Zitaten, und Sie bestärken ihn darin!«

»Ach,« sagte Ernest, »solch harmlose Leute sind gar nicht übel und etwas sanftmütige Langeweile bei indischen und sonstigen Zitaten ist meiner Seele viel heilsamer, als die Unterhaltung durch pikante Bosheiten.« –

Der Vorhang rauschte zum letztenmale nieder, die Kronleuchter wurden wieder angezündet, die Darstellungen waren zu Ende, der Ball begann. Die meisten Damen, die in den Bildern figuriert hatten, blieben in ihrem Kostüme. Regina hatte es aber für sich höchst unpassend gefunden und ihr Kammermädchen mit einem Ballanzug nach Judiths Zimmer beordert. Als sie dies Zimmer betrat, fiel ihr Blick auf die Uhr; es war Mitternacht.

»Genug der Mummerei!« sagte sie zu dem Mädchen, das erwartungsvoll zwischen Flor, Blumen und Bändern dastand. »Ich kann unmöglich in tiefer Nacht ein Maskenkleid ablegen, um ein anderes anzuziehen. Packen Sie den Kram zusammen, Brigitte, während ich meinem Vater in zwei Zeilen schreibe, daß ich nach Hause fahre.«

Als ein Diener dem Grafen dies Zettelchen überreichte, stieg Regina mit Brigitte in einen Fiaker und fuhr von dannen. Der Graf war gar nicht darüber erzürnt, suchte die Baronin Isabella auf und folgte mit ihr seiner Tochter. Im Wagen sagte er zu seiner Schwägerin:

»Es war ein recht unheimlicher Abend! Haben Sie nichts gehört?«

»Doch! schlimme Gerüchte von einer Revolution in Paris.«

»Wobei das allerschlimmste, daß die Gerüchte wahr sind! Die Revolution ist ausgebrochen, Louis Philipp hat seinen Bündel schnüren müssen, und wir wollen dasselbe tun und unverzüglich nach Windeck zurückkehren. Die Herren von der Diplomatie und von der Bank hatten die größte Mühe, ihre bedenklich verlängerten Gesichter in den stereotypen, nichtssagenden Falten zu erhalten. Besonders der Festgeber selbst, von dem man behauptet, auch er werde sein Bündelchen schnüren müssen.«

»Welche Kalamitäten verhängt doch dies beständig revolutionierende Frankreich über die Welt, und wähnt sich im Fortschritt begriffen, während es dem Abgrunde zutaumelt und andere mit hinabreißt!« seufzte die Baronin.

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