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Maria Regina. Erster Band

Ida von Hahn-Hahn: Maria Regina. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
titleMaria Regina. Erster Band
publisherVerlag von J. Habbel.
seriesIda Gräfin Hahn-Hahn ? Gesammelte Werke
volume1. Serie: 1. Band
correctorreuters@abc.de
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Präludien.

»Wie gefällt Ihnen denn eigentlich Regina, bester Onkel,« sagte Damian, nachdem er jenes Gespräch mit seiner Tochter gehabt hatte. »Sie ist jetzt vierzehn Tage hier, da kann man schon ein Urteil über sie haben.«

»Ich denke, ihre gute Mutter würde eine innige Freude an ihr haben,« versetzte Levin.

»Und ihr guter Vater?« fragte Damian.

»Nun, ihr guter Vater hat diese Freude doppelt,« entgegnete Levin lächelnd, »für sich und für die Mutter.«

»Ich gestehe Ihnen, daß ich etwas ganz anderes von der Klostererziehung erwartet hatte! Regina macht mir durchaus nicht den Eindruck eines unterwürfigen Charakters, einer fügsamen Seele. Sie ist sehr schön, sie hat sehr viel Verstand, sie hat eine große Anmut des Benehmens; aber ihre innere Entschiedenheit mißfällt mir. Ich fürchte, sie hat wenig Neigung zum Gehorsam.«

»Sie sucht doch alle Deine Wünsche buchstäblich und mit großer, zuvorkommender Bereitwilligkeit zu erfüllen.«

»Das ist richtig – aber! aber! sie hat einen Willen!«

»Du wirst doch nicht wünschen, daß sie ein Automat sei?«

»Unter Umständen könnte ich es wünschen! Hat sie noch nicht mit Ihnen über ihre Klosterideen gesprochen?«

»Nicht eine Silbe! und ich bitte Dich, darauf kein großes Gewicht zu legen. Solche Idee hat manches junge Mädchen, ohne daß ein wahrer Beruf ihr zu Grunde liegt.«

»Glaub' es gern! nur fürchte ich, daß äußere Einflüsse sie in ihrer verkehrten Idee bestärken könnten und deshalb hab' ich beschlossen, sie mit Uriel zu verloben, sobald er kommt, und das wird ja in den nächsten Tagen geschehen.«

»Bester Damian, das ist gefährlich! Uriel und Regina haben sich in fünf Jahren nicht gesehen, sind als Geschwister aufgewachsen und haben vielleicht nicht die mindeste Neigung für einander.«

»O die findet sich! Ich will auch nicht mit der Türe ins Haus fallen, sondern nur, wenn sie einige Wochen traulich miteinander gelebt haben, ihnen zu verstehen geben, was ich wünsche. Überdas ist Regina ein Mädchen, in das man sich leicht verlieben kann; bemerkt aber ein Mädchen, daß sie eine Neigung weckt, so erwidert sie dieselbe. Das liegt in der weiblichen Natur und darauf baue ich meine Hoffnung: Uriel muß sich verlieben und die Klosterideen bekämpfen; ich werde sie unberücksichtigt lassen.«

»Das ist die klügste Taktik,« sagt Levin einstimmend.

»Sie wünschen also nicht, daß Regina ins Kloster gehe?« fragte der Graf etwas verwundert. »Ich dachte, Ordensleute und Priester hätten dafür eine besondere Liebhaberei.«

»Hoffentlich,« entgegnete Levin lächelnd, »ist ihre größte Liebhaberei die, daß die Ehre Gottes und das Heil der Seelen in größtmöglichster Vollkommenheit gefördert werde. Wo aber kein Beruf zum geistlichen Stande ist, geschieht von beidem das Gegenteil.«

»Ach, Onkel Levin! Sie sind ein prächtiger Mann!« sagte der Graf erheitert und klopfte ihm freundlich auf die Achsel; »bei Ihnen wird Regina nicht in ihren Träumereien Unterstützung finden, und wahren Beruf zum Ordensstande kann sie ja unmöglich haben. Das sind Schwärmereien junger Mädchen und es beruhigt mich sehr, daß sie gar nicht mit Ihnen darüber gesprochen hat. Gewiß scheut Sie Ihren klaren Blick in dergleichen Angelegenheiten.«

Regina saß während dieses Gespräches in einer von dichten Schlingpflanzen umrankten Veranda am Strickrahmen und stickte zierlich auf einem schweren, weißen Seidenstoff mit Goldfäden eine Guirlande von Reben und Ähren, die sich um ein Dorngewinde schlang. Ihr Vater hatte wohl recht zu sagen, sie sei sehr schön. Ihre feinen edlen Züge waren beseelt durch einen Ausdruck von lieblicher Kindlichkeit und von hohem Ernst, wie man ihn bei den Heiligen und Engeln der alten florentinischen Maler findet. Unter ihrer zarten, durchsichtigen Stirn zogen sich ihre dunklen Augenbrauen fest und gerade mit großer Entschiedenheit hin, während ihr klares, glänzendes, graues Auge einen ungemein seelenvollen Blick hatte, wenn sie ihre langen, schwarzen Wimpern langsam aufhob. Es lag ein namenloser Friede, eine gänzliche Unberührtheit von der Welt auf ihrer ganzen Erscheinung. Sie stickte emsig und summte dabei, wie junge Mädchen zu tun pflegen, eine Melodie vor sich hin, die sehr fröhlich klang. Zuweilen stützte sie aber den Arm auf den Stickrahmen und den Kopf auf die Hand, blickte hinüber nach Kloster Engelberg und ging aus dem leisen Summen in ein helles, wunderliebliches Singen der zwei Worte »Venite, adoremus!« über. Es lag in der Melodie ein Frohlocken, das kein Ende der Freude kennt und in welches Regina's ganze Seele einstimmte. Dann arbeitete sie weiter. Als sie Männerschritte auf dem Kieswege hörte, der zur Veranda führte, verstummte sie. Levin war nachdenkend über sein Gespräch mit dem Grafen in den Garten gegangen. Auch er hatte sich von jeher mit dem Gedanken vertraut gemacht, Uriel und Regina würden ein Paar werden. Die Äußerungen des Grafen über Regina beunruhigten ihn, obwohl er, Damian gegenüber, die Sache unwichtig genommen hatte, um ihn nicht aufzuregen. Hatte Regina wirklich einen Lebensplan entworfen, welcher mit dem ihres Vaters nicht übereinstimmte, welchen Stürmen ging sie dann entgegen. Und war es denn etwas Unmögliches, daß sie, die Tochter einer so frommen Mutter und ein Kind des Gebetes, andere Wege ginge, als den der Welt? Er trat in die Veranda und sagte liebreich:

»Du singst ja wie eine Lerche so fröhlich, Regina.«

Sie stand schnell auf, stellte einen Gartenstuhl für ihn neben ihren Stickrahmen und sagte aus vollem Herzen: »Ich bin auch froh, lieber Onkel! Wenn die Lerche schon so fröhlich singt, weil sie zum blauen Himmel auffliegen kann, wie müssen wir dann so viel tausendmal fröhlicher sein, weil uns ein Himmel erwartet, der tausendmal schöner ist, als der Äther um unseren Erdball.«

»Denkst Du, junges Kind, schon an den Tod?« fragte er.

»O nein!« sagte sie unbefangen; »nur an das ewige Leben.«

Mit unsäglicher Liebe ruhte sein Blick auf ihr, während er ruhig sagte: »Ich wundere mich, Regina, daß Du Dich so leicht in die Trennung von den guten Damen vom Sacré Coeur findest, bei denen Du es so gut hattest.«

»Ich hab' es auch hier sehr gut, und so lieb ich die Damen habe und so innigen Dank ich ihnen schuldig bin, so weiß ich ja doch, daß es nicht meine Bestimmung ist, bei ihnen zu bleiben; das erleichtert mir die Trennung.«

»Du bist ja ungemein verständig,« sagte er scherzend.

»Hab' ich denn nicht meinen Vater hier?« fuhr sie fort, »und Dich hier, mein lieber Onkel? und da in Engelberg das Grab meiner Mutter, über dem die Mutter Gottes Wache hält? Tante Isabelle ist auch sehr gütig für mich und Corona ist mit ganzem Herzen hier. Wie könnte ich wohl unzufrieden sein!«

»Die Vettern kommen auch nächstens; dann wird es munter werden, und der Winter noch munterer, da Dein Vater ihn in Frankfurt zubringen will.«

Es flog ein Schatten von Traurigkeit über Regina's Antlitz, als sie erwiderte: »Ich freue mich sehr, meine Vettern wieder zu sehen; aber auf einen Winter, gleichviel in welcher Stadt, freue ich mich gar nicht.«

»Das kommt daher, weil Dir ein solches Leben ungewohnt ist. Bald wird es Dir gefallen.«

Sie schlug ihre Augen groß zu ihm auf und fragte:

»Hat es Dir je gefallen, lieber Onkel Levin?«

»Mir, mein Kind!« rief er lächelnd. »Aber Du weißt ja, daß der Geistliche an den sogenannten Freuden der Welt nicht Teil zu nehmen pflegt und daß ich seit meinem achtzehnten Jahre geistlich bin. In Worms, wo ich ein paar Jahre Domherr war, hatte ich übergenug Beschäftigung mit theologischen Studien, und als ich nach Auflösung des Stiftes hierher zu meiner armen kranken Mutter zurückkehrte, fand ich ein Sterbebett – aber keine Weltfreuden. Später, zur Zeit meines Bruders Matthias, Deines Großvaters, ging es hier freilich außerordentlich lustig her. Allein ich war schon bei dreißig Jahren ein solcher Brummbär geworden, daß ich gar keine Neigung für diese Art von Lustigkeit und Weltfreuden hatte!«

Regina ergriff seine Hand, küßte sie zärtlich und sagte: »Was Du geworden bist, Onkel Levin, das wissen wir besser als Du.«

Die schmetternden Töne eines Posthorns hatten sich schon in der Ferne hören lassen; jetzt erklangen in der Nähe die gellenden Dissonanzen. Corona flog atemlos in die Veranda und rief froh in die Hände klatschend und gleich wieder davonspringend:

»Sie kommen! eben kommen die Vettern an! Papa läßt Dich rufen, Regina.«

Regina bedeckte sorgfältig ihren Stickrahmen, nahm Levin unter den Arm und sagte lächelnd:

»Ich werde die Buben gar nicht mehr kennen! sie sind in den fünf Jahren ja sämtlich junge Herren geworden.«

Als sie in den Saal traten, herrschte darin ein ungeheures Getümmel. Der Graf, vier junge Männer, Tante Isabelle und Corona sprachen alle auf einmal. Fragen, Antworten, Begrüßungen durcheinander. Ein riesenhafter Neufundländer hatte die allgemeine Freude benutzt, um mit einzudringen in den Saal und durch leises Freudengeheul seine alten Kameraden zu begrüßen und bald an diesen, bald an jenen hinan zu springen. Hyacinth hatte seinen Mops mitgebracht, der ohne Umstände im Saal erschien und höchst ungnädig von Amour empfangen wurde, welcher sich allein für salonberechtigt hielt und es in ruhigen Zeiten auch war. Ihm mißfiel diese revolutionäre Bewegung, die ihn vielleicht seines Polsters beraubte und er kläffte zänkisch gegen den Mops, während der Arras mit seinem betäubenden Geräusch alle anderen Stimmen von Menschen und Tieren übertäubte.

»Ah, Onkel Levin!« rief plötzlich in dem Wirrwarr eine klingende Stimme und einer der Jünglinge brach sich Bahn und küßte zärtlich Levins Hand.

»Grüß Dich Gott, Uriel,« sagte Levin.

»Du bist also Uriel?« fragte Regina freundlich. »Ich muß Euch sämtlich der Reihe nach wieder kennen lernen.«

»Aber wir sämtlich kennen Dich, Regina,« sagte Uriel.

Sie gab ihm die Hand; auch an Orestes, auch an Florentin; als sie sich aber zu Hyacinth wendete, nahm sie seine Hand zwischen die ihren und drückte sie innig und sagte:

»O Hyazinth, mein lieber Hyazinth! Dich kenne ich am besten! wir waren ja immer zusammen bei der lieben seligen Mutter.«

Der Graf beobachtete Regina mit einer fast ängstlichen Spannung. Nichts wäre ihm erwünschter gewesen, als in Reginen »den zündenden Funken der Liebe« zu Uriel wahrzunehmen, von dem zuweilen in Romanen gesprochen wird. Das war aber unmöglich! sie hielt sich entschieden am meisten zu Hyacinth, der nur ein Jahr älter als sie und früher ihr unzertrennlicher Gefährte gewesen war. Allmählig legten sich die Wogen der Aufregung, welche mit einem Wiedersehen nach langer Trennung verbunden sind, und der Graf sagte:

»Nun, meine Buben, tut und treibt, was Ihr wollt und amüsiert Euch. Den Weg zum Pferdestall kennt Ihr und zur Gewehrkammer auch. Die Hühnerjagd floriert! Bei jedem Schritte durch die Felder knattert eine Kette Rebhühner wie eine lebendige Rakete in die Höhe.«

»Als ob ich's geahnt hätte!« rief Orest, ein wütender Jäger. »Vor acht Tagen erst kaufte ich einen famosen Hund, um schweres Geld freilich! aber er ist's wert, der Nimrod! dressiert wie ein preußischer Soldat! der soll uns gute Dienste tun.« »Und in acht Tagen,« fuhr der Graf fort, »haben wir einen Ball. Dann ist Reginens Namens- und Geburtstag, und den wollen wir endlich einmal wieder feiern und uns freuen, daß wir beisammen sind.«

»Tanzest Du gern, Regina?« fragte Uriel.

»Nein!« sagte sie sanft und fest.

»Frage sie doch nicht, Uriel,« rief der Graf; »darauf kann sie Dir nicht antworten, denn sie hat ja noch nie einen Ball erlebt.«

»Und im Kloster zu tanzen, das mag nicht sehr amüsant sein,« bemerkte Florentin.

»Im Kloster wird überhaupt nicht getanzt, lieber Florentin,« entgegnete Regina. »Im Pensionat bekommen die Zöglinge Tanzunterricht so gut wie jeden anderen.«

»Nun, daß der himmelweit verschieden von einem Ball ist, versteht sich von selbst und folglich hat Regina kein Urteil über den Tanz,« sagte der Graf entscheidend.

»Vielleicht lern' ich es noch, lieber Vater,« entgegnete Regina. »Mit meinen Fortschritten im Reiten bist Du ja nicht unzufrieden.«

»Bravissimo! Du reitest, Regina? – allen Respekt!« rief Orest. »Tanzen kann jede junge Dame. So gottverlassen ist keine, um nicht einigermaßen gut zu tanzen; aber reiten ....«

»Reiten ist für eine junge Dame ein übernatürliches Talent,« warf Florentin hin.

»Vielleicht weißt Du auch mit dem Gewehr umzugehen?« fragte Orest; »oder doch wenigstens mit Pistolen?«

»Warum nicht gar mit der Cigarre,« sagte Uriel unmutig.

»Ich sehe schon, daß meine Erziehung sehr vernachlässigt ist,« erwiderte Regina munter.

»Die Cigarre ist vor der Hand zu viel der Vollkommenheit,« fuhr Orest fort. »Wir müssen erst sehen, ob Du im Stande bist, die Allüren einer Lionne anzunehmen.«

»Einer Löwin!« rief Corona entsetzt und schlug ihre Hände zusammen. »Regina ... und eine Löwin!«

»Kinder, Ihr seid aber wirklich schlecht erzogen,« fuhr Orest fort; »nun wißt Ihr nicht einmal, daß eine Lionne keine Löwin ist ...«

»Sondern was denn?« fragte Corona gespannt.

»Orest! besinne Dich auf die Antwort!« rief ihm Uriel zu, dem des Bruders burschikoser Ton mit den Cousinen höchst unangenehm war.

»Brauch mich gar nicht zu besinnen,« erwiderte Orest, »ist weltbekannt – ausgenommen im Sacré Coeur. Der modische Kunstausdruck für eine etwas exzentrische, brillante, hyperelegante, durch allerlei liebenswürdige Torheiten berühmte Frau – ist Lionne. Verstehst Du jetzt, Corona?«

»Nein!« sagte die Kleine treuherzig.

Der Graf belustigte sich über allemaßen an diesen Gesprächen. Levin legte die Hand auf Coronas lockiges Haar und sagte zu ihr:

»Wer viele Vettern hat, muß viele Neckereien aushalten, Corona. Du kannst Dich jetzt in der Geduld üben.«

»Ich werde suchen, mich zu wehren, Onkel Levin,« versetzte sie unverzagt.

»Brav, Corona!« rief Orest, »aus Dir kann vielleicht eine Lionne werden.«

»Dann hüte Dich vor mir!« rief sie.

Seit langer Zeit war es auf Windeck nicht so lustig hergegangen, wie eben jetzt. In dem allgemeinen Rausch von Vergnügen und Wohlbehagen, blieben nur Onkel Levin und Regina im gewohnten Gleichmute. Regina tat und trieb, was die übrigen taten und trieben. Man wollte spazieren reiten – sie ritt mit; auf dem Wasser fahren – sie fuhr mit; Billard spielen – sie spielte mit. Sie war zu allen diesen Dingen freundlich bereit; aber sie ließ sich keinen Augenblick aus ihrem inneren Gleichgewichte bringen. In der stillen Morgenfrühe, ehe irgend einer von den Dienstboten sichtbar war, stand sie schon auf und eilte in die Kapelle, die einzige Stätte des Schlosses, die einsam blieb und wo nur der Unterschied gegen sonst stattfand, daß Hyazinth sehr andächtig dem Onkel Levin bei der Feier des heiligen Meßopfers diente. Im Laufe des Tages wußte sie immer ein paar Stunden zu finden, um sich unbemerkt zurückzuziehen. Dann schlüpfte sie auf ihr Zimmer, las, musizierte oder nahm ihren Hut und besuchte kranke und arme Leute, wie sie das früher mit ihrer Mutter getan hatte. Ihr Vater beobachtete sie mit der höchsten Spannung; es war ihm unmöglich, etwas Tadelnswertes an ihr zu bemerken. Sie benimmt sich perfekt, murmelte er zuweilen bei sich selbst; nur scheint sie kein Herz zu haben, und das ist doch ein großer Fehler! Auch keine Augen hat sie! sonst müßte sie doch gewahr werden, daß Uriel nur für sie Augen hat. Welch ein Kreuz sind doch die Töchter! man wird nie aus ihnen klug! im Grunde freilich – aus keiner Frau. »Ist Uriel nicht ganz geschaffen, um einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen?« fragte er einmal Levin.

»Je nachdem der Kopf ist!« antwortete dieser lachend.

Uriel war in der Tat ein herrlich begabter Mensch voll Adel der Gesinnung, Kraft des Charakters und hellem Verstande, noch nicht ganz abgeklärt in den innersten Tiefen seines Wesens, noch etwas übermannt von der chaotischen Bildung der Zeit; ganz verschieden von Orest, der um ein Jahr jünger, aber schon ganz weltfertig in seiner Richtung und sehr entschlossen war, sich das Leben nicht verkümmern zu lassen. Uriel war nichts weniger als befreundet mit Florentin, dessen skeptischer und negierender Verstand in der Schule moderner Aufklärungswissenschaft sein Element gefunden hatte. Orest hatte sich nicht sehr mit den Studien befaßt; umso williger ging er auf die Ansichten ein, die sich bei Florentin entwickelt hatten und die er ungemein bequem für das Leben fand, ausgenommen einen Punkt. Florentin bezeichnete kurz und bündig seinen Standpunkt so: In der Religion – Protestantismus; in der Philosophie – Radikalismus; in den Rechts- und Naturwissenschaften – Empirismus; in den allgemeinen Weltverhältnissen – Sozialismus. Zu diesem letzten Punkte vermochte Orest sich nicht zu erheben. Die Herrschaft Stamberg war das Bleigewicht, welches seinen Schwung lähmte. Wenn es an den Sozialismus ging, sprang er ab. Florentin hatte ihm hundertmal bewiesen, das sei unlogisch; untergrabe man das Fundament eines Hauses, so stürzten Mauern und Dach ein, und es sei unmöglich, auch nur einen Dachziegel schwebend in der Luft zu erhalten. Man müsse nur den wahren Sachverhalt allen Gefühlsnebeln entrücken, die Dinge bei ihrem wirklichen Namen nennen, und die Empfindsamkeitsverbrämungen bei Seite schieben. Die Verwerfung der Autorität der Kirche im sechzehnten Jahrhundert sei der erste Akt der Mündigkeit des Menschengeistes und eine Verwerfung derjenigen Lehre gewesen, welche unter dem Namen Christentum von herrschsüchtigen und heuchlerischen Pfaffen ersonnen und gehandhabt, während anderthalb Jahrtausenden die Menschheit in krasser Stupidität erhalten habe. Damit sei selbstverständlich der Christengott über Bord geworfen, dessen Stellvertreterin und Lehrorgan die Kirche zu sein behauptet habe. Sie und ihr Oberhaupt, der Papst, wurden als Lügner gebrandmarkt. Da nun seit anderthalb Jahrtausenden von dieser alten Lügnerin jede Autorität auf jedes Gebiet des Lebens im Namen Gottes übertragen worden sei, so habe ganz folgerichtig jede Autorität durch ihren Sturz einen tötlichen Schlag auf's Herz bekommen, ob zwar bornierte Köpfe gewähnt hatten, es sei nur auf den römischen Papst abgesehen gewesen und der König auf seinem Throne, der Prediger auf seiner Kanzel, der Magister auf seinem Katheder, der Familienvater hinter seinem Ofen, der Besitzer mit seinem Geldsack übten vor wie nach ihre alte Autorität. Kindischer Wahn! Der Individualismus habe sich nicht von seiner anderthalbtausendjährigen Knechtschaft erhoben, um nur auf religiösem Gebiet eine heilsame Revolution zu machen und dann wieder schlafen zu gehen. O mit nichten! er pflanze das revolutionäre Banner mit demselben Recht auf dem politischen und sozialen Boden auf und werde auch dort unfehlbar denselben siegreichen Erfolg haben, denn der Individualismus sei die echte Religion jedes Menschen, das Grundgesetz seiner Natur, das Ziel seiner Entwicklung, die Richtschnur seines Willens. Durch ihn gelange die Menschheit zu ihrer eigentlichen Bestimmung: zu einer erhabenen Freiheit, die keine äußerlich gegebene, sondern nur eine selbstgewählte Schranke anerkenne. So lange noch von außen aufgezwungene Schranken des alten Herkommens, der alten Gesetze, der alten Familien- und bürgerlichen Einrichtungen existierten, sei die Menschheit verkümmert in ihrem Recht und in ihrer Größe, denn innerhalb derselben reibe sich das Individuum wie ein Sklave an seiner Kette wund und werde verhindert, die selbsteigen gewählte Schranke sich zu setzen. Wer nur einen Funken von Liebe zur Menschheit habe, müsse den Sturz der alten Knechtschaft in den bestehenden Verhältnissen fördern helfen und an der Zertrümmerung der Traditionen von Religion, von historischem Recht, von Familie, von Eigentum aus allen Kräften arbeiten.

Zu dieser Höhe nun, die für Florentins Denkweise ganz folgerichtig ist, vermochte Orest nicht sich zu erschwingen. Er blieb unerschütterlich bei seiner Behauptung: der Sozialismus streite wider den gesunden Menschenverstand; wogegen denn Florentin behauptete, der Menschenverstand von heutzutage sei so krankhaft borniert durch Vorurteile, daß er nicht wagen dürfe, sich Gesundheit zu vindizieren. »Findest Du aber in der Tat, daß der Sozialismus gegen den gefunden Menschenverstand streitet,« setzte Florentin hinzu, »so mußt Du auch dasselbe vom Protestantismus behaupten, denn, wie der Stamm, so der Ast. Dann verfällst Du der römischen Finsternis, aber Du bist doch wenigstens konsequent.« Orest hatte allerdings antworten können, daß der Protestantismus den gesunden Menschenverstand wider sich habe, sobald es sich darum handle, eine allgemeine Kirche zu stiften; denn der gesunde Menschenverstand ist positiv, verlangt Positives und läßt sich nicht abspeisen mit der Verneinung. Bevor er sich dazu versteht, muß er kränkeln durch Einfluß der Leidenschaften, die ihn blenden und verwirren, und durch Unwissenheit, die ihn angemessener Nahrung beraubt. Aber Orest wollte durchaus nicht mit Florentin disputieren, dessen Ansichten ihm soweit zusagten, als sie für seine persönliche Theorie des Individualismus paßten; die genügte ihm. Um Religionslehren kümmerte er sich nicht. Er legte sie so ziemlich bei Seite, indem er fand, daß der Vorrat, den er in seiner Kindheit eingesammelt habe, übergroß sei.

Uriel stimmte weder mit ihm noch mit Florentin zusammen und hielt den Einfluß für schädlich, den Florentin auf Orest übte. Er war froh, daß ihre Wege fortan sich trennten; Orest wollte die militärische Laufbahn beginnen und Florentin seine medizinischen Studien fortsetzen, um dann praktischer Arzt zu werden und – womöglich! als Privatdozent an einer Universität den akademischen Lehrstuhl zu besteigen, um zur Bildung der Menschheit für den Sozialismus aufs kräftigste zu wirken. Es waren die gährenden Zeiten des Jahres 1847, voll der Schwüle, der Unruhe, der Beklommenheit in der geistigen Atmosphäre und der fieberhaften Spannung und Aufregung in den Gemütern, welche dem herannahenden moralischen Erdbeben vorangingen. Lehrstuhl und Journalismus beherrschten despotisch die freiheitsdurstige Welt, jener den werdenden, dieser den fertigen Staatsbürger, welche mit bewundernswerter Kindlichkeit und mit unverwüstlicher Zuversicht an der Unfehlbarkeit ihrer Stimmführer hingen, blind dem Anstoß folgend und die Richtung einschlagend, welche diese angaben. Es ging der großen Menge genau so, wie dem guten Orest: es war ihr gar nicht unlieb, etwas Revolution zu machen gegen Kirche und Könige, gegen Religion und Gesetze; in dem allen war ja so viel Mißbrauch, Verkehrtheit, Einseitigkeit, Tyrannei, daß das Kind in der Wiege es einsehen mußte, und daß nur der ein Ehrenmann sein konnte, der zur Opposition gehörte. Ein wenig antichristlich ging es Wohl dabei zu. Das hatte aber gar nichts zu sagen. Die großen edlen Männer der Opposition beabsichtigten ja nur den Fortschritt, keineswegs einen radikalen Umsturz, und zum Fortschritt gehörte das positive Christentum durchaus nicht, sondern statt dessen eine größere Dosis Aufklärung, die dann den Menschen ganz von selbst äußerst vortrefflich und glücklich machen würde. Wenn man gut wüßte, würde man gut sein: zu dem Punkte der Bildung hatte sich die Menschheit erhoben; das durfte niemand bezweifeln; das wäre ein Majestätsverbrechen an der Menschheit gewesen und vor einem solchen schauderte man. War es aber gegen einen Fürsten gerichtet, so blieb man gelassen. Daß aber hinter den großen, edlen Männern der Opposition andere standen, die noch größer und edler waren, weil sie eine noch umfassendere Opposition machten und ein noch erhabeneres Ziel erstrebten, nämlich radikalen Umsturz und darauf radikalen Neubau der menschlichen Vergesellschaftung: das wurde die große Menge nicht gewahr. Kamen ihr Schriften in diesem Sinne vor Augen, so belächelte sie die vereinzelte Uebertreibung oder beklagte die vereinzelte Begriffsverwirrung eines Fanatikers des Fortschrittes, gerade so, wie Orest bei der letzten Konsequenz von Florentins Theorie behauptete: diese und nur diese habe den gesunden Menschenverstand wider sich, weil ja doch unmöglich Revolution gegen den Fideikommisbesitzer von Stamberg gut zu heißen sei. Auf dieser Höhe stand die, große Menge, daß jeder Einzelne dachte, wenn auch nicht sagte: revolutioniert gegen wen ihr wollt, nur nicht gegen mich.


Nicht ganz so tolerant war Graf Damian. Die Fahne der Freiheit wünschte er nur gegen die Übergriffe der Kirche, wie er sich ausdrückte, aufgepflanzt zu sehen und im übrigen möge es beim Alten bleiben, Preßfreiheit, Lehrfreiheit, allgemeine Volksvertretung schienen ihm überflüssig, da ja das Volk unmöglich diese Massen von Freiheiten genießen könne.

»Aber die Freiheit muß es haben, am Sonntage zu arbeiten, statt in die Messe zu gehen,« setzte er hinzu, »denn davon hängt manchmal seine Existenz ab.«

Es war Abend. Die Familie war versammelt man las Zeitungen und diskutierte. Regina mischte sich höchst selten ins Gespräch, welches sich meistens um Gegenstände bewegte, die ihr fremd waren. Nur Angriffe gegen die Kirche suchte sie zu beseitigen So antwortete sie mit ihrer lieblichen Stimme:

»Der Mensch lebt nicht vom Brod allein.«

»Sehr wahr, Regina!« rief Orest; »es bedarf auch Beafsteak, Austern und Côte rotie.«

»Seit einer Stunde sitzest Du hier, als hättest Du die Sprache verloren,« sagte der Graf – »und plötzlich ein Orakelspruch? Woher hast Du ihn?«

»Aus dem Evangelium, lieber Vater. Christus weist damit den Versucher ab; und ist das nicht eine sehr passende Antwort für alle, welchen die Versuchung nahe tritt, den Sonntag durch knechtliche Arbeit zu entheiligen?«

»Das Evangelium hat keine Glaubwürdigkeit mehr vor der modernen Kritik,« wendete Florentin ein.

»Das heißt,« sagte Uriel erklärend – denn Regina sah erstaunt Florentin an – »ein gelehrter Herr hat die historische Tatsache, daß Christus gelebt und gelehrt hat, zu einer Mythe entgeistet, und diese hat bei einigen Leuten, zu denen auch Florentin gehört, Beifall gefunden. Das Evangelium gilt ihm für ein Menschenmachwerk, vielleicht in böser und gewiß in beschränkter Absicht zusammengesetzt, und er verwirft es.«

»Wie seltsam das ist,« sagte Regina, »lieber an einen Gelehrten zu glauben, als an die vom Sohne Gottes offenbarte ewige Wahrheit.«

»Jener Gelehrte,« erwiderte Florentin, »ist nur deshalb glaubwürdig für mich, weil er das Bewußtsein einer Menschheit ausspricht, die nach achtzehn Jahrhunderten Wohl das Recht hat, Windeln abzuschütteln, welche ihren Fortschritt immer gelähmt haben und jetzt im grellen Widerspruch mit ihren Bedürfnissen und Bestrebungen sind.«

»Wäre die Menschheit wirklich im Widerspruch mit dem Evangelium, was ich aber durchaus nicht annehme,« sagte Regina, »so wäre sie im Rückschritt und nicht im Fortschritt begriffen, und müßte geschwind umkehren.«

»Die Menschheit ist nicht im Widerspruch mit dem Evangelium,« sagte Uriel; »aber das Böse in jedem einzelnen Menschen sträubt sich, das Evangelium als eine göttliche Wahrheit anzuerkennen, um nicht von derselben gerichtet zu werden. Das Böse wähnt, es sei genug, die göttliche Wahrheit zu läugnen, damit sie auch in der Tat untergehe, und wenn die schlimmen Leidenschaften ein recht arges Getöse machen, so wähnt man triumphierend, die Wahrheit sei stumm und dumm geworden«.

»Wäre das Evangelium, wie man sonst sagte, das Wort Gottes,« entgegnete Florentin, »so müßte es sich notwendiger Weise ein Organ gebildet haben, das seiner Erhabenheit entspräche.«

»Nun, das ist die lehrende Kirche, der unter dem Beistande des heiligen Geistes die Unfehlbarkeit zugesichert ist,« erwiderte Regina.

»Unfehlbar? der sündhafte Priester?« rief FIorentin mit schneidender Bitterkeit.

»Sie sollten wissen,« entgegnete Regina kalt und hoch, »daß die Unfehlbarkeit der Lehre verheißen ist und dem Priester nur insofern, als er sie verkündet. Wissen Sie das aber nicht, so sollten Sie über die Kirche schweigen.«

»Mein Gott,« sagte der Graf halb gähnend zur Baronin Isabelle, »welch' eine Jugend umgibt uns! lauter Doktoren der Theologie und Professoren der Moral! Du aber, mein lieber Florentin, kannst aus dieser Diskussion auch eine Sorte von ewiger Wahrheit entnehmen, nämlich die: daß die Damen immer Recht behalten. Übrigens, meine Kinder, bitte ich recht sehr, solche Gespräche nicht in Onkel Levins Gegenwart auf's Tapet zu bringen. Zum Glück betet er jetzt sein Brevier in der Kapelle! er würde sich vielleicht etwas alterieren; er ist nicht à la hauteur der modernen Ansichten, die ja übrigens, wie ich hoffe, die Rechtschaffenheit des Charakters und die Geradheit der Gesinnung nicht im mindesten beeinträchtigen! Nicht wahr, Florentin?«

»Nicht im mindesten,« versicherte Florentin, »und deshalb müssen sich Alle in dem heißen Wunsch begegnen, den Georg Forster aussprach, indem er sagte: »Wann wird es doch dahin kommen, daß Menschen einsehen lernen, die Quelle der edelsten, erhabensten Handlungen, deren wir fähig sein können, habe nichts mit den Begriffen zu tun, die wir uns vom lieben Herrgott und vom Leben nach dem Tode machen!« Denn wer daran festhält, gerät mit der ganzen Zeitrichtung in Widerspruch; sie will die Tugend üben um ihrer selbst willen, nicht aus sklavischer Furcht oder aus kaufmännischer Spekulation, die sich im Jenseits ihren Wechsel zahlen läßt.«

»Wer war Georg Forster?« fragte Regina.

»Ein Weltumsegler, Naturforscher und Revolutionär,« sagte Uriel mit leichtem Spott; »also ein dreifach großer Mann.«

»Ein begeisterter Liebhaber der Freiheit,« sagte Florentin.

»Wie konnte er das sein, wenn er von Gott nichts wissen wollte!« rief Regina. »Christus hat gesagt: »Die Wahrheit wird euch frei machen;« und: »Ich bin die Wahrheit, der Weg und das Leben.«

»Die Urwahrheit wird uns allerdings frei machen,« antwortete Florentin; »nur nicht die geoffenbarte Wahrheit, wie man sie zu nennen Pflegt; sondern die Erkenntnis, daß die Freiheit das Erbgut jedes Menschen ist und in der Verwerfung fremder, aufgedrungener Autorität besteht. Mit dieser Freiheit kommt jeder Mensch auf die Welt, und sie wird ihm später geraubt, indem man ihm eine verkehrte Erziehung gibt.«

»Es ist ganz unnütz, daß Du mit Florentin streitest,« sagte Uriel zu Regina. »Du gehst aus von der göttlichen Offenbarung, welche die Würde und das Glück des Menschen in seine sittliche Freiheit, in seine freiwillige Anerkennung göttlicher Autorität setzt; und Florentin geht aus von einem natürlichen Gesetz in der ungezügelten Menschheit, welche ihren Launen, ihren Bedürfnissen, ihren Leidenschaften und Ansichten nachlebt und gehorcht, und einen Zustand der Barbarei, d. h. gänzlicher Ungebundenheit, zum Ideal menschlicher Würde und menschlichen Glückes macht.«

»Der langen Rede kurzer Sinn ist dieser,« rief Orest: »Regina spricht mittelalterlichdeutsch und Florentin jungdeutsch; und dabei hat er den ungeheuern Vorteil, daß man ihn viel besser versteht. Deshalb sind die Sympathien der modernen Zeit für ihn.«

»Denn man weiß sehr gut,« setzte Florentin hinzu, »daß ein Rückschritt in Barbarei nicht von denen zu fürchten sei, welche den Fortschritt der Menschheit im Auge haben und deshalb den hemmenden Wust vermorschter Autoritäten bei Seite räumen.«

»Aber mit Maß, Florentin, mit Vorsicht und Maß,« rief der Graf. »Von vermorschten Autoritäten zu sprechen, beweist etwas zu wenig Um- und Rücksicht. Wir sprachen von den Übergriffen der Kirche – und basta! sonst werden wir demagogisch und räumen hinweg mit Dolch und Guillotine – was dann freilich etwas barbarisch ist – wie auch Du finden wirst, hoffe ich.«

»Sie sind allerdings höchst beklagenswerte Notwendigkeiten, welche der Widerstand gegen Freiheit und Wahrheit aber selbst hervorgerufen hat. Man muß hoffen, daß die nächste revolutionäre Bewegung in so begeistertem und großartigem Maßstab und so allgemein in ganz Europa stattfinden werde, daß Niemand an Widerstand denkt,« sagte Florentin pathetisch.

»Denn sonst müßte man leider! die Guillotine als Autorität einsetzen,« sagte Uriel.

»Lieber Schwager,« rief die Baronin Isabelle, »tun Sie doch diesen greulichen Gesprächen Einhalt, von denen man ganz nervenschwach wird.«

»Ei Tantchen,« sagte Orest, »man darf nicht mehr hypersentimental sein, seitdem der Hypersentimentalsten einer, der berühmte, bewunderte, gefeierte lyrische Dichter Lamartine, bei dessen poetischen Meditationen Du gewiß vor zwanzig Jahren süße Tränen der Rührung geweint hast, seitdem er in höchst interessanter Weise die tragische Notwendigkeit der Guillotine in seinen »Girondisten« dargestellt hat, und seitdem dies Buch einen so rasenden Beifall findet, daß es weniger gelesen, als verschlungen wird von Männern und Frauen, Jung und Alt, Vornehm und Gering, Aristokraten und Liberalen – und seitdem ich, sage ich! kein passionierter Leser, wahrhaftig! – es von Anfang bis zu Ende gelesen habe.«

»Da sieht man, wie unwiderstehlich die Wahrheit ist!« rief Florentin. »Sie ergreift sogar den Mann der Herzensempfindungen und Gefühlsschwärmereien, eröffnet ihm den grenzenlosen Horizont der neuen Ära – und er, berauscht und bezaubert, stimmt an das Lied von der Göttin Revolution und zieht Völker, und Nationen unwiderstehlich zu ihrer Huldigung nach sich.«

»Da gleicht er ja dem famosen Rattenfänger von Hameln,« fugte Uriel, »dem ganz unwiderstehlich die Kinder nachzogen.«

»Wo blieben die Kinder?« fragte Corona.

»Sie gingen unter, man weiß nicht wie«, sagte Uriel.

»Die großen Wahrheiten in der Weltgeschichte bereiten hingegen den Aufgang, nicht den Untergang der Völker,« erläuterte Florentin.

Hyazinth hatte bisher ganz eifrig mit Corona Schach gespielt und sie so eben durch »Matt!« erschreckt. Nun sagte er: »Heute hab' ich im heiligen Augustinus die Frage gelesen: »Warum wird die ewige Wahrheit der Offenbarung oft so gehaßt? und warum finden ihre Verkünder so viele Feinde?« Darauf antwortet der Heilige: »Weil der Mensch eine solche Neigung zur Wahrheit hat, daß er, was er auch lieben möge, immer behauptet, gerade das sei die Wahrheit, Weil niemand betrogen werden mag, so mag auch niemand eingestehen, daß er betrogen ward, und die Wahrheit wird gehaßt wegen des Gegenstandes, der statt ihrer geliebt wird.« So geht es Dir Wohl auch, Florentin, mit Deinen Revolutionsliebhabereien? Du liebst die Wahrheit, aber Du läßt Dich täuschen.«

»Nun, Regina, freut sich wohl Dein Herzchen, da Du von den Heiligen sprechen hörst,« sagte der Graf. »Aber woran denkst Du denn? Du bist ja mäuschenstill geworden!«

»Ich denke an den gekreuzigten Heiland,« sagte sie sanft.

»Erzähle uns etwas von Deinen Reisen, lieber Uriel,« nahm die Baronin das Wort; »aber etwas Freundliches, was uns ein angenehmes Bild vorführt und nicht aufregt.«

»In England und Schottland,« sagte Uriel, »gibt es eine Menge schöner Ruinen von Kirchen und Klöstern, die, wie bekannt, im Namen des reinen Evangeliums bei dem Abfall im sechszehnten Jahrhundert geplündert, zerstört und aufgehoben wurden. Lintern-Abbey, Melrose-Abbey sind allbekannt durch englische Stahlstiche, die freilich ihre romantische Schönheit durch einen gewissen modischen Anstrich abschwächen. In der Umgegend von Edinburg befindet sich eine Ruine, die an Großartigkeit zwar jenen nachsteht, aber äußerst anmutig zwischen grünbelaubten Hügeln liegt. Sie heißt Roßlyn Chapel. Ihre reiche Architektur nimmt sich in der Zerfallenheit eigentümlich melancholisch aus und trägt so recht das Gepräge eines verwüsteten Heiligtums. Auf einem Pfeiler dieser Kapelle stehen in lateinischer Sprache die Worte eingegraben: »Stark ist der Löwe; stärker der König; noch stärker das Weib; am stärksten die Wahrheit.« Sieh Regina, welch' ein Trost für Dich: bist Du im Bunde mit der Wahrheit, so trägst Du den Sieg davon.«

»Ach, an meinen Siegen liegt mir nichts!« entgegnete sie gleichgültig. Alles, was wie eine Huldigung klang, die ihr dargebracht wurde, verstand sie gar nicht; davor trat sie zurück in die Region der Kindheit.

»Das ist gewiß!« rief Florentin, »die Frauen haben bei der Lösung der sozialen Fragen im Geist des Fortschrittes ein ungeheures Interesse, und deshalb schließen sich auch die eminentesten unter ihnen, eine George Sand, eine Christina Belgiojoso, eine Fanny Wright, derselben als ihre Apostel an und verbreiten sie durch Schrift und Wort, durch Lehre und Leben. Unter welchem dreifachen Druck, dreifach gelähmt im Geist, im Herzen, in ihrer Stellung zur Welt, schmachten die Frauen, so lange die Religion der Vergangenheit, d. h. der kirchliche Glaube, und die daraus entspringenden Institutionen der Ehe und des Privateigentums, aufrecht gehalten werden.«

»Florentin, ich glaube. Du bist berauscht!« rief der Graf verblüfft. »Wir wollen es zu Deiner Entschuldigung annehmen.«

»Ich spreche von Tatsachen,« entgegnete Florentin unverzagt, »indem ich sage, was die ganze Welt weiß und die halbe bewundert: daß Frauen von genialischem Kopf und großen Herzen das Banner des Fortschrittes nicht nur frohlockend begrüßen, sondern in ihren schönen Händen weiter tragen. Ist das nicht Glück und Ehre, Regina, die Fahne der Wahrheit im Kampf gegen die Lüge zu schwingen?«

»Ich habe nie etwas von diesen Frauen und ihrem Tun und Treiben gehört, denke aber, daß jener Ausspruch des heiligen Augustinus auf sie anzuwenden sei: sie lieben etwas ganz anderes als die Wahrheit und sind davon so eingenommen und verblendet, daß sie behaupten, gerade das, was sie lieben, sei die Wahrheit, denn« .... –

»O Regina!« rief Orest und klatschte ganz entzückt in die Hände; »wie hast Du den Nagel aus den Kopf getroffen! O Regina! Du bist ja klug, wie .... wie« .... –

»Wie die Unschuld!« ergänzte Uriel.

»Denn,« fuhr Regina ungestört fort, haben diese Frauen wirklich Kopf und Herz, wie Sie behaupten, Florentin, so haben sie beides doch nicht auf dem rechten Fleck, und das ist immer die Folge der Betörung durch Leidenschaften.«

»George Sand nicht Kopf und Herz auf dem rechten Fleck!« rief Florentin achselzuckend.

»Um Namen kümmere ich mich nicht,« entgegnete Regina; »sie heiße A oder Z! Aber ich kann nicht glauben, daß eine Frau von Kopf und Herz, ohne Verblendung durch Leidenschaften, freiwillig die himmlische Sphäre der Offenbarung verlasse, um sich ich weiß nicht in welcher Niedrigkeit zu ergehen. Nein in Ewigkeit glaub' ich das nicht.«

»Die Sache der Menschheit nennen Sie niedrig!« brach Florentin aus.

»Niedrig nenne ich, was sich von Gott abgelöst hat, und das tut die Selbstvergötterung.«

»Aber Regina!« rief Orest mit grenzenloser Verwunderung in Blick und Ton; »woher weißt Du das alles? Wo hast Du das alles gelesen?« »Das kann ich Dir so genau nicht angeben, lieber Orest; aber in allen Büchern über das innere Leben wirst Du die Fülle finden von dem, was ich nur so ganz unvollkommen sage,« erwiderte sie bescheiden.

»Eines ist gewiß!« sagte die Baronin, »die religiöse Bildung wird hauptsächlich von den Frauen in ihrem Verhältnis als Gattinnen und Mütter getragen und gefördert, Gelänge es, aus ihnen Atheisten zu machen, so stände es schlimm um das Menschengeschlecht.«

»Du vergißt, liebe Tante,« wendete Uriel spöttisch ein, »daß Georg Forster uns belehrt hat, unsere religiösen Ansichten hätten durchaus nichts zu schaffen mit unserem Leben, und der Adel der Seele beginne erst da, wo der Glaube an Gott aufhöre.«

»Das ist aber falsch,« entgegnete sie. »Der Unglaube verwirft Gott und folglich auch die göttlichen Gebote, welche unserem Wesen und Leben die Richtung geben. Sind diese aufgehoben, so gibt es keine Schranken für die bösen Neigungen des Menschen, außer etwa die seines Willens. Aber in der Stunde der Versuchung und im Getöse der Leidenschaft wird es sich zeigen, daß sich der Wille, der sich von Gott abkehrte, auch vom Guten hinweg wendete.«

»Ist ganz klar!« rief Orest. »Wenn ich nicht glaube, daß die Antastung fremden Eigentums Diebstahl sei: so nehme ich ganz getrost Anderen das, was ich brauche oder wünsche, und nicht habe; mit anderen Worten – ich stehle.«

»Ich weiß wohl,« entgegnete Florentin, »daß die Menschheit der Gegenwart, noch befangen in allen Vorurteilen, sich teilweise durchaus nicht zu jenem Standpunkte erschwingen kann, den sie in der Zukunft einnehmen wird. Dazu muß sie herangebildet werden; und zwar in der Weise, daß sie von der Wiege an eine vernunftmäßige Erziehung erhält, nämlich eine solche, aus welcher jede Spur des Aberglaubens, den die Priesterherrschaft ihr seit achtzehn Jahrhunderten einimpft, radikal verschwindet. Das wird nicht schwer sein, sobald man das Licht der wahren Wissenschaft aufleuchten läßt. Sie gibt ein rationelles Wissen von der Welt, das auf Erfahrung und auf Wahrnehmung durch die fünf Sinne begründet ist. Das sind die fünf Tempeltore der ächten Weisheit, der Humanität. Kommt diese durch die Erziehung im Menschen zur Herrschaft, so erkennt er seine Bestimmung: die Förderung der allgemeinen Glückseligkeit – und sein Ziel: den Genuß dieser Glückseligkeit; aber keineswegs in einem nebulosen Jenseits, sondern auf dieser sichtbaren und einzig wirklichen Erdenwelt. Dann wird es sehr leicht sein, die vorhin erwähnten neuen sozialen Institutionen einzuführen, die mir jetzt freilich den Vorwurf zugezogen haben, daß ich im Rausch spräche. Die vom Aberglauben erlöste Menschheit wird sie mit aller Macht herbei sehnen und führen, weil sie die höchst unsittlichen Schranken heben, welche um die edelsten Kräfte, um das Freiheitsbedürfnis in unserem Willen, in unserer Liebe, gezogen sind; Schranken, welche das, was man jetzt Sünde nennt, zur Sünde stempeln, folglich die Menschen geflissentlich zu Sündern machen, damit die Priester absolvieren können. Fallen die Schranken, so gibt es keine Sünde mehr, denn es kann dann nicht mehr gepredigt werden: rechts von der Schranke steht die Tugend und links das Laster, und wenn dennoch so gepredigt würde, so lacht der wissende Mensch über solche Torheit oder knirscht die Zähne über solche Heuchelei. Bevor aber nicht die Erziehung der sämtlichen Jugend von der Geburt an, und die Verwaltung des sämtlichen Privateigentums in den Händen des auf neuer sozialer Basis ruhenden Staates ist, kann die Menschheit nicht in allen ihren Gliedern aus einer elend gläubigen eine glückselig wissende werden. Die Reaktion behauptet ihre Verschanzungen in der Familie und im Privatbesitz, in diesen Bollwerken der alten Finsternis im Kampfe gegen das neue Licht. Daher zittert der wissende Mensch jetzt vor Verlangen nach einer Revolution, die tabula rasa mache mit dem Christentume, mit der falschen Religion des Kreuzes, damit endlich, endlich! das Reich der Wahrheit und des ersehnten Glückes für alle auf Erden anbreche.«

Als Florentin endlich in diesem Erguß seiner Begeisterung eine Pause machte und die ganze Gesellschaft vor Verwunderung über den neuen Propheten verstummte, stand Regina auf, ging zum Flügel, winkte Hyacinth herbei, machte ein brillantes Vorspiel, eine wahre Schlacht von brausenden widerstrebenden Akkorden, deren Dissonanzen spät sich lösten; dann fielen Sturm und Wellen auf diesem Meer der Töne, wie die See zuweilen ruhig wird, wenn der Mond aufgeht, und die zwei glockenreinen Stimmen huben an zu singen: »O sanctissima, o piissima, dulcis virgo Maria! mater amata, intemerata ora pro nobis.« Es war die Antwort, welche die Kinder des Glaubens dem Sohn des Wissens gaben. Während er dem Erdgeist in der Menschheit und in der eigenen Brust huldigte, brachten sie ihre Huldigung der sündenlosen Fürbitterin des gefallenen Menschengeschlechtes dar. Es machte einen so lieblichen Eindruck, daß der Graf am Schlusse rief:

»Da, capo! singt weiter und singt mehr! es ist, als ob der Hirtenknabe David vor dem irren König Saul sänge.«

Nichts tat Regina lieber! Von Melodie und Rhythmus getragen, fand der Schwung ihrer Seele ein klingendes Flügelpaar, mit dem sie aufstieg und sich wiegte in den Regionen, wo die ewige Harmonie zu Hause ist. Uriel setzte sich so, daß er sie im Profil sehen konnte – dies zarte und doch so bestimmte Profil, das, ganz charakteristisch für ihr Wesen, etwas von der Schönheit und dem Schmelz der Blume, etwas von der des Edelsteines hatte, Grazie ohne Weichlichkeit, Kraft ohne Härte, Adel ohne Stolz: ein holdseliges Menschenbild. Zuerst sah und horchte er auf sie; dann flossen Bild und Stimme in einander, wie am Horizont das Morgenrot mit den sanft rauschenden Meereswellen zusammenfließt, und es ging ihm ein Singen und Klingen durch die Seele, das uralte Lied der erwachenden Liebe, das uralte Echo aus dem Paradiese, bevor die Schlange es vergiftete, der uralte Sehnsuchtsseufzer des Menschenherzens nach einem Glück, dessen Urbild ihn nach Oben, dessen Schatten ihn nach Unten zieht. Uriel kannte den Wunsch der Familie. Er wußte, daß er dereinst Herr auf Windeck sein werde. Er fand es ganz in der Ordnung, daß er der Schwiegersohn des Mannes werde, der ihn mit der innigsten Vaterliebe gehegt und gepflegt hatte und dessen Erbe und Nachfolger er war. Sein edles Herz hatte früher immer eine Pflicht der Dankbarkeit darin gefunden. Jetzt, da er Regina nach fünf Jahren wiedersah, jetzt freilich wünschte er, sie möge ihm erlauben, dankbar sein zu dürfen, und er gestand sich ein, daß dazu wenig Hoffnung sei. Um sich etwas zu trösten, dachte er an ihre große Jugend, an ihre Erziehung im Kloster, und hoffte auf unbestimmte himmlische Fügungen, wie man eben hofft, wenn man auf einen Würfelfall die Erfüllung des Glückes gesetzt hat.

Nachdem man sich spät getrennt hatte und Regina einsam in ihrem Zimmer war, dachte sie nach über Florentins Reden und Ansichten. Bittere Tränen traten ihr in die Augen. Der Unglückliche! dachte sie. Es ist der Weg des Seelentodes, den er wandelt: er verachtet Gott, er verschmäht die gekreuzigte Liebe. Ach, und er ist der Pflegesohn meiner Mutter! Ob er wohl betet? .... Könnte er sich so weit von der Offenbarung verirrt haben, wenn er betete? Sie nahm ihren Rosenkranz und stieg die enge Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Zimmer in die Kapelle durch eine Seitentür führte, um für Florentin den Rosenkranz zu beten. Als sie leise die Türe öffnete, sah sie vor dem Altare Hyacinth knien. Mit ausgespannten Armen und mit unaussprechlicher Inbrunst lag er da. Der Schimmer des ewigen Lichtes in der Ampel fiel auf seine blonden Locken und goß einen goldenen Glanz um sein Haupt. Überall sonst war es dunkel. Regina trat nicht in die Kapelle ein; sie fürchtete, diese Gebetsstille zu stören. Sie kniete auf der untersten Stufe der Treppe nieder und empfahl Florentin der Fürbitte der heiligen Gottesmutter; und als der Rosenkranz zu Ende war und sie einen Blick in die Kapelle zurückwarf, kniete Hyazinth noch immer im stummen Herzensgebet vor dem Altare.

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