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Maria Regina. Erster Band

Ida von Hahn-Hahn: Maria Regina. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
titleMaria Regina. Erster Band
publisherVerlag von J. Habbel.
seriesIda Gräfin Hahn-Hahn ? Gesammelte Werke
volume1. Serie: 1. Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071116
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Solo Dios basta.

Der Balltag kam heran. Der Graf sagte, er habe eigens den Tag dazu gewählt, wo Regina ihr achtzehntes Jahr antrete, um mit einem Fest, wie es sich für die Jugend schicke, einen neuen Abschnitt ihres Lebens zu bezeichnen.

»Und besorge Dir ein Ballkleid, Regina,« setzte er hinzu, »von Flor oder Krepp, oder wie der Stoff heißt! recht leicht, recht luftig. Es wird wohl am besten sein, wenn die Tante dafür sorgt.«

Damit war Regina ganz einverstanden. Sie ging zu Onkel Levin und sagte kleinlaut:

»Ach, lieber Onkel, der erste Ball!«

»Ja, mein Kind, der erste, aber gewiß nicht der letzte,« entgegnete er scherzend.

»Ich fürchte mich vor den vielen fremden Menschen.«

»Ganz unnütz, Kind! sei freundlich zuvorkommend gegen alle Frauen und freundlich zurückhaltend gegen alle Männer, so bist Du, wie Du sein sollst, und hast nichts zu fürchten.«

»Lieber Onkel,« sagte sie errötend, »ich fürchte die Menschen nicht sowohl, weil ich mich ihnen gegenüber ungeschickt benehmen, sondern weil ich mich in ihrem Tumult und zwischen all' dem Gerede aus der Gegenwart Gottes verlieren könnte. Man sagt ja, das geschehe sehr leicht und sehr häufig in solchen rauschenden Lustbarkeiten.« »Freilich ist es leichter, in der stillen Kapelle oder im einsamen Zimmer in der Gegenwart Gottes sich zu halten, als auf einem Ball! Aber ich hoffe, Du willst für Gott nicht bloß das tun, was Dir leicht wird. Also hebe in Gedanken Dein Herz zuweilen von der Nichtigkeit eines Balles zu den Freuden der Ewigkeit empor und wirf zuweilen einen Blick hinüber nach Engelberg oder nach unserer Kapelle. Dann wird Dir eitler Tand gewiß nicht lieblicher erscheinen, als das höchste Gut. Aber munter Kind, heiter, fröhlich! das bitte ich mir aus!« setzte er hinzu, freundlich mit dem Finger drohend. »Und damit Dir das alles ganz leicht werde, wollen wir am Morgen in aller Frühe zur ersten Messe nach Engelberg hinüber fahren und den himmlischen »Morgenstern« anrufen, der an diesem Tage der Welt aufgegangen ist, und zu ihm flehen, daß er der Stern unseres Lebens und dereinst unser Abendstern sei.«

In der Morgendämmerung des Tages Maria Geburt glitt der Nachen von Windeck leise über den Main nach Engelberg, wo schon fromme Wallfahrer sich eingefunden hatten. Mit einer Wallfahrt begann Regina ihren Eintritt ins Leben – ins Leben, das ja selbst eine höhere Wallfahrt, ein Wandeln nach einer übernatürlichen Gnadenstätte sein soll. Als sie an den Fuß der großen Treppe kamen, welche von vielen Pilgern auf den Knien erstiegen wird, legte Regina plötzlich die Hand auf Levins Arm und sagte:

»Lieber Onkel, sieh'! da ist ja Hyazinth!«

Er war unter jenen Pilgern das schönste Bild der Demut, die ein hohes Ziel erreicht. Unten in der Kapuzinergruft ruhte der Staub der Mütter dieser beiden Kinder; aber wie mögen sie von den Höhen der Ewigkeit so zärtlich auf diese jungen Seelen herabgeschaut haben, die sich nicht gefangen gaben an die Gedanken und Bestrebungen der irdischen Welt.

Gegen Abend mußte Regina in ihrem Ballanzuge vor dem Grafen erscheinen. »Denn ich muß in Ruhe beurteilen, ob Du auch einigermaßen präsentabel bist,« sagte er. Höchst gleichmütig sagte Regina, als sie sich vor dem Vater hinstellte:

»Es wird wohl so ganz gut sein.«

Sie trug ein äußerst einfaches weißes Linonkleid und einen Kranz von frischen Scabiosen, deren tiefes Violet einen eigentümlich reizenden Kontrast zu ihrem blonden Haar und ihrem blühenden Antlitz bildete. Der Graf, ganz überrascht von ihrer Schönheit, vergaß, daß er sich vorgenommen hatte, einige Bemerkungen über die Notwendigkeit der modischen Toilette zu machen und sagte:

»Es ist sehr gut so.«

Orest, der leidenschaftlich alles liebte, was Bewegung war – Reiten, Fechten, Schwimmen, Turnen, Tanzen – war bereits ballmäßig gekleidet in ungeduldiger Erwartung bei dem Grafen. Er sagte in seiner ungenierten Weise, die Uriel ihm als burschikos vorzuwerfen pflegte, indem er seine fünf Fingerspitzen an die Lippen legte und leicht küßte:

»Regina, Du bist zu schön für diese Welt.«

»Das hör' ich gern,« erwiderte sie munter.

»O Du Heuchlerin!« rief er. »Wir halten Dich sämtlich für eine Sainte N'y touche und nun kommt es zum Vorschein, daß das kolossalste Kompliment Dir das liebste ist.« Der Graf dachte bei sich selbst, es würde geradezu ein Verbrechen gegen die menschliche Gesellschaft sein, wenn eine so schöne und anmutige Person sich im Kloster vergraben wollte. Das könnten ja die Häßlichen tun, die Dummen und Krummen, die Lahmen und Kranken, die in der Welt weder Freude hätten noch Freude machten; für die sei das Klosterleben erfunden, denn einen irdischen Bräutigam fänden sie nimmermehr und dem himmlischen fielen sie nicht zur Last. Regina aber sei eine Person, die, sobald sie nur eine andere Wendung nehmen wolle, unfehlbar von der Welt vergöttert werden müsse; und es sei doch höchst angenehm, der Vater eines solchen Idols zu sein.

Wie Regina mit Orest gesprochen hatte, so blieb sie, und diese unbefangene gleichmäßige Munterkeit zeigte am besten, daß nichts von allem, was sie sah und hörte und tat, ihr Herz berührte. Hyazinth tanzte nicht; er sagte, er habe es nicht gelernt. Orest tanzte mit Leidenschaft, um zu tanzen, nicht wegen dieser oder jener Tänzerin. Uriel hätte am liebsten nur mit Regina getanzt; da das aber unmöglich war, so machte ihm der ganze Ball gar kein Vergnügen. Er fand es im Gegenteil höchst lästig, sich mit einem solchen Schwarm von Damen zu unterhalten. Florentin tanzte nur mit den elegantesten Tänzerinnen oder gar nicht. Die Theorie der allgemeinen Gleichberechtigung ging in der Praxis nicht weiter, als daß er sich für berechtigt hielt, nach Lust und Laune unter dem Ausgezeichneten zu wählen. Er verlor Regina nicht aus den Augen. Er hatte Anwandlungen von Haß gegen sie, weil sie mit solcher klaren Entschiedenheit seine Ansichten verwarf und vielleicht – weil er Neigung gehabt hätte, sie zu lieben. Es hatte ihn tötlich verletzt, daß Regina ihn nicht mehr mit dem schwesterlichen »Du« begrüßt und ihm dadurch einen anderen Platz angewiesen hatte, als ihren Vettern, was doch niemand sonst in der Familie getan. Sie aber fand es passend, die kindliche Gewohnheit aufzugeben, um nicht in unnütze äußere Vertraulichkeit zu geraten und den Moment günstig dafür, als sie nach jahrelanger Entfremdung, beide aus der Kindheit in die Jugend übergetreten, sich wiedersahen. Florentin nannte in seinem Sinn Regina »aristokratisch und fanatisch«; was ja nach seiner Ansicht unsäglich verkehrt und schlecht war: und dennoch! dennoch! hatte er seine innerliche Freude daran, daß Regina gar nicht Uriels Neigung beachtete. Auch jetzt auf dem Ball, wo so leicht in der allgemeinen lärmenden Erregung die gewohnte Haltung nachläßt und wo Florentin immer sein Augenmerk auf beide richtete, fühlte er sich über diesen Punkt vollkommen beruhigt und in gänzlicher Vergessenheit, daß sein Glückseligkeitssystem den lieben Gott entthront habe, seufzte er aus tiefster Brust, als er einmal Regina mit Uriel sprechen sah: Gott Dank! sie liebt ihn nicht! –

Dem Grafen mochte sich auf dem Ball dieselbe Überzeugung aufgedrängt haben. Wenigstens ging diese Angelegenheit nicht so rasch vorwärts, als er es wünschte; daher nahm er sich vor, sie auf die bündigste Weise zu Ende zu bringen. Er ließ eines Morgens Uriel in sein Schreibkabinet rufen und sagte:

»Mein lieber Junge, ich sehe, daß Du Regina sehr gern hast. Das freut mich außerordentlich, denn ich habe immer Eure Verbindung gewünscht und gewollt. Ich finde zu meiner Freude Regina so weit über ihre Jahre hinaus vernünftig und geistig entwickelt, daß mir nichts lieber wäre, als Euch bald verheiratet zu sehen. Bringe also die Sache in Ordnung. Meinen Segen hast Du.«

»Aber nicht Regina's Herz,« entgegnete Uriel, auf dessen Zügen Freude und Trauer kämpften.

»Larifari! soll sie Dir etwa ihr Herz anbieten?«

»Sie hat entschieden Hyazinth lieber als mich. Sie spricht mehr mit ihm, beschäftigt sich mehr mit ihm ....« –

»Lieber Junge, das verstehst Du nicht! das alles kann gerade ein Beweis sein, wie ungefährlich Hyazinth für sie ist, der ohnehin ein pures Kind ist. Ich begreife Dich gar nicht! Du hast Regina gern – ich freue mich darüber – und Du siehst aus, als wäre Dir ein Unglück widerfahren! Wie kann ein Verliebter so zaghaft sein? Solche Schüchternheit überlasse doch den jungen Mädchen. Allons! heute noch sprichst Du mit Regina, nicht wahr?«

»Nein, lieber Onkel, das ist unmöglich! sie wird vor Erstaunen aus den Wolken fallen ...«

»Und Du wirst sie auffangen in Deinen Armen! das macht sich ja ganz vortrefflich!«

»Es ist unmöglich, mit Regina von Liebe und von Ehe zu reden, denn sie denkt nicht entfernt daran, bester Onkel.«

»Uriel, mache mich nicht böse! Was soll ich von Dir halten, daß Du nicht im Stande bist, einem siebenzehnjährigen Mädchen ein paar Liebesgedanken beizubringen! Es gibt ja nichts Leichteres auf der Welt!«

»Je nachdem das Mädchen – und der Bewerber ist. Regina ist ein sehr seltenes Mädchen, und ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch.«

»Du hast wohl nicht Lust zu dieser Ehe?« fragte der Graf unmutig und mit gerunzelter Stirne.

»Nur zu dieser Ehe, lieber Onkel,« antwortete Uriel mit großer Bestimmtheit.

»Gut, mein Junge,« sagte der Graf erheitert. »Da Du aber ein so entsetzlich blöder Schäfer bist, was, unter uns gesagt, das schöne Geschlecht gar nicht besonders liebt: so werde ich Deine Bewerbung vorbringen. Glaube mir! unter fünfhundert Mädchen, die ganz kalt und spröde scheinen, befindet sich kaum eine einzige, welche einen jungen, charmanten Mann, der zugleich eine gute Partie ist, ausschlüge. Dafür hat die Natur gesorgt. Geh' jetzt! ich bringe Dir bald das Jawort der Herzenskönigin.«

Der gute Graf hatte sich selbst Mut und Zuversicht eingesprochen. Es war ein Etwas in seiner Tochter, das ihn heimlich ängstigte, sie könne unter jenen fünfhundert jungen Mädchen eine Ausnahme machen, oder wenigstens machen wollen. Aber wenn sie auch ihren eigenen Willen hat, wie ich fürchte: so ist sie doch gehorsam, murmelte er, in seinem Kabinett auf- und niedergehend, schellte, sagte zu dem eintretenden Bedienten: »Die Gräfin Regina!« und überlegte, in welcher Weise er am eindringlichsten zu ihr reden könne.

Regina hatte eben ihre schöne Stickerei vollendet und aus dem Rahmen genommen. Sie freute sich kindlich ihrer Arbeit, schlug sie in Seidenpapier ein und nahm sie mit, um sie dem Grafen zu zeigen, als sie zu diesem gerufen wurde.

»Was bringst Du da?« rief er ihr freundlich entgegen: denn er hatte sich vorgenommen, ungemein liebevoll zu sein.

»Einen Umhang um das Ciborium, lieber Vater. Ich hab' ihn gestickt. Gefällt er Dir?« sagte Regina und breitete froh ihre prächtige Arbeit aus.

»Ja, ja, ganz gut!« rief der Graf schnell verdüstert, schob die Stickerei so hastig bei Seite, daß sie vom Tische fiel und setzte hinzu: »Laß jetzt die Kindereien, wir haben von ernsten Dingen zu reden.«

Regina nahm ihre Stickerei auf, schlug sie sorgsam wieder ein und sah dann ihren Vater in unbefangener Erwartung mit ihren strahlenden Angen an.

»Liebes Kind,« sagte der Graf entschlossen, »ich spreche jetzt nicht als Vater zu Dir, sondern im Auftrage eines anderen, der eine herzliche Liebe Zu Dir hat und um Dich wirbt.«

»Bitte, lieber Vater, danke ihm für diese gütige Gesinnung und sage ihm, ich wünsche nicht, mich zu verheiraten!« rief Regina lebhaft.

»Weißt Du denn, von wem ich rede?« fragte der Graf.

»Nein! und ich brauche es auch nicht zu wissen, denn Name und Persönlichkeit sind mir ganz einerlei.«

»Aber mir nicht!« rief der Graf mit mühsam bekämpftem Zorn. »Wisse, es ist Uriel! und wisse, er hat nicht bloß meine Zustimmung, sondern meinen Wunsch, und den Wunsch Deiner seligen Mutter und seiner Eltern für sich; folglich macht sein Name einen ganz enormen Unterschied.«

Regina schwieg, senkte ihr Haupt mit einem Ausdruck von unsäglicher Demut und legte ihre Hände wie zum Gebet vor der Brust zusammen.

»Nun, was antwortest Du jetzt?« fragte der Graf.

»Jetzt und immer dasselbe,« antwortete sie mit einer Stimme, die aus leisem Zittern allmählig in Festigkeit überging. »Es ist das, was Du schon weißt, lieber Vater: mein Verlangen geht nicht nach der Welt, sondern nach dem Kloster, und ich habe meinem Herrn und Heiland das Gelübde der ewigen Jungfräulichkeit abgelegt.«

Der Graf sprang auf und rief mit Donnerstimme:

»Bleib hier sitzen! nicht vom Fleck Dich gerührt! ich komme wieder!« Er verließ das Kabinett.

Regina seufzte leise: Liebe Mutter Gottes, stehe mir bei! und drückte innig einen Rosenkranz an ihre Lippen, den ihre Mutter immer bei sich getragen und täglich gebetet hatte. In das goldene Kruzifix dieses Rosenkranzes war ein Partikel vom wahren Kreuz gefaßt. Regina betrachtete es zärtlich und sagte zu sich selbst: Jetzt beginnt mein Kreuzweg, denn ich betrübe meinen Vater. Der Graf kam wieder. Er hatte sich zum Beistande Onkel Levin geholt. Als Regina ihn eintreten sah, brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen. Sein mildes Antlitz schien ihr noch milder als gewöhnlich zu sein. Der Graf hatte sich inzwischen auch gefaßt und überlegte, daß es nicht länger geraten sei, Regina einzuschüchtern und im Stillschweigen über ihre innerste Seelenstimmung zu erhalten. Er setzte sich mit Levin ihr gegenüber und sagte gelassen:

»So! nun weiter, Regina! Du hast also das Gelübde der ewigen Jungfräulichkeit abgelegt. Wann ist das geschehen?«

»Am Tage meiner heiligen Erstkommunion.«

»Wie alt warst Du da?«

»Dreizehn Jahre; und seitdem hab' ich es immer am Jahrestage erneuert.«

»Wen hast Du dabei zu Rate gezogen?«

»Niemand.« »Ganz für Dich allein hast Du diese Verwegenheit gehabt?«

»Ich wußte nicht, daß es verwegen sei, der göttlichen Liebe eine ausschließliche Liebe zu geloben,« sagte sie so treuherzig, daß Levin unwillkürlich zum stillen Dankgebet für diese Lauterkeit der Seele die Hände faltete.

»War das ein Gebrauch bei den Damen von Sacré Coeur?«

»Ein Gebrauch ist es ja nie und nirgends, lieber Vater.«

»Ich meine, hat man Euch im Pensionat direkt oder indirekt zu einem solchen Gelübde veranlaßt?«

»Niemals.«

»Haben andere es abgelegt?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe nie darüber gesprochen.«

»Auch nicht in der Beicht?«

»O nein! da spricht man von seinen Sünden – und dies ist keine.«

»Es könnte doch eine schwere Sünde sein, so über sich zu verfügen ohne Wissen der Eltern! Kennst Du nicht das Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren?«

»Doch, mein lieber Vater! Aber Christus hat auch gesagt: Wer Vater und Mutter mehr liebt, als mich, ist meiner nicht wert.«

»Wie bist Du aber überhaupt auf diesen Gedanken gekommen?«

»Durch die liebe selige Mutter zuerst!«

»Das ist nicht wahr,« rief der Graf. »Deine selige Mutter hat nie anders gedacht, als daß Du Uriel heiraten würdest.«

»Ich glaube. Dein Vater hat recht, Regina!« sagte Levin. »Besinne Dich, Kind.«

»Ich brauche mich nicht zu besinnen, lieber Onkel Levin, ich weiß es ganz genau! Erinnerst Du Dich nicht, daß die liebe Mutter gar viel ein paar spanische Verslein der heiligen Therese im Munde führte, die gar lieblich klangen und deren Schluß war: »Solo Dios basta?«

Auf ein Merkzeichen in ihrem Brevier hatte die heilige Therese geschrieben:
Nada te turbe
Nada te espante,
Tode se pasa,
Dios no se muda,
La pacienzia,
Todo se aleanza;
Quien a Dios tiene,
Nada le falta;
Solo Dios basta.

Der selige Cardinal Diepenbrock in seinem »Geistlichen Blumenstrauß« hat es übersetzt:
Nichts soll dich ängstigen,
Nichts dich erschrecken,
Alles vergehet,
Gott bleibt derselbe.
Geduld erreicht alles.
Wer Gott besitzet,
Dem kann nichts fehlen;
Gott nur – genüget!

»Gewiß!« sagte Levin und der Graf nickte einstimmend.

»Solo Dios basta! das klang mir so erhaben und lieblich und ich fragte sie einmal, wie das auf deutsch heiße. Da sagte sie: Es heißt »Nichts genügt uns, als Gott;« denn in ihm haben wir Liebe, Glück, Freude, Frieden, wechsellos und unvergänglich, während das alles außer Ihm gar schwankend und unsicher ist. Und dann pflegte sie mir viel zu erzählen von den heiligen Klosterfrauen der alten Zeiten, wie sie gewirkt hätten für das Reich Gottes auf Erden durch ihr Beispiel und ihr Gebet, und wie sie durch ihren himmlischen Wandel die Christusliebe geweckt und genährt hätten in tausend Seelen, und weit hinaus über ihr irdisches Leben, und wie sie, oftmals von Leid und Trübsal und mancherlei Nöten heimgesucht, doch immer froh wie die Seligen gewesen wären, weil es für sie wie für die heilige Therese stets geheißen habe: Solo Dios basta. Bald darauf schied die liebe Mutter von uns. Aber ich vergaß nie ihr »Solo Dios basta« und was sie darüber gesagt hatte. Als nun die selige Zeit der heiligen Erstkommunion für mich kam, als ich mehr und mehr erfuhr von dem Wunder der Liebe Gottes, das er im eucharistischen Opfer für uns wirkt, um unsere Seelen auf dem Pfad der Gnade zum Thron der Glorie hinzuziehen, und von der unendlichen Verdemütigung der ewigen Liebe, die nichts so sehr begehrt, als die armselige Liebe des staubgeborenen Geschöpfes, und wie sie statt dessen Verschmähung, Beleidigung, Verlassenheit erfährt, und wie die Seelen, ach, so leicht! alles für Glück halten, was Gott nicht ist: da kam mir das Solo Dios basta gar nicht mehr aus dem Sinn. Ich dachte es nicht und wollte es auch gar nicht denken; aber wohin ich sah und hörte, überall sah und hörte ich Solo Dios basta! Am Tage der heiligen Feier konnte ich mich gar nicht fassen vor Übermaß der Freude, daß meine Seele mit dem König der Ewigkeit ein himmlisches Brautfest, eine Vereinigung für die Ewigkeit gefeiert habe und daß ich jetzt, wie die selige Mutter gesagt hatte, alles Glück, alle Liebe und alle Befriedigung wechsellos und unvergänglich mein nennen durfte. Als wir am Abend wieder in der herrlich erleuchteten Kapelle waren, wir Erstkommunikanten in unseren weißen Kleidern, mit dem Kränzchen im Haar, wie Bräute, alle so froh und glücklich, und die übrigen so teilnehmend und gerührt, und alles ringsumher so festlich geschmückt: da fiel mir ein, ich weiß nicht wie! daß wohl manche aus dieser Schar dereinst ein Brautfest im Sinne der Welt feiern werde. Da schaute ich auf den Tabernakel und sagte innerlich: Aber ich, Herr, ich werde das nicht tun. Ich bleibe Deine Braut in Ewigkeit. Ich trage Deinen Brautkranz; keinen anderen! und diesen Kranz lege ich dereinst vor Deinem Throne nieder, so gewiß ich hoffe, mit Deiner Gnade meine Seele Dir zu bringen, die ich in diesem Kranz Dir anvermähle, geliebter Herr, Dir und keinem anderen. Das sagte ich innerlich ganz entschieden und wurde so froh, als ob ich schon unter den Seligen wäre. Während der Andacht bat ich unaufhörlich die heilige Mutter Gottes und meine liebe Mutter um ihre Fürbitte, daß ich der Gnade, eine Braut Christi zu sein, auch recht würdig werden möge, und als zum Schluß der Andacht der Segen mit dem Sanctissimum gegeben wurde und einige von uns, unter denen auch ich war, mit dem »O salutaris hostia« es begrüßt hatten, da schaute ich auf die Monstranz und sagte: So wahr, wie Du da geheimnisvoll und wesenhaft in die Gestalt der Hostie Dich verschleiert hast, und so wahr, wie Du Dich heute geheimnisvoll und wesenhaft im teuersten heiligsten Sakrament mir geschenkt hast: so schenke ich mich Dir, ohne Rückhalt, ohne Teilung, für Zeit und Ewigkeit, und will als Klosterjungfrau für Dich leben und sterben. Und bei dem Entschluß ist es denn geblieben.«

Regina hatte mit einer so ruhigen Fassung gesprochen, als erzähle sie die einfachste Begebenheit von der Welt, über die man gar nicht viel Worte zu verlieren brauche.

»Ist ein solches Gelübde gültig, lieber Onkel?« fragte der Graf.

»Gewiß!« entgegnete Levin.

»Aber der Bischof oder der Papst kann eine Dispense geben, nicht wahr?«

»Wenn sie verlangt wird, allerdings.«

»Verlange sie nicht für mich, lieber Vater,« sagte Regina bittend, »denn ich werde doch nie Gebrauch davon machen.«

»Dispense für's Gelübde und Dispense für die Ehe wegen der Verwandtschaft,« fuhr der Graf fort, ohne sich stören zu lassen. »Ich denke, wir betreiben das persönlich in Rom. Die Grillen eines dreizehnjährigen Kindes fallen nicht in's Gewicht neben dem Glück einer Familie.«

»Aber, lieber Vater, zu dieser Familie gehört doch auch dies Kind und sein Glück, und es ist nicht mehr dreizehn Jahre alt.«

»Allein es ist ganz unerfahren über sich selbst und Welt und Leben, und weiß daher nicht, wo sein Glück liegt.«

»Ich weiß, daß es nicht in der Welt und nicht in mir selbst liegt, sondern in Gott; und da ich das weiß, weshalb soll ich denn noch Erfahrungen machen, die mir zu keiner höheren Erkenntnis verhelfen? Solo Dios basta! Wer das weiß, der weiß genug und hat genug.«

»Aber begreifst Du denn gar nicht, daß es auch in weltlichen Verhältnissen Glück geben könne?«

»Ich begreife das sehr gut für diejenigen Menschen, welche von Gott in die weltlichen Verhältnisse hineingeführt werden: also für die große Mehrzahl. Aber nicht für mich; denn Gott führt mich aus ihnen heraus.«

»Und begreifst Du denn gar nicht, daß dereinst bittere Reue, ja Verzweiflung Dein Los sein können?«

Regina sah den Grafen mit einem reizenden schelmischen Lächeln an und fragte zurück:

»Wirst Du je darüber in Verzweiflung geraten können, lieber Vater, daß Du in Deinem Leben keinen Mord begangen hast?«

»Alberne Frage!« brummte der Graf.

»Sieh, Du selbst hältst es also für unmöglich, Reue zu empfinden über die Befolgung eines göttlichen Gebotes. Da nun Christus uns über das höchste Gebot belehrt hat, indem er sagte: »Liebe Gott über alles,« so begreife ich durchaus nicht, wie die Befolgung desselben mir je Reue und Verzweiflung zuwege bringen könnte. Die Nichtbefolgung würde sie hervorrufen, gerade so, wie der Mörder aus Gewissensangst verzweifelt, weil er ein göttliches Gebot verletzt hat.«

»Du hast nur die Hälfte jenes Ausspruches Christi gesagt. Der Nachsatz wird Dir zeigen, daß man nicht in egoistischer Vereinzelung sein Glück verfolgen darf. Wie heißt es weiter?«

»Der Ausspruch Christi lautet: Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst. Ich habe also Uriel zu lieben, nicht wie ich Gott liebe, sondern wie ich mich selbst liebe; und das tue ich, indem ich aus ganzer Seele wünsche, daß er in den geistlichen Stand treten möge.«

»Regina!« donnerte der Graf; aber Levin legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter und sagte:

»Regina, Du wirst wohl wissen, daß das Gebot, Gott über alles zu lieben, Weltleute wie Klosterleute angeht und durchaus nicht zum Ordensleben verpflichtet; und daß große Heilige, ja ich möchte sagen, die berühmtesten, die populärsten, Frauen gewesen sind, die im Ehestand lebten, wie die hl. Elisabeth von Thüringen, die heil. Franziska Romana, die heil. Brigitta von Schweden, die heil. Katharina von Genua, die heil. Johanna von Chantal und viele, viele Andere.«

»Ich weiß es, lieber Onkel,« erwiderte Regina, »und ich freue mich, daß es Seelen gibt, die groß und stark genug sind, um in den ermattenden, zerstreuenden weltlichen Verhältnissen ihr Herz in unzerstörbarer Vereinigung mit Gott zu halten. Aber ich weiß auch, daß im Evangelium der jungfräuliche Stand höher geschätzt wird, als der eheliche, weil er auf einem Rat des göttlichen Heilandes beruht, und weil es eine vollkommenere Liebe voraussetzt, den besonderen Rat anzunehmen, als dem allgemeinen Gebot zu gehorchen. Übrigens wirst Du wohl wissen, daß all' jene heiligen Frauen, teils nach dem Tode ihrer Ehemänner, teils bei deren Lebzeiten noch, aber mit ihrer Erlaubnis, aus den weltlichen Verhältnissen sich zurückzogen, um sich durch die Befolgung der evangelischen Räte desto vollkommener mit Christus zu vereinigen. Was sie also am Ende ihres Lebens ausführten, weil sie es für das höchste Glück hielten, sie, diese großen, herrlichen Frauen, denen es nicht an Erfahrung fehlte, um die Freuden und Vorteile weltlicher Verhältnisse richtig zu schätzen: das möchte ich im Anfang meines Lebens tun. Kann das bedenklich sein?«

»Es ist ein Riß im Familienleben, eine Lücke im Hause, eine Kluft zwischen traulichem Verkehr, mein Kind.«

»O lieber Onkel, wenn ein russischer Fürst käme und Corona heiraten wollte und sie ihn, so würde der gute Vater sie getrost ziehen lassen bis nach Archangel, ohne die Lücke im Familienleben zu beachten und ohne zu fürchten, daß ihm seine Tochter im fremden Lande, unter fremden Leuten entfremdet werden könnte; denn ihr Glück und der Wille Gottes brächten das mit sich. Und mit welchen Sorgen müßte er doch auf sie schauen! Um mich hingegen braucht er gar keine Sorgen zu haben, sobald ich bei den Karmelitessen bin. Da kann ich nichts verlieren! Da tut mir Niemand weh! da gibt's keine Nöten und Ängste des Irdischen! Solo Dios basta! Wer sich Gott allein in die Arme wirft, der fährt wohl und wird sicherer getragen, als wenn noch der und der Mensch sich auch damit abgibt. Glaubst Du das nicht, lieber Onkel Levin?«

»Ich glaub' es, mein Kind,« sagte er zärtlich, »aber Dein Vater bezweifelt es.«

»O mein lieber Vater!« rief sie, und ihre Augen leuchteten in himmlischer Zuversicht auf; »auch Du wirst es glauben!«

Sie kniete vor ihm nieder und küßte seine Hand.

»Es ist gut, Regina, Du kannst gehen; morgen wollen wir weiter sprechen,« sagte der Graf und versenkte sich stumm in seinen Lehnstuhl, nachdem sie das Kabinett verlassen hatte. Auch Levin versank in Schweigen und Nachdenken über den wundersamen mystischen und doch so wahrhaften Zusammenhang im übernatürlichen Leben; über die Blitze und Funken, die von der ewigen Liebe entsendet, heimlich in die Menschenherzen fallen, hier in ihrer Finsternis untergehen, dort in ihrer Kälte erlöschen; aber auch zuweilen, wie auf einem Opferaltar, das Feuer zum Opfer entzünden. Und an den unberechenbaren Einfluß heiliger Gesinnung dachte er! Eines der gnadenreichsten Gottesgeschöpfe, das je auf Erden gelebt hat, die heilige Therese, spricht in drei schlichten Worten den Kern ihres Lebens, ihrer Vollkommenheit aus, und durch die Jahrhunderte klingen sie in einer frommen Seele wieder, in einem treuen Mutterherzen, das mit diesen Worten, ahnungslos wie tief sie greifen, dem geliebten Kinde eine himmlische Richtung gibt. Die heilige Therese wird Regina schon zum mystischen Karmel führen, dachte er, wenn sie den langen Atem des Herzens, die heilige Beharrlichkeit hat. Sein Opferleben, sein Gebet, seine übernatürliche Liebe und Geduld brachte Levin nicht in Anschlag, dachte gar nicht daran, obwohl gerade sie zu den wesentlichen heiligenden Einflüssen, zu den Kanälen des göttlichen Gnadenstromes gehörten, die Regina umgaben.

Es war so still im Kabinett, daß der Pendelschlag der altertümlichen Wanduhr ein großes Geräusch machte. Plötzlich fuhr der Graf aus seinen Träumen auf, strich mit der Hand über Stirn und Augen und sagte:

»Lieber Onkel, was hat sie gesagt? was haben wir gehört? was ist das nur?«

»Das ist die Christusliebe in einem reinen Herzen,« entgegnete Levin.

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